Nr. 208
Zweiter Blatt
166. Jahrgang
Erscheint täglich mit AuSnahm« deS Sonntags.
Die „Kietzener ZamilienblStter" werden dem
«Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt. das
„Nreisblatt für den Breis Stehen" zweimal »wöchentlich. Die „Landwirtschaftlichen Zeit» fragen" erscheinen monatlich zweimal.
iehener Anzeiger
General-Anzeiger für Sberheffen
vienrtag, 5 . September fyf6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchea Universitäts - Buch- und Steittdruckerei.
R. Lange, Gießen«
Schriitleitung,Geschäftsstelle r,.Druckerei: Schuf» straße 7. Gefchäftsst»lleu.Verlag:e^Aü1, Schrift» leitung: e^A I12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießer»,
llriegshrieft aus dem Westen.
Von unserm Kriegsberichterstittter.
jAuberechligter Nachdruck, auch auszugsweise, verbotrLt.)
Unser Stahllselm.
GroßesHauptquartier,im August 1916.
Das Bild des feldgrauen Helden, wie es der Heimat vorschgoebt und auf Unzähligen Zeichnungen urrd Büchertitttn zu sehett ist, ertt- sprickst nicht mehr der Wirklichkeit. Bei Beginne des Weltkrieges batten die deutschen Kämpfer mit Dienstmütze und Pickelhaube nock- ungefähr die äußerett Umrisse ihrer Heldenväter von 1870. Heute, wo der Krieg moderner und chemischer und gleichzeitig grausamer und mittelalterlicher geworden ist, als wir je zu ahnen gewagt haben, geben Gasmaske und Stahlhelm dent Soldaten in der Kamp- feszone ein ganz verändertes Aussehen, <m das sich die Vorstellun- gen ztu Hcruise und die Darstellungen der nicht aus unmittelbarer Änsck-aunirg schöpfenden Mnstlcr noch nicht gewöhnt haben. I)er Gasmaske formt niemand nachsagen, daß sie die Erscheinung des Soldaten höbe. Verpackt erinnert sie ait eine Botanisierbüchse ltrtb in Betrieb verwandelt sie den sesck-esben Jwrgen in ein glotzäugiges' Rüsseltier, bessert Lttnwandb ackert sich bei jedem Atemzuge in komischer Weise aufblähen. Dagegen ist unser Stahlhelm schlechthin schön und wohl geeignet, den Künstler zu erfreuen. Als mir !xts erste Mal vor Verduit eine Sturmtruppe auf dem Wege zum Gefecht mit den neuen Stahlhelmen über den wettergeb raunt eit Gesichtern begegnete, glaubte ich einer Schar von Rittern aus der Zeit Kaiser ^Maximilians n begegnen, aus der .Hochblüte der Waffen schm iede- knnst, wo, wie heute, die Deutschen ihre Kriegsbanner von Flandern bis zum Land Friaul trugen.
