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166. Jahrgang
Erscheint täglich mir ÄuLnatznre des So»ulLagS.
Die ^chtetzeaer werden dem
„Smoger* di «mol luodjcjultd) keig-elegt. bas „KrmWflil für öea Kreis Ziehen" zweimal wöcharttich. Die .^Lav-wirtschaftlichev Sylt- fragEA" erscheinen inonaUich zweimal.
General-Anzeiger für Oberhejjen
Menr-ag, 25. Zuli Mb
Ratatiotisdruck und Verlass der Brnhl'jche» Unioersitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange. Gießen.
SchiiMettung.GsjchästSslelleu.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:S^-51,Schrift» leilung: 12. 2ldreffe für Drahknachrichteru
Anzeiger Gießen.
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Zrachtuttundenstesupel.
Am 1. August ds. Js. treten wichtige Aenderungen der Bestimmungen des ReichsstempelgesetzeS hinsichtlich der Stemvelpflicht der Eisenbahnfracktturkunden in Kraft. Während gegenwärtig nur Frachtmckunden über Wagenladungen der Stempelpslicht unterliegen, sind künftig gnch! solche über Sttickgitt- Fracht- und Eil- stückgut), sonne Expreßgut- und Eisenbalmpaketsendnngen. für die ohne Unterschied- ii(rd> der Höhe der Fracht ein fester Stempel ergaben wird, stempelpslichtig. Gepäckscheine über ausgegebenes Reisegepäck sind dagegen nicht stemvelprlichtig. Der Stempel für Wagenladungen ist erhöht, jedoch, in der Berechnung vereinfacht. Eine Berechnung des Stempels nach dem Ladegewicht und Frachtsatz für 10 Tonnen entfällt: entscheidend ist lediglich der Betrag der Fracht bis oder über 25 Mark. Ob ber Stempel Tür Stückgut oder für Wagenladungen^ zu berechnen ist, richtet sich nach der Frachtberachnung. Die Stempelsätze betragen für Frachtstückgut. Expreßgut und Ersenbabnpakete 10 Pfg., für Eilstückgut 20 Pfg„ für Frachtgut in Wagealandngen: bei einem Frachtl>etrage von nicht mehr als' 25 Mark 1,00 Mark, bei höheren Beträgen 2,00 ?)?!., Eilgut in Wagenladungen: bei einem Frachtbetrage von nicht mehr als! 25 Mart 1,50 Mark, bei höheren Beträgen 3,00 Mark. Tie Steuersätze für Wagenladungen ermäßigen sich, aus die Hälfte, wenn das Ladegewicht des Wagens weniger als 10 Tonnen beträgt.
Atempelsrci sind: Urkunden über Sendungen, die frachtfrei zu ^fördern sind, Urkunden über die Beförderung von frischer Milcht soweit sie nicht in Wagenladungen erfolgt, und Urkunden über Durchfuhrsendungen im internationalen Verkehr.
DupWate, weitere Ausfertigungen, Abschriften der Fracht- urkimden unterliegen dern Stempel nicht.
Der Sammelverkehr der Spediteure unterliegt einer besonderen Stempelabgabe, die nicht durch die Eisenbahn erhoben wird. Ter Frachturtundenstentpel der Eisenbahn wird jedoch auch für Sammelladungen berechnet.
