Ausgabe 
13.10.1916 Zweites Blatt
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KrfegsJrfefe am dem Ost en

OfthcM^ntsMdteu KriegSberj chie^kw L SdrTÜdrncL, orrÄ

Wnter auf den Karpatheichöhen.

Auf dem Prislop, Anfang Oktober.

I.

Fm Felso-Vissö streichelte die Herbstsonne die bunten Hänge, der Himmel spannte ein grelles blaues Tuch hinter die gelb­leuchtenden Vorberge. Am späten Nachmittag kamen dann schon sttvrfe weiße Wolken über die Höhen, über die Berge im Osten herubergesegett. Dip Jsuden standen an ihrem Neuiahrstage am Fluß, der im Abendllcht rot aufflamnrte und wie fließendes Feuer unter der alten, überdachten Holzbrücke lag; sie standett in Gruppen, in den schwarzer! Seidenkaftanen, unter denen aus­getretene Stiefel und speckige Hosen den Alltag zeigten, und lasen aus dmr Buch. Die Pelz ränder auf den samtnen Scl-abbesdeckeln standen, über den merkwürdigen, klugen, tiesgezeichneten Gesich­tern, die Augen wollten das Wägen und Fassen ausgeben, aber es brannte in ihnen allen das fremde unruhige Suchen, das in den Äugen der Huzulen nicht ist, nicht bei den Schiwoben, nicht bei den Ungarn. Das Flüstern der vielen Lippen überrauscht den Fluß.

Plötzlich löschte das brennende Wasser aus. Es wehte kalt, silbriger Tunst zittette über die Höhen, im Fluß stand mattes Silber aus dunklem Grund. Sie zogen zu zweien und zweien die Straße zu det Stadt hinauf.

Uebermvrgen gibt's Wetterumschlag, das jüdische Neujahr ist dann vorbei," sagte eine SchSväbrn.

*

Tie Division hat einen ,Kurswagen" eingerichtet. Der geht von Bvrsa zweimal täglich hinauf zum Prislop. Ein Lastauto ist mit Dretterfttzen versehen worden, und Besehlsempfänger, Urlauber, alles, was hinunter ins Tal will oder vom Tal heraus zu den Stellungen, hat eine Gelegenheit, in etwa zwei Stunden wenigstens auf dem Prislop zu sein. Tie Kleinbahn, die auch im Frieden schon längst der guten Knnststraße nach Kirlibaba und Tvrna-Watra führte, sÄMauft die Bergstraße nur sehr langsam hinaus. Eine Lokomotive kann gerade zwei.Wagen vorwärts bringen, und bei dem Kehren verschnauft sich die überangestrengte Maschine noch ^ckiwrend lange. Der Kurswagen macht das scher. Man sitzt wie m Aussichlswagen. Ter Petrosul liegt ttef im Nehxl, und je höher wir kommen, desto näher liegen die Nebelschiwaden auf den Hängen. Neben der Straße füllt der Berg steil ab, die Tannen, die tiefer wurzeln, reichen trotzdem hoch zu beiden Seiten der Straße empor. Durch den schwebenden Nebel öffnen sich plötzlich Blicke m Nebentäler, zurück über grüne Wipfel, hinan zu blanken: Fels, Tvagtterkolonnen werden überholt, Wagenreihen fahren zu Tal. Viehherden werden vorwärts getrieben. Wundervolle junge Stiere mit den schöngeschwnngenen Hörne nt, wie sie die ungarischen Ochsen aus zeichnen, gehen den Weg hinauf.Was von selbst läuft, braucht inan nicht zu fahren."Es ist wichtig genug, daß unser Fleisch vier Beine hat und vvrr selbst auf die Höhen steigt." Tie Kolonnen haben genug zu tun, all das andere, Nägel ftnd Bretter, Draht und Spaten, Granaten und Minen, Nahkantpf- mittel und Aepte, Tachpapp- und Fenster, Decken und Wollzeug, Brot und Grütze und . . . noch tausend andere Tinge herauf- zusclsteppen.

Vonr Prislop sieht inan mrr rvogenden Nebel. Nach kurzer Zeit wird's doch lichter. Ein Heller Schein .wird in den: flattrigen grauen Dunst erkennbar. Dann sieht man für Augenblicke hinein in das schöngeschwuNgene Tal der goldenen Bistritz, an den: zur Seite das Helle Band der Straße sich hinab schwingt. Wieder ziehen sich die Vorhänge zu. Riesenwvlkenburgen bauen sich in die Ferne, bis lichtgraue, gleichmäßige Schleier, aus denen es feucht herab- sickert, auch, das Nahe utweutlich und fern erscheinen lassen.

