Nr. 2D
Zweites Viütt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Beilagen: „Sietzener Zamilkenblütter^' und „Ureröblstt für den Ureis Liehen".
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lb6. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberhesfen
Montag, 23. Wsber r9fü
Zwillingsrunddruck und Verlag: Brüht'scheUnlversucfts-Buch-u.Steuidruckcrci.
R. Lange, Gießer:.
Lchriftleitung. Geschäftsstelle und Druckerei:
Schulstraße?. (Geschäftsstelleu.Verlag: :, ' Schriftleitung: 112.
Aitschrift f. i r Tra ht rachrrchter:: Anzeiger Gießer:.
Am dem hauptausschuh der Neichstags.
Berlin, 21. OkL. (MTV.) In der heutigen Sitzung des Hauptausschusses des Reichstages wurde der Zerrtrurns an trag, dem Reichstage bei jedem Zusammentritt eingehende Aufstellungen über die Verteilung der Heeres- und Marinelieserungen zu geben und die Lieferun ge« Möglichst gleichmäßig auf alle Bundesstaaten zu ver teilc«, sowie die vom Reich unterstützten Neuunternehmuw- g«r für Heereszwecke gleichfalls tunlichst allen Bundesstaaten zugute kommen zu lassen, Verschiebungen in der Steuerkruft der einzelnen Bundesstaaten möglichst zu vermeiden, und, soweit sie unvermeidbar seien, in geeigneter Werse aus^ualeichen, sowie ein nationalliberaler Zusatz antrsg, bei Lieferungen die wirtschaftliche Leistungsfähig kett der Bundesstaaten zu berücksichtigen, mit unwescnt lichen Aendernngen angenommen. Ferner wurde angenommen ein Zentrumsantrag, die Heeresverwaltung ruöge bei Beendigung des Krieges die für sie entbehrlich werdenden Pferde, Fahrzeuge und Geräte an die Beruss- vereimgungen der Landwirte und Gewerbetreibenden zu billigen Preisen veräußern.
Berlin, 21. Oktober. In der gestrigen Sitzung des Hauptausschusses des Reichstags machte Staatssekretär Dr. Helfferich interessante Angaben über die Sterb- lichkeitsziffern der letzten Jahre, die zum Teil in nicht iymjt richtiger Fassung in die Oeffentlichkeit gelangten. Nach den statistischen Feststellungen starben auf 1000 ^Ein- wohrrer im Jahre 1911: 16,3, im Jahre 1912: 14,6, im Jahre 1913: 14,0, im Jahre 1914: 16,1, im Jahre 1915: 19,7 urtb in den ersten sechs Monaten 1916: (auf das Fahr beregnet) 17,0 Personen. Die Erhebungen beziehen sich nur aus die Städte mit 15 000 und mehr Einwohnern, schließen aber sämtliche Militärpersonen, also insbesondere auch sämtliche Kriegsverluste ein. Es ergibt sich daraus somit, daß in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres die Gesamtzahl der Gestorbenen nur nur 0,7 anfs Tausend größer war als im entsprechenden Zeitraum des Friedeusjahres 1911.
Was die Säuglingssterblichkeit anbelangt, so war das Verhältnis der im ersten Lebensjahr Gestorbenen zu der Gesamtzahl der Gestorbenen im Jahre 1911 N,7 v. H., im Jahre 1912: 24,6 v. H., im Jahre 1913: 24,8 v. H., im Jahre 1914: 22,7 v. H., im Jahre 1915: 13,4 v. H-, im ersten Halbj<chr 1916: 11,5 v. H. Natürlich erscheinen diese Zahlen günstiger als sie in Wirklichkeit sind, weil eben die Zahl der Sterbefalle von Erwachsenen infolge des Krieges erheblich gestiegen ist, aber immerhin zeige sich, daß von einer nn- günstigeir Einwirkung der Errrährungsverhältnisse auf die Säuglrngsstrrblrchkeit nicht die Rede sein kann.
Aus dem Reiche.
Sauerkraut und Dörrgemüse.
