Nr. 221
3#*tte$ Blatt
166. Jahrgang
Erscheint M-ttch mit LnSmch»»« bei Sonntag».
Die „Gtetzener ZamillentzlAtter" werden dem „Anzeiger" viermal wöchentlich beigelest, da« «Nreirdlatt fSr den Ureis tiiefeen** zweimal wöchentlich. Die ..Land«irtfchaftllche» Seit- krage«" erscheinen monatlich zweimal.
Giehener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejjen
Mittwoch. 26. September W6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universität? - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schristleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schutz
straße?. Geschäftsst-lle u.Berlag:«^ü1, Schrift» leitung: ^-E112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Rriegrbriese aus dem Wen.
Borrmujcvcm Oftheeve entsandten Kriegsberichterstatt« (Bs&tvtxfciQiez Nachdruck, such auszuMveisch verbot«.)
Russische Briese.
Im Felde, Wnsang September.
Tie Teuertung in Rußland.
Tie paar Briefstellen, die hier zusammen gestellt werden, sind aus Briefen, die man bei Gefangenen ans den wolhynischenj Kämpfen gefujnden hat. Die täglichen Sorgen ums tägliclie Bwt, Nachrichten über die Nachbarn pnd Verwandten spielen die Hauptrollen in den Briefen, die meist von einfachen Leuten für einfache Leute geschrieben sind. Eines aber kommt in ihnen zum Ausdruck, in allen fast gleichmäßig, daß Rußland einer außerordentlich großen üebensmittelknappheit imd Teuerung entgegen-, geht, zum Teil schon in ihr steht. Diese Klagen, die in allen Briefen wiederkehren, sind wie ein Chorus aus dem einfachen Volke zu der Meldung dom 3. September: „In den ireugebÜdeten Ausschuß zur Bekämpfung der Teuerung sind Vertreter des Kaukasus und Finnlands und der schon bestehenden Ausschüsse zur Bekämpfung der Teuerung auf den verschiedensten Gebieten des Wirtschaftslebens berufen worden ..."
Bei den Preisen muß man sich gegenwärtig halten, daß inj Rußland die landläufigen Lebensmittel vor dem Kriege außerordentlich billig waren, so daß Steigerungen des Fünf- und Sechsfachen des Friedenspreises ein getreten sind. Da heißt es:
„Wir haben keinen Hafer und kein Heu, sogar kein Stroh mehr. Der Preis für Mchl ist bis zu 3 Rubel pro Pud gestiegen." Aus dem Gouvernement Charkow wird geschrieben: „Man weiß nicht mehr, wie man auf der Welt leben soll. Zucker gibt es überhaupt keinen mehr." In einem Pries vont 1. März 1916: „Bei uns ist alles sehr teuer. Weißmehl kostet 4 Rubel 50 pro Pud, Roggenniehl 1 Rubel 80." 5. Mai. Dorf Fedosowa, Sibirien: „Alles ist sehr teuer. Mehl kostet 2 Rubel das Pud, und man sagt, das wäre noch billig. Fleisch ist überhaupt- ni cht zu haben." 15. Mai 1916, Charkow: „Bei ims ist alles sehr teuer. Fleisch 15 Kopeken das Pfund. Schweinefleisch 50 Kopeken, das Ei 5 Kopeken, und dabei gibt es keine. Es sind jetzt sehr schlechte Zeiten. Alles ist sehr teuer und es gibt nichts zu kaufen."
Daß eine sehr große Erhöhung der Viehpreise damit gleichzeitig eingesetzt hat, daß Pferde kaum zu erhalten sind, ist selbstverständlich: So schreibt ein Gutsbesitzer vont 22. Mai 1916:
„T i e Preise für Pferde und Kühe sind ums Dreifache gestiegen. Man bietet mir für eine Stute 175 Rubel, iür das Fohlen 80 Rubel, Pferde und Kühe sind hier nicht unter 150—300 Rubel zu haben." Immerhin ist dieser Brief noch aus einer bevorzugten Gegend, in einem anderen vom 8. Juli 1916 heißt es: „Hier haben wir keine Pferde mehr, um das Feld zu bearbeiten. Für das Einfahren der Ernte erlangen sie pro Fuhre einen Rubel und Um Dünger wegzufahren 50 Kopeken die Fuhre." Vom 17. Mai 1916: „Die Pferde sind bei uns sehr teuer. Für ein altes Pferd will man IM Riibcl. Doch haben die Nachbaren nrir abgeraten, es zu kaufen."
