m. 253 Zweites Blatt *66. Jahrgang
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhchen
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4. ayftober *9*6
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MegLdriefe ans dem Gste«.
Bv« unseren zum Ostheere eutsandteu ZlriegsbericksterALtt« (Kicker echtigter Nuchdruek. auch auLMgSwrise, verbov«-)
Die Karpathcukämpse.
(3. Air-gust bis Ende Septencher.)
Hauptguarticr, Deutsches Karpathenkorps, Ende September.
Elche Juli begann die russische Offensive in den Karpathen. Särrittwcisc fechtend zogen sich die Kavallerieabteilungen des österreickstsch-uuganschen Kavalleriekorps und nicht starke Jnfon- teriekräfte gegen den Hauptkamn: der Waldkarpathen zurück. Die Russen hat teil die' LiAe der Höhen Ludowa (1466 Meter), Baba- Ludowa (1586 Meter) überschatten, ihr Südflügel näherte sich Kirlibaba. In diesen: Aimenblick wurden deutsche Kräfte eingesetzt. um den russischen Stof; durch Gegenstoß abzufangen, und den Absichten der Russen auf ungarisches fruchtbares Land, in Verbindung mit den Verbündeten, einen Riegel vorzuschicbcn.
Jägertruppen aus allen deutschen Stämmen wurden zu einer Gebirgsformation Zusammengestellt, die notwendige besondere Ausstattung vervollständigt, und in den ersten Tagen des August standen die ausgesuchten deutschen Truppe:: auf der Linie Popadia- Kopilas bereit. Am 3. August warm: alle Vorbereitungen zuu: Angriff getroffen. Die Artillerie bearbeitete ein und eine halbe Stunde die schon ausgebaute und mit Drahthindernissen versehene russische Stellung, dann begann der Sturm. Binnen einer Stunde war die russische Hauptstellung besetzt. Die Jäger aber waren einmal im Zuge und gingen über das gesteckte Ziel im uuwider- stehlichen Anprall hinaus. Am Abend warjjdie Riza-Höhe (1275 Meter), Stoupny-Höhe (etwa 6 Kilometer fcfj-oi: östlich der Linie Baba-Ludowa-Ludoiva) besetzt.
Run nlachten sich die Schwierigkeitei: des Gcbirgskrieges zum ersten Male entsclundend geltend. Im Frieden ging an dieser Stelle überhaupt kein gebahnter Weg über den Karpathenkamm, die Verbündeten hatten nun zwar behelfsmäßige Wege angelegt, aber für den Nachschub in: größeren Maßstabe, wie ihn ( die Operation jetzt erforderte, reichte dieser leicht gebaute Weg doch nicht aus. Alle verfügbaren Kräfte mußten zun: Wegebau heran, Knüppeldämme wilden errichtet, Gräben gezogen, Hindernisse beseitigt: aus den braven Jägern war eine Wegebau-Kompagnie geworden: unzählige Baumstämme mußten gefällt werde::, um den Abstieg von den Höhen in das Czereinosz-Tal möglich zu machen.
, Die Russen hatten die Pause von 2 Tagen benutzt, um sich Meder zu befestigen, so daß am 6. August die Stellungen wieder mit Artillerie erschüttert werden mußten, ehe der Jnfanteriean- griss begann. Die 3 Höhen Dereszkowata (1071 Meter), Plaik (1228 Meter). Skupowa (1583 Meter) wurden gestürmt. Damit war ein starker Erfolg erzielt, die Lage begann flir die Russen, kritisch zu werden. Sie brachten in größter Eile, teilweise mit Lastautomobilen, Verstärkungen heran. Ihr Plan, den sie auch ihren Truppen als Siegeshoffnung eingehämmert hatten, noch Anfang August Ungarn zu erreichen, war gründlich gescheitert, es aalt ffZr sie nur- noch, durch möglichst starkes und schnel/les> Einsetzen neuer Kräfte, das Hinunter gleiten in die Ebene zu vermeiden. Die neu hevangebrachten russisck>en Abteilungen wurden in die Flanke der nördlichen deutschen Stoßgruppe, die ja am weitesten Raum gewonnen hatte, angesetzt, vielleicht in der Hoffnung, die weit vorgetriebene Spitze mit energischem Angriff ab- schneidei: zu können. Die Absicht Mißlang. Die deutschen Reserven wurde:: schnell vorgeschoben, und die Angriffsrichtung wurde verändert. Statt imch Nordosten zu stoßen, wurde jetzt nach dieser Richtung der Gewinn nur behauptet und die Stoßkraft nach Norden, in Richtung von Zabie, verlegt. Unter sehr schweren Verlusten wurden die Russen nun Tag für Tag nach Norden zu- rückgcdrängt. Mitte August sehen die deutschen Truppen bereits Zabie zu ihren Füßen liegen, Zabie, von dem auf der guten Straße die Ebene in 2 Tagesmärschen erreicht werden kann. Alle
