Ausgabe 
25.11.1916 Drittes Blatt
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Hr. 278 Drittes Bkitt

tGßllch mit Ausnahme des Sonntags.

lbb. Jahrgang

Beilagen:Gietzener ZamiNendlStter" und Krcifltatt für den Ureis »letzen".

PostlcheiNonf: Frankfurt am Main Nr. UE. Vaittvettehr: Se»erdebank »iehen.

GKHener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Samstag, 25. November Mb

ZwillingSrunddruck und Verlag:

Br u hl'sche Unioersuäls-Bnch-u.Stemdrackerei.

R. Lange, Gießen.

Zchriftteitung. »eschäftrstele «nd vruSerei:

Schulstraße7. Geschäftsstelle u. Verlag: <^Ebl, Schriftleitung: 112.

Anschrift für Dra htnachrichtenrAnzeigerGießen.

Kriegsbriefe aus dem Westen.

-mscrnn Kriegrbmchterstattcr.

lNuoerechttgter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.^

Die Katakomben an der Ssmme.

Hmiptguurtier-West, im November 1916.

Bei den Kämpfen um CoEes ist Mim ersten Male rn diesem Bklvge merrwürdt$ec iratüfomben Erivähmmg getan worden, unter- Gänge und Gemächer, die sich tief unter den Straßen und Häusern des Fleckens dahinzogen. Mochte der Feind ollen getrost alles ut LPIttter imi> Trümmer sch-ießen^ unten in den Een Höhlen- gLnyen^nw der Äerllmrdplatz rrufgeschilagen war, toaren lvenigsdens die Verwundeten sickier. Die viele Meter dicke Decke des gewachsenen B»d«rS durckstchlNiien auch die schwersten Granaten niemals.

^Dcc Katakoml«:: von Ciomllles die sächsischen Truppen nannten fvc dre ,,K::mbeu". haben uns also gute Dienste ge- leistet, so lange der Ort im Trommelfeuer lag. Ihre Cmtdock-mg war emem Zufall zuzuschreiben gewesen. Ihr Zweck und iljre Äusdechnung konnte nicht festgestellt werde::, denn zu lvissenschaft- licke» F orschu ngen war der ZettpiE für die Besatzung ungeeignet. Sie verloren sick^ nach einer Richtung in einen endlosen (Äng, der über 200 Meter weit verfolgt werden konnte. Dann lourde die Luft so schlecht, daß man nur mit der Gasmaske weiter konnte. E ine O rtssage behauptet, diese rätselhaften inrterrrdischen Geznächer stammten von einem mittelalterlichen Schloß, welches geheiuu- MÄwll einem Nachibarfchjlosse r>erllnnden gewesen sein soll.

Nach und nach hat sich l-ermtsgesteNt, daß diese Katakomben kerne besondere Ergentümlichkeit von Gomllles getvesen sind, sondern daß sie sich, unter sehr vielen anderen Orten an der Sommefront befinden, %. B. auch> unter Bapaume. Es gibt Leute, wÄche be­haupten, daß kein altes Dorf in der ganzen Gegend sei, welches nicht haustief unter seinen Straßen diese heimlichen Höhlengänge verberge. Finden sie sich einnral ausnahmsweise nicht, dann muß der Höhlenpastor I. auf Besuch kommen, ein gelehrter und be­weglicher Divisionsgeistlicher, welcher die Katakomben der Somme- fkon! zum Gegenstand gründlicher Forschungen gemacht hat. Ter bemüht mrr zu erscheinen, dann entdeckt er die Höhlen sicher. Manchmal fördert sie auch der Zufall zutage. Neulich war ich in einem Dorfe, in das der Fernst täglich, seine schweren Granaten wirft, gegen die weder die dünngemauerten Häuser, noch die Keller Deckung bieten. Man begann also mit dem Bau von unterirdischen Onartieven. Kaum aller waren die Pioniere an einer Stelle in die Erde gegangen, als sich vor ihrem Spaten weite Gewölllegänge und hohe Hallen mfltaten. Sie hatten die Katakomben gefunden, deren Zugänge hier verschüttet und deren Vorhandensein vergessen war. Man brauchte sich in den Gelassen, die vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden mit sauerem Menschenschweiß .geschaffen worden waren, nur häuslich einzurichten und hatte eine mühsame, wochen­lange Arbeit gespart. In vielen anderen Ortschaften sind die Katakomben bekannt, wenn auch manchmal nicht zugänglich, und haben den Gegenstand gelehrter Untersuchungen gebildet, vor allem aber die Einbildmrgskraft der Landesbewcchner lebhaft angeregt und tamend Sagen und Märchen veranlaßt. Bald sollen sie das unterirdische Schloß eines Räubers gewesen sein, der hier seine Gefangenen einkerkerte und seine Schätze verbarg. Bald sollen sie als Zufluchtsstätte allen möglichen Verfolgten gedient haben, von den alten Galliern bis zu den Hugenotten und den Feudalen während des Jatollinerwütens. Die Bevölkerung hat ein eigenes Wort für diese Katakomben, was schon beweist, daiß sie in der Gegend weitverbreitet und allgemein bekannt sind. Man nennt sie in der Picardieles nmches".

