Wt.2T\ Zweites Blatt M. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Beilagen: „Gietzener Zamilienblätter" und „Kreisblatt für den Ureis Sietzen".
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General-Anzeiger für Gberhefjen
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Zreitag. \T. November W6
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Anschrift für TrahtiachrlchtenrAnzeigerGteßcn.
A«s Hessen.
rb. Darmstadt, 15. Nov. Ter ErsteundZweite Au s- schNß der Ersten Kammer traten heute zir längeren Beratungen mit Großh. Regierung zusammen, die drcrch die drer Minister und mehrere Kommissarien vertreten war, um die von der Zweiten Kammer erledigten Vorlagen, Anträge usw. für die Beratung im Plenum fertigzustellen.
Der Erste (Finanz--) Ausschuß trat im allgemeinen den Beschlüssen der Zweiten Kammer bei, so in betreff der Staatseinnahmen und -ausgaben Ur das Etatjahr 1912 und der 'Anträge Calman über Kriegscrn ährungsftagen, sonne Ergänzung bet Verordnung, betr, Geschäftsaufsicht über die Abwendung des Konkursverfahrens.
Der Zweite (Gesetzgebtungs-) Ausschuß beschäftigte sich mit der Regierungsvorlage über den Entwurf eines Gesetzes, betr. die Berufungen und Wahlen, zum 37. Landtag, und stimmte dem Gesetzentwurf nach dem Beschluß der Zweiten KamMer zu, desgleichen dem Gesetzentwurf, betr. die Belastung von Grundstücken mit vererblichen und veräußerlichen Ab banrechten. Die Nachmittags- frtzung des Ausschusses dehnte sich bis abends 7 Uhr aus.
Die Erste Kammer tritt voraussichtlich noch Ende November Zur Abhaltung ihrer Pleuarbecatung zusammen.
rb. Darm stad t, 15. Nov. Teck Finanzausschuß der Zweiten Kammer trat heute nach mehrwöchiger Pause wieder zur Erledigung verschiedener Beratungsgegenstände zu einer Sitzung zusammen, der als Regierungs Vertreter die Herren Staatsminister Dr. V. Ewald, Minister des Jrrnern v. Hvmbergk, Finanzminister Dr. Becker, Staatsrat Hölzinger uw> Ministerialräte Schliephake und Hellwig beiwohnten. Nachdem der Ausschuß die Rechnungsvorlage von Einnahmen und Ausgaben der Landes-Kreditkasse für das Rechnungsjahr 1913 genehmigt hatte, erfolgte eine Längere Erörterung über die Regierungsvorlage, die Abänderung! der Hundesteuer betteffend. In der Vorlage wurde bekanntlich beantragt, die Hundesteuer, in Gemeinden Mit mehr als 3000 Einwohnern um 10 Mk.. also auf 20 Mk. tzu erhöhen, in Gemeinden mit weniger als 3000 Einwohnern dagegen den Satz von 10 Mk. zu belassen. Der Ausschuß beschloß Mit Stimmenmehrheit, einen einheitlichen Satz von 2 0 Mk. für Stadt und Land festzusetzen. Ausgenommen von der Besteuerung sollen sein: die Tiere von Hundezüchtern, die zu wissenschaftlichen Zwecken dienenden Hunde und die Sani- täts- und Polizeihunde. Die Regierungsvorlagen, betreffend die Beteiligung des hessischen Staates an der Landwirtschaftlichen Betriebsstelle für 'Kriegswirtschaft, an der Rei chs-Gersten-Gesellschaft, der Reichsftelle für Speisefette und an der Reichs-Getreide- stelle wurden vom Ausschuß genehmigt. Eine Vorstellung des Vorstandes des Kaninchen-Zuchttiereins „Einigkeit" zu Raunheiin um Unterstützung für seine Preisverteilung lvurde abgelehnt, eine Vorstellung des Rechnungsrats Schömer uw Umwandlung seiner Stelle in eine gehobene wurde im Sinne des Regierungsbescheides für erledigt erklärt. Am morgigen Donnerstag wird der Erweiterte Finanzausschuß (Kriegsausschuß) zu einer Beratung zusammentreten.
preußisches Abgeordnetenhaus.
