Ausgabe 
1.12.1916 Zweites Blatt
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Nr. Ä8Ä

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Beilagen:Sießener FamiUenblültrr" und Areisblatt für den Ureis Gießen".

postfcheÄonts: Frankfurt am Main Nr. U686. Vankverkehr: Gewerbebanl Gießen.

166 . Jahrgang

enerat-Anzeiger für Gderhrjjen

1. Dezember 1946

ZwillingSrunddruck und Verlag:

Br ü h t'sche Universiläts-Bnch-u.S^eindruckerei. R. Lang e, Gießen.

Zchrlftleitung. Srschüftsstelle und Druckerei:

Schulstraße7. Geschäftsstelle u.Vertag: Bl,

Schriftleitung: 112.

Anschrift für Draht-iachrichtenrAnzeigerGießen.

Mb. Deutscher Reichstag.

76. Sitzung, Mittwoch. den 29. November 1916.

- Am Tische des Bundesrats: Reichskanzler v. Beth mann Ho ! lweg, Dr. Helfserich, Staatssekretär des Auswär Ligen Simmermann, v. Loebell, Graf Rödern, Sydotv, Kraetke, preußischer .Kriegsminisier v. Stein, Chef des Krieasamt! v. Grüner, Dr. Solf, Lisco, Wahnschaffe.

Das Haus ist sehr gut besetzt, die Tribünen sind überfüllt.

S c t n * a ^ des Reichskanzlers, der heute seinen 60. Geburtstag feiert, schmückt ein vom Reichstag gespendeter Strauß aus roten und weißen Chrysanthemen.

Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 3X Uhr. Er richtet an den Reichskanzler folgende Worte: Ich habe mir erlaubt, dem Herrn Reichskanzler als Zeichen der G l ü ck 'wünsche, die wir ihm zu seinem heutigen sechzigsten Geburtstage darbringen, einen Blumenstrauß im Namen des.Reichstags darzubieten. (Lebhafter Beifall.) Ich bitte den Reichskanzler, diesen Glückwunsch des Reichstags annehmen zu wollen. (Erneuter lebhafter Beifall.) )

Reichskanzler von Bethmann Hottweg:

Ich danke dem Herrn Präsidenten und dem ganzen Reichstag für die freundlichen Worte, die ich soeben gehört habe. Ich nehme . diese Blumen an als ein glück verheitzenöes Symbol für das deutsche Volk, für das allein mein Herz schlägt. (Lebhafter Beifall.)

Der vakerkkiMfche Wssdisns!.

Auf der Tagesordnung steht nur d ie e r st e und e v e n t u e l l zweite Beratung eines Gesetzes betreffend den vater­ländischen Hilfsdienst. Die Vorlage ist bereits vom Hauptausschuß eingehend vorberaten worden. Er hat den knappen Regiecungsentwurf erheblich erweitert.

Der Präsident erteilt sofort dem Reichskanzler -das Wort.

Reichskanzler von Bethmann Hottweg:

Gestatten Sie mir nur wenige Worte der Einführung. Der unersättliche Krieg rast weiter. Unsere Feinde wollen es so. Sie feiern diesen Sommer als einen für sie siegreichen. Haben, sie etwa ihren Willen durchgesetzt? Unsere Linien sind un­gebrochen. '(Beifall.) Rumänien, das den großen Umschwung bringen sollte, zahlt seine Buße. (Erneuter Beifall.) Gott hat bis hierher geholfen, er wird weiter helfen. (Bravo!) Die fast übermenschlichen Taten unserer Truppen, an die kein Wort des Dankes heranreicht (allseitige Zustimmung), und das gute Gewissen, daß wir als die ersten und einzigen bereit waren und bereit find, den Krieg durch einen unser Dasein und unsere Zukunft sichernden Frieden zu beenden, geben uns das Recht zu solcher Zuversicht. (Sehr richtig!) Aber wir wollen über dieses Recht unsere Pflichten nicht vergessen Unsere Feinde wollen den Frieden nochnicht. An Menschenzahlen sind sie uns weit überlegen, und f«rst die ganze Welt liefert ihnen Kriegsmaterial. WaZ das heißt, das zeigen die Kämpfe an der Somme. In­