Fast noch mehr gestieMm sind alle industriellen Erzeugnisse. So schreibt etwa ent Armer vom 1. JUni 1916: „Ich habe Dir so wenig geschrieben, weil das Papier jetzt 3 Kopeken ein Matt kostet und ich nicht weiß, wv ich das Geld hernehmcn soll." S3öm 8 Juli: „Stofs, der früher 50 Kopien pro Arschin kostete, kostet ietzt zwei Rubel, Und der früher 20 Kopeken kostete, muß jetzt mit 60 Kopeken bezahlt werden? ..." Eine Soldatenfrau schreibt aus Wolhynien: 10. Jüli 1916. „Bei uns herrscht große Teuerung. Dazu lvird den Soldatenfrauen Von ihrer Unterstützung 60 Kopeke:! fürs Verwundetenkomitee und 1 Rubel 50 für die Pensionskasse abgezogen, so daß sie statt 30 Rubel nur 27 Rubel 90 erhalten. Für ein .Kleid, das ich früher für 15 Rubel kaufte, muß sch jetzt 35 Rubel bezahlen."
Besonders im Preise gestiegen such Stiefel und Schuhe. Ein paar Zahlen: 22. Mai 1916: „Schuhe kosten bei uns 25 Rubel Stiefel 50 Rubel. . . ." 22. Mai 1916: .„Uns geht es schlecht. Cs ist alles sehr teuer. Ich zahlte für Schuhe 14 Rubel." 23. Juni ^916: „Bei uns in der Stadt gibt es weder Stückenzucker noch -a lidzucker Was soll man .machen? Für Stiefelbesohlung habe -cf) 8 Rubel bezahlt, und dabei ist das Leder kaum mehr zu haben."
> April 1916: „Für ein Paar Stiefel zahlt man jetzt 20 Rubel, ',n -schuhe 15 Rubel. Hosenstoffe 1 Rubel 30 pro Arschin. Eine Mütze kostet 2 Rubel." .
9Rit dieser Verteuerung aller Artikel ist eine Steigerung der Arbeitslöhne verbunden. .Mer trotz der hohen Löhne ist es nicht möglich, Arbeiter überhaupt zu bekommen: die imnier neuen Em- bc- aftingen lassen ganze Berufe veröden. So heißt es in einem Brief vom 30. April aus Sotniki: „Ich habe gelesen, daß es im vergangenen Sommer mit Arbeitskräften schlecht bestellt war Aber in diesem Jahr'wird es noch viel schlimmer werden, weil Arbeitskräfte überhaupt nicht zu bekommen ' i u d. ' 9. Juni 1916: „Arbeiter sind Iper nicht unter 4 Rubel v- o Tag zu haben. Das Vieh ist sehr teuer. . . ." 14. Juni 1916: -Es sind jetzt sehr schlechte Zeiten. Es gibt keine Arbeiter.
stcht sehr schlecht, weil wir Hünen Regen haben." yy 1916: „Arbeiter sind bei uns sehr teuer. Ein Mädchen baben wir für 5 Rubel und einen Mäher für 8 Rubel gemietet. Für die ^cfijätiite zu mähen, verlangt man 25—30 Rubel, so daß man garnicht darüber Nachdenken mag!" August 1916: „Alles ist lehr teuer. Es gibt kein Schuhwerk. Kartoffeln kosten 1 Rubel 20 ^?^Arbeiter zu mieten ist unmöglich. Man befahlt ^ Zirbel pro Tag mit Beköstigung, welches jetzt sehr teuer zu stehen kommt."
^achr icht en über die Ernte sind verschieden. Im' Allgemeinen scheint sre sehr schlecht ausgefallen zu sein, mrd vom 8. Jüli mag für viele ähnliche Stellen sprechend ist bei uns sehr schlecht. Gebe Gott, daß ,mr aus den i.. seßjätinen wenigst e n s die Saat wieder ernten." Ein anderer Brief lautet: „Die Ernte bei uns ist schlecht. Das Gras steht schlechter als 1911 (das „Hungerjahr"!). Weizen gibt 40 Pud pro Deßjätine. Hafer 30 Pud, Gerste 35 Pud. 14. Junt Ü916: „Es sind .letzt sehr schlechte Zeiten. Es gibt kerne Arbeiter. Das Getreide steht sehr schlecht, weil wir gar keinen Regen haben."
