Nr. 269
Zrvettes Blatt
M. Jahrgang
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Beilagen: „Giehener Zamilienblatter" und „Nreirblatt für den Kreis Gießen".
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-Anzeiger für Gderheffen
Mittwoch, lö. November M6
ZwillingSrunddruck und Verlag: Brühl'scheUnwersitäts-Buch-li.Stemdruckecei.
R. L an g e, Gießern
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Schulstcaße?. d'eschäflssletteu.Verlag:
Schriftleitung: 112.
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Lin Brief hindenburgs an den Reichskanper.
Die „Bergisch-Märkische Zeitung" veröffentlicht das folgende Schreiben Hindenburgs an den Reichskanzler:
„Euer Exzellenz ist bekannt, vor welche ungeheure,: Aufgaben unsere Kr i e g s i n d u str i e für einen siegreichen Ausgang des Krieges gestellt ist. Me Lösung der Arbeiterfrage ist dabei entscheidend und zwar nicht aftein bezüglich der Zahl der Arbeiter, sondern vor allem auch bezüglich der Zahl der Arbeiter, sondern vor allem auch bezüglich der individuellen Leistungsfähigkeit durchs eine ausreichende Er- nahrurrg. In dankenswerter Weise hat das Kriegsernäh- rungsanrt der Ernährung der Arbeiter in der Kriegsindustrie seine besondere Aufnrerksamkeit geschenkt. Da sedoch das Kriegsernührungsamt auf die Ausführung der Maßnahmen nur einen geringen Einfluß mrszuüben vermag, bedarf es der einmütigen, hingebenden Mitwirkung der Landeszentralbehörden und der diesen unterstellten Ver- waltungs- und Kommunalbehörden.
Ar den Kreisen dieser Behörden scheint mir nicht überall ausreichend erkannt zu sein, daß es um Sein oder Nichtsein unseres Volkes und Reichs! geht. Gs ist unmöglich, daß unsere Arbeiterschaft auf die Dauer leistungsfähig bleibt, wenn es nicht gelingt, ihr eine nach gerechten Gesichtspunkten verteilte, ausreichende Menge Fett zuzuführen. Sowohl aus dem Ruhrkohlenrevier, dem Siegerland, wie auch aus anderen Jndustrierevieren wird mir berichtet, daß es immer noch nicht gelungen ist, eine ausreichende, einigermaßen gerec^e Fettverteilung zu bewirken. Im Siegerland soll seit Monaten nur eine ganz geringfügige Fettmenge verfügbar gewesen sein.
Bon diesen Dingen scheint man in den rein landwirtschaftlichen Gebieten Deutschlands und in den Kreisen der führenden Männer unserer Landwirtschaft nicht genügend unterrichtet zu sein. Für die Landwirtschaft ist die' Aufgabe nicht nur in der selbstverständlichen Steigerung der Produktion zu erblicken, sondern auch darin, ihre Produkte, insbesondere das Fett, in weitestem Maße freiwillig dem Verbrauch zuzuführen. Mit staatlichem Zwang wird erfahrungsgemäß nur wenig erreicht, Wohl aber verspreche ich mir Erfolg von einer umfassenden, großzügig organisierten Propaganda durch die Führer dtt Laiwwirt- schaft zugunsten der Ernährung unserer Kriegsindustriearbeiter.
Me staatliche Regelung des Verbrauchs muß versagen, wenn nicht'die verständnisvolle, freiwillige IMtwirkung aller Schichten der Bevölkerung in Stadt und Land zu Hilfe kommt und jeder Deutsche rm Innersten davon durchdrungen ist, daß diese Mitwirkung ebenso vaterländische Pflicht ist, wie die Hingabe von Leib und Leben im Kampfe an der Front.
Eure Ezetlenz bitte ich, in eindringlichster Weise allen Bundesregierungen, Berwattungs- und Kommunalbehörden den Ernst der Lage vor Augen zu führen und sie aufzu- fordern, die ausreichende Ernährung unserer Kriegsindustriearbeiter mit allen Mitteln zu betreiben, starke Persönlichkeiten aller Parteien als Führer des Heimatheeres hinter Pflug und Schraubstock zU einmütigem Handeln zu verbinden und den furor teutonicus in der Heimat beim Bauern, wie beim Industriearbeiter und Städter zu wecken."
