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Zweites Blatt
Erscheint lägNch mit Ausnahme des Sonntags.
Beilagen: „«teßener Zamittenblatter" und ..«relsblall für den Breis Gießen".
pdstfcheKonto: §r«mkf«tt am Main Nr. ,,686. Bantoertefyr: Gemerdebank Gießen.
General-
,66. Jahrgang
' Anzeiger
ger für Gberheßen
Samstag. ,8. November ,9,6
ZwillingSrunddruck und Der!atz: Brühl'scheUmversitälS-Bnch-u.Ste ndruckc c R. Lange, Gießen.
SchrlfUritung. Geschäftsstelle vnd Vrvckerel:
Schulst ra,;e 7. b eschäs.Silelle u. Verlag: tl,
Schriftleuung: 112.
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Balfours Rücktritt?
• ^ ® auiTie britischen Kabinetts fft wieder einmal
ein Minister reif zum Sturz geworden: Arthur James
Englands Motte. Die Pfeile der iNorthcllffepresse und der „Morning Postt' haben sein An- m der Oeffentüchkeit durchlöchert. Er selbst stellte sich bloß durch die Meinungsverschiedenheiten mit dem Kriegs- Minister über die Leitung des Flugwesens, lvobei Lloyd George als die stärkere und brutalere Persönlichkeit höchstwahrscheinlich Oberwasser behalten hat. Den Rest aber hat derzeitige ^ebensmitteldebcrtte des llnterhanses Herrn ^alfour gegeben. Derrn was da beklagt und behandelt wird, } J uJ ei L ^?oes eine Folge des mangelhaften Flotten- schütze^, für den der Marineminister Großbritannieiis ver- ^.^ortlrch ist. >Ms Balfour im Frühling vorigen Jahres als ^Mitglied des Koalitionskabinetts zu,n Flottenchef aus- gerufen wurde, da sahen seine alten Torhfreunde in ihm den heimlichen ^ttnisterhräsidenten, der bestimmt sei, den verfahrenen Karren wieder ins Geleise zu bringen. Als Nach- ger Churchills im Amte des Flottcnnlinisters sollte er die gehler jenes Bramarbas mnd Pfuschers wieder gut machen. Aber der alte «Zweifler und Zögerer Balfour scheint ba.d gemerkt zu haben, (wie schlecht es mit der angeblich W gesicherten Seeherrschaft Eiiglands (bestellt ist, wie die Ratten, dre man ausräuchern wollte, an dem britischen Schiffsraum nagen, und welcher (unerschütterliche Sieges- touje her „kleinen" deutschen 'Flotte inncwohrtt. Der jetzt p.ojahrrge Balfour ist zu alt, um sich eitlen Täuschungen hinzugeben. Er hatte ja auch zeitlebens trotz seiner inner- politischen Erfolge als Stcvcrtsm-ann niemals eine starke Dand, und seine Gesundheit ließ stets zu wünschen übrig. Aus dieser schlechten Verfassung allein schon erklärt sich sein schwächliches und schwankendes Verhalten während des Krieges. Im Privatleben bereits wieder stark seinen philosophischen und musikalischen Neigungen hingegeben, kam er zum Flottenwesen ohne eine blaffe Ahnung. Und so war auch seine bisherige Amtszeit im Grunde nur eine Wiederholung der Tragikomödie des Dilettanten Churchill. Anscheinend, um dies 'su vermeiden, batte man Balfour zwei alte Seeleute an tue Seite gegeben. An Stelle des Admirals Lord Fisher wurde Sir Henrh Jackson zum Ersten Seelord ernannt und als Berater blieb Sir Arthur Wilson der Admiralität zugeteilt. Jackson ist ein strammer Theoretiker, eine wissenschaftliche Berühmtheit, soll surchtbar viel von der drahtlosen Telegraphie und eleganten Schiffskonftruktionen verstehen, war 1908 vorübergehend Kommandant des Kreuzergeschwaders im Mittelmeer und erhielt im Weltkriege die heikle Ausgabe, in der Dardanellen-Angelegenheit einen 'Ausweg zu finden, was ihm prompt mißlungen ist. Sir Arthur Wilson aber, heßte ein 74 Jahre alter Mann, entpuppte sich als ein. müder, etwas wunderlicher Herr, der vom Ruhme einer überlebten Flottenzeit zehrt und vom Wind, der jetzt in der Nordsee pfeift, glatt hinweggefegt wird. Balfour stand also ganz allein auf sich selbst angewiesen, als es zur Seeschlacht mn Skagerrak kam. Und er zeigte sich dem furchtbaren Schlag, den England da empfing, keineswegs gewachsen. Zuerst, in der Betäubung, eine Hinneigung zur Wahrheitsliebe. Balfour gab die 'furchtbaren Verluste zu. Die britische Niederlage wurde offenbar. i Dann ein nervöses Idingen hinter den Kulissen mit den „besseren Lügnern" und mit sich selbst. Es begann der osfi-!