Moser Krieg, der mit einem Duell der tecksnisch höchst entwickelten Bernichtungsmitt el begonnen hat, I>at in zivei Jahren die Rumpelfoumnertt der Wafsennutseett Um- uttd umgekehrt und alles daraus hervorgesucht, was Menschen jemals im Kampfe gegeneinander verwendet haben. Das begann mit den Wurfpseilen, rvelche die französischen Flieger auf dem Vormarsche verwendet und die sie später noch auf die Ziegeldächer von Metz geschüttet haben. Ter ^Grenadier brachte seinen Rauten wieder zu wörtlicher Gültige feit und warf Handgranaten, wie bei der Belagerung von Prag. Jrwische Truppeit itn Artois schossen mit Armbrüsten, und Fran- osertin der Champagne benutzten den Flitzbogen (den in Europa zw' letzt 'die kirgisischen Hilfsvölker Rußlands gegen Napoleon I. verwendet hatten>, um kleine Explosivkörper in unsere Schützengräben zu schleudern. Als die Wurfminen an Bedeutung gewannen, kamen Ballisten und Katapulte ans, ganz ähnlich den römischen, bis die alten Belagerungsnrörser aus den Zeughäusern geholt wurden, um sehr schnttl den in immer größeren Kalibern entwickelten Präzistons- ntinentverfern Platz zn machen. Stinktöpse und Erstickungsgase kamen wieder aus, ivie sie einst die Straßburger verwendet haben, um das nnbezwingbare Raubschloß Schwaneck zur Uebexgabe zu zwingen. Eigene Miniertruppen wurden auf beiden Seiten aus Berg^- leuten gebildet, wie ehedem in den Kämpfen zwischen Venedig und den Türken. Morgenstern und Keule erwiesen sich im Grabenkampfe wieder als verwendbar. Alle halb vergessenen Trutzmittel derVer- gangenhttt wurden wieder hcrvorgesncht, tmd die notwendige Folge war^ daß man sich auch auf die Schutzmittel der Vergangenheit »vieler besann. Ziemlich «früh traben bei den Franzosen stählerne Schilde auff, die Kopf und Leib der Sturnitruppen schützen sollten. Auch die „Schildkröte"' Cäsars trat wieder in Erscheinung, nur aus Stahlplatten gebaut und mit dem Zweck, dem Pionier mit der Drahtschere -das Herankrinchen an die Drahtverhaue zu ermöglichen. Manche dieser Neuschöpfungen alter Ausrüstungsstücke haben allerdings igogen die Schrecken des Modernen Krieges nicht lange bestehen können. Dagegen hat sich allgemioin der stählerne Helm wieder bei allen ait der Westfront kämpfenden Heeren eingeHihrt.
Da wir Menschen bei allem Gestalten an überliefere Ausdrucks- sornren mehr gebunden sind, als wir uns selbst meist betvußt sind, so kann es nicht in Erstaunen setzen, daß alle Völker bei dem Ueber- tragen des Kapitels „Stahlhelm" aus der W aff engeschichte in die praktische Kttegfülnung aus alte Vorbilder zurückgegrifsen haben. Die Franzosen, die zuerst mit ihrem Stahlhelme antraten, haben eine Form aus der Entartungszeit der Eisenrüstung gewählt, einen Reiterhelm aus dem 17. Jahrhundert, die ihnen nayelag, da die französischen Feuerwehrett diesen Helm auf dem Umwege über die Ausrüstung der späteren Stadtknechte noch heute tragen. Der französische Helm ist ausdruckslos und sehr minderwertig: sein Hauptwert beruht in dem Sicherheihsgefühil, dcrZ er seinem Träger ge- Ehrt. Der englische Stahlhelm wiederholt eine Form aus der Frühentwickelung der Wehr. Es ist der „Eisenhut", wie Man ihn auf den ältesten Holzschnitten sieht und wie er als stehende Figur in die Heraldik übergegangeu ist. Bei seiner Wähl mag hauptsächlich der Gedanke möglichst einfacher und billiger Herstellung leitend gewesen sein. Er bietet überall breite Angriffsflächen, und seine Zuverlässigkeit steht im Mißverhältnis zu seinem durch eine umständliche Polsterung verMehtten Gewicht. Unser deutscher Stahlhelm lehnt sich m der Form an die sogen. „Schaltern" der Maximilianszeit an^ wo die Waffen sch m'iedekunst zu ihrer höchsten Entwickelung gediehen.
