Kr. 21? Zweites Blatt
Erscheint lüglich mit Ausnahme des Sonntags.
166. Jahrgang
Die „Sletzener Familienblatter" werden dem
.Anzeiger" viermal wöchentlich bcigelegt. das
..Kreirbiatt ffir de» Kreis Eichen" zweimal lvöchentlich. Die ..Landwirtschastlichen Seit- jra-en" erschemen nronatlich zweimal.
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Gberhejfen
Zreitag. 15. September 1916
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schristleitung,Geschäftsstelle ».Druckerei: Schul« sttaße7.Geschäitsst-lleu.Verlag:e^51,Schrift« leitung: e^ll2. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Hessischev Landtag.
Zweite Kammer der Stände.
Darmstadt, 14. September.
Am Regierungstische: Staatsminister Dr. v. Ewald, Fi- rjcm%ntiiu)fer D'r. Bccker. Staats rat Hölzinger.
* Präsident Köhler eröffnet das wieder sehr schwach besetzte .Haus unr 9 Uhr 20 Min.
Zur Beratung kommt zuerst der Antrag Calman, Schott und Sstöpler, betr. Zuschüsse zur Anvaliden- und Angehöri* igerrrente, rn Verbrndnng mit einem Antrag Adelung, Eiß- ncrt u. Gen., betr. staatlichen Zuschuß an Gemeinden und Lteferungsverbände. Der ersterwähnte Antrag lautet: Wir beantragen: Jeder hessische Lieferungsverband, welcher den Familien der in den Dienst cingetretenen Mannschaften eine Mehrleistung über die derzeitige gesetzliche Mindestleistung gewährt, hat.Anspruch aus staatlichen Zuschuß. Der staatliche Zuschuß ist so zu bemessen^ daß den Lieferungsverbändcn aus Meichs- und Staatsmitteln zusammen mindestens die Hälfte der idäin :1. Januar 1916 entstandenen, aus Reichsmitteln nicht ge- tdeckten Aufwendungen ersetzt wird. Der Anttag Adelung-Eißnert verlangt, daß die Höhe der Rückvergütung auf Vs der von den Kreisen und Gemeinden aufgebrachten Zusatzunterstützungen festgesetzt werden m. Der Ausschuß, Berichterstatter Abg. S t ö p - l e r, hält diesen Antrag für zu weitgehend und beantragt smit 3 gegen 3 Stimmen die Ablehnung des Antrags Adclung-Eiß- ncrt und 'mit allen Stimmen die Annahme des wie folgt abgeänderten Antrags Calman:
„Die hessischen Lieferungsverbände und Gemeinden, die den Familien der im Heere steheirden Mannschaften aus Grund des Reichsgesetzc vom 28. Februar 1888 und 4. August 1914 nebst '?(b q uderungsbeftimmungen eine M e h r l e i st u n g über derzeitige gesetzliche Mindestuntersttitznng gewähren, haben Anspruch aus staatlichen. Zuschuß. Der staatliche Zuschuß ist so zu bemessen, daß den Lieferungsv erkunden und Geinleinden aus Staatsmittel^ die Halste der seit dein 1. Januar 1916 entstandenen, aus Reichsmitteln iffcht gedeckten Aufwendungen ersetzt wird."
Abg. Calman (Natl.) begründet seinen Antrag in eingehender Weise. Er weist auf die lange Geschichte hin, die der Antrag durchzumachen hatte und führt dann aus, daß die anderes Bundesstaaten zum Teil schon unserm Großherzogtuin mit der Gewährung von Zuschüssen vorangegangen seien. Diese letzteren feien eine cjauz natürliche Folge der jetzigen reichsgesetzlichen Regelung. In seinen weiteren Ausführungen weist der Redner u. a. daraus hin, daß es sich bei diesem .Anträge nicht darum, handle, neue Leistungen der Steuerzahler auszirbringen, sondern :>crß ttar die Form der Ausbringung dieser Mittel eine andere Regelung erfahren solle. Das Reich, der Staat un/6 die Gemeinden sollen doch ein einheitliches Ganzes darstellen.
