Ausgabe 
22.7.1916 Zweites Blatt
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Nr. 170 Sweites Biatt M. Jahrgang

Erscheint K-Uch mH Ausnahme deS So>mt«gS.

DieSietzener ZamilienblStter" werden dem «Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das «Kreisblatt für den Kreis Siehen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seil- frs-en" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger

für Gberhejfen

§6M§tag, 22- Juli Mb

Rotationsdruck und Verlag der Drühl'ichea llniversitätS -- Buch- und Steiudruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriftleitung,Geschaitsstelle u.Druckerei: Schul»

straße?. Geschäftsstelle u.Berlaq:^^K51,Schritt»

Leitung: 112. 'Adresse für Drahtnachrichten.'

Anzeiger Gießen.

Kriegsbriefe aus dem Westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.

(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.^

Erfolgreiche deutsche Vorstöße au der Somme.

Großes Hauptquartier, 19. Juli.

Durch die Besetzung von Longueval, die den Engländern «unter Verlusten geglückt war, welche von den deutschen Mit­kämpfern als erschreckend bezeichnet wurden, hatten sie sich um einen Schritt näl)er an das erste Ziel ihrer Offensive, das Städtchen Bapaume heran ge arbeitet. Gestern versuchten sie, in dieser Richtung weiter fortzuschreiten und griffen die Lücke Pozieres-Martinpuich an, wurden aber restlos ab- gewieseu. Dagegen entrissen ihnen zu gleicher Zeit die Magdeburger und Altenburger das mit so vielen Opfern erkaufte Dorf Longueval und das anschließende Delville- Gehölz. Der Widerstand der Engländer war zäh und er­bittert, wie schon ihr Vordringen an dieser Stelle mit Kämpfen verbunden gewesen war, welche als mit die schwer­sten der ganzen Sommeschlacht bezeichnet werden. Die Fran­zosen hatten keinen Erfolg mit Angriffen auf den Abschnitt Belloy-Barleux, die restlos abgewicsen wurden, während sie im Abschnitte Estrees-Soyeconrt neue Jnfanterieangrifse nicht versuchten, sondern nur schweres Artillerieseuer gegen unsere Stellungen unterhielten. Dagegen gelang es kleinen deutschen Abteilungen, südlich von Clerh über den Somme­kanal zu dringen und sich in der neuen Stellung einzubauen.

W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

* ^ *

Verstärke feindliche Angriffe.

Großes Hauptquartier, 20. Juli.

Den sehr starken gestrigen Artillerievorbereitungen sind heute in dem ganzen Abschnitte zwischen Foureaux-Wald und Somme die erwarteten sehr starken Anstürme der Eng­länder und Franzosen gesotgt. .Bisher sind sie völlig ver­geblich und für den Feind sehr verlustreich gewesen. Die Masse des Einsatzes und die Wucht der Vorstöße läßt er­kennen, daß der Feind einen bedeutenden Schlag führen will. Im Augenblicke der Absendung des Berichtes dauern die Kämpfe noch nckt unverminderter Erbitterung an. In der Nacht schon hatten die Franzosen drei vergebliche Teil- angrisse südlich der Somme unternommen. Sie haben jetzt ein sehr heftiges Artillerieseuer auf den Abschnitt Soye- courtLihons gelegt, was vielleicht auf ihre Absicht deutet, die Angriffsfront zu verbreitern. Aeußerst erbittert waren auch die englischen Angriffe westlich Lille bei Fromelles, wo der Feind außerordentliche Verluste erlitten hat.

W. .Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Ariegrbriefe m dem Osten.

Bore«nferem zürn Ostheere entsandten Kriegsbericht e rHott» (Aickerschtt»ter Nachdruck, auch m» s L » gS wckse, verbot«.)

In den Schützengräben bei Barauountschi.

Baranowitschi, den 13. Juli.

Der Wald hört aus. Der flache Einlaus in den Annäherungs- graben 'setzt an, ein paar Schritt und man ist in dem Schacht. Oben ist Sommerhimmel, den mächtige Wolken langsam überziehen, zur Rechten und zur Linken sind gelb-weiße ^andw-ände, an denen Winde und Kornblumen hcrunterblühen. Man geht nnc durch ein Gebirgstal. Der Boden ist hart, Hunderte von Zementplatten' haben einen harten Laufsteg im ckmreuden Sand gegeben. In unregelmäßigen Abständen dröhnt Geschützlärm rückwärts. von unseren feuernden Batterien herüber, und ebenso oft last schüttert der dumpfe Anffcklagton mit Hellem Pfeifen danach das Einschlag­geräusch der russischen Grairaten durch die Luft.