die Vereinigung von Schönheit und Ztveckmäßigkeit am vollendetsten gelungen tvar. Bei der GleichMitigkeit des Auftretens alter Formen bei Franzosen und Engländern habe ich geglaubt, daß dieses Zurück greifest auf den reifen Formensck-atz, mit dein für uns der Name des „letzten Ritters" verbunden ist, absichtlich getvesen sei. Ich bin aber eines anderen belehrt worden, als ich neulich den Erfinder unseres Stahlhelmes durch Zufall kennen lernte, der mir darüber folgendes mitgeteilt hat: Lange bevor bei Franzosen uttd Engländern ein Mensch an den Stahlhelm dachte, wurde von einem unserer namhaftesten Mediziner auf Grund seiner Erfahrungen in .Kriegslazaretten 'die Schaffung eines gepanzerten Schädel- und Nackenschutzes angeregt, u,n die im Anfänge des Krieges besonders häufigen Hirnverletzungen durch Schrapnelle und Granatsvlitter zu vermindern. Der Arzt tvatrdte sich an den nachmaligen Erfinder des Stahlhelmes, einen Hauptmann, der als Professor einer unserer technischen Hochschulen die Geschoßwirkungett auf Panzerplatten besonders studiert hat. Die Grundlage der Arbeiten, denen die zuständige militärische Stelle sofort die ttotwendige Aufmerksamkeit zuwenockt^. waren die Angaben des Arztes, aus denen hervorging, welche Teile eines besonderen Schutzes bedurften. Eine getvisse Bindung war durch das Gewicht des Helmes gegeben, der nicht zu schwer werden durfte. Dann wurde die Form! gewissermaßen technisch errechnet. Sie mußte so sein, daß sie ait jeder Stelle, wo auf die Helmwandung ein Geschoß traf, dieses möAichst zum Rikoschettieren veranlaßt wurde. Der speziftsche Widerstand der Wölbung gegen ein lEindrittgen mußte möglichst groß sein. Ein Eindellen der Oberfläche durch Schrapnell kugeln oder Granatsvlitter in bestimmter Tiefe durfte noch zu keiner Verletzung des Schadens führen. Die Polsterung mußte bequem rntd leicht, die Lüftung gut sein. Die Industrie mußte mit den vorhandenen Anlagen imstattde sein, den Helm schnell und einfach in jeder bestellten Menge herzustellen. Aus diesen Voraussetzungen wurde der Helm konstruiert. Es wtlrden damt umfangreiche Beschießungsversuche vorgenommen, deren Erfahrungen mitverwertet werden konnten. Dann, als Techniker und Mediziner zu der Ueberzeugung gekommen waren, daß die Vorbedingungen alte in möglichstem Umfange gelöst waren und daß der nun vorliegende Helm den Kämpfern int vorderen Graben den denkbar besten Schtttz gewährte, wurde der Helm tum der Heeresverwaltung ab ge nommen.
!Erst später, als die Form in der angegebenen Weise fertig- gestellt worden tvar, hat der Schöpfer des Helmes, der sich nie mit Waffengeschichte abgegeben hat. bei einem Besuche des Nürnberger Germanischen Museums betnerkt, daß sich fein Helm in der äußeren Gestalt der Maximiliansschallern näherte. Es ist immerhin bemerkenswert. daß unabhängig von einander die Genialität des heutigen Technikers und die auf jahrhundertelanger Ueberlieferung por- tvärtstastende Waffenschmiede kunst in ihrer besten Zeft diese reine schöne Zweckform gesunden haben. Der ganze Helm wirkt so stolz- ritterlich, daß er uns jetzt schon, nach kurzer Gewöhnungszeit, tute ein Sinnbild deutschen Soldatengeistes anmutet.
Im Anfänge ist er tticht allenthalben mit ungeteilter Frettde begrüßt worden. Leute, die es .gut meinten, bedauerten das Abgehen von dem Überlieferten Bilde des deutschen Kriegers. Sie waren der Ansicht, daß man den preußischen Pickel hätte beibehalten sollen, wohl ohne zu wissen, daß der Pickel aus Notwendigkeit allmählich auch von den alten Helmert im Verlaufe des Krieges verschwunden ist, die dadurch nichts weniger als stattlich mehr aussahen! Die kämpfende Truppe war für den Stahlhelm sehr dankbar und würde sich heute nicht mehr von ihm trennen wollen. Verwundete, die zurückgebracht werden, nrögen ihren Stahlhelm nicht hergeben. Das erhebliche Mehrgewicht wird dadurch ausgeglichen, daß die Lüftung vtel!besser ist, als bei dem alten Lederhelm. Und das Gefühl dey Sicherheit, das unser Stahlhelm den Sturnrtruppeit und den Kämpfern im vorderen Gräben verleiht, ist wohl begründet. Tenn er hat seit seiner Einführung etwa fündig vom hundert der Kopf-, Verletzungen verhütet und Uitzähligen durch seine feste Wölbung» das Leben, die Gesundheit, die Vernunft gerettet.