38. Sitzung, Donnerstag, den 16. November,
Präsident Gras v. Schwerin eröffnst die Sitzung 2 Uhr 15 Minuten mit einer vaterländischest Anfprache, in der er u. a. sagte: Unter Anspannung ungeheuerlicher, immer erneuter Kräfte und militärischer Mttek haben unsere Feinde unsere Front im Osten und Westen und Süden zu durchbrechen versucht. Aber alle diese Anläufe sind an der beispiellos heldenmütiges Tapferkeit unserer herrlichen Truppen gescheitert, und fte werden auch weiter scheitern. (Lebhafter Beifall.) Bombenfest, wie Hrndenburg sagt, steht auch heute noch unsere Front im Westen wie im Osten, und bombenfest wird sie stehen bleiben mögen unsere Feinde dieses nutzlose Blutvergießen fortsetzen, solange sie wollen. Wenn in dein letztvergangenen Jahre durch eine besonders ungünstige Ernte unsere Vorrats versorgun g bedroht schien, so ist jedenfalls in diesem Jahre durch euren bei
spiellosen Rückgang der ganzen Getreideweltproduktion die Vorratsversorgung unserer Feinde wesentlich stärker bedroht als die unsrige. (Lebhafte Zustimmung.) Fehlen doch heute, selbst nach englischen Berichten, an der Vorratsversorgung der Ententeinächte nrindestens ein Drittel der dazu erforderlichen Mengen BrotftUcht, und auch die übrigen zwei Drittä hereinzubringen, wird hoffentlich
der Entente durch nnsercU-Boote vccht sauer gemacht nuerden. (Lebhafter Beifall) So meine Herren, haben Nur nicht die allermindeste Veranlassung, Ms in der unerschütterlichen Zuversicht aus unseren endgültigen vollen Sieg wanken machen zu lassen. Ich hoffe, daß auch die Verhandlungen des Abgeordnetenhauses wieder ganz und gar getragen sein werden von dieser festen Zuversicht uud von dem unerschütterlichen Siegeswillen, welcher Gott lob noch heute wie am ersten Kriegslage unser ganzes Volk beseelt.. (Lebhafter Beifall)
Auf der Tagesordnung stand als einziger Gegenstand die Vorlage über die Gewährung einer Entschädigung an die Mitglieder des Abgeordnetenhauses. Die Regelung erfolgt ähnlich wie im Reichs t age. Teu ?lbgeordneten wird eine feste Jahressumme von 3000 Mark und freie Fahrt während der ganzen Sitzungzeit gewährt. Die Vorlage geht an einen Ausschuß von 2 8 Mitgliedern.
Nächste Sitzung: Freitag 3 Uhr: Verordnungen und Anttäge, darunter ein Antrag über die Teuerungszulagen für Beantte usw.
Schluß 23/4 Uhr.
rmegsbrr'efe aus dem Osten.
Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Siegreiche Kämpfe an der Narajowka.
Am Dnjestr, 15. Nov. 1916. .In der Nacht vom 14. zum 15. November haben die Russen mit stärkeren Kräften wiederum versucht, das am 10. November verlorene letzte Stück ihrer Stellung auf den Höhen südwestlich Fotw. Kva.su ole sie wiederzugewinncn. Ohne Artillerievorbereitung arbeiteten sie sich in. der Nacht plötzlich vor; dichtes Schneetreiben begünstigte ihren Ueberfüll. Sie gelangten in die deutsche Stellung nach erbittertem Nahkamps hinein. Die russische Artillerie hatte vom Augenblick des Nahkampfes an starkes Sperrfeuer hinter das Grabenstück gelegt, um unsere Reserven am Eingreifen zu verhindern. Trotzdem warf ein schneidig durchgeführter Gegenstoß die Eingedrungenen schon um 3 Uhr nachts ans der Höhenstellung hinaus, wobei die Russen im wütenden Handgranatenkampf sehr schwere Verluste erlitten. Zwei Offiziere, über 50 Mann von drei verschiedenen Regimentern wurden gefangen genommen. Die Stellung war wiederum restlos in deutscher Hand.
__ Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
In hindenburgs Brief an -en Reichskanzler
standen außer den mitgeteilben Stellen noch folgende Schlußsätze:
Ich habe den Eindruck, daß der beste Mille und die Tatkraft Unserer in ihrer Tüchtigkeit und Lauterkeit' unübertroffenen Beamtenwelt mürbe wird durch das Bestreben, in langwierigen Beratungen den Bedenken aller Art möglichst gerecht zu werden. Unent- chlossenheit ist oie Folge.
