Peinliche Fragen im englischen Unterhaus.
London, 28. 9iov. (WTB. Nichtamtlich.) Unterhaus Houston (Unionist) fragte den Ersten Lord der Admiralität, ob er in der Lag? sei. einen vollständigen und genauen Bericht über den k ü r -lick e n Angriff i m K a n a l m geben und ob er endgiiltig erklären könnte, ob feindliche Schiffe versenkt oder tue nigstens beschädigt worden wären, sowie ob er festgestcllt Hütte, ob seitens der Admiralität oder von Personen, die mit ihr in Verbindung ständen, ein Mangel an Wachsamkeit oder eine Versäumnis stattgesunden habe. Mc. Namara antwortete, daß Balsour seinen bisherigen Erklärungen nichts hinzuzufügen habe. Houston fragte darauf, ob die Regierung sich nicht klar mache, daß es an der Zeit sei, die volle Wahrheit zu sagen. Mc. Namara erwiderte, er müsse die Unterstellung, als ob nicht die Wahrheit gesagt worden sei, sehr übel nehmen. .Houston sagte: Ich sprach von der vollen Wahrheit! Edward Carson fragte darauf, ob dem Hanse die Informationen mitgetcilt werden könnten, die Balsour der Presse gemacht habe. Mc. Namara erwiderte, er könne sich im Augenblicke dessen nicht erinnern. — Oberst Nute fragte, ob kein Kriegsgericht gehalten worden sei, um den Verlust des Torpedo bootszerstörer „Flirt" zu untersuchen. Mc. Namara erklärte, daß über den Verlust sowohl des „ftlirt" als des „Nuvien" ein Kriegsgericht stattgefunden habe. Talziel fragte, ob jemand infolge jener Vorgänge einen Tadel erhalten habe. Mc. Namara erwiderte: Soviel ich weiß, nein. Mir ist nicht bekannt, daß ein Tadel notwendig gewesen wäre. Houston fragte zum Schluß: Ist diese Geheimtuerei wirklich notwendig?
Die Geheimtaguug der französischen Kammer.
Paris, 28. Noo. (WTB) Zu der heute beginnenden Geheimtagung haben sich 41 Abgeordnete für die Diskussion in die Rednerliste eintragen lassen.
Kartoffelknappheit in Frankreich.
Amsterdam, 27. Nov. (WTB.) Nach einer Pariser Meldung des „Handelsblad" hat der Polizeipräfekt die Ablieferung aller Kartoffelvorräte von mehr als einer halben Tonne anqeordnet. Die Ablieferung soll jeden Dienstag stattfinden. Wenn die Maßregel nicht hilft, wird der Präfekt sämtliche Vorräte beschlagnahmen lassen.
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Die norwegischen Kriegsgcwinrre.
Kopenhagen, 27. Nov. (WTB.) „National Tidcnde" meldet aus Kristiania: Die norwegischen Schiffahrtsgesellschaften gaben 1915 durchschnittlich eine Dividende von 43 Prozent, die Walsischfanggesellschallen 35,5, die Banken 7,5 und die Industrie-Unternehmungen bis 13 Prozent. Nach den Angaben der Steuerbehörden sind im Jahre 1915 die Vermögen in Norwegen um 654 Millionen, die Einnahmen um 328 Millionen Kronen gestiegen.
Eine „Liga zur Erzwingung des Friedens".
Köln, 28. Nov. (WTB.) Tie „Kölnische Zeitung" meldet aus Washington vom 26. November: Ans der Jahreskonferenz, der Liga zur Erzwingung des Friedens, die Ende der Mache in New Mrk stattsinder, wird die Rede des deutschen Reichskanzlers, die nian im Wortlaut aus Berlin i>it kommen lassen, verlesen werden. Man hört die Meinung, die Rede werde dw Grundlage für eine Friedenserörterung abgeben. Ter kanadische Premierminister Borden wird an der Konferenz teilnehmen; die Rede jedock; die Borden gestern im Rechtsanwaltrlub in New 2
Aus dem Reiche.