W. ScheuerMann, Kriegsberichterstatter.
Nriegsbriese aus dem Osten.
Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters.
(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Neur russische Verluste bei Swiniucht,.
Armee Linsingen, 3. Septbr.
Nach der schweren Niederlage am 1. September hielten sich die Russen am nächsten Tage Mt der angegriffenen Firant Siwiniuchp—Szelwow ruhig. Die Verluste der Russen, deren ungeheuerliche Größe überall von unseren Gräben deutlich zu beobachten war, sind inzwischen auch durch jGe- fangenenanssagen bestätigt worden. Viele Kompagnien zählen danach nur noch 20—30 Mann. So war der Ruhetag durch Erschöpfung geboten, hetrte begannen dMrn neue Angriffe, nachdem dte Artillerie vom Vormittag an die Stürme energisch vorbereitet hatte. Die Angriffsfront wurde dies
mal um ein paar Kilometer weiter itach Norden verschoben, um an anderer Stelle den Durchbruch Mt versuchen. Zwei der besten russischen Korps, ein sibirisches utrd die „eiserne Schützendivision" sind wieder eingesetzt. Es gelingt den Wellen, die vott der eigenen russischer Arttllerie ans den Grüben geschossen werden, um sie znm iteateit Angriff zn zwingen, an ein paar Stellen in mtsere Front einzndrin-, gen. In erbittertett Ncchkämpfen tverden die Eingedrrmge- nen von deutschen und österreichisch-nngarischett Truppeit restlos niedergemacht. Die Kampfwrtt der Magdeburger, Weftfalett und Ungarn ist durch das Wissert urn den neuen Feind besonders ausgestachelt, und die Sibirier und-Schützen müssen die rurnänische Hinterlist büßen. Bor den HüAln von Wojnin liegeit tausende von russischen Totert vor der Front, und in den Gräben häufen sich die Leichen, auch der heuttge russische Angriff wurde so eine sehr schwere Niederlage. Keinen Meter Graben erzwangen die urtgeheuren Opfer.
Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 5. September 16/^
Vollmilch und Magermilch.
Das deutsche Volk hat bis zmn Beginn des Weltkriegs seinen Bedarf an Molkereiprodukten nur teilivüse durch Eige^ezeugwtg gedeckt. In erheblick-em Umfange wußte diese durch Lieferungen: des Auslandes an Eiern, Butter und BttttersckMalz, .Hart- und Weichkäse, Milch und Rahm ergänzt werden. Für die letzteren betdett Produkte beispielsweise betrug die Mehreinfuhr int Jahre 1909, wie^Stutzer in Hehls Handbtick) der .Hvgiene angibt, 324 901 bzw. 135 797 Doppelzentner. Auck) wenit die ilckättdische Prvdttktton sich auf gleicher Höhe wie in Friedenszeiten erhaltett hätte, müßte das deutsche Volk also seinen Verbrauch an Milch und Rahm! um deit angegebenen Betrag einschränken, der ihm durch die Sperrung unserer Grenzen vorenthalten bleibt. Mer auch auf die Milch- gelvinnung im eigenen Lande ist der Krieg nicht ohne Einfluß geblieben. Machten sich seine Rückwirkungen auch in den erstert Kriegsmonaten noch tüeiuger bemerkbar, so mußten viele Meiereien doch im Lause der J-ahre 1915 und 1916 erl>ebltche Rückgänge der Milchanlieferungett (bis zu 50 Prozent imd darüber^ verzeichnen, die daraus zurückzusühreu sind, daß. die Viehbesitzer sich im -ersten Winter nicht mit genügenden Mengen von Kraftfutter versehen hatten. Aus der so bewirkten Vernnnderung der verfügbaren Milchmengen ergibt sich einerseits die Notwendigkeit, die Bevölkeruitg zu sorgfälttger Sparsamkeit nrit diesent kostbar gewordenen Nahrungsmittel zu ermahnen, andererseits die Wichtrg- keit, für erhöhte Milchprodnklion und möglichst angemessene Verteilung des Vorrats zu sorgen.