Berlin, 21. Okt. (WTB. Amtlich.) Wir haben zur Win- terversvrgung des Heeres urtb der Bev ö l kerun g! große Mengen Sauerkraut und Törrgemüse nötig. Der starke Zugriff der Kommunalverbände und der Einzelhaushalte auf Weißkohl zum sofortigen Verbrauch hat eine solche Steigerung her- beigeführt, daß die Sauerkraut- und Dörrgemüse-Jndustrie nicht mehr kaufen kann, ohne daß eine unerträgliche Verteuerung der Erzeugnisse cintrcten müßte. Mit einer Festsetzung von Höchstpreisen ist dagegen nicht anzukämpfen, da sie erfahrungsgemäß bei Gemüse wie Obst wegen der zahlreichen behördlich nicht wirksam zu verhindernden Umgehungsmöglichkeitm versagt. Der Stellvertreter des Reichskanzlers gab deshalb auf Antrag des Präsidenten des Kriegsernährungsamtes durch eine Verordnung über den Ab
satz von Weißkohl der Reichsstelle für Gemüse und Obst das Recht, zu bestimmen, daß in bestimmten örtlich abgegrenzten Bezirken der Absatz von Weißkohl ohne Rücksicht, o-b darüber bereits Verträge beschlossen sind, nur an sie oder ihre Kommissionäre zulässig ist. Nötigenfalls soll sie auch Weißkohl enteignen können. Ausgenommen ist nur der Absatz an den Verbraucher innerhalb des gesperrten Gebietes, sofern nicht mehr als 10 Kilogramm an den! gleichen Verbrauchst: abgesetzt werden. Die Reichsstelle für dörr Reichsgemüsc- und Obstmarkt macht int „Reichsanzeiger" die von ihr gesperrten Gebiete und die ernannten Kommissionäre bekannt. Die Kommissionäre sind natürliche angewiesen, alle ihnen angebotenen brauchbaren Kohlmengen anzunehmen. Die Preise, die die Kommissionäre zu zahlen berechtigt sind, sind nach den Vorschlägen örtlicher Kommissionen bestimmt. Falls es ein Besitzer von Weißkohl zur Enteignung kommen lassen sollte, muß der Enteignungspreis unter jenem Preis festgesetzt werden: beim Kl>einverkauf aut Verbraucher darf dieser Preis nicht überschritten werden.
Von der Reichsstelle für Gemüse und Obst sind die nötigen Vorbereitungen getroffen iovrden, um zu verhindern, daß der Absatz des Weißkohls infolge der neuen Verordnung in bedenklicher Weise stockt. Nur ivenn es gelingt, Weißkohl den Bedarfsstellen in gerrchter Verteilung zuzuführen, lassen sich schwere Mißstände bei der Versorgung der mirrderbemittelten Bevölkerung mit Winterkohl, Sauerkohl und Dörrgemüse vermeiden.
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Berlin, 23. Okt. Zu dem sehr ruhigen Verlauf des gestrigen Geburtstages der Kaiserin sagt der Berliner „Lokalanz": In den Augen der Berliner erhielt der Festtag seinen ganz besonderen Ausdruck durch die hochherzigen Stiftungen, die der Kaiser zum Geburtstag seiner Gemahlin gemacht hat.
Berlin, 21. Okt. (WTB. Amtlich.) Im Bundesrats- saale des Reichstags fand heute unter dem Vorsitz des Stellvertreters des Reichskanzlers, Staatssekretärs Dr. Helfferich eine Besprechung mit den bundesstaatlichen Regierungen über Fragen der Volksernährung statt. An'der Konferenz nahmen außer den in Berlin ansässigen Bundesratsbevollmächtigten die für die Ernährungsfrage zuständigen Staatsminister der Bundesstaaten teil.
hältnisse, die durch Umwandlung her bisher als G. m. b. H. bestand men Fabrik iit eine offene Handelsgesellschaft und der dadurch bewirkten Aenderung in der steuerlichen Behandlung, durch die sich die Gemeinde benachteiligt fühlt und wegen der eine Aenderung der Steuergesetzgebung verlangt wird, fanden eingehende Beratung. In. ihrem Verlauf ergab sich, daß die Befürchtungen zum großen Teil nicht gerechtfertigt sind. Schließlich wurde die Vorstellung der Gemeinde Mühlheim an die Regierung als Material fürs die Reform der Einkomnrensteuergesetzgebung überwiesen. Damit war die Beratung des Ausschusses beendet.
Ans. Heften.