Tie Geseckstsordonnanz erzählt, während wir Windung um Windung zurücklegen. Der Gefreite verwaltete eine Farm in Guatemala. Eine schöne Kaffee-Farm. Es wollten viele Deutsche da in seinem Umkreis. Sie ritten zufanrmen ab, die Waffenfähigen, damals am 5. August. Bon Mexrlo nach Spanien ging die Reise noch leicht. Aber dann, das bißchen Geld war bald verbraucht, saß der Farmer in Spanien und wartete. Hörte die vielen Lügen, hörte doch auch non deutschen Siegen. Da wurde eine kleine italienische Lustjacht geschartert. Einl/undertsechzig Mann schifften sich ein. Ter Kapitän, ein Italiener, war eine Art von Piraten- häuptling, aber er verstand sein Geschäft. Nachts lag »man in Verstecken; oft sahen sie die Umrisse der französischen Kreuzer dicht genug aus der blauen Dunkelheit sich abheben. An: Tage fuhr die Jacht. In dem italienischen Kahn wurden die Deutschen angespuckt. Es waren ja Bundesgenossen damals. Aber die italie­nische Liebe stieg nicht zu- allzu großen Frechheiten, denn es waren 160 Männer, viel seefahrendes Volk, das eine kurze Art hatte, sein Rechst zu finden. Am 12. Dezember wurde der Farmer Landwehrmann, machte den Siegeszug des schlesischen Landwehr­korps mit, holte sich das Eiserne Kreuz in den polnischen Kämpfen. Trüben ist ein schönes Land," sagt er. Wir gehen Windung um Windung.Meine Farm wird wohl zum Teufel gehen. Aber..

Er sagt nichts mehr.

Das schmale Tal tvird noch enger. Der Regimentsführer kommt uns entgegen. Wir biegen in die Stellung ein, springen geduckt an vier Torfmauern entlang und erreichen die vorspringende Nase auf dem Hügel im Sumpf bei Labusch. Aus diese Hügelstel­lung halben die Russen acht Tage lang gehämmert. An vier Stellen ist ein Labpcknth entstanden. Ans den Resten der Unterstände, den Balken der verschütteten Erde. Tie Erde konnte gewendet werden von den eisernen Hebeln!, die Entschlossenheit der Verteidiger nicht. Es gibt Stellen, da man springen muß, tveil man in Sicht der Russen ist, iveil der Graben nur noch aus losen Hügeln besteht, aber es gibt hier keine Stelle, die der Russe erreichte. Vor dem Hindernis, im Hindernis, liegen die Toten. In breiter Schleife umgibt die Schtschara den Hügel von Labusch. Drüben die Berge haben die Russen, laben daS Vorgelände zum Hügel, arbeiten heran. Auch die Verteidiger arbeiten. Mehr ist da nicht zu sagen.

In dar kleinen zerschossenen Gehölzen wohnt der Tod. ^Man sieht die grünen Laubwipfel, die so sommerschön in der Sonne leuchten, sielst den Park des Gutes Tarowo. Unter dem Grün liegen die Toten, über dem Grün zerbarsten die kleinen schloh­weißen Wolken.

Auf der anderen Seite gelsts wieder über den Sumpfarm zu­rück. Ter Boden wiegt und federt unter jedem Schcktt. Die dünne Torfnrauer zur Linken trennt von den russischen Kugeln. In den Granatlöchern steht schwarzes, glanzloses Sumpfwasser.

*

Zwei Tage vorher tvar ick auf der Darowo-Höbe, die nördlich, durch Sumpf getrennt, an diesen Abschnitt anschließt. Eine Nacht lang waren die Gräben aus dem Hügel, der in den Sumpf vor­springt, in dem Besitz .der Russen. Tann hatte die deutsche Ar til lecke auf der Höhe gelegen, wie vorher und nachher die russische aus ihr lag. Die russischen Toten sind in den Boden eingestampft worden. Noch ist unter den Duschen der russischen Schrapnells, die auf sede Bewegung mit Feuer antworten, nicht Zeit und rächt immer Möglichkeit gewesen, die Toten sortznschaffen. Ost weiß man nicht, was Erde, was menschlicher Körper ist.

