Ausgabe 
18.12.1916 Zweites Blatt
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General-Anzeiger für Oberheffrn

Montag. Dezember 1916

Zwillingsrunddruck und Verlag: Brühl'scheUnwersiläls-Bttch-u.Stundruckerek.

R. L an g e, Gießer:.

Zchriftleitung. Geschäftsstelle und Druckerei:

Schulstrage?. Eeschäf.s,:elleu. Vertag:

Schristleuung: 112.

Anschrift für Trc.ht>uichrlchten:AnzeigerBie»eru

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Rußlands Ablehnung.

"Len, 16. Dez. (WTB.) Meldung der Peters­burger Telx graphe n-Agentur. Die Reichs duma hat ihre Sitzungen wieder eröffnet. Von ben Ministern waren an- anwesend Ministerpräsident Trepow und der Minister des des Aeußern Pokrowsky.

Ter Minister des Aeußern hielt sol gende Rede:

mi# gleich nach meiner Ernennung als Münster Natürlich bin ich nicht in der Lage, Ihngn

^äÄne gebenden Bericht über die gegenwärtige polrüjäe Lage zu geben. Ich fühle mich aber verpflichtet. Sie nn- verzug'Ira.! von der allerhöchsten Zustimmung Seiner Kaiserlichen Maiestat zu der Haltung der Regierung gegenüber dem Ansuchen (!) unserer Feinde zu unterrichten, das ^re gefteric rurck ^elegraimnc der Agenturen kennen gelernt habe::, ^re friedens-rorte, toelche von einer Partei kommen, aus die die %f l Pcrantwvrttmg für den von ihr entfachten Weltbrand znrucksältt, der ferncsgleichien in den ilknnaleit der (Geschichte sucht, l*?. ÜTe J! tiyrer Ungeioöhnlichikeit keine Uederraschung für !.ur du Allnerten. Während der 2stz jährigen Tauer des Krieges oat Leutfchtand mehr als einnral von Frieden gesprochen. Es sprach davon zu fernen Heeren nnd seiner Bevölkerung jedesmal, wenn es an ern mrlitarisches Unternehmen ging, das die Entscheidung darstellen sollte. Rach, jedem, auf einen in die Airgen fallende Wirrung berechneten militärischen Erfolg, suchte es einen Sonderfrieden anznbieten, bald Nack/ der einen, bald nach der anderen roerte. Es arbeitete irr diesem Sinne lebl-aft in der Presse der neutralen Länder. Alle diese deutsche:: Vürfucke stiessen sich in dein Wrder;lande der entschlossenen Ruhe der alliierten Mächte. 9Nachdem, es jetzt eines Besseren über die Möglickckeit belelwt ist, crne Bre,che in unsere unerschütterliche Allianz zu schlagen, machte .Deutschland den offizielle Vorschlag, die FriedensverHandlungen crnzulerten. Um dieser: Vorschlag zu würdigen, muß man sorvohl den Inhalt, wie die Umstände berücksichtigen, unter denen er g macht wurde. Jnr wesentlichen enthält der deutsche Vorschlag keine 1 a t s ä ch l i ch e n Angach e n über das Wesen des Frie­dens, von dem die Rede ist. Er wiederholt die veraltete Legende von den: den Mittelmächten aufgedrungenen Krieg. Er verzeich­net die Sieg Hastigkeit der österreichisch-deutschen . Heere und die Un w ide r ste hl ich fei t il-ver Verteidigung. Dann schlag er: die Mittel machte die Einleitung von Fr jeden s o'crha nd ln n g en vor und drücken dabei die Ueberzeugung ans, daß die von ihnen zu machenden An­erbieten, Dasein, El-re und die freie Entwickelungihrer" Völker gewährleisten und die Grundlage eines dauerhaften Friedens bil den werden. (Der französische Text der uns airs Kopmliagen über mittelten Depesche ist an dieser Stelle verstümmelt.) Das ist der «.tanze Inhalt der Mitteilung, ausgenommen die Botschaft, daß der Krieg im Falle der Ablehnung bis zum siegreichen Ende wei- tergeführt und. auf uns rmd unsere Lllliierten die Verantwor­tung für weiteres Blutvergießen abgewälzt werde:: solle