dustrie und Organisation werden mit jedem Tag, den der Krieg länger dauert, entscheidender für das Ende. Jede Hand, die daheim Geschütze und Geschosse schafft, ersetzt einen Mann, schützt ein junges Leben im Schützengraben. Jede Hand, die daheim feiert, hilft dem Feind. Das ist die Mahnung, die uns jeder Heeresbericht zuruft, die uns in Herz und Gewissen dringt. Die Motive zu diesem Gesetz sind nicht am grünen Tisch erdacht, sie sind draußen im Trommelfeuer der Fronten geboren. Wir haben den Grundgedanken des Gesetzes und die Organisation, zu der das Gesetz führt, mit Vertretern der beteiligten Berufskreise und mit dem Hauptausschuß dieses .Hauses durchgesprochen und beraten. Der hingebenden und gründ­lichen Arbeit des Hauptausschusses verdanken wir wertvolle Vor­arbeiten, die uns zu einem baldigen und erfolgreichen Abschluß füh­ren mögen. Je tiefer die Arbeit in den Gegenstand eindrang, um so klarer trat die Größe der Aufgabe hervor, das gesamte Volk für die Kriegswirtschaft zu organisieren. Gewaltig sind die Eingriffe in das Wirtschaftsleben. Aber sind sie nicht gering gegen die Gewaltsamkeit dieses Krieges? (Sehr- gut!) Die Möglichkeit des Zwanges mußte vorgesehen werden. Die eherne Notwendigkeit verlangt eisernen Willen. Die Möglich­keit des Zwanges soll den festen Boden geben, auf dem wir stehen müssen, um hinter den kämpfenden Armeen organisch eine Armee der Arbeit aufzubauen. Gelingen aber kann das Werk nur, wenn es sich darstellt als das Ergebnis nicht des Zwanges, son­dern der freien Ueberzeugung des ganzen Lol- k e s (Lebh. Beifall), wenn Industrie und Landwirtschaft, Arbeiter und Unternehmer, und wenn vor allem ihre bewährten Organi­sationen (lebh. Beifall links und im Zentrum) sich ihm frei­willig hingeben und widmen. Daß dies eintreten wird, dürfen wir mit Zuversicht sagen, denn dafür bürgt uns der Sinn, mit dem sich das ganze Volk auf den Krieg eingestellt hat, dafür bürgen uns die großen Leistungen, die dieser Sinn schon bisher hervorgebracht hat, der Geist, der alle im Lande zu Beginn des Krieges beflügelt hat, mitzuwirken und mitzuhclfen, wo es auch sei. Dieser Geist wird aufs neue aufgerusen, und jeder von uns weiß, daß er sich dem Rufe nicht versagen darf. (Verfall.) Wenn draußen Hunderttausende in der Verteidigung des'Vaterlandes dahinbluten, dann wird der Mann daheim nicht die letzten Opfer gebracht zu haben meinen, wenn er tatenlos die Mühen erträgt, die der Kriegszustand mit sich bringt, da wird er es als seine Plicht vor dem Vaterlande, vor den Kämpfern, vor den ge­fallenen Helden betrachten, seine Kraft an den Platz zu sehen, wo sie für den Kriegszweck am nützlichsten wirkt. Ueber Einzelheiten des Gesetzes mögen die Meinungen auseinandergehen. Mag der eine dies verurteilen, der andere jenes vermissen aber dieses Gesetz, für die Kriegszeit geschaffen, soll doch ein Zeugnis dafür sein, daß wir für alle Zeit festtalten wollen den Geist gegen­seitigen Vertrauens und gegenseitiger Hilfs­bereitschaft, der uns in der schwersten Not unseres Volkes zusammengcführt hat, und auf dem allein sich eine Zukunft auf­bauen kann, stark nach außen und frei nach innen! (Beifall.) Im Namen der verbündeten Regierungen bitte ich Sie, meine

neue

soll.

Kraft und (Lebhafter

Herren: helfen Sir an dem Werk, das uns damit dem Siege und dem Frieden zuführeu Beifall.)