Der 60. Geburtstag des Reichskanzlers.
Berlin, 29. Nov. Dem Reichskanzler von Beth- mann-Hollweg widmen die Blätter zu seinem 60. Geburtstage die Anerkennung, daß er, wie der „Lokal-Anzeiger" schreibt, aufrechten Hauptes, unbeirrt durch Angriffe, die schwere Last einer Verantwortung trägt, die bei lieberschreitung des siebenten Jahr zehnts seines Lebens aus ihm liegt. — Die „Voss. Ztg." schreibt 7 Soweit auch ihre Ansichten selbst auseinander gehen mögen, wird die Mitwelt Herrn von Bethmann das Zeugnis nicht versagen, daß er in schwerster Zeit seines Amtes mit bewundernswerter Unermüdlichkeit wallet. Sie wird anerkennen, daß er gewissenhaft und opferfreudig all sein Können einsetze für das öffentliche Wohl und daß seine Absichten allezeit rein und lauter waren. — In der „Germania" heißt es: Das deutsche Volk ist sich der Bedeutung der Arbeit des Kanzlers in seiner erdrückenden Mehrheit voll bewußt und hat sich unbekümmert um seine politische Stellungnahme im einzelnen einmütig hinter ihn gestellt, um ihm seine Aufgabe nach Möglichkeit zu erleichtern. — Der „Vorwärts" meint: Tie Sozialdemokratie versucht, sich an den dhufgaben: der Zeit nach Maßgabe ihrer Grundsätze und Kräfte zu beteiligen. Sie ist keine Regierungspartei. Sie versteht ihre oppositionelle Aufgabe auch nicht dahin, daß sie alles, was mit der Regierung zusammenhängt, unbesehen Herunterreißen muß. Sie hat Herrn von Bethniann bis in die letzte Zeit oft scharf bekämpft. Sie hat aber auch Angriffe! auf ihn zurückgewiesen, die sie für ungerecht hielt.
Laut „Berl. Tgbl." fand gestern abend beim Reichskanzler ein parlamentarisches Essen statt, zu dem das Präsidium des Reichstages, die Parteiführer und die Mitglieder des Haushalt- ausschusses eingeladen itotb einschließlich der Sozialdemokraten erschienen waren. Auch die Staatssekretäre, die Unterstaatssekretäre, der Kriegsminister, der Präsident des Kriegsernährungsamtes und der Leiter des neuen KriegsamteS befanden sich unter den Teilnehmern an b$r Veranstaltung.
Berlin, 26. Nov. (WTB. Nichtamtl.) Heiiüe abend ver- ämmelte sich vor dem Reichskanzler-Palais eine große Menschenmenge, Um den Reichskanzler am Vorabend seines 60. Geburtstages zu beglückwünschen. Als das Lied: „Eiue feste Bnrg ist unser Gott!" angestimmt wurde, erschien der Reichskanzler am Fenster. Ein Herr trat aus der Menschenmenge hervor und begrüßte den Reichskanzler in warmen patriotischen Morten. An die Nacht vom 1. August 1914 erinnernd und die Einigkeit und den Siegeswillen des deutschen Volkes betonend, brachte er zum Schluß ein Hoch auf den Reichskanzler aus. Der Reichskanzler erwiderte etwa folgendes:
Ich danke Ihnen tiefbewegten Herzens für die schönen Lieder und Ihre herzlichen Worte, wie für die freundliche Gesinnung, die Sie hierhergeführt. Diese Gesinnung ist doch nur ein Ausdruck der grenzenlosen Hingabe und Liebe für unser Volk, die uns alle eint und uns mit Gottes Hilfe gegen Tod und Teufel schützt. >Äe haben dm ernsten Ruf gehört, der in diesen Tagen an unser Volk ergeht, «den Ruf tzür Arbeit, damit es unseren Kämpfern nicht an .Waffen fehle un> dem Volk daheim nicht am Notwendigen. Kriegsdienst und Hilfsdienst am Vaterland sei heute unser aller Schassen! Wie es^ in Geibels Lieae heißt, tu dem Liede von den drei Riesen am Schmiedefeuer: Zur rechten Stunde sei