Nr. 10 Zweiter
Erscheint tk-lich mit Ausnahme der Sonntags.
Beilagen: „Slehener Zamtttenblatler" und „Itteisblatt für dev Kreis Stehen".
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Blatt 167. Jahrgang
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gderhejjen
Kreitag, 12. Januar 19(7
ZwtlttngSrund)ruct und Vertag: Brüht'scye Unweriuäts-Buch-u.Stekndruckerei.
R. Lange. Gießen.
Zchristleitung. Geschäftsstelle und Druckerei:
Schutsttave 7. c> eschäs.siletleu. Verlag:
Schriftlenung: 112.
Anschrift für Tr>chtnachrrchten: AnzeigerGieüen.
Kriegsbriefe aus dem Osten.
Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Die Kümpfe an der Riga-Front.
Mi tau, den 9. Januar.
Tie Kämpfe an dem Frontteil vom Meere bis zur Straße Mitau—Riga haben bei zunehmendem russischen Einsatz den Charakter einer Schlacht angenommen. Tie Ansprüche an die Leistungen der Truppen in Sumpf- und Waldgelände, bei Kälte, die nachts 10 Grad erreichte, und schneidendem Wind, sind sehr groß, aber irgendwelche Befürchtungen, daß die Russen durchbrechen könnten, ihr hochgestecktes Ziel erreichen, bestehen dank der außerordentlichen Hingabe der Truppen an der Rega-Front nicht. Ter Chef unserer nördlichsten Armee erklärte mir eben, daß er der Entwicklung mit Ruhe und guter Zuversicht entgegensehe.
Ter Ablauf der Kainpftage sei noch einmal zusammengefaßt: ht der Nacht vom 4. zum 5. Januar begann, stellenweise mit großem Einsatz von Artillerie, der russische überfall artige Angriff auf der ganzen 100 Kilometer langen Front des Brückenkopfes Riga von der Ostsee bis zur Düna. Der Hauptstoß traf die Stellungen int Sumpf und im Mttauer Kronforst von der Aa bis zur Sttaße Mttau—Riga (der gefrorene Sumpf trug stellenweise, um die elend Versinkenden kümmerten sich außerdem die Rtlssen nicht), an drei Stellest drangen die Sturmkolonnen bei Schneegestöber ein: Buobai und östlich und westlich von Mangal. Bei Buobai warf das angegriffene Regiment mit Hilfe von Reserven die Russen in glänzendem Gegenstoß wieder zurück und machte 500 Gefangene. Alle neuen Angriffe wurden abgeschlagen, so daß die russische Hoffnung, nach der Straße Mitau—Riga aufzurollen, gleich int Anfang, vereitelt wurde. Tie Einbruchsstelle östlich Mangal wurde in dem ungestümen, schon geschilderten Gegenangriff durch den dichtver- schniten Wald bis zum Abetld des 5. Januar wieder gesäubert, wobei die Rtlssen neue Gefangene ließen UÜd außerordentlich,,schwere blutige Verluste hatten. Nordöstlich Mangal im Sumpfgebiet war die Truppe selbst sofort zum Gegenstoß vorgegangen. Bei immer stärker herein stürmenden russischen Reserven aus einem Eltte- porps, das schon einmal für die französische Front besttmmt war, und Letten-Bataillonen hatten unsere Truppen einen schweren Stand. Am 6. Januar wurde von Südosten her im Nahkamps die Einbrnchsstelle verkleinert. Am Abend des 6. war trotz fortwährender neuer Angriffe ein völliger russischer Mißerfolg in dem erstell Teil dieser Kämpfe zu erkennen. 1300 Gefangene, darunter 16 Offiziere, mehrere. Maschinengewehre waren bei beit Gegenangriffen ein gebracht worden, das Waldgeläude und die Schneisen vor unseren Stellungen lagen dicht voll russischer Toter.