Der Stempel wird enrtichtet durch Bennen düng von Frachit- ustknnden mit eingedrucktem Stempel oder durch Aufkleben von Reicksstempelmarken ans der Urkunde. Tie Stempelmarken lauten aus Steuerbeträge von 10, 20, 75 Pfg., l, l 1 /*, 2 und 3 M'k.. die gestempelten Vordrucke für Frachtbriefe lauten aus Stener- beträge von 10 und 20 Pfg., die für Eisenbahlipaketadressep auf 10 Psg. Bei Wagenladungen wird, wie bisher, der Stempel von der Versand- oder Empfangsstation verwendet: dagegen ist bei S t ückgu t (sowohl Fracht - wie E il stück gut), Expreßgut- und Ei senba hn pa ketsendu ngen der Absender verpflichtet, auf die Frachtbriefe und Ei senba hn --> vaketaDressen die Stempelmarke in dem vorgeschriebenen Betrage selbst a uf zuklebe n, sofern er nicht Frachtbriefe oder Paketadress en mit ein- gedrucktem Stempel verwendet. Tie Stempelmarke muß an der für den Annohmestempel bestimmten Stelle llinks unten m der Rechrmngsfeite des Frachtbriefes^ aufgeklebt sein. Tie Absender müssen daher in Zirkunst sich die Stempelnrarken von 10 und 20 Pfg.. 'oder die entsprechenden Vordrucke mit eingedrucktem- Stempel vorher besorgen. Diese Werte werden bei den Güter-, Eilgut- und Gepäckabfertigungen verkauft. Zur Vermeidung von Zurückweisung der Frachtbriefe wird den «Auflieferern dringend empfohlen, die vorstehenden Bestimmungen zu beachten.
Vlifyere Auskunft erteilen die .Absertigungsstellen,
Aenderungen der Reichsverficherungsordnung.
^Das Gesetz betreftend Renten in der Jnvalideuverficherung. vom 12. Juni 1016 enthält einige grundlegende Aenderungen.der Reichs- oersicherungsordnung, die rür weitere Kreise von Interesse sind. So bringt das neue Gesetz die in letzter Zeit immer nachdrücklicher geforderte Herabsetzung der Altersgrenze für die Altersrente aus das vollendete 65. Lebensjahr, sieben der volkstümlichen Herabsetzung der Altersgrenze' für die Altersrente vom 70. auf das 65. Lebensjahr sieht das Gesetz noch eine Berbessernng der Waisenbezüge vor, die zwar zurzeit noch nicht von größerer Bedeutung, nach längerer Versicherungsdauer aber für die Versorgung einer größeren Anzahl von Waisen von wirtschaftlichem Werte ist. Jn- rolge Erweiterung der gesetzlichen Leistungen ist auch eine Erhöhung der Versicherungsbeiträge notwendig geworden. Die Wochenbeiträge wurden daher um 2 Pfg. erhöht und
in Lohnklasse I auf 18 Pfg.
„ „ H „ 26 Psg.
„ „ IH „ 34 Pfg.
„ „ IV „ 42 Psg.
„ V „ 50 Pfg.
festg^tzt. Als Tag des Inkrafttretens der Vorschriften über die Altersrente und die Waisenrente ist der 1. Januar 1916 bestimntt worden. Die neuen Beiträge dagegen sind erst vom 1. Januar 1917 ab zu entrichten.
Mut und Gottvertrauen.
Aus dem Osten geht uns folgender Brief zu. den wir als ein Beispiel des Mutes und Gottvertrauens unserer braven Truppen der Leserschaft nicht vorenthalten möchten.
Aus Posten, am 1. Juli 1916.