^ie Zustände unter denen Rußland in einen neuen Winter- feldzug gehen will, faßt ein Brief vom 5. August kurz und entschieden zusammen:
•a , 7 ^ben ist teuer. Man kann nichts käufen. Die Ernte
nt schlecht."
Die Kämpfe <m der Front des Generals Grafen v. Bothmer und in den Karpathen.
Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatter-. tUnberechttgter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Hauptquartier der Armee Erzherzog Karl, 18. Sept.
Der Generalstabschef der österveiästsch-mngarffchen Thronsvlger- Armeen, der an allen Fronten schon in hervorragenden und entscheidenden Stellen gewirkt hat, faßte in einer Unterredung, Ae ^er mir heute gewährte, sein Urteil über die Ereignisse an der Reiherrßoont südöstlich Lemberg bis Siebenbürgen dahm zusammen, daß die Entwicklung, die zu einer engen .^rmischuna deutscher und österreichisch-ungarischen Truppen überall aus diesem ganzen Tell der Ostheere geführt habe, zu einem festen und günstigen Abschluß gekommen sei, den auch russischer Massenernsatz nicht entscheidend mehr umstoßen könne. Der Eintritt Rumäniens habe die Karpathen front verlängert, selbstverständlich aber einen irgendwie entscheidenden Einfluß auf die Lage nördlich Siebenbürgens hat das vorschnelle Marschieren der rumänischen Divisionen nicht. Mit stolzer Freude erkannte der General das schnelle Einarbeiten! der deutschen Truppen in dem für sie neuen und schwierigen Ge- birgskrieg an. Man hatte erst gemeint, daß sich die Leute, von denen viele zum erstenmal ist ihvem Leben Berge, hohe, schneebedeckte Berge sahen, nicht leicht mit den Besonderheiten des Hochgebirgskrieges absindcn würden. Sie haben sich bewährt, auch die ältesten Jahrgänge, die als Alpentruppen ausgebildet wurden.
Da es sich in den Karpathen um eine nicht überall zusammenhängende Front handelt, tverden an den einzelnen Mann besondere Anforderungen gestellt. Tie Russen sammeln Stoßgruppen von zwei bis drei Divisionen in den Tälern und greisen dann möglichst überraschend an. Tie Zwischenfvo-nten besetzen sie durch Poltiernngen ihrer Kofakentruppen, Kaukasische, Turek- und Ton-Kosaken, llsuri-Reiter aus Sibirien, abgehärtete Stämme versehen diesen Dienst. Der Kamps setzt kaum ans, dem Stoß folgt der Gegenstoß. Irgend einen Erfolg haben die Russen auch bei dem stärkeren Druck, mit dem sie ihre neue große Offensive hier begleiteten, nicht gehabt.
Eine «ttscheideirdere Bedeutung hatten die neuen Angriffe gegen die Armee Bothmer, die ans einer Front von etwa 25 Kilometer vorgestern sich verstärktes! und gestern zu außerordentlicher Heftigkeit anschwollen. An der Front zwischen Zlota-Lipa südwestlich Brzezcrny und Navajowska griffen nach starker Artillerievorbereitung 12 ruffische Divisionen an. Auch der gestern erfolgte Einsatz eines frischen, ausgeruhten und aus-gefüllten sibirischen Korps konnte die Linie nicht erschüttern. Türkische, österreichisch-ungarische, sächsische und preußische Regimenter gleichen fast jeden örtlichen russischen Erfolg durch Gegenstöße aus, so haß die am 8. bezogene Naraj-owska- Front den heißen Kampftag siegreich bestand. An 3500 Gesangenq blieben aus den Kämpfen, westlich Stanenbhen vor allem, in der Hand der siegreichen Verbündeten. Die russischen Verluste in diesen Septemberkämpfen werden aus 40 bis 50000 Mann geschätzt.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
1“? lind die Briese, die die Soldaten der russischen Arniee in bek°E-n, Tias reiche Rußland, dos an allein Uebersluh i on ©etrabe, an Vieh, an Manschen, scheint es danach in 'L den meisten Dingen schlechitec zu haben als das ^Le^^hchland. Wie diese Stimme ini Innern des .biche- mir dl- Armen wirkt, und wie man dieser Wirkung ein Brief voni 4 Juli 1916 aus denk wir - refi mo1t ™ ^ Zeitung, da st
Xi* Ur-HX iL "rhr rns Feld senden dürfen. Das wrrd ern wenig unbequem werden . .
f Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus der Zahrt zur Dobrudscha-Zront.
