Ur. 226 Zwettes Blatt * 66 . Jahrgang
' Erscheint tt-Nch mit Ausnahme des GountagS.
Die ..Sietzener Zamtllenblöttcr" werden dem
«Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt. das ..Brcirblatt für den Breis Siehen" zweimal wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
Dienstag, 2b. September * 9*6
RstattonSdruck und Verlag der Brühl'jchez Universitäts-Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
SchrMeitung, Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Berlag:e^51, Schriftleitung: d^K112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
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Herabsetzung der Uriegsbesoldung für Offiziere und Gffizierstelivertreter.
Einem neuen „A rMe-e-Ver o rdnungsbilatt" entnetz- men mir folgenden neuen, die Offiziersbesolbung neu. regelnde:: Erlaß:
Auf den Mir gehaltenen Vortrag bestimme Ich, daß in den Kriegsgebührnisfestsetzungeu vom 1. Oktober 1916 ab folgende Aenberungen eintreten:
1. Die monatliche Dienstzulage wirb mu'äßigt:
a) für den Kriegsminister und die Armiee-Ober- befehlshaber um je 1000 Mk., b) für kommandierende! Ge::erale und Offiziere in Stellen mit gleichen Gebührnissen :m: je 650 Mk.
2. Die monatliche Feldbesoldung wird herabgesetzt:
für Divisionskommandeure und Offiziere in Stellen mit gleichen Gebührnissen um je 150 Mk.
Zu 1 und 2: Die Gebührnisse der Generale usw. die vor dem
1. Oktober 1916 mit den vorbezcichneten Stellen bereits beliehen sind, bleiben von den vorstehenden Festsetzungen unberührt.
3. H a u p t l e u t c oder Rittmeister, auch als Koinpag- nie- usw. Führer (Kommandeure), sowie Zeug-, Feuerwerks- und Festungsbau-Hauptleute, die ersten Offiziere eines Traindepots, Stabsärzte sowie Oberstabs- und Stabsveterinäre erhalten:
bei Formationen mit mobiler Besoldung ein monatliches Gehalt v o n 5 10 Ai k., Mi Formationen mit immobiler Besoldung ein rnonatliches Gehalt von 450 M k.
Neben diesem (behalt beziehen Hauptleute Usw., die die dienst- gvadmäßigen Gebührnisse bereits erhalten oder in diese bis zuM 30. September 1916 einschließlich einrücken — gleichgültig, ob sie Anspruch auf die mobile oder immobile Besoldung haben — den Unterschied zwischen ihrer bisherigen und der neufestgesetzten Besoldung mit 145 Mk. als Monatszulage.
4. Oberleutnants, Leutnants, Feldwebelleul nants, Oberärzte, Assistenzärzte, Feldhilfsärzte, Obcrvete- rinäve, Veterinäre und Feldhilfsveterinäre erhalten:
bei Formationen mit mobiler Besoldung ein bwnatliches Gehalt v o n 2 5 0 M k., bei Formationen mit immobiler Besoldung ein monatliches Gehalt von 2 20 M k.
Zeug-, Feuerwerks- und Festnugsbau-Oberlentnants erhalten:
bei Formationen mit mobiler Besoldung ein monatliches Gehalt v o n 3 2 5 M k., bei Formationen mit immobiler Besoldung ein monatliches Gehalt von 2 85 M k.
Neben diesem Gehalt beziehe,: — gleichgültig, ob sie Anspruch auf ‘ te mobile oder immobile Besoldung haben — alle Oberleutnants, Meng-, Feuerwerks- und Festungsbau-Oberleutnants, Oberärzte und Ober-Veterinäre, ferner die Leutnants, Zeug-, Feuerwerks- und Festtmgsbau-Leutuants, Feldwebelleutnants, Assistenzärzte, Feld Hilfsärzte, Veterinäre und Feldhilfs veterinäre, die diesen Dienstgrad bereits besitzen oder bis zum 30. September einschließlich erlangen, und solche Leutnants, Zeug-, Feuerwerks- und Festungsbau-Leutnants, Felbwebelleut- narrts, Assistenzärzte, Feldhilfsärzte, Veterinäre und Feldhilfsveterinäre, die zwar erst vom 1. Oktober 1916 einschließlich ab hierzu befördert oder ernannt werden, aber verheiratet! sind, eine Monatszulage von 60 Mk.