Der Reichskanzler hat in einen. Schreiben an die Bundesregierungen diesen Ausführungen Hindenburgs', die ein sehr ernster Appell an das Pflichtgefühl der Verwaltungs- tungsbehörden, wie der gesamten Landwirtschaft sind, in vollem Maße zugestimmt.
Beschlagnahme der frischen Zische.
Berlin, 14. Nov. (MTB.) lieber die bevorstehende Neu- regelungderEiinfuhr von frischen Fischen erfahren wir von zuständiger Seite das Folgende:
Durch das Bestreben der vom Handel, von Gemeinden und von industriellen Mrken ins Ausland gesandten deutschen Aufkäufer, sich möglichst große Mengen von frischen Fischen zu sichern, sind während der letzten Monate die Preise an den ausländischen Fischmärkten, dig für die Zufuhr nach Deutschland in Frage kommen, sprungweise in
bre Höhe getrieben worden. Da dieser Zustand unerträglich wurde, hat sich die Regierung veranlaßt gesehen, durch die Verordnung vom 13. November 1916 die Einfuhr von frischen Fischen einer durch-- arnfenden Regelung zu unterziehen. Hiernach ist jedem/, der nach dem 20. November 1916 frische Fische aus dem Ausland nach Deutschland einführt, die Verpflichtung auferlegi worden, die Ware an die Zentral-Einkaufsgesellschaft m.b. H. oder deren an der Grenze eingesetzten Bevollmächttgten auf Verlangen auszuliefern.
Durch diese Verordnung wird lediglich die rechtliche Möglichkeit deS Eingriffs begründet für den Fall, daß sich die Ginführenden den getroffenen Maßnahmen nicht anpassen würden.
lieber die beabsichtigte praktische Durchführung der Neuregelung, die sei: lällgerer Zeit mit Interessenten aus allen beteiligten Kreisen eingehend beraten wurde, kann heute das Folgende mitgeteilt werden:
In Holland werden in Zukunft die frischen Seefische, soweit diese nach Deutschland ausgeführt werden können, ausschließlich durch eine unter Führung der Zenttal-Einkaufsgeftllschast m. b. H. gegründete Vereinigung der größten, bereits bestehenden Exportfirmen aufgekaust und durch diese Firmen an ihre alte Kimd- schaft nach Deutschland eingeführt werden. Me Preise, die in Holland bezahlt werden müssen, werden sich nach den Markt Verhältnissen richten; es ist Vorsorge getroffen, daß die beteiligten Händler int Weiterverkauf nur einen mäßigen Aufschlag für sich berechnen dürfen. Aehnlich wie für Holland ging man bei der Regelung der Zufuhren von Dänemark, wo die Verhältnisse infolge der großen Anzahl von Fangplätzen ganz anders lagen als in Holland, und bei der Regelung der schwedischen Zufuhr davon aus, die altgewohnten Verkehrswege nach Möglichkeit bestehen zu lassen. In Zukunft werden sämtliche skandinavische frischen Fische (abgesehen von den weiter unten zu behandelud-en Ausnahmen) nur dann frei nach Deutschland eingeführt werden dürfen, wenn die Sendungen unter ausdrücklicher oder stillschweigender Anerkennung der von der Zentral-Einkaufsgesellschaft m. b. H. festgesetzten Bedingungen an einen der fünf Zentralfisch- märkte Altona, Berlin, Bremerhaven, Geestemünde und Harn bürg adressiert sind. Diese Märkte besitzen, die erforderlichen Einrichtungen, um eine große Zufuhr von frischen Fischen sowie die damit verbundene Abrechnung an die ausländischen Lieferanten bewältigen zu können. Die an diesen Märkten eintresfenden Fische werden in Zukunft nicht mehr versteigert, sondern von den Marktverwaltungen an den Fachhandel abgesetzt werden. Es werden unter bestimmten Voraussetzungen sowohl die an den Zentralfischinärkten ansässigen Händler als auch diejenige:: Firmen der übrigen Plätze Deutschlands berücksichtigt werden, die. bisher nicht von den Auktionen der fünf Zentralsischmärkte, sondern unmittelbar aus dem Ausland größere Mengen Fische bezogen haben: die jeweils aus Holland bezogenen Fischmengen werden den Firmen in Anrechnung gebracht. Tie inländischen Importeure von frischen Fischen, tvelche für eine Belieferung durch die Zentralftfthmärkte in Frage komnttn, werden gleichzeitig durch eine besondere Bekanntmachung Kur Einsendung der erforderlichen Angaben aufgeßordert.