Dunkel die Nacht. Fast Totenstille um mich her, nur leise säuselt der Wind, als wollte er für die schon gefallenen Kämpfer zu Gott bitten, damit er sie in Gnaden aufnimmt. Indem ich noch in diese Gedanken vertieft, fallen einige Gewehrschüsse.» Eine feindliche Patrouille scheint sich unseren Gräben zu nähern. Schon werfen einige Leuchtkugeln ihren Hellen Schein in das Gelände. Der Feind ist erkannt und es fallen die Schüsse hinüber und' herüber. Nach kurzem Kampfe zieht sich der Feind zurück und alles kommt wieder zur Ruhe. Doch horch! Was ist das? Rechts fangen die Geschütze schon wieder an, ihre eherne Sprache zu reden. Es ist der Feind. Dumps rollen die Geschosse durch die Luft und ihr Einschlag macht die Erde erzittern. Immer stärker fallen die Einschläge auf unsere Gräben. Wir haben uns in die gegen Ar- tillerieseuer fast sicheren Stollen begeben, bis auf die Posten, die aus ihren Plätzen ausharren müssen. Das Artilleriefcuer hat sich bis zur Höchstleistung gesteigert. Tod und Verderben bringend fallen noch immer die Geschosse aus unsere Gräben. Ta aus einmal eine Pause! Der Feind verlegt sein Feuer aus unsere rückf wärtigen Verbindungen und in demselben Moment stürmen feindliche Massen gegen unsere Gräben vor, eine Linie nach der andern. Was soll dies werden? Doch rvir sind zur Stelle! Sobald der Feind das Feuer verlegt hat, springt jeder an seinen Posten. Schon stiegen die Leuchtkugeln in Hülle und Fülle, fast kein Fleckchen Erde, wo nran den Feind nicht sehen kann. Es fallen die ersten Schüsse dem anstürmenden Feinde entgegen, doch todesmutig stürzt er vor, da . setzen die Maschinengewehre ein und es gibt ein Rattern und Schießen, das einem säst den Atem nimmt. Unsere Artillerie setzt ein. Furchtbar lichten sich die Reihen des Feindes, schon wälzen sich hunderte in ihrem Blute,' doch immer neue Massen führt er heran und immer mehr hänfen sich die Leichen. Doch standhaft halten ivir fest und als er sieht, daß sein Spiel verloren, da flutet der Rest zurück in seine Gräben. Das Artilleriefcuer läßt langsam nach. Wieder ist ein Angriff abgeschlagen. Viermal hat er es heute versucht, viermal ist es ihm nicht gelungen. Unsere Mauer konnte er nicht zum Wanken bringen.
*
Am 4. Juli 1916.
Wir sind in vorderster Stellung. Heute nacht haben die Russen unsere Gräben rechts und links von uns schwer mit Artillerie- feuer belegt. Ein Infanterie-Angriff kam durch unser Artillerie- feuer und die gute Beobachtung unserer Infanterie links nicht zustande. Dagegen rechts wird um die Mittagszeit noch gekämpft. Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Ob die Russen etwas erringen? Ich hofft nicht! Links war der Kampf um 3 Uhr morgens soweit beendet, bis auf weniges Artillericfener. Weil wir die Nacht keine Ruhe hatten, vielmehr nur wenig, so begann der ArbeitÄnenst u'ml 9 Uhr. Ich hatte bis 11 Uhr am Stollen gearbeitet und kam dann die Ablösung. Um 1 L ,2 Uhr gab es zu essen und um 2 Uhr sollten wir wieder ablösen. Doch ich mußte ans Posten nach einem im Bau begriffenen Unterstand, der zirka eine Viertelstunde hinter unserer Stellung liegt. Dort hotten wir für die Zeit des Nachmittags und nachts, wenn die Arbeit rutzä und keiner da ist, das Material zu bewachen. Wir konnten es uns beguem machen. Nachdem mir die Instruktion niitgeteilt und ich die erste Nummer des Postens abgelöst hatte, habe ich mir die zu bewachenden Gegenstände angesehen. Ich finde alEs in Ordnung! Als dies geschehen, sck>aue ich mir die Umgebung an. Kein Schuß fällt! Ein Bild des Friedens. Vor mir der Unterstand, noch unfertig dastehend, doch man sieht, was es roerden soll. Er wird für den Stab des Bataillons eingerichtet. Halb rechts die
