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20.10.1916 Zweites Blatt
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Nr. 2 47 Zweites Blatt M. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Beilagen: ..Sletzener Zamillenblätter" und Ureisblatt für den Ureis Gietzen".

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General-Anzeiger für Sberhessen

Freitag. 29. Gttoder Mb

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B r ü hl'sche Universiläts-Buch-u.Steindrnckerei.

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Uriegsbriefe von der rumänischen Zront.

Von unserem -um südöstlichen Kriegsschauplatz entsandten Sonder­berichterstatter.

(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Aus den Kämpfen um Kronstadt.

LI.

Kronstadt, 13. Oktober 1916.

Wir dachten natürlich an alles andere eher, als an eine bevor­stehende Begrüßung, als wir Zeiden vor uns hatten. Bisher waren alle Orte, durch die wir kameu, gar so tot und verlassen gewesen, wenn man von ein paar walachischen alten Weibern, die scheu an den Hausern entlang schlichen, absah. Weshalb sollte es in Zeiden anders sein? Darauf, daß es eine Zone gab, aus der die Bauern nicht mehr so ausnahmslos wie anderwärts hatten fliehen können, und da wir uns dieser Zone näherten, Sonnten wir nicht gut kom­men. Wir dachten auch mehr an den vermeintlich unmittelbar be­vorstehenden Einzug in Kronstadt, als an irgend etwas anderes. Armes Kronstadt! Dort, wo es liegen mußte, sttegen am Horizont gelbe, schwere Brandwolken auf. Ich fannte das Bild von Polen her; es deutet auf einen abziehenden FeinLj, der seine bisherigen Quartiere nach Russenmanier in Brand gesteckt hat, weil er sie dem Sieger nicht gönnt. Immer wieder: fällt die Stadt noch heute abettb? So jagen wir an marschierenden Truppen vorüber, als einer der ersten deutschen Kraftwagen in den stattlichen, sauberen und freundlichen Ort hinein. Da, was ist das? Leute stehen in der Strafe nicht viel, aber immerhin Leute, Zivilisten, und sie grüßen und winken? Alte Männer und halbwüchsige Burschnt schwenken den runden Bauernhut. Frauenstimmen erklingen, Blu­men werden uns von harten Bäuerinnen und linkischen Bauern­mädchen in den Wagen geworfen, undHeil!" erklingt es,Heil!" und immer wiederHeit!". Der Empfang in seiner schlichten Na­türlichkeit geht mir ordentlich an die Nieren teilt ganz klein wenig geniert es mich allerdings, "mich alsBefreier" so rührend mit willkommen heißen zu lassen, während ich doch nur mit dem ge­brauchsfertigen FMfederhalter statt mit der Spadille in der Hand einziehe. Der feDgraue Pilger dort in Reih und Glied mit seinem Stoppelbart, seinen aufgesprungenen Händen und dem schweren Gepäck auf seinem Buckel, das ist euer Befreier: ihn heißt will­kommen. Bäuerinnen! Nun, schließlich langt es aber doch für uns alle. Die Leute haben Quartiere zurechtgemacht, Mannschafts- quartiere und Offizrersquartiere, und sie l>aben auch ein Bureau eingerichtet, wo die Quartierzettel ausgegeben und die erwarteten Gäste verteilt werden sotten. Es ist ganz, wie in einemguten"' Dorf während der Manöver in der Heimat. Das Bureau ist in der Postanstalt untergebracht. Unsere Feldtelegraphic ist gerade dabei, sich ebenfalls dort einzurichten und wirft zunächst zum Fenster hinaus, ivas die Rumänen, die vorher da waren, als An­denken au ihren Betrieb zurückgelassen haben. Das sind vor allen Dingen die Rottenendloser" Papierstreifen des Morseklopfers mit erledigten Feldtelegrammen. Mit großem Jubel werden sie von der Jugend drunten ausgenommen und als wirbelnde Schlan­gen dem verhaßten Feind nachträglich zum Hohn hoch in die Luft geworfen. Bald hängt alles voll davon, wie in Berlin am Morgen nach der Sylvesternacht. Die Altem die neugierig des Mannes l-arren, den ihnen dos Schicksal in Verbindung mit dem Einquar­tierungsbureau zugcdacht hat, stehen dabei und freuen sich. Und das alles noch kerne Wegstunde vom Feind!