zielle Pressefeldzug zur Umfälschung des britischen Unglücks in einen britischen Sieg. Himmel und Hölle wurde zusammengelogen, um die gute Haltung zu retten, aber es war wie denn Durchfall eines neuen Stückes im Theater. Anfangs allzu auffälliges Klatschen der bezahlten Clague, dann vereinzelte Zischer, schließlich wütender Protest. Northclifse, alias Alfred Charles William Harmsworth, der Napoleon der Fleet Street, versteht sich auf so etwas. Und als Dal- four anläßlich unseres jüngsten Torpedobootvorstoßes in den Kanal gescheiter fein wollte uüd die Verluste Englands im Admiralitätsbericht verschwieg, da fiel man wiederum erst recht über ihn her. Wem soll ich's nun recht machen? wird Balfour, der ewige „Staatsmann wider Willen", wie man ihn getauft hat, da verzweifelt gefragt haben. Er hat in jüngeren Jahren einst ein großes Werk geschrieben: „Die Verteidigung philosophischen Zweifels". Unterdessen werden ihm besonders politische Zweifel aufgestiegen sein, an sich selbst und an dem Siege Englands. Aber ob er die Lust pnd Krast hat, diese Zweifel in einem dicken Buche zu verteidigen? Die nötige Zeit zum Schreibeu eines solchen Buches dürfte ihm demnächst in vollstem Maße zu Gebote stehen.
Rotterdam, 16. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Ter „Nieuwe Rottcrdamsche Courant" meldet aus London: Gestern kam es im Oberhaus zu einer Debatte über die F u f) r u n ß der Flott e. Lord Sh den Ham richtete Ml die Regierung die Frage, welche Pläne sie für die Bestrafung Deutschlands wegen des Auftretens der Unterseeboote habe. Andere Redner sagten, mau habe das unbehagliche Gefühl, daß nicht alles getan werde, Ivas in der Macht des Landes liege, nur den Feind durch energische Einsetzung der englischen Seestreitkräste zu besiegen. Sie verlangten mit Nachdruck ein energischeres Vorgehen der Admiralität und ein mehr offensives Anftteten der Flotte. Sydenhcrm nahm Bezug auf eine früher abgegebene Erklärung, daß die Flottenpolitik Englands verteidigenden Charakter haben müsse und sagte, diese Lehre bedeute eine vollständige Verlengirung aller Traditionen der Flotte; wenn man sic annehme, könne das leicht zu einer nationalen Katastrophe führen. Lord C r e w e antwortete namens der Regierung: Es wäre unvernünftig, jetzt schon die Politik ftir die spätere Bestrafung des Feindes festzusetzen: vor- läuftg müßten die Kanonen spreckmr. Tie Kriegskoni Mission habe schon vor längerer Zeit die Bespannung der HaiwelSschiffe und die dazu notwendigen Maßregeln erwogen. Die Flotte habe bei Bekämpfung der neuen deutschen Unterseeboote beträchtliche Erfolge gehabt. Er.glaube nicht, daß die Admiralität die Auffassung, daß die Vernichtung der feindliclsen Motte das oberste Ziel der Marine sei. Ml (gegeben, habe. — Die „Dimes" betont nochmals, daß die jetzige Admiralität nicht das volle Vertrauen des Landes genieße. Das Matt ftndet die Rechtfertigung Crewes unbefriedigend und schreibt: Der neue deutsche Unterseebootskrieg werde immerbedrohhicher, das Land sei absolut nickt davon überzeugt, daß die Admiralität dieser Gefahr genügende Mftnerksamkeit schenkt.
