Nr. 268 Zweites Blatt
Erscheint Stzttch mit Ausnahme des Sonntagk.
166 . Jahrgang
Beilagen: „Sietzener ZamMenblLtter'' und „Xreirblatt für den Ureis Stehen".
P-Mche«onto: §rmttfurt am Main Nr. U686. Vankvertehr: Sewerbedank Stehen.
Gichener LKzetzer
General-Anzeiger für GberheMn
Dienstag. 14. ttooemvu
Zwillingsrunddruck und Berlag:
B r ü hl'sche Unwerslläts-Bnch-u.C^sindruckerei.
R. Lange, Gießen«
Schristleitung. SeschäftssteLe und Druckerei:
Schulstraue?. Eeschäsissrelle n. Verlaß: e=sä*61, Schrrftleilung: 112.
AnschriftsürTrahtnachrrchtenrAnzeigerGieiren.
Die Einführung der Zivildienftpflicht.
Unser Berliner Mitarbeiter schreibt uns:
Als der Weltkrieg ausbrach, machten wir die Entdeckung, daß bei uns — ebenso wie in anderen Ländern — die allgemeine Wehr- Pflicht garnicht durchgeführt war, wenn ihre Lücken auch nirgends so wie (in Deutschland durch den Zulaus von Millionen Freiwilligen ausgefüllt wurden. Trotzdem haben wir, ebenso unsere Bundesgenossen und Gegner (England bekehrte sich erst durch den Krieg zur allgemeinen Dienstpflicht), diese Wehrpflicht immer schärfer aqs- bauen, den Begriff D. U. umwerten müssen, denn dieser Weltkrieg rechnet nicht wie die früheren mit > Heeren VE Hunderttauftnden, sonder:: mit Millionenheeren.
Als so stark hat sich die deutsche Volkskraft erwiesen, daß wir trotz der gewaltigen Anforderungen, die an sie gestellt wurden, bisher von einer Erhöhung der Wehrpflicht absehen konnten, vielleicht auch noch weiter absehen können. Dagegen, soll aber in Bälde zur Tat werde::, was seit einiger Zeit geplant war, irämlich die Ergänzung zur allgemeinen Mehrpflicht, d. h. eine Art Zivil-- dienstpflicht, die Mobilmachung der Heimarbeit. Wiedas Heer, so haben wir schon ietzt in gewissem Sinne auch unsere Industrie mobilisiert, aber die dringliche Frage der Versorgung un-^ scres Feldheeres mit Waffen und Munition erfordert noch weitergehende Anstrengungen angcisichts des derzeitigen Massenbedarfs der Massenheere. Mangel an Rohstoffen brauchen wir hierbei nicht zu befürchten, denn wir werden mit ihnen bei unserer jetzigen Sparsamkeitswittschaft durchhalten, so lange der Krieg auch dauern mag. Wohl aber gilt es, mehr als bisher die jetzt noch brach liegende Arbeitskraft mobil zu machen, denn der Krieg wird immer mehr auch zu einer Arbeiterfrage. Der feste Boden, auf dem unser Heer wurzelt, ist die Heimat, und das Heimatheer gilt es mobil zu machen. Die Mobilisierung der Arbeitskraft läßt sich nicht mehr von dem Heeresersatz trennen.
