Ausgabe 
16.10.1916 Zweites Blatt
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Nr. 243 Zweites Blatt M. Jahrgang

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

Beilagen:Kietzener Zamilicnblätter" und Ureisblatt für den Ureis Giehen".

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General-Anzeiger für G

Montag, \fi. (Moder PsK

Zmrlliiigsrunddruck und Verlag: Brühl'scheUniversitäls-Buch-n.St^indruckereu R. Lange, Gießen.

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Schulstcatze?. Geschäf.sslelleu.Verlag: e^fe^öl, Schriftleitung: 112.

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Zunahme des Viehbestandes.

Tie Stattstik über den Viehbestand und die Schlachtungen fürs ILeich ist geeignet, unbegründete und übermäßige Befürchtungen für unsere Fleischversorgung zu beheben. Ts läßt sich ein be­deutsames Altwachsen der nächtigsten Viehgattungen durch alle Zahlen verfolgen.

TLe Zahlen sind folgende:

Schweilre 1b. April 1. Sept. abs. rel.

unter V, Jahr alt 0 055 382 11204 976 + 2 149594 +23,7 bis 1 Jahr alt 2 857 041 4 230 890 + 1 373 849 --48,1

über 1 Jahr alt 1 424 779 1 825 242 + 400 463 +28,1

Schweine insges. 13 331202 17 261 103 *+3 923 906 +29,4

Zum Vergleich sei eine der letzten Zahlen aus der Friedens­zeit angeführt. Am 2. Juni 1913 betrug die Zahl der Schweine im deutschen Reiche 21821000. Der Unterschied zwischen dieser Zahl und der fetzigen ist auch nicht viel größer als der zwischen der letzten imd der vom 15. April ds. Js

Freilich ist bei dieser Rechnung nicht zu vergessen, daß die Zahl der älteren, bald schlachtreif iverdenden Schweine .heutü s^hr viel geringer ist als im Jahre 1913, so daß eine erheblich bessere Versorgung mit Schweinefleisch und Schweinefett zunächst tvotz der Vermehrung der Gesamtzahl nicht zu erwarten ist.

Unser Rindviehbestand weist gleichfalls ein Wachstum auf Lind läßt Nach Ueberwindnng der schweren Folgen der vorjähri­gen Mißernte eine allmähliche Weiteventwickllung erhoffen. Ter Rindviehbestand des deutschen Reichs belief sich am 1. September 1916 auf insgesamt 20 338 950 gegen 19 922183 am 15. April Die Zunahme betrug demnach 416 767 oder 2,1 v. &. Beachtend toert ist dabei, daß mich die Zahl der Kälber unter drei Monaten zugenommeu l-at, 1982 891 gegen 974 434 am 15. April, trotzdem im allgemeinen wegen der Michen Kalbezeit der Bestand an Kälbern im September geringer ist als im April. Gegen die Vieh­zählung am 1. Dezember 1913, die eine Gesamtzahl an Rindvieh von 20 994 000 ergab, beträgt die Abnahme nur 3.1 v. H. Daß in dem überaus futterarmen Winter 1915/16 der Rindviehbestand so gut durchgehalten weiten konnte, ist ein hohes Verdienst der deutschen Landwirte. Nicht zu vergessen ist aber, daß ein solches /.Tturchhungern" die Leistungsfähigkeit des Viehes an Milch und Fleisch dauernd beeinträchtigt, daß also zumal bei dem überaus knappen Kraftfutter die Verbraucher sich auch weiterhin auf Knapp­heit an Milch, Bsutter und Fleisch gefaßt inachen müssen. Eine Vermehrung der Schlachtungen jetzt, wo der Viehbestand eben erst ansängt sich zu. erholen, würde die verhängnisvollsten Folgen haben. Die Einzelzahlen stellen sich wie folgt:

15. April 1. Sept. abs. rel.

Kälber unter 3 Monate

alt. 1974 434

Junge Rinder bis zu 2 Jahren . . . . 6 029 718 Bullen und Ochsen über 2 Jahre alt ... 1 365 877 Kühe und Färsen über

2 Jahre alt . . .10 552 154 1.0 597 433 + 46 279

1 982 891 6 307 504

abs.

+ 8 457

-f 277 786

1 451 122 + 85 245

+ 0,4 + 4,6

+ 6,2

_ + 0,4

Rindvieh inSges. 19 921 183 20 338 950 + 461 767 + 2,1

sAuch ifrt den Einzelheiten ist also das gegenwärtige Bikd irreres Rindviehbestandes durchaus vertrauenerweckend.