Abg. Eißnert (Soz.) begründet seinen Antrag ebenfalls eingehend ünd betont, daß der Staat doch eher in der Lage sei, die nun! einmal erforderlicken Summen aufzubringen, als die Gemeinden und Lieferungsvcrbändc. Er halte mit seinen Freunden den von chm gestellten Antrag aufrecht mrd werde nur im Falle der Ablehnung für den Ausschußautrag sttmmen.
Fincorzministcr Dr. Becker führt aus, die ganze Angelegenheit gehöre eigentlich in 6m Geschäftsbereich des Ministeriums des Innern, aber die twm den beiden Vorrednern gegen das Finanzministerium gemachten Ausführungen zwingen ich: zu einer Entgegnung. Es sei nicht richtige, daß eine erhebliche Anzahl anderer Bundesstaaten. Beihilfen gewährten und etwas anderes tun, als was Hessen auch tut. Aur Preußen bildet eine Ausnahme und gehe erheblich weiter, vielleicht auch Sachsen. Bahern gewähre die Beihilfe nur nach der Höhe der Aufwmdnngen und nach der Bedürftigkeit der Gemeinden, mich Württemberg richte sich nach der Leistungsfähigkeit und Baden zahle überhaupt keine Zuschüsse, sondern gewähre nur zinslose Vorschüsse auf die Reichszuschüsse. Elsaß-Lothringen, Oldenburg, Bvaurffchweig u. a. geben überhaupt keine Zuschüsse. Es bleibt also nur iroch Preußen übrig, mit dem wir uns aber nicht vergleichen können. Wir müssen uns vielmehr zurückhalten im Hinblick auf unsere Lage. Der Staat ist nickt so leistungs- -ähig wie die Gemeinden und manche Lieferungsverbände, die we- sentlich leistungsfähiger seien. Man darf jedenfalls nicht alle Gemeinden und Lieferungsverbände nach einem Schema behandeln. Eine Unterstützung verdienen doch nur die Geisternden, die nicht leistungsfähig sind. (Die diesbezüglichen Ausführungen des Ministers finden iist Hause vielfach WiLerspruchF Es geht doch nicht au, den Genreinden in spielender Form die Gelder zu bewilligen und durch die Hilfe beit Staatskredit zu belasten. Es muß der Starke unter Umständen auch während des Krieges dem Schwachen helfen.
Der Staat hat den Gemeinden bereits 40—50 Millionen Wechselkredite verschafft und dafür gäsorgt, daß sie nicht in Schwierigkeiten gekommen sind. Da sich die Kriegslasten noch steigern und das Ende des Krieges noch nicht abzusehen ist, so werden sich auch die Lasten uiw die Größe des Maßes der Leistungen von Staat und Gemeinden erjt nach Abschluß des Krieges überblicken lassen. Die Regierung lann den Antrag des Ausschusses nicht annehmen und bittet, ab- znwarten, was sie später zur Regelung dieser Frage Vorschlägen wird.
Abg. Adelung (Soz.i Unterstützt die Ausführungen seines Fraktionssreundes Eißnert und betont dann die Ucberlastnng vieler Gemeinden. Es müsse verhindert werden, daß sich besonders schwer belastete Gemeinden geradezu verbluten. Tie Lasten müßten aus breite Schultern gerecht verteilt werden.
Abg. Calman wendet sich gegen verschiedene Ausführnngen des Finanzministers. Wenn auch eine Anzahl Bundesstaaten nicht das zetzt hier vorgeschlagene System hätten, so sei doch irgend eine andere _ Form der Unterstützung vorhanden. Ter Minister hätte nicht die Vorschläge einfach ävlehnen, fondern eine andere, gang"« bare Form empfehlen sollen.