Eure Exzellenz wollen die darin liegende Gefahr nicht verkennen. Das Volk will starke, entschlnßkr ästige Beamte sehen, dann wird es auch selbst stark sein und mancher Unbequemen Maßnahme willig sich beugen.
Die „Franks. Zta", der wir den Wortlaut des Briefes entnommen hatten, hatte diese Schlußstellen aus Versehen we-ggelassen.
Unsere Abfallverwertung und ihre Organisation.
In dieser hochernsten Zeit, wo zur Rettting des Vaterlandes alle Kräfte aufs höchste angespannt werden müssen, ist cs auch unsere Pflicht, so sparsam als nröglich zu wirtschaften und nichts verloren gehen zu lassen, was noch irgendwie verwertbar ist.
Es handelt sich also darum, aus unseren häuslichen Abfällen alles herauszuholen, was sich verwenden läßt, Ivenn es in Massen zusammen gebracht wird, und die Erfahrung hat gelehrt, daß hierbei ganz riesige Werte wiedergewonnen werden können, wenn die Sache richtig angefaßt wird.
Nehmen wir als Beispiel die Konservenbüchse. Einzeln ist sie ganz wertlos, auch mehrere Hunderte, ja mehrere tausend Stück haben noch kaum einen Wert, man muß schon 5000 Kilogramm d. h. mehr als 100 000 Stück beisammen haben, wenn sie der Neusabrikation mit Vorteilzugesührt werden sollen. Diese Blechgefäße aller Art werden gesammelt, uw! das in winzigen Menge daran haftende Zinn wiederzugewinnen, denn Zinn ist heute für uns kostbarer den je zuvor, Md es inüssen daher auch alle stark zinnhaltigen Körper, wie Stanniol, Tuben, Kapseln, Silberpapier nsw., sorgfältig gesammelt werden.
Von den Blechbüchsen nnrd das Zinn in großen Oefen mittelst glühendheißem Ehlorgas abgetrieben und als Chlorzinn wiedergewonnen, während das entzinnte Eisenblech wieder zu Eisen geschmolzen lvird. Es geht also nichts davon verloren, und doch kann die EntzinnuNgs-Anstalt nur 4 Mark für 100 Kilogramm Blechbüchsen zahlen, wenn niindestens 5000 Kilogramm am Güterbahnhof zusammen sind.
Neben dieser Geringwertigkeit haben sie noch! die unangenehme Eigenschaft, außerordentlich viel .Raum zu beanspruchen. Man kann sie daher nicht verpacken und auck;, Nicht als Stückgut versenden. Ter bloße Verschleiß eines alten Sackes ist sck-on wertvoller als der Inhalt an Blechbüchsen; Kisten lohnen noch weniger, und Fuhrwerk würde natürlich viel zu teuer stehen. Es muß also dafür gesorgt werden, daß für yt euren gewissen Bezirk eine Lagerstelle direkt an einem Bahngleise vorhanden ist, welcher die aus dem Land gesammelter Büchsen durch Gelegenheitsfuhren umsonst zugeführt und hier in Waggons gestampft werden. Soweit sich Stückgut- sendungen nach den Lagern hin nicht vermeiden lassen, empfiehlt es sich, die Büchsen mittelst eines schweren Stößers platt zu schlagen: außerdern ist aus ein Entgegenkommen der Eisenbahn hinsichtlich Fracht und Verpackung zu rechnen. In den großen Städten ist die Verwertung natürlich! einfacher, weil dort große Masserr zusammen kommen, doch heißt es auch .hier rationell handeln, wenn etloas dabei herauskommen soll.
Zum häuslicher! Abfall gehören auch die Obstkerne, deren Sammlung zur Gewinnung von wertvollen Speiseöl und Fett für die Seifenbereitung geschieht. Auch hier ist der Wert so gering, daß sich z. B. die Verarbeitung von Pffrsrfch- und Aprikosenkernen schon nicht mehr lohnt. Tenn sie enthalten 94 Prozent Stein und 6 Prozent Mandel und 1 Zentner Kerne gibt darum luxfc nicht 1 Pfund Oel, weshalb sich weder Fracht noch Arbeitslohn bezahlt machen. Günstiger liegen die Verhältnisse bei den ZWetschen und noch mehr bei Kirschen. Wenngleich auch hier nur wenige Prozente Oel zu gewinnen sind, so verspricht doch der Erfolg in diesen! Jahre durch fleißiges Sammeln und ZusaMmenbringen großer Massen, im Verein mit den wert mehr lohnenderen Wildfrüchten, insbesondere Bucheckern, ein weithin fühlbarer zn werden.