Vom Rathausturm aus beobachten Generalstabsoffiziere durchs Scherenfernrohr die Vorgänge am Feind. Der Turm bietet einen ganz famosen Rundblick. Unmittelbar hinter uns, in die wunder­barste« Tinten getauchv:, liegen die Berge des Geisterwaldes, vor allen Dingen breit und massig der bereits erwähnte Zeidmr, in ihrem Herbstschmuck. Braun und lila, schwarz und silbergrau, grün und gelb laufen die Farben durcheinandgc. Zu unseren Füßen die frischen, roten Ziegeldächer von Zeiden, und seine sauberen Stra­ßen; fast glaubt man sich in den Harz versetzt, nach Thüringen oder auch in die Hirschberger Gegend. In den Straßen stauen sich Artillerie und Troß aller Art. Auf der Heerstraße in den Geister­wald hinein quillt neue Arttllerie und neuer Troß heran. Zur Rechten und zur Linker: breitet sich die Ebene des Burzenlandes. Ein paar weitere Dörfer. Unbestinimt farbige Stoppel-, grüne Rüben- und gelbe Kukurrutz-Felder mit welkenden Stauden. Drü­ben neue Berge. Und an ihrem Fuß in der Ecke rechts ein paar Kirchtürme, die höher sind als die von Dörfern, und wenn inan genauer hinsieht, ein weithingezogenes Gewirr von .Häusern und Dächern Wahrhaftig, das ist Kronstadt! Me Abendsonne spiegelt sich in seinen Fenstern. Die Feuersbrunst, die wir bereits vorher gesthen haben, liegt yor der Stadt, auf uns zu. Es ist ein gewal­tiger Brand mft hockmufzüngelnden Sttchflammcn. Nach der Karte und nach der Beschaffenheit des Qualms ist kein Zweifel, was da brennt: es ist die Kronftadter Pettoleumraffinerie. Doch da links hinter der Stadt liegt eine zweite ausgedehnte Brandstelle von.

hellerem Rauch, der dünner ist und sich leichter hebt als der gelbe giftige, schwälende der Raffinerie. Sie haben wir vorher noch nicht gesehen, und an ein paar Punkten in der Nähe des zweiten Brandes steigen eben schnurgerade ein paar weitere verdächtige Rauchsäulen auf. Machen die Schurken wirklich den Versuch, die vornehme alte Stadt mit ihren unersetzlichen alten Bauten bei ihrem Abzug in Brand zu stecken? Uebrigens: ziehen sie auch wirklich ab? Es ist nichts von ihnen zu sehen. Nicht das mindeste. Aber auch unser Angriff scheint zu stocken. Von keiner Seite hört man den Donner, nirgends sieht man die Mündungsfeuer unserer Geschütze. Aller­dings, in der Ebene vor dem Ort.in der Richtung auf Weidenbach (Vidombak) geht dicht vor uns eine ungarische Schützenlinie vor. Doch sieht es aus, wie auf dem Exerzierplatz oder im Manöver; denn die Schrapnellwölkchen über den Köpfen der Schützen, mit denen die feindliche Artillerie über solches Beginnqn im Ernstfall zu quittieren pflegt, bleiben aus. Im Norden sieht matt duvchs Glas eine zweite Schützenlinie. Das sind die Unsrigen; Leute von der deutschen Nachbardivision. Auch sie werden dem Anschein nach nicht beschossen. Was der Feiird nur treiben mag? Merkwürdig. Und die Meldung von unserem Einmarsch in Kronstadt läßt noch immer auf sich warten.