Preußischer KriegSministe/ vom Stein: Das vorliegende Ge­setz soll unseren schwerkämpfenden Truppen Unterstützung und Stärke bringen. Am nächsten betrof­fen sind diejenigen Truppen, denen es nicht bis jetzt vergönnt war, ine. seelische Erhebung im Kriege zu erleben, die ein siegreiches Gefecht mit anschließender Verfolgung mit sich führt, wo man all das Schwere, die Verluste, die gefallenen Freunde hinter sich lassen konnte. Gerade die sind am meisten getroffen, die gebannt an eine Stellung, gegen eine Uebermacht kämpfen müssen und neben denen sich alle die Opfer vollziehen durch das Fallen ihrer nächsten Kameraden, ihrer Freunde, mit denen sie gelöst und ge- känchft haben; und dieser Eindruck verwischt sich nicht! Wer als Führer dort draußen mit seinen Truppen gelebt und gefühlt hat, dem ist es außerordentlich schwer gewesen, wenn er überall und zu jeder Zeit, wo er sich in dem ihm zugewiesenen Raum bewegte, mochte es bei Tag oder Nacht, mochte es in der Arbeit sein rÄer wenn er sich zur Ruhe anschickte, mochte er in der vorderen Linie sein oder hinten die Einrichtungen beaufsichtigen immer nur_der fast zur Eintönigkeit gewordene Donner der Ge­schütze, der nicht eine Sekunde unterbrochen wurde. Natürlich waren es die Geschütze von beiden Seiten.

Meine Herren, da kann man sich das Hirn zermartern: wie willst du helfen? wenn man sich immer bewußt ist, jetzt, wo das Feuer droht, da kostet es manchem deiner Kameraden das Leben oder die Gesundheit. Und versucht hat man es, nach bestem Wissen und Gewissen, iünerhalb der Grenzen, die einem gesetzt sind durch die gebotenen Mittel. Diese Mittel zu ver­stärken und auf ein solches Maß zu bringen und zu versuchen, die ko st baren Blutverluste zu vermindern, das ist der Zweck, den dieses Gesetz hat; denn nicht nur wir haben darunter gelitten. Das würde einseitig sein. Der Feind litt auch durch unsere Tat. Die Nachrichten, die mir in die Hände gefallen sind, geben davon Kunde. Mir hat lange ein außer­ordentlich energischer französischer General gegenüber- gestanden. Die Befehle, die wir von ihm bekommen haben durch Gefangene und durch Tote, die lauteten für uns zum großen Teil unverständlich. ^Wir ersahen daraus, wieviel Todes­urteile an den eigenen Leuten vollzogen wurden. (Hört, hört!) Und bei den vielfachen Angriffen aus den oft genannten Ort Thiepval da lautete ein Befehl:Ich habe den Wald von Thiepval mit einem Drahtzaun umzogen und dahinter Maschinengewehre aufgestellt. Wer bei Angriff auf Thiepval zurückgeht, wird von ihnen empfangen werden." (Hört, Hort!) Und selbst ein englischer Befehl, den ich eigentlich nicht erwartet hatte, ist mir noch zu Ohren gekommen, allerdings nur durch Gesangenenaussagen. Ich habe keine strikten Belege dafür.