Wir steigen hinauf auf den Cerbul (1672 Meter). Tie Straße, die wohl Kilometer vvn Knüppeldämmen hat, zeigt von der Arbett dxr Bayern ein Seines Stück. Ueberall zur Rechten und Linken

JWJf man Hütten und Ställe enkstchen oder schon fertig. Dabei ist man noch mitten im Bauen und Planen. Unten in einer ungarischen Stadt werden für alle Divisionen im Gebirge fertige Fenster in einer einheitlichen Größe hergestellt, ebenso Türen, so daß pie Truppen keine Zeit auf die feineren Tischlerarbeiten zu verwenden brauchen. Tie erste Ladung nnrd schon in kurzem envartet. Die Hauptsache ist, daß man möglichst schnell unter Dach und Fach kommt. Immer stärker einsetzender Regen scheint das eindringlich vor Augen führen zu wollen. Tie Nässe kommt von allen Seiten. Man tropft wie die Tannen am Wege ganze Bäche an sich herab. An einer Halde steht ein Pferdestatt. Wir suchen für ein paar Minuten trockenen Unterschlupf. Ach, die Trockenheit hier ist wirklich nicht arg! Man hat den größeren Teil des langen, niedrigen Schuppens mit Tannen zweigen decken müssen, da noch nichi genug Dachpappe herangeschafft werden konnte. Nun kommt zwar der volle Wolkenbruch nicht hinab aus die Kolonnenpferde,, aber immer noch, genug feine Tropfen und Tröpfchen. Es ist feuchte Wärme in dem Stall und der Geruch von Tannen und Pferden. Wir sitzen auf umgestülpten .Eimern in einem schrägen Winkel, in dem die Mannschaften schlafen. Es tropft mit sintöniger ?Rusik. Tie Pferde schlagen. Es wird immer kälter, der Wind kommt durch die dünnen Wände. Hier liegen sie in den bitterkalten Nächten, die nassen Sachen hat das kleine Feuer nebenan kaum trockener gemacht. Um 4 Uhr halt es niemand vor Kälte mehr recht aus. Jedes Glied schmerzt. Ter Morgen kommt grau und kalt über die Tannen auf der Höhe. . . . Dabei sind das hier Kolonnen, die es in Vielem noch besonders gut haben. Um 8 Uhr zu Hause, leistet tonnt einer er kommt aus dem warmer. Bett in die warme Stube wohl das Opfer, daß er das Früstücksbrötchen statt mit Butter mit Marmelade schmictt. Es soll nicht getan werden, als seien alle die Sorgen und Nöte zu Hause klein, wer ist töricht ober leichtfertig genug, das zu meinen, aber oben in der Kälte der Waldberge, wenn die Zähne aufeinanderklapvern, kom­men dock eigene Gedanken über Anlegung von Maßstäben. .

Wir gehen weiter, denn die Raffe drinnen unterscheidet sich kaum von der Nässe draußen. Der Wind faßt jetzt mit eisigen Händen zu. Wir kommen an Artilleriestellungen vorüber, man kann nicht von Geschütz 1 zu Geschütz 2 sehen. Endlich, an einer Lehne, steht das Haus des Regimentsstabes. Ein kleines hübsches Block­haus. Wir sitzen um den weißen Holzttsck und kriegen Käse und Brot und Wein und Wärme. Man spricht von Skikursen, von Blockhäusern, wenn der Schnee einmal zwei Meter hoch liegen, wird, von der Kälte, die an 20 Grad im Durchschnitt haben soll. Gegen die Fenster trommelt der Regen. An der Front fällt kein Schuß. Ein paar Ueberläufer sind in der Nacht gekommen. Sie klagten über schlechtes Essen und über Kälte. Auf jeden Fall hatten sie noch die dünnen Leinwandntäntel aw die Japan in großen Mengen der russischen Armee fertig liefert.

Beim Abstieg fallen die ersten Schneeflocken. Tie Wege blenden, die gegen Sicht bei klarem Wetter decken sollen, haben Eiskristalle in den Tannennadeln. Am Abend fällt dichter Schnee.

Am übernächsten Tage reiten wir von dem Platz, da sich die Ostpreußen ihr Quartier gebaut haben, ab, um den Eimbroslawa- Rücken zu erreichen. Tie steilen Wege!. die doch morastig sind, dichte Taimen, überall Rieseln, Nebel, der in den Zweigen hängt, das ist alles wie in den Tagen vorher. Als wir absteigen, um deu letzten Teil des Aufstieges zu Fuß zu machen, setzt Schneetreiben ein. In kurzer Zeit sind wir mitten in weißer, glitzernder Winterland­schaft. Tie Tannen haben weiße Hauben auf den Aesten, die Strän- cher haben dicke, .glitzernde Zweige, der Schnee liegt fußhoch. Tie Welt ist weiß, glitzrig, flockenverhaugen, slockendurchtanzt.