London, 17. Nov. (WTB. Nichtamtliche Unterhalts. Im Verlause der Besprechung über die Vorschläge der Regierung zur Leben s mittel frag e beschäftigte sich der Handelsminister Rünciman mit der Unterseeboots- frage und wies darauf hin, daß die Regierung eine Versicherung gegen die Kriegsgefahr einrichdcte und daß die Versicherung sich lohne. Sie begann mit einem Satz von fünf Prozent, ermäßigte diesen aber schnell auf einen Prozent. Dieser Satz blieb während des Krieges der gleiche und wurde erst kürzlich eiu wenig über einen Prozent erhöht, um die Rechnungen in Ordnung zu bringen. Im großen und ganzen gelang es der Regierung, den Plan ans der Grundlage von er rein Prozent durch; u führen. In der Tat sei eine wirkliche Verminderung der englischen Tonnage für
die Lebensmittelzusuhr nicht durch die Unterseeboote ^rurnuÄ worden, sondern durch dre ungeheuren Ansprüche von und Flotte und durch die Knappheit der nvrdamerrkanr.chen Werzer^ ernte, die die Regierung zivang, den Werzen aus Uivttali&l zu beschaffen und so viel nrehr Tonnage in Ani vruch zu n ehmen, Rünciman sprach seinen Tank für dre günstige Ausnahme scrnee Vorschläge Mis.
Rriegsdriefe aus dem Osten.
Bon unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterdatt^ (Unberechtigter Nachdruck, euch auszAgsweise, txxbo&xL)
Bolszowce — eine Stadt in der Front.
Bei Bolszowce, 11. November.
Bei Halicz kommen zwei Eisenbahnlinien zusammen, eine Linie, die von Choderow über Halicz nach Stjanistau ge# undß eine andere, die von Halicz im Bogen über Brezany nach Lemberg) führt. Der Knotenpunkt liegt noch innerhalb innerer Lrnie cott dem westlichen User der Gniür-Lipa. Dann überschreitet die Bahn Gnila-Lipa und läuft von Bolszowoe aus, wo cm Nccraiowka iN die Gnila-Lipa mündet, auf dem östlichen Ufer der Naraiowka. Ter Bahndamm liegt so vom Augenblick des Ueberschceitens der Lrpa zwischen den Stellungen, denn die Russen haben sich auf den Hangen aus der östlichen Seite der Flußsysteme eingenistet und wir am der westlichen, nur die beiden Städte Halicz und Bolszowoe lieben sich, kleine Halbkreise, aus der allgemeinen Linie heraus^ Bei Halicz trennt das breiteingeschnittene Tnjestertal, in dessen Halbbogen die Stadt wie hinter einem mächtigen Festungsgraben liegt, daq beiden Linien, bei Bolszowoe erfüllen zwei Arme der Narajowkce diese Ausgabe nicht nrit der gleick-en Deutlichkeit, so daß man beim ersten Marsch nach Bolszowoe hinein sich kaum zurechtsindet. Sowohl zur Rechten, wie zur Linken, wie zur Front liegen bild serner, bald näher russische Stellungen, und erst nach einiger Zeit findet man sich soweit zurecht, daß man.den Charakter von Bolszowoe als einer vorgeschobenen Festung, die breitere Verbindung mit denk Hinterland hat, erkennt. Vom 281 Meter hohen Rückm des Schloßberges sieht man weit'in das Land nach Norden und Süden; da, wo er nach Osten absällt, liegt ein altes Karmeliverkloster unU darunter die Stadt Bolzoivoe. Auf den Höhen jenseits der Narajowka schanzen die Russen und sehen in die Stadt zu ihren Fußen hinein, genau wie die deutschen Posten jeden Pfahl der russischen: Stellung erkenüen. An dieser gegebenen Lage läßt sick ohn^ weiteres nichts ändern, und so findet man sich von beiden Leiten allenfalls damit ab. Das sühtt zu merkwürdigen Bildern, aber es kommt ja weniger auf das Merkwürdige, als auf das Notwendige an.