Keine 200 Meter entfernt sitzen die Russen. Gewehckchüsse pcktscken durch die Luft. Arckllecke dröhnt. Eben ist ein Unterstand zerschossen worden, man sieht an der einen unbeschädigten Wand das Bildnis einer Frau rm weihen Birkenrahmen

Ein anderer Unterstand, das ist schon in der Kckchhofstellung, die sich durch den Friedhof von dem der Fckede weit genug e uts er r rt ist zieht, scheint äußerlich ganz gut sockgekonrmen zu sckn. aber eine Granate, die absprang, flog durch die Tür in die Tiefe. AUe Insassen wurden durch den Luftdruck getötet: einer kam mit dem Leben davon, aber der Lustdruck preßte ihm' beide Augen aus dem Kopf.

Wenn man aus der grauen Bedrängnis der zertrvmmelten Grabenteile kommt, ists wie eine Erlösung zwischen dem dichten grünen Rasenstrckfen der nicht beschädigten Strecken. So sah einmal aucki die Tarowo-Höhe aus. Ein schmales, grünes Tal mit den vielen Erfindungen und Freundlichkeiten und Sichcrhckten, die in Monaten geschaffen werden. Was will man? sagen die Verteidiger. Tie Ärbckt hat gelohnt. Nachdem wir Tarowo wieder­hatten, haben wirs behalten.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Ans Sterdt uitfc ftanö.

Gießen, 22. Juli 1616.

Krupp in Gießen.

Eine für die gewerblichen Verhältnisse unserer Stadt und Um­gegend bedeutsame Entscheidung ist vor kurzem gefallen, das Braunst einbergwerk ist in der Form in den Be s i tz der Firma Friedrich Krupp, A.-G., in Essen, über- gegangen, da dieselbe die Mehrheit (über 3 / 4 ) der 1000 Kuxe käuflich erworben hat: die Kuxe sind sogar nahezu alle abgetreten worden. Wir begrüßen die Tatsache, daß das weltbekannte, für unser Vaterland hochwichtige Unternehmen nunmehr auch in un­serer Gegend sich angetanst und sicher zum Segen der arbeitenden und gewerbetreibenden Bevölkerung hier Fuß gefaßt hat.