das Werk getan, das Schwert des Siegs hat Eile! Alle müssen, alle Werder em Rufe folgen. Der Geist jener heißen Augustnacht, der Sie soeben gedachten, lebt noch heute auch im trüben November. Dann werden wir die schwere Zeit, die auf Land und Volk lastet, in dem Gedanken an unsere Söhne und Brüder, die draußen fechten und bluetn, sterben und siegen. siegreich bestehen, heiligen Zorn im Herzen, und das Vaterland, das niemand zertrümmern kann, «lange ein Deutscher lebt. „Das Reich muß uns o-och bleiben!" ln solcher Stunde drücken wir unsere Gefühle am besten in dem Rufe aus: 'Seine Majestät der Kaiser, um den wir uns alle
Pork hielt, gewährt einen reckt bedenNchm. Ausblick. Er sagte: scharen, der an der Spitze unserer Kämpfer draußen, das deutsche Auf das Urteil der Welt müssen sich die Hoffnungen derer aus- Volk ^siegreich durch diesen Sturm führt, lebe hoch!" hauen, die nach einem Weltgerichtshos ausschauen, hinter dem die Begeistert siel die Menge in den Hochruf ein und stimmte Weltstteitinacht steht, um verbrecherische Nationen iin Zaume zu halten. Bordens schmähsückriger Ausfall aus amerikanischem Boden gegen eine Amerika befreundete. Nation hat hier viele entrüstete Aeußerungen hcrvorgeruscn, nicht minder, wie seine Lobpreisung der englischen See Herrschaft gerade jetzt, wo Washington so viele Klagen über die britische Anmaßung erheben mußte.
Kaiser Wilhelm in Wien.
Berlin, 28. Nov. (WTB. Amtlich.) Se. Maj. der Kaiser ist heute vormittag in Wien eingetrofsen und shat crm Abend die Rückreise curgetreten. Ter Kaiser hat zwar weaen seines noch nicht überwundenen Erkältungszustandes auf ärztlichen Rat darauf verzichten müssen, an der großen -Drauerfeierlichkeit teilzunehmen, hat es sich aber nicht versagen wollen, von dem Heimgegangenen Herrscher, seinem treuen Freunde uno Verbündeten, persönlich und als ^oberster Kriegsherr der verbündeten deutschen Streitkrafte Abschied zu nehmen. Seine Majestät hat in alter Stille an der Bahre des Kaisers und Königs im Gebete geweilt und einen Kranz zu Füßen des hohen Entschlafenen nieder- belegt. Dem Ernste der Zeit entsprechend, hatte Seine Majestät ausdrücklich gebeten, von jedem Empfange abzusehen. Der Tag war ganz dem Andenken des toten Kaisers und der vertrauten Aussprache mit dem jungen Herrscherpaar gewidmet, dem in diesen schweren Tagen nahe zu jein der dringende Wunsch des Kaisers gewesen war.
ver §eekrieg.
Zwei russische Transportschiffe untergegangen.
Stockholm, 28. Nov. (WTB.) „Aftonbladei" erfährt aus zuverlässiger Helsingforser Quelle: Z w e i große -russische Transportschiffe, von .Helsingfors nach Reval unterwegs, seien Ende Oktober mit dem 4 2 8. Regiment in voller Kriegsstärke an Bord unter- gegangen. Das Regiment hatte eine Zeitlang den finn- iländischen Wachdienst versehen. Das Unglück sie wahrscheinlich auf eine Minen-Explosion zurückzusühren.
Englischer Kreuzer „New Castle" gesunken.
Rotterdam, 28. Nov. (WTB.) Nach- hier eingetrosse- nen Nachrichten ist der englische Kreuzer „New «Castle" am 15. November in der Nordsee auf eine Mine gelaufen und bei dem Bestreben, den heimatlichen Hafen zu erreichen, am Eingang zum Firth of Focth gesunken. Er "befand sich zur Zeit des Unglücks in Begleitung von zwei andren Kreuzern. Bon der Besatzung des „New Castle" sind (27 Mann tot, 45 wurden verwundet.