Ich ermächtige das Kriegsministerium, zu bestimmen, welche neubeförderten Leutnants usw., obwohl sie nicht verheiratet sind, wegen ihrer Familimverhältnisse nachdenfüriVerheiratele gegebenen Grundsätzen ab zu finden sind.
5. Die vom 1. Oktober 1916 einschließlich ab neu ernannten Offizierstellvertreter (Mannschaften in Offizier-, Zdug-, Feuerwerks- und Festungsbanoffizier- sowie in Sanitäts- und Veterinär- offizierftellen) erhalten, soweit sie nicht besoldete Reichs-, Staatsoder Gemeindebeamte, bei Formationen mit Mobiler Besoldung eine monatliche Löhnung von 190 Mk.
Großes Hauptquartier, 19. September 1916.
Wilhelm,
An das KriegsministerruM. ^ Wild v. Hohenvo rn.
Das Kriegsministerium erläßt hierzu folgende Bestimmungen:
1. Für den Bezug der verringerte:: Gebührnisse ist der Tag maßgebend, an dem die die Beförderung anssprechende Allerhöchste
Kabinettsordre oder die sonst in Betracht kommende Verfügung erlassen worden ist.
2. Die Monatszulagen von 145 oder 60 Mk. zählen mit den: Gehalt zur Kriegsbesoldung: sie sind nicht nach Tagen, sondern in vollen Monatssätzen nach den allgemeinen BestiMnmngen der 88 8, 53 und 71 der Kriegsbesoldungsvorschrist monatlich im voraus zu zahlen.
3. Nach den Grundsätzen für Verheiratete sind abzu-
ffnden: i
a) unverheiratete Leutnants usw., die den Unterhalt bedürftiger Angehöriger, nämlick von Verwandten der ansteigenden Linie, Geschivistern, Geschwisterkindern oder Pflegekindern ganz oder überwiegend bestreiten, b) verheiratet gewesene Leutnants usw. unter Heu Voraussetzungen zu a), oder sofern sie eheliche oder legitimierte Abkömmlinge haben.
4. Die Monalszulage von 60 Mk. ist auch solche:: L-eMnants zu gewähren, die erst nach ihrer Beförderung sich verheiraten oder bedürftigen Angehörigen den Unterhalt gewähre::. Sie wird zuständig mit dem Ersten und e:üngt mit dem Letzten des Monats, in dem Voraussetzungen für die Gewährung eintreten oder wegsallen.
5. Da die Monatszulagen zu der Kriegsbesoldung gehören, ist bei de:: Reichs-, Staats- und Gemeiübebeantten (Zivilbeamten) als Betrag der Kriegsbesoldung den Zivilbehürden Gehalt mnd Zulage, soweit diese ständig ist, in einer Summe anzugeben.
6. Die Kriegsbesoldung der vom Kriegsminifterium mit Korpsveterinärstellen beliehenen Oberstabsveterinäre und Stabsveterinäre, der unter laufender Nr. 9 und 18 der Gebührnisn ach Weisung Nr. 1 sowie unter laufender Nr. 7, 13 und 19 der Gebührnisnach- weisung Nr. 6 aufgeführten Oberleutnants, Leutnants usw., sowie der als Kompagnieführer verwendeten Feldwebelleutnants und der nicht genannten Offizierstellv ertreter bleibt von den Festsetzungen der vorstehende:: Allerhöchsten Kabinettsorder unberührt. Hauptleute (Rittmeister), die sich in Lentnantsstellen befinden, werden ltrie Oberleutnants abgefunden.
Wild v. H o h e ü b o r Ul.
Rrankenrasseiwerband für das Grstzherzogtum Hessen.
Gießen, 25. September 1916.