?luf dem Höhenzug des Schloßberges geht der Wald bald in Parkanlagen über, und dann kommen zertretene Rasenflächen, über denen sich die Ruinen des Schlosses erheben. Viel mehr ist von dem Bau iricht erhalten. Im vorigen Jahre, erzählt der Ordonnanzoffizier, lag das Generalkommando da. Der Besitzer war ein Armenier, der war nicht allzu freundlich, um so freundlicher war das Schloß nrit weißen Betten und Polsterstühlen und gedeckten Tischen. Tie Vorstellung aller solcher Herrlichkeit in den Zimmern, die voll Schutt und Trümmer liegen, ist schwierig. Nur der Park ist noch geblieben. Fast 7wch arger hat der Krieg in dem allen Karmeliterkloster gehaust: dort hat er nicht ^einmal den Toten Ruhe gelassen. Unsere Soldaten sind dabei, die Särge der Klosterbrüder, die von den Granaten zerworien sind, zu begraben. Die Deckel haben sich gelöst, die dunkellila Kirchenseide bat gelxllten und bauscht sich zu Füßen der Gerippe. Ein Sarg ist wohl zu kurz gewesen, man sieht cs an der Lage des Toten.
Wir gehen die Stellungen entlang, irgendwo neben, vor und hinter den Häusern hindurch. Der Graben schneidet durch die schwarze, fette, so fruchtbare galizische Erde, die Reichtum und Sogen dem Lande geben könnte. Bei einer Stelle hört die Stern*
Knuff nnd Wissenschaft.
— Die Eröffnung des Deutschen Theaters in Köln. Aus Köln wird uns geschrieben: Tie mit lebl)after Span- ,nung erwartete Eröffnung des Deutschen Theaters unter ^der neuen Direktion Wach p!nd Calvo, ckrrch die besonderen Bedingungen der kriegerischen Zeit beträchtlich verzögert, hat jnunmehr am Sonntag stattgefunden. Ter Spieckplan des ersten ^lvends, der die Einakter „Der Puppenspieler" und „D i e ^Gefährtin" von Schnitzler sowie» „Lottchens Ge- sburtstag" von Thoma brachte, zeigte zwar noch keine erkennbare eigene Physiognomie des Theaters, bewies aber, daß «die neue Direktion nach künstlerischen Zielen strebt. Nicht ge- .'ttngere Hoffnungen ettveckte Mich die Darstellung, die unter Spielleitung des Direktors Wach und gestützt insbesondere auf seinen .ausdrucksvollen Puppenspieler im ganzen reckt glücklich war. Das ffast ausvcrkauste Haus und der lebhafte Beifall des Publikums «zeigteir der Leitung, daß man ihr Interesse urü) Bettranen ent- ^egeirbrnrgt, und können ihr zugleich als Ansporn zu besonderen Taten gelten.