Berlin, 28. Nov. (WTB.) Das bei dem Streifzug in cher Nacht zum 27. November versenkte englische iBewachungsfahrzeug war der im Minensuchdienst 'tätige Fischöampfer „N arv a l". Die Besatzung gehörte zur Mopal-Navat-Res erve.
London, 28. Nov. (WTB. Nichtamtlich.) Lloyds meldet : Kapitän und Besatzung des norwegischen Dampfers „V i b o rg" (1.311 Bruttoregistertonnen) aus Hau- gesund wurden gelandet. Sie erzählen, daß das Schiff von Linern deutschen U-Boot versenkt wurde.
Der englische Danrpfer „En na ston, der vorher als -»ersenkt gemeldet wurde, ist, von einer Mine oder einem ^Torpedo schwer beschädigt, in Gravesend angekommen.
das Lied: „Deutschland, Deutschland über alles!" an.
Preise für Haselnußöl.
Ter Kriegsausschuß für Oele und Fette läßt den bei, weitem größten Teil des ihm zur Verfügung stehenden Oeles zur M a r - g a r i n e h e r st e l l n n g verwenden, weil die Bevölkerung in den meisten Teilen Deutschlands Margarine noch nötiger braucht als Oele. Speiseöl kann durch den Kriegsausschuß deshalb zur Zeit nur in solche Bezirke abgegeben werden, deren Bevölkerung cm die Verwendung von Rüböl und Leinöl statt anderen Fettes im Frieden besonders gewöhnt ist.
Soweit dep Kriegsausschuß Oel abgibt, berechnet er für das unter seine Aufsicht-gestellte Oel den Kommunal verbänden 4,50 Mark für das .Kilo. Dieser Preis steht genau im Verhältnis zu dem \ Margarinepreis und ergibt sich aus dem Durchschnitt der Preise ' für inländische und den zur Zeit sehr teuren ausländischen Oel- salaten, Oelen und Fetten. Für die Kleinhandelsspannung bestehen zur Zeit keine allgemeinen Bestimmungen. Der Kleinhandelspreis für das Kriegsausschuß-Oel beträgt in der Regel 5—5,50 Mark das Kilo. *
Daneben kommt anderes Oel verschiedener Art und Herkunft zum Preise bis zu 36 Mark für das Kilo in den Handel. Dieses Oel ist zum Teil aus Haselnüssen und anderen, dem freien Verkehr belassenen Früchten hergestellt, znm Teil ist es freilich vielleicht auch auf gesetzwidrigen Wegen in den Handel gekommenes Rüböl nsw. Die Hcrstellnng von Haselnußöl und einigen anderen im freien Verkehr vortommenden Oelen ist wegen der Kostspieligkeit der meist im Auslande zu erwerbenden Grundstoffe so teuer, daß selbst in einzelnen Fällen bei Preisen bis zu 25 Mark das Kilo, wenn es sich wirklich um solche Feinöle und nicht um widerrechtlich verkaufte Rüb- und Leinöle handelt, noch keinen übermäßigen Gewinn darzustellen brauchen. (WTB.)
Aus Stadt und Land.
Gießen, 29 . November 1916 .
Zur Milchversorgurrg tti Gießen.
Die zahlreichen Bestrebungen der Zöglingsfürsorge werden seit nenn Jahr een in hervorragender Meise durch Lieferung einwandfreier Kindermilch unterstützt. Hier hat insonderheit mit großen Kosten das Hofgut Winnerod es erreicht, daß eine tu berkel freie Kurmilch in -großen Mengen täglich btit Säuglingen unserer Stabt zur Verfügung stand. In zahllosen Fällen hat sich diese Milch glänzenD bewährt. In vielen verzweifelte Fällen stellte sic für das bedrohte Säuglingsleben die einzige Rettung dar. Wir Ovaren hier in Gießen manch'r größeren Stadt weit voraus.
