Ausgabe 
30.11.1916 Zweites Blatt
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Nr. 282

Zweites Blatt

166 . Jahrgang

Erscheint tL-llch mtt Ausnahme des Sonntags.

Beilagen: ^Sietzeuer KamMe»dtttter" und Nreisblett für den Ureis Sietze«".

p4ßfche«onto: «m Main Nr. N68H.

Vaarverfehr: Sewerbedavt Gietzrn.

Senerel-Anzeiger für

vonnerstag. 30 . Noseiuber lW

ZrvtümgSrunddruck und BeriagL Brü hl'jche ttniveriuäkS-Bnch-n.Stnofrruekerei.

R. Lange, Gießern

rchrlft!rttuus, GefchSstzstcSe und VnrSerett

Schulstrave?. > .aitetle u. -öerlafl: e=»%61, Schrrftieilung: 11S.

Anschrift für £ti htaachrrchten: Anzeiger Nie gen.

Liae Rsich§verteillmg§ftelle für Nährmittel und Eier.

. Ü 5 I 1 Bcdurfms ergcfcnt, bk «ectritimg tarn Safer-

m* ©erftenfabrrtox, von SB«jtng:rauben, ©riefe, Teigwaren, Grün- fern, von Sazo n. bol, von tzülsenfriickiten (Bnckweizcn. Hirse), von Mmsgnetz, ^uppensabrckäteu. Stwisepulvern, sowie von Kinder- nährwrttetn nach nnheitkchvir Grundsätzen zu regeln. Bisher er- ^.Igte bcmt«3 dw Verteilung von Teigumreu. Grieß, Graupen Hafer- flockvrr. Hafergrütze. Hasennohl (mit Ausnahme der Päketware), von dnkern, Hulp-uftnickttm (Buchveizen und Hirse), von Maisgrieß u. a. nach U}tm 4-^11 i .ngsigru.'lrdsätzen > Verteilrmgsschlüsseln). Liese Gvrnrdiätze wuroezr aber von jeber der ernzelTren in Frage kommen­den knegswirtschaftlichen Organisationen für sich ausgestellt. Es war so nutzt immer möglich, einen genügenden Teil dieser Nährmittel in ^<ierve ßu lxrlten für diejenige Zeit des Jahres, in der andere LebensmrtteL, wie Kartoffeln Und Gemüse, irur in besonders gerrnoer Menge Vorhand^ sind. Um diesen Gesichtspunkten Reckchung zu tragen, hat der Präsident des KriegSernährungsamts nunmehr an- lgeordnet, daß die verschiedenen Berteilungsgrmrdsähe vereinheit­licht werden und daß eine ihm unmittelbar unterstellte Behörde nach einem von ihm einheitlich und für das ganze Wirtschaftsjahr aus­gestellten Haushaltung^rLan eine Oberverteilung der fraglichen Nährmittel auf die Bundesstaaten vornimmt. Zu diesem Zwecke ist die R ei chsvert ei lungsstelle für Nährmittel und Eier eingesetzt worden, sic besteht aus einem Vorsitzenden, dessen Stellvertreter

drei Mitgliedern des KriegsernährungsamteS, einem Vertreter (des Kriegsamts, sowie Ms je einem Vertreter des Groß- und Klein­handels, der Erzeuger und Verbraucher.

Gleir^eisig hat der Präsident des Kriegsernährungsamts oer- anlaßt, daß die Herstellung von Suppenfabrikaten (Suppen- würfeln Und losen Suppen), ferner von geeigneten, für die minder- bemtttelte Bevölkerung voiZugsweisc in Betracht kommerrden Nähr- mtttckn, soweit es di? verfügbaren Rohsvosfe gestatten, gesteigert wird und daß auch diese Fabrikate in jenen Haushalts- und Verteilungs­plan einbezogen werden. Qmrlttät und PreiÄvüMgkeit soll ständig überivacht werden.