Ich habe einzelne dieserMuches" gesehen und eingchender die großartigen Anlagen besichtigen können, die sich unter dem Torfe B. .. . in der Nähe von Bapaume dahinziehen. Be­trachtet man ihren Grundriß, so erkennt man, daß sich unter dem Torfe ein zweites, schier größeres, unsichtbares tief in der Erde verbirgt Das untere hat wie das obere eine Hauptstraße, an die sich links und rechts Nebenstraßen und Wege und allenthalben Wohnplätze anschließen. Aber weder an Zahl noch an Lage ent­sprechen sich die beiden. Sie sind ganz unabhängig voneinander ent­standen. Tie Bevölkerimg des jetzigen Dorfes hätte in dem unter­irdischen samt Hausstmrd und Vieh wohl reichlich Platz.

Man steigt ziemlich tief.unter die Erde, ehe man auf ebenen Wog kommt. Hier folgt Man einem mannshohen und hückänglich, breiten, unregelmäßig verlaufenden Gange, der in den gewachsenen Kreidestein gebroch.en, und nur dort, wo er unter der oberirdischen Straße hinführt, mit Backsteinen sauber überwölbt ist. Das Lllter dieser Backsteine war nicht zu erkennen. In einer anderen Muches- anlage fand ich im Gewölbe Backsteine, die römische Zahlen trugen

und nach ihrer Art später als mittelalterlich waren. Ter Gang öffnet sich, alle paar Schvttte weit nach rechts oder links, und durch eine niedere Oeffunng gelangt man in ein Gemach. Diese Einzelräume sind von unregelznäßiger, rundlicher Form und mitt­lerer Stubengröße, also wohl geeignet, einer Fauülie einen not­dürftigen Unterschlupf für einige Zeit zu gewähren. Unter sich stehen die Gemächer nicht in Verbindung, sondern jedes zweigt sich durch die Eiugangshöhle selbständig vom Hauptgange ab, mit dem es wie mit einem Stiel zusammenhängt, so daß das Ganze im Grundriß wie eine Weintraube aussieht. In die Wände gehauene Sitze oder Bänke, wie sie in Höhlen sonst häuftg sind, benrerkt man nirgends. Aber fast jedes Gemacht hat gleich vorn neben dom Eingang eine Nische in der Wand, die äugenschernlich zur Mfstellung des Lichtes gedient hat. Ein Raum übertrifft alle anderen an Größe und wemgstens leidlicher Sorgfalt der Aus- fütmmg. Er ist über vier Meter hoch, und seine Decke verläuft spitz, wie ein gotisches Gewölbe, nach oben. Das soll die unterirdische Kirche gewesen sein. Der Boden der Gänge, in denen sich ein litt* kundiger wohl verirren könnte, und der zahlrcich.en Gemächer ist 16 ?Ne1er und mehr unter der heutigen Oberfläche. Mit der Oberwelt stand dieses Katakombenlabyrinth früher, ehe die deutschen Soldaterr bequemere Zirgänge schache,:, nur durch einen runden, ausgemauerten Schacht in Verbindung, der von oben aus genau wie ein versiegter Brunner: aussah. Dennoch ist die Luft in allen Teilen der Anlage erstaunlich gut. Tie Wände sind außer an wenigen Stellen, wo durch Gesternssprürrge Wasser sickert, trocken. Hier ließ es sich also, wenn es sein müßte, ebenso gut aushalten wie in einem heutigen Schiitzengrabenunterstcrnd. Ob dieseMuches" bewohnt gewesen sind, verraten sie dem flüchtigen Besucher nicht. Arlf dem Boden ist kerne Spur von Hnmusbildung wahrzunehmen, doch ist es möglich, daß später abgebröckelte Teile vor: Wänden und Decke den Hunrus wiäwr Mgedeckt und geweißt haben.