In der Nacht vom 6. zum 7. Januar zogen die Russen noch stärkere Kräfte in das vorhandene Loch, sie haben mit mehrfacher Uebermacht gekämpft uttd griffen in der Nacht uitfo im Morgengrauen den Fronttil östlich der Aa in der Front und von der Eitrbruchsstelle umliegend, schließlich auch vom Rücken an. Es kam zu sehr erbitterten Kämpfen. Tie Zähigkeit der deutschen Truppe die nun schon drei Tage unter schweren Bedingungen hier im Gefecht stand, war bewundernswert. Sie ging immer wieder zum Attgriff vor und zog sich ungebrochen schrittweise längs der Aa zurück. Tie Stunde war wohl ernst: ntan liest in der Heimat immer mit einer gewissen Selbstverständlichkeit von der eisernen Ostmauer, von der Ueberlegenheit au Zahl der Russen, was aber an solchen Stellen jeder einzelne Mann und jeder Offizier leisten muß, um die glänzenden Erfolge und Siege an anderen Fronten zu ermöglichen- da vergißt nran doch etwas, weil man die eigenen, ja wohl nicht kleinen Himatsvrgen, viel zu groß vor der Kampsnot solcher Tage in den Vordergrund der Gedanken schiebt. Es ist doch ein Unterschied, bei 10 Grad Kälte in dem eisigen Sturm, der längs der Aa-Niederung fegt, Stunde um Stuttde den Tod neben sich zu sehen, als eine Stunde länger als sonst auf eine Dahn zu warten —, das wird immer' mehr schlecht gemessen. Dabei war die Widerstandskraft dieser znrückgehenden, itnter flankiere t dem Feuer znrückgehenden Männer nicht gebrochen. Tie Russen lntten wohl mit einem Erlahmen der Kraft gerechuet. Sie setzte: Kavallerie an, die ersten Schwadronen fielen unter dem Feuer de Truppe, die auf dem gefrorenen Boden ohne Schutz lag. Tie fei gendeit Schivadronen sprangen vom Pferd, ließen die Tiere laufen.
und griffen tapfer mit dem Karabiner cm, sie fielen. Bei hellerem Lrcht dachte man später, eine neue Schützenkette hätte sich heran- gearbeitet, weil lange Reihe Russen, Gewehr im Anschlag, vor unserer Linie lagen. Sie erwiderten aber das Feuer, das einsetzte, nicht, es waren Tote.
In schwerer, aber schneller Arbeit wurden nun deutsche Reserven angesetzt. Am 8., gestern, als ich mich nördlich Skangal auflpelt, war die Linie überall fest geschlossen. Freilich bei den wentgen brauchbaren Unterkünften im Waldgebiet hatte es die Truppe schwer. Vorsichtige kleinere Feuer brannten imter den Baumen, man trat frierend von einem Fuß ans den anderen, danu verschwanden die grauen Gestalten im Weißgvau des Winterabends. Wte unaufhörliche. Blitze zuckte daZ Mündungsfeuer der Geschütze über den dunklen Wipfeln, Leuchtraketen gaben weißen Schein durch die Stämme.
Auch heute griffen die Russen bei zunehmendem Artillerie- emsatz an. Wer die Truppe gesehen hat, weiß, daß sie halten wird. Man hatte den Russen zwar diesmal nichts vom bevorstehenden Angriff gesagt, aber hatte in der Truppe vorbereitet, ein Angriff müßte sehr leicht sein, die Deutlichen hätten alles in Rumänien, hier ständen nur ein paar Landsturmposten. Von der Schwere jedes Angriffes auf deutsche Stellungen, welcher Art auch, werden sich die Russen nun wohl wieder überzeugt haben und weiter überzeugen, da ihre Angriffe fortgehen.
_ Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus «ttd Lasiv.
Gießen. 12. Januar 1917.
Hindenburgs Mauer.
Ter Vortragsabend des Kriegsberichterstatters Tr. Fritz Wert- heinrer brachte dem zahlreich erschienenen Publikum reiche Aufklärung und interessante Tetailschilderung, dazu eine große Menge iguter Lichtbilder. Herr Tr. Wertheimer war lange Zeit an der Ostfront, die er in ihrer ganzen Ausdehnung von Norden nach Süden kennt, und sein Vortrag war ebenso fesselnd und klar wie seine vielen Zeitungsberichte, die den meisten Zuhörern bekannt ftnd und sie wohl auch veranlaßt haben!, ihren Verfasser näher kennen zu lernen.
Eine Ergänzung zum Heeresbericht, so will der Redner seine Ausführungen aufgefaßt haben. Größere Zusammenfassung dessen, was uns der Tagesbericht gibt, und ein Hinweis auf so vieles, was nur der Feldgraue weiß und wovon sich die Zurückgebliebenen in der Heimat nur eine schlechte Vorstellung machen können.