Eine weitere halbe Stunde vergeht. Da auf einmal wird es bei den Ungarn vorn lebendig. Gewehrfener schlägt ihnen ent­gegen:Tar-Tak-Tak" fängt auch ein Maschinengewebr zu häm­mern an. Bald ist ein riclKiges Jnfanteriegefecht im Gange. Auch weiter draußen ertönt jetzt das Rumpeln von Kleingewehrfeuer, und auch Arttllerie 'schießt wieder. Bei den Ungarn drüben verübt eine Batterie geradezu einen Mordsspektakel. Sie schließt nur Gruppen; alle drei Minuten eine; doch werden bije einzelnen Geschütze so flott hintereinandergelöst, daß fast eine Salve daraus wird. Dazu haben die Geschütze noch einen merkwürdig gellenden, herausfordernden Klang. Oder klingt es mir mir so? Einstweilen bleibt es jedenfalls bei diesen Gruppen, deren Krakeelen in seiner regelmäßigen Wie­derkehr den Freund diesseits mindestens ebenso sehr erschüttert, wie hoffentlich ihre reale Wirkung drüben den Feind.

Nein, mit Kronstadt wird es heute nichts mehr! Jetzt sagen es auch die Generalstäbler. Artilleristtsch die Stadt uuglimpslich behandeln will man nicht, wenn es sich irgend vermeiden läßt. Und der Feind sitzt doch noch überall viel zu dick in der Umgebung, als daß man sich noch heute auf große Experimente eintassen könnte. Vielleicht baut er über Nacht ab. lieber Weidenbach waren die Ungarn bereits hinaus, als_ sie vorhin aus Widerstand stießen. Wir fahren hinübech um, soweit es das Hereinbrechender Dunkelheit gestattet, noch etwas von dem Gefecht zu sehen.

Und werden damit zwar nicht gerade Zeugen welterschütternder, kriegerischer Vorgänge, bekommen aber doch eine ganze Reihe militärischer Nachtbiloer von starkem Stimmungsgehalt zu Gesicht. Es ikst bereits ziemlich dunkel, als wir aukommen. Der Ort hat von draußen gesehen ein so unschiuldiges Gesicht wie nur möglich gehabt, und auch noch bei unserer Einfahrt gibt es nichts weiter Auffälliges. Ein paar Munittons- und Proviantkolonnen, die an der Straße halten! Doch die sieht man überall, namentlich überall unmittelbar hinter der Front, Kaum aber biegen wir in die westliche Hälfte des Dorfes ein, so ist auf einmal alles gestopft voll unga­rischer Infanterie. Der Fahrdamm der Straße, die zum Feind hinüber ftihrt, ist sorgfältig freigehalten. Wenner" auf den Ge­danken käme, den Ort selbst mit seinem besten Scheinwerfer abzu­leuchten, würde er noch immer schwerlich ein bogehrensmertes Ziel für etwaige arttlleristtsche Betätigung auffinden. Dafür stehen die Mannschaften, Bataillon um Bataillon, dicht gedrängt wie die Pökelheringe, vorstoßberett zu beiden Seiten der Straße. SiS quetschen sich sozusagen an die Häuser. Wir lassen unseren Wagen zurück und gehen weiter vor. Au der Brücke über den Weidenbach, nach dem der Ort heißt, hat der Stabschef des ungarischen Trup­penteils, der im Hintergrund der Entwicklung der Dinge harrt, Aufstellung genommen. Fortgesetzt werden ihm Meldungen über- bracht; mit ruhiger klarer Stimme gibt er seine Anweisung ans. Die Brücke spannt sich nttt leichter Steigung über das Bett des Baches und yibt so eine gewisse Deckung, lieberschreitet man sie, so ist man im Bereich des feindlichen Strichfeuers. Das feindliche Feuer scheint sich zu verstärken. Es .richtet sich gegen die ungarischen Schützen, die dem Gegner weiter auf den Zahn fühlen. Der scheint letzt an der Linie angekommen zu sein, die er zu halten gedenkt Fortgesetzt hämmern die Maschinengewehre. Der Mond ist noch nicht aufgegangen; vom dunllen Nachthimmel leuchten in wunder­barer Pracht die Sterne. Ziemlich nahe vor uns, wi ees aussieht, m Wahrheit etwa 3 Mometer entfernt, liegt die Brandstätte der Pettoleumraffinerie. Hochaus schlägt die Lohe; das Werk steht offenbar in seiner ganzen Ausdehniung in Flammen, und die Lmicn des Feuermeeres lassen seinen Güundriß, lassen die Bör!- teilung von Hauptgebäude, Hallen, Lagerschuppen und Bassins für den Kundigen deutlich hervortteten. Die anderen Brandstätten zeichnen sich am Himmel. Auch in den Bergen drin ist an mehreren Stellen Feuer ausgebrochen. Die Gliederung der umliegenden Kuppen tritt dort deutlich hervor, während anderwärts die Bur*