Nach einer kurzen Entgegnung des Finanzministers Tr. Becker erklärt Abg. U l r i ch, er hätte mit den Ministern die ganze Frage noch nicht zur Regelung reis und könnte auch auf dessen Vorschläge näher zurückgreifen. Deshalb schlage er eine Zurückverweisung an den Ausschuß vor.
Es trat danach eine längere Panse ein, während der sich die Fraktionen über den letzteren Vorschlag verständigten.
Nach Wiederansnahme der Sitzung wurde auf Antrag des Abg. Tr. Weber die Angelegenheit einstimmig an den Ausschuß znrückgewiesen. Zur Beratung kommt darauf die VvrsteUung der Hess. Bauaspiranten betr. ihre Dienstverhältnisse. Hierzu ist ein Antrag Adelung, Reh und Henrich eingegangen, welcher lautet:
Die Regierung zu ersuchen: a) älsbald^edensalls schon im Laufe der Tagung, eine Abänderung des Knnststraßengesetzes vorzulegen, sowie die in Aussicht gestellte Neuorganisation der Baubehörden durchzuführen. b) dahin zu wirken, daß die Anstellung d>'r Bauaspiranten stets nach dem Dienstalter erfolgt und c'» die übermäßige Wartezeit der Bauaspiranten aus Anstellung durch entsprechende Erhöhung der Vergütung auszugleichen.
In der Aussprache beklagt Abg. Adelung (Soz.), daß die Regelung der Gehaltssrage für die Bauaspiranten noch immer wieder in der Kammer behandelt werden muß. Mg. Uebel (Ztr.i betont, daß die Zustande in den Dienstverhältnissen der Bau- aspiranten unhaltbar seien und das Vertrösten aut die kommende Reorganisation der Baubehörden endlich aufhören müsse.
Finanzminister Dr. Becker entgegnet, die Regierung könne nickt in das Gebiet der Selbstverwaltung der Gemeinden eiu.- greisen; er wäre dein Voiwedner sehr dankbar, wenn er ihm angebrn wollte, in welcher Weise die Kreise gezwungen werden könnten, sich den Wünschen der Regierung zu fügen, die doch an die Vorschriften der Verfassung gebunden sei.
Nach weiterer unwesentlicher Aussprache wird der vorstehend mitgeteilte Antrag einstimmig angenommen. Jnbe- treff der.Anträge !K ö h l e r und Dr. Osann, bett. Notstands- kredite für zurückkehrende Kriegs de iln eh m er und Reh und Genossen in gleichem Betreff wird der Ausschußantrag angenommen, die Großh. Regierung zu ersuchen, die in Aussicht gestellte Vorlage dem Hause mit tunlichster Beschleunigung zugeheü zu lassen. (
Abg. Dr. Osann (Natl.) ersucht noch besonders üm' baldigste Fertigstellung der Vorlage, worauf Minister des Innern von Hombergk erklärt, daß dies in etwa 14 Tagen der Fall sein würde.
Der Antrag Reh betreffend Errichtung einer Haltestelle am Aiuerberg bei Rainrod wird abgelehnt, die beiden Anträge der Abg. Henrich und Gen., betr. die Schaffung von Heimstätte^ für Kriegsteilnehmer und bett. die Versorgung der Hinterbliebenen! von Kriegsteilnehmern, werden der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen.
Der Antrag Calma n . betr. Milchversorgung der stillenden Mütter, Säuglinge und Kranken unter Gewährung von Zuschüssen aus Mitteln des Staats und der Genreinden wird der Regieruug zur Berücksichtigung überwiesen, desgleichen die Vorstellung des Vereins für Handlungskommis Hamburg, Maßnahmen zugunsten der heimkehrenden Kriegsteilnehmer betteffend.
Ter Anttag E a l m a u , betr. Bolksernährung, und der Antrag Henrich, betr. die Lebensmittelversorgung im Erntejahr 1916. Werden für erledigt erklärt.