Has Gießener Braunsteinbergwerk ist jetzt seit vielen Jahr­zehnten im Betrieb: in den fünfziger Jahren des vorigen >zuhr- hustd-erts wurde dort zunächst Braunstein-Manganhyperoxyd, ein Mineral, das wesentlich zur Farbensabrikation, in Drogerien, Apotheken usw. Verwendung fand, und nur die hochprozentigen Erze gefördert. Damals befand sich das Bergwerksckgentum im Besitze der alten Gewerken Storch Briel und Metzler. Später trat Fernie ein, kaufte die Anteile aus und es entwickelten sich Prozeße unter den Gewerken, die Jahre und Jahrzehnte dauerten und erst Ende der 90er Jahre endgültig durch Vergleich beseitigt wurden. In den 60er Jahren bis Ende 1890 betrieb Fernie als Allckn- eigentümer das Werk, dessen kaufmännische und technische Leiter, die .Herren Wilson und Pascoe mit dem Bergwerksverwalter Herrn Kilbinger. mit der Stadt Gießen eng verwachsene Persönlichkeiten waren. Das Werk hat in jener Zeit, nachdem durch neue Arten der Eisenerzeugung die gute Verwendbarkeit seiner Produkte für den Verhüttungsprozcß sich ergeben hatte, einen großen Aufschwung! genommen, wenn auch sckue Betckebseinrichtungen noch primitiv waren. Ende der 90er Jahre wurde die Gewerkschaft gebildet, die das Bergwerkseigentum von einem rheinischen Konsortium zu hohem Preise erworben hatte. Es ergaben sich bald Schwierigkeiten und Rcchtsstreitigkeiten, die dazu führten, daß die Gewerkenver­sammlung den Herrn Dr. Pfahl und seine Leute abberies und Herrn Rcchtsannoalt Grünewald an die Spitze der Verwaltung stellte, der von 1898 bis jetzt Vorsitzender des Grubenvorstandes blieb. Die finanziellen Schwierigkeiten wurden überwunden, der Vor­besitzer Fernie befriedigt, die einmal drohende zwangsweise Ver­äußerung der Kuxe und Obligationen abgewendet. f Immerhin Vttc die Gewerkschaft an den übernommenen Verbindlichkckten schwer zu tragen, der Kaufpreis hatte sich auf über 7 Millionen beziffert und die Obligationen, zunächst in Höhe von 3' Millionen Mark im Umlauf, mußten verzinst und verhältnismäßig rasch amorüsiert werden. Bald erwiesen sich technische Aenderungcn als unumgänglich notwendig. Der Werksdirektor Herr Dr. Esch, der aus dem Reichsdienst hierhergekommen war, führte großzügige Projekte, die Elektcksierunq des ganzen Betckebs, Beseickgung der alten Trahckeübahu, Herstellung unterirdischer Transportwege, (Sr* richtung einer Misch- und Verladevorckchtung an der Linie Gießen. Gelnhausen sowie ckne Agglomerieranstalt in genüüer Weise durch. Die letztgenannte Einrichtung diente dem Zwecke, die Erze zu der-» edeln durch Mstung in einer Temperatur von 1200 Grad Celsius, sie von Wasser und anderen schädlichen Bestandteilen pr befreien und in festes Aggregat zu bringen. Es ergab sich die Notwendigkeit einer neuen Anleihe, die in Höhe von ckner Million ausgenommen: wurde. Tie Förderung und der Veckand stieg nun von Jahr zu Jahr und erreichte zeitweilig 180 000 bis 200 000 Tons Erz-; das bedeutet arbeststäglich oft 80 bis 100 Doppckwaggons. Im Jahre 1908 schick» Herr Dr. Esch aus, um die Leitung der Ge­werkschaft Dr. Geier (Waldalgesheim) zu übernehmen: an seine Stelle trat Herr Paul Wenner aus Haiger, der bis zur Gegenwart das Werk leitete. Die Arbeiterzahl bewegte sich meistens zwischen 700 bis 800 Mann, in der Hauptsache handelt es sich um Berg­leute, die in den benachbarten Dörfern wohnen, und dorten noch eine kleine Landwirtschaft oder dergleichen betreiben. Jedenfalls bildet das Bergweck für Tausende von Menschen in unserer Gegend eine gute und ständige Erwerbsquelle.

Der Kckeg erhob große Ansprüche an das Weck, das mit Waldalgesheim zusammen in der Hauptsache den Bedack der kckegs- stahlerzeugenden Jndustcke an Manganerzen zu decken berufen war, nachdem die Auslandserzc nicht mehr zu erlangen warerst ins­besondere der Kaukasus abgesperrt war. Tie Gewerkschaft hat diese Aufgabe in vollem Maße erfüllt, und die Heeresverwaltung, die ihr durch Belassung von Arbeitern und Gestellung von Kriegs- gesangenen entgegenkam, zufckedengestellt. Frcklich hat das Weck, zumal die Arbeiterzahl immerhin gecknger war als in Friedens-,

Deutsche zraucn, schafft Euch eine feststehende Deutsche Zranenkleidung.

(Eine Betrachtung über Frauenkleidung und Frauenmode.)

Es ist so vieles in letzter Zeit gesagt und gesckwieben worden überFrauenklckdung und Frauenmode". Zumckst waren die hieran geknüpften Erwägungen aus der Not der Kckegszeit ge­boren.

Es war naheliegend, auf den Unsinn hinzuweisen, der darin tep. daß zu einer Zeit, in welcher im Interesse des Vaterlandes mit Stoffen bis zum Aeußersten hätte gespack werden müssen, eine Mode" einsetzte, die für die Frauen unerhöcke Füllen an Ma­terial verschwendete. ^

Zwei Jahre vor Kckegsbeginn, als kein Mensch an Stoffmangckl dachte, herrschte dagegen in der Frauenkleidung ckne immer zu­nehmende Neigung zurEnge der Gewandung"! Eine Neigung, die zu Beginn des Krieges tvvhl den Gipfel der Geschmacklosigkeit errckcht haben dürfte.