Gebrauchsanweisung für dir Verabreichung der Futterhefe an die landwirtschaftlichen Nutztiere.

Von Tr. Fvlsch, im Institut für Gährungsgewerbe.

Die Hefe wird in verschiedenen Nahrungs- und Futtermitteln regÄmäßig verzehrt, in kleineren Mengen kommt sie z. B. im Bier, und -im Brot, in größeren in den Schlempen vor. In neuerer Zeit -wird die früher ungenützte Brauereihefc in größerem Umfange in haltbare Trockenhefe übergeführt, die sich (entbittert) als ein 'wert­volles diätetisches Nahrungsmittel für den Menschen und als ein ausgezeichnetes Protein reiches Kraftfuttermittet für sämtliche land­wirtschaftlichen Nutztiere bewährt hat (unentbittert).

mramma

Seit kurzem ist es dem Institut für Gährungsgewerbe zu Berlin gelungen, bestimmte Heferasscn in Lösungen von Zucker (Melasse), schwefelsaurcm Ammoniak und den erforderlichen anderen Mineral­stoffen mit hohen Ausbeuten zu zück-ten. Diese sogenannte Mineral- hefe loird jetzt ebenfalls in großen Mengen als Troßenh+ ge­wonnen, sie hat, da Hopfenbestandteile fehlen, im Gegensatz zu der Brauereihefc keinen bitteren Geschmack und besitzt, lvie vielfache Erfahrungen am Menschen und an Tieren, sowie exjakte Aus­nutzung sversuche an Tieren beweisen, den gleichen Nährwert und dieselben diätetischen Eigenschaften wie die Brauereihefe.

Der Futtcrwerlder Trvckenhefe.

Ter Wert eines Futtermittels wird eirtschieden durch seine chemische Zusammensetzung, seine Verdaulichkeit und seine Ver­wertung im Tierkörper und seine diätetischen Eigenschaften. Die Futterhefe weist im großen Durchschnitt ungefähr folgenden Nähr­stoffgehalt in 100 Kilogramm auf:

Wasser

Trocken- , Organische Rob- substanz Substanz proteiu

Rohfett

Kohle­

hydrat

10 90 8 82 50 4 28

Tie Mineralstoffe der Hefe bestehen in der Hauptsache aus Phosphorsäure, Kali und Kall. Tie Hefe ist reich an das Wachstum förderichen Phosphatiden (Lecithin). Sehr hoch ist mit 50 Prozent der Gelmlt an Rohprvtein. Durch! direkte Aus nutzungs der suche tcm Wiederkäuern wurden folgende Verdaunngswerte (Ver­dauungskoeffizienten) für die Hefenährstofst ermittelt:

Für die organische Für das Roh- Für das Roh- Für die Kohle- Substanz _ vrotein _fett_ Hydrate

94 % 88 % 100 96 100 %

Hiernach enthalten 100 Kilogramm Futterhefe an verdaulichen Nährstoffen und an Stärkemehl:

Organische Substanz Rohvrotein Rohfett Kohlehydrate

77 kg 44 kg 4 kg 28

Ter Stärkewert von 100 Kilogramm Trockenhefe beträgt rund 79 Kilogramm. Wir besitzen hiernach in der Futterhefe eines unserer proteinrcichsteu, höchstverdaulichen Kraftsuttermittel, an denen besonders während des Krieges ein großer Mangel herrscht. Die diätetischen Eigenschaften der Hefe sind in besonderen Versuchen studiert und als ausgezeichnet befunden worden. Als Beispiel sei hier nur angeführt, daß ganz junge, eben dem Ei entschlüpfte Küken, also besonders empftndliche Tiere, Trockenhefe sehr gern aufnehmen und gut vertragen. Ebenso hat sich die Hefe im Ge­misch mit den geeigneten eiweißarmer! Futtermitteln bei der Er­nährung von Kälbern und Ferkeln bewährt, sobald der teilweise Ersatz der Milch durch anderes Futter in Frage kam. Das ist von besonderer Bedeutung, weit solche Futterstoft'e augenblicklich nur in ungenügenden M«igcn vorhanden sind.