— Eine Schwank-Uraufführung. Aus H a m b u r g wird uns geschrieben: Der Urmcfführungsapparat der Hamburger Thtttter spielt gegenwärtig mit einem Hochdruck, der den kritischen Gerst fast beängstigen möchte. Man hat es anscheinend sehr auf die Schwänke^ abgesehen. Im Altonaer Stadtthcater .stellte sich Fritz Friedman n-Frederich mit einem Stück ,.Landluft" vor, das seineir Charaller als „schwankmäßig" s^rusgibt und doch eher als Komödie gellen körrntc. Ein verbummelter Student urid Reserveleutnant, adelig, verdingt sich als Macht auf ein Gut, um seiner Geliebten nahe zu sein Er zeigt chier. daß er im Grmrde doch ein ganzer Kerl ist, und die Landluft ist das gewisse Etwas, das ihn die Arbeit als heilsam empfftidenl läßt. Ein zeitgemäßes Motiv im Sinne der gesellschastlicheic Ausgleiche, wie sie das Schützcncrrabenleben vcrivirklicht hat. Fried- Urann-Frederich wollte in dieser Hinsicht gewiß eine gefällige , Lehre in heiterer Form geben. Tenn nachdeni sich der Knecht bewährt hat, macht der Rcserveleutnant sein Glück bei der schönen Nichte des ostpreußischen Gutsherrn. Der Schwank bringt auch einige wirksame Bilder und Typen ostpreußischer Länolichkeit. ?l!s Ganzes macht er den Eiitdruck eines breit gezogenen Dialogs. Das Publikuni heigte sich zu freundliche in Beifall geneigt.
— Eine neue Komödie von Kurt K ü ch l e r. Aus B remen wird uns geschmebert: „Die schwarze Perl e", Komödie in fünf Akten von Kurt Küchler, kam im Bremer Stadltheater zur. Uraufführung. Der Name des Stückes bezrcht sich auf ein Kleinod von blendender Schönheit und ungeheurem Wjett, das der Generalkonsul Thomsen verliert, als er gerade seine Heimkehr nach Europa aus seinem gewaltigen Insel reich nn Stillen Ozean feiert,, und das sein Freund der Dichter Molkenreiter, im Verlaufe dieser Feier fiitbet, aber nicht zuruckgckt, well es ihn reizt, Mkch einmal Gebieter eines für seine ewig verschuldete Lage fabelhaften Vermögens zu sein, aber noch melmeln nch in Muße anr- Anblick der schwarzen Schönheit r>es Ä'ceergs, dre er inüt eckter .Mustlerschwärmerei bewmrdert, zu wnuen. Ta bricht, während der Generalkonsul noch die Polizei rer verschtmlndenen^ Perle uachsetzt, sein Vermögen zusammen, die .mein werden durch einen Bultärwusbruch oernichtet, ''ine große '^vekulatton )&4äQt fehl und zu allem Unglück hat Fritz Molken
reiter kurz vorher entdeckt, daß die LiebeÄverbungen seines Freundes Thomsen auf seine Frau rricht ohue Wirkung geblieben sirrd. Ta zertritt er die Perle, die er gerade ihrem Besitzer lratte zurück- gebeu wollen. In seiner Erregung gesteht er Thomsen alles ein, und hält ihm, der auf die Wiedergewinrmng der Perle nvck) feine letzte Hoffnung gesetzt batte, vor, daß er ihm. dem armen Enterbten, noch viel nrehr habe nehmen dft er ifyraj das Hcrjz
seiner Frau zic' entwenden versuchte. So kommt es zur Aussöhnung uird die bcideir Freunde wenden sich frischen Mutes der Aufgabe zu, ihren Lebensplan von neuem zu entwerfen. Tie Komödie, die bei manchen Scknvächen ein besonders am Schluß lnr- vorttetendeS .unterhaltendes Tlseaterstück nrit lebcusvoll gezeich- ueten Gestalten und feinem, klugem Humor ist, fand eine sehr freundliche Aufnahme. Ter Spielleiter Dr. Alwin Ronacher hatte ftir flottes Tempo und künstlerische Einhelllichkeit gesorgt,