Ich kenne die Ergebnisse der französischen Lokalsorschung über dieVduches" nicht uird Iveiß nur, daß eijn-elne sie für vorge­schichtlich, andere für sehr spät halten, was sich nicht zu loider-« spreche:: braucht, denn die zum Bau dieser Katakomben sehr ge­eignete Kreideformation karrn zu den verschiedensten Zeiten in gleicher Not die gleichen Unterschlüpfe hervorgebracht haben. Ob der Silexmcißel des Steinzeitmenschen oder der elektrische Korunth- bohrer des heutigen Pioniers den Unterstand in die pikardische Kreide höhlte 1000 Jahre später sieht es den Wänden niemand nhchr an. Unterstände, so verborgen wie möglich, hat man hier zu allen Zeiten gebraucht, und es bedurfte nicht erst des Trommel­feuers der Somnre-Offensive, uM zu zeigen, daß man in: allge­meinen sichrerer in Kellern wohrrt, so tief rvie möglich und jedem. Tagesstrahl so fern wie möglich, als in den lieblichen Dörfern der Pikardie, derer: Strohdächer der weiche westliche Seewind vom Aermelmeer streichelt. Ein Blick auf die unerhört bluttge GMstchte des Landes gibt Ausschluß.

M-Terl Urbewohnern haben die Nervier das Land abgenommen, die Cäsar die wildesten unter den Belgiern nennt. Als sie zum Kampfe gegen beit römischen Eroberer auszogen, versteckten sie Weiber, Kinder und Greise an Stellen, wo sie kein Heer finden konnte. Cäsar meint, es sei zwischen Sümpfen gewesen. Aber die Nervier werden ilM das Geheimnis schwerlich an die Nase ge­lungen haben. Tmrn Verwüster: die Manen, Schwaben, Vandalen urrd Burgunder:, zuletzt am gründli'.sten die 'Franken die schlecht- geschützte römische Provinz. Im frühen Mittelatter blühte das Räuberhandwerk rrirge:rds außer in den Arderrrren so wie in den Waldsümpfeir an der Somme. Tie Butte de Malancourt, deren Tiefe jetzt täglich die Granaten zerwühlen, ist in Wirklichkeit ein römischer Tumu l us, nach der Ortssage aber der Grabhügel des Räuberhauptrnanns Berengar. Tie Abteien und Klöster der Gegend, wie Eauoourt und St. Prerre, waren zugleich, feste Burgbauten, gegen die landsässigen Briganten und gegen die zu Schift die Somme heraufkommenden Normannen, die grundsätzlich mir Asche­hausen hinterließerr, wo sie einfielen. Tann kommt BapauMe zum Atrecht und zu Flandern, während Peronne bei der Picardie bleibt. Engländer, Franzosen, Kriegshaufen der Grafen von Flarrdern, plündern urrd senge:: abweck^'elnd das unglückliche Land, erschlagen die Bauern und treiben das Vieh iveg. Ten hunderjährigen Krieg fühlt niemand schwerer als das Gebiet an der Somme. Dann wird es zum Reiche Burgund gesck-lagen. Aber der Krieg und der Raub sirrd hier so landesüblich, geworden, daß niemarrd mehr ftagt, wem diese Dörfer gehören. Ob französische oder burgundrsche Hoere, was hier die Straßen entlang zieht, das mordet, raubt und setzt den roten Hahn auf das Firstgebälk des Kirchturms.