Telegramm unseres zum rumänischen Kriegsschauplatz entsandten Kriegsberichterstatters.
(Unberecht igt er N ach d ruck , «uh auszugsweise, verbot«.)
Im Merveichisch^mgartschen H<mpttMrrtüev.
Deutsches Kriegspresferstirrrtrer südöstlich, 18. Sept Im Verlaufe unserer Reise von Berlin nach unserem gegenwärtigen Aufenthaltsort traf unD die Nachricht dom Cnege Mackensens in der Dobrudscha im österreichisch-ourga- rischen HauptgUccrtier. Sie ist dort nrit devfeLen Freude und Genugtuung crusgerronrnren worden, wie nur irgendwo rm Kreise der unmittelbaren Kanreraden der an der Waffentat beteiligten verbündeten Heeresteile. Als wir in Budapest erntraftn, stürzten uns die Leute nrit der Freudenbotschaft, die unterdessen amtlich bekauntgegeben worden war, schon auf dem Bahnhöfe entg^en. Mrt hartem Ausdrücken gegen die verräterischen und nebenbei, wie sich irmner mehr heraus- steNt, in ihrer Kriegsführung vösllig unzivilisiertem Rumänen wurde dabei nicht gekargt. „Man sollte die Lausbuben alle himnachcm!" so rief mir ein Vorübergehender in seiner Entrüstung mrf der Straße zu. Die Stadt legte Flaggenschmuck an, und bald waren geradezu phantastische Mffern über Gefangene und Beute im Umlauf. Auf Grund zuverlässiger Mlskünfte, die mir in den letzten Tagen geworden sind, sei erwähnt, daß die Zahlen, die man sich aus Grund russischer Angaben über Verluste der verbündeten Truppen an Gefangenen bei Gelegercheit der großen Russenoffensive zusammen gerechnet hat, weit höher sind als kj e Einbuße. In Wahrheit sind nur wenig mehr
als lOO OOOj Gefangene in die Hand der Russen gerateu.
. des rumänischen Abenteuers hat man auch
un österr.-ungarisch. Hauptquartier von vornherein mit gelassenster Ruhe entgegengesehen. Der Einbruch in Siebenbürgen ließ sich indessen nicht verhindern, wenn man nicht dort auf die bloße Möglichkeit rumänischer Treulosigkeit hin dauernd größere Truppenmsssen festlegen wollte, was wohl russischen, nicht aber österreichischen und ungarischen Interessen enffprvchen hätte. Furchtbare Nachrichten über das Wü- ten der Rumänen gegen die bulgarische Bevölkerurrg der Dobrudscha seit Ausbruch des Krieges liegen im österreichischf- ungarischen Großen Hauptquartier vor. Die Rumänen haben geradezu viehisch unter der dortigen bulgarischen Bevöl- ^rung gewütet und alles getan, sie ohne Ansehen des Alters und Geschlechtes auszurotten. Die Bulgaren schlagen sich mit >er ihrem Verlangen nach Rache entsprechenden Erbitterung.
Adolf Zimmermann, Kriegsberichterstatter.
- --ilL-
Exzellenz darauf aufmerksam zu machen, daß einige offenbar mißverstandene Ausführungen, die Euere Exzellenz in öffentlichen Vortragen m Bezug aus di- Eitärijsche Sicherung unseres künftigen Kolonialbesitzes gemacht hüben, nach mir zugegangenen Nachrichten in manchen Kreisen Bedenken und Beunruhigung hervorgerufen haben.