Wenn man aber große Massen ohne erhebliche Kosten sammeln und verwerten will, so gehört dazu in erster Linie eine gute Organisation. Diese hatte im Großherzogtum Hessen der Alrce- Frauenverein durch seinen kriegswirtschaftlichen Ausschuß im Einvernehmen mit deM .Großh. Ministerium des Innern und dem Landesverein vom Roten Kreuz und mit Unterstützung der Kreisämter geschaffen.
In fast jeder noch so kleinen Gemeinde Hessens wird von den Lehrern mit Hilfe der Schüler gesammelt und das Material in die Sammelstelle der größeren Gemeinden gebracht, welche hinsichtlich der Verwertung .des Gesammelten, durch die Leiter der Kreis-Sammelstellen angelertet und unterstützt werden, während diese vom Geschäftsführer des kriegswirtschaftlichen Ausschusses Anweisungen und Auskünfte erhalten. Wünschenswert wäre nur
Lürtische Ariegsfahrten eines schwedischen Dichters.
Graf Birger Mörner, als Persönlichkeit wie als Dichter eine der charaktervollsten Erscheinungen im modernen schwedischen Leben, zugleich ein vielerfahrener Weltwanderer, hat zur Kriegszeit erne Fahrt -zu den Türken gemacht. Das sind alte Freunde von ihm Denn Gras Mörner hat im Orient viel Gelegenheit gehabt, das Volk Mohcmrmeds kennen zu lernen und er hat auf Grund seiner Studien eine ausrrckstige Neigung für die Osmanen gefaßt. Jetzt wollte er sie aüch in der großen Krise und dem Aufschwünge des Weltkrieges sehen, und was er da erfahren und erlebt hat, das hat er, ein Dichter, ein Reisender und ein Weltmann zugleich, dazu auch ein Stück Soldat, in einem seinen kleinen Büchlein beschrieben, das unter dem Titel „Beim Volke des Propheten", von Pauline Klaiber übersetzt, denrnächst bei Georg Müller in München erscheinen soll. An dem türkischen Soldaten, den Mörner zu Wasser wie zu Lande im Kampfe gesehen, konnte er seine Helle Freude haben: o piese türkischen Soldaten, diese schweigenden, geduldigen, anspruchslosen Menschen! Gelassen schreiten sie zum Angriffe, als gälte es nur, ihre weidenden Esel zu suchen — so kennzeichnet er sie, und der Feldmarschall hat ihm einmal erzählt, der türkische Soldat verstände keinen Spaß: „Ob tot oder lebendig immer chehiMen sie sich> von ihrem Opfer'eine bestimmte Trophäe mü Wie sich die Indianer mit dem Skalp des besiegten Feindes schmücken und die Schwarzen der Salomoninsel den Unterkiefer des Getöteten aufbewahren urrd die Papans den ganzen Kops der Erschlagenen so bemächtigen sich die türkischen Soldaten des Schuhwerkes ihrer Feinde. Me oft erblickt man an der Front einen türkischen Soldaten in englischen Stiefeln, die vielleicht aus Bond Street in London oder Bitt Street in Sidney stammen. Ern türkischer Offizier erzählte mir einmal, ein Unteroffizier seiner Kompagnie sei zu ihnr gekommen, um zu erwirken, daß in der Nacht ein Sttirm- angriff gemacht werde. Wozu? fragte der Offizier. — Es wird Winter und uns frieren die Füße, antwortete der Sergeant!"