Unser Heer an der Ostfront ivar int letzten Jahre — abgesehen von den jünbsten Ereignissen in Rumänien — im wesentlichen strategisch defensiv. Daß aber eine solch Defensive wenig mit Stillstartd und Ruhe zu ttm hat, dürste der Redner recht klar gezeigt haben. Die Herbstofsensive der Russen am Styrbogen bet Czartorysk, die Frühjahrsoffen st ve bei Postawy und die Brnssi-- lowsche Offensive gegen Kowel, Lemberg und Ungarn haben unseren Truppen und nnseretr Verbündeten gerade genug zu schfsen gemacht, und es galt alle Kraft daran zu setzen, dem vollwertigen russischen Heer, das nach Ansicht des Redners nickst zu mtterschätzen ist, staudzuhalten. So sittd wir denn in unseren Desensiv-Siegen geblieben. Weder in Kowel, dem sttategischn Ziel, noch in Lemberg, dem politischen'Ziel, könnte der Gegner einziehen, und Ungarn, das schon stark bedroht wax, ist ebenfalls nicht in seine Hand gefallen. Mit einem Verlust von einer Million Menschen, ist die grpß angelegte Offensive der Russen in Mut und Schlamm stecken geblieben. Aber auch abgesehen von diesen Kämpfen größeren Stils, herrscht an der defensiven Ostfront stets Bewegung. Sumpf und Treck sich zähe Gegner, uch an einer Reihe von Lichtbildern zeigte der Redner, welche Hindernisse' sich unseren Feldgrauen entgegensetzen. Schützengräben laufen voll Wa'str, die Infanterie muß ich, höher hiitauf retten uch eine notdürftige Barrikade gegen Kugeln und Granaten schaffen — Muniti u und Proviant bleiben '.m Schlamm stecken — 4 Pferde ziehen einen einzigen Mann auf iucm lcichen Wagen — ja sogar neue Wege müssen gebaut werden, 1000 Meter hoch hinauf und Pferdebahien und Tampsbahnen ar- etten dritter der Front, wie int einem Industriegebiet, das Kohlen und Erze fördert. Ueberall, im Schützengraben und hinter der Front, ist täglich, auszubessern und zu vervollkommnen: mit!
>er Kriegsarbeit zugleich, eine kulturelle Arbeit zu verrichten. 1
Die Lichtbilder führten uns manches Idyll vor Augen, auch manche Stätte der Verwüstung: Trümmerhaufen, an denen kaum zu erkenneit war, daß hier Dörfer von mehreren Tausend Einwohnern stäupen. Grauenerregeitd aber war das Bild, das uns dis Niederlage einer russischen Sturmkolonne zeigte: Mann an Mann, zu Tausenden hingemäht. — Der Redner betonte am Schlüsse seiner Ausführungen nicht mit Unrecht, daß die Daheimgebliebenen ihren Angehörigen im Felde das Leben nicht sauer machen sollten mit Dimatsorgen. Der Feldgraue hat in der Front genug zu tun. Und gerade jetzt heißt es attshalten, noch größeren Anstrengungen un Felde entgegensehett und iwch größeren Entbchnmgen in der Heimat. Nur so kann uns das kommende Frühjahr oen siegreichen Ausgang des Ättieges schaffen, wie es die feste Zuversicht des Redners ist.
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2lu§ dem Stadttheaterbureau. Nochmals sei ausdrücklich auf das morgige Gastspiel Konrad Dreher? hin- gewtesen, da ein wirklich unterhaltender Abend bevorsteht und bei verüymte Münchener Komiker ein so seltener Gast ist, daß sich nicht bald wieder Gelegenheit bieten wird, sich an dem urwüchsigen Humor des berühmten Müncheners zu erfreuen.
** Vortrags-vereinigung. Es soll nicht verfehlt werden, darauf hrnzuwisen, daß der Vortvag über „War-enumsahst empel und Quittungssteuer", der morgen (Samstag) abend, pünktlich 8 Uhr, im „Großhcrzoa von Hessen" stattfindet, auch besonderes Interesse für oie alleinstehenden Geschäftsfrauen und die Frauen der im Felde stehenden Gew'erbetreibenden hat. Ter Vortrag muß pünktlich beginnen, damit sich noch eine Aussprache anschließeit kann.