Uraufführung im varmstädter hostheater.

Me Sttmme", Schauspiel in 3 Akten von Hermann Bahr.

Das Tarmstädter H-oftheater darf sich rühmen, auch in dieser naturgemäß für neue Bühnenschdpfungen höchst ungünstigen Zeit innerhalb weniger Tage mit zwei Uraufführungen aufwarten zu können. Ter Uraufführung der einaktigen Oper von Julius Bittner unter Felix von Weingartners Leitung am Sonntag folgte heute, Mittwoch abend, Hermann Bahr's Schauspiel,Tie Stimme"' Ter Dichter ist in Darmstadt wohl bekannt. Wir haben in den beiden letzten Jahren als Uraufführung seine KomödieDas Phantom" und im vorigen Herbst als Erstaufführmng auch den O ü e r u l a n t e n" kennen gelernt und namentlich der letzter^ l-at hier eine sehr begeisterte Aufnahme gefunden. Dasselbe ist, umt estgleich vorwegzunehmen, von der heuttgen Uraufführung leider lttcht zu sagen. Der Dichter nennt sein neues Werk ein Schauspiel Es ist aber eigentlich ein Problem und zwar mit einer nicht be^ sonders glücklichen Lösung, eine gewagte religiöse Spekulation m höchst geschickter Bühnenbearbeitung, gewagt besonders insofern, als die streng katholische Handlung doch in Darmsüadt vor einem überwiegend evangelischen Auditorium sich abspielt. Sie ist in aller Kürze die: Ter junge Hans von Ula hat seine heiß geliebte Gattm verloren und ist dadurch, ganz gus hem Gleichgenücht ge­bracht Er reist Infolge nner plötzlichen Eingebung im Sckmettzug von Berlin nach München und verniimnt im Schlafwagen die stimme seiner verstorbenen Gattin, die ihm fortgesetzt zuruft' ^ste,g aus, steig aus, schnell, schnell steig aus, ehe es zu spät ist " Gr. wlgt aus einer kleinen Station endlich l>alb unbewußt dieser stimme, und während er noch auf denk Bahnhof in höchster Er- regung umhertaumelt, kommt die Schvecöenskunde, daß der Schnell­zug entgleist ist und 27 Tote und eine Anzahl Verwundete zum Opfer gefordert hat, von denen einige in den Wartesaal gebracht werdm dreier Moment der Rettung ,mseves Helden durch die iw^ nfr ^ Ä unbekannten höheren Macht bedeutet dew Ahnung zum Kirchenglauben, zu dem ihn die suchte. In zwar sehr ausge- En sticht die Schwiegermutter den Zweifelnden zum K Lauben Su bohren, aber auch dem mit zu Hilfe ge- Äs ^ fr«, ^ingt das nur in sehr bedingte? Weise. i l . e öt»« Verstorbenen von neuem' erscheint und