Schon seit Kriegsausbruch bestanden den Bestrebungen, die weitere Versorgung in gleicher Weise sicher zu stellen, zahlreich!" Schwierigkeiten. Sie wurden erst behoben durch Eingreifen der Negierung in Darmstadt, indem von dort aus die Abgabe der Krastsnttermittel auf Gesuche der Interessenten hin ailgeordnet wurde.
(Andere große Städte haben Riesenbeträge für die Milchversorgung zur Verfügung gestellt, l>aben Einrichtungen geschaffen neue geschaffen, die bei uns nur zu erhalten, zu unterstützen waren
Was ist bei uns .alles darin vorerst geschehen? Nach! dem gestrigen milchsreien Tage erhalten wir heute solche wieder Wo kommt sie her? Tie heute am 28. November erhältliche Milch bat manches durchgemacht.
Nach fccu neuesten Anordnungen haben sämtliche Milcherzeuger ihre Milch abzuliefern und an eine Zentrale zu versenden. Gestern am 27., ist diese abzuliefernd-e Milch gesammelt worden Sie stammt bis zu den kleinsten Betrieben zurück von den Meldungen am 26. früh, mittags, abends, war also am 27. zum Teil schon einen Tag galt. Tie gesamte Milchmenge wird jetzt zusammen geschüttet, auf 60 Grad erhitzt und tiefgekühlt — zu ihrer Erhaltung ? Am 28. kommt sie zur Verteilung,- bj,§ zum 29. mittags nttifo fte reichen. Beim Einkauf bereits^zum Teil ztvei Tage alt, gereicht sic bis zum Verbraarch am 29. früh ein Alter vom drer -Tagen,
Wenn solche Regelung schon jetzt im Winter zweifellos in! nianchen Füllen, namentlich im frühesten KindeSalter, Schädigungen: veranlafseir kann, so wird sie bei Eintritt lnärmerer WitternnO geradezu eine Gefahr in sich schließen. Eine „FrischmllckVersorgung", das Ideal, schaltet sie systematisch aus.
Hiermil sind aber die Folgen der Nenordwrng nicht abge-, schlossen. Das Risiko der Milch kr hhalter ist ein vielsack vergrößertes im Vergleich zu früher. Ter Ankaufspreis bis zu! 2000 Mark pro Tier ist um mehr als das Doppelte gestiegen!. Folge: diejenigen Betriebe, die seit Jahren in die Verbassernngl il.re Betriebe ihren Stolz setzten mrd diese besonders für Säuglinge zu bevorzugende Milch lieferten, werden zur Verringerung ihres Viehstandes schreiten müssen. Tie bisher geübte ärztlickie Konttolle des Viehes kann, weil illusorisch geworden, unterbleiben. Tas täglich gerade von diesen Betrieben gelieferte Vorzugsmilch- qii-antum wird sich ständig verringern. Zu Zeiten, in denen das Auftreten häufigerer Kinderevkrankungen zu erwarten steht, denen! durch solche Milch vorgebeugt werden kann, ist da nn eine sofortige Abhilfe rmmö^lich geworden'.
Es erschiernt deshalb im Interesse der Säuglingsfürsorge, die gerade in Hessen durch zahlreiche Förderungen anderen deutschen Landestcilen voranging, dringend geboten, die in ihren Bemühungen erfolggekrönten Betriebe nicht mit einem Schlage zu verwüsten. Diese sollteir^krästtgst unterstützt werden. Auch unsere heullge mit mancherlei^ Schwierigkeiten arbeitetrdc Milchversorgung macht es nicht unmöglich, daß für Säuglinge und jüngere Kinder besonders geeignete Milch in bisheriger Weise bereitgestellt wird.
Spezialarzt Tr. Klein rr.