Der Hess. Krankenkassen verband hielt am Samstag und Sonntag im Saale des Restaurant Fürstenhof" dahier, dessen Räume bei dieser Gelegenheit zum ersten Male benutzt wurden, seine 24. Jahresversammlung ab. Den Verhandlungen voraus ging am Samstag nachmittag eine Besichtigung des Lupus h e i'm, bei welcher Gelegenheit Professor Dr. I e s i o n c k, der die Führung übernommen hatte, sehr interessante Erläuterungen über die segensreichen Einrichtungen der Anstalt gab. Abends fand dann die Vorv eSammlung statt, zu der bereits 73 Vertreter von 'Krankenkassen aus allen Teilen des Großherzogtums erschienen waren. Da der Vorsitzende verhnwert war, erstattete das Vorstandsmitglied des Verbandes, Knoblauch-Mainz, Bericht über die Tätigkeit des Verbandes 1915/16. Dem Verband gehören zurzeit 25 Kassen an und zwar 22 Orts-, 2 Betriebs- und 1 Innungkrankenkasse. Der Verband hat lviuch im letzten Jahre eine sehr rege Tätigkeit entfaltet und sich den ihm gestellten Aufgaben in jeder Hinsicht gewachsen gezeigt- Auch die ffnanzielle Entwickelung ist gut. Die Einnahmen betrugen im Berichtsjahre 8816,45 Mark, die Ausgaben 8752,16 Mk.; das Verbandsvermögen hat sich auf 2577,12 Mk. erhöht. Dem Rechner wurde Entlastung erteilt und die Ortskrankenkasse Bensheim mit Prüfung der diesjährigen Rechnung betraut. Zur Wahl des Vorstandes des Verbandes wurde beschlossen, der Hauptversammlung vorzuschlagen, die seitherige:* Vorstandsmitglieder wiederzuwählen und als geschäftsführenbe Kasse Offenbach zu belassen. Als Ort der nächstjährigen Tagung wurde Mainz (der Gründungsort des Verbandes) gewählt.
An der am Sonntag vormittag abgehchtenen Hauptversammlung nahmen 115 Vertreter von Krankenkassen teil; außerdem waren 12 Vertreter von Behörden erschienen.
Der Vorsitzende des Verbandes, Geschäftsführer Neumann- Offenbach, begrüßte die Erschienenen nantens des Verbandes, während Bauunternehmer Abermann-Gießen die Vertreter der auswärttgen Kassen im Namen der hiesigen Ortskrankenkasse willkommen hieß. Es sprachen weiter Reg.-Rat v. Krug als Ver-
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tretet des Oberversicherungsamts Darmstadt sowie Oberbürgermeister Keller, der die Erschienenen in Gießens Mauern willkommen hieß uich den Verhandlungen einen guten Verlauf wünschte.
Nach Eintritt in die Tagesordnung hielt zunächst Professor Dr. Jesionek, hier, einen außerordentlich lehrreichen Vortrag über „Die Bekämpfung der Geschlechtskrankhei- t e n u n d die Krankenkasse n". Redner behandelte zunächst d:e Entstehung der Geschlechtskrankheiten, die Krankheitscrscheinun- gen sowie die Ansteckungsgefahren, die selbst für die Nachkommen verhängnisvoll wirken. Sachgemäße rechtzeitige Behandlung (Kranken hau spslege und Isolierung! ist sowohl im Interesse des Patienten, w:e auch zum Schutz der Allgen:einheit dringnw geboten. Abge- sehen von der Behandlung ist die Beratung der Geschlechtskrankcn und Wiedergenesene:: durch Bevatungsstellen (Hessen besitzt bereits eine solche in Gießen; weitere solle:: demnächst errichtet werden) notwendig. Die Krankenkassen haben nach Ansicht des Redners die Aufgabe, die geschlechtskranken Mitglieder den Beratungsstellen zuzuführen und zu überwachen, daß die Anordnungen der Beratungsstelle befolgt werden, sie sollen weiter durch Abhaltung von Vorträgen, Verteilung von Flugblättern usw. zur Aufklärung und Belehrung der Kassenmitglieder und Angehörigen beitragen. Zum Schlüsse empfahl der Redner noch periodische Untersuchungen der Kassenmitglieder. Im Anschluß an diesen mit großem Beifall auf- ge:wmmenen Vortrag machte Geh. Rat Dr. Die tz-Darmstadt noch interessante Ausftihrungen über die Verbreitung der Geschlechtskrankheiten, sowie über dieTä 1 igkeit der B e - ratungsstellen ftir Geschlechtskrankheiten.