Ä? ailiiaih'vlr" erscheint, gelingt seine Bekehrung,

^te glanzend inszenierte Darstellung gewann besonders dadurch

an Interesse es waren.auch wieder zahlreiche auswärti- Kritiker zugegen, daß die Gattin des Dichters, Frau A n n Bah r - M i l d e n b u r g , die Hauptpartie der Schwiegermutt spielte Für den Schwiegersohn bot Herr Kurt Ehrle eine ganz hervorragenden Interpreten. Nach den beiden ersten Akte herrschte im Hause tiefes Schweigen. Am Schluß des letzten Akt, wurden der Autor und seine Gattin, die auch mehrere Kranzspende erhielt, einige Mal durch Beifall vor die Rampe gerufen, es fehl aber auch nicht an einem ziemlich heftigen Widerspruch. Jedenfal! hat die hiesige Urausführirng- die gleichzeittg in Hamburg, Köln mH Graz erfolgte, uns nur einen bescheidenen Achtungserfol erzielt. ? r h

*

^*.** r I f * Schweizer Kriegshnmor. Me nunschv über zwei Jahre dauernde bewaffnete Grenzwacht bedeutet ft das Schweizer Volk eine ltzette schwerer Opfer. Daß die Schweiz, Soldaten aber trotzdem ihren Sinn für Humor durchaus nicht bei loren tjaben, laßt das BuchHumor Und GemM bei unseren So daten., das soeben im Verlage vlon Firobenins A. G. in Biasi erscheint, deutlich erkennen. Das hübsche Buch ist mit seinen, vo teils derb-frischem, teils harmlos kindlichem Humor erfüllten Ei ^mungen, L-cherzen und flotten Zeichnungen, die sämtlich vo Ungehörigen des akttven Schweizer Heeres stammen, ein getreu.« SpiegEbild alemannischer Wesensart. Sehr niedlich ist z. D. d Geschichte von dem Kalb als Verkehrshindernis. Fährt da kürz lich em Mllitärautv bergaufwärts. Ein imerfahrenes Kälbcher et- no m Ulch ein Töff-Ungeheuer gesehen hat, verläßt di saftige Weide und seine sorgsame Mutter und läuft dem Aut UM'- bas Auto eine Schwenkung nach links, so hopst da

Kalblem auch nach links und umgekehrt. Hält der Kraftwage still, so steht auch das Kälblein still und glotzt mit ängstlich gt spreizten Beinen nach dem Verfolger. Vergeblich versucht de Führer das Tier nn-nfangen. Da er nicht die Roheit begehe will, das unvernünftige Tier zu überfahreli, so nimmt er sein Fahrt wieder auf und fährt langsam hinter dem führenden Kalb einher. Plötzlich tönt schrilles Glockengeläute hinter dem Auti In wckden Sprüngen naht die Mutterkuh, die ihr Junges suck unb dahinter mit verzweifelten Rufen und Peitschengeknall de gepwgte Kuhhirt. Nun gelst es in dieser Ordnung die lange Berg straße aufwärts, voran das Kalb, dann das Auto, dann die Ku und zuletzt der Hirt. Schließlich aestngt es in einem Dorf einer Knecm, das halbtot gehetzte Käünein einzufcmgen, worauf da