Die bisherige Verteilung dieser Waren erfolgte durch die bundes­staatlichen und provinziellen Verteilungsstellen, die ihrerseits zur Unterverteilung die gemeinnützigen Gesellschaften, den Handel und die Kommunalverbände heranzogen. An diesem System soll von Reicks wegen nichts geändert werden. Insbesondere soll der Handel, wo er bisher an der Untervertciftmg beteiligt war, nicht ausgesckaltet u^erden, da sich die geregelte Versorgung der Verbraucher ohne Heran w'hung des Neruhandels mit befriedigendem Erfolg kaum durch flUrren läßt. Um aber eine Gewähr dafür zu geben, daß beim Vertrieb inner auch künftig nur knapp vorhandenen Nährmittel die verschiedenen Teile des Reiches in gcrechtsr Weise bedacht werden, -eüfsen^zwischen der ProduNum und dem Absatz diejenigen behörd- a vrn Steilen eingeschaltet werden, die für die geregelte Versorgung ihres Gebietes in erster Linie verantwortlich sind rcnd die eme gleichmäßige Verteilung jener Nährmittel auf die Verbraucher ver­bürgen sollen. _

Ass dem Reiche.

Der Kaiser an den Reichskanzler.

Berlin, 29. Nvv. (WTB. Nichtamtlich.) Tie Norddeutsche Ällgememe Zeitung schreibt: S. Mrj. der Kais er hat dem! -Reichskanzler folg-nides G'bückwunschtelegramm gesandt: .

Mit wärmstem Glückvunsch gedenke ich Ihres heutigen Ge­burtstages, den Sie nun schon zum dritten Male in ernster 'Kriegszeit begehen. Von Herzen danke ich Ihnen für alle! Treue,' mit der Sie mir in schwerster Zeit mit Rat und Tat erfolgreich zur Seite stehen. Gott schenke Ihnen muh im neuen Lebensjahr ? Gesundheit und Kraft zu weiterem Schassen an ft Wirken im Dienste Ihres Königs und des geliebten Vaterlandes, und gebe Ihnen und uns allen den endlichen siegreichen Ab­schluß dieser sturmbewegten Kampfzeit. Mzeit Ihr dankbarer Kaiser und König Wilhelm I. R.

Als Geschenk des Kaisers wurde dem Reichskanzler -eine kostbare Vase überreicht. In besonders warmen Worten 'spräche:! der König Ludwig von Bayern, der König von Sachsen, König Wilhelm von Württemberg und zahlreiche andere Bundes- ^fürsten dem Reichskanzler ihre Glückwünsche aus. Herzliche Tele­gramme gingen von der Frau Kronprinzessin, der Großherzogm Luise von Baden, der Königin Viktoria von Schweden ein. We itere Glücktm'nrsche gingen dem Reichskarrzler. von Generalseldmarschall von Hindenburg und einer Reihe von Heerführern, von den

preußischen Ministern imb den Regierungen der Bundesstaaten, den Präsideitteu des Reichstages, des Herrenhauses und des Ab­geordneten Hauses und zahlreichen Parlamentariern zu. Aus allen Teilen des Reiches und allen Bevölkcrungskreisen treffen im Laufe des Tages fortgesetzt Telegramme und schriftliche Glückwünsche ein.

Beaufsichtigung der Fischversorgung.

Berlin, 29. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Die ständig wach­senden Preise ftir Seefische, Räucherwaren und Fffchkonserven ma­chen energische Maßnahmen notwendig. Die Einfuhr von Fischen ans dem Auslände ist bereits unter Aufsicht der Zentral EinÜauss- Gesellschaft zeuttalisiert. Um nunmehr auch die Preise für die ein­heimischen Fische zsu. ermäßigen und zugleich die Preisbildung und VerteilUicg im ^inneren deutschen Berkelp dauernd zu überwachen, hat der Reichslkanzler eine Berordmmg erlassen, durch welche ein ReichskommissarfürFischversorgung eingesetzt wird. Diesem Reichskommissar sind weitgehende Befugnisse zur Regelung des Absatzes und Preises von Fischen und FtsckBonserven beigelegt. Er 'hat unter anderem das Recht, Fijscher und Händler zu Ver­bänden znsammenzuschließen. Zugleich sind die Anordnungen der Landeszentralbehördcn. oder der von ihnen bestimmten Behörden, die über Fische und Fischkonserven auf Grund der Verordnung über die Ver,orcMkgsregelung vom 4. November 1915 erlassen wer­den, an seine Zustimmung gebunden, so daß eS ihm möglich ist, Ansftchrvrrbote und ähnliche Maßnahmen zu hindern. Die Fischpreise werden nun ^var nicht sofort wrÄ>er aus ein an­gemessenes Maß gesenL werden können, es ist jedoch zU hoffen, daß dieses Ziel sich in nicht allzju^ langer Zeit erreichen läßt. Zmu ReichSkommissar ffer Fischoersorgnng ist der königlich preußi­sche Regierunasassessor von Flügge ernannt tvordeu. Die Ge­schäftsräume des Re-ichskommissavs befticden sich zunächst Behren­straße 64.