Die Verabreichung der Futterhefe an die Haustiere

gestaltet sich so einfach wie möglich. Tie Hefe wird dem übrigen Futter im Tränkeimer oder in der Krippe untermischt. Die hohe Werttgkeit der Hefe als diätetisches Eiweißkraftftrttermittel läßt ihre Verwendung besonders auch in Nationen für junge, für ttächtige und für schlecht ernährte und auch kranke Tiere angezeigt erscheinen.. Was die Größe der Gaben betrifft, so gibt man pro Kopf und Tag

an Fohlen und Kälber im ersten Lebensjahr bis zu 3Ö0 Gramm, an Pferdes und Kühe bis zu 500 Gramm, an Ferkel in der fünften Lebenswoche 50 Gramm, an Ferkel in der sechsten Lebenswoche 60 Gramm, an Ferkel in der siebenten Lebenswvche 70 Gramm und so fort, bis zur Höchstmenge von 300 Gramm, an Schafe bis zu 200 Gramm, an Legehühner zu 25 Gramm.

*) Ein bewährtes Ersatzfutter für 100 Kilogranrm Hafer mit dem gleichen Gehalt an verdaulichen stickstoffhaltigen und stickstoff­freien Nährstoffen sind z. B.: 13 Kilogramm Trockenhefe und 270 Kilogramm gedämpfte Kartoffeln oder statt der 270 Kilogramm gedämpften Kartoffeln 77 Kilogramm Trockenkartoffcln.

Aus dem Reiche.

Die Ueberglmgsmaßnahmen zur Friedenswirtschaft.

Ter Reichstagsausschuß für Handel und Ge­werbe begann am Samstag vormittag mit der ihm überwiesenen Beratung über die Maßnahmen, die das Reich beim Uebergang von der Kriegs- zur Friedenswirtschaft zu ergreifen hätte und welche Vorbereitungen dafür zu treffen wären. Die Natur dieser Be­ratungen machte es erforderlich, sie für vertraulich zu erklären.

Mitglieder des Ausschusses sind diejenigen Abgeordneten der einzelnen Parteien, die sich besonders eingehend mit wirtschaftlichen Fragen zu beschäftigen gewohnt sind: u. a. nimmt an der Sitzung der erst vor kurzem zun: Reichstagsabgeordneten gewählte Präsident des Hansabundes, Geheimrat Professor Dr. Riesser als einer der Vertreter der nationalliberalen Fraktion teil.

Soviel wir hören, tvurden die Beratungen durch einen längeren Vortrag des Stellvertreters des Reichskanzlers, Staatssekretärs des Reichsamts des Innern, Dr. Helfferich, eingeleilet.

In dem! Vortrag, mit dem Staatssekretär Tr. Helfferich die ^Beratung über die Uebergangswirtschaft einleitete, schilderte er zunächst die Zerstörung von Milliardenwerten in den .Kriegsgebieten des Elsaß und Ostpreußens, den Kapitalverlust der Reederei, den Einfluß der Metallbeschlagnahme aus die Mschaffung und Er­gänzung von Maschinen und die Aenoerung in der Verwendung des Kapitals, das weniger für die Volkswittschaft als für Kriegs­zwecke arbeitet, woraus sich wieder die Geldauhäiifung in Sparkassen Und Banken erklärt, die oie gewaltigen Zeichnungen aus'dre Kriegs­anleihen möglich macht. Unser ini Ausland arbeitendes Kapital ist durch die Seguestierung und Liquidierung der ausländischen Anlagen geschädigt, ebenso durch oie Entwertung der ausländischen Wert­papiere. Menschliche Arbeit ist zerstört durch die Todesopfer des Krieges, durch die Verkrüppelungen, die der Volkswirtschaft Kräfte entzieht, und dabei ist auch zu bedenken, daß die noch vorhandenen Arbeitskräfte hauptsächlich für Krieg und Kriegsarbciten verwendet werden. In diesem Zusammeulxmq wies der Staatssekretär auf die gewaltige Zunahme der Beschäftigung weiblicher und jugenp- licher Arbeitskräfte hin, die natürlich im Interesse unserer natio­nalen Zukunft so bald als möglich wieder zurückgehen muß.