russischen Ge-enstöße hatten diesen Vormarsch bis Mitte August nicht auszuhalten vermocht. ,
Inzwischen waren am 11. August auch beidersetts der Höhe Capul deutsche Truppen, alte Karpathenkämpfer aus den ersten Karpathenschlachtcn 1914/15, ins Gefecht getreten, da d:e Russen auch gegen deü südlichen Flügel der Karpathenarmee neue erhebliche Kräfte hera::brächten. Auch hier wurde der Stoß sofort nnt Gegenstoß beantwortet. Der Widerstand der Russen war aber hier von Anfang an sehr energisch- Die Stellung war von ihn er: in sorgfältiger Arbeit ausgebaut worden, Minenwerfer standen bereit, Maschinengewehre waren in reichlicher Anzahl eingebaut. Unter sehr sck)wer«: Kämpfe:: kamen um den 15. August Die deutschen und österreichisch-ungarischen Truppe:: vorwärts Dw beherrschenden Höhen Stara Obczyna (1467 Meter) und die Ma- gura (1556 Meter), nördlich des Capul, wurden gestürmt. Zw« Tage später wurde auch die Stara Wiczyna (1448 Meter) genommen, 200 Gefangene, mehrere Maschinengewehre wurden einge- bvacht.
Die Russen rechneten nun wohl damit, daß die deutschen und österreichisch-ungarischen Karpathentruppen den Austritt aus den Karpathen in kurzer Zeit erkämpfen würden, e:n Ereignis, das sie auch im Hinblick auf Rumänien mit allen Kräften verhindern mußten.
Es werden alle npch verfügbaren russischen Reserven nach den Karpathen geworfen, alle etwaigen Absichten, die auf einen Angriff gegen die deutsche Riga-Front vielleicht noch bestanden haben mögen, werden von der russischen Heeresleitung aufgegebcn.
Es folgen tägliche, schwere Gegenangriffe der neue:: russischen Karpathenkräfte. Am 21. werden unsere Stellungen ,im! Norden am Czarny-Czeremosz-Tal auf dam Stepanski- und Kreta- Höhen erbittert angegriffen, ebenso am 23. %
Trotzdem gelingt es an der Stara Wipczyna Raum zu gewinnen, am 22. werde:: dort bei Erstürmung russischer Stellungen 200 Gefangene, darunter ein Bataillonskommandeur, und zwei Maschinengewehre eingcbracht.
Es vergeht kein Tag ohne Kampf. Aul die große Hitze der ersten Augusttage ist eine Regenperiode gefolgt. Die Truppen haben es nicht leicht auf den Höhen ohne Ablösung, ohne Unterstände, im täglichen Kampf (mit einem zähe:: Gegner, der sich immer! wieder in Ruhestellungen im Tal von den Strapazen erholen.' kann, weil ihn: zahlreiche Reserven zur Verfügung stehen. Trotzdem ist die Unverwüstlichkeit dieser Karpathentruppen nicht zu erschüttern, die Offensive geht lveiter.
Am 28. August -erfolgt die rumänische Kriegserklärung. Tie Karpathenfront verlängert sich über Dorna-Watra hinaus. Eine neue Enttoicklung setzt ein. Das Resultat der dreiwöchentlichen. Offensive ist dahin zusammenKufässen, daß zunächst eben die russ:-- schen Absicht«:, im August in Ungarnzu stehen, völlig gescheitert find, überall ist die Möglichkeit, die Stellung jetzt nach unserem Vorteil auszüsuchen, da genug Raum nach vorw-ärts geworHnest ist. 20 Offiziere, über 3500 Mann wurden gefangen, zwei Geschütze, über 30 Maschinengewehre erbeutet. Tie russische Kar- pathenarmoe ist außerdem so sehr durch blutige Verluste geschwächt, daß nur die unaufhörlich heran gebrachten Ersatzmann!- fchafttn die Gefechtsstärke aufrecht erhalten können.