** Verwendung von Straßenkehricht. Es gibt keinen besseren Dünger wie Straßenkehricht. Jeder, der ein kleines Stück Land jtu eigen hat. sollte denselben jetzt eifrig santmeln. Kuh» Pferde- und künstlicher Dünger sind jetzt schwer zu haben, und bekommt man solchen, ist der Preis sehr hoch. Aus der Straße aber findet ntan v>ele Abfälle, die, untergegraben, daS Land in guter Kultur erhalten. Jit der Kriegszelt darf .nichts tmgenützt liegen bleiben.
Hessen-Nassau.
X Schlüchtern, 11. Jan. Ans der Station Wernfeld der Bahnstrecke Gentünden öffnete der Reisende Ernst Br untrer auS Giebelstadt, noch ehe der Hug zum Hatteit gekommett war, die Abteiltür, glitt atis und stützte herab, toobei er tmler die Räder sprich die ihm beide Beine^ abqnetschtert. Roch mit dem gleichen Zuge wtirde er nach Gemünden in das Krankenhatts gebracht, in dent er kurze Zeit darauf an den Folgen der erhaltenen Verletzungen verschiedeit ist.
MÜeöröisWche BeobachlMgen der Station Gießen!
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Höchste Temperatur am 10. dir 11. Jan. 1917 — 2,1* C. Niedrigste * „ 10. „ 11. „ 1917— 0,4° C.
Niederschlag 2,3 mm.
Die Goldankausstelle
in den Räumen der SeZirkssparkafft Gießen ist morgen von (0 bis \2'k Ahr geöffnet!
polen auf der zilmtNnwand.
Uns wird geschrieben: Ter Film, das modernste Erzeugnis der Unterhaltungsindustrie, behauptet euch, im Kriege mtt Sicher- I>eit und Geschick seine Stellung, indem er seine Vielseittgkeit der Zeit, ihren Wünschen und Stimmungen anznpchsen versteht. Wo das „Drama" aufhört, fängt meist der gute, seinen ureigensten, den Möglich,kien der besonderen technischen Umstände entsprechende und gercchltwerdende Film an. Wir kennen den Film als Kriegs- bericbltersttttter, wir kennen dent Film als bildhafte Zettung, als Schulderer des Znstaitdekomments einer Kriegsanleihe usw.
Nun haben wir schließlich auch den Film als Historiker erlebt. Tie Geschlickte Polens hat ihren Film erhalten; oder vielmehr: der FUm hat sich, auch das so reich bewegte, bunte mrd viel gewandelte Schicksal Polens erobert. Das ist das Neueste aus dem Gebiete des modernen Kinos: Polen auf der Filmleinwand.
>Als großes Ereignis, unter Anwesenheit zahlreicher deutscher nixb verbündeter Persönlichkeiten mit berühmten Namen und offtziellem Charakter ist in Berlin vor einem glänzenden, von Erwartung gespannten Publikum der Polenftlm zum ersten Male abgerollt. Er führt den Titel „Tyrannenherrschnst", das Szenarium stannni von Alfred Tentsch^-German, die tticht unkomplizierte Regie der Massen ftllirte Franz Porten. Die Rollen der „Privathandlnng" sind von Mitgliedern des Krakauer Natioital-Theaters verköperl, die Hairpttollen aber — das Volk und das Heer — sind von polnischer Jugend und österreichischen Trtrppen dargestellt — zum Teile, in der modernen Schloßab- teilung. sogar von denselben Truppen, die sichl bei der Wieder- eroberung von Przemysl auszeichneten.