Das bleibt so Soldatenrecht und Bauernschicksal durch die Jahrhunderte. Tann verschlimmert der Glaubenszwiespalt zwischen den katholischen Südprovinzen und den protestantischen Nieder­

landen die blutiger: Sitten. Franzose,: und Spanier brennen die kaum wiedererstandenen Döner abk:.>elnd nietrr. Das Land komt rechtzeitig unter französische Herrsch:"' um der DchauplaA des Bürgerkrieges zrvischen den: großen Cond« und dem kutTnem Trrrenne zu werden. Ofterig venolgem die BlMbunde Robespierres die kirck.lengläubigen und königstrenen Picaroen. Es geht eui einziger langer Streifen Blut durch die Geschichte dieses Landes, breit, sumpfig, verschlungen, wie die Somme durch ich Tal mept. Und es gibt kein Jahrhundert, wo uicht in tveien Katakomben bangNrde Seelen in arger Kriegsuot geseufzt und gebeten haben mögen, keines, wo man ::icht neue tiefere Bentecke in drm er­härteten Schlamm des Kreidemleeves gebrochen hat, das hier J ahr- Millionen, bevor es Menschenkriege gab, gewogt und die größten Katastrophen der Tiergeschichte erlebt hat.

Don den Tagen, wo das Geschlecht der Haifische mit neuen techinischen Kriegsmitteln die Weltherrschaft der Saurier ver­nichtete, bis zu d<nn Morden der Somme-Olftensive ihrem Massenkamvfe der (öranatungeheuer^ es ist eine einzige Linie mtt läck,erlich7N Wiederhoturrgen in: klsiuen. Ms wir in Comble" unseren Verbandplatz in den Katakombe:: eingerichtet hatten, schossen uns die Engländer Gasgranaten vor den Eingrmg. Nichts Neues! Wachhaftig nicht. Term als s^ch im Beyinr^ des 15. Jahr- ^nderts die armen piccrrdischen Bauern mtt Weib und Kind in ihre Niuches" geflüchtet hatten, warfen die Armagnaken gllalmeTrde Feuerbündel in die Luftschächte, .so daß alle Insassen ersticken nmßten.

Es lohnt sich- wirklich nicht, dariiber nachzusirrnen, in welchem mörderischen Zeitalter diese Katakomben entstanden sein mögrir, in die heute, diesseits Und jenseits der Front, der illrzt seine Ver­wundeten vor den: im Sonnenlicht rasenden Tode birgt.

W. S cb e u e r m a n n, Kriegsberich terstaiter.

UßrehLrche N<rchrsehten.

Evangelische Gemeinde.

Sonntag, den 2 6. November, Totensonntag. Kollekte für die Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen. G o t t e S d i e n st. In der Stadtlirche. Borm. 9/ 3 Uf)r : Pfarrer Schwabe. Vorm. 11 Uhr: Kinderkircbe für die Markusgerneinde. Pfarrer Schwabe. Abends 5 Uhr: Pfarrer Ho f fn: an n. Montag, den 27. Noveinber, abends 8 IVhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäus- gemeinde. Dienstag, den 28. November, nachmittags 4 Uhr, im Matthäussaal: Frauemuissionsverein. Donnerstag, den 3V. No­vember, abends 8 Uhr, im MatthäuSsaal: Versammlung des Frauenvereins der Aiatthäusgeineinde. Nächsten Sonntag, am

1. Lldvent, findet in: VornnttagsgotteSdienst Beichte und heil. Abendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde statt. Anmel­dung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Wettere Abendmahksfeiern werden gehalten an: 2. Advent für die MatthäuS- gemeinde, an: 3. Advent für die Markusgemeinde, jedesmal im Abendgottesdienst. In der Johanneskirche. Vorm. 9X Uhr: Pfarrer Ausfeld. Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die JohanncS- gemeinde. ^ Pfarrer A u s f e l b. Abends 5 Uhr: Pfarrer Bech- jolsheimer. Abends 1 / 7 8 Uhr: Versammung der konfirmierten männlichen Jugend der Johannesgemeinde im Johannessaal und der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgerneinde im Lukas­saal. Nächsten Sonntag, am 1. Advent, findet im Abendgottes­dienst Beichte und heil. Abendmahl für LukaS- und Johannes- gen:einde statt. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Ge­meinde erbeten. Wettere Abendmahlsfeiern werden gehalten am

2. Advent für die LukaSgemeinde, am 3. Advent für die JohanneS- qen:eindez jedeSmal im Abendgottesdienst. In der ntxt« Zriedhofrkapelle. Nachmittags 2 Uhr: Pfarrer Mahr. In »ei alten Hrledhosskapelle. Nachmittags 2 Uhr: Pfarrer A u s f e l d.