zenberge nur als dunkle Gebirgswand den Hintergrund deS Pano­ramas bilden. Auch auf anderen Gefechtsabschnitten ist es lebendig geworden; man sieht die MOnduNgsseuer der Geschütze, auch das Aufleuchten von Aufschlägen, ohne Möglichkett des Erckennens, ob cs Freund ist oder Feindl der da feuert oder befeuert wirdl Im Dorfe hinter Uns ist's totenstill; überhaupt hört man von menschlichen Lauten nur die Sttmme des Oberst's und der ihm meldenden Offiziere. Me fremden Läute und die Fremdartig reit der Uniformen, die sich an unserem Platz zusammenfinden, geben dem phantasttschjen Gesamtbild dieses Spätabends am Feind natür­lich auch noch eine besondere Schattierung. Hundert Meter von uns entfernt belfert in kurzem krachenden Vierschlag vor wie nach die bereits erwähnte Batterie. Wir 'besuchen sie. Der Hauptmamt erzählt uns, daß 'er einige Wegckrcuzungen im Rücken des Feindes unter Sperrfeuer halte. Das wird die ganze Nacht hizidurch [0 fort­gesetzt werden; sonst aber wird kaum noch viel ge)chehen. Spttih-- feuer um Sprühfeuer fährt aus den Rohren der Haubitzen. Doch da regt cs sich int Hintergrund. Die Kanoniere wissen schon, was es gibt; alles blickt sich 'erwartungsvoll um. Der große Moment ist da; die Gulaschkanone kommt in behaglicher und doch anspruchs­voller Behäbigkeit durch das DuukeL bahergequalmt. Atmest du mit mir des Tokan's süße Düfte? Der Tdkan ist, wie zum Ver­ständnis dieser Poesie bemerkt sei, eines der vielen Schweinefbeisch^ gerichte, die der Speisekarte dieses Liandies ihren besonderen Reiz geben. Wir kehren zurück zu unserer Brücke. Der Oberst mit seinen! Offizieren ist beim Aufbrechen. Er rettet nach dem Stabsquartter. Nein, es ist wirklich nichts mehr zu erwarten in dieser Nacht. Wir müsscm sehen, daß wir eine Unterkunft sinden, wenn wir nicht bi- lvakieren wollen, lind unsere Neigung hierzu M -ganz und gar nicht groß; haben wir doch nichts von den nützlichen Gingen bei uns, die inan bei solcher Gelegenheit nur ungern entbehrt. Denn wir sind ja ohne jedes Gepäck von Hernrannstadt aufgebrochien; und wollten ja eigeutlichi) wie wir uns allmählich erinnern, nu» nach Fogaras, oder allenfalls nach Sarkcrny, eine Sache, die laut Marschplanin ein paar Stunden erledigt" sein sollte. Nun aber werden wir morgen ganz unerwartet der Enftcheidung über das Geschick Kronstadts beiwohnen! Als wir durch Weideirbach zurück­fahren, fällt unser Scheinwerfer auf ein Gewimmel hechtgrauer Gestalten am Boden längs der Häuser. Dicht gedrängt, wie sie vorher dort gestanden, schlafen die Leute jetzt, alarmberett, da- Gewehr im Arm, auf-, über- und durcheinander.

Daß man auchohne allen Apparat", wenn Krieg ist, im Freien nächtigen kann, tut sich uns mit hinlänglicher Teutlichkett. hier an Ort und Stelle dar.

Adolf Zimm ermann, Kriegsberichterstatter.

Au» Stadt und Land.

Gießen, 20. Oktober 1916.

Mitteilung der Landesobststelle.

Hinsichtlich des Verkehrs mit Obst herrschen angesichts der ver­schiedenen, in die Obstversorgung eingreifenden gesetzlichen Besttm- mungen tettweise noch Unklarheiten. Nach den derzeitig gültigen ge­setzlichen Besttmmungen sind Nur irwA Aepfel beschlagnahmt, solveit sie nicht gepflückt, sorttert mflRn festen Gefäßen (Kisten, Fässern, Körben, nicht Säcken) verpackt sind. Alle derartig ver­packten Aepfel gelten nach ß 1 Abs. 2 der BundesratsVerordnung über Höchlstpreife für Aepfel vom 7. Oktober 1916 als Tafeläpssel, die wie gesagt von der Beschlagnahme ausgenommen sind. Mle übttgen .Aepfel müssen zur Deckung des Heevesbedarfs und des Bedarfs der Bevölkermig an Marmeladen der Marmeladenindustrie zugeführt werden. Eine Aufhebung dieser Beschlag­nahme ist nicht zu erwarten.

Tie der Landesobststelle des Großherzogtums zu stehenden Rechte und Befugnisse sind durch die reichsgesetzlichen Besttmmnng-rn nid^t aufgehoben worden. Somit steht der Landesobst st elle und ihren Verkäufern ganz allein das Recht zu, Zweb- scheu, Aepfel und Birnen, ob beschlagnahmefrei oder nicht, auf-, zukaufen. Der Erzeuger darf die der Beschlagnahme unterliegenden; Aepfel nur an die Landesobststelle, andere Aepfel, Birnen und Zwetschen dieser oder unmittelbar au Verbraucher verkaufen. Obsthändler dürfen für eigene Rechnung überhaupt keine Ltepfel, Birnen und Zwetschen im Gvoßherzogtum kaufen.