Der lebhaft einsetzende Anfang dieser höchst aktuellen Film- Ustorie versetzt in die Zeit der Kaleschen und Perücken, in die Zeit Kosciuszkos. Polen, geknechtet, geknebelt, der blinden tmd> eisernen Gewalt des Zarismus untergeordnet, leidet unter der rusftsch.en Herrschaft. Gc£ gärt überall, und schließlich kommt cs zu einer Verschwörung der polnischen Edellaute im Dunkel des berschlwiegenen Kellers des Juden Abraham. An dieser Verschwörung — dies ist Eigenbau des Filmdichters — nimmt auch der sstusse und Günstlirtg des Gouverneurs, Maxim, teil, um ans diese Weise der^ von ilun geliebten Tochter Mirjam des alten Abraham nahe zu sein. Der weitere Verlauf der Begebenheiten leitet uns zu den malerischen Schönheiten des ritterlichen, altent Krakau. Dir, sehen den Freiheilshelden Koscruszko an der Spitze der politischen Bewegung. Sein Mithelfer und Freund Zbroja übernimmt die sck-wierige Ausgabe, den Rcitergeneral Sosnowski auf- zusuchen, um ihn zur Führntng der fteiwilligen Mmpserl'charcrt zu bewegen. Das Uttternehmen gelingt trotz mancher Fahr sich- kciten, der General SoSnowski^ hält mit Jan seinent Einzug in dem erwarttmgZvollen, von wilden und kühnen Manen unter- wnMten Krakau. Der General hat auch, seine Tochter Katharina mitgebvach.t — hier tritt der Textdichter in seine Rechte —, und bald sind Jan Zbroja und Katharina ein Paar. Aber auch der Nüsse
Maxim ist in Katharina verliebt. Ta er von ihr abgewiesen wird, besch.licht er, sich zu rächen und verrät dem Gouverneur alle Einzelheiten des geplanten Anschlags. Tie Berschvörer lvcrndern in Kelten nach> Sibirien, um dort ihr des Zweckes beraubtes Leben zu vollettden.
Aus diesen historischen Begebencheiten — in der Handlung der Einzelheiten lose verknüpft —, bauen sich, int folgenden die modernen Geschehnisse auf, die ja auch schon Geschichte sind. 100 Jahre veraingm. 1. August 1914. Begiim des Weltkrieges. Extrablätter. Aufregung und Begeisterttng in den Straßen des modernden Krakau. Jan, ein junnger Pole aus dem alten Ge'chlecht der Zbrom, meldet ftcku.als Freiwilliger bei der schnell gebildeten polnischen Legion. Im selben Verbände zieht m-ft, der Bränttgam seiner Schlvester Maria, Henryk, ins Feld.
Die Legioit steht im Kampf. Lagerleben. Moderne .Kriegsbilder. Jan erhält den Auftrag, sich,, als Händler verlleidet, in ein Schloß innerhalb der russischen Bor Postenkette zu schleichen. Er wird erkann^ und verhaftet. Tie Tochiter^ des Schloßherrn, ebenfalls dem politisch,en Geschlecht der Zbrosa entstammend, öffnet die Kerkertüve. Der im Flugz-eug herbeigeeilte L)enryk bringt die Beiden zur Legion zurück.
Hier zieht der Filmdichcher sich beschident zurück, um den Krieg selbst ungekünstelt das Wort zu lassen. Wir erleben im Film die Kämpfe um das von den Russen verteidigte Przemyfl, Bilder von außerordentlicher Wucht und stellenwise grandioser Machtentfaltung. Schwere Geschütze im Feuer. Schwarmlinien. Grabenkampf. Schließlich der Stttrm, der die Stadt den Russen wieder entteißt. Eilt Ausschnitt des Weltkrieges von seltener, bltttigster Realistik. Da gibt eS kine Sch,au spiele r und kine Künste mehr. Die Soldaten,, die Vvranftürmen, haben Przemyft in Wahrheit eingenommen.
Noch, inmal grift der Filmautor in. Jan und Hendryk sind verwundet aber ruhmgekröttt nach, Kral'att zurückgekehtt. Es gibt zwei glückliche Paare, wie der Film dies verlangt.
Den Abschluß bildet die jüngste Geschichte — die Proklamation des Köniorichs Polen. Eine Avotlreose zigt die endgültige De- friung Polens durch, Deutschland tmd Oesterrich^ Der' Hairptmerl dieses Films, der bedeutsamstes historisches Geschehen fithält, liegt neben der künstlerischen Vollendmtg inzelner Bilder in der geschmackvollen Art, die sich vor jeder Verleumdung des Feindes zurückbält und so an sich, ine bessere Propaganda darstellt, als alle Propagandaftlme unserer in dieser Beziehung so übereifrigen Fittde.
Dies ist Polen auf der Filmleinmattd — ine Reihe von, Lichtbildern, hinter deren Flug das Polen der Wirklichkeit lencktet, das Polen der Freihit, das Ruhmeszichen der Zenttalmüchte in dieser sch,weren Zit. Es ist unvergängliche Geschichte, die da auf der Filmleinwand flimmert.
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— Ein „Umlaufber g" a nt M a i it. Das zackige, schräg von Nord nach, Süd auf- und absteigende Bild, das der Laus'des Mains quer durch Mitteldeutschland gewährt, laßt auf eine be
wegte 'Vergangenhett schließen. Tie Geschichte der eitdgülttg«i Festlegung der heutigen Gestalt der Wasserader, die als ein Kompromiß des Kampfes von gegebener geologischer Schichtung und Form und der lebendigen Kraft des Wassers, die fortwährend aus den Quellen, Bächen und Nebenflüssen des deutschen quer gelagerten Mittelgebirges neu belebt wurde, angesehen werden darf, ist in einzelnen Episoden durch, glückliche Funde nranchmal noch zit er- keunen. Ein schönes Beispiel ist das des sog. „Umlaufberges", wie ihtt der Rainberg bi Westhcim darstellt. Ludwig Henkel N>iß darüber in Petermanns geographischen Mitteilungen folgendes zu berichten: Zur Zit, als der Main noch ein etwa 30 Meter höher gelegenes Bit besaß, umfloß er dent Rainberg in einem wit- ausholendett Bogit, der ihn die weit nach, Norden vvrstoßcmde Nase des Berges zu umgehen zwang. Er ditrchwetzte daher den Hals der von der linken Seite an ihn sah herandrängettden Halbinsel und bahntt sich so inen näheren Weg, der die Schleife überflüssig machte, indem er den Bcrgsocki vockchs liegen ließ. Interessant ist igentlich erst die Bestimmung dieser längst Vergessenten Tatsache und ihre Datierung in der geologischen Zeittechnung, da naturgemäß sich das alte Flußtal feit der Lausverlegung gewaltig verändert hat. Winzige, mit dent Pflug zufällig aufgedeckte Mainkiesel boten den ersten Anlaß zur Nachiforschimg. An zwei Stellen fanden sich, dann nähere Ausschlüsse über die alten Flußablagr> rungen. In einem Fall fand man die ganze Kollektion von Ge- stinen des oberen und mtttleren Maingebiets in Maulwurfläufen ttiedlich gebetti, im anderen sfteß man in einer Sandgrube aut eine iy 2 Meter mächtige Schicht Hellen .Mainsandes. ^ Ta Ablag ertrugen gleicher Hölte über dem Fluß bi Lchweinfurth und Bambern Mammntreste bargen, darf hier wie dort aus die Tllivual- zit geschlossen werden.
— Kölner Erstaufführungen. Aus Köln wird uns geschrieben: Das S ch a u svi e l ha u s brachte zum Andmken an den jüngst verstorbenen Dichter Emil Kaiser sin Mirakelspiel „Richmondis von Abucht" zur Aufführung, in dem Kaiser in Anlehnung an mittelalterliche Vorbllder ine alte Kölner Sag« dichterisch- und dramattsch wirksam verarbitet hat. Besondere Beachtung verdientt die interessante Inszenierung durch Direktor R e m o n d, die, wenn sie auch das Problem der> Vorbühne nicht restlos löste, in der Einteiltrng des igenrttichen Bulmenraumes in dri Bülmen und in der Gestaltung des Bühnenblldes ine kluge und kmtstlerisch empfindende Regiintdividualttät veriet. In den letztent Wochen ist auch das Deutsche Theater nach manchem tastenden Versuch in die Balten literarisch zu wittdigender Arbil eingelenkt. Wildgans' Trauerspiel „Armutt' machte in inet Inszenierung des Direktors Wach inen tiefen Eindruck. Ter Tramaturg des §>auses, Erich Köhrer, erzielt mtt einer gan^ aufs Groteske gestimntten Auftührung von Wedekinds „Lie^ bes trank" inen starken Regicerfolg, und die Groteske „Ter Floh im Panzer Haus" geftel als Svlvesterschwank litera- rischen Gepräges sehr lebliaft. Ob freilich das Interesse des Publikums den Tatentdurst der Littmg aus die Tauer wttksam l-altcn wird, läßt sich nicht mtt Sicherhett sagen. W. E.