Trümmer der Kirche und Umfassungsmauer des Kirchhofs, einige Sträucher und mehrere Kreuze für unsere für das Vaterland gefallene Kameraden schmücken den Rest des Platzes. Weiter rechts mid lenks einige Baumgruppcn und man sieht noch die Reste der Trümmer des zerschossenen Ortes. Schon hat die Barmherzigkeit nnieres Gottes sie mtt dem Mantel ber. Liebe verdeckt, indem er fast alles in das grüne Kleid des Frühlings gekleidet bat. Er wollte uns sich^nicht jedesmal, wenn man daher kommt, die ganze Schrvere des Krieges vor Augen führen. Ein gütiger Gott. Und hinter mir? Dre Birkenwäldchen mit ihren roeißen Stämmen und den schönen Laubkronen, im Vordergrund die Wiesen mit ihrem saftigen grünen Gras. Gerade sehe ich eine ganze Menge Soldaten, in Hemdsärmeln, wie sie ihre Sensen wetzen und das Gras nmmäl-en, damit cs für den Bedarf unseres Viclws als Heu verwendet roerden kann. Einige Pferde gehen auf der Weide, auch einige Leute mtt Fuhrwerk, beschäftigt mit Futterholen. Schaue ich rveiter zurück, da steht unser Fesselballon majestätisch hoch in den Lüften, um die Bewegungen des Feindes zu beobachten. Links vor mir stehen die Kornfelder in schönster Blüte und ragen ihre Ael-ren empor, als wollten sie sagen: Hier, Kamerad, schau hin, noch läßt Gott uns wachsen, doch wenn die Zeit der Reise kommt, dann sammelt unsere Aehren und bereitet Brot daraus, denn Gott hat uns in eure ' Hand gegeben, damit ihr nicht, wie die Feinde es Vorhaben, verhungern sollt. Er hat euch von Sieg zu Sieg geführt, bis weit in Feindesland. Er-war mit euch und wird auch weiter helfen, darum nehmt uns und danket ihm dafür. Ueber mir der Himmel, halb mit Wolken bedeckt, es weht ein leiser Wind und die Sonne sendet ihre Strahlen, als wollte sie sagen: Auch ich gebe mein Licht und meine Wärme, damit alles, was hier steht, gedeihe. Und in den Lüften, da trillert die Lerche und singt ein Loblied dem Herrn,.als wollte sie ihm danken, für alle Wohltaten, die er^nns gegeben. Ein schoneZ Bild. Doch, schon schallen wieder die' Töne des verheerenden Elementes, der Geschütze, herüber und hinüber, (auch einige Gewehrschüsse höre ich fallen) als wollten sie sagen: Seid auf der Hut! Ja wir sind cs! Sie können keinen Deutschen mehr schrecken, haben wir doch das Vertrauen aus Gott und unsere gerechte Sache. Unser Kaiser hat uns gerufen, um einzustehen für das, was Gott uns gegeben. Und rvir werden unseren Schwur halten. Treue unserem Gotte, unserem Kaiser 'und Batcrlande. Ja wir werden durchhalten und kämpfen bis zu einem für unser deutsches Vaterland siegreichen und ehrenvollen Frieden. Das walte Gott.
Eingesandt.
(Für Form und Inhalt aller unter dieser Rubrik stehenden Artikel übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)
Anßcrhefsisches Obst!
Wo bleibt das hessische Obst? Als die Höchstpreise kamen, verschwanden mit einem Schlag die Kirschen und blieben verschwunden. Jetzt plötzlich vertäust man sie wieder, aber weit über den Höchstpreisen. Man fragt sich erstaunt: wie ist das möglich?
— Einiache Lösung: es ist „a u ß e r h e s s i s ch e s" Obst. Mo bleibt aber das h esl is ch e?
Lindenblütentee.
In der Löberstraße und in manchen Anlagen stehen die Linden in herrlichster Blüte. Könnten nicht einmal ein paar Klassen älterer Knaben unter ^Aussicht ihrer Lehrer hier Ernte halten? Ans den anliegenden Häusern sind sicher Leitern zu haben, denn jeder wird sich freuen, wenn die nützlichen Blüten zur Streckung unserer Tee- Vorräte in Apotheke und Haushalt wandern.
Märkte.