- ^uere Exzellenz hahen seinerzeit in dem in Berlin nrrber Ersitz gehaltenen inhaltsreichen Vorträge ausgeführt, daß Deutschland unter allen Umständen «r kolonia- "..r Betätigung festhalten nrüsse, selbst für den theoretffch möglich ungunittgsten Fall, daß es uns in diesem Kriege nicht gelingen sollte, die Seeherrschaft Englands völlig zu beseitigen. Das ist eme Auffassung, der auch ich und mit mir Kolomialgesellschaft zustimmt. Ich habe meiner- lens daraus lediglich die Forderung eines unbedingten Festhaltens an unserer kolonialen Betätigung entnommen. Andere Führer haben diese Sätze aber anscheinend dahin verstanden, daß > Ajere Exzellenz die Leeherrschast Englands als etwas absolut ww dauernd GegebmreS, die eiglene (seegeltung Deutschlands aber
brttac^ten m ° 9 ld ^ Unb ^ 9etoi ^ cm Sinne auch Unnötiges
Ich bin überzeugt, daß dies eine Verkennung der Auffassung i** 1 # ^ doch, wie Euere Exzellenz der auch von der Deutsc^n Kolonialgelellschaft vertretenen Forderung einer starken Kriegsflotte stets zugestimmt haben, einer For- derung, die zwar Nicht so weit geht, an die Stelle der Seeherrschaft Englands nne Seehervschast Deutschlands zu setzen, die aber eme ausreichende Sicherung der überseeischen und * o/n a c l £* Betätigung Deutschlands verbittgen soll Angesichts der m einzelnen kolonialen .Kreisen entstandenen Beunruhigung wäre ich Euerer Exzellenz für eine den Mitgliedern der Deutschen Kolanialgesellschaft durch die „Kolonialzeitmrg" bekannt zu gebende Rückäußerung dankbar.
Mit angelegentlichen Empfehlungen Euerer Exzellenz stets ergebener Johann Albrecht
Herzog zu MecklMburg
B erlin, 2. Sept. 1916. danke ich ehrerbietigst für die gnädige Zuschrift vom 30. v. M und besteige gern, datz die von Euerer Hoheit gewonnene Auffassung meiner Ausführungen dem entspricht, ivas ich habe sagen wollen und meiner Ansicht nach auch gesagt habe. Ich teile durchaus dre Auffaffmrg Euerer Hoheit, daß Deutsch- L öu ' der Grundlage eines starken und gegen seine Feinde gesicherten Denffchen Reiches surr die friedliche urid freie Weiterentwicklung unserer Volkswirtschaft sowohl eine Flotte braucht, die unserem Handel über See die unbehinderte Betätigung auch gleichzeitig einen Kolonialbesitz, der uns möglichst unabhängig von dem Tribut an fremde Staaten macht für den Bezug derjenigen Rohprodukie, deren wisichere Bevölkerung m L<mdwirtschaft und Industrie benötigt. Also statt: entweder oder — sowohl als auch!
Der mißverstandene Teil meiner Ausführunsen war an diejenigen gerichtet, welche die wahren Uffachen der feindlichen Invasion in unsere Schutzgebiete verkennezi und deshalb lleinmüttg die deutsche >lD!oniLlpvlittk in Zukunft -ntweder ganz vern^rseil oder nur b e d i n g u n g s w e i s e wieder aufnehmen wollen. Demgegenüber stellte ich fest, daß die Gewinnung eines Kolonialreiches eme für Deutschlands Weltgeltung unbedingt notwendige Forderung sein muß.
Mit dem Ausdruck meiner auftichtigsten Berehomg
Eurer Hoheit ehrerttetisS« Solf.
Aolonialbefitz und Zeegellung.
Be rlin, 19. Sept. Die heute erscheinettde Nummer von „Deutsch-Uebersee", der Korrespondenz des Aktionsauschusses der Deutschen Kolonialgesellschaft veröffentlicht fol- gendev Briefwechsel zwischen dem Präsidenten der Deut- schen Kolonialgesellschaft Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg und Staatssekretär Dr. Solf:
Willigrad, den 30. August 1916.
Euer Exzellenz!
Angesichts der freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen der Deutschen Kolonialgesellschaft und Euerer Exzellenz schon stets, besonders aber in der für unsere Kolonien so ernsten Zeit dos Weltkrieges bestanden haben, halte ich es für meine Pflicht, Euere
Die Lage des Arbeitsmarites in Hessen im August IW.