Kirchberg: Sonntag, den 26. November, vorm. 10 Uhr. (Heil. Abendmahl für Daubringen). Kollekte für die National­stiftung. Mainzlar: Mittwoch, den 29. November, abends 8 Uhr: Kriegsbetstuude. Dekan Guß mann.

Uatholische Gemeindc.

Gottesdien st. Samstag, den 2 5. N o v e n: b e r

Nachm. 5 Uhr und abds. 6 Uhr: Gelegenheit zur heil. Beichte. Sonntag, den 26. Nov., 2 4. Sonntag nach Pfingsten.

Vorm. 6^2 Uhr: Gelegenheit zur heiligen Beichte: 7 Uhr: Hl. Mefie. 8 Uhr: Austeilung der hl. Kommunion. 9 Uhr: Hoch- an:t mit Predigt. 11 Uhr: Hl. Messe mit Predigt. Nachm.

5 1 /, Uhr: Christenlehre; darauf Andacht für die Abgestorbenen Dienstag und Freitag abends 8 Uhr ist Kriegsbittandacht. Freitag 7 Uhr ist Segensmesse.

Di asp or a-G ot t es di e n st am 26. Nov.: In Grüu- berg 9'/, Uhr. In Hnngeu 9^ Uhr.

Die Zarden der Trauer.

Kulturgeschichtliche Studie zum Totensonntag.

Bon Dr. Johannes Kleinpaul.

Wie sich die Zetten ändern, und wir mit ihnen! Bor zwei J«chren um diese Zeit, als die Nachrichten von unsern ersten großen Siegen, und danach cu:ch von unsern schweren Verlusten zu uns gelangt hwmi, tmrCöen überall Stimmen laut, wir sollten alles tun. Uns ba5 farbenfrohe Straßenbild und die Heiterkett des Lebens zu erhalten sie nicht allzusehr durch düstere, dunkle Trauerlleider dämpßen. Die dunkle, freudlose Farbe war ja damals plötzlich Mode" geworden, und dagegen wandten sich mm besonnene, ruhige, ernste Lertte mit Recht. Im Frühjahr darauf gelang es lvirktich, diesen allzu schweren Grundion wieder aufzuhellen. Da wurde Schwarz-Weiß Mode! Und heute fragt kein Mensch mehr nach allen diesen nebensächlichen Dingen. Denn die Trauer ist inzwischen allgemein geworden. Jetzt trauert das ganze Volk: aber was wir als »jützeres Zeichen unserer Trauer anlegen, ist gleichgültig gewor­den . . .

Ob sich der einzelne Mensch in dieser jetzigen Zeit schwarz kleidet oder nicht, es komntt wirklich wenig darauf an. Alles das ist im letzten Grrmde persönlichen und somit verschiedenen Stimmun­gen und Gefülflen unterworfen, und es erscheint daher heute fast müßig, der Frage nachzugehen, welches denn nun eigentlich wirk­lich und ursprünglich die Traucrfarbe sei. Anderseits läßt aber eine eingehendere Beschäftigung mtt diesen Dingen erkennen, daß die verschiedewn Völker z!u verschiedenen Zeiten schon in allen mög­lichen Farben getrauert haben, und das gibt somit ebenfalls denen recht, die mähne::, auf solche Fragen kein allzugroßes Gewicht zu legen. Einige behaupten, z. B. schwarz sei die eigentliche, ursprüng­liche Trauerfarbe, andere: weiß, aber siir beides lassen sich gleich gewichcijge Grilnde anführen. Mehr als einmal spricht der alte Homer vom schwarzen Tode. Die Römer sprachen von einer schwar- &t\ Tür (iaraia nigra!), die zur Unterwelt führt, und von einem dies ater, von einer Hora atra; das ist ihr Todestag und ihre Todes­stunde. Ebenso war bei einigen germanischen Stämmen, die im Tuwkeln :md Düstcrn das Bereich des Unglücks und der leid­bringenden Gottheite:: sahen, Schwarz die Farbe der Trauer; daher hüllten sich die Witwe:: der Frauken zur Merowinger^eit für ihr ganzes Leben in schwarze Gew'änder. Aber anderersetts bedeutet doch das Wdrt Witwe nichts anderes als witwe ftouw (Wittib, weiße Frau, Wittfrau), und sagt uns, daß ältester deutscher Sitte und Anschauung gemäß die Wittib imch dem Ableben ihres Gatten in weißen Kleidern ging. Wenn also in alten Sagen und Geschichten davon die Rede ist, in dem oder in jenem Schlosse werde man bald einmal wieder dieweiße Frau" za: sehen bekommen, will das nichts anderes besagen, als daß das Ende deÄ Schivßherrn nahe ist; seine