Bei den Angriffen, die gerade in den letzten Tagen noch eine Rolle gespielt haben, aus die Höhen südlich von Grandcourt, da haben Gefangene ausgesagt, es wäre ihnen vorher ein Befehl bekannt gemacht worden: wer beim Angriffe zurück­ginge. der würde erschossen! (Hort, Hört!) Meine Herren, uns wären derartige Befehle unverständlich. Die Tapfer­keit, die Treue, die Pflichttreue unserer Leute berechtigt unS zu der festen Ueberzeugung, daß überall dort, wo wir nicht nur unter gleichen, sondern nur unter allenfalls erträglichen Verhältnissen mit dem Feind unS zu messen haben, unsere Leute niemals ver­sagen werden. Gerade aber diese Selbstentäußerung unserer tapferen Truppen macht es mir als ihrem Vertreter zur besonderen Pflicht, Siedringend zu bitten, dieses Gesetz, daß Ihnen die Hilfe und Verstärkung bringen soll, anznnehmeu. Ehe ein Gesetz in Wirkung tritt, braucht es eine gewisse Wirkungsdauer. Es wird ohnehin einige Zeit kosten, ehe sich die wohltätigen Folgen für unsere Truppen da draußen erkenntlich machen. Und sie alle, die dort tapfer und mit Selbstverleugnung kämpfen, sehnen sieh doch danach, daß ihnen dieser Beweis ihrer Heimat und ihres Volkes die starke, ausreichende Hilfe bringt. Deswegen und weil es ohnehin Zeit kosten wird, ehe die Wirkung des Ge­setzes^ in Kraft tritt, bitte ich Sie, im Namen der draußen rumpfenden Truppen und in meinem eigenen Namen, nicht nur: Nehmen Sie das Gesetz an, sondern, nehmen Sie es bald an! (Beifall.)

Staatsmlnister Dr. Helfserich: Das vorliegende Gesetz ist ein Gesetz des Krieges, ein Gesetz der Not, ein Gesetz des eisernen Willens und der eisernen Tat. Heimat und Feldheer reichen sich rn diesem Gesetz die Hand zu unauflösliehem Bunde, zu Kampf und Sieg. Neben die allgemeine Wehrpflicht tritt mit d^ftm Gesetze die Pflicht des allgemeinen Dienstes im vater­ländischen Hilfsdienst, neben die organisierte Armee draußen im ^elde tritt die organisierte Armee in der Heimat. Wir ziehen mit diesem Gesetz die letzte Folgerung der Gestaltung dieses ungeheuren Krieges. Nie zuvor hat die Munitionsherstel­lst, den Erfolg der Kampfhandlung auch nur annähernd in der Weise bestimmt, wie das jetzt der Fall ist. Deshalb bedarf die Armee der Kampfer draußen der Armee der Arbeiter in der Heimat. Kanonen, Granaten, Maschinengewehre, .vc i n e n w e r s e^r, Unterseeboote, Torpedos, sie alle wachsen uns nicht aus der flachen Hand, sie müssen geschaffen werden. Das alles heißt Arbeit, Arbeit und noch ern m al Arbeit! Unsere heimatliche Erde führt in ihrem Schoß dre Schatze, die wir für die Kriegführung brauchen, aber diese Schatze müssen gehoben und geformt werden. Der Gott, der Eisen wachsen ließ, der wollte keine Knechte. Dies Wort galt vor 100 Jahren im deutschen Volk, es gilt heute wieder und es wird gelten in alle Ewigkeit. Dieser Krieg um unser Dasein und unsere Zukunft ist nicht nur ein Kampf der Waffen, sondern auch ein Kamps der Wirtschaft.

Die hundertjährigen Bestrebungen edelgesinnter Geister aller Nationen, den Krieg auf die kämpfenden Truppen zu beschränken und von der nichtkämpfenden friedlichen Bevölkerung fernzu- balten, sind zunichte geworden durch die Verachtung alles Völkerrechts, mit der England die Seele deS Kind­lichen Machtverbandes seinen Wirtschasts- und Hungerkrieg ein. geleitet hat und bis auf den heutigen Tag fuhrt Auch d i e kleinen neutralen Völker, deren Schutz die Staats­männer Englands im Munde führen, werden durch Uiiterbindung der notwendigen Zufuhr, durch Postsperre, schwarze Listen usw. schlimmer geschädigt, als je ein Feind vom Feinde geschädigt worden ist. In diesem Hunger- und Wirtschafts­krieg stehen wir mit unseren Verbündeten im wesentlichen allein. Anders die Alliierten. England kaust allein von den S3er« einigten Staaten wöchentlich für 12 Millionen Pfund Sterling. Der Einfuhrüberschuß in den ersten zehn Monaten hat sich auf nahezu 12 Milliarden beziffert. Die halbe Welt arbeitet für u n s e r e F e i n d e. Sie läßt es sich gut und teuer be­zahlen, aber sie steht ihnen zu Diensten.