Aus dem Finanzausschuß der Zweiten Kammer.
rb. D a r m st a d i , 21. Oktober. Der Finanzausschuß der Zweiten Kammer hielt gestern eine gemeinsame Beratung mit der Negierung ab, die durch Staats minister Tr. v. Ewald, Finanzminister Tr. Becker u. a. vertreten war. Zunächst wurde die Regierungsvorlage über die Erhöhurig der Hundesteuer beraten. Es ist bekanntlich in Aussicht genommen, daß die staatliche Hundesteuer um 10 Mark erhöht werden soll, und daß den Gemeinden die Befugnis etteilt wird, auch ihrerseits die gleiche Erhöhung vorzunchmen. Tie Besprechung drehte sich hauptsächlich um die Frage, ob der Vorschlag der Regierung richtig sei, diejenigen Hunde von der Erhöhung freizugeben, die in Gemeinden unter 3000 Einwohnern gehalten werden. Hierzu erhob sich von manchen Seiten Widerspruch, da eine derartige Unterscheidung in Hessen bisher nicht gemacht wurde. Tie Regierung wies daraus hin, daß eine derartig verschiedene Behandlung in anderen BuNdes-7 staaten eingeführt sei :md ihren Grund darin habe, daß die in kleinen Gemeinden gehaltenen Hunde zum allergrößten Teil Gebrauchshunde, keine Luxushunde seien. Ein Vorschlag aus dem Ausschuß, die Hunde, für welche die Steuern uneinbringlich seien, einzuziehen, fand Allgemeine Billigung. Es wurde schließlich der Regierung anheimgegeben, für Hundezüchter Ausnahmen in der Steuer eintreten zu lassen, so daß diese nicht für jeden von ihnen gezüchteten Hund Steuern zu entrichten hatten. Tie endgültige Gestaltung des Gesetzentwurfs wird durch den Ausschuß noch erfolgen.
Ter weitere Gegenstand der Tagesordnung bettaf: Die Vorstellung der Gemeinde Mühlheim wegen der Steuervcrhält- nisse der Schrauben-Industtie. Tie verwackelten steuerlichen Ver- I
Uirterssebootskommandanterr als Ritter des ©töetts |)our k merite.
Wie die Presse berichtete, hat der Kapitänleutnant von Ar- Nauld de la Serviere, Kommandant vor: „U35". über eine Viertelmillion Tonnen feindlicher K'ttcgs- urtb Handelsschiffe versenkt und damit unseren Feinden einen Verlust im Wert von fast einer halben Milliarde zugcfügt. Wie hart namentlich England durch die von unseren Unterseebooten unter den außerordentlich gefährlichen und schwierigen Bedingungen des Kreuzerrrieges bisher erzielten Erfolge getrosscn wird, geht aus der im Unterhause gelegentlich der Teuerungsdebatte vom englischen Handelsminister Runcrmau gemachten Angabe hervor, nach der bisher zirka zwei Millionen Tonnen englischer Ladungsraum durch den Feind vernichtet wurden. Zweifellos liegt dieser Zahl nur die offizielle Bekanntgabe der englischen Handelsschiffsvertuste zugrunde, in Wirklichkeit wird sie bettächtlich höher sein. Die Liste der von Käpttäuleutuant von Aruauld zur Strecke gebrachten Dampfer weist ferner 2 kleine Kreuzer, mehrere Hilfskreuzer und 11 mit Geschützen armierte feindliche Dampfer aus. Mit Freude und Genugtuung wird man daher die Auszeichnung dieses hervorragenden Seeoffiziers begrüßen dürfen, des nunmehr jüngsten Ritters des Ordens Pour le merite in der Reihe unserer Uittersecboots- kommandantcn.
Der Erste, dem diese hohe Auszeichnung zuteil wurde, war der unvergeßliche v. Weddigen. den mau als den .Klassiker der Unterseebootshandhabung nennen darf. Nachdem er für seine denkwürdige Versenkung der drei englischen Panzerkreuzer „Aboukir", „Hogue" nnd, „Cressy" am 22. September 1914 mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet war, erhielt er den Pour te merite für die Vernichtung des englischen .Kreuzers „Pawk". Ein Held wrc Siegfried ging er mit seinem Boot an der englischen Küste zugrunde, wie dieser das tragische Opfer der Tücke und Hinterlist ferner Gegner. Tie englische Admiralität hat sich weislich gehütet, den Hergang seines Endes bekannt zu geben.