Gießen, 2b. Juli. Marktbericht. Auf dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter das Psd. 1,90-0,00, Hühnereier das Stück 20-00 Pfg., Käse das Stück 10—00 Pfg., Käsematte 1 Stück 3-0 Pfg., Kartoffeln der Zentner 6,00 bis 0,00 Mark, Milch das Liter 30 Pfg., Spinat 00—00Pig. das Pfd., Gelberüben 20 Pfg. das Päckchen, Rosenkohl 00—00 Pfg. das Pfd., rote Rüben 20 Pfg., Zwiebeln das Pfund 00-00 Pfg., Nüsse 100 Stück 00-00 Pfg., Blumenkohl 30—60 Pfennig, Sellerie 10-40 Pfennig das Stück, Kopfsalat 5—10 Pfg. das Stück, Kohlraben 10—15 Pfg., Römisch Kohl 12 15 Psg. das Päckchen, Lauch 5—10 Pfennig das Stück, Erbsen 30—35 Pfg. das Psd., Johannisbeeren 33 Pfg. das Pfd. Stachelbeeren das Pfund 28 Pfg., Heidelbeeren 28 Pfg. das Pfund.
— Marktzett von 7 bis 1 Uhr»
Uunst «nS
— Der „bühnennn kundige P a mphl e tift". Der bekannteste moderne Dramatiker Englands Bernard Shaw, der am 26. Juli 60 Jahre alt wird, ist auch heute sür uns eine interessante Erscheinung, die gerade inmitten unseres Prakttschen und geisttgen Krieges gegen England Beachtung verdient, llr- 'prüngftch wurde Shaw in Deutschland und Oesterreich durch die witzige Dialektik seiner Gesellschaftskomödien bekannt, denen man bei uns mit viel mehr Verständnis und besserem Urteil begegnete als in England selbst. Damals interessierten uns an Shaw nur seiire Stücke, die ans unseren Bühnen mit großern Erfolg gegeben wurden. Heute ist unser Blick in anderer Richtung geschärft.^ wir sehen in Shaw den Iren und den nimmermüden Vorkämpfer der britischen ,,Gesellsck>asts-morLl". Eine merkwürdige Ironie will, daß Engsands berühmtester moderner Bühnendichter in Dublin geboren ist, der irländisckien Stadt, die heute mehr als je die Spuren der britischen (ift)valtherrschast trägt. Noch bezeichnender aber ist, daß die Werke dieses Autors ausnahmslos der Brandmarkung englischer Unsitten dienten —7 und die Zahl beider ist nicht gering. Darum nmrden Shaws Stücke in England nicht mit großer Liebe ausgenonunen. Shaw selbst erklärte einmal hierüber: „Als ich meine Tättgkeit als Schriftsteller mit der Bekämpfung einer in England sehr bekannten Gesellschaftsklasse begami, wurde ich von allen Seiten aufs heftigste angegrisfien. Das Gesamtnrteil der' englischen Krittk lautete, ich sei nichts iveniger als ein .Bühnendichter, sondern ein bühnenunkundiger Vamphletift. Aber ich hatte daran fest, daß, wer Fehler in unserer Moral aufdeckß, eine heilige Pflicht erfüllt hat." Ist es reiner Zufall, daß dieser bühnenunkundige Pamphletist mit seiner heiligen Pflicht die deutschen Bühnen aussuckzen innßtc, um zu Worte zu kommen? Tatsache ist und wird bleiben, daß es Deutschland und Oesterreich waren, die dem bekanntesten lebenden Dramatiker Englands den Weg in die Öffentlichkeit und auch den Weg zu Ruhm und Vermögen Eeröfsneten. Ist es nicht nierkwürdig, daß das ..militaristische" ^Deutschland Redefreiheit gab. wo das „fveie" England sich grimmig und heuchlerisch sträubte? Erft die in Deutschland gewonnene Anerkennung zwang die plötzlich auf den so verlästerten Shaw stolz gewordenen Engländer, ihm auch daheim emen sichtbaren Platz einzurämnen. Diese Wettenvendischkeit ck)<l- rakterisierte er selbst: „Die Art, une ich in England Geld verdiene, ist mehr als seltsam. Jahrelang erhielt ich hier nicht genug zum Leben imd plötzlich verdiene ich oft 6000 Mark in der Woche. So etwas kann selbst einen Heiligen demoralisieren." 'Diese Rieseneinkünfte aber waren erst die Folge der deutscheil Anerkennung. Der Witz, der Shaws bemerkenswerteste Eigentümlichkeit darstellt, ist — wie er selbst - rein irischen Ursprunges. Shaws machte nie ein Hehl daraus, daß die Engländer ihm in moralischcli und auch in Kunstdingen häufig tadeluswerl erschienen. Selbst die ßmrgsten Vorfälle in Dublin nahm er zum Anlaß, über das eng
lische Kunstbanansentum herzusallen, indem er schrieb: „O nuire ich doch der englische General Maxivell geivesen! Ha. wie hätte ich dann alle öffentlichen Gebäude in Irland nnt schwerer Artillerie in Grund und Boden geschossen — diese sträflich schauderhaften Gebäude, die England errichtet hat! . ..