Frau wird also bald die Witwenkleider tragen; mit irgendwelchem Spuk hat das ganz und gnrnichts zu tun.

Begreiflicherweise ftüdet die Ansicht, daß Weiß die natürliche Trauerfarbe sei, eine starke Stütze in der freien Natur, wo wlir ja, wenn die winterliche Sckweedecke sich über Felder und Wiesen breitet, oft von einemBahrtuch", in das die Erde gehüllt ist, reden. Auch sprechen unsere Dichter wohl vombleichen Tod", und aus alleni diesen Umständen ist es begreiflich, daß Freia, die Hauptgöttin un­serer Vorfahren, in ihrer Eigenschaft als Totengöttin in ein weißes Kleid gekleidet war. Eine ftimbolische Erinnerung daran hat sich insofern bis jetzt erhalten, daß nur heute noch unser:: Toten zumeist weiße Blüten in die Häürde geben und Kränze mit weißen M::men aufs Grab legen; anderersetts werden rveiße Rosen viel­fach als Unglücksblumen, weiße Lichtuckken als Totenblumen be­zeichnet.

Bis 'in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hat man bei uns allgemein weiß getrauert, und die Herrnhrtter Brüdergemejnde tut das Mt noch. Eis gab aber auch schon früher Zetten, in denen schwarz getrauert wuck>e, denn die Mode bewegt sich nun einmal mit Vorliebe in Gegensätzen. Besonders am Hofe Louis XIV., des Son- nenkö:rigs, konnte man sich darin gar nicht genug tun. Unter dem Einflüsse der Mme. Maintenon wurden damals zuerst die Trauer­gemächer schwarz ausgeschlagen, die Möbel schwarz drapiert, die Degen, die Karossen, ja selbst die Pferdegeschirre mit schwarzen Floren lunchüllt, und selbst bei Tische benutzte man Messer mtt schwarzen Ebenholzgrifien. Diesegroße Trauer" war freilich nur oenen vom ?ldel vorbek-alteu. Die Bürgerinnen durften nurGrau" anlegen; daher stammt für die Frauen von niederem Range die Be­zeichnungG r i s e t t en.

Zeitwettig wurden auch die beiden gegensätzlichen Farben mit einander vernrischt. Daun trauerte man Sckmiarz-Weiß. So nah­men die Bürgerfrauen im Mittelalter die dunkle Tracht der Nonnen mit ihren das Gesicht fast ganz verhüllerü>en großen weißen .Hauben an, die Frauen der höheren Stände trirgen mtt Vorliebe zu ihren schwarzen Gewändern zum Qtidnn der Trauer weißen Pelz oder sie versahen ihr schtvarzes Kleid sonst, besonders an den Aer- meln, mit weißen Streifen. Mnzelne Bestandteile dieser eigenartigen Tracht, wie das weiße Uebersckflagetuch und das breite, weiße Kinn- dand, das sogen. Vorgebinde, das de:: unteren Gesichtsteil vev- deckte, haben sich noch lange in den lärldlichen Kreisen erhalten.