Bei uns gibt e» keine nennenswerte Ueberfeezufuhr, für uns arbeiten keine fremden Hände, was wir zur Kriegführung und Volkserhaltung brauchen, müssen wir mit unserer eigenen Arbeit täglich schaffen. Auch hier hrlft uns die heimatliche Erde. Sie liefert uns das, was wir brauchen für die Kriegsmittel und für die Volksernährung. Aber auch hier muß es ihr durch Arbeit ab­gerungen werden. Der Mobilmachung der Arbeit gilt dies Gesetz. Wir wollen auS der Arbeitskraft des deuffchen Volkes daS Beste herausholen für unsere Kriegführung und VolkSerhaltupg. In der Mobilmachung der Arbeit stehen wir eigentlich vom ersten KrisgSjohre an. ES ist nicht wenig, was geleistet worden ist, aber eS ist jetzt nicht mehr genug.

Seit 2% Jahren haben wir durch die Kriegswirtschaft Verhält­nisse, die jeder von uns vorher für undenkbar gehalten hätte. Heute sind sie unser tägliches Brot. Das Außergewöhnliche dieser Zeit, für das sich der Blick durch die Gewöhnung des Tages verliert, möchte ich Ihnen vor Augen rücken. Wir haben einen Außen­handel von jährlich 23 Milliarden verloren, der uns die notwendigsten Rohstoffe zufLhrte und Millionen von Händen ernährte. Wir erleben eine sich fortgesetzt steigernde Ent­ziehung von Arbeitskräften, wogegen der stärkste Generalstreik ein Kinderspiel wäre. Duffen ungeheuerlichen Verschiebungen haben sich die Grundlagen unserer Wirtschaft durch eine ge­waltige, noch nie gesehene Umgruppierung der Ar­beitskräfte angepaßt. Große Berufszweige wurden ein­geschränkt oder stillgelegt. andere Zweige, die für den Krieg arbeiten, entwickeln sich im Riesenausmaß. Industrien sind aus der Erde gestampft worden. Damit ist die Größe der Arbeit noch nicht erschöpft. Der Krieg brcwhte mit einem Schlag eine schwere Stockung unseres ganzen Wirtschaftslebens, die nur langsam überwunden wurde. In den ersten Kri-egstagen richtete sich das Gespenst der Arbeitslosigkeit drohend vor uns auf.

Um die erste Not zu beheben, wurde an Notstandsarbeiten allergrößten Stils gedacht, ohne Rücksicht auf deren Erfordernis, nur um Beschäftigung zu geben. Ms der erste ungeheure Schreck verwunden war, trat in einzelnen Industriezweigen Rohstoffmangel auf. Dazu kam die Entziehung des leitenden Per­sonals, der Offiziere unseres Wirtschaftslebens. Es hat ein volles Jahr gebraucht, bis dre Arbeitslosigkeit überwun- den war. Bei den weiblichen Arbeitskräften dauerte es noch länger. Aber während bei den Männern haute das Angebot um ein Drittel hinter der Nachfrage zurückbleibt, ist bei den weiblichen Arbeitskräften das Angebot heute noch stärker als die Nachfrage. In der Landwirtschaft ist die Arbeit der Frau, von der kleinsten Bauernfrau bis zur größten Gutsherrin längst das Rückgrat der ganzen Betriebe geworden. Die Frau, die heute einen Mann er­setzt, der dasiir im Schützengraben steht, ist so viel wert, als der Soldat an der Front. (Beifall.)

Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit haben wir eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die, für sich genom­men, das Gegenteil rationeller Ausnützung der Arbeitskraft sind. Insbesondere gilt das für die Textilinoustrie. Die Rücksichten aber, die bisher genommen werden konnten, können heule nicht mehr bestehen. Heute ist der Krieg das Losungswort und heute gibt es nichts anderes als die eine Rücksicht, wie wir den mp- fern draußen das notwendige Kriegsgerät verschaffen und wie wir daheim für die notwendige Ernäh­rung sorgen; wie schaffen wir Munition und wie schaffen wir Proviant? Nach gewissenhafter Prüfung haben sich die verbündeten Negierungen überzeugen müssen, daß allein auf dem Wege der Freiwillissteit diese Aufgabe nicht zu lösen ist, wie sie namentlich das sogenannte Hindeu. burgprogram m für die Munitionserzeugung stellt. Es darf in dieser Zeit niemand mehr müßig gehen, weil er nicht arbeiten will, oder auf Grund seiner Einkommensver­hältnisse nicht, zu arbeiten braucht. Heute gehört jeder Arm und jeder Kopf dem Vaterlande. Wir fassen das Gesetz nicht eng materiell aus. wir begreifen auch die geistigen Bedürfnisse mit ein. Wiir sagen z. B. a uch die P r e s s e ist für die gesamte Entwicklung von bedeutungsvoller Wirkung, das- selbe gilt für.die Geistlichkeit, die Lehrerschaft, die vielbewährten Berufsorganisationen, die Or­gane der Sozialversicherung und ähnliche Einrich­tungen. Alle diese Berufe werden als Hilfsdienst angesehen werden.

Den Frauen wird die gesetzliche Verpflichtung nicht aus­erlegt auS phlffischen Gründen und weil die Bedürfnissrage anders liegt. Alle Maßnahmen müssen weitergeführt und aus- gebaut werden. Wir sind uns aber auch klar darüber, daß nach dem Wort des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg es zwar ohne Zwang nicht geht, aber hinzukommen muß Sie vaterländische Pflicht- erfüllung eines jeden einzelnen. Erst wenn jemand Arbeit im Sinne dieses Gesetzes nicht ausübt, kann ihm eine solche An­gewiesen werden, die er annehmen muß. Den gegenwärtig arbeits- losen Textilarbeitern usw. soll die Unterstützung nicht ent­zogen werden, solange sie nicht andere Arbeit haben. Bei der Z u s a m me nlegun g undStillegung solcher Betriebe, die etwa jetzt schon für das Heer arbeiten, wird das Kriegsamt e§ leicht haben. Bei andern Betrieben aber, insbesondere bei Einzel- existenzen und kleineren Unternehmern werden das Kriegsamt und die von ihm ressortierenden Stellen sehr genau prüfen, ob die Vorteile der Aenderung im Verhältnis stehen zu den Wirtschaft- lichen Schäden, die durch die Zerstörung wirtschaftlicher Eristenzen angerichtet würden.

In vielen Fällen wird es leichter und einfacher sein, d i t Arbeit z u den Leuten zu bringen, wie die Leute zur Arbeit. Das Gesetz muß so schonend wie möglich für die Arbeiter durchgeführt werden. Die Be­schränkung der persönlichen Freiheit macht einen sorgfältigen Ausbau der Einrichtung notwendig, die zu ihrem Schutz dienen sollen. Vor allem bedarf es eines Systems von Rechts- s ch u tz e s für die richtige Ausführung dieses Gesetzes. Die der- bundeten Regierungen haben zu den Wünschen des Reichstages noch kerne Stellung nehmen können. Ich hoffe aber, daß das Gesetz eine Fassung erhält, die dem Vundesrat die Zustimmung ermöglicht und die, persönliche Freiheit in möglichst geringem Maß beschrankt. Die Stimmung, aus der dieses Gesetz geboren ist, ist die siegesgewisse Kraftan streu au na eines siegesgewissen Volkes. (Beifall.) Die Heim- armee hat schon gute Arbeit geleistet, wir haben un§ auf hei­mischem Boden Ersatz erarbeitet für alle die Hilfsmittel, die uns vorher von der Außenwelt zugingcn. Wir haben unsere Leistun­gen aus eigener Kraft herbergeführt. Unsere Feinde haben uns mit den Hilfsmitteln der ganzen Welt nicht überwinden können.

Unsere Steinkohlenförderung ftfnl mit Kriegs- au ^ uc v auf die Hälfte, heute hat sie wieder neunzig Prozent erreicht. Unsere Braunkohlenovzcugung ist im Kriege Weit über ^ - §öchsterzeugung des Friedens hinaus gestiegen. Unsere rffuMahle rzeugung ging zunächst auf ein Drittel der Friedens«