Kapitänleutnant H e r s i n g erhielt den Orden, nachdenr er im Mai 1915 die englischen Linienschiffe „Majestic" und „Triumph" vor den Dardanellen bezw. im Golf von Saros versenkt hatte. Er war der erste deutsche U-Bootskommaudaut, dem ein feindliches Kriegs,chrrf zum Opfer siel. Am 5. September 1914 versenkte er vor dem Firth os Förth den englischen Kreuzer „Pathsinder". Seine . tfafjrt von Wilhelmshaven nach Könftantinovel stellt eine Epoche dar, denn damit war die Verwendungsmöglichkeit von Unterseebooten in überseeischen Gewässern fern von der heimatlichen Küste ferme, eit und auf dieser Leistung bauten sich die gewaltigen Fortschritte unserer Unterseebvotwaffe auf, die sie in die Lage setzt, sogar jenseits des Atlantischen Ozeans und dem nördlichen Eismeere die deutsche Kriegsflagge zu zeigen.
Im März dieses Jahres erhielt Käpitänleutnant Otto Stein- brinckden Pour lefeörite. Ihm fielen neben zahlreicheir Hanfels- schtffen Mehrere französiiche und englische Hilfskreuzer zur Beute, iirtb zwar in den höchst schwierigen, von Sperrest, Mineit und Wachfahrzeugen wimmelnden Gewässern des englischen Kanals
Käpitänleutnant Walter Forstmann erhielt die Auszeich^ uung im August dieses Jahres. Der Tonnengehatt der von ihm verrenkten ,eiudlichen Kriegsfalwzeuge und Handelsdampser überstieg damals bereits die Zahl 260 000.
Daß hiermit für die Folge die Reife der Ritter des Ordens I e w e , ri ~ e ulI ^ er Unseren Unterseebootskommandanten noch nicht abge,chlo,sen ,em wird, verbürgen, uns die erfreulichen Nachrichten, die über die erfolgreiche Tätigkeit aus allen Gewäs^rn,
Giesjenev Stadttheater.
Vortrag Max Halbe.
Dem Fünfzigjährigen, der am Samstag abend aus seinen Werken vottrug, war vor etwa 25 Jahren (1893) der Fanfareiistoß der .Jugend" geglückt. Ein Werk, in einer einzigen großen Geste auf- gebaut. die jeder verstand und die jedem, ans Herz griff, so ging es damals in einem starken Tfeaterersolge über aUe Bühnen und half mit der jungen Tichrer-Generatton der Naturalisten den Weg brechen. Obgleich Halbe so laute Bühnenerfolge nicht mehr be- 'chieden waren, irur „Mutter Erde" und der „Strom" verniockchen sich länger zu halten, so ist ihm doch die Anerkennung nicfe versagt geblieben, den führenden Männern des Naturalismus zugerechutt zu loerden. Ihn persönlich kennen zu lernen, als Interpret seiner eigenen Werke, ivar daher ein bedeutungsvolles Ereignis mld man kairn es nur bedauern, daß unser Publikum, das bei Schwank und Posse das Theater füllt, an diesem Abend die Reihen nur sehr spär- lrch besetzte. Max Halbe trug nichts Dramatisches vor Aber was die Stärke seiner reifsten Mhnenwerke ausmaäst, die sichere Psyckw- logie und jeite lyrische Grundstimmung seiner Anlage — die Erfolg wie Mißerfolg seiner Dramen bedingte, weil sich nicht ständig auf lyrischen Grund,timmungen Bühnenwerke ausbauen lassen — diese beiden Dichtereigenschafteu kamen fei der dargebotenen AuÄvahl seiner Werke besonders glücklich zur Geltung. Den Auftakt bildeten Gefechte und een ^.Kriegsprolog. In seinen Gefechten nruß man sich der Jmirgkeit seines Empfindens voll gefangen geben in reifem Schauen prägt er seine Gesichte zu Natursymbolen von seltener Eindringlichkeit üm. Dies -gilt zumal von dem lyrischen Adagio „Wenn wir alt fern werden". Auch diese Vorliebe zur symbolischen Verwendung von Vorgängen in der Natur läßt sich in seineii Dvmnen verfolgen. Hier wächst sie sich zu schlichter pathvsfremder GrSße aus. Den stärfften Eindruck erzielte jedoch der Vorttag der Novelle „Dr. Sieverings Heimfahrt". Das ungedrncktc Werk vereinigt alle Vorziigc Hatbe'scher .Kunst. Meisterhaft ist der psychologische Borwurs von der sicher führendeir Hand des Dramatikers zu einer nicht wüder los lassenden Spannung gesteigert Dazu kommt noch, daß jeder Satz die Stimmung der Lairdschaft ein- gesangen hält, in der die Handlung sich äbspielt. Halbes Vortrag ist schlichtend eindrucksvoll. Nichts Gewolltes haftet ihm an Nur selten untcrstrich eine unaufdringliche Geste Wott oder Gedankat So blieb der Dichter der vornehnfftt Interpret seines Werkes Lo ging dre Wirkung unbeeinflußt durch die Persönlichkeit des Lchöpsers aus der Dichtting hervor Und diese Wirkung war stark und nachhaltig. zz
Pension Schotter.