Um -die Verbraucher zur Sparsamkeit zu erziehen, haben manche Meiereien eine Staffelung der Milchpverse eingeführt, so daß der zweite Liter um einige Pfennige teurer als "der erste, der dritte abermals höher als der zioeite, und so sott, berechnet wird. Wtchttg ist auch eine erhöhte Sorgfalt in der Aufbewahrung der Mtlch, 'unt diese vor dem Verderben zu schützen. Am bestett dienen diesem Zweck Geschirre aus Porzellan, Steingut Und verzinntem Eisenblech. Sauberkeit bildet aber eine Hauptforderuntz, für die gesicherte Aufbetvahrung der MÄch, die ferner einen KU und geruchlos gehaltenen Raum ersvibert. Milchknapphett bedeutet immer eine vergrößerte Gefahr für das Publikum, mit versÄfchter Ware bedient zu werden. Daher ntttß eine verschärfte Konttvlle die Verbraucher vor solcher liebervorteitung schützen. Ein Verstoß gegen das Nahrungsmittelgesetz liegt beispielsweise vor, ivenn ganz oder teilweise enttahmte Milch als „Bollnftlch" verkänst wird. Denn unter dieser Bezeichnung versteht das Publikuiu Milch in ihrer unveräwderteit, nattirlichen Beschaffenheit, die weder entrahmt worden, noch durch Zusatz von enttaHutter Milch in ihrer Zusanttnensetzung beeinträchtigt worden ist. Ihre Reinheit und llnverfälschtheit ist besonders für die .Kittderevttähruttg von größter hygienischer Bedeutung. Vollmilch >oird dtrrch ihre vott dem.Fettgehalt herrühvende schwachgelbliche Farbe gekennzeichnet ivährend die ttach Entfernung des Rahnts zurückbleibende Magermilch schwachbläulich aUssieht. Magermilch ist nahezu fettfrei, wenn sie mittels der Zentrifuge entrahmt wurde, sie enthält ttoch 0,1—0^ Prozent Fett, wenn der nach 24 stündigem Stehett gebildete Rahm nur mittels eines Löffels entfernt worden ist. Außerdem bietet sie etwa 3,5 Prozent Stickstofffubstanz, 4,75 Prozent Kohlehydrate und 0,7 Prozent Salze. Ihr Stickstoffgehalt empfiehlt ihre Verwertung besonders als Zugabe zu solchen Nahrungsnutteln, welchen dieser abgeht, ivas beispielsweise bei den stärkeveichen' zu- trifft. Die Verdaulichkeit der Magermilch ist die gleiche !vie die der Vollmilch. Ein Kilogranrm von ersterer hat 375 Reinkalorien, also etwgs Mehr als die Hälfte der letzteren. Die Magermilch ist daher als Nahrungsmittel durchaus uicht zu uttterschätzen/ auch haben die ErnährUngsphysiologett ihre Verwendung bereits vor
Zchiklers „Zungfrau" in LiSe.
Die Festspiele des Stuttgatter Hoftheaters im Deutschen Theater
zu Lille.
