Kr. M Samtes Bldt
\66. Jahrgang
Lftch«nl täglich nnt Ausnahme des So^tttugS.
D<e „Hietzener ^«milienblÄter" werden dem ^Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblstt für den Ureis Hießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtjchasrlichen Sett- frage«" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für OberheMn
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Dienstag. J 8 . Juli Mb
R-otationsdruck und Verlag der Brühl'jchea Universnäls ■» Blich- und Steurdruckerei.
R. Lange, Ließe,u
Schristlertung,Geschäftsstelle „.Druckerei: Schul» straße 7. Geschäftsstelle „.Verlag: Lr^bl,Schrfft« leitung: ^E112. Adresse für Drahtnachrichten; Anzeiger Gießen.
Uriegsdriefe aus dem Osten.
B»n unserem zmrr Osthecre «rtsemdten Krieg sberichterftutteL (Unberechtigter Nachdruck. auch aus^gsweffe, verbaten.)
Dir Kämpft bei Baranotmtfchi.
Baranowitschi, 11. $uli 1916.
Der Weltkrieg steht auf Soutmerhöhen. In ungeheuren Gewittern entladen sich die Kräfte. Noch eimnlal in einer Anspannung, dre resÜ'os einseht, gehen die feindlichen Armeen vorwärts. Die Russen zahlen ihren Blutaitteil bei dern großeil entscheidungsschweren Einsatz voll und gans, Gs ist mlüßig, mitten int Satuirnt an andere Dinge als an seine Abmckhc zu denken. Lines ist sicher, überall, wo deutsche Truppen in den Brennpunkten des Krieges stehen, tun sie ihre Pflicht mit einer' Unbeugsam keit und Kraft, die 'immer lwi<Äer über jK>e iK^rurpfnoc dass Wissenürmj den endlichen Sieg stellt. Die Zahl verliert ihren. Wert, derWille Äeibt, ein heiligerSi,eg- Wille, der sich in diesem hohen Sommer in unerhörter Grütze zeigt. Die Kämpfe bei Baranowitschi, die seit zwei Tagen stille geworden sind, gehören ^u dein großen Tagen dieser Zeit. Das schlesische Landweftrkorps war in diesen Wochen eine Mauer gegen übermächtigen Anprall.
Wenn die Rusftn mehr als örtliche,: Erfolg gegen die deutsche Front erkämpfen :vollten, mutzten sic sich den: Zwange der strategischen Bahnen fugen. WQna einmal lvar ein Ziel, das jede deutsche AusladungÄttöglichkeil auf weitem Umkreis nahin, Ziel, dem in der Märzoffensive eine Hekatombe geöffnet wurde. Baranowitschi ein zweites, das den deutschen Ausgangspunkt bis Bialystock zurückverlegt hätte. ' >
Am 13. Juni begann das Artillcriefeuer auf die deutschen Gräben 'westlich Kraschin. Es waren Anzeichen für den russischen Angriff gewesen, die üblichen: Wabengräben, erhöhte Flicgertätig- keit, Patrouillen, Überläufer. In der Nacht vom 12. zum 13. Juni kamen die letzten Vorbereitungen, grotze Umgruppierungen, die den Angriff überraschend machen sollten.
Auffdem Mschnitt von Kilometer wurde ein volles Korps, das Grenadierkorps, angesetzt. Drei Divisionen standen dahinter in Reserve. 'Von Woykoritsch: bis Masse stürmte die erste Grenadier- division, von Masse bis nördlich Kraschin die zweite.
Um 5 Uhr nw-rgens setzte die ArMlerie ein, steigerte sich bald. Auf dem Nordabschnitt, also etwa 2 Kilometer Front, fielen an diesen Tagen 40-000 Schutz. Um 7 Uhr etwa begann die Infanterie vorzugehen. Die Russen traten, überall ztvei Regimenter in einer Tiefe von acht Gliedern für das Regiment, zum Sturn, an. Als sie beim Verlassen der Gräben unter die Häm in er der deutschen Artillerie kamen, verwirrten sich die Reihen, ballten sich, und in einer Tiefe von über 30 Gliedern stürzten die Angreifer an manchen Stellen vor. Die.Borpostenfteltungen konnterr unter diesem Anprall nutzt gehalten werden: der Sumpftzügel 194 südlich des
Koldytschavo-Sees nördlich von Torschizy wurde besetzt: an einem Punkt wurde die deutsche Stellung genommen Man wutzte mit dem Erfolg nichts anzufangen, da warf der Gegenstotz der erbitterten Scklesier die Erugedrungenen wieder zurück. Was nicht siel, wurde sg e fangen genonnnen.