Die Rückkehr zur Friedenswirtschaft soll un­ter staatlicher Führung erfolgen: deshalb hat die Bundesrats Verordnung vom August 1914 einen Reichskommissar für die Uebcrgangswirtsckxlft eingesetzt. Seine Hauptaufgabe wird sein die Zurücksührung der Soldaten in die Friedenswirtschaft, die Beschafsung der notwendigen Arbeit, die Kriegsbeschädigten­fürsorge. die Herausziehung der weiblichen und jugendlicher! Ar­beitskräfte, die Wiederherstellung der zuru Teil aufgehobenen Ar­beiterschutzgesetzgebung. Für das Kapital kommt besonders Aus­nützung und Steigerung der Produktion und äußerste Sparsamkeit in Betracht, wie sie jetzt schon während des Krieges geübt wird, Rückbildung des Kapitals für Friedenszwecke, Kreditbeschaffung für feststehende und bewegliche Anlagen, Kreditbereitstcllung für den städtischen Grundbesitz und für die Reedereien, Wiederbelebung des jetzt vollkommen ausgeschalteten Handels, Verbesserung der Währung und Flüssigmachung der in Kriegsanleihen festgelegten Kapitalien.

Der Staatssekretär teilt also das ganze Problem der Ueber­gangswirtschaft in drei Hauptprobleme: Arbeiterfragen, Kreditbeschaffung, Rohstoffversorgung. Vorläufig hat sich der Reichskommissar besonders mit der Rohstoffversorgung, den: Trans­portwesen und der Währung zu beschäftigen. Diese drei Fragen wären zu lösen durch Verwaltung, Gesetzgebung 'intb Heranziehung von wirtschaftlich technischen Kräften: die letzteren sind neu zu or­ganisieren, Mitarbeiter sollen aus allen Kreisen der praktischen Berufe auf den Gebieten der Währung, der Reederei, der Finanzen, des Handels, der Industrie und Land­wirtschaft zugezogen werden. Es ist die Errichtung eines großen Beirates mit Unterabteilungen beabsichtigt, denen die Prüfung der Bedürfnisse zustehen soll. Die DurcMhrrMg der Beschlüsse obliegt natürlich dem Reichskommissar und dem Reichsamt des Innern. Ter Staatssekretär schloß seinen Vortrag mit der Erklärung, der Hauptzweck des Reichskommisfars sei, sich so schnell als möglich überflüssig zu machen das heißt seine Arbeit so schnell es geht, zu beendigen.

Gietzerrer Stadttheater.

Unter der blühenden Linde.

Ein fröhliches Spiel Mit Gesang und Tanz von Leo Kästner und Ralph Tesmar. Musik von Friedrich Geliert.

Die künstlerische Linie des diesjährigen Spielplans"-

hat hoffentlich unter der blühenden Linde den tiefsten Punkt einer ^abwärts steigenden Kurve erreicht, und wendet sich nun mit einem :merkbaren Ruck wieder nach oben. Cs täte wirklich not. ;&icr behutsamen Bedacht auf die Theaterkasse nehmen, diesen kon­zentrierten und potenzierten Kitsch unangefochten dahingehen lassen, -wäre eine unverzeihliche Sünde gegen den guten Geschmack der -tranigen, die an der Talmiware keinen Gefallen fanden. Tie Thoa- . terleitung mag dieses Angriffes wegen rmbesorgt um die Zugkraft -des Stückes sein: der Publikumserfolg de^ Abends sichert ihm noch .ein Dutzend volle Häuser. Denn wir brauchen nur noch einmal . zu wiederholen, ivas wir aus Anlaß der setzten Aufführung gesagt (höben: ,^Jedes Publikum hat das Theater, das es will. Der jWKlc des vollbesetzten Hauses sprach für dieses Stück."

Bogr+e es, wer kann! Das VolksstückWo die Schwalben nisten" soll gewiß nicht übers Bohnenlied hinaus gelobt werden, aber man versteht wenigstens, daß es gefällt. Man gönnt es ihm. sman ivüuscht es ilyn. Da ist wenigstens Handlung, da hat alles iHand und Fuß. Mer hier?

Wenn einer verspricht, mir einen würzigen Rheinwein zu kre­denzen und fetzt mir eine derartige widerlich übmsaccharmisierte ! Limonade vor, deren künstlerischer Kohlensäurezusatz abgestanden ist, .und dann noch die Unverftorenheit hat. dieses gaumenfade Zeug /als Rheinweinersatz anzupreisen, zum Teufel auch, dann soll er Mnt wenigsten hören, wieviel Uhr es geschlagen hat. Es wird genug gestreckt heutzutage. Muß auch noch die unzulänglichste Idee zu einer Posse gestreckt und ihr Humor durch Witzersatz verwässert werden?