— Z u knnftsl-miö gl ich ketten des Films. Die bisherige Ansnützung der durch den Film gebotenen mannigfachen Möglichkeiten beschränkte sich hauptsächlich daraus, ein billiges Unterhalttmgselement für die große Masse des Publikums zu schaffen. Aber diese ebenso schnelle !vie einseittge Entwicklung des Kinogewerbes zeigte und zeigt auch heute noch eine große Zahl von Mängeln, während andererseits viele ernsthaft zu erwägende Arten der Venvertung des Films noch lange keine genügende Beachtung fanden. Trotz verschiederttlicher Versuche, das Programm der Lichtspieltheater durch Einffrhrung sog. wissenschaftlicher und technischer Films zu heben, lierrscht nach wie vor das Senfattous- drama mit allen seinen zweifelhaften Begleiterscheimmgeu. Sicherlich ist es möglich, nnssenschaftliche Films herzustellen, doch was bis heute in dieser Beziehung gezeigt wurde, war meist wenig enreu- lich, da man gewöhnlich ganz einfach irgendeinen wissenschaftlichen oder technischen Gegenstand rücksichtslos aus seinen Zusammenhängen herausriß und in mangelhafter Weise zur Vorführung brachte. Aber selbst, wenn derartige Films wissenschaftlich und technisch einwandfrei hergestellt würden, kömtten sie fiel) dennoch niemals auf dem Programm der Kinotheater halten, lveil sie dem großen Publikum zu ivenig entgegen kommen. Dennoch ist ein technischer Film möglich, urid man kann sogar behaupten, daß er, richtig ausgeführt und angervandt, von großer praktischer Bedeutung für die Industrie und die wechselseitigen Beziehungen des Wirtschaftslebens »verden könnte. Eine Reihe interessanter Ausführungen Mer die bedeutsamen ZuknnftsMöglichkeiten des Mlms in dieser Richtung veröffentlicht A. Lassallh in der „Uinsckwu". Hiernach ließen sich die technischen Films der Zukunft, entsprechend den durch sie zu verfolgenden Zloecken, in drei be- stimütte.Gruppen teilen. Und zwar könnte die erste Gruppe kaufmännischen Werbezwecken dienen, die zweite Lehrzwecken und die dritte den Zwecken tcchnisckier, wissenschaftlicher und organisatorischer .Untersuchungen. Als Werbefilms kämen vor allem filnt- photographisch ausgenommene Besichtigungen von Fabrikanlagen in Betracht. Da Besuche praktisch oft die Betriebe stören und zu häufig -wiederholt werden müssen, könnte der Film hier große Dienste leisten, da die einmalige Auftcahme des ganzen Betriebes in unbeschränkter Wiederholung allen Jntereffewen im In- und Ausland vorgeführt iverden kann. Noch wenig ausgenutzt wurde bisher der Wert der Kinematographie für Zwecke der Belehrung. Hier kommen nicht nur die technischen Bildnngsanstalten in Frage, sondern vor allem die F-abriken selbst, wo der Mm sowohl den Arbeitern .wie auch den Käufern wMttge Unterweisungen und Aufklärungen bieten kömtte. Hier wäre auch besonders die Atäglich- keit zu beachten, neu eintvetende Arbeiter durch FLmvorführmrgen