Aus 'Lille wird uns gcischriebeu: Nicht nur eine künstlerische Großtat allein, sondern zugleich auch eine kulturgeschichttiche Begebenheit ist es, die das Stuttgarter Hoftheater durch seine am 27. August begonnetten Schiller-Festspiele in Lille verwirklicht hat. „Nichtswürdig ist die dLation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre", so erklang es von der Buhlte herab, die auf französischem Boden steht, aber statt welsck-er Dalmiware die edelsten Erzeugnisse deutscher Geisteskultur ausstrahlt. Unsere Feldgrauen, die.„dicht an dicht gedränget" die weiten Räume des Theaters füllten, haben der „Jungfrau, von Orleans", dem uttvergänglichen LLerke unseres Schiller, in ttaiver Begeisterung zugeinbelt. Hart nebett dem Sittlichen uttd Geschichtlichen erhebt sich in dem Schillerschen Dvama die Gegenwart, der der Dichter mit dem prophettschen Blick des Genius entgegengeeilt ist. Denn seine Worte sind es, die zn uns sprechen, tverm er durch deit Mund der Wnigin Jsabeatt die Engländer als „armsel'ge Gleisner" bezeichnet, die sich selbst und die Welt belügett! Die in beutelüstertter Ländevgier ihre ,,RäuberlKnde" nach überall hin ausstrecken! Uttd wie ein Hohn auf das ..Bündnis" zwischen Frankreich und England klingt es, wenn der englische .Heerführer Lionel der Johantia entgegenschleudett: „Tieuit ewig bleibt es wahr: französisch Blut und etrglisch kann sich redlich tue ver- nttschen," tvormtf Johatma ihm im letzten Akt die Antwort nickst schuldig bleibt: „Du bist der Feind mir. der verhaßte meines Volkes!" Es ivar bezeichnend, zu sehen, mit welcher ruhigen, beinahe philosophischen Gelassenheit diese an Englands Adresse gerichteten Worte vorr uttseren Feldgraueit aufqenommen wurden. Es sind Männer der Tat, die zu Füßen des detttschen Dichters saßen und das Gejohle, mit dem man in Poris und London die gegen uns gerichteten Jnvektiven auf der Bühne zu begleiten pflegt, verschmähen. Die Darstellung durch die Mitglieder des Stuttgatter Hoftheaters war in allen 'Farben so fein abgetönt, daß eine Meister- leiftung erslattd. Vor allem schuf Sofie Regler eine Johanna, die den feldgraueit Zuschauern unvergeßlich bleiben wird. Neben der ^vllletlsstarken Hittaebuna des Wleibes an sein Volk, sein Vaterland
ivußte die Künstlerin durch ihr natürliches Spiel d e u tragischen Eindruck zu vertiefen, daß der Inhalt das Gefäß zertrümntern muß, daß dieses Wesen dem Tode geweiht ist. Nebett dieser Künstlerin behaupteten sich Raoul Aslan als Dauphin, Egnront Richter als Dunois, Roderich A r n d t als Lionel, sowie die Damen Ottilie G e r h ä u se r als Jsabcau und Elsa P f e i s f e r als Agnes Sorel mit bestem Gelingat. Egmont Richter hatte als Spielleiter eine schwere Arbeit vor sich, denn der große Apparat, der — itatürlich fechgxauen — Stcttisterie erforderte eine starke Hand. Aber es klappte alles wie daheint alt einer großen Bühne, lind die von den beiden Hauskünstlern des Deutschen Theaters, dem Unteroffizier W a r m b r tt n it und dem Wehrmann O l b e r tz eingerichteten Bühnenbilder würden den Stolz manchen deutschen Bühnenleiters erregen. Nicht ettdettwollender Beifall unserer Feldgrauen lohnte die herrliche Vorstellung, in die von der nahen Front her manchesmal der Geschützdonner hineinklang. F. A.