Das zweite Referat der Tagung über „Die Zukunft der Deutschen Krankenkassen" hatte in Vertretung von Jüstizrat Dr. Mayer, Frankenthal, der Geschäftsführer des Haupt- verbondes Deutscher Ortskrankenkassen, Lehmann, Dresden, über:wmmen. Nach seiner Ansicht können die Krankenkassen ihre Aufgaben in Zukunft nur dann erfüllen, ivenn sie finainziell stark erhalten werden.
Dies geschieht insbesondere durch Beseitigung der Zersplitterung der Kassen, die als einheitliche große Einrichtungen durch Ausbau der Ortskrankenkassen und Anschluß der übrigen Kassen an die ersteren wesentlich ffnanzkräftiger würden. Als Mehrleistungen empfiehlt Redner, statt des erhöhten Kranke::geldes Familien- Hilfe, Kuren in Walderholungsstätten usw. einzuführen. Ebenso erscheint dem Referenten die Beibehaltung Und der weitere Ausbau der Kriegswochenhilfe auch nach dem Kriege mit Zuschüssen des Reiches ebenso wie periodische Untersuchungen der Mitglieder äußerst wünschenswert. Neben der Erhaltung der Selbstverwaltung ist eine Verbesserung der Verwaltungseinrrchttlngen anzustreben. Weitere Ausgaben stehen den Krankenkassen noch auf dem Gebiete der Mutterschaftsfürsorgc, Säuglrngsschutz, Bekämpfung der Vvlks- krankheitcn, Wohnungsfürsorge, Zahnpflege usw. bevor. Da der Krieg auf dem Gebiete der sozialen Gesetzgebung so außerordentliche. Umwälzungen hervorgerufen hat, ist nach Ansicht des Redners eine Reform der Reichsversicherungsvrdnmrg nach dem Kriege unumgänglich :wtwenbig.
Als dritter Redner der Tagung sprach Landes wohnungsin spektor Gretzschel-D armstabt über „Die brrugend- sten Aufgaben der Wo.hnungsreform nach dem Krieg e". Nach den Ausführungen des Referent ist zu befürchten, daß das Bauen iwch den: Kriege einesteils durch die.Erhöhung der Baumaterialieirpreise, andererseits durch die höheren Arbeitslöhne (infolge der teueren Lebenshaltung) wesentlich kostspieliger wird^ umsomehr, als auch mit einer Erhöhung des Zinsfußes sowie! Teurung des Grund und Bodens zu rechne:: ist. Was den Wohnungsmangel nach dem Kriege betrifft, so .ist nach Ansicht des Redners die Aufgabe des Haushaltes seitens der Witwen gefallener Kriegsteilnehmer nicht von Bedeutung, weil andererseits auch viele Kriegsgettaute sich nach dem Kriege einen eigenen Hausstand gründen. Es wird deshalb auch nach dem Kriege Mangel an kleinen Wohnungen bestehen. Um dies zu beseitigen, ist der Bau gesunder kleiner Wohnungen, wenn möglich Eigenheime, dringend notwendig. Aufgabe der Wohnungsveform ist es, die Grundstücksspekulation zu verhindern, auf Staat und Gemeinde einzuwirken, daß schon jetzt Grundstücke zur Bebauung bereit gestellt werden. Da sowohl die Sparkassen wie auch dis Landesversicherungsanstalten wohl nicht alle notwendigen Mittel zur Verfügung stellen können, muß nach Ansicht des Redners das Reich helfend eingreifen. Auch die Krankenkassen könne::, soweit
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Reiseeindrücke aus Norwegen.
Von Prof. Dr. Hermann Gunkel.
(Schluß.)