*

Berlin, 29. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) In der heuti­gen Sitztmg des B u n d e s r a t s witrde den vom Reichstag angenommenen Entwürfen eines Gesetzes betreffend Ver­haftung und Aufenthaltsbeschränkung aus Grurch des .Kriegszustandes und BelagerirngsAcsbandes und eines Gesetzes über den Kriegszustand die Zu­stimmung erteilt.

Berlin, 29. 9!ov. (WTB.) DerReichsanzeiger" ent- fyäft eine Bekannttnachung betreffend die Prägung von E i n- pfennig stücken arrs Aluminium, eine Bekannt­machung zur Aenderung des § 7 der Bekanntmach^ung über die Ueberwachung des Verkehrs rnit Seemuscheln und eine Bekannttnachung über die Beaufsichtigung der Fischver- forgung.

Arss SL<adt nnö £anb>

Gießen. 30, November. 1916

** Vreiswucher mit Zündhölzern. Die volkswirt- fchdftliche Abteilung beS KriegHernährungZamts (frühere Reie^- preisstelle) teilt mit: Von Zeit Zeit tarrchen in der Presse Mit­teilungen über Mangel an Zündhölzern aus. Diese sind, wie ein- wandfrei festgestellt ist, durchaus unberechtigt. Wenn ein Mangel eintritt, so kann das nur durch derartige, von interessierter Seite, z. B. von Kettenhändlern in oie Wett ge.se tjte Gerüchte und die daraus folgende Hamsterei zeitweise und örtlich eiutreten. Tie Be­völkerung wird dringend davor gewarnt, solchen Nachrichten Glau­ben zu schenken, die nur darairf berechnet sind, Preistteibereien zu verurscrchm. Zündhölzer werden in völlig ausreichendem Maße her - gestellt und auch weiter hecgestellt werden können. Ebensowenig liegt Anlaß vor, daß die Kleinhändler höhere Preise als 45 Pig. für ein Paket der üblichen Stteichholzsorte zahlen. Nur tatsächlich imprägnierte Ware (rot mit gelben Köpfen) darf zu eurem Preise von 50 Pfg. verkauft werden. Ganz eirtschieden sollte aber das Publikum selbst Versuch-err ent gegentreten, für deutsche Ware als echte" Schtvederl wesenttich höhere Preise zu nehmen. Tie in Deutschland hergestellten Streichhö^er müssen aus der Schachtel in der linken Ecke des ihnen aufgeklebten Warenzeichens zur Kon­trolle der Steuerbehörde eine Nummer (von 1 bis etiva 350) tragen. Jeden Versuch), so gekennzeichnete Schrätteln und dir ge­samte in DeutsMmrd hergestellte Ware muß dieses Zeichen ttagen* alsechte" Schweden zu höheren Preisen zu verkaufen, sollten sowohl die Kleinhändler wie muh die Verbraucher, da es sich nur um Betrug hmideln kann, sofort der Polizei, dem Kriegswuch'er-

antt oder der zuständigen Pveisprüftmgsstelle zur Anzeige bringen. Im übriger wird voraussichtlich sehr bald durch eine Höchstpreis­regelung jedem Versuche einer Umgehung der bisherigen Ab­machungen des Vereins deutscher Zündhvlzfabrikanten begegnet werden.