— Römische K i n o g e s ch i ch t e n. Wie f ich im Straßenbilde Roms die Anpreifimgen von Kinovorstellungen in martt- fchreierifcher Weife hervordrängen, ebenso spielt das Kino im Leben des römischen Bürgers eine hervorsteckZ.'nde Rolle. So war es schon in Friedenstagcm im ewigen Rom, und jetzt lwt die Kin-o- leidenschaft groß und klein am Tiber, noch mehr imterjocht. Und die Römer, die ohne allzuviel zu murren - wie wenigstens der Berichterstatter der „Temps" versiaiert — aus Weißbrot verzichteten, die gelassttr blieben, als die Kaffeehäuser und Lokale um 10'Uhr geschlossen wurden — diese selben Römer sind außer sichi vor Empörung, seit das Genlcht umgeht, daß man die Kinovorstellungen, wenn auch nickt vollständig streichen, so dock einschränken wolle, um das elektrische Licht zu sparen. „Kern KAno mehr des Abeirds?! Dieses einzige Vergnügen, das uns noch blreb.'", schreit alles entrüstet inrd vor den Tlmren der Kinotl-cütcr drängen sich noch weit begieriger als vorher dichte Mengen, um die Kinosucht noch solange es irgend geht, zu befriedigen. Neben .vielem Sch>mrd sind in den römischen Kinotheatern in letzter Zeit ein paar ansckxünend reckt gute Filme vovgeftckrt worden. Sehr wirkungsvoll, nmß das Filmdraina ..Der Wahnsinn des Kaisers Ealigula" sein, sind dock alle ILaturbllder, die int Stücke vorkoannen. in der römischen Landschaft ausgenommen nvrden, und die kaiserlichen Paläste nack den jüngsten Entdeckimgen aus denc Palatin aufgebaut. Auck ist hier, wie in einenr klassischen Stücke dre Einheit des Ortes, der Aeit und vor allem die dcft Handltnrg innegehalten worden. Als Glanzpunkt des Stückes gilt der Tanz der Napierkbwska, die vor CaliMrla als Sklavin zu tanzen hat. Der Held des Dramas, der Führer der Legionäre, wurde vvü einem Schauspieler dar^stellt. den sich die Römer jetzt besonders viel ans-ehen werden, da er in der Jsvnzoschlacht inzwisckerl gefallen ist. Das Beste aber, ivtis die römischen Filmlüruser hervorgebrackl haben, ^rst eine Darstellung des Lebens Christi. Der Verfasser dieses Films, Fauste Salvatori, ging mit seiner ganzcm Truppe nach Aegypten, reiste zum Toten Meere, irack> Jericsalem, Bethlehem nsw. und stellte dadurch ein Stück znsanrmen, in dem alle Orte wirklich bibliches Gepräge tragen Dabei Hütte der Autor einmal bei der Szene, die in Aegypten bei den Pyramiden spielt, wo die lJlungfran auf der Flucht nrit drei Karawanen zusammentrifft, ttncn recht berühmten Mitarbeiter nämlich Lord Kitchencr. Die nahezu 9000,Mensckpn mit Pferden unb Kamelcur, die zu dem Bilde nötig waren, wurden von den e^rgln'cken Tnippen in dlegyyten aeliesert Al.- diese große Menge sich nickt gleich der
Kinodarstellnng anpassen wollte, wurde Kitchener ungeduldig, brachte mit seiner scharfen Befehlshaberstinune Ordnung in die Aufstellung der Soldaten, und erfüllte damit zum ersten und auch zum letzten Male das Amt — eines Kinoregisseurs!