Me Preise, zu welchen die an die Zentralftschmärkte vom Ausland gesandten Waren abgesetzt werden dürfen, werden von der Zentral-lÄnkaufsgesellschaft m. b. H. jeweils bestimmt; sie werden derart zu bemessen sein, daß wohl die Auswi^hse der letztin. Monate beseitigt werden, daß aber andererseits den ausländischen Mischern ein starker Anreiz zu möglichst großen Fängen gegeben wtrd. Tie Verwaltungen der fünf Zeütralftschmärkte werden bezüglich der Bedingungen, unter denen die von den Zentralfischmärkten kaufenden Großhändler absetzen dürfen, besondere Vereinbarungen mit diesen treffen. Durch diese Vereinbarungen soll u. a. gewährleistet werden, daß die Fische Mit einem mäßigen Aufschlag weiter abgesetzt werden. .
Von vorstehend beschriebener Regelung sind folgende Fischarten ausgenommen: '
1) Frische Heringe und frische Sprotten: Diese Fische werden in Zukunft ausschließlich durch eine unter der Führimg der Zen- tral-EinkaufsPesettschaft m. b. H. gegründete Vereinigung der Frischherings:mporteure im Auslande eingekauft und in Deutschland auf den gewohnten Handelswegen abgesetzt werden.
2) Karpfen, Schleie, Hechte. Plötzen und Rotaugen, Brachsen oder Bleie, Barse und Mäuder: Mese Sorten sollen in der Regel — lebende ausschließlich — durch die Flußfischhandelsgesellschaft m. b.H., Berlin, Dircksenstraße 28, nach Deutschland eingeführt und nach bestimmten Grundsätzen abgesetzt werden. Die Flußfischhandelsgesellschaft m. b. H. besteht aus einer Reihe führender Firmen, die bisher den Import von Süßwasserfischen Vornahmen.
3) Einige Luxusfische, wie z. B. Aale und Forellen dürfen bis auf fiteres ftei eingeführt werden. Eine Regelung bleibt Vorbehalten.
Wenn es sich leider im allgemeinen nicht als durchführbar erwiesen hat, die alten Verbindungen zwischen den einzelnen ausländischen Lieferanten und den deutschen Händlern aufrecht zu ^erhalten, so ist doch versucht worden, eine Regelung zu ftmden, die sich soweit angängig den bestehenden Verhältnissen anvaßt. Zur möglichst schnellen Ueberwindung etwaiger Uebergangsschwierig- keiten, die angesichts der in unser HVirtschaftsleben tief einschneidenden Maßnahmen kann: zu vernteiden sein werden, darf aus die Unterstützung aller beteiligten Kreise gerechnet werden.
Gerstenbrot.
Uns wird geschrieben:
„Gerste ist dem Roggen und dem Hafer völlig gleichwertig, und wir können ganz gut einmal auch Gerstcnbrot essen," so sagte der Präsident des*Kriegsernährungsamtes von Batocki kürzlich bei der großen Debatte über die Volksernährungssragen im Reichstage. Wir haben erfteulicherweise in diesem Jahre eine gute Getreideernte zu verzeichnen; an Weizen und Roggen, die man unter dem Namen „Brotgetreide" zusammenfaßt, da sie bisher fast ausschließlich zur Brotbereituug verwandt wurden, sind H /2 Millionen Tonnen, an Hafer und Gerste zusammen vielleicht 3^2 Millionen Tonnen mehr geerntet worden, als im Vorjahre. In Friedenszeiten unterschied man die für das Vieh verwandte Futtergexste von der Braugerste. Zum Kummer der Biersreunde, die das Bier, um seinen Nährwert zu kennzeichnen, germ geradezu als „flüssiges Brot" bezeichnen, wird die Herstellung dieses „flüssigen Brotes" seit Beginn des Krieges immer erheblicher eingeschränkt. Dafür