Soll nun die, in ihren Tugenden so vielbesungene deutsche Frau nach wie vor Sklavin ckner ewig weclstelnden?Node bleiben? Sollte sie vielmehr nicht fähig sein, Protest zu erheben gegen den ihr fockgesetzt ausgezwungenen Wechsel ihrer Gewandung? Eine Neuerung jagt sckt Jahrzehnten die andere. Was vor 3 Mo­natenmodern" war, ist ein Vierteljahr später von einer gänz­lich entgegengesetzten Geschmacks- und Formenckchtung überholt. Wer vermöchte damitzutun", außer den Wenigen, bck denen 'Zeit und Geldbeutel unerschöpflich sind!

Für die große Mehrzahl des weiblichen Geschlechts hckßt es, sich bei allzu grotesken Sprüngen der launischen Göttin Mode beschckdentlich unter Aufwendung tunt unendlich viel Mühe und Arbeitverändernd", mit den alten Beständen anzupassen. Einige wenige Mutige fverden auch hier und da cknmal ganz gegen den Strom schwimmen.

Anhängerinnen derReformkleidung" tun das sckt Jahven, ohne uns ckne cknhcktliche Lösung der Schwierigkeit gebracht zu haben.

Das ominöse Wortmodern" scheinen wir Frauen in unserer Klckdungsfrage nicht loswerden zu sollen und gerade dieses Wort möchte ich unbedingt ausgeschaltet wissen.

Warum sollte es nicht möglich sein, eine feststehende deutsche Frauenkleidung zu schaffen.

Eine Klckdung, die uns deutsche Frauen überall als Deutsche dokumentieck. Wir haben wahrlich nicht nötig, irgend etwas vom Auslande zu übernehmen und mehr denn je Grund dazu, auf unser Deutschtum stolz zu sckn. *

Ich bin überzeugt, daß sich in Kunst und Gewerbe kunst- und sachverständige Frauen und Männer finden lassen, die diese ein­

schneidende Frage praktisch zu lösen verstünden. 2luch derMann trägt ja seine Kleidung, die keinem Wechsel unterworfen ist. Die kleinen Neuerungslaunen in der männlichen Gewandung sind, so­fern sie auftreten, so unbedeutend und nebensächlicher Art, daß wohl nur ckn vereinzelter Modeser ernsthaft damit rechnck. Der Straßen-Anzug eines Mannes wird niemals durch dieMode" unbrauchbar oder unmöglich gemacht werden..neu.

Wenn ich von ckner fe st stehenden deutschen Frauen­kleidung spreche, so denke ich vorerst nur an das im Vorder­grund stehende Straßen- und Hausklckd. Ans das Gesellschafts­kleid, das ich mir ba ckner gänzlichen Umänderung in den bisherigen Anschauungen mehr alsEigenklckd" dachte, das man lange, oft, gerne und wiederholt bei festlichen Gelegenhckten tragen sollte, komme ich vielleicht später einmal zu sprechen.

Viele, vielleicht die meisten meiner Geschlechts geiros sinnen, werden zu mcknen vorstehenden Ausführungen den Einwand er­heben:Ein einheitliches Kleid, alle Frauen gleichartig gekleidck. das wird eintönig, uniformiert, unfreundlich wirken!" Ich halte dem entgegen:'Warum bewundeck man in unserer raschlebig-nüch­ternen Zckt so sehr die wenigen erhalten geblieberren Volkstrachten! Wirken sie je eintönig, uniformiert, unfreundlich!?