Unter den neuen Bedingmrgen ist der linke Flügel der deutschen Trupp«: jetzt ziu weit vorgetricben. Tie Truppen werden in den letzten Aügusttagen rechtzeitig zurückgenommen. Gegen die neuen Stellungen von Kükul bis Dorua-Watra folgen dann im September unaufhörliche russische Angriffe, die nicht nur in der Verteidigung, sondern auch durch schneidige kleine Gegenstöße ab- gewehrt werden. Einige Bergspitzen, wie der Kükul, wie der Süiotrec, drechseln wiederholt den Besitzer. - Aln 2. September treten.deutsche und österreichisch-ungarische Truppen am' rnmäni- schen Grenzgebiet in Gefechtssühlung nrit dem neuen Feind. Nördlich und südlich von Dorna-Wütra werden rumänische Bataillone in die russische Kampffront eingesetzt. Am -6. September werden die vereinigten Angriffe blutig abgeschlagen. Unvermin
dert dauern dabei «die lK«m:tpfc «südlich von Zabie, am Ki:kul, an der Baba-Ludvwa, am Cimbvoslawa-Rücken an. Am 3 3. September steigern sich die sEinzelangriffe /zuin üinh-e:tl:chen, mit rücksichtslosen: Einsatz vorgetriebenen Massenangrift von Sinottec bis .zur Golden«: .Bistritz. Die unter dem G«:eral von Conta stehend«: deulsckzen und österreichischurngarischen Truppen schlagen auch diesen schwer«: Sturm völlig ab. Schlesier, Ostpreuß«^, -Bayern, die Jäger und fHegnnenter der Verbündet«: zeichnen sich aus. Am folgenden Tage wird ein Sturn:, den die Artillerie ausgiebig vorbereitet hat, auf den Smotree, Ludowa und Caput blutig abgew-ies«:, nur am Cibo-Sattel, westlich des Capul, setz«: sich russische Abteilungen fest: sie wurden aM nächsten Tage durch Gegenstoß vertrieben. Am 16. Wiederholen.sick: russischemmäntsche Angriffe an der Dreiländerecke, sie werden zurückgewies-en, lvie ein gleichzeitiger Angrift beiderseits der Ludowa. Am 17. wieder -1 holt sich der Angriff: am 18. nehmen die Kämpfe ivieder an Ausdehnung zu, von Smotree bis östlich Kirlibaba tobt ein heftiger .Kampf. Dabei ist schon seit ein Paar Tagen Schnee gefallen, und des Nachts herrscht auf den windnwheulten Höh«: bis 12 Grad Kälte. ,
Die russisch«: Angriffe fiub noch nicht abgeschlossen. Jü ihren armseligen Löchern trotz«: die Unseren den immer neuen russischen Wellen, liegen in Kälte und Schnee unter schwersten Entbehrung«: auf ihrer l-arten Wacht, immer bereit, dabei zu Eigener Unternehmung. Dieser Wleltkrieg verteilt viel Kränzet für übernten schliche Leistungen int Westen und Osten, der Ruhm find das Heldentum' .vieler Regimenter überstrahlt alles, was je geduldet, gestritten und erkämpft wurde, von den vielen ersten Helden kränz«: Hab«: in diesen Monaten sich die deutschen Kar- kathentruppen einen vollen und grün«: errungen.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Organisierung des deutschen Großhandels.
( An: Montag, den 2. Oktober, fand in den Räumen der Handelskammer zu Berlin die erste Mitgliederversammlung des Zentralverbandes des Deutschen Großhandels unter außergewöhnlich großer Beteiligung der Großhändlerkreise aus ganz Deutschland statt.
Den Vorsitz in der Versammlung fiihrte Geheimer Kom- merzienrat Dr. Rave ne. In seiner einleitenden Ansprache sagte er, ein Zuscmrmenschluß des Großhandels :n der jetzigen ernsten Zeit sei von um so größerer Bedeutung, als die kommenden Zeiten so mächtige Umwälzungen auf allen Gebieten mit sich bringen würden, daß es die Pflicht eines jeden Standes sein muß, rechtzeitig dafür zu sorgen, dcrß er die an ihn herantretenden Forderungen auch zu erfüllen in der Lage sein würde. Mit aller Entschiedenheit sei daher als der erste Punkt des Programms festzulegen:
Der deutsche Großhandel wünsche sich e::g zusammenM- schließen, um seine vaterländische Pflicht erfirllen zu können, die nach Kriegsschluß auch an den Großhandel herantreten würde, um der Regierung und dem Parlament ans Grlnnd der langjährigen Erfahrungen ^ur Seite stehen zu können, um dafür zu sorgen, daß die richtigen Persönlichkeiten bei fcubmännischen Beratungen in Vorschlag gebrecht würden, uno um auf diese Weise vvrznbeugen, daß Persmren, die sich als Mitglieder des Großhandels ausgeben, sich vordrängen, die mit ihren Auffassungen in einer ganz anderen Welt leben als der wirkliche Großhändler.