Seck Mörner die Türken zuletzt geseoen hatte, hatte sich vieles geändert. Der „kranke Mann" war kerngesund und stand Mrs der Halbinsel Gallipoli, die für die englischen Angreifer eine wahre Hölle wurde, und Liuran-Sanders, der deutsch-türkische Feldmarschall, befehligte das unüberwindliche Türkenheer. Graf Monrer hatte Gelegenheft, ihn in' seinem Hauptquartier zu besuchen. Es war eure geheinmrsvolle, namenlose Hauptstadt, eine unterirdische Residenz, die über 1000 Personen und nrehrere hundert Pferde barg und doch niemals von ftgend einem feindlichen FIreger entdeckt wurde, so oft sie auch darlrber kreisten. Des Feld- marichalts Wohnung, bestehend ans zwei Zimmern, deren Decke in gleicher Höhe mft dem Erdboden war, und der Erdboden selbst war mit Zwergen und Rasen dicht bedeckt. Den Feldnrarschall ^.iman von Sanders beschreibt der Schwede als einen Mann 50 und 60, jugendlich, spannkräfttg, einen unerhört Uerßrgm Arbeiter, der die Einsamkeit liebt. „Noch ehe die Sonne ihren Tageslauf beginnt, ist er an der Arbeit. Sein bescheidenes man nrmmt er ernsanr ein, aber jeden Tag besichtigt er in eigener Perion ernm Teil der Fronten. Durch sein Arbeitszimmer ffutet cm ununterbrochener Strom von kommenden und gehenden Ordon- Kurieren, Fliegern. Es geht zu, wie am Flugloche emes Bienenstockes." Zur Schilderung seines Charak
ters erzählt dNärner eine sehr hübsche Anekdote: „Ungefähr um dieselbe Zeft, Nw ich Konstmrttnopel verließ, hatte sich ern Gerücht verbreitet es sei den Engländern gelurrgen, bei Anaforta die tür-> kischim Linien zu durchbrechen. Eine Person, in Stambul unterrichtete den Marschall schriftlich von diesem .Gerücht und setzte hinzu, es habe unter dem levantinischen Teft der Bevölkerung, so starken Glauben gesunden, daß^ sich Leute bereits Fenster in der Perastraße mieteten, um den Einzug der Truppen der Entente mitanseheii zu kömren. Darauf antwortete der Feldmarschall nur: „Bitte, mieten Sie auch mir ein Fenster!" — Eines Tages ließ der Feldmarschall seinem schwedischen Gaste mftteilen, am nächsten Vormittag werLe an der nördlichsten der drei Fronten der Ana- sorta-GruPpe ein großer Arttllerieangriff aus die englischen Schützengräben stattfinden, und zeittg am nächsten Morgen begleitete Mörner den Feldmarschall (nebst einem. Adjutanten) in die Berge. Nach einer Krafttvagenfahrt ging es zu Pferde weiter, in halber Höhe der Berge wurde aügesessen, es folgte ein Aufstieg durch Gestrüpp, und plötzlich sah ^ Atörner vor sich ein von hohen Bergen umgebenes Tal, das sich bis zum Meere mstreckte; vor ihm tauchte aus dem Morgennebel die hohe Felsinsel Jmbros aus dem Aegäischen Meere auf. „Mngsum lautLose Stille. Tie Sonne leuchtete über denr friedvollen Tale und warf einenAblauen Widerschein auf die hohen Bergketten. Weit draußen am dem Wasser lageii in emer langen Reihe friedlich und ruhig wie ein Zug schlafend er Riesendelphine eine Menge Dampfer. Der Feldmar- schall, der neben mir stand, schaute auf seine Uhr. Noch vier Minuten, sagte er, wie zu sich selbst. Dann reichte er mir sein Fernglas. „Hier unten liegen englische Truppen," sagte er, „sie haben die ganze Strecke vom Meer her in halber Breite bis zum Fuße dieses Berges inne, aber inan sieht sie nickst, denn sie haben sich erngegraben. .Unsere Truppen Iwgai unter uns und a!uf allen Bergan ringsum, die ja die Engländer, wie sie nach Hause berichtet haben, eingenommen haben wollten. Sehen Sie die weißen Punkte dort ünten in der Nähe des Wassers? Von weitem ^ehen sie aus, wie eine Schar Gänse. Das sind englische Hospftalzelte. Sehen Sie die Schwalbennester dort oben auf den Berghängen? Dörfer, die der Feind zusammengeschossen hat." Wieder schaute der Feldinar- schall auf'seine Uhr und runzelte die Brauen. „Neun Uhr!" saIte er. Aber in demselben Augenblicke brach es los. Kanonen donnerten plötzlich auf allen Seften um uns her. Alle Berge schienen mit einem Male lebendig geworden zu sein, als wären hundarte von kleinen Vulkanen am Ausbrechen und hätten ans ein gegebenes Zeichen mrgefangen, Rauch auszuspeien...