** Freigabe von Bogelfutt^r für den freien Handel. Der Präsident des Kriegsernührungsantts hat durch eine im Zentralblatt für das Deutsche Mick urch im Reichsanzeiger! verösfentlichte Bekanittmachung bestimmt, daß für gewisse nament- lich> ausgeführte Futtermittel, die nur für die Vogelfütterung in Betracht kommen, die Vorschriften der Verordnung über Futter­mittel vom 5. Okwber 1916 (Reichs-Gesetzbl. S. 1108), roonachl alle Futtermittel durch die Bezugsvereinigung der deutschen Land­wirte abzusetzen und Bestände ihr anzuzeigen sind, nicht zu gelten haben. Tie Bekanntmachung nennt die Sämereien aller Kiefer^ und Pinusarten, Smnen von Erle, Fichte, Birke, Lärche, Ginster, Hainbuche, ferner Wegerich, Vogelbeeren, Zirbelnüsse, Ameisen­eier, Weiswurm und Puppen der .Seidenraupe. Damit ist den Wünschen des Vogelfutterhändlers, die nach Erlaß der Futter- mittelverordmmg laut gewordnr waren, im wesentlichen Rech- nung getragen. Bei dem großen Wertunterschi.?d je nach der Be­schaffenheit lassen such allgemeine Reichshöchstpreise für diese Ware nicht festsetzen. Aufgabe der örtlicherr Preisprüsuugsstellen wird es sein, etwaigen ungesunden Preistreibereien auf diesem Gebiete ent- gegeTizutreten.

** Die Verwertung der Milch vvm geschlach­teten Milchvieh. Vielfach herrscht die Meinung, daß die bei Schlachttieren Noch im Euter enthaltene Milck auf den Sch-'lachthöfen ungenutzt verloren ginge. Ties ist durchaus nicht der Fall. Milch der^ Schlachttiere wurde schon in Friedenszeiten regelmäßig von den Schlachthosverwaltungen oder sonstigen Verfügungsberech­tigter gewonnen und nach! der durch das Viehseuchengesetz für solche Milch vorgeschciebenen Sterilisation in den Verkehr gegeben. Bei der jetzt allgemein so stark fühlbar gewordenen Acilch.ttrapp- >heit ist es ausgeschlossen, daß diese schon in Friedenszeiten geübte Gepflogenheit irgendwo vernachlässigt wird, zumal die betreffenden Stellen angewiesen sind, ihr Augenmerk besonders aus die restlose Gewinnung dieser Milch zu richten.

Hessen-Nassau.

fe. Wiesbaden, 29. sliov. Das war gestern eine Wein- Versteigerung, wie sie in der Weingeschöchie kaum verzechn-ct steht, die im Kurhaus zrr Wiesbaden der Wirtschaftsausschuß der 11. Armee von Mackensen durch Major Tern abhalten ließ. Es voaren 33 Halbstück und zwölf Viertelstück naturreine serbische Meine, die unter decttscher Oberleitung im Herbst 1915 in Se- mendria gelesen .und gekeltert wurden. Tie 'Brate lagern im Felsenkeller der Königlich Prinzlichen Administration zu Schloß Rheiuhartshausen im Rhemgau. War der Besuch der Versteigerung schon außergewöhnlich, rund 450 Kaufliebhab-er hatten sich ein- gefnnden, so erre ichten die zur Versteigerung bereit stehen den Weine geradezu Phantasiepreise. Nicht um 100 und 200, sondern bei einer Anzahl Viertelstück sogar um 300 Prozent tvurde die Taxe über­schritten und z. B. für ein Viertelstück 5510 Mk., für ein anderes 5110 Mk. gezahlt. Tie Weine sind mit Arcsnahme weniger Num­mern, die etwas Bodenton haben, sehr saftige Gewächse und zum Teil von großer Reife. Der Erlös des Angebots bettug iw ganzen 176 810 Mk. Anschließend versteigerte die Äruree-Jnten-- dautur der Armee-Wteilung von Strmrtz 1200 Liter 1916er Schillerwein aus dem Madgebiet, Bayorwille und Umgegend, sowie 3000 Liter desselben Weines aus dem Moselgebiet, Pagny und Umgegend. Hierfür wurden für je 1000 Liter 2300 Mk. gelöst. Tmm folgten 600 Ltter 1916er Klaretwer-t von der Este, Wvin- ville und 3000 Liter ebensolcher Weine von der Este, Biuüöres. Der Erlös für 1000 Liter bezifferte sich aus 2210 Mk. Diese Weine wurden von deutschen Soldaten ans französischen Trauben aus fran­zösischem Gebiets gekeltert und lagern unter Verschluß der Orts- kommaudLnten in Omville und in Woinville an der Cote. Tie Weine eignen sick> nach sachverständigem Urteil nicht nur für das Weinhandel, sondern auch zur Schaumweinherstellung und zur Kognakbereitung. In Friedenszeiten werden sie aus den geuatmten Gegenden vornehmlich« von der Chatnpagne aufgekauft. An­schließend an die gestrige Weiuversteigerung von serbischen und ftau- zöfischen^ Weinen im hresigen Kurhaus wurden zugunsten der Wcün- sveude für die kämpfenden Truppen des 18. Armeekorps fünf Flaschen Steinberger, Jahrgang 1693, aus dem Nachlaß des Altreichskanzlers Fürsten .Bismarck, sowie ein von Bismarck be­nutztes Bleistift, das Gräsm Wilhelm Bismarck in Barzin gestiftet, versteigert. Der Wein ergab einen Erlös von 420 Mk., das Blei­stift erbrachte der Wenrspende 700 Mk.