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Der Bedarf arr Zahlungsmitteln.
ist im Verlauf des Krieges in allen Ländern außerordentlich gestiegen. Von den großen Summen des Bargeldes ist ein sehr erheblicher Teil auf die verschiedenen Kriegsschauplätze und in die besetzten feindtick)en Gebiete abgewandert. Ein anderer Teil entfällt auf die gestiegenen Warenpreise uird Löhne sowie auf die infolge des Krieges vermehrten Barzahlrmgen. Aber diese Ursachen allein konnten eine so gewaltige und ständig wachsende Enttmhme von Geldmitteln, wie sie sich jetzt gezeigt hat, nicht herbeiführen^ es ist vielmehr und namentlich in den letzten Monaten außerordenö-' lich erschwerend hinzugetteten eine wie es scheint in der Veoöl- kernng schnell um jich greifende Aufspeicherung von Za^ungs- mittetn von den größten. Papierabschnitten bis zu den kleinsten Münzm herunter. Eine solckie Bewegung birgt, wie sinnlos es aber ist, aus unberechtigter Furcht und Sorge Bargelder länger als nötig bei sick aufzubewahren, anstatt sie bei einem dazu berufenen Jnstittite sicher und verzinslich nnterzubringen. Und dadurch die Zahlungsmittel wieder dem Verkehr zuzuführen, zeigt uns 'nachstehend wiedergegebene Unterhaltung, die einer unserer Mitarbeiter airgeblich irgendwo in der Umgegend erlauscht hat und die wir im Interesse der guten Sache unseren Lesern nicht vorenthalten wollen.
Krause: Guten Tag, Herr Nachbar, wohin denn so eilig, so früh i«>m. Tag<? Siird Sie schon mit Dreschen fertig?
Müller: Neiw noch nicht, aber ich will nach der Stadt geben und mir auf der Sparkasse Geld holen; und die ist Nur bis 1 Uhr offen.
Krause: Nanu? Geld holen? Sie haben doch eben erst 2 Ochsen verkauft und gestern lvar doch die Kommission da und har Getreide für die Heeresverwaltung beschlagnahmt! Da müssen Sie doch im Gelde schwimmen!
_ Müller: Ja, das schon; aber ich will im Frühjahr einew Schweinestatt anbauen und am 1. Januar die Hypothek aus das Vorwerk zurückzahlen. Die kostet mich 5 Prozent Zinsen jährlich. Da habe ich mir gedacht, loer weiß^ ob die Preise für Getreide, Vieh und Kartoffeln nach dem Kriege so hoch bleiben wie jetzt imb ick soviel dann übrig habe, um die Schuld abzuttagen. Alle Vierteljahre loegeu der Zinsenzahlung in die Stadt zu rennen, macht auch keinen Spaß. Und zu Hanse bleibt derweil alle Arbeit liegen.
Krause: Ja, da habeir Sie schon recht. Ich habe auch vor, die Z^ypothek auf niein Wohnhaus am ersten Januar zurückzuzahlen. Aber das wäre mir viel zu ängsllich, das Geld so lange zu Hause aufzuhcben. Haben Sie denn nicht gehört, daß sie gestern bei Bauer Bcnrdt in Heinersdors eingebrochen sind? Na, die haben nicht, schlecht gestohlen! Allein 5 000 Taler bares Geld! Aber das ist dem alten Geizhals ganz recht. Er hat keinen Sohn im Felde und hat sich nicht einmal an der Kriegsanleihe beteiligt. Nur Geld zusanlmenzusckwrrcn war sein Streben. Nrin ist er seine Kriegsgewinne aus einmal schnell losgcworden. Die Einbrecher sollen übrigens die ganze Gegend unsicher machen.
Müller: Nein, was Sie sagen? Das habe ich noch gar nicht gehört: ist nicht die Polizei hirtter ihnen her? Ta jagen Sie mcr aber einen Schreck ein! Aber wo heben Sie denn Ihr Gew auf?
Mause: Ick hübe ein Konto bei der hiesigen Spar- und Darlehnskasse. Tic besorgt meine kleineren Zahlungen, ^ohne daß ich Schererei dancit habe. Was ich an Geld stehen lasse, wird mir noch mit 31/2 Prozent verzinst.
Müller: Ja, das ist ja ganz schön, aber im Vertrauen: ich lasse mir nicht gern in die Karten gucken. Womöglich nnrd das eine oder andere Mitglied der Spar- imb Darlehnskasse in die Steuerkommission gewählt, und dann hat man die Bescherung. Man liest jetzt soviel vom bargeldlosen Zahlungs-- und Scheckverkehr: ich glaube, der Staat Null bloß feststellen, wer Geld hat
Krause: Nein, da sind Sic im Irrtum. Diese Bemühungen gehen von der Reichsbank aus, die mit den Steuerbehörden gar nichts zu tim hat. Die will bloß, daß man nicht unnötig Geld bei sich.herumträgt oder zu Hause liegen hat. Sie muß dafür Sorge tragen, daß unsere Währung solide bleibt. Tenn jede Note muß zu ein Drittel durch Hartgeld gedeckt sein. Es bleibt sich dabei ganz gleich, ob die Leute Hartgeld oder Papiergeld zu Hause aufheben. Beides erschwert die Ausgabe der Reichsbank ungemein. Es ist übrigens ganz gleichgültig für die Reichsbank, wo wir das Geld einzahlen, ob bei der Genossenschaft, Sparkasse, Post oder einer Bank, wenn wir es nur arbeiten lap'en. Alle diese Institute sind zur Schweigepflicht gegenüber jedermann, auch gegenüber der Steuerbehörde, verpftickstet und können für Schäden, die aus der Verletzung der Schweigepflicht entstehen, haftbar gemacht werden. Aber zu Hause mein Gew ausheben, nein, das tue ich grundsätzlich nicht. Da riskiere ich viel zu viel, wenn einmal Feuer ausbricht, oder es passiert mir dasselbe, wie dem Bauer Berndt.
Müller: Ja, da haben Sie eigentlich recht. Wenn ich mir- überlege, was Sie sagen, ist es Unsinn, das Geld schon jetzt be- reitznlcgen. Bekommen Sie es denn bei Ihrer Genossenschaft und bei der Sparkasse gleich ausgezahlt?
Krause: Natürlich, besonders wenn ich darüber nur durch Ucberweiiung verfüge. Wenn auch die Gerrossensckast selten viel bares Geld hier liegen hat, so hat sie doch ein Guthaben bei ihrer Provinzial- oder Landesgenossenschaftskasse und letztere wiederum in Berlin bei der Preußischen Zentral-Genossenschaftskasse und kann schnellstens durch einfachen brieflichen Aufttag über die größten Summen verfügen. In den großen Städten bestehen schon seit vielen Jahren Abrechnungsstellen, in denen gewaltige, in die Millionen geherwe Umsätze vermittelt werden, ohne daß ein einziges Geldstück oder ein einziger Schein dazu gebraucht wird. Also im Großverkehr hat sich dieses Zahlungsverfahren schon längst eingebürgert. In Englcuw und Ainerika ist man auch viel weiter damit. Tort hat jedermann sein Scheckbuch und denkt gar nicht daran, Bargeld bei sich zu führen oder im Hause aufzuheben. Schon wegen des Zinsverlustes. Nur bei uns in Deutschland kann man sich nicht daran gewöhnen.
Müller: 2lber das habe ich ja noch gar nicht gewußt. Warum wird denn gerade jetzt im Kriege damit begonnen, diese Zahlungs- weisc einzubürgern?
Krause: Weil gerade wtzt alle wirtschaftlichen Kräfte ^usammen- aehalten werden müssen. Es wird zu leicht vergessen, daß unsere Heere fern von der Heimat kämpfen und große Gebiete in Feindesland besetzt halten. Alle diese Tausende von Soldaten führen Geld bei sich, das bei der großen Entfernung der Kriegsschauplätze seinen Weg nicht so schnell wieder ins Inland und zur Rcichsbank zu- rückftndet. Obwohl die Reichsbank Millionen über Millionen an Banknoten Kassenscheinen, Silber und^ Kleingeld in den Verkehr gesetzt hat und noch weiter in den Verkehr setzt, ist allenthalben ein großer Mangel an Kleingeld fest^ustellen. Dem muß abgeholfen werden, weil sonst der ganze Geldverkeh«