Vosse von W. Jakoby und C. Laufs.
Familie Schimek.
Schwank von Gustav Kadelburg. ' Sonntagspcogramm: eine Posse und ein Schwank. Pension Ar drei Jahren aufgeführt und ist sattsam bekannt. Familie Schimek ist em Kadelburg und hat hoffentlich
nicht als Beginn eines Kadelbuvg — Blnmenthal — Lindau — Moser — Schönthan — Lübliner und Koppel-Ellfeld — Zyklus Au gelten, wie er im Vorjahre die hohe Ehre hatte, einen großen Teil des Spielplanes zu bestreiten. Dieser Schwank, auch an aus- wmutigen Bühnen wird er augenblicklich viel gegeben, ist ein recht witziges Merkchen, das die Freuden und Leiden eines Vormundes zum Gegenstand hat. Es unterhält prächtig und reißt nicht ab witzig zu seiw Drastische Geschehnisse sind gehäuft und die Handlung bleibt bis zum Schluß geschickt durchgeftihrt.
In beiden Stücken hatte Rudolf G o l l die Hauptrolle. Man muß es ihm lassen, daß er niemals eine Rolle umüferft und mit immer frischem Humor und einer verblüffenden Sicherhett die Lacfer auf seine Seite zu ziehen weiß. Wilhelm H e l l m u t h beiv ies abermals seine Biefahignng zu typisierenden Gestalten. Die cholerische Biederkeit des geplagten Vormundes gelang ihm ttefftich. Auch, Ernst Theiling war in beiden Stücän ansprechend. Karl Sie in meyer gibt immer neue Proben humoristtscher Begabung Und Hans Werthmann gefällt in seinem ruhiger gewor- tdenen Spiel. Von den Damen tvat Elli Dornhöfer diesmal mehr hervor, aber ihrem Spiel fehlt es an eigentlichem Leberc. Helene Kallmar erfreut wieder und wieder durch ihre wahrhaft erquickende Art. Bon ihr sttid iroch schöne Leistungen zu erwarten. Luise De los sa hat den errtschiedenen Vorzug wandlungsfähig zu fern und die verschiedenartigsten Aufgaben musterhaft zu lösen. Sowohl ihre rvmanselige Schriftstellerin wie ihre ganz anders geartete Frau Sjchrmek waren gut. Fift Bort entledigte sich der Rolle eurer Ballettänzerin mit Geschick. Gin großer Teil deS Ensembles war in kleineren Rollen beschäftigt. Die Spielleitung hatte für Pension SchöNer: Otto Conradi, für FamMe Schi- nvet: Rudolf Goll. Beiden glückte es, ein flottes Spiel im Gange zu halten. 22
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Die flämi,che Hochschule ln Gent.
Brüssel, 21. Okt. (WTB.) Heute vormittag faird in der mxa der Untversität Ge n t durch den Generalgouverneuv Generaloberst Freiherr v. Bissing fee Uebergabe der in eine flämische ^ Hochschule umgewandelten Universität an den Lehr- Lkoferr statt, der unter ^Führung des Rektors Hosfmann voll- zahltg erschienen war. Der Generälgouverneitr betonte in seiner Rede, fee Tatsache, daß fee sÄenter Hvchfck^ule die Borlesnugew wrwer aufnetzme, werde in dem slämifchiQl Gebiet und weih ldarwer hinaus mit Freuden begrüßt. Mcm sehe in der flämischen Hochschule eure Bürgschaft für fee Zukanft der geistigen Entwick- ttrng des Landes und das unerschütterliche Rückgrat des kräftigen flaunschen Volkstums. ES sötte feine deutsche Hochschule hier ent,tefen aber erst vvcht keine fränkische, sondern eine iw flämischen Volke wurzelnde niederländische.