Ich gebe zu, in der cknhcktlichen Klckdung der Männer unserer Zckt könnte manches nüchtern und uniformiert wirken, schon durch die engbegrenzte Wahl der Farben, die für Herrenstvffe in Betracht kommt. Doch hat sich unser Auge wohl schon zu sehr an diese Art der Kleidung gewöhnt. Bei den Stoffen, die in der Frauenklckdung Verwendung finden, ließe sich durch Farbe, kleine persönliche Ausschmückungen. Stickercken und tausend Klcknigkckten ckn so unendlich großer Spielraum für persönlichen Geschmack schaffen, daß dercknhcktliche Schnitt" in keiner Wckse mehr den Eindruck desUniformierten" zu wecken vermöchte. Und als Letztes, damft man mir nickst einwenden kann:Mit der schwinden­denMode" schwinden auch die Einnahmen von Schnckderinnen und Konfektionsgeschäften!" Das ist mit rnchten der Falk! Hat man je gehört, daß ckn Herrenschnckder, wckl alle Männeranzüge gleichen Schnittes sind, nicksts zu tun hätte, oder daß in einem Hervenbekleidungsgeschäft aus demsckben Grunde nichts gekauft würde? Im Gegentckl, bck ckner einheitlichen deutschen Frauentracht werden die Frauen schon deshalb bckser und schöner gekleidck sckn, weil die Schneiderin mit ihren Schnitten nicht andauernd umzulernen hat, und rasch aus ihre Kuirdinnen erngearbcktck sckn wird! Für die Geschäfte, in denen fertige Be- llckdungssrücke zu kaufen find, gilt das gleiche!

Selbswerständlich werden vorstehende Betrachtungen nicht von dem Gedanken beherrscht, daß rrun für unbegrenzte Zeiten die deutsche Frauenklckdung ein und dieselbe bleiben müsse. Fortsckfritt", sofern einSichauftväcksentwickeln" damit ver­

bunden ist, kamr und soll niemals aufgehalten iverden. Jede Zeit wird auch in dieser Richtung ihr eignes Gepräge trägem Nur das Wortmodern" mit seinen andauernd rvechselnden Ersck-ernnngs- sorrnen möchte ich, wie schon vorher gesagt, unbedingt ausgckchaltet wissen. Vielleicht gelingt es arrderen nach uns, in einem neuer­blühten rckchen Deutschland, in weit größerem Maße als je vorher. Kunst und Formenschönheit auch in die deutsche Frauenlleidung zu tragen.

Wir deutsche Frauen jedoch, die wir jetzt nach Kriegsende wohl mehr c»der weniger alle an der Not der Zckt mitzutragen! haben rverden durch Opferwilliglckt und bescheideices Genügen, wir sollten für uns fordern: Eine feststehende deutsche Frauen- kteidung, wie sie der jetzigen Zeit und den ernsten wirtschaftlichen Verhältnissen unserer Zckt entspricht!

Emmy Retzlass.

*

Gberhessischer Kunftverein.

Gießen, 22. Juli.

Tie am vergangenen Samstag an dieser Stelle besprochene ?lusstellung erfordert cknen kleinen Nachtrag. Mittlerweile ist eine klckne Gruppe von Bildern lstnzugetreten, die besondere Beachtung verdienen. Es handelt sich um achtzehn Arbeiten, manchmal stark skizzenhaften Eharatters, die tckls mit Blck.' teils mit Oelkreide- stiften, tckls auckf mit Wasserfarben aus Papier geworfen. Farben- eindrücke eines jüngeren in Belgien stehenden Malers wieder gelten. Es ist ckn Malermlge, das sich bicr im Lande Vineenr van Gogbs an Lickst und Farbe berauscht, ohne sie nach Art des Impressionis­mus in ftimnrernde SckMingung auszulöseir. Wie bei allen unseren jüngeren Malern zeigt sich auch bck Hermmrn D i c n z das Be­streben. Linie und Farbe als den gegebenen Mitteln der Malerei ihr Recht werden zu lassen. Die ausgesprochene Linie nrrd die nngebrvcheTre Farbe der Impressionismus kannte mir gebrochene Farben, deren lineare Abgrenzung möglichst verwischt tvurde führen den Maler auch wieder zirr akttven Tätigkeit zur Kompo­sition. Sckn Sehen Ist nickst mehr ein passives Erleiden mrd Nachschaffen, sondern ein akttves Erobern lntb Neusck>affen der Natur. Ter Vlame van Gogh war ckner von denen, die hierin vormcsgegangen sind. Man vergleiche nach dem Gesagten die Arbeiten von HermanR Dienz und nochmals die Zeichmingen: von Wactzlmeper. Neben »diesen grundsätzlickfen Bemerümgen über die Naturbckrachttmg des expressionistischen Malers sck bei .Her­mann Dienz auf die sehr geipmrdte Technik aufmcrsam gemacht, besonders mcs die sttäciielnde oder punktierende Art. Einige Bildchen von der 'Nordsee und bat Dünen, sowie auS Danzig sind höchst beachtenswerte Leistungen. Zz.