Ta ist die Stellung. Wir gehen durch den Annähernngsgraben. der in den Fels gehauen ist, wie der Hauptgraben zum Teil selbst. Ter Boden im Graben ist noch trocken. Die Mannschaft sitzt in Unterständen, die noch nickst ganz ausgebaut sind, immerhin mehr, als icb erwartete. Für ein paar Minuten setzt der Schneefall aus. Ein Wolkentheater entwickelt sich zu unseren Füßen: Nebelftauen huschen über die Halden, Fäuste ballen sich, Fratzen zerreißen, ferne dünne Schleier wehen, sangen sich an den Zweigen, Gipfel heben sich hoch, weite Fernen sind für Augenblicke zu sehen. Das

Nähere wird klar: man sieht drüben den russischen Graben, das Trahthindersnis, das sie seit gestern ferttggestellt haben. Man könnte seine Schlüsse daraus ziehen, vielleicht . . . Ein paar Russen laufen hinter ihre Linie, verschwinden schnell hinter Tannen- dickickst.

Unser Graben geht durch den Tannemvald hindurch, steil fällt vor ihm der Berg ab. Wir sind über 1600 Rdeter hoch, sind in einer ganz anderen Welt. Sind im Winter, während drunten die Rosen in Felsö-Vissö blühen.

Unbeweglich hinter zwei Bäumen, Gesickst zum Feind, stehen zwei Hovchposten vor der Linie. Der Schnee rieselt über il>ren Mantel, ihre Füße stehen ttef in dem iveißen Teppich, das Gewehr glitzert von Kristallen. Ein Bild wie gestellt für einen Maler: Karpathenwacht.

Der Leutnant, der die Kompagnie führt, ist mir auf dieselbe Schule gegangen. Es ist nicht viel Merkwürdiges dabei, daß man sich trifft. Sie konrmen überall herum, die Regimenter und Divisionen. Heute in Frankreich!, morgen in Kurland, dann in Wolhynien, fn den Karpathen, unten am Balkan. Und meine Llufgabe bringt mich zu vielen, sehr vielen Regimentern. So habe ich fast alle Freunde und Bekannte, die ich sonst Jal)re nickst ge­sehen habe, im Kriege irgendwo wie der getroffen. Anderen ist es ebenso gegangen. Ein lustiger Leutttant sagte das mal sehr nett: Ach, bei uns in der Familie, in der deutschen Armee, trifft Man sich immer wieder."

*

Händeschiütteln. Wie geht's denn? Gefrage. Tann? Ober­leutnant. Tann? Warum fragen. . . .

Ms wir zu Tal gehen, scksteßen die Russen ein paar Schrapnells in dfn Nebel hinein. Es schallt besonders laut und nahe. Man hört ja jeden Laut im Nebel, als ob er dicht neben einem sei. Tann rieselt wieder der Schnee und macht die Pferde unruhig, als wir reiten.

_ Rolf Brandt. Kriegsberichterstatter.

Die fünfte Kriegsanleihe.

Berlin, 12. Oft. (WTB. Amtlich.) Nach den jetzt vorliegenden genaueren Angaben der Zeichnungs- und Ver ntittlungsftellen hat sich oas Gesamtergebnis der fünften Kriegsanleihe auf 10651 726 2 00 Mark er­höht, in welcher Summe jedoch die Feldzeichnungen und die Ueberfeezeichnungen noch nicht voll enthalten sind, so daß noch ein weiteres Anwachsen zu erwarten ist.

Von den Zeichnungen entfallen (Betrag in Millionen Mark) auf Reichsanleihe stärke 7397,7, auf Schuldbucheintra- gungeu 2180,8, ans Reichsschatzanweisnngen 1073,2, zusam­men 10651,7. Bei den einzelnen Zeichnungs- und Vermitt­lungsstellen wurden folgende Beträge gezeichnet:

Bei der Reichsbank und ihren Zweiganstalten 684,9, bei den Banken und Bankiers 6081,5, bei den Sparkassen 2567,5, bei den Lebensversichernngsgesellschaften 337,4, bei den Kreditgenossenschaften 864,6 und bei den Postanstalten 1133,8, zusammen 10651,7._

Universitäts-Nachrichten.

= Frankfurt a. M., 13. Okt. Tic neuen Ordnungen für die Handelshochschulprüfungan an der Universität Frankfurt haben die Genehmigung der zuständigen Ministerien gesunden. Es werden zwei Prüfungsausschüsse gebildet, eine für die kaufmännische Diplomprüfung und eine für die Handelslehrerprüfung. Zn ui Vorsitzenden beider «Ausschüsse wurde Geh. Regiernngsrot Professor Tr. P ohl e ernannt.

^kirchliche Nachrichten.

Israelitische Religionsgemein-e.

Gottesdienst in der Synagoge (Süd-Anlage).

Samstag, den 14. Oktober 1916: Vorabend: 5.30 Uhr. Morgens: 8.30 Uhr. - Abends: 5.50 und 0.25 Uhr.