Mktor Ho ff wann sagte in ferner Erwiderung, fee Uni- ver,ttat werde letzt ihrer natürlichen Bestmtmauvg wirdergegeben, vaan uye fee flämische Sprache als Unterrichtssprache ernge führt Tvmtt verwirkliche sich eines der höchsten Ideale des fl amt scheu Volkes, für fee das Bott seit 85 Jahven gelitten und gestritten habe, Vor einer kühlen sachlichen Ueberlegung hätten
die oft geäußerten Bedertken und Befürchtungen nicht staudtzalten können, da cs keine sittlichen ünd rechtlichen Gründe gebe, die die Lehrer hätten abhalten können, ihrem Volke zu dienen, ünd da auch kein verständiger Patriottsmus ein Hindernis bilde: anßer- dckm sef bfe' Frage ganz belanglos für fee Unabhängigkeit des Landes und dessen inneveir Zustand. Es handle sick) hier um fee Wünsche Flanderns und um Rechte der Flamen, denn fee Hochscbnle sötte eine flämische, eine niederländische sein und daher Nur der gersttgen EntN-icklung des flänrischen Volkes und der niederländischen Kultur dienen. Das flämische Volk sei sich seiner .Kraft bewußt Und fasse rm-iner mehr Mut. Es werde daher, wie imnrerl ftch auch fee Truge entwickeln mögeir, nicht dulden, daß irgend eine Hand an seinen ^Palladium rühre. Dem schlichten Mt der Uebergabe wohnten außer dem Generalgouverneur mit dem mititä- /lmv Zivttstabe auch jein /Vertreter des Reichskanzlers, ,o,rue Vertreter der verschiedenen Bundesstaaten bei. 'Auch der bayerriche Kultusmrnister war anwesend.
— Die Uraufführung einer Kl e i ft-Be a r b ei - tung. Ajus Dusseld 0 rf wird uns geschrieben: Das Staot- thoater machte den Versuch, Kleist's „Familie Schrosseu- J tc , in Jr ^ e , r S^nz eurzubürgern. Den stärksten Llntrieb dazu gab wohl der Umstand, daß ein Düsseldorfer Schriftsteller, Gottfried E>t 0 mme', das ^.ugenddrama Kleists einer Umgestaltung men hat. Man wrrd von vornherein bezweifeln können, ob ein solcher Umbau eines Jugendwerkes, das gerade irr seiner UnvoN- kommenlhert auch ernen besonderen Reiz besitzt, von Nutzen für fee zlUnst tst. urrd ob es einer: wirklichen Gewinn bederttct, den Erstling ernes Dichters für ein großes Publikum^ gelvaltsam urunfe gerecht zu machen. Immerhin karm mar: ohne wfeteres zugesteben datz Stommel snne Aufgabe geschickt gcläst hat. Er setzt mit sein» ^ des vierten Aufzuges ein und läßt Ottokar zu-
nachst alle Mttzverständnisft aufklären, womit im Grunde jeoer wetttre Anlaß zum Stteit rvegsiele. Ruchert aber rast iveiter m ftmeiN Zorn. Der eingesperrte Ottokar entflieht und trifft mr Gebirge Agnes. Während die Burger: Warwand und Rossitz n Flammen aufgehen, suchen fee Liebenden zu entkommen, totzen aber auf den zur Ermordung der Agnes von Rupert gedungenen Mörder. Es entspinnt sich ein Käinps. in den: Agnes nnd Ottokar auf fen Tod verwundet iverden. Die Leichen Werder: cruf R-ossitz aufgebahtt. Zu der Leichenfeier wttd der inzwischen geangen gcnommn:e Rupert gebracht, der nun fein Vergehen erkennt, bereitt und sich schließlich den Tod gibt, nachdem er Shb- vesters Verzeihung erlangt hat. Sylvester aber richtet sich am iNekuhl der eigenen Schuldlosigkeit au, und ftndet so fee Kraft, sein Leben nach all dm ftirchterlichen Cchicksalsschlägei: sortzusetzen.
Ein bedauerlicher Mißgriff ist es, daß StomUrel bei dieser ttui- arbeitung die Liebesszene in der Höhle gesttichen hat. fee sikr Kleist 0 sehr charakteristisch und vielleicht das ^Schönste des ganzen Werkes ist. Das Stadttheater hatte aber viel Muhe an das Werk gewandt das dann auch gute, bisweiler: geraoe in den Schlu^rkten melodramatische Wnckung hatte. Der Beifall war lebhaft.