hat matt die Produktion der Gerstengraupe, die ja sehr nahrhaft ist, ganz bedeutend erhöht, und man wird jetzt auch die Gerste zu Mehl mahlen, um sie zur Brotbereitung zu verwenden. Damit ivird dieser Gß- treideart ein Teil ihrer. Bedeutung wiedergegeben, die sie vor Jahrtausenden für alle indogermanischen Völker und somit auch süy unsere altgermanischen Vorfahren hatte. Denn die Gerste ist, wie durch die kulturgeschichtliche Forschung erwiesen wurde, einst das wichtigste Volks nahrungs mittel für sämtliche indogermanischen Völker gewesen. Nach dem Zeugnis von Pliuius spielte bei'den alten Indern nächst der Reiskultur der Gerstenbau, und dieser zu dem hauptsächlichsten Zweck der Brotbereitung die hervorragendste Rolle. Dasselbe war bei den alten Griechen der Fall. Zuerst wurde sie melist geröstet in der Form der sogen. Alphita genossen. Die schwach geröstete Gerste wurde grob zerkleinert, mit Wasser angerührt und unter Zutaten von Oel oder anderen Dingen gegessen. Dann aber wurde die Gerste von den alten Griechen gemahlen mtf) zu Brot verbdcken. Noch bis in die heutige Zeit ist Gerstenbrot das gewöhnliche Brot des Griechen geblieben und wird erst neuerdings durch Weizenbrot ersetzt. Die Römer der historischen Zeit liebten die Gerste nicht. Etwas verächtlich wurden bei ihnen die Gladiatoren cordearii (Gerstenmänner) genannt, weil sie sich von Gerste nährten. Auch bei den Aegyptern und Juden galt das Gerstenbrot als minderwertig. In einigen Gegenden unseres Vaterlandes wird die Wintergerste vielfach „Rettema" genannt. Mese Benennung soll aus „Rette den Mann" hervorgegangen fein; weil die Gerste zuerst unter allen Getreidearten reift und schon im Juli neues Brot liefert. Diese Tatsache macht es erklärlich, daß die Gerste einst das Hauptgetreide der nordischen Länder gewesen ist und es teilweise noch heute ist. In der älteren norwegischen Literatur wird sie schlechthin als „Korn" bezeichnet. Schon in altnordischer Zeit wurde die Gerste in Skandinavien ähnlich wie der Hafer, teils als Grütze genossen, teils zu Brot verbacken. Bei allen angelsächsischen Stämmen gilt das Wort ber-ern, bern, das „Gerstenkammer" bedeutet, allgemein für Kornspeicher: daraus hat man zu schließest, daß für die Angelsachsen, deren ursprüngliche Heimat Schleswig- Holstein war, die Gerste ursprünglich das Hauptnährkorn gewe- sen ist. _
Kicdjc und Schule.
Synode des evangel. Dekanats.
Gießen, 14. November.
Nach einer von Pfarrer Köhler-Steinbach aus Gruird von Nehemia 4, 16—18, „Bauet die Mauern Jerusalems" gehaltenen Andacht, eröffnete der Vorsitzende. Dekan Guß mann, heute nachmittag die diesjährige Tekanatssynode. Er gedachte der schweren Zeit und der großen Opfer, die sie gekostet hat. Tie Versammlung ehrte das Andenken der Gefallenen durch Erheben von den Sitzen. Ter Bescheid Grvßh. Oberkonsistoriums auf die vorjährige Synode lautet zustimmend, Shit Antrag des Vorsitzenden faßt tue Synode einstimmig den Beschluß, an Großh. Ministerium das Ersuchen zu richten, die Verordnungen über die Versorgung mit Fett baldmöglichst zur Ausführung zu bringen, insbesondere von jeder Hausschlachtung eine bestimmte Menge Fett gegen Bezahlung zur Ablieferung einzuziehen.
Kauft und Wissenschaft.