8eue Briefe Friedrich Nietzsches.

Mein Freund Overbeck abgerech-net ('und drei Acenschen noch dazu-, hat sich in bett letzten zehn Fahren fast jedermann, denn ich kenne, mit irgend einer .Wsurdität an mir vergriffen, sei es mit empörercken Verdächttgungen, sei es mindestens in dm Form schnöder UnbescheLrenhett. Das hat mich, um das Beste davon zu sagen, unabhängiger gemacht, aber muh härter vielleicht und menschQwer-s-äO^idm, <tts ich selbst wünschen nröchte." Do schpTieb Friedrich Nietzsche wenige Monate vor seiner geistigen Erkrankung am 12. November 1867, an seinen früheren Baseler Unioersitäts- kollegen, den Dheologiepvofessor Franz Camillo Overbeck, mit dem er seit 1871 in eng«r upmtterbvochenen fteundschaftlichen B^iehttngcn sts«d. Es darf mit besonderer Freude begrüßt werden, daß dieser aufschkuLreshe Briefwechsel Friedrich dttetzsches mit Franz -Overbeck, dessetr Berössentlichung aus bestimmten Gründen bisher verzögert wurde, nunmehr in eurer von Richard Oehler und Carl Mb recht Bernulli herausgegebenen Ausgabe irr den nächsten Tagen irn Insel-Verlag zu L«pzig erscheint. Das Werk bereichert die Metzsche-Literatur um ein höchst bedeutungsvolles Buch. In jenem bereits erwähnten, für das gegen fertige Vmhältnis der beiden Fvemrde bezeichneben Briese, in dem Nietzsche derrru- wandeltz«rerl Treue" g&entt, die ihm -Overbeckin der härtesten und umverständlichsterr Zett seines Lebens" bewiesen hat, findet Nietzsche für die erttsetzlühe Einsamkeit, in der er sich befand, einen ergreifenden Ausdruck:Es scheint mir, daß sich eine Art Epoche ft'rr mich ab'chließt: ein Rückblick ist mehr als je am Platze. Zehn' Jahre Krankheit, mehr als zehn Jahve; und nicht so cmsach Krankheit, für die es Merzte und Arzneien gäbe. Weiß eigent­lich irgerrd jemand, was mich krank machte? Was mich jalme- lang in der Nähe des Todes und im Verlangen nach, dem Tode sesthiett? Es scheint mir nicht so. Wemr ich N. Warner ausnehme, so ist mir niemand bisher rnit dem Tausendstel von Leidenschaft und Leiden entgegengekommcar, um prich mit ihm ^,zu verstehen"; ich war dergestalt schon als Knrd allein, ich bür es heute noch, in meinem 44. Lebensjahre. Dieses schreckliche Jahrzehnt, das ich Hutter mir habe, hat mir reichlich zu kosten gegeben, ioas Mlein- sein, Berenchlmung und Schutzlosigkeit eines Leidmden, der kein Mittel hat, sich auch nur zu toeyren, sich auch nur zuverteidigen". Das ist ein Aufschrei aus tiefster Seele, aus gepreßtem Herzen, und zugleich ein Bekenntnis, das er damals nur diesem Freunde aAegen kon«te. Ein halbes Jahr vorher heißt es: .Diese letzten