Der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen werden: Ein dringlicher Antrag Adelung, betr. Höchstpreise für Gemüse,
ein dringlicher Antrag Korell - Ingelheim, bett. Höchstpreise für Obstkonserven, die Vorstellung des Kriegsausschusses für Konsumenteninteressen in Mainz, bett. Höchstpreise für Obst und Gemüse und die Vorstellung des Verbandes der deutschen Obstund Beerenweinkeltereien e. V. in Frankfurt a. M., die Heidelbeer- ernte betteffend.
Der Anttag Ulrich und Adelung, bett. Fahrradstempel wird für erledigt erklärt, der Antrag Dr. Weber und Braun, bett. die Bucheckernerte im Herbst 1916, angenommen. Vizepräsident Dr. Schmitt vertagt darauf das Haus um 12 Uhr, Morgen ftüh 9 Uhr: Fortsetzung der Berattmg.
Erhaltung der $utterernte bei ungünstiger Witterung-
Der Zeitschrift der Landwirtschaftskammer der Provinz Lchlesien entnehmen wir folgende beachtenswerte Anregung:
Es ist ein einfaches Mittel, das jedem, auch dem klwrstpw Landwirt, die Möglichkeit bietet, das für unsere Viehhaltung sv notwendige Futter unserer Wiesen und Felder zu erhalten, wenn das zur Bergung ..der Futtererntc notwendige trockene Wtzttekr vergeblich erwartet wird.
Es handelt sich um das Einsäuern des frisch gemähten Grases Man 'hebt eine Grube aus, etwa einen halben Meter ttes, je nach Belieben rund oder viereckig, dereir Wände und Sohle .sorg»« faltig geglättet werden. Dahinein fährt man das Futter, \mt es gerade ist, ganz frisch abgemäht, halbwelk oder auch schon etwas getrocknet, wie man es eben auf der Wiese liegen hat, ohne bei dem schlechten Wetter daran arbeiten zu können. Die Grube muß trocken sein. Das Firtter wird sorgfältig darin schichtenweise gepackt und recht festgetreten, damit möglichst keine Luft zwischen den einzelnen schichten bleibt. Hierzu eignen sich rnnde Gruben am besten, in denen ein Ochse, dauernd im Kreise herum geführt, das Festtreten besorgt. Tie Futtermasse kann beliebig hoch gelagert werden, 1 bis 1 Vr Meter über den oberen Rand der Grube hinaus.
Am besten eignet sich ganz ftisch gemähtes Gras, doch Sann man ohne Gefahr für die Haltbarkeit welkes und fast trockenes ebenso behandeln. Es wäre dann vielleicht gut, schichtenwinse grünes Gras mit anderm abwechselnd einzusäuern. Das ganze wird nach oben zu spitz auslaufend gepackt, also bei runden Gruben kegelförmig, bei länglichen dachförmig. Immer wieder nmß Schicht für Schicht fest- getreten werden. Der Haufen nftrd nun, so gut es geht, ach betf Oberfläche geglättet und dann ohne irgend welche Zwischenlage mit Boden ungedeckt. Hierbei gilt die Regel: Je dicker die Erdschicht, nur so besser, da sehr viel darauf ankommt, die Luft so gut wies möglich abzuschließen. Nach etwa 8 Wochen kann der Inhalt der Grube verfüttert werden, doch hält sich das Futter darin auch jahrelang. Auf Gütern, die Zuckerrüben bauen, werden ja fast überall im Herbst die Rübenblätter in dieser Weise behandelt, ebenso die von den Fabriken znrückgelieferten Schnitzel.