— DieUraufführungvon Friedrich Lien hard's „Luther auf der Wartburg." Aus Weimar wird uns geschrieben: Unsere H 0 fbühne bat von Lienhards dramatischen Dichtungen bereits die beiden Teile der Wartburg- Trilogie: Heinrich von Ofterd-ingen und die heilige Elisabeth früher über die Taufe.gehoben. Jetzt brachte sie der Trilogie drittelt abschließenden DeÄ: „L uth e r auf der Wartburg" zur Uraufführung und betvies damit erneut, daß ihr an der Förderung und Vermittlung von Werken lebender deutscher Dichter besonders gelogen ist. Daß das Leben einer historischen Persönlichkeit wie Luther, mag es an sich dramatische Motive enthalten, besser episch als dramatisch zu fassen und innsassend wiederzugeben ist, wußte Lienhard wohl. Er hat darum nicht ein Festspiel mit auf- cinandersvlgenden Bildern (etwa nrie Otto Devrients oder Herrigs Lutherfestspiele) zu dichten versucht, das den Werdegang des Helden ganz darstellen sollte, sondern das für Luther und sein Volk so bedeutungsvolle kurze Jahr der Einkehr und Gefangenschaft auf der Wartburg, 1521/22, als er in stiller Stube zum erstenmal das Neue Testament in sein geliebtes Deutsch übertrug. Es ist Luthers völkische und künsttersiche Sendung, iir Ergänzung Lur religiösen Vertiefung des Glaubens, die Friedrich' Lienhard in seinem Luther zu einem plastischen Hochrelief herausbrrngen wollte und im ganzen auch überzeugend heraus gebildet hat. Die Handlung des Stückes ist die denkbar natürlichste, auf geschichtlichem Grunde aufgebmlt itfd einheitlich durchge hatten. Der Gegen! atz zwischen Lwchers geistiger Kampsnatur urrd Gewissens tiefe :md den unter- schL^lichen Schwarmgeistern und Unruhestiftern, die auf ihn sich gern berieftn und auf seine Autorftät stütze:: wollten, die er aber in ühve Schra-Äen erst mild, dann zoririg zurückweist, Und die Art, tme Luther sich, an das Bibelwort hält, all die geistige Tat, statt an die weltliche — das formt sich in Lienhards Schauspiel zum belvußt duvchaearbeittten Bilde. Die merkbaren draurattschen Mängel des Stückes liegen zum Teil im Stoff selbst und werden ausgewogen durch Mte Eharakterifierung und eine edel-schlichte Sprackie. Wirksam dvamatisch ist die Szene, wo der Eisennacher ApotHcker der Skepttker, als Versucher „Satanas" aus
der Wartburg ;m Lutherziimuer erscheint und dem in schwerem Seel erkämpf ringenden Reforncator die Zweifel an seiner Kraft und die Herrlichkeit des „Jenseits voir Gut und Böse" verlocke:cd riuzureden sucht. Der Wurf mit dem Tintenfaß erhält hier eine feinere psycholosäicke Motivierung. Gespielt wurde diesncal ungleich. Der 'häuftge Wüchset der DKber und des Schauplatzes ist einen: aus-.
geglichenen Zusammenspiel nicht günstig. Herr Carl Schreiner gab dem Luther seine ganzen, reichen Mittel ^.nd'Kunst des richtigen Sprach,ens mit warmen.Herzenstönen und legte den Schwerpnukt seiner Llnffassnng aus die Seelenkämpfe und das rein Menschliche, wie es Lienhard offenbar gewollt hat. Reicher Beifall lohnte seine Leistung. Der Dichter selbst erschien, trotz mehrfachen Rufens des gut bes'etzten Hauses, tttcht. . Pws. Sch
— Eine erfolgreiche Schwank-Uraufführung. Aus München wird uns geschrieben: Me „Meerjungfrau" betitelt sich ein sehr lustiger Schwank von E. und A. Golz, der im Münchner Volkstheater seine erfolgreiche Uraufführung erlebte. Wer sich gern durch Verwechslung- und Situattonskomik unterhalten läßt, und an den üblichen Figuren der Posse, dem seitensprungfrohen Ehemanc: und seiner nicht schönen, aber eingebildeten Gattin Geschmack findet, der kommt hier ganz auf seine Kosten. Neben der Handlung, die sich m:s den Abwegsgelüsten des Ehemannes ergcht, läuft eine zweite, deren Weg fteilich, mcr angedeutet ist. Ein jünger Maler hat die Tochter der Baronic: gemalt, ftei nach dem Gedächtiris, aber naturgetreu.... als „Meerjungfrau", im Badekostün:. Große Aufregilng darüber; aber dieser Maler ist ein verflucht netter Bursch, und da sein Bild sogar den ersten Preis erhält, wird aus der Meerjungfrau und ihm ein! Paar. Die Lbuffülwung stand in: Zeichen des präckstigen Humors von Aickvn Frm:ck, dem Hamburger Gaste, der die Nöte des Ehemanns mit allen Mitteln drastischer Komik zum Ausdrrick brachte. Das Publikum sparte nicht an Beifall.