Das Resultat dieses Sturmes lätzt sich heute ziemlich genau feststellen: 140 Offiziere und 10000 Mann hatte das Gvenadier- korps bei diesem Angriff verloren.
Hinter der rufsffchen Front storchen die Rekruten beveit, um das völlig erledigte Gremünerkorps aufzufüllen.
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Die Wirkung des Tages war die, tnch zunächst Ruhe eintrat. Erst Ende Juni begannen die neuen Stürme, .diesmal auf der ganzen Linie von Zirin bis östlich Baranowitschi. In diesen Kämpfen, die vom 2. bis 8 . Jicki ununterbrochen tobten, waren diesmal die Fronten östlich Gorodischtsche und östlich Baranowitschi die Hammervunkte der russischen Angriffe. Unter schweren Verlusten gelang cs den Russen, bei Gorodischtsche Vorteile zu erringen, an dem günstigen Punkt erzielte,: sic 800 Meter Bodengewrnn. Bor den Stellungen der Schlesier bei Baranowitschi brachen alle ihre Angriffe zusammen.
Am 2. Jul: um 4 Uhr begann das Arttlleriespkl gegen Gorodischtsche, um */25 Uhr auf dem Mschnitt östlich vor Baranowitschi.
Vor dem zerschossenen Torfe Girewo springt auf einer .Halbinsel im Schtschara-Smnpf der Tarowo-Hügel aus der deutschen Stellung heraus. Dicht vor ihm liegt das Suinpftal der Schtschara, und auch im Süden dehnt sich Sumpfslachc an seinen Sandhängen: drüben auf dein östlichen Ufer der Schtschara überragen die flachen
Sandkuppen einer stärkeren Hügelreihe weithin Tal und Darowo- Berg. Dort ist die russische Hauptstellung, vonldort sieht die russische Artilleriebeobachtung in die deutschen Stellungen. Es ist der Punkt, der wohl am nächsten zu Baranowitschi liegt, autzerdem.
Am 3. Juli brach. nach 20 windigem Feuer die Welle des russischen Angriffes gegen diese Höhe vor, in einer Mulde an ihrer Stirnseite konnten sich die russischen Sturmkolonnen sammeln. Es gelang, in den Nordteil der Höhenstellung einzudringen. Etwa 400 Mann setzten sich fest, holten auch ein Maschinengewehr heran. Sofort aber setzte ein Gegenstotz ein, mit Handgranaten arbeitete man sich so von der Seite heran. Die deutsck>e Artillerie legte die eisernen Vorhänge des Sperrfeuers hinter das Grabenstiick. 230 Manu wurden gefangen genommen das Maschinengewehr wurde erbeutet.
Tie russischen Angriffswellen^vor Labusch und bei Sarjctsche an der Eisenbahnbrücke über die Schtschara drangen nicht bis an das Hindernis. Oestlich Gorodischtsche kam es zu Nahkämpscn.
An: 3. Juli hämmerte die russische Artillerie in regclmätzigcm Wirkungsschietzen auf die Linien, an, 4. Juli nahm das Ar- tilleriefeuer zu, und mittags lag starkes Trommelfeuer auf dem .Hügel von Tarowo. Nachmittags um 3 Uhr begannen dann von neuem Jnsanterieangriffc auf die gesamte Front, in dichten Kolonnen, oft wieder 16 Glieder tief, griffen die Russen an. Zu dem Dröhnen der Geschütze kam der Donner eines mächtigen Juligewitters. Jede Sicht erstickte unter den Regcnvorhängen. Um 6 Uhr war der Tarowo-Berg in den Händen der Russen. Tie deutsche Artillerie legte Feuer auf die Kuppq, die von Granaten zerpflügt war und nun fast ihre Gestalt verlor. Um 1 i4 Uhr morgens wurde die Artillerie noch Verstärkt, und es setzte der Gegenstotz an, der die Stellung ,nieder aufrollte.
In dein unsicheren, grauen Morgenlicht kam es zu schweren: Kamps. Tie Russen batten beim Sturm einen Leutnant und ein paar Mann gefangen, in ein Fuchsloch gestoßen und Handgranaten nachgcworfen. Tie Granaten waren an der Türstirn vorzeitig geplatzt. Tie noch Lebenden stürzten jetzt au^ der dunklen Hölle, ihre Waffe waren die großen Taschenmesser, dre sie behalten hatten. Es war ein blutiger Morgen in dcm zerschossenen Graben.