Jahre auSzulmlten das war vielleicht das Schwerste, waS mir überhaupt mciu Schicksal bisher zugemutet hat. Nach einem solchen Anrufe, wie mein Zarathustra es war, aus der innersten Seele heraus, nicht e«wn Laut von Antwort zu hören, nichts, nichts.

immer nur die lautlose, nuTrntt'hr vertausendfachte Einsamkett das hat etwas über alle Begriffe Frrrchstbares, daran kann der Stärkste zugrunde gchen ach, und ich bin nichtder Stärkste". Mtt ist seitdem zu Mute, als sei ich tödlich verwu-rdet, es setzt

mich in Erstaunen, daß rch noch lebe. Wer es ist kein Zweifel,

ich lebe rwch: toer weiß, was ich noch alles zu erleben habe!"

Als Nietzsche dem Freunde ein Exemplar seines (aus eigene

Kosten gedruckten) BuchesJeusetts von Gut und Böse" senden ließ, schrieb er ihnt dazu:Nun kommt die Bitte, alter Freund: lies es, von vorne nachi hinten, irnd laß Dich nicht erbtttern und entfremdennimm alle .Kraft zusammen," alle Kraft Deines Wohlwollens für mich, Deines gchmldigen und hundertfach be­währten Wohlwollens, ist Dir das Buck unerträglich, so doch viellsicht himdert Einzelheiten nicht! 'Vielleicht auck, daß es dazu bettragt, ein lpaar erhellende Lichter arrf nieinen Zarathicstra zu werfen: der deshalb ein unverständliches Buch ist, weil er auf lauter Ergebnisse z-rnmckgeht. die ich mtt niemanden teile. Wenn ichl Dir einen Begrtts meines Gefühls von Einsamkeit Febern koimte! Unter den Lvbenden so tveirrg als urttsr den Toten höibe ich- jemanden, mtt dem ich mich verwandt fühle. Dies ist un­beschreiblich schauerlich: und nur die Uebung im Ertragen dieses Gefühls und eine schrittweise Entwickluim dess-elben von Kindes­beinen an macht mir's begreiflich, daß ich ^ran noch nicht zu­grunde gegangen bin. ..." Rulstg und smAich ipricht Nietzsche über feine AIlsga.be, die er klar vor sich sieht,als ein factum frort unbeschreiblicher Traurigkeit, aber verklärt durch das Bewußtsein, daß Größe darin ist, wenn je der Aufgabe eines Sterblichen Größe eingewohrtt hat." Solche Worte haben nichts zu tun mtt dem bttd darauf ausbrechenden krarrkhaften GrößenroaEyn, oder seürem in­nersten Wesen, das den sachlichen Wert der Leistrmg in der menschlichen Persönlichkeit über alles stellte, durchaus widersprach. TaS gegm'.wärtige Europa hat noch, keine Ahnung davon, um welche furchtbaren (dntscbeSurimen mein ganzes Leben sich dreht und an welchies Rad von Promemen ich gebunden bin. . . .", so schreibt er kurz, ehe das tieftragische Verhängnis ihn ergriff, an Overbeck. Ueber der ungeheuren Arbeit, die er sich bei der Lösung dieser Probleme zumetete, brach er zusamtmen,ein Feuer, das sich selbst verzehrt."