Die Anwendung des Verfahrens zur Rettung des Heuertrages hat der Schreiber dieser Zeilen im Jahre 1912 auf einem Gute in Schlesien mit sehr gutem Erfolg dmchgeführt. Das Futter behält den vollen Futterwert, an Masse geht nur sehr wenig verloren. Das Angenehmste daran ist, daß die Arbeit bec jeder Witterung möglich ist, und daß das so gewonnene Futter fast unbegrenzt haltbar ist. Empfehlenswert ist es, einmal angebrochene Gruben hintereinmivor zu verbrauchen. Deshalb ist die Anlage mehrerer kleiner Gruben der einer großen vorzuziehen. Das Vieh gewöhnt sich sehr schnell an dieses Futter. Man füttert zweckmäßig hinterher etwas Heu oder Stroh.
Die Regelung des verlchrs mit deutschem Tabat für die Herstellung von Zigarren, Rauch-, Rau- und Schnupftabak.
In den letzten Tagen haben unter dNitwirkmlg von Vertretern der Reichsregrerung und der Landesregierungen der am Tabakbau .besonders beteiligten Einzelstaaten Verhandlungen Mer die durch die bundesrätlichen Verordnungen über den Verkehr mft Tabak bedingten organisatorischen Einrichtungen zwischen Abordnungen der Pflanzer, Händler und Fabrikanten stattgefundien. Auf Grund von Mitteilungen über die in Deutschland vorhandenen, erfreulich großen Dabakvorräte wurde alkseftig anerkannt, daß die von der Reichsregierung verfügte Sperre der Einfuhr und die Beschlagnahme der Vorräte als im Interesse des Tabakbaues und des gesamten Tabakgewerbes ^gelegen erachtet werden müsse. Auch die Einführung von Bezugsscheinen auf der Grundlage e iner Kon - tiugentrerung, wobei keiner der in Betracht konnnenden Erwerbsl- zweige ausgeschaltet fverden soll, wubhe gu.tgeheißen. Hierdurch wird es möglich, allen beteiligten Herstellern von Tabakfabrikaten:
Moltke in der vobrudscha.
Im Jahre 1837 hat Moltke die Dobrndscha besucht. Damals stand sie noch unter türkischer Herrschaft und befand sich, seit undenklichen Zeiten völlig verwahrlost, in einem ivüstenähnlicheiE Zustande. Darin hat sich seitdem dank dem Fleiße der bulgarischen Bauern und der unermüdlichen Bemühungen des deutschen Begründers des modernen rumänischen Staates viel geändert; allein die Natur des Landes ist sich gleich geblieben, und die meisterlichen nn größten Stile entworfenen Landschaftsschilderungen, die Moltke vvic diesem merkwürdigen und jetzt so bedeutend gewordenen Landstriche entwirft, behaupten auch jetzt noch — und heute mehr als je -- ihren vollen Wert und Reiz. Sehr anschaulich zeichnet Moltke den geologischen Bau des Landes. „Das 'Gerippe der Dobrudscha wird durch ein- Sand- und Kälksteingebirge gebildet, welches bis zu einer gelvissen^ Höhe mit dem angeschwemmten Erdreich der Donau überlagert ist. tteberall zeigt der Boden dieselbe graue Masse von Sand und Lehni, welche schon durch ganz Ungarn die Ufer jenes SttoMes bilden, und viele Meilen weit findet man auch nicht den kleinsten Stein, nur so groß wie eine Linse. Dagegen! tritt in den Tälern überall Fels zutage, und je Mehr gegen Norden, je höher und schroffer ragen Felszacken aus den Spitzen der Hügel empor. JU der Gegend von Matschin bilden diese eine Reihe Berge von wahrer Mpenformatton in kleinem Maßstabe."