Unter welchen Umstanden wird der deutsche Vorschlag gemacht? Die feindlichen Heere baben Belgien, Serbin:, Montenegro, einen Teil Frankreichs, Rußlands :rnd Rumäniens verwüstet und besetzt Die Deutschen nnd Oesterreicher haben soeben die scheinbare Unab­hängigkeit eines Teiles von Polen verkündet und versuchen damit, die Hand auf die ganze pollrische NrrOon zu legen. Mer kann also aus solcher: Verhältnissen bei Beginn von Vorbesprechungen des Friedens Vorteil ziehen, als Deutschland? Aber dre Gründe des deutscher: Schrittes werden noch, klarer, -wenn man den unteren Zustand bei unseren Feinden in Betracht zieht. Abgesehen von dern ungesetzlichen Ver­such der Deutschen, die Bevölkerung Russisch-Polens zu zwingen die Waffen gegen ihr eigenes Vatevlanv zn ergreifend genügt es, den a l l g e m e i n e n ?t r b e i t s z w a n g., der in Deutschland ein­geführt wu^de, zu erwähnen, um zu verstehen, wie hart die Lage desj Feindes ist. Zu versuchen, im letzten Augenblick aus ihren augen­blicklichen Gebietserobernngen Vorteil zu ziehend che sich ihva innere Sch che ps f e n b a r 1, das ist der wahre Sinn des deutschen Schrittes. Im Falle des Mißlingens wird der Feind die Weigerung der Alliierten, beit Frieden anzunehmen, im Inneren dazu ausnützen, die sinkende Rtoral seiner Bevölkerung wieder zu stärken. Llber cs besteht noch ein anderer Zweck bei dem Schritte. In der Unfähigkeit, de:: wahren Geist, der Rußland beseelt, zu ver stehen, setzten sich unsere Feinde die vergebliche Hoffnung in den Kopf, daß sich bei uns so zaghafte Leute finden. daß sie sich, sei es auch nur für einen Moment, durch die lügenhaften Vorschläge tau schen lassen. D as wir d n i ch t d er Fall sein. Der Glaube Rußlands wird nicht wanken. Im Gegenteil, um so enger wird sich ganz Rußland um seinen ehrwürdigen Herrscher schare::, der seit Kriegsbeginn erklärt hat, daß er nicht Frieden machen werde, bis der letzte feindliche Soldat unser Land verlassen hat. Mit umso größerer Energie wird die russische Regierung :mch Erreichung der vor Ihnen am Tage der Wiederaufnahme Ihrer Arbeiten verkmcke- ten Ziele'streben, ganz besonders nach'der allgemeinen Mitarbeit, die das einzige Mittel darstellt, das Ziel zu erreichen, das uns ullen am Herzen liegt: Vernichtung des Feindes.

Die russische Regierung weist den Gedanken, jetzt den Kamps z u unterbrechen, um dadurch Deutsch­land zu erlauben, die letzte Möglichkeit, die sich ihnt bietet, Europa seiner Führung zu unterwerfen, auszunutzen, mit Wntrüstung ab. Mle unzähligen erlitteiren Opfer würden unffonst sein, wenn man mit den: Feinde, dessen Kräfte zwar geschwächt, aber nicht ge­brocken sürd, der unter dem Vorwand eines dauerhaften Friedens Aufschub sucht, eine:: vorzeitige:: Friede:: schließen würde. IN diesem unerschütterlichen Entschluß besuchet sich Ruß­land in völliger II eberein st immune mit allen tap­feren Alliierten. Wir:d alle in gleicher Weise von der vitalen Notwendigkeit durchdrungen, den Krieg bis zum siegreichen Ende zu führen, wir werden uns von diesem Wege durch kein Manöver des Feindes abbringen lassen.