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^ neues Museum in Stockholm. Wie aus
Stockholm berichtet wird, ist die schwedische Hauptstadt um ernen neueu Monumentalbau bereichert worden. Es hmrdelt svtz um das neue, soeben eingewerhte Gebäude, ,in dein die reichhalÜM« naturunssenschafttichen Sanrnrlungen der schwedischen LLkadeurie der Wilstnschafteu untergebracht sind, einen großen Bau des modernen Baustils, der Monunrentalftät und Zweckmäßigkeft in glückliche Werie zu verknüpfen sucht. Nam-rntlich die eigenartig gegliederte strndwejiiajfade des Baues ist von Porteityafter Wirkung. Die Steck- holmer habm übrigens recht lange aus dieses neue Museum warttu müsien. Volle 14 Jahve sind vergangen^ seitdem ein FUnftnänuer-
ausschuß der Akademie der Wissenschafteir den Neubau beschlossen hat; vor sechs Jahren ist die Grundsteinlegung erfolgt, aber der Bau hat viel längere Zeit in Anspruch genomnren, als mün erwartete. In beschränktem Maße waren die Sammlungen übrigens vor der amtlichen Einweihung Besuchern bevefts wieder zugänglich gemachlt worden.
— Die russisichen Theater- und Filmbühnen — ern Staats Monopol. Eine einschneidende Neuerung wird, wenn nian einer Mitteilung des „Journal des Döbats Glauben schenken darf, in Rußland auf dem Gebiete der staatlichen Monopolisierung geplant. Man geht nämlich nach dem sranzösi- schen Blatt mit der Absicht um, die Theater- und Filmbühnen rn Rußland irnter ein einheitliches Staatsmonopolgesetz zu bringen. Danlit werden angeblich zwei Ziele verfolgt: erstens eine Vermehrung der Staatseinnahme und zweitens die Möglichkeit ständiger Beeinflussung der Volkserziehung von der Bühne und der Filmleinwand herab. Der Staat würde nicht nur ernen beträchtlichen Teil der Kasseneinnahmen für sich beanspruchen, sondern auch für die Zusammenstellung des Spielplanes maßgebend sein. Der „Rjetsch'' meldet hierzu, daß der Präsident Stürmer dem Zaren ein Projekt in diesein Sinne unterbreitete und daß der Zar demselben sehr günsttg gegenüberstehe. Es soll sogar schon eine Persönlichkeit Kr die Leitung dieses neuen Theater- und Filmamtes in Aus,icht genommen sein, und zwar ern bekannter russischer Impresario. Ein von der russischsn Regierung festgesetzter Theaterspiclplan dürste, wie man annehmen Knn, die Thoaterfrendigkeit des Publikums so herabmindern, daß das Mompol wohl kaum große Einnahmen zeittgen würde.
— Lebensmittel statt Applaus. Die Erfindungen über Berlin und Wien, die eitrigst von der französisckien Presse ver- öNentlrcht werdeir, sind trotz allem Phantasiereichtuni meist so gleichartig rn rhrer Banalität und Dummheit, paß es sich erübrigt, sie zu berichten, da sie überdies ganze Bände zu füllen vermögen .Der neueste „mrthenttsche Bericht", dein der Jwtransigeant bringt, 'übersteigt aber derart alles Maß des Phantastischen und ist dabei so unfreiwillig kvmisch, daß er wiedevgvgeben sein mag:, In Wien und Berlin, so erklärt das Pariser denken die Leute überhaupt nur an die Möglichkeft, sich sätttgen '$11 ftxmtm. Dieser Gedanke beherrscht alle Kreise vollkommen, und auch'die Schauspieler jagen nicht mehr dein Ruhm, sondern den Nahrungsmitteln nach. So trat Unlängst einets Abends eine beliebte Schauspielerin, als das ganze Haus applaudierte, vor die Rampe und ries 'ins PubMrm: ,-Jhr Idioten, statt zu applaudieren, könntet Ihr mir lieber Reis und Mehl nach Hause schicken!".Am nächsten morgen !var ihr Wunsch erfüllt, und seitdem werden in den Theatern allabendlich den beliebten Schauspielern und Schauspielerinnen als Gnnstbetveis kleine SäckckM mit Reis, kleine Packete mit Würstchen, harten Eiern und sauren Heringen auf die Bühne geworfen!
— Henryk Sienkiewiczf. Der polnische Dichter Henrt)k Sienkiewicz ist am Mittwoch abend in Bevey gestorben. Sten- kiewicz, der während des Krieges zunächst in Wien, dann in Warschau gelebt hat, hielt sich seit einiger Zeit aus Ottsundhefts- gründen in der Schweiz auf. Polittsch ist Sienkiewicz kaum hervor- getreten; eine Einladung Jofsres zum Besuche der ftailzösischen Fwnt lehnte er seineMft ab.