Der zweite Teil des Programms würde alsdann denß Standes in teressen der Großhändler zu dienen haben. Dabei würde sich der deutsche Großhandel naturgemäß vor Augen halten müssen, daß es nicht die Aufgabe des Zentraler-
Annst, wr^enschaft tutfc Leben.
— W. v. Humboldt, Goethe und die Stael. Tie Stcvel hat auf «alle, die in Beziehung ZU ihr getreten sind, UM leuybac ein«: sehr bedeutenden Eindruck gemacht. Für uns bleibt ihre Gestalt von einem' großen Interesse, iveil sie von unserer Gesittung und unserem Dch risttu ine in ihr«n berühmtten Bucha ,,Te l'Memagne" der französischen Welt eine Borstellnng gegeben hat, «die an Geist u:ü> Verständnis ähnliche Leistung«: ihres Volkes immerhin turmhoch überragt. Einer der Mlänner, die ihr das Verständnis Deutschlands :u:d der deutschen Kultur vermittelt«:, war Wilhelm v. Humboldt, dess«: Beziehungen zu der Stael Prozessor Albert Leitzmann, der Herausgeber ihrer Briefe und Tagebücher. in: jüngsten Hefte der „Deutschen Rundschau" (Verlag von Gebr. Paetel in Berlin), darstellt. Humboldt lernte die Stael int September 1798 kennen, und gleich, bei seiner ersten Begegnung mit ihr kam das Gespräch altf die deutsche Literatur. „Ueber die Poesie, bemerkte^ ich wohl (so heißt es in Humboldts Tagebuch), hatte sie eigentlich gar keine richtigen Begriffe. Sie behauptete, Unsere Kultur sei dahin gaFommen, daß wir nicht mehr eine gute Poesie haben könnten. Wir wären einmal durch cfttte und tiefe Denker so an d«: Gedanken gewöhnt, daß wir von dieser Seite in unseren Forderungen nichts rmchgeben könnten. Nun aber gäbe es für jeden Gedanken nur einen richtigen Ausdruck. Diesen l'inen in dem Zwange des Reimes und des Versbaues zu finden, Üi unmöglich. Auch schade der Reim schon an sich und außer seiner Schwierigkeit. Durch die Folge des Gesprächs, das mir unendliche Auf,chlüsse und Bestätigungen über den französischen Geist und Sprache gab, sah ich wohl, daß sie unter Poesie nur den poetischen Vortrag verstand." Der Eindruck, den Humboldt von der Stael empfing, war doch stark: „Sie gefiel mir wieder außerordentlich, besonders hat sie in ihr«: Augen etwas, das. jirdem es eine tiefe Empfindung verrät, unendlich anzieht. Es ist so ein langsames in d:e Höhe-Ziehen des Auges, bei dem doch das obere Augenlid sehr geschlossen bleibt. Der Mund ist meist off«:, und dies tut daun, so häßlich es auch sonst ist, keine üble Wirkung." Durch seinen Umgang mit der Stael ist Humboldt zu einem aphoristisch gebliebenen Entwürfe über den französischen Nationalchavakter angeregt worden, den Leitzmann aus seinem ungedruckten Nachlasse hervorgezogen hat und der dem Sommer 1799 angehören dürfte. Neben Rousseau und Mirabeau erscheint hier die Stael als typischer Vertteter des französischen Geistes