Nach der Rede Pokrvwskys, deren wichtigste Stellen mit lang anhaltendem Beifall begrüßt wurden, beantragte der Abgeordnete Schidlowsky namens des Dumablocks den Heber gang zur Tagesordnung mit folgendem Schlußantrag:

Nachdem die Reichsduma die Ausftchrungen des Ministers des Aeußern angchött hat, schließt sie sich einstimmig der Lrte- go rischen Ablehnung der alliierten Regierunge:: <nt,,unter den jetzige:: Verhältnissen sich,inirgendwelche Friedens­verhandlungen einzulassen. Sie spricht als ihre Am sckauung aus, daß der deutsche Vorschlag ein neuer Beweis für die Schwächung des Feindes' und mir ein heuchlerischer Akt ist. der in Wirllichkeit keinem Erfolg rechnet, sondern die Veranüvvrtung für den Beginn des Krieges nnd seine Fortsetzung ans andeve abzuwälzen versucht, um sich) selbst in den Auge:: der öffentlichen Meinung Deutsch­lands von Schuld zu befreien. Die Duma meint, daß ein über­eilter Friede nicht atur eine kurze Ruhe bringen, sondern muh, die Gefahr eines neuen blutige:: Krieges und neuer peinlich>ec Opfer mit sich, führen würde, sie glaubt, daß ein dauernder Friedeu nur möchich ist, nach den: vollständige:: Sieg über die Militärmacht des Feindes: imchdem Dentschlaich endgültig seine

Bestrebungen aufgegeben hat, die es zum Urheber des Weltkrieges und der ihn begleiteten Schrecken gemacht hat."

Der Dumapräsident R o d s j a n k o empfahl in längerer Rede, in der er sich ebenfalls entschieden für Zurückweisung des deutschen Friedensvorschlages aussprach, die Annahme des Antrages. Die Duma nahm hierauf einstimmig den Antrag Schidlowskis auf Uebergang zur Tagesord­nung an.

Sitzung dev StndLoeror-sreten.

zz. Gießen, 16. Dezember 1916.

Die heutige Stadtverordnetniversammlung war überaus gut besucht. Anwesend- waren die Beigeordneten EmMelius imd Grünewald, sowie die Stadtverordn. Ebel, Eichenaüer, Faber, Hel fr ich, Heichelheim, Huhn, Iann, Kr u mm,Löber,Petri,Plan k. Schaff st ä dt, Simon, Sommer, llrstadt, Vetters, Winn und Wimme- nauer. Zu Ilrkundspersonen wurde:: gewählt die Stadtver- ordneten Helfcich mtd Löber. Zur Beratung stände:: in öffentlicher Sitzung 11 Punkte.

Oberbürgermeister Keller eröffnete vie Sitzmlg mit der Mt- teilung, daß das Ministerium des Jünern der Stadtvcrordneten- Versammlnng seinen Dank dafür ausgesprochen habe, daß sie. 25 000 Mark als Zuschuß zum Erwerb der Kinderklinik bewilligt lmbe.

Ebenfalls seinen Dank ausgesprochen hat der Verein für Kaninchen- und Geflügelzucht Gießen für die Be:villi- guug eines Ehrenpreises von 25 Mark und zwei Ehepaare der Stadt Gießen für die Ehren spende zur Goldenen,Hoch zeit.

Wie Oberbürgermeister Keller ferner witteilte, hat das Mi­nisterium der Justiz die Räume des :: c u e n Amtsgerichts­gebäudes dem st ä d t. Lebensmittel amt, dessen Räum­lichkeiten sich als zu klein erwieset: haben, unentgeltlich zur Ver­fügung gestellt. Diese Mitteilung wurve mit lebhaftem Beifall aus- gemnüme:: und der Oberbürgermeister ermächtigt, dem Ministerium der Justiz den Tank der Wtadtvervrdnetenoersammlmrg auszu- sprechen.