Wie schon bemierkt, befand sich die Dobrndscha damals in einem Zustande völliger Vernachlässigung, den Moltke folgendermaßen schildert: „Dieses ganze, wohl 200 Quadratmeilen große Land zwischen dem Meere und einem schiffbaren Sttome ist eine so trostlose Einöde, wie man sie sich nur vorstellen kann. Und ich glaube nicht, daß es 20 000 Einwohner zählt. Soweit bas ,Auge trägt, siehst du nirgends einen BaUM oder Strauch: die stark gewölbten Hügelrücken sind mit ejneln hohen, von der Sonne gelb gebrannten Grase bedeckt, welches sich unter denc Winds n-ellenförmig schaukelt: und ganze Stunden lang reitest du über diese einförmige Wüste, bevor du ein elendes Dorf ohne Bäume oder Gärten in irgend einem wasserlofen Tal entdeckst. Es ist, als ob dies belebende Element in dem lockeren Boderc versenke^ denn in den Tälern sieht inan keine Spur von dem trockenen Bett eines Backies; nur aus Brunnen wird an langen Bastseilen das kWasser aus dem« Grunde der Erde gezogen." Fesselnd . . . und lebensvoll malt Moltke daun das Tierteben der Dobrudscha: „Nachdem der Aden sch, den Menschen aus dieser Region verscheucht, scheint das Reich den Tieren anheim gefallen zu sein, dttemals habe ich sv viele und mächtige Adler gesehen, wie hier; sie waren so dreist, daß wir sie fast mit unseren Hetzpeitchen erreichen konnten, und nur ünwiUig schwangen sie sich! von ihrem Sitz
auf alten Hühncnhügeln einen Augenblick nach oben. Zahllose Völker von Rebhühnern stürzten lmrt schwirrend fast unter den Hufen unserer Pferde aus dem dürren Grase empor, wo g-ewöhu- lich ein 5>adicht sie beobachtend umkreiste. . . Große Herden von Trappen erhoben sich schwerfällig vom Boden, lvenn mir uns näherten, während lange Züge von Kranichen und ivildeu Gänsen die Lust durchschnitten. ... In den Pfützen der Donau steckten die Büffel, eben nur mit der Nase hervorragend, und Wölfen ähnliche Hunde streiften herrenlos durch das Feld. Wir ritten an einer Donauinsel vorüber, ans ivelcher Muttersttttcn weideten: als sie unseren Zug nahen sahen, fingen sie an zu wiehern, einige der Füllen stürzten sich ins Wasser, um heri'i berzuschvim.ni.en. Die Enten schrecken auf aus dem Schilf und eine .Schar wildetz Schwäne, mit schwerem Flug sich erhend, schlug Reihen von; Kreisen auf dem glatten .Spiegel des Wassers. Das Ganze glich einem Everdingschen oder Ruisdaelschen Landschaftsgemälde. Unten lan der Donau wird die Gegend überhaupt anziehender, die Inseln sind mit dichtem Weidengesträuch bewachsen, die Nebenarme des Stromes gleichen Seen und endlich erweitert sich dije Niederung M einem zehn Meilen breiten. Meere von Schilf, in welchem man große Seeschiffe eiüherziehen sieht."
In diese öde Gegenwart sah Moltke mit Bewunderung die großartigen Trünrmer einer zweitausendjährigeu Vergangenheit hineinragen. Lluch hier waren es die Röiner, die ihren Namen mit unverlöschlichen Zügen dem Erdboden eingegraben haben. Durch eine Mauer haben sie die Dobrudscha längs der Seereihe von, Karasu oder Czerncuvoda (Schwarztvasser) von ihrer Provinz Rcösien abgeschlossen. „Der doppelte, .an einigen Stellen dreifache Wall, welchen Kaiser Twjan von Czernawvda nach Küstendsche, dem alten Konstantia, am Schwarzen Meere zog, ist überall noch acht bis zehn Fuß hoch erhalten: nach außen ist der^Graben ein-' geschnitten, und nach innen liegen große, behauene Steine, welche eine mächtige Mauer gebildet zu haben scheinen: der westliche Teil dieser Berschantzung hat die Seen und das sumpfige Tal von Karasu wie einen Festungsgraben dicht vor sich, voll dem Torfe Wurlak östlich aber setzt der äußere Wall über die Talsenkung hinüber und ist überhaupt fast ohne alle Rücksicht aus das Terrain geführt; der innere südliche Wall zieht sich! in ungleichem Abstand von 100 bis 2000 Schritt hinter dem vorigen hin. Boft Entfernung zu Entfernung rückwätts findet mau die Spur der durchschnittlich 300 Schritt ins Geviert großen Caßra, deren Form und Eingänge noch vollkommen deutlich erhalten sind."