— Shakespeare in Rußland. Erst in den allerletzten Jahren ist den Russen ein gewisses Verständnis für Shakespeare aufgedämmerl, mie ein englischer Schriftsteller, A. Nicoll. in der „Times" auseinandersetzr, und die Versuche früherer Jalwhundcrte — so berichtet er — Shakespeare in RußlMld einzuiühren, haben keinen Erfolg, aber eigentümliche Ergebnisse erzielt, einerlei, ob es Russen oder .Anslärrder waren, die Shakespeares unsterbliche Werk nach Rußland verpflanzen wollten. In der zweiten Hälfte d«^s 18. Jahrhundetts brachte der rnssische Dichter Sumarakow, den die Russen als ihrem „Racine" zic bezeichnen lieben, mna Hamletülwrfetzung heraus, dvcks war diese Uebersetzeurg mehr als irei. Nicht imr, daß Sumavakwo völlig im Banne der französischen Theaterkunst stand, nein, er bar auch ein paar fast unbegreifliche Eigenmächtigkeiten begcnrgen, so daß sein Hamlet mit dem Shakespeares 'lvobl den Namen, aber nickt das Wesentliche gemeinsa-m bar. Ganz abgesehen davon, daß viele 0>estatten des englischen Dichters durch Typen ersetzt worden sind, die dem Russen lieber waren, so bat er and den Geist von Hamlets Vater kurzerhand gestrichen und die Fabel dadurch, wesentlich) umgestaltet, daß im ersten Ackte die Königin ihrem Sohne ein volles ÖKständnis der Wahrb.-ft al>- lcgt! Kaiserin >katbarina II., die deutsche Fürstin am dem Throne Rußlands, die selbst eine Reihe von Dramen geschrieben l>rt, hat aircfj ein paar Werke Shakespeares bearbcllet. allein auch) n-re Shakessxrnre-Bearbeitungert sind so, daß man sie l)cute kawn <lls Bearbeitungen anerkeimen würde, wenn auch nicht zu leiurmm ist, daß sie reich an Anlehnungen an Shakespeare fiub. Aus Shakespeares „Timon" hat sie beispielsweise eine Komödie aemock.t. und die „Lustigen Weiber" sind in ,brer Hand eine Art Blld aus dem russischen Leben geworden. An Stelle Fallstaffs steht lwi ihr Jakow Wlassesvitsck Polkakow, ein ecktcn- Russe seiner Zell, nrrd mis Frau Hurtig ist gar unbegi-eiftichernvise eine Französin namens Frau Kiela geworden, die llsves Zeichens Händlerin ist! Die Kaiserin Mtlurrllm II. Ijajte eure <M>ße Vorliebe ftlr die Deutungen Voltaires Und die Frrrrrzoserr überlvupt und so war ed ihr rmmöglick. derr echten Shake sperre ohne Veräirderimgen nach Run- lmrd izu bringen. In der zlvellen Hälfte des 18. Jalrrhundert» kamrrr aber' dennoch berells wirklich.' llebersetzrmgrm mis dem Sbrkespaare mich ^tußlarrd. So veröffentlichte int Jahre 1772 Rowikow rtn Stück aus „Romeo und Jrklia" rmd „Hamlets Monolog". „Sein oder dlicktsein" erschien in einer russischen Zeitschrift übersetzt mit einer Einleitung von E. M. Wesckt,ckwN>. in der ein Vergleich mit einer llebersetzung Voltarres gegeben rrnd miseimuidergcsetzt Nmrde. daß Shatespeare» (Rüst dem nifftfdjeit Volke naher snurde. als den Franzosen. Werng schrter. 1778. erschien Ril'.rrd III „Eine Tragödie von Dimkesr>eare, der im 16. Jabrhuirdert lebte und 1576 (!) starb, übersetzt aus denr Französischen irr Nisckmi- ^t'owgorod." Diese llebersetzung mit den falschm Angaben rvar eirr Balmbrecher für rvellerc rrnchr oder rrnnd^'r vollstzirrdra. ruffi -<v Shakespeare ?lltSgahen: vor ?lblmrf des Jahrckunderts errchren eure ganz erträgliche llehersetzrmg des „Julftrs Cäsar" von Karasim. und wenig iväter b^rnn Polewoi die erste nnrklrä'e lieberietznug -X '7 Werke Shakcspearo5. Aus die russische Bülme ist Sbneimrr ftriffch erst später gckonrnren.