— Die Eröffnung der schwedischen Kunstausstellung in Kopenhagen. Am Sonntag lvurde in Kopei:- hagen, wie von dort berichtet toird, rwch lcn:gen sorgfältigen Vorbereitungen unter allgemeiner Teilnahme die große schwedische Kunstausstellung eröffnet. Sie findet in denselben Sälen des Schlosses Charlottenborg statt, die vor nicht langer Zeit die nor- tvegische Kunstausstellu::g ausgenommen haben. IM Mittelpunkte der Ausstellung steht unstreittg Anders Zorn, dem dem: auch, der Mfttelsaal als Ehrensaal cingeräumt wordec: ist. Neben den bekannten Werkei: des Meisters, wie seinen dalekarlischen Mädchengestalten, enthält der Raum vor allen: eine Reihe heroorrageiwer Bildnisse, unter denen Zonrs jüngstes Selbstbild::is den Saal und überhaupt die Ausstellung toeitlfin beherrscht. Zorns unmittelbare Nachdari: smd Prinz Eugen und Oskar Björck, der sich übrigens um die Vorbereitung der Ausstellung blondere Verdienste erworben hat. Prinz Eugen zeigt ferne deEorittiven Landschaften, Björk erscheint als Porttätist von hohem Range. Ir: seinem 'Saale versammelt sich, eine recht vornehme Gesellsck-^t. die schöne Frau
Björck, die Kwnpriitzessn: von Sch^weden, der schwedische Staats- miinster Wallenberg u. a. m. ilm-sartgreiche Sammlungen weist die Ausstellung ferner von Schwedens großem Tiermaler Liljeftr- sund von Karl Larssen auf, dessen krästtg-innige Heimatkunst auch in Kopenhagen sofort einen vollen Triumph errang. Diese Meister nehme:: die Mittelsäle ein; in den Seitenramnen gibt sich dann alles ein Stelldichein, was Schcveden 'heut an namhafteren Malern besitzt. Von eigentlich, moderner Kunst ist überraschend wenig zu schm und toas zu sehen ist, 'wirkt zum Teil recht fremdartig. Axel Törnemann matt ganz in neuester Pariser Lftt, Ivan .Hoflund und Ture Anders scheinen zu Rußland höczuneigen imd in Ossian Cigströms Eskimobildern wird gar ein chinesischer Zug spürbar. Reich ist auch die Bildhauer?m:st vertreten. Im Aus- stettungsgarte:: bewundert man den Tritonen-Brimnen von Karl Mlle. Jvar Johnsons „Tanzerüe Frru," die Drachmann-Büstc von Alice Nordstrom und Tore Sttiudbergs großer Entwurf zu einem Denkmale für seinen berühntten Vater seien als besonders rnteressmcte Arbeiten genannt Tie Ausstellung wird durck: eine reiche Sammlung graphischer Blätter vervollständigt: der Ge samt- etndruck ist mrponierend, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die Ausstellung, die wohl bis zUm Jahreserrde geöffnet bleiben dürfte, aus das Kopeirhagener.Publikum große Anziehungskraft ausüben wird.
, "EinaltvlämifcherSchla'chtgesang. Im neuesten Hefte deis von der Vereinigung von Freunden der irirderdeutscheit Sprache und Literatur ft: Hantburg herausgegebenen ,Lluickborn" wird auf einen alten vlännsck>en Schlackstgesang auftcerffam gemacht, den Pfarrer 2Vilhelm Baumker zuerst entdeckt und veröfsenürcht bat. Nach seiner Angabe hat sich das Lied unter dem Namen Heidenlied dcrrch mündliche Ueberliefcrnng bis zum Anfänge des 19. Jabr- Hunderts in Gent erhalten. Me von ihm beigeftlgte Melodüe ttägk den Charakter der dorischen Kftchentonart. Bmrmktr nimmt air, daß dem Liede ein alll^eidnischer Schlachtgesang zugrunde liegt, eine Vercnutung, die namentlicl) durch die Erwähnung von Haucmer und Wödan begründet erscheint. Jedeirsalls läßt die naive Neben- einarcderstcllung von Gott imd Wödan daraus schließen, daß der! Schlachtgesang :ncht allzrckange nach der Einführmig deS Clnistei:- tums entstanden oder doch umgestaltet worden ist. Me interessanten Verse lauten in deuft'cher lleberttaaung: „O Fdftrde. :vie falsch habt ihr bei euch gedacht! O flicht, cmßt ihr nicht, dcft Löw' ist aufgewacbt! Er brüllt u:ü> er zerreißt. Seine Höhle cvird raut euer Grab. Und das welsche Fleisch ist ftft den vkämillcen Nab'
O Femde!"