*
— Tur geni ew und der deutsch-russische Krieg. Kürzlich ist dem Weimarer Goethe-Schiller-Archiv der literarische Nachlaß Julius Rodenbergs anvertraut worden. In diesem be
finden sich auch die Tagebücher, die Rodenberg vom 18. Lebensjahr bis zu seinem Tode, nur mit einer mehrjährigen Unterbrechung, aufs sorgfältigste geführt hat. Diese Aufzeichnungen tver- den später nicht nur für den Literatursorscher eine sehr wertvolle Quelle sein. Hat doch der Herausgeber der „Deutschen Rundschau" in regstem Verkehr mit allen führenden Männern seiner Zeit in Polittk, Wissenschaft und Knnst gestanden. Tie Ungeschmiuttheit dieser ruttmen Aufzeichnungen verbietet eine vollständige Veröffentlichung in absehbarer Zeit. Denr Herausgeber des „Literarischen Echos" Tr. Ernst Heüborn aber ist es vergönnt, einen Teil dieser Schätze schon jetzt in seinem Blatte der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus der demnächst dort erscheinenden Auswahl verdient eine Eintragung vom 8. Februar 1880 besondere Beachtung, da sie einen eigenartigen aktuellen Wert l>at. Sie betrifft.einen Besuch Iwan Turgenjews, der damals auf der Höhe seines Rrchmes' stand und Rodenberg in der Redaktion der „Deutschen Rundschau" aufsuchte. Er schildert ihn wie folgt: „Er sah so distingiert aus, wie immer. Ter von schneeweißem Haar nmrahntte Kopf, so fein, recht wie ein Edelmann in seinem Betragen, dabei schamhaft errötend, fast die Augen niederschlagend, wenn von ihm selbst und seinen Mexken die Rede war." Rodenberg fährt dann fottn „Turgenjew sieht düster in die Zukunft Rußlands. Nur ein Krieg könne es retten. Er sage das mit blutendem Herzen. Nach dem Fall Sebaftvpols l-abe er vier Tage nichts genießen kömren, so weh sei ihm gewesen. Der Krieg — er trollte das Wort erst nicht aussprechen — mit Deutschland fei unvermeid- l k ch. Tann erst werde es eine Konstitution geben. Solange dieser Kaiser regiert, sei nicht daran zu denken. Er sage, die Nihilisten seien seine offenen, die Konstittrtionellen seine versteckten Feinde. Sobald sein Nachfolger aus den Thron komme, gäbe es Krieg mit Deutschlands Wende dieser sich gegen Polen, so werde er ver^ hAtnismäßig leicht sein, denrc von Polen werde Rußland sich verhältnismäßig gern trennen. Nehme der Krieg aber einen Verlauf mit Rücksicht aus die Osffeeprovrnzen, so sei gar nicht abzusehen, wie er enden loerbc. Freundlich und aufrecht ging er von uns, aber er machte doch den Eindruck tiefer, innerlicher Sorge."
— Hebbels Nibelungen am H o f t h ea t er. Nkan schreibt uns ans Wiesbaden: Im 5>oftheater gingen die bei* den ersten Teile von Hebbels „Nibelungen", „Der gehörnte Siegfried" und „Siegfrieds Tod", in Szene, welche beide seit dein Jahre 1871 hier nicht mehr aufgesührt wurden. Herr Evert schuf einen „Siegfried" von bleibender GestaltnngSttaft. Herr Legal als fteißiger und umsichtiger Spielleiter, sorgte für möglichste Abrnntumg des Ganzen, die Herren Maler Geher unft Schleim für prächtige Bühnenbilder.