Für den Bezug von beschlagnahmefreiem Obst (Zwetschen, Birnen und Tafeläpfel) durch Privatleute unmittelbar von: Er­zeuger ist nötig, daß der Verbraucher sich bei der Bürgermeisterei seines Wohnorts einen Bezugsschein über die gewünschte Menge ausstellen läßt und diesen Schern demjenigen zuschickt, der das Obst zum Versand bringen .will. Tie Bezugsscheine gelten mtt innerhalb des Gvoßherzogtums und dürfen nicht zu Zwecken des gewerbsmäßigen Aufkaufs ausgestellt oder benutzt werden. Ter Versand beschlagnahmefreien Obstes durch Pttvate nach außerhalb des Gvoßherzogtums ist beschränkt. Nur Erzeuger dürfen solches

Militärauto endlich mit Vollkraft losfahren kann, während Kuh, Kälblein und Hirt, Me drei noch ganz atemlos vom tollen Lauft ein frohes Wiedersehen feiern. Daß der karikierende Witz eine Hauptrolle in dem Schweizer Kriegshumor spielt, ist selbstverständ­lich. So entstehen denn Typen, wie der richtige Simplirissimus- leutnant alten Stils, der die Karte in der Hand befiehlt: Mer rugge vor, Richtung das Hus da vorne, wo me no nit gseht." Ebenso schlecht kommt hin und ivieder auch der Gemeine weg. So fragt ein Offizier an der Gotthardbahn die Schildwache:Was machid ihr da?" Antwort der Schildlvache:Herr Oberlütcnant, i mueß ufbasse, daß i nit undere Zug chum!" Ein anderer braver Landwehrmaun, der auch auf dem Gotthard Grenztvache hält, ist sehr froh über den Krieg:Guet ischs scho gsi, daß es Krieg! Hot. I wär bim (Kd stie uif e Gotthard ufe chio!" Bei einer Regimentsübung wurden Verluste markiert. EinDruckpunkt- füselier" hatte dasGlück", einen Oberarmschuß zu bekommen, aber das dicke Ende kam nach. Wie bitter enttäuscht war er, als er den Befehl bekam, sich in dem ungefähr 9 Kilometer entfernten Lazarett ftir Leichtverwundete zu melden und dort bis acht Uhr abends zu verharren. Eine viel verulkte, aber doch recht gefürch­tete Persönlichkeit ist derKnochenschlosser" wie die Schweizer ihre Sanitäter nennen. Ihm liegt es ob, die sich unnütz Kcankmel- denden durch gewaltige Strenge abzuschrecken. Seine Verordnung hautet stets für Bauchweh:Pillen!" für Zahnschmerz ,.Jodan- sttich! . dazu in beiden FällenAusrücken!" Schön ist es im Sommer hoch oben auf den Bergen, im Winter dagegen rm Schnee­sturm und in der bitteren Kälte ist der Aufenthalt für viele nicht gerade angenehm. Aber ähnlich, wie sich unsere Feldgrauen im schneebedeckten Rußland damtt die Zett verttreben, daß sie aus Schnee die Büste unseres Hindenburg in Riesengröße darstellten, jo liebe:! es die Schweizer vor allem, aus dem Schnee das Sinn- bttd von Bern, den Bären, zu formen. Am berühmtesten ist da der Bär von Lucendw, der naturgetteu das Vlld eines beutegie­rigen, riesenhaften Eisbären gibt, auf den die Schweizer Land­wehrleute lustige Scheinangriffe nrachen. Aber die Sehnsucht nach dem eigenen Heim ist doch bei allen recht groß, vor allem die Erntezeit wird immer wieder als Vorwand zu einer Fülle von Urlaubsgesuchen genommen. Da sagte eines Tages ein Hauptmann, bei dem besonders zahlreiche Gesuche emgelattfei, waren:Macht doch einen Hag ums Land herum, und hängt eine Tafel hin, worauf steht:Einttitt verboten, alles bei der Wirtschaft!"