möglichst schnell in die Besonderheiten des bettcffenden Betriebes einzuführen und anzulernen. In den technischen Schulen stellten sich dem Filmnnterricht hauptsäcküich die großen Kosten hemnvend entgegen. Zur Behebung dieses'Uebclstandes schlägt Lassally die Einrichtung einer deutschen Sammelstelle für technische Fllms vor. Vor allem anderen aber müßte die spezielle lechnische Kinematographie überhaupt erst in größerein Maßstabe ins Leben gerufen werden. Die Gruppe der Films zu Untersuchungszwecken endlich wäre sozusagen als kinematographischc Bewemuigsanalyse zu betrachten. Ein Schüler des Arbeitsorganisators Taylor, Gkl- breth, machte als Ei'ster den Kinemalographen arbeitsökonomischen Untersuchungen zugänglich. Tatsächlich bietet der Film ausfallend gute Möglichkeiten als Meßinstrument für Arbeitsleistungm, was besonders in der Masscnsabrikatwu höchst beachtenswert wäre. Heute werden auch bereits von Lassally Filmaufnahmen zum Zweck der Prüfung künstlicher Gliedmaßen gemacht. Filmäusnabmcn zur Untersuchung über Maschinenmontagen und zahllose andere industrielle Verrichtungen könnten, in großem Maßftabe durchgcsührt, in Zukimst von hoher Bedeuttmg sür unser ganzes Wirtschaftsleben werden.
— R i ch a r d W a g n e r - T ä m m e r u n g t n Paris. Das musikalische Frankreich, das sich lange Zeit bekanntlich in einer „pattiotischen" Wagner-Hetze erging, beginnt allnuihlich etwas anderen Sinnes zu werden. Zn den vielen Protesten, die neuerdings laut iverden, gesellt sich letzt auch die tonangebende Stimme des bekannten Musikschriststellers Jean Mariwld. Er greift im „Merkur de France" mit rücksichtsloser Schärfe die fanatischen Bilderstürmer an und geht mit ,,Le Correivondent" ins Gericht, dessen Rundfrage, ob die Wagner-Musik in Frankreich überhaupt eine Berechtigung habe, er als ein Zeichen von Idiotismus verwirft. Gleichze,ttg klagt er Saint-Saens an, der das furchtbare Unglück seines <>atei'landes schamlos ausnutze, um die Konkurrenz eines der größten Kunstgenies, das die AEnschheit jemals hcrvorgebracht habe, zu nnterdrückm. „Es ist möglich", so heißt cs in dieser energischen Abtvehr, „daß WttMer in seiner« geisttgen Bedeutung nicht an unseren großen Victor Hugo heran- reicht, oder daß er ein Apackw ivar wie Franyois Billon, oder ein reklame- und lanti emen lüstern er „Streber" wie Saens.
Er mag uns gehaßt und geschmäht lxiben, wie man es Wagnelü nachsagt, aber darum hört er doch nicht aus. das irngewöhnlick>s Genie zu sein, dem wir, gl-eich der ganzen Welt, Achtung schchden." Marnold schildert dann iwch, mcid>c liefe Wagner-Bewunderung selbst in den äußersten Schützengräben herrscht. Viele Soldaten —- sowohl Ossizicre als auch Gemeine sprech.'n den Wnnst aus^ bei ihrem Urlaub in Paris die Wagner-Opern deftichen zu dürfen, und ein dekorierter Krieger beklagt, den „Siegfried" nicht hören» zu können, dessen Motive er mitten im Kugelregen pfeife. Im übrigen benutzt Marnold diesen Anlaß, um auch die Heuct>elm des einsttgen Wagnerschwärmers Maurice Barrös schonnnwKos an den Pranger zu stellen,