Zur Durchführung der hier umrissenen Aufgaben ist das neue Kriegsanrt geschaffen worden, welchem die Organisation der gesamten Kriegsarbeit mit Einschluß des .Heeresersatzes und der Verwendung der Arbeitskräfte in der Heimat obliegt.. Zu diesem Zweck ist ein umfassender Ausbau des Kriegsamtes, an dessen Spitze General v. Groener stqht, in die Wege geleitet. Dem Chef des Amts steht neben einem militärischen zugleich, ein technischer Stabschef zur Seite, und für diesen hochwichtigen Posten ist ein hervorragender Industrieller, der Direktor des Grnsonwerkes in Magdeburg, Dr. Kurt Sorge, gewoirnen worden. Das Kriegsanrt gliedert sich in ein Waffen- und Muni- tiansbeschasfungscmrt (abgekürzt Wunrba) mit dem neuen Feld- tzeugmeister Geireral Coupette an der Spitze und ein Kriegs- iarberts- u:ck> Ersatzamt unter der Leitung des Obersten Marquardt. Zu dem 'Kriegsamt gehören tue bisherige Kriegsroh- 'stoffvbteilung, die Llbtellung für Ern- und Ausfuhr und eine Abteilung für volksnnrtschaftliche und Ernährungs fragen: ferner sollen ihm alle Beschaffungsstellen des Heeres mit Ausschluß der Ber- Megüng ungegliedert werden. .Unmittelbar rmter dem Chef des Kriegsamts steht eine Abteilung für allgemeine ?lrbeiterftagen! und eure eng hiermit zusammenhängende technische Llbteibung. Es sei besonders betont, daß auch ein Arbeitnehmer zur Wahrung der Ärbeitcrinteressen in diese Mteilung ausgenommen wird — als roeiteres Zeichen dafür, daß, wie der Hftgensatz zwischen Militär und Zivil so auch der zwischen den Interessen der Arbeitgeber und ^Arbeitnehmer verschwinden soll zugunsten des einen großen Zieles: alle Arbeitskräfte mobil zu machen für den endgültigen Sieg unseres Waffen.
IN welcher Form diese Mobilmachung des Heimatheeres erfolgen soll, darüber stehen. Einzelheiten noch nicht fest, da eine diesbezügliche Vorlage erst demnächst dem Bundesrat zugehen wird. Soviel kann aber jetzt schon gesagt werden, daß Man zunächst auf dem Wege der freiwilligen Meldung alle verfügbaren Arbeitskräfte, mich die weiblichen, aus dem Volke her- ouszuholen suchen wird. Sollte aber dieser Weg reicht zum Ziele führen, so wird man den Arbeitsfähigen klarmachen müssen: 'Du kannst .noch das Deinige tun für das Vaterland! Von einem 'Zwang im eigentlichen Sinne soll nur im äußersten Notfall Gebrauch gemacht werden, und es sollen rohe Eingriffe unter Schonung rmserer Produktion tunlichst vermieden werden. In keiner Weise ist es vor allem beabsichtigt, einen Zwangs auf die Frauen .auszuüben: mich sollen die Interessen der Arbeitenden gewahrt, ihre Schädigung vermieden werden.
Unter diesen Eiiffchränkungen soll eine Art Zivildienstpflicht eiugeftihrt werden, wobei über die Mersgrenze (50
oder 60 Jahre?) noch nichts feststeht. Wird dieser Plan durch- geft'ihrt, so wird die Mobilmachung des Heimatheeres direkt und indirekt, sowohl durch Freimachung Wehrfähiger für den Felddienst wie durch die Sicherung der Waffen- und MunitivnsHerstellung, unsere Front verstärken und uns damit erhöhte Sicherheiten für den Sieg verschaffen. Daß dieser großzügige Plan die Zustimmung des deuffchen Volkes wie die seiner parlamentarischen Vertretung finden wird, ist nicht zu bezweifeln, denn cs handelt sich hier um Maßnahmen im Interesse der siegreichen Führung des Krieges: es handelt sich dämm und hier muß Einer für Alle und Alle für Einen stehen — um die Existenz, um die Zukunft mfferes Volkes.
Anegsbnefe aus dem Osten.
Bon unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Auf der Königsburg Galiziens.
, Am Dnjester, 7. November.
In den Karpathen legte man die letzte Hand an die Vorbereitung zum Winterfeldzug, zum Stellungskrieg in dec Höhe von durchschnittlich 1400 Meter. Das letzte Bild, das ich von den Karpathentälern mitnahm, war Hämmern und Bauen und Sprengen. Neben den Fluß,Läusen, den schmalen Straßen, entstanden Dämme für Feldbahnen, und Brücke um Brücke spannten die Eisenbahnbaukompagnien über die stürzeirden Bäche. Auf den Höhen wurden von Bergseite zu Bergseite Drahtseile gezogen, Masten wuchsen hoch, die Drahtseilbahnen standen vor der Vollendung, um die unerhörte schwierige Arbeit der Kolonnen zu crt leichtern. Inzwischen hüllten sich die Gipfel tiefer in Schnee. Wie hohe, schöne, weiße Wolken glänzten sie über den Hochtälern'. Oben begann der schwere Kampf, so schwer, wie irgendwo an heißer Stelle im Westeil, der Kampf gegen den Karpathenwinter.. .
_ An hellen Tagen sieht man die weißen Karpathen von der galizischeu Front, wie überirdische Bilder in den hellblauen Horizont gemalt, schimmern sie herüber. Man hat Zeit dazu, in die Schneeburgen in der Ferne zu sehen, denn der Teil der Front südlich von Swistelniti, bei Bplszowe und dann zum Dnjester heran bei Halte z ist seit Wochen ohne ernstere Angriffe. Die eingeschnittenen Flußtäler der Narajowka, der Gnila-Lipa, des Dnjester sind starke Hindernisse für gegenseitigen Betätigungsdrang. Auch die Arttlleric macht das Leben nicht schwer, so liegt Halicz, die Stadt, nach der Galizien den Namen eines Königreiches führt, lvie im Zaubcrschlas in der Front am' Dnjester.
Ter Schützengraben fülnt irgendwo dicht an den Häusern der geräumten Stadt vorbei. Trüben in den Dörfern am anderen Ufer des Dnjester liegen die Russen, und etwa bei der mächtigere neuen Erscnbahnbrücke, derer: Mittelstück gesprengt ist, schwingt unsere Front zur anderen Seite des Dnjester hinüber Da platzt ab nnh zu — es ist der erste freite Tag nach langen Regen Wochen — ein russisches Schrapnell. Vielleicht hat ntart allzu auffällig an der Stellung gearbeitet. Auch unsere Artillerie setzt ein paar Granaten vor die Meierhöft, in denen die Russen Hausen. Dann ist's wieder still. Ter Dnjester fließt in breiter Flut an den noch immer grünen Weiden vorüber, das ist die einzige Bewegung:, die man! beobachten kann.
Die Stadt schläft still in der Mittagssonne. Es muß ein hübsches Städtchen gewesen sein. Das längliche Viereck des Markt Platzes ist von bescheidenen, doch freundlichen Häuserreil-en umfaßt, sie sind noch alle erhalteil, nur der nordöstliche Teil ist ein wüste- Trümmerhaufen. Der Burgberg, der dickt über der Stadt hoch ragt, hat den übrigen Teil von Halicz geschützt, als die Russen int Ottober ihren sinnlosen Feuerübersali aus die leere Stadt richteten.
Zuweilen geht ein Soldat über den ausgestorbenen Platz, zuweilen schlägt ein Fensterflügel gegen die Mauern. In der Mitte, das einzig Lebendige in Halicz, sprudelt der Stadtbrunnen sein Wasser in ein großes rundes Steinbecken, das überlausend den Strahl weiterrinnen läßt. Eine kleine, seine Marienfigur aus Sandstein thront aus den: Brunnen und hält den Jesusknaben int Arm. Ein längst verdorrter Kranz schlingt sich um das zarte Marien figürcken.
Das ist der Marktplatz des gestorbenen Halicz, ehemals Sitz ruthenischer Fürsten, damals Königsstadt. Hier oberhalb Halicz erhob sich die mächtigste Burgftste in Rnthenien, und seine Fürsten nannten sich „Reges Häliciae". Um die Burg am Dnjester ging
durch Jahrhunderte Streit. Seit 1340 gehörte Halicz zu Polen. Nach der ersten Teilung Polens hat die österreichisch? Regierung den Titel aus die ganzen Gebiete ausgedehnt. Die Dole — von „hal gleich Dole — täm so ins galizische Landeswappen. Vom alten ruthenischen Schloß sind keine Spuren mehr vorhanden, aber aus steiler Höhe, die Stadt beherrschend, ragen :wch die Ruinen, des polnischen Königsschlosses, das Kasimir der Große errichtet hat.
Man sieht von den: Burgberg weit ins Land, über die deutschen Stellungen, über die russischen, hinüber nach Bolszowoc, dessen Häuser in der Sonne auffeuchten, den Dnjester hinab, rückwärts in das Land, auf dem die galizischen Bauern die srucht- bare Erde pflügen. Ein schönes Land, das sich nun nach dem Willen des österreichischen Kaisers seinen Aufbau und Ausbau selbst vor allem bestimmen soll. Man hat Galizien in den schwärzesten Farben geschildert. Nirgends habe ich die Schilderung bestättgt gesunden, ich sah fruchtbare Erde, schöngeschwungene Hügel, wasserreiche Ströme. . . . Freilich, es ist ein Land, das, sagen wir es so, noch viel Entwicklung vor sich hat und haben muß, wem: in ihm und mit ihm zweckmäßig gearbeitet wird: aber „das liegt aus weitern Felde." Tie deutschen Truppen bilden mit den verbündeter: zusammen die jetzt, wie der Oberkommandierende sagte, „unzerbrechliche Mauer-vor dem schwergeprüften Land." Dicht vor der alten Königsstadt Halicz kam dec russische Vormarsch zum Stehen.
Ein paar Kilometer weiter westlich mündet die Lomnien in den Tnjestcr, aus den: Hügel dicht vor dem Mündungsdreieck liegt ein katholisches Kloster und daneben die St. Stanislaus-Kirche. Ein schönes, rein romanisches Portal schmückt den alten Bau, der verlassen ist, wie die Stadt zu seiner Rechten. Durch das Netzwerk unzähliger feiner Lindenäste kann man noch einmal von hier die breite^ Tnjester-Ebcne sehen. Halicz leuchtet jetzt wie lebendig in der Sonne, die hellgrüne Ebene ist ans Meilen unb Meilen zu überblicken. Dörfer, Flecken, MeierlBse liegen zerstreut unter den fast kahlen Bäumen, lieber den Wald hat der Spätherbst ein paar letzte gelbe Farbentupfen gespritzt. Eine Gruppe von deutschen Soldaten geht langsam neben de:: Bauern über die sanft abfallenden Felder. Ihre Augen trinken das schöne, ein wenig matte und sehnsüchtige Bild, das ihnen Galizien für so viele Tage voll von Brand, Blut und schwerem Kamps schenkt. Sie fangen an zu singen.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Gerichis-acU.
rb. D a r m st a d t, 13. Nov. Wegen Unterschlagung von 2 2 000 Mark hatte sich vor der hiesigen Strafkammer der Bureaugehffse an der hiesigen Geographischen Landesanstalt und Rechner der Darmstädtcr Gewerbeschule, Ludwig Fuchs, zu verantworten. Der 35 jährige Angellagte ist verheiratet und^ Vater mehrerer Kmder. Er hatte sich anfangs Januar selber der Staatsanwaltschaft gestellt mit dem Eingeständnis, daß er seit Jahren größere Veruntreuungen begangen habe. Fuchs ist bisher unbestraft :md stammt aus guter Familie. Da er sofort ein offenes Geständnis ablegte, wurde er vorläufig aus freiem Fuß belassen. Er ist zurzeit eingezogen. Die nähere Untersuchung ergab, daß ^uchs als Rechner der Gewerbe- und Handwerkerschule sich seit seiner Anstellung fortgesetzt Veruntreuungen im Betrage von rund 22 000 Mark zu Schulden kommen ließ. Die enormen Unterschlagungen wurden ihm ganz beso::ders erleichtert dadurch, daß jede Aufsicht fehlte und er fast ganz nach Belieben mit den Geldern schalten und walten konnte: er hatte daher weder Bücher- noch Urkundenfälschungen oder die Beseitigung von Belegen oder dergl. nötig. Fuchs bezog zuletzt ein Gehalt von 2700 Mark und hätte also bei bescheidenen Ansprüchen wohl auskommen können. Ec liebte aber einen leichtfertigen Lebenswandel, verkehrte viel mit Spottsleuten und n:achte auch geri: kostspielige Extratouren, die manchen blauen Lappen verschlangen. Von den unterschlagenen Summen sind von Verwandten des Angeklagten 6000 Mark gedeckt worden, den Rest des Schadens haben Staat, Stadl und der Gewerbeverein zu tragen. Ta Fuchs seine Tat bereits offen eingestand, ihm auch nicht die Beamtendgenschaft zustand, so wurde er unter Zubilligung mildernder Umstände zu IV 2 Jahren Gefängnis verurteilt, auch aus freiem Fuße gelassen. Er nahm die Strafe an.
„Gedenket der Seburtztagrlpen-e
ffir'r Rote Kteuf!
Kauft »tto Wissenschaft.
— Leipniz als Vorkämpfer eines deutsch-polnischen Königtums. Die Proklamierung des Königreiches Polen ruft die Erinnerung wach an die Tatsache, daß schon vor mehr als zwei Jahrhunderten einer der besten deutschen politischen Klopse, nämlich Gottfried Wilhelm Leibniz, dessen Todestag sich am 14. November zum 200. Male fährt, die Erwirkung und Bewahrung ;ber Freiheit Polens durch deutsche Hilft für eine sowohl für die Polen als auch für das Deutschtum gleichermaßen wichtige Notwendigkeit erklärte. Als am 16. September 1668 der König von Polen aus dem .Hause Wasa, Johann Kasimir; seiner Krone entsagt hatte, bewarben sich zahlreiche Fürsten aus verschiedenen Ländern um den polnischen Thron. Die hervorragendsten waren der von Frankreich untersttitzte Prinz Conde, der Herzog Karl von Lothringen, der vorn Zaren vorgeschlagene russische Kronprinz und der vom Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg unterstützte Psalzgras Philipp Wilhelm von Neuburg. Nachdem von der Partei des Pfalzgrasen der d:rrch seine Tätigkeit bei der Stiftung und Leitung des Rheinischen Bundes berühmt gewordene Freiherr von Boineburg m>t der Vertretung ihrer Sache in Wärscktzlu betraut worden war, stellte er dem damals erst 22 jährigen Leibniz die Aufgabe, die Gründe, die für die Wahl des Pfalz-Neuburgers sprachen, in einer Schrift vom Standpunkt eines polnischen katholischen Edcl- mannes wiederzugeben. Diese Schrift, deren Einzelheiten wir der von Dr. Walther Sckmied-Kowarzik herausgegebcnen und im Leipziger Verlag Fel ft Meiner erscheinenden ersten volkstümliäftn Ausgabe von Leibniz' „Deutschen Schriften" entnehmen, wurde durch die jüngsten Ereignisse der Gegenwart so verblüffend aktuell, daß die folgenden Stellen :n Erinnerirng gebracht sein mögen. Leibniz schloß 'in dieser Arbeit den Prinzen Conde und den Herzog von Lothringen aus und wandte sich mir besonderer Schärfe gegen den russischen Wahlbewerber: „Am allerwenigsten aber," schrieb er, „geht der Stusse an! Nehmen wir ihn, so ist geradewegs alles verloren -fr.Vi ,-icfeit ihm selbst das Schwett in die Hand, uns zu morden. Ist et einmal herein, so bringt ihn niemand mehr hina::s. Mit der Freiheit ist es aus, mft der Gesittung und Bildung. Er ist ein Barbar von Natton, von Sitte und Erziehung: ohne einen Begriff von Frckcheit, an eine völlig unbeschränkte Regierung von ,Irgend auf gewöhnt: er ist ein Feind Polens . . . Und glaubt Ihr etwa, Europa werde ruhig zusehen, wem: Polen, die Vormauer der Christenheit gegen die Barbarei:, fällt, wenn ein .Koloß sich er hebt, imstande, ganz Europa zu unterdrücken?" Die für die Gegenwart interessanteste Stelle der Schrift Leibniz' endlich lautet: „Ueberhaupt haben Polen und das Deutsche Reich völlig die gleicher: Interessen : beide find rein nur auf die Verteidigung bedacht, beide wollen keine Erweiterung, sondern nur ruhigen Besitz des Gegenwärtigen. Beide brauchen Frieden und Ruhe. So sind sic
sogar naturgemäß ans ein freiindschaftliches Verhältnis zueinander angewiesen. Und eben dies ist zugleich das wahre Jüteresse von ganz Eurova: sie sollen beide sein ein Damm gegen alle Wettrcich- gelüste, mögen sich solche regen, wo sie wollen." Diese Schrift, in der Leibniz „die Erhaltung des Deutschen Reiches als ein Interesse Polens und des christlichen Europa" bczeicknetc, enthielt, wie man sieht, Argumente,, deren zwingende politische Logik bis zu unseren Tugen dieselbe geblieben und iuwen Ziel nunmehr durch den denkwürdiger: Schritt der verbündeten Herrscher der Zentralmächte Wirklichkeit geworden ist.
— Berliner T h e a t c r b r i e f: Tie U r a n f s ü h r u n g der „Warschauer Zitadelle" im Berl. Residenz- theater. Aus Berlin wird uns geschrieben: Tie Warschauer Zftadelle ist für die Polen mehr als ein historisches Gebärrde, sie ist ein Symbol der russischen Herrschaft, die so viele frei denkende. Polen in diese düsteren Kcrkerränmc warf. Darum ist auch das Dran:a, das diesen Titel trägt, mehr als.ein wirksames Theaterstück, und dies in umso höherem Grade, als seine Ura.usführm:ig gerade in die ersten Tage der Befreiung Polens siel. Gab ry ela Zapolska, deren Stück zum erstenural ain Donnerstag in den: von Direktor Enge?: Robert neueröffneten Berliner Residei:zlheater ausgesührt wurde, hat einen Namen von Klang in der nrodernen, polnischen Literatur, und einige ihrer Romane hatten sie auch bereits in Deutschland bekannt gemacht. Ihr Stück führt in ein schauriges Warschau, wo dumpfes Brüten der geknechteten polnischen Bevölkerung von de::'lärnrenden Exzessen russischer Ofsiziere und Beamter schreckhaft unterbrochen wird. Der erste Akt des dnrchilvcgs realistisch-ci: und oft mit sehr krassen Mitteln effekwoll gestalteten Stückes spielt in einen: anrüchigen Vergnügungslokal mit Tamenbediemmg. Die zwei im toeiteren Verlauf der Begebenheiten mit scharfen Kontrasten einander gegeltübcrgestelten Parteien sind als polnische Studenten und trnnkme, stteitsückstige russische Offfziere gekennzeichnet. Den .Hintergrund bildet das schnmtzige m:d unmoralische Kolorit des Lokals. Tie weiteren Akte zeigen die unfchuldsvvlle Freiheitsfchaüirmerei in einein polnischen Stn denteuheim, in das du kl eberfall durch russische pol:tisck>c Poli zisten unerwartetes Entsetzen bringt, dann erlebt mau das ganze lotterhaste Systeni in der russischen Gendarineric, und schließlich tTiuat alles ii: ein trauriges ^Gesängnisbild aus. Die eigentliche .Handlung als solche ist 'nicht besoirders neu oder persöutich gestaltet, aber sie ist auch nur Mittel zum Zweck, da das Milier: in diesem Falle die unbedingte Hanvtsache ist. Und diesen Zweck erfüllt vollkommen die Geschichte des fanatischen polnischen Sttwenten. dessen Braut unschuldig zur Verbannung nach Sibirien verurteilt wird, und eine scharf gestaltete Nebenhandlung lvirkt ergänzend, indem sie einen verräterischen russischen Ossizier und einen in seiner Ehrlich feit brutal verzerrten Gendarmerieobersten um Leben und Freiheit kämpfen läßt. Das Stück ist sicherlich als „Reißer" gedacht und
erfüllt auch diesen Zweck in jeder Beziehung vollkommen. Neben hesrig onseiuandcrprallenden, fast kiirodramattschen Wirkungen, gibt es aber auch einzelne verinnerlichte Stellen, die zeigen, daß man es trotz des Aeußerlichen auck), mit einer gesunden dichterischen Kraft zu tun hat. Tie Aufführung des Dramas, das sowohl aiiantitatin wie qualitativ nicht geringe Anforderungen cm die Schauspieler stellt, war unter der äußerst geschickten Regieleistung Dr. Roberts ausgezeichnet. Die darstellerische Ueberraschung iund>jder künstlerische Genünn des Abends war die Entdeckung eines jungen Schauspielers Julius Szalit in der Rolle des asketischen, fanatischen, von 5>aß- und Freiheitsschnsucht dnrchglühten jungen Studenten. All dies Und noch mehr brachte Szalit in einer heftig gesteigerten und dabei höchst verinnerlichten Leistung zur Geltung, die diesen jungen .Künstler mit erneu: Schlage zu einer großen Hossnung der dluitschen Schmrspielkunst stempelt. Eine neue Erscheinung war auch die Braut, Martha Anger st ein, die troy einiger Unsicherheit bereckttgte Aufn:erffan:keit aus sich lenkte, lln- übertrefflick war wieder Rosa Valett i ii: der Rulle der Kneipen- wirttn interessant und drastisch Rudolf S ch i l d kra u t als ü)rrum- pierter russischer General. Karl Forest übte mit einer ebenso dankbaren ime fein durch geführten Soloszene große Wirkung, und auch Erich Kaiscr-Tietz ergänzte gut die Gesamtauffubrusrg, die einen unbesttittenen, großen PublikUmserfolg errarpb Das Stück, dem durch einen glücklichen Zufall unerwartet große Aktualität zuteil wurde, dürste sich nicht nur in Berlin lange auf teTrt Spielplan halten, sondern auch einen schnellen und erfolgreichen Weg über die deutschen, sowie die nun nicht mehr der russischen Zensur 'unterstehenden polnischen Bühnen antreten. B.
— Z u m Pr e i sa u s sch rei b e n des Bundes heut- s ch er Gele h r t e r und Künstler für kleinere Kriegs- n n d Kriegerdenkmal e r. Man schreibt :ms: Dem Kulttir- bunde sind überaus zahlreiche Schreiben aus dem Felde zugegangen^ ::: welchen Kriegsteilnehmer sich darüber beklagen, daß ihnen inioft-s der turzcn Einlieferungspfficht eilte Teilnahme an dem Wettbewerb unmöglich gen:acht sei. Der Bund nieint diesen berechtigt« Wünsche:: Rechmmg trage:: zu müssen uub beabsichtigt daher, uw jedem Kriegsteilnehmer die Teilnahme an der Kvnkurre:^ zu ermöglichen, die Frist zur .Einlieftmng um 6 Rtonate. bis zun: 25. April 1917, 'zu verlängern. Wir hoffen, daß gegen diese m Interesse unserer Kriegsteilnehmer :wtwendige Maßnahrne von keiner Seite Widerspruch erhoben werden :vftd. Die Beurteittm^ der: eingegangenen Ennvürfe, sowie ihre Ausstellung wird also erst nach Ablauf der verlängerten Einlieferungsfrist: erfolgen, falls begründeter Widerspruch hiergegen nicht erfroben wird Etwaige Anfragen nsw. sind an die Geschäftsstelle des B:rndes, Berlin. Unter den Linden 38, Gebäude der Mademie der Wisftnichsft,'«. zu richten. Die Geschäftsstelle versmdet auch auf Wunsch die WM- bewerbsbedtMungen.