Es hielte schwer, Hu sagen, was auf der Bühne vorging. Obs die Autoren selbst wissen? Einer feierte Namenstag, ein von keines Rheinweintropfens Poesie angekränkelter Trink- und Sauf-Pvet wurde von seinem Anttal ko Holismus bekehrt und mit seiner Httre in einem Weinfaß umhergerollt. Ein Maker fand mrdkch das gesuchte Modell. Er erbrachte den Beweis, daß sie ihm mehr galt.

Kunst. Zum Lohne dafür legte das Schicksal sie ihm in die -Arime und ließ ihn für viel Geld ein BiE> loswerden.Ein Vög- sang im Linden bäum". Wahrhaftig, cs sang und zwar mehrmals. (Einer der Verfasser vonWo die Schwalben nisten" war nämlich auch Iper mit an der Arbeit, und das wirkungsvolle -Schwalbcngczwtti.cher. das er dort gelernt, wurde hchr zu dem ,Singlaug de-> Vögleins unter der blühenden Linde.) Natürlich cnegcn uc sich unter der rührungstriefendcn Sttnunungsmache des Piepmatzes. Ja, das ist alles, wahrhaftig die ganze Handlung, so­weit sie überhaupt Srnn hat. Keine Spur von einer bühnenfähigen Idee, kerne Spur vom rheinffchenr Leben. Nur verlogene Sttm-

mungen, verbogene Gefühle, verwaschene Dialoge in papiere­nem Undeutsch. Begreife, wer kann, den Erfolg.

Tie Reche mutzte ilin vorausgesehen haben, denn ausgerechnet hierzu schaffte sie eine neue Dekoration an. (Für andere Zwecke wäre sie entschieden notwendiger gewesen!) Einetypische Rhein- landschaft" sollte es sein. Wir ivollen darüber lieber nicht rechten, wenn die Dekorattvn auch aus Köln stammt. Mm hätte hiev aber Gelegenheit gehabt, wirllich etwas Neues zu bieten, endlich einmal mit der desillusioniftischen Jllusionsbühnc hinter dem rot­gemalten Leinwandvorhänchcl zu brocheir. Der viel zu derben Färb- klexerei, der Mätzchen abendlich erleuchteter Fenster und des vorbeifahrenden Dampstrs, hätte es dann nicht be­durft. eine echte Stimmung zu erzeugen. Diese neue Rhein­landschaft. die übrigens schon recht seltsame Geländesaltcn! hat, besitzt das nicht, was sie allein zu besitzen brauchte. Slrl. Das vorhandene Material soll, so loeit es geht, unbenrängelt hingenommen werden. Neuanschaffungen müssen ober setzt schon im Hinblick auf die notwendige Reform unserer Bühncmnittel gewählt werden.

Was an dem Stück irgend zu retten war, wurde von den darstellenden Kräften gerettet. Zu gestalten war nicht, es mußte nur flott darauf losgefpielt werden. Hierin tat es wie immer allen voran, Rudolf G 0 l l. Er hatte auch die Spielleitung. Bei dem völlig unmotivierten Aus- und Abtreten der Personen ünd. den sonstigen Sinnlosigkeiten der szenischen Vorgänge war natürlich! nicht mehr zu erreichen, als daß nicht alles aneinander vorbeispielte. Ernst Thciling war auck:i an diesem Abend dar- ttellerisch und gesaiiglich anerkeirnenswert. Karl Steinmeyer lüste seine erste komische 2lufgabe von größerem Belange mit weyc zurückhaltenden Mitteln. Luise Delosea wirkte veckck leben­dig. Rl>einischer Dialekt gelang ihr aber so ivenig, wie irgend einem tanbem. Zwei neue Damen stellten sich! vor: Fifi Bort vom Schu­manntheater Frankfurt, eine wirklich anmuttgc Possensoubrette die auch über darstellerische Mittel uiid Stimme verfügt und 'alle Auslicht hat, ein Liebling des Publikums zu werden. Ferner: Hermine Wvssidlv vom Hanauer Stadttheater. Auch sie machte einen recht gefälligen Eindruck. In kleinen Rollen waren noch mancherlei K-räfte beschäftigt

, Die Vkusik von Friedricki Geliert hat einige Schlager, die ,m Ohre hatten bleiben. Kapellmeister Hermann Weller verlieh rhnen den richtigen Schwung. zz .