— Leipziger Erstaufführungen. Aus Leipzig wird uns geschriebett: Im Alten Theater sah man Heinrich Jlgensteins neues Lustspiel „Der Herr von oben". Ein junger gelehrter Sortderling, der Verfasser eines Buches „Los vom Gelde" wird zum Märtyrer seiner Lehre und ist fanattsch genug, eine von ihm herzlich geliebte Wttlve wegen ihrer Rtillionetrlast nicht zu lieiratett. Bis eine vor gespiegelte Pleite dieses Hemmnis aus dem' Wege räumt und zugleich die ubrigeit mitgiftlustigen Freier Vertreibt. Tus mit brauchbaren (Lchwanksituatimten arbeitende, streckenweise etwas dürftige Lustspiel wurde flott gespielt und hatte einen PublökuMserchlg. Das Schauspielhaus erzielte totfit dem irrtümlich Lustspitt getauftetr Schwank „H e r z l i ch Willkommen" lebhafte Heüerkttt. Die Herren Neal und Ferner zeigen mit soviel Geschick, wie es Möglich ist, daß Fabrikant Kajetait Reblaus nach 20 Jahren plöAich etttdeckte. daß er beretts evten jungen Studenten zuM Sohne hat. Reblaus und Gemahlin gesteheit sich beide je eine Jugendsüttde, die ober, schließlich doch nur eine ist. Tie psychologischen Zumutungen sieht man dem fröhlichen Schwanke nach, für deit Anton Franck als Gast und ttne Behaaen strömende Aufführung das Ihre taten. Das
£>t ädttsche Schauspiel brachte zur Gvethe-Ftter ant 28. August eine voit Geheimrat Marter ft eig übeiuns stim- mmtgsttoll inszeniette Neuanfft'ihrnng des „Torg ti a t o Ta sso" m der die Titelrolle von Kurt Stiel er psychologisch ttesflich etttNnckelt itmd mit bedeutender darstellerischer Kraft verWrpett wurde. Dr. F. S.
P Marbur g, 4. Sept. Die auf Veranlasftmg des H e ss i - Ich an, Geschichtsvereins im vorigen Jahre von Professor Dr. Georg Wolfs aus Frankfurt begonttene Untersuchung der vor ges chichtflt-cheü Besiedlung unserer (^getrd» dte durch die Aufdeckung von Brandgräbern aus der Hallstattzttt, neoltthrschen Wohngruben, Bwnzefmtdett, FeststelluuI von Ver- fchanzungen usw. so reiche Ergebnisse zeitigte, ist jetzt von dent Gttehtten wieder ausget tonritt ent wotidett. Jit detnselben Unter- suchungsgebtet, nämlich in den Lahnbergen in der Nähe des ^raneirbergs und an den Hängest nach dem Ebsdorfer Grund tmd anderen Stellen wnttdett weitere Gräberfelder aus der Bnmzezett freigelegt und Fundstücke zutage gefördert, die deit Bewets erbrrttgen, daß diese Gebiete eine frühe Besiedlung lxtttert.
~~ ttrtnd eines vorgeschichtlichen Schädels i in Schützengraben. Die Sammlung des Königlichett Chirurgett- kollegmms in London ist jüngst bnrcl) einett eigenttmtlichen, beim Herstellen etttes Schützengrabens geglückten Fund bereichett »vor- ^n. Es handelt sich um einett etwa 3000 Jahre allett, aus detu Brouzezettalter stammenden SckKdel etttes brittschen Kriegers: dte „Tunes", die darüber berichtet, gibt freilich tticht beit Fundort ait Merkwürdig ist der Schädel, tvttl er eine schwere, iedock zum Deck verstellte Knochenwunde austoeist. Es l-andelt sich unt ein L>och von erheblicher Ausdehntmg über dem linkett Brauenbogen, das offettbar durch einen Keulettichlag entstandeit ist. Die Wunde war außerordentlich sckzoyer, allem der Krieger ist au ihr tticht ge- stowen, wie man aus den Rändern des Loches ablesen kann- sie sttrd zum Tejil nicht weilir rault tmd splittrig, sondern geglättet, woraus zu schließen ist, daß der Heilvorgang sich lcntqere Zett hindurch ttngestött entwickeln kottntr
Die deutschen Studentinnen. Ju deit 22 Hut* der m taten des Deutschen Reiches besandeu sich in diesem Lwmmer ^466 gegen 3900 Studerttinnen ritt 1. Kriegssemester