Dir bereits im vorigen Monat gemckbete stSrkere Beroeas»» auf dem Arbettsmarkte hielt auch im Berrchtsmouat an. allen Berufen konnte eme Steigerung von Angebot und Nachfrage brachtet werdem In der Ämdwirffchaft herffchte infolge der " lbmcke Nachfrage nach Arbeitskräften, die aber nicht Besorckers rege Nachfrage »oar nach landwirtschaftlichen Taglohnern zur Bedienung der DrescAnaschme konnten die emgegangenen Anfrogeii für landwirtschaftliche Arbeiter sowie für Gärtner alle erledigt werden. Im Metallgewerbe wnnte der Nachfrage wie in den Vormonaten bei weitem nicht genügt werden. Dre sich meldenden Arbeitslosen wurden restlos mrtergebvacht. Ans Cassel wird gemeldet, daß der Geschäfts- gang in der Metallmdustrie noch rege war. Die Nachfrage nach tüchtigen Schlossern, Drehern, Schmieden überstieg das Angebot Auch wurden viel Hilfsarbeiter, wie Hobler und Bohrer, verlmrgt ^uch im Holzgewerbe machte sich eine stärkere Bewegung auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Der Geschäftsgang im Schremer- gewerbe warsehr gut In großer Anzahl wurden Schreiner auf bessere Möbel verlangt. Leider fehlte es auch hier oft an brauchbaren Arbeitskräften. Auch für Bauschremer und Anschläger war noch Arbettsgelegenl)eit vorhanden. Im Sartler- und Tapezierergewebc konnten alle Arbeitslosen untergebracht werden. Im Baugewerbe war große Nachftage nach Maurern und Zimmerleuten für Neubauten zu beobachten. Bei den Malern und Werßbmdern, Dachdeckern usw. loar reichlich Nachfrage. Mle Bewerber konnten Arbeit finden. Auch im Nahrungsmittelgewerbe x bl ri^ e i? r blc dlrbeitsuchenden günstig. Im Bäckergewerbe heckte sich Nachfrage und Angebot. Die Bekleidungsindustrie war zuftiederfftellend beschäftigt. Im Schuhmachergewerbe herrschte allenthalben noch Mangel an Arbeitskräften. Im Schneidergewerbe war es im allgemeinen ruhig. Im graphischen Geloerbe vat sich gegenüber den Bornionaten nichts geändert. Viele Geschäfte mußten sich immer noch mit beurlaubten Soldaten uswl behelfen Ungelernte Arbeiter, auch juaendliche, wurden fort- wahrend verlangt Alle Fabrikbetriebe, Kohlengeschäste usw. be- mmgen Leute, so daß erne Anzahl Aufträge nnerledigt blieben. Nach Lausbuffchen Ausgehern war laufend Nachfrage. Im Hotel- und Gaftwirtsgewecke beeinflußte das in der zweiten Momrts- halftc emgettetene Regenwetter den Arbeitsmarkt ungünstig In Kurbetrieben wurden frische Arbeitskräfte nur wenig v^langt Auf dem weiblichen Arbeitsmarkt war in allen Gruppen eine be- Medigende Zunähme der Vermittlungstättgkeit zu verzeichnen. An Dienstboten herrschte im Berichtsmonat immer noch großer Man- gel Die Mädchen suchen lieber in Fabriken, bei der Post, Eisen- vayn, L>tvatzenbahn usw. wegen des höheren Verdienstes Beschäf- Niüssen auch zu Hause die fehlenden männlichen Arbeitskräfte ersten. Den Wasch- und Putzfrauen >oar durch den Mangel an Dienstboten genügend Arbeitsgelegenheit gegeben. Großes Angebot von wecklichem Hotelpeffonal für Herbst- und VZmterkurorte war zu verzeichnen. Der Mangel an Küchen- und emsachen Hausmädchen war sehr groß. In Frankfurt a. M war die Nachträge nach gewerblichen Arbeiterinnen gestiegen Die kauftnannischc Abteüung des Arbeitsamtes Frankfuft a. M. hatte im Berichtsmvnat eineri starken Zugang sowohl an Bewerbern als auch an offenen Stellen zu verzeichnen. Die Besetznngsziffer war dementsprechend gegenüber dem Bornionate um etwa 50 Prozent hoher, trotzdem besteht noch ein Ueberangcbot von minder- besahigten kaufmännischen Arbeitskräften, während die Mchfraqe nach tüchttgen bilanzsicheren Buchhalteni und anderen Angestellten mit besonderen Kenmnissen (bezw. der Eisen- und Maschinenbranche) nicht befriedigt werden konnte.