*

^ ^5? älteste Gasthaus in Deutschland. Die

durch den .Krieg gewirkten Unterbindungen des Reiseverkehrs nach dem rlusland sonne die stärkere Betonung altes Deutschen haben dazu geführt, daß alle, die ftüher nur im Ausland Schönheiten ftrwen zu können glaubten, nimmehr mit Eifer und Methode die Schatze tn der Heimat entdecken. Im Rähm'eu einer Besprechung erner solchen Entdeckungssahkt in Franken berichtet Albert Frieden- thal im nachten veft der bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart erscheinenden Zeitsckniftlieber Land und Meer" von dem klmnen alten Städtchen Miltenberg am Main, das als einer

der f interessantesten kleinen Orte im mittleren Deutschland zu bezeichnen ist. Es ist ein winziges Städtchen, das eigerttlich nür ans einer mit zwei Türmen gezierten Hauptstraße mrd einigen Nebenstraßen und Gäßchcn besteht. Die Türme stammen aus den schweren Zeiten des Mittelalters, und viele der Häuschen mit barocken Giebeln gehören zu den ältesten in Deutschland. Mch ein Museum mit römischen Altertümern ist vorhanden, die größte Sehenswürdigkeit des Ortes aber, von der hier die Rede sein soll, ist der sog.Riesellhof" der älteste bis auf unsere Tage erhaltene deutsche Gasthof. Wie aus dem Stadtarchv hertorgeht, wurde dieses Gasthaus im Jahre 1160 erbaut und erlangte bald einen weitverbreiteten Rühm als bevorzugte ZeckLtube deS ?ldels und Herberge für durchreisende Fürsten. Unter anderen haben Kaiser Friedrick) I., Ludwig der Bayer und Karl IV. denRicseuhof" besucht. Ueberhaupt ist dieses älteste deutsche Gasthaus ganz außer­ordentlich reich an Iffstorischen Erinnerungen, derm das Städtchen Miltenberg spielte zur Zeit der Bmwrnkriege eine ziemlich be­deutende Rolle. Man braucht nur daran zu denken, daß Goethe in seinemGötz von Berlichingcn" den Knappen Georg in NÄten- berg sterben läßt. Auch Martin Luther stattete dem Gasthvs einen Besuch ab, und ztvar übcnrachtete er dort im Jahre 1518, und bei dieser (Vclegenheit spielte sich eine nächtige Episode imRiesen­hof" ab. Dort hielt sich nämlich auch der lutherfeiirdliche Schenk Eberhard von Erbach auf, um Luther abzusaugen. Ms er abev nachts, so heißt es in der Ueberlicferung. die Stimme eines Betenden vernahni, wurde er von der tiefen Andacht des unsichtbaren Beters ergriffen so daß er sofort am nächsten ?Pvrgen den frommen Mam! aussuchte. Ms er zu seinem großen 'Staunen erfuhr, daß cs kein anderer als Martin Litther sei, gestand er ihm zerknirscht seine böse Absicht und wurde vom selben Tage ab einer der treuesten Anhänger der neuen Lehre. Im übrigen lüelt der rittersckiaftliche 9ldel imRresenhof" seine bestinrmten Zechtage ab, lvobei er von der Stadt einenfveien Trunk" erhielt, jedoch oft, da er n*cit über dieses Maß hinausgtng. von der Bürgerschaft ausgelöst werden mußte. A0t der Zeit nahmen die Ansprüche zu, die Zahl der in Miltenberg einkehrenden Fremden vermehrte sich, imi> so würde derRiesenhof" im Jahre 1590 durch einen Umlau cnveitert. wozu er als Fürstenherberge eiire staatliche Unterstützung vvn 100 Eichienstämnren erhielt. Dieser Neubau steht noch heute iu'demOert- chen, er hat drei Stockwerke mb einen Zwischen stock im H auvtbau und drei weitere Stockwerke in dem fpftvzulausenden anfgeü^ten Giebel. Ter Bau ist ein deutsches Kunstdenkmal von fa+cm 25*rt, besonders schön ist das Treppenhaus, das vorzüglich erkalten ist. Im Jahre H555 nahm auch die Königin Christine um einem Troß von 100 Pferden imRiesenhof" Quartier. Unter den anderen berühmtesteir Gästen des Hauses sind noch zu nennen d>r >:'önig twn Ungarn und Böhnren im Jahre 1658, der Herzog von Marl- borough 1704, Kaiser Karl VI. 1711, und tvahrschernlich hat auch Prinz Eugen dort übernachtet, als er 1734 mit 40 000 Mann durch Miltenberg gegen Frankreich zog.