Auch das Trauevkleid der Männer paßte sich dieser Geschmacks- veränder::ng an. Sie trugen eine schioarze Gugelkappe, mit einen, über die Schulten: reicl>enden Kragen, der in einem langen Zipfel auf den Rücke:: herabfiel. An diese merkwürdige Trauerlleidung er- innen: hmte noch die eigenartigen Trauermäntelchen, die in Heffen bei Begräbnissen angelegt werden, und die langen, wcchenden schwar­zen Trauerflore der ostfriesischen Leicherrbitter. Caspar Fröhlich, der beka:mte Hofnarr August des Starken verspottete einst die seiner­

zeit übermäßig herrschende Trauersitte, indem er zum Zeichen der Trauer um seinen verstorbenen Kollegen am preußischen Hofe, Herrn von Gundling, mtt einem sieben Ellen langen weißen Trauerschleier hinter sich her durch Dresdens Straßen zog.

Im Mittelalter trauerte man auch eine Zeitlang braun, tt: Aethiopien trauert mau heute noch grau, die alten Asghpter trauerten gelb, ebenso die Kelten: noch heute trägt daher in einigen Gegenden der Bretag::e das weibliche Trauergefolge gelbe Hauben. Tie Chine­sen trauern blau und säireiben während der Trauorzeit blaue Briefe, die sie auch blau siegeln. Alle diese scheinbar willkürlicher Trmier- farben lassen sich bei einigem guten Wttlen siunfällis deuten. Blau ist (die Farbe der Ferne, gelb unb braun die der fallenden Blätter im Herbst, grau ist die Farbe der Erde und Asche.Zu Erde sollst du werden, von der du genommen bist . .

Auch alle anderen leuckftenden und lachenden Farben waren zu verschiedenen Zeiten, besonders im Zeitalter des sarbenSunten, prachtliebenden Ritterttims einmal Mode. Tie Jungfrau von Or- leäns trug, z. B. am 29. Aprll 1429, als sie ihren festliche:: Ein- zug in Orleans hielt, ein Kleid aus karmvisinrotem Brüsseler Tuch, aber dazu, zum Zeichen ihrer Trauer darüber, daß der Herzog von Orleans in englische Gefangenschaft geraten war. einen Ueberwurf vonverlorenem Grün". Gerade dem Grün, der Farbe der neu verjüngten, leber^vollen Natur, erwartet man in diesem Zusamn:en- hange kaum zu begegnen. Ebenso verwnnderlicherweise trauert der englische Hof he::te noch hochrot. Als vor ei:, paar Iechren König Eduard VII. gestorben tvar, wurde die gmrze Kap.'lle des königlichen Schlosses, in der seine Leiche aufgebahrr und öffentlich ausgestellt war, nicht mtt schwarzem, sonder:: mit rote::: Tücke ausgeschlagen und auch der Sarg des Königs mit einer roten Prunk­decke verhängt, die innen mit Hermelin gefüttert war: auf roten Kissen lagen, m Füßen des Gestorbenen, die Kroninsignieu. Orden und Jüwclen. Auch in Frankreich be!timn:te schon König Louis XI, bei seinem Regierungsantritte als Farbe der Trauer um seinen Vater Scharlachrot, während Louis XV. im Jahre 1726 und nach ihm Napoleon I., nachdem tt^ioisckn'n wieder einmal Weiß Mode ge­worden war das Violett zur allgemeiner, ofiziellen Tr«uer- farbe machte. Wahrsckenlich machten sich.bei den letzteren Ent­scheidungen kirchliche Einflüsse geltend, denn die katholische Kirche vcttvendet bekanntlich zum Zeiänm der Trcnrer außer der schwarzen Farbe ebenfalls das Violett. MA violetten Tüchern IVerden be­kanntlich zu Begrm: der Fastenzeit, die der Leidenswoche voramDeht, die Mtäre in den Kirchen verl-ängt, uud im Koullave tragen die Kavdinäle zum Zeiche:: der Trauer um den verstorbenen Papst statt des roten einen violetten Uebertvurf.

In der gegenliwrtigeat ernsten und schlveren Zeit beben alle diese Modefragei: rveniger Wichtigkeit als je. Vielleicht, daß uns der große Krieg mit seiner reinigerrden, l<j«ternden Kraft auch für Unsere Trmler eine neue Ansck-aumrg und neue Formen gibt

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