Der hiesige Kaufmcurn Fritz Sauer hat, um die Not der Opfer des Krieges zu lindern, zum Gedächtnis an seinen, am 24. Februar vor Verdun gefallenen Sohn der Stadt eine S tif- t u n g v o n 10 0 0 0 M a r k 5 Prozent Deutscher Kriegsanleihe gemacht, deren Zinferi, -)00 Mark jährlich^, an 5 Krieger-^ Witwen zu verteilen, sind. Ein Aufruf zur^Bewerbwrg um diese Stiftung soll alljährlich im Ailgust imGießener Anzeiger" ver- össentlickt werden. Bei der Auswahl der Bewerber soll darauf gesehen rverden, daß die Untovstützuitg als Beihilfe zu den Er- ziehungskosten verwendet wird. Daher sollen auck> die Bedürftigen die Unterstützung möglichst mehrere Jahre erhalten. Sind keine bedürftigen Kriegswitwetz mehr da. so ist die Stadt ermächtigt, die SchenkungsbestrmmnM-en zu ändern, bezw. das Kapital einem anderen wohltätigen Zwecke zuznsühven.

Die Stiftung wurde ebenfalls freudig angenomma: und der Oberbürgerineister ausgefordert, dem hochherzigen Stifter den Dank der Stadtver ordnetenversammlung auszuipreche::.

Als Beitrag der Stadt zur H e s s. O st p r e u ß en h i l f e für den Meis Oletzko hatte der Finanzausschuß 3000 Mk. vvrgescblagen. Die Summe wurde ohne Debatte eiustimmig bewilligt.

Zum Wehr turnen der Jungwehr auf der Hardt in diesem Sommer ist ein geesigneter Turnplatz und eine Hindernis­bahn hergerichtet worden. Die Stadt ist aufgefvrdert worden, sich an den Kosten von 260,57 Mk. zu beteiligen. Der Finanzaus­schuß schlug vor, 100 Mk. zu bewilligen, weil die Anlagen nicht nur der Gießener Jungwehr allejn zugute gekommen seiem

Stadtv. Vetters war gegen die Bewilligung dieser Summe, da die Herrichtung von Turnplätzen keine dringliche Nolloeardigkeit gewesen sei.

Oberbürgerm. Keller w!e:tdete sich gegen diese Ansicht im Hinblick auf die notwendige Ertüchtigung unserer Jugend.

Der Antrag des Finar^ausschusses tvurde zur Mstimmnng ge­bracht und gegen eine Stimme angenommen.

Die Frage der Schließung der Fortbildungsschu­len wollte Oberbürgermeister Keller bis zur nächste:: Sitzung zurückstellen, da eine augenblicklich in Darmstadt tagende Versanim- lung ein gemeinsames Vorgehen der hessischen Städte in dieser An­gelegenheit berate

BeigoOrdn. Grüne Wald war dafür, tvotzdem eine Aus­sprache über diesen Punkt herbeizuführen. Er habe den Antrag ge­stellt, die Fortbildungsschulen im Winter zu schließen, um Rück­sicht auf die Schwierigkeit der Beschaffung vor: Avbeitskrästen zu nehmen.

Stadtv. Iann trat für die Schließung der Fortbildungs­schulen ein.

Stadtv. Winn bat, zu verhindern, daß die Jungen sich aus der Straße Herumtriebeu, we::n die Fortbildungsschulen geschlossen seien.

Stadtv. Vetters gab zu, daß viele Gewerbetreibende ihre Arbeitskraft notwendig gebrauchten, betonte aber die Ausbildung der Jungen leide zi: sehr, wenn die Schulen geschlossen würden.. Die Iiugend leide dann an ihrem eigenen Fortkommen und das müsse vermieden werden. Die Stürtden dürften auch nicht aus den Abend verlegt werden, weil die Schüler dann zu ermüdet seien.