Zwe: junge 18 jährige, schmächtige Burschen waren j>ci ihrem Maschinengewehr geblieben, als die Russen eindrangen. Lie hatten noch 600 Schutz. So oft die Russen versuchten, sich ihrem Unter- slland mit Handgranaten zu nähern, begannen sie zu feuern. Bald wurde das Gewehr zu heiß. Wasser war nicht da. Sie halfen sich mit der Flüssigkeit, die jeder Mensch bei sich hat, und feuerten weiter. Feuerten auch noch ein paar Schuß, als ihre Befreier kamen, in die fliehenden Russen hinein. Tann versagte das Gewehr. „Aber wir konnten nichts dafür. Herr Major," das war alles, was sie sagten, als sie ihr Gewehr zur Reparatur zurück- brachsten.
Um V 28 Uhr morgens nxrr die Höhe wieder in unseren, Besitz. Sie sieht grauenvoll aus. Rdan weiß oft nicht, was graubraunes Sandboden ist, was graubraune russische Tote.
Abends 6 Uhr lvnrden die gegenüberliegenden russischen Truppen durch -eine frische sibirische Division abgelöst. Am folgenden Tage war nur die Artillerie tätig, und die Sanitäter, die bei den Russen grotze Massengräber schaufelten. Am 8 . Juli kam wieder ein Höhepunkt der Angriffe aus-der ganzen Front. U,n 3 Uhr morgens versuchten die Russen ohne Artillerievorbereitung einen Ueber- fall aus Darowo, der abgewiesen wurde. Dann setzte mächtiges 'Feuer ein. Telle der deutschen Stellung tvurhen fast eingeebnet: da gleichzeitig Nebel aufkam, der in nicht hohen Schwaden über dem Boden lagerte, sprangen die Landwehrmänner, als der Massen- angrisf einsetzte, auf die Brustwehren und feuerten stehend in die dichten Kolonnen. Von 3 Uhr nachmittags an folgten sich die Angriffe. aus den Tarowo-Hügel, auf die Front nördlich Deron, auf die Schtscharaschleise bei Labusch, wo drei starke Wellen vorgingen, südlich der großen Scbtschara-Brücke. Alle Angriffe wurden abgewiesen, ebenso wie die Stürmje gegen Gorodischtsche und südlich Zirin. Aus dein offenen Gelände bei Tartszlizy häufen sich die russi- schen Leick)en, im! sumpfigen Schtschara-Tal vor den deutschen Stellungen schlägt die deutsche Artillerie in die Zurückflutcnden, die nicht schnell genug die Smüpfstrecke durcheilen können, furchtbare Verluste. Es ist ein Niedermähen der russische:: Kolonnen an diesen Taget, entlang der ganzen Front. Nachmittags tritt die Ruhe der Erschöpfung bei den Russen ein. Sie dauert bis heute cm.
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^ Verluste sind schwer zu schätzen Ms ich durch die Stellung, die zerschossene .Stellung, in der heldenmütiger Wille die zerstörten Gräben ersetzt l)atte, an: 10. ging, tvar an vielen Stellen der Leichengeruch fast unerträglich. Bon der Tavowo-Höhe aus sah mau die Toten wie Schwaden, reife Ernteschwaden im Tal liegen.
Eine Offiziervcttronille war die Nacht bis zur Schtschara hinab-- gc stiegen. Der Leuttuntt sagte mir, sie hätten über Leichenhi^el klettern müssen. Eine Vorposvenstellung wurde in der gleichen Nacht wieder von uns besetzt, nran fand 160 tote Russen in dem' kleinen Fleckchen, in einem Birkenwäldchen dicht vor der Stellung lvurden an 200 Tote gezählt. Dies ist ein kleiner Ausschnitt der Front, die überall von Zirin bis Baranowitschi ein ähnliches Aussehen 'hat.
Rußland zahlt seinen Blutanteil voll und ganz.
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In der warmen Julisonne schlafen die Verteidiger. In der Vorstellung bei Tischeje schreiben sie alle. Jeden Augenblick können ja die eisernen Sperrgittcr niedergehen. Einer steht still aus eint Bild. Auf den: Tarowo-Hügel dämm«: sic vorsichtig, vorffchtrg an Schutt und zerschossenem Material. Drüben lteht der „Brüllaffe", die Schützengrabeiikanorve. Auf jede Bewegung folgt Schütz. Viele liegen lang aus dem Boden, blin^elu in die Sonne. „Wie geht's denn?" „Dan'ke, gutt. daß sc hegt nein schisse. Wer Han de Russen ordentlich gedroschen!"
Die zerschossenen schwarzen Bäume, die mächtigen Eichen der Kirchhossstellung, die