Humboldt ist es gewesen, der im Jahre 1800 das Buch der Statt „De la litterature consid^rs dans ses vapports avec les rnstitutions sociales" bei Goethe einführte. In seinem Briefe kennzeichnet er sie folgendermaßen: „Ich habe jetzt nur noch etwa 14 Tage m:t ihr zusammen hier zugebracht, sie aber da täa- “9 aesehen. Ich liebe sie sehr: bei manchen sehr weiblichen Zugen tehlt ihr freilich viel zu dem, was wir schöne Weiblichkeit nennen, und be: einem bewunderungswürdigen Verstände ist sie nur selten, was. uns geistvoll heißt. Aber sie besitzt eine unglaubliche Gutmütigkeit, bringt selbst Mitten im .Kreise kleinlick-er'Verhält- nrsse, der s:e oft umgibt, alles auf Ideen und Empfindungen zurück, laßt der Natur und dem Gefühl ihr Recht, räsoniert nie Mgewöhnlich, bis alle Wahrheit mit Stumpf und Strel vertilgt und alles m Schall und Wort aufgelöst ist. sondern
räsoniert sich vielmehr immer auf die Pilnkte hin, bei denen das bloße Räsonnement Tum nichts mehr ansmacht, ist fast immer unparteiisch und vielseitig in ihren Ansichten und groß und edel in ihrer Empfindungsart. Sie kommt mir immer wie ein freierer Chattlkter u:ü> kühnerer Geist vor, der, seitdem er anfängt, die Fittiche zu bewegen, in den Kinderrock französischer Armseligkeit eingescknürt ist. Auf gewisse Weise sind zwar ihre Bücher wie bei alten Menschen weniger als sie, aber auf andere auch mehr. Denn selten findet man sie im Gespräch so einsam, so ruhig oder so vertieft als in ihren Schriften. Ihre „Leidenschaften" scheinen mir immer ihr bestes Werk; dies kann natürlich für seinen eigentlichen Gehalt nur schwach sein. Um den Zustand der ganzen Literatur in allen Ländern und Zeiten zu beurteilen, fehlt es ihr natürlich an Philosophie und Gelehrsamkeit zugleich. Sie hat keinen deutlichen Begriff von dem, wohin der Mensch gelangen soll, und sieht alle Literaturen doch eigentlich als Französin an. Sie werden erstaunen zu finden, wie unrichtig die Griechen behandelt sind. Wir Deutschen erkennen nicht genug, wie viel wir einzig dadurch gelvinnen, daß Homer und Sophokles uns nah und gleichsam verwandt geworden sind. Wie sie über die Deutschen urteilen kann, sehen Sie selbst." (Goethes Antwort ist verloren, und damit entgeht uns auch sein und Schillers Urteil über Frau von Staels Buch über die Literatur. Am
10. Oktober schrieb ihin Humboldt wieder: „Ihr Urteil über das
Buch der Stael hat mich sehr gefreut. Es trägt das Gepräge der Billigkeit, die man ihr selten widerfahr«: läßt Äie Ihnen ist cs auch mir immer vorgekopimen, als sei ihr der .Kreis, in den Erziehung und Bildung unter Franzosen und durch französische Literatur sie gebannt hat, zu engü, als sttebe sie, sich davon loszumache::, ohne daß dies doch jemals gelingen kann. Es. ist ein wunderbares Phänomen, mitten in emer Nation manchmal Menschen zu finden, die einen fremden Geist in diesen Banden der Nationalität traMn, und ich möchte nicht entscheiden, ob hier nicht ein Streit
zwischen der angeerbten, bei der Stael also deutschen Eigentüm
lichkeit und der durch Bildung erworbenen sei. Auch in Rousseau ist, dünkt mich, etwas Aehnliches, nur daß seine größere Geisteskraft weniger die Fesseln sehen läßt, die ^ihm dieser innere A^iderstreit anlegt."
— Hundert Jahre Gasversorgung. In dies«: Tag«: ist es genau hündert Jahre her, daß T«rtschland seine erste Gasanstalt erhielt, sie stand auf dem Königlichen Amalgamier- werk zu Freiberg :. S. Es ist rin eigenes Spiel des Zufalls, daß gerade jetzt durch die Verführung des Reichskanzlers die englische Cöasgesellschaft :u Berlin aufgelöst wird, denn jene alte Gasanstalt war natürl:ch nach englischen Mustern gebaut, da England das erste Land lvar, das Gasanstalten bau«: konnte, schon vermöge seines .Reichtums an Steinkohl«:. Trotzdem ist das Steinkohlen- oder Leuchtgas gar keine englische Erfindung, sondern gennssermaßen rein deutschen Ursprungs, erfunden schon geqen Ende des 17. Jahrhunderts von dem freilich in England lebenden, aber aus Speyer gebürtig«: Physiker, Chemiker' und Arzt Johann Joachim Becher, der bei Versuchen über die Destil- kiiio:: von Kohle uitb Torf nicht weniger als drei äußerst wichtige Ltvffe fand, nämlich Leuckstgas, Koks und Teer. Sein Ziel bei lenen Versuchen war es, die Steinkohle, die damals für ein«: un- branch^sren Brennstoff galt, in einen gut brennenden, d. h. nicht
rauchenden und rußenden zu verwandeln, das dabei entstehende Gas erschien ihn: sehr inerkwürdig, er berichtet selbst, daß er mit einem Schuh Kvhlen zehn Schuh lange Flamin«: erzeugen konnte. Erfreut toar er besonders über den Teer, d«:n bis dahin inußbe England den nötigen Teer, bei einer großen seefahrend«: Nation nicht wenig, von Schwieden beziehen, das ihn aus kiefernem Holz« herstellte. Der Steinkohlenteer erwies sich aber als dem Holzteer noch überlegen, so daß jene Versuche eines Deutschen für England größte wirtschaftliche Bedeutung erlangten. In der Geschichte der «:glischen Gasversorgung steckt übrigens :wch mehr deutscher Einschlag. Zwar war«: die erst«:, die Gas für Beleuchtungszwecke an- wandten, die Englm:der, bezw. «Schotten, nämlich Minckeläer (1783) und Murdoch (1792), aber die erste öffentliche Gasanstalt, die einen Teil Londons mit Gas versah, wittde von der von dem detuschen Winzer gegründeten Chartered Company (1810) erbaut, freilich kam {Le erst 1813 und 1814 in Betrieb und erlmrgte unttr großen Schwierigkeiten ein Patent für ganz England, so daß recht bemerkenswert ist, daß schon 1816 eine Anstalt für Deutschland gebaut wurde. Das englische Publikum bereitete freilich der neuen Einrichtung die d«:kbar größten Schwierigkeiten, da die Begriffe von Gas, Hitze und Explosion noch durchaus ungetrennt waren, man fühlte die Gasröhren an und wunderte sich, daß sie so kalt lvaren. Ter Mitarbeiter und Assistent Murdoch-s, Clegg, mußte fast einen Monat lang die Laternen selbst anzünden, da er keinen Arbeiter fand, der das „gefährliche" Geschäft übernehmen wollte. ?tber nicht mcr das Publiklcm tvar es, das der neuen Sache verständnislos gegenüberstand, selbst ein so bednttender Gelehrter wie der Chemiker D<tvy hielt die Gasbeleuchtung für eine müßige Spielerei. Ta loar man in Deutschland weitsichtiger. Goethes erlauchter Freund, Großherzog Karl August von Weimar, l>atte nicht sobald davon gehört, daß der Jenaer Kupferschmied Pflug sich mit Versuchen über Gasherstellung beschäftigte, als er seine lebhafte Teilnahme daran kundgab und dafür den Jenaer Schloßhof sowie 2 Zentner Steinkohlen gur Verfügung stellte. Das war ebenfalls schon in: Jahre 1816, und erst 10 Jahre später erhielt Berlin seine erste Gasanstalt, 1840 Köln und gar erst 1850 München. Das Lichtbedürfnis j«:er Zeit war eb«: noch nicht groß. Ti^ gesamte GaSerz«lgung Deutschlands betrug im Jahre 1859 etwa 44,5 Millionen Kubikmeter, im Jahre 3890, kurz vor Erfindung des Gasglühlichtes 600 Million«: Kubikmeter, und heutzutage vielleicht 2,7 Milliarden Kubikmeter. Diese Menge wird in ungefähr 600 Gaswerken erzeugt. Der Gasverbrauch der gefaulten Welt wird auf zirka 22 Milliarden Kubikmeter geschätzt, «ttsprechend 60 Millionen Tonnen Kohle.
H e i d c l b e r g, 3. Oktober. (WTB.) Heute starb nach langem Leiden der Senior der Medizinisch«: Fakultät, Exzellenz und Wirkliche Geheime Rat Dr. Vir:zenz Czeruy. Der Ver-, storbene hat inehr als dreißig Jahre an der hiesigen Universität gelehrt. Er hat sich besondere Verdi«:ste ans dem Gebiete der Krebsforschung erworben.
Konstantinvp el 2. Oktober. Ten Blättern zufolge wird an der hiesigen osmanischen Universität ein Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur zur Vorbereitung! der türkischen Professoren, die in der d«:tschen Sprache Unterricht erteilen, mit dem in einigen Tagen beginnenden Studienjschre errichtet werden.