Oberbürgermeister Keller bat die zum Wort vorgcmerkten Herren, auf das Wort zu verzichten, da sie sonst ihre Ausführun­gen: bei der nächsten Sitzung wiederholen müßten. Gesuche um Befreiung würden nicht kleinlich behwtdelt, es seien von 92 Ge­suchen 89 genehmigt worden und daher verschlage es nichts, wenn die Aussprache auf acht Tage hinausgeschoben werde.

Dem Anträge auf Verschübung wurde daher entsprochen

Ter nächste P::nkt betraf die Erweiterung des Säug­lingsheimes. Die vorhandenen Räunce siicd stark belegt. Sie lassen sich durch Hinznnahrne von Räumen im Nebengebäude, das der Stadt gehört, erweitern. Als Mete dafür scÄuq der Finanzausschuß £00 Mk. vor.

Beigeordneter Grünewald erllärtc, das Säuglingsheim sei mit 50 Säuglingen belegt, die ausgezeichnet mttergebvacht seren. Unter ilchen befände:: sich auch einige Bürger des neue:: König­reichs Polen.

Tie Stadtverordnetenvcrsammlmrg erklärte sich mit der Er­weiterung des Säuglingsheimes einverstanden.

Zur Errichtung eines Gar t en h ä uschen s am Wiß- marer Weg wurde den: Antragsteller H. Heitler Befreiung von 8 5 des Ortsbaugesetzes ertellt.

Zur Herstellung von Ei ns a s sun g s g r äbe nt ans Abteilung II des Friedhofs am Rodberg wurden 1300 Mk. bewilligt.

Zwei Gesuche 'um Erlaubnis zum Schankwirtschafts- betrieb im Hause Plockstr. 5 lllniversitätscafe, früher Metro­pol) bezw. Lrndenplatz Nr. 1 (Fürstenhof) wurde:: befürwortet, ob­wohl die Ansicht ausgesprochen wurde, daß ein augenl>licklick)es Bedürfnis nicht vorliege.

Mit der Festsetzung der Ausnahmetage für das Handels­gewerbe für 1917 in der bisher üblichen Weise erklärte sich die Stadtverordnetenversammlung cinverstmche::.

Außerhalb der Tagesordrmng regte Stadtv. Eichenaüer eine Besprechung der Mißstände der Lebensmittelver­sorgung in Gießen an, wobei er Wert darauf legte, daß ein Bericht darikber der breiten Oeffentlichkeit vorgelegt werde.

Oberbürgermeister Keller meinte, daß seiner Ansicht nach, was Gießen anlange, M i ß st ä n d e in der Lebeirsmittelversorgtrng nicht vorhanden seien.

Stadtv. >E i ch c n a u e r deutete hieraus aus die Milchversorgun^ hin. .

Stadtv. Winn führt die Mißstände mehr aus die Verord­nungen, alD auf die Schuld der Stadtverwaltung zurück.

Oberbürgermeister Keller erklärte sich, hierauf bereit, in eine Aussprache über die Lebens'.nittelversorgung einzutreten, und ließ die Dezernenten der Lebensmittelversorgung von Schenk und Tr. Seip herbeirnfen.

Stadtv. Krumn: mackste jedoch den Vorschlag, hierzu emC besondere Sitzung anzuberaumen, da in Änbetxacht . der noch folgenden nicktöffentliche:: Sitzung die Zeit zu weit vorg-eschrtllen se:.

Seiner Ansicht schlossen sich Stadtv.- Eichenaüer und ver­schiedene andere Stadtverordneten an.

Oberbürgerm. Keller erllärtc, daß er den Stadtverordneten! zu jeder Sitzung des LebensmittelauSschusscs eine Einladung senden werde. Eine besondere B e s p r e ch ' der Lebensmittel­versorgung schlug er für nächsten ckl'ittwoch, 5 Uhr, vor. Es soll ihm dabei anhe::ngestellt werden, d ejc Sitzung als öffentlich oder nicht öffentlich zu bezeichne::. Tie Presse soll jedoch in jedem Falle zugezogen und ein Bericht über die Sitzung der breiteren Oessent- lichkeit vorgelegt werden.