*

Alte Liieratvr-Anekd'vten. Im jüngsten Hefte >der bei^ E. A. Seentann in Leipzig erscheinendenZeitschrift für Düchersreunde" stellt Dr. B o g o n g aus einem nun über hundert Jahre alten Aneldotew-AlmaTrach eine ÄUMhl hübscher alter Lite- ttattlr-Anekdoten zusammMr, die sich an eirckge der bedeutendsten Vertreter unseres 'klassischen Schrifttums bttipsen. Der Held einer dieser Anekdoten ist Schiller, dem eür Reimschmied ein Gedicht

zujr Beurteilung und Anmettkung der etwaigen Fehler überbrachte Schiller bemerkte auch^ wirklich die Hauptmängel und gab das Ge« dickt dann dem Vörsifex zlcrück. Einige Tage nachher kcun dieser abermals Schillern und brachte ihm sein Machwerk zur noch­maligen Durchsicht mit dem Bemerken, daß er die angestrichenen Stellen verbessert habe. Schiller läs es nochmals durch und reichte es' dann dem Verfasser mtt den Worten hin:Vesser zwar als zuvor. Doch, mein Lieber, aus einem Holzapfel wi-^ nie ein Ana­nas." Gl eim war ein abgesagter Feind aller Reime aus seinen Namen!. In ettwc Gesellschaft zu Halberstadt, in der sich auch ein Bürgermeister befaiw, wUrde:r bei Tische aus dem Stegreife Verse gemacht. Besagter Bürgermeister erhob sein gestilltes Glas und begann:Hoch lebe Vater Gleim, Er ist der Freundschaft Leim .. /' Gleim siel ihm sogleich ins Wori tmch rühr fort:lind der Hen Bürgermeister, er ist der Freundschaft Kleister." Kant war in der ÜTtterbaltung bekanntlich ganz und gar nicht der trockene Philo-» soph, sondern ein witziger Männ von Welt. Einmal bemerkte er: Gelehrte Frauen gebrauchen ihre Bücker so wie ihre Uhr: sie tragen sie, damit man sieht, daß sie eine haben, ob sie zwar gewöhn­lich still steht oder dock) nickt nach der Sonne gestellt ist." Ein Ge­lehrter, der ihn besuchte, äußerte im Gespräche mit ibm den be­kannten Spruchs die Milosophie sei die Magd der Theologie. Do sagte Kant:Ist die Philosophie eine Mägd, so ist die Frage, ob sie der Theologie die Fackel vor- oder die Schlepve nacktträgl." Ein paar hübsche Anekdoten gelten Lesking. Als er einst mit einigen Bekannten spazieren ging Und der Weg sie an einem Galgen vorbeifijhrte, an welchem ein armer Sünder hing, sagte einer von seinen Begleitern zu Lkysin-g:Machen Sie doch geschwind eine Grab schritt ans den Geyängtear." Lessing antwortete:Nichts ist leichter. Hier ruht er, wenn der Wind nickt weht." Ter Professor Zachariae in Brannscknveig hatte einen Hang zur Pracht und ver­setzte einst die gairzr Stadt durch seine neue glänzende rguipage m Austregrrng, Mi deren Tür er ein Z anbringen kieß. Als Lessing hiervon erfuhr, bemerkte cr trocken:Zachariae hätte wenigstens kein Z auf den Wagen setzen sollen."Worum nicht?" (ragte jemand.Werrn die Leute ein Z auf dem Wägen sehen, erwiderte Lessing, so werden sie gleich sagen: es ist nichts dahinter."

Heppenheim a. B., 29. November Dem newiugerichteten Heimatmuseum wurden von hiesigen Bürgern zahlretcke tvert- volle Gegenstände und Erinneruu-asstück gespendet, u. a. vor­geschichtliche Waffen, alte FeuerFewshre,^ seltene Handschriften und Trnckwecke. Schmuckgegenstände, altes Haus- und .Hofgerät. Eine besondere MerkwiirdieKvit stellt die von einem Wormser Mechaniker haud g e schm iedete Nähmaschine aus dem IaHrc 1863 dar. Tie Maschine kostete damvcks 144 Gulden und wurde jetzt vou ihren Besitzerin, den GeschwWrn Müller, dem Museum geschenkt.