In der Kirche, d. h. der evangelischen Kirche — Katholiken und Juden gibt es kaum — herrscht im ganzen die altüberlieferte Orthodoxie, aber durch den Piettsmus erweicht. Dieser war das erste große innere Erlebnis, das dem norwegischen Volke zuteil geworden ist. Die Reformation wurde seinerzeit durch die Regierung eingefnhrt und vom Volke nicht wirklich erlebt. Neuerdings gibt es unter den Theologe:: eine freiere Richtung, die ebenso wie damals der Pietismus auA Deutschland eingeführt worden ist und die n:an etwa mit dem Kreise, der sich in Deutschland um die „Christliche Welt" sammelt, vergleichen mag. Viele Gebildeten werden von der Religion kaum mehr berührt. Für eine populäre Literatur über religiös wissenschaftliche Fragen, wie sie in Deutschland in so großem Umfange vorhanden und besonders bei den Volksschullehrern beliebt ist, gibt es dort nur die ersten Anfänge. Äußer der im ganzen fteier gerichteten Theologischen Fakultät besteht eine von privaten Mitteln besoldete orthodoxe, weniger besuchte „Gemeinde- Fakultätt', die. nicht zur Universität gehört, aber nach längerer Agitation das Recht, die Stndeitten zu pruftn, erhalten hat.
In der äußeren Politik gilt die Trenrrnng von Schweden als eine geschehene, unwiderrufliche Tatsache, die allgemein gebilligt wird: die Norweger hatten sich als ein Anhang des Nachbarreiches be- harwelt gefühlt und diese Stellung nicht ertragen. Natürlich erregt der Weltkrieg auch hier die Menschen. Selbstverständlich habe ich mir gerade in der Erörterung dieser Fragen als Gast des Landes und so vieler n:ir liebenswürdig entgegenkonrmenden Männer eine gewisse Zu- riickhaltuna auferlegt, wie denn auch meine norwegischen Freunde alles, was mich in meinem vaterländischen Gefühl hätte verletzen können, in ihrer vornehmen Weise vermieden haben. Anderseits habe ich wiederum die Erfahrung ge- Ulvcht, daß es zwischen historisch geschulten und nach Sach- iwftext strebenden Menschen gar nicht so schwer ist, sich Fragen in aller Aufrichtigkeit auszusprechen.
, Jctmwegen ist, so wurde mir immer wieder versichert, in dresem Kriege neutral und will es bleiben. Mcn: würde den Norweger nicht schwerer mißverstehen und kränken können, sE Neutralität in Zweifel stellte. Fvettrch sind Sympathien vorhanden und zum Teil
sehr kräftige. Aber sie sind sehr verschieden. Die höchst bedeutsamen Handelsbeziehungen mit England, die altüberlieferten Beziehungen zu der französischen und englischen Kultur, dazu die Gleichheit der dernokratischen Ideale und Schlagwörter machen es nicht verwunderlich, daß ein großer Teil des Volkes auf die Seite der Entente neigt. Dazu hat, was der Deutsche verstehen muß, Unser Einmarsch ist Belgien in den neutralen Ländern nicht zu Unseren Gunsten gewirkt. Auch die deutsche Aufklärungsarbeit ist, wie mir von deutscher Seite versichert wurde, nicht inrmer gerade geschickt gewesen; plumpe Karikaturen z. B. schaden mehr, als daß sie nützen. Tatsachen mag man mitteilen; aber in Urteilen soll man den Neutralen gegenüber vorsichtig sein. Selbstverteidigung nröae man unterlassen; sonst entsteht der Eindruck: die Deutschen verteidigen sich, weil sie sich im Unrecht fiihlen. Diese Stimmung für die Entente mag sich manchmal nicht ohne Hitze äußern, und die wenigen Reichsdeutschen, die die hiesige deutsche Kolonie während des Krieges zählt, sowie die vielen naturalisierten Deutschen mögen hier und da darunter zu leiden haben; ziemlich starke Beispiele dafür sind mir vertrauenswürdig erzählt worden. Auch gibt es, so hörte ich, in Norwegen Familien, die in sich so gefpalten sind, daß ihre Mitglieder über den Weltkrieg überhaupt nicht miteinander reden können. Mer das find, denke ich, Ausnahmen. Die Nortveger im gcn:zen sind ein ruhiges, besonnenes Volk, in dem die Selbstbeherrschung hoch in: Kurse steht. Jedenfalls darf ich aus eigener Erfahrung versichern, daß der dort reisende Deutsche ohne irgend welche Anfechtung durchkommt. Ueberall habe ich, auch wo ich unbekannt war, eigerttlich nur Freundlichkeiten erfahren: immer, wenn ich bei fast völliger Unkenntnis der Sprache in Verlegmiheit war, ist mir ein liebenswürdiger Mitreisender beigesprnngen. Ist doch auch die Kenntn:s der deutschen Sprache dort weit verbreitet; deutsche Literatur wird überall gelesen, und deutsche wissenschaftliche Werke bedürfen keiner Ueberfetznng. Nur ei:rmal, in Gjeilo einge- estiegen, durch die Schuld des Schafftrers ohne Platzkarte, in ich von zwei Herren einigermaßen schroff behandelt worden; daß es deshalb geschah, weil sie in mir den Deutschen treffen wollten, rnöchte ich nach meinen sonstigen Eindrücken im Lande selber nicht glauben. Und jedenfalls bin ich gewiß, daß alle vornehm denkenden Norweger ein solches Auftreten gegen einen Gast ihres Landes mißbilligt haben würden.
Nun gibt es natürlich viele Norweger, die den Druck Englands aus ihren Handel schmerzlich empfinden; und viel
leicht würbe die Entrüstung gegen England leidenschaftlich ausflammen, wenn nicht gerade England den: Lande unermeßlich viel zu verdienen gäbe und wenn nicht — die deutschen Unterseeboote wären. England, so wurde mir aus- einandergesetzt, nimmt die Kriegskonlrebande fort, aber bezahlt s:e und läßt die Schisse frei; das deutsche Unterseeboot aber versenkt die Ladung sa:nt dem Schiff. Begreiflich, daß man in Norwegen das deutsche Verfahren, so :rotwendig es für uns eben auch ist, als bei weitem härter empftndet, zumal dabei auch das Lebe:: der norwegischen Matrosen in Gefahr kam — inzwischen haben sich ja diese Dinge verändert — und da gerade der norwegische Schiffsraum so kostbar ist.
Viel stärker aber als solche Neigung für die Entente ist mir die Teilnahme, ja, die B e w u n d e r u n g für D e u t s ch- land entgegengetreten. Gewiß muß ich manches davon ab- ziehen und auf Kosten der Höflichkeit und Gastlichkeit schreiben. Aber auch so bleibt vieles, sehr vieles davon übrig. Nicht' wenige Norweger, namentlich unter den Gebildeten und besonders unter den Universitätskreisen im engeren und weiteren Sinne, vergessen nicht und können nicht vergessen, was sie Deutschland verdanken. Die gegenwärtigen Leistungen Deutschlands, das sich gegen eine Welt von Feinden unerschrocken und glücklich verteidigt, das alle Opfer und Entbehrungen ohne Murren auf sich nimmt, erregen bei vielen Bewunderung. Das ist mir unzählige Male in Worten ausgesprochen worden, die mich aufs tiefste ergriffen haben. Und wenn ich, zu erzählen aufgefordert, von dem Wenigen berichtete, was ich in engem Kreise vom Weltkrieg gesehen habe, wenn ich von unseren jungen Kriegsfreiwilligen sprach und von ihren tapferen Müttern, die sie, ohne eine Träne zu vergießen, ziehen lassen, von den edlen Herzen, die den Verlust ihres Sohnes würdig tragen, und von den kleinen Mädchen, deren kindliches Herz gcn^ für das Vaterland schlägt, die Wolle und Gold smnmeln und ihre Schokolade den Verwundeten bringen, bann kam mir das Echo entgegen, das ich nicht gewollt hatte: „Ja, die Deutschen!" Zugleich aber hatte man eine Anschauung davon, daß unsere Wissenschaft im gegenwärtigen Welk krieg mit dabei ist, daß die deutsche Wissenschaft eine WeM macht ist, daß sie dasteht „wie ein Leuchtturm über dem Meere der Nationen", — dies Bild gebrauchte der Vorsitzende der Studentenvereinigung in einer.Ansprache —: das ist mir in Norwegen in großartiger und das Herz des deutschen Forschers erhebender Weise klar geworden.