Stadtv. S ch a f s st ä d t bat, in Rücksicht darauf,.daß die Aus­sprache sobald nicht beenoet 4 'ein werde, den Beginn aus 4 Nhv sestzn setzen.

Nach einer kurzen Debatte, ob die Versamnllung nicht besser an einem alleren Tage stattsinde, wurde der nächste Mlltwoch durch Abstimmung beibehalten. Hiermit war die öfferttliche Sitzung ge­schlossen.

Nichtöffentliche Sitzunst.

In der: Städten Mainz, Darmstadt, Offenbach und Worms! sind in den Jahren 1912 und 1913 die Gehälter der städ­tischen Beamten und der Lehrer im Wege deffnitiver Neuregelung erhöht worden, während in Gießer: ans verschiedenen: Umstanden die Neuordnung sich bis j^etzt verzögert lat. Die Beamten der Stadt Gießen und.die Lehrer sind.vielmehr seit dem Jahre 1912 auf provisorische mäßige Teuerungszulagen -ingewiesen und es ist begreiflich, daß die Betroffenen die mtterbliebene Neurege­lung besonders in einer Zeit empfinden, die eine beträchtliche Teuermrg hervorgernfen fcu. Tie Stadtverordnetenversamnllungl hielt es barum für ein dringendes Gebot ausgleichender Gerechtig* keit, den Nachteil, in dem sich die Beamten der Stadt Gießen gegenüber ihrer: Anllsgenvssen in den übrigen Städten nun schon drei Jahre lang^ befinde::, einigermaßen zu beseitigen. Zu diesem: Ztvecke hat die Stadtoerordneten-Versammlung einstimmig beschlos­sen, den Beamten. Lehrer::, Bediensteten mtb Arbeitern einenochl fror W eihnachten zahlbare einmalige Zulage zu gervähren, die aus sozialen Erwägungen in der Wiejise abgeftr:st ist, daß d« niederen Diensteinkommen mit höheren, die höheren Diensteinkom- men mit niedrigeren Zuschlägen bkdacht werden. Die Stadtoerock^- neten-Versammlung war sich, indem sie lediglich eine einmalige Z»- lage bewilligte, darüber einig, daß in gegenwärtiger Zell eine definv tive Neuordnung der Gehälter aus verschiedenen Grmchrn :mtm« lich sei.

England und die deutsche Arbeiterschaft.

zz. Gießen, 17. Dezember 19145. Der Unabhängige Ausschuß für einen deutschen Frieden haKS für heute ^abe:ü> zu einem Vortrag im Fürstenhofe ein geladen. Ge­heimrat S p e n g e l sprach einige^ Eröffnungsworte, in denen er betonte, daß. der Unabhängige Ausschuß für einen deutschen Frieden kein politischer Verein sei, sondern eine:: Zusammenschluß vonl gleichgesinnten Deutsche:: oarstelle, die von entern Frieden eine Mehrung deutscher Nfacht enoartmr. Daher setze er sich aus Mt>, gliedern verschiedener Parteien zusamnrerr. Jetzt l-abe er den Ver­such gemacht, seine Uebcrzengung hffrauszutragen und laut aus- zu sprechen, was sein Herz bewege.

Prof. Dr. Opitz bemerkte, daß es nicht möglich sei, an den Vortrag eine Besprechung anzuschließen. Dam: wies er auf die augenblickliche Kriegslage hin, in. der Hoffming, daß unser Vater­land einer glänzenden Zukunft «rtgegengehe. Jeder ntüffe sich fragen, ob er ^unseren Felograuen durch die Tat ben Dank dafük abstatte, brr ihnen gebühre. Durch das Hilfsdienstgesetz sei vielen Gelegenheit dafür gegeben. 9lber Man muffe sich auch mit Politik befassen. Jeder habe die Pflicht. sich mit der 'Politik! auHen und innen zu befassen, un: sich fern jeder Varteischablon« ein eigenes Urteil zu bilden. Augenblicklich! sei das besonders ::ot- wendig, Ivo wir den Friedensvorschlag gemacht hätten. Nur ent deutscher Friede auf Grund unserer eigenen Kraft könne uns nützen. Tarznlegen, welche Bedingimgen uns erst Lebensn:öglich- keiten erschlösse::, sei der Zweck des Vortrags)

Hierauf ergriff der Redner Dr. Sie-chried Weber das Wort und führte etwa folgendes aus': Ms England den Krieg erklärte^ waren viele überrascht, die an eine Verständigimg mit England glaubten. England wäre zu einem Friede:: bereit gewesen, aber zu einen: Frieden, der uns zu Englands Vafalle:: gemacht lmttr. Selbst der Reichskanzler habe später dieser Erke::ntnis 'Ausdruck geben müssen. Tie derttsche sozialdemokratische Arbeiterschaft habe geglaubt, durch eine Berstälürigung nnt Ertgland und mit allen Völkern ihre Lage zu verbessern. Eine Weltkultur und ein Weltfriede könne aber niemals durch! Verständigung erreicht loerden. Es gebe nur eine nationale Kultur, die n:ehr oder 'weniger weltküttureNen Charakter trage. Mit dem Schwerte müßten wir verteidigen, was wir mit den: Geiste erobert baten. Tie feindlichen Sozmldemokratei:. besonders die auf de:: Miuistersessell: Enalands nnd Frankreichs, hättei: den Jntertmtionalisnms nur als Maske getragen, um ihre Nallonen groß zu mackun. Karl Mar?' habe te- retts 1848 ges>chr:eben:Das englische Volk ist der Despot des Wett- nmrktes. es will alle andere:: Völker ausbwtgern." Zum Betveis daftir führte der Redner eine Reihe von Beiftüele:: m:s der cng^ llschen Gesuchte an. Bismarck habe gesagt, unsere Beziehungen zu .England se:en M bessern, wmn ^vir unsere Industrie zugrunde gehen und unsere Arbeiter hirngern ließen. Nmrntebr sei auch in dis deutsche Arbeiterschaft die Erkenntnis von Englands Vernichtnng<5- wtllen gedrungen Ihr Heil komme von einer deutschen Welttvirt- schaft, von Teutschlands Gnaden, nickt von Englaichs oder Anw- rrllrs Gnaden. Unsere Ausfulw betrage 10 Milliarden Mark Darin stecke die Arbeit des deutsche,: ArMters. die nur dann ihren Lohn fände, wmm chre Wärm: Wsatz fänden. Sei das nickt mehr der Fall, so könne der deutsche Arteiter lnmgerw We>- glmite daß nur der Kapitalist darunter leide, sei ein politisch.^ Pterttaft England habe heilte fast ten ganzen europäisch^: Kontinent in Händen und habe mit seinen Verbmcketen vereinbart. na<f, d-m Kriege nichts mehr von Dentschlatch. zu beziehen. Könne England d:e deutsche Ansffchr i:ach Amerika und China noch verhindern so se: Detttschland erledigt. Amenka sei und bl^äbe sowieso der größte Femd Tentschlcrnds neben England. Unsere Einfflbr tetraqe 11 Mtlllarden. Der deutsche Arbeiter gebrauche gesunde Wohnungen ausreichende Kleidung und Ernährung. Wann uns die Einfnbr'au! die Dauer gesperrt werde, so leide besonders der Arbeiter darunter Es se: unmöglich, daß dieser Zustand geändert werden könne, solange w:r ke:ne Leegcltnng haben. Wenn England seine Macht tehalte so werte es sie auch, nach dem Kriege zu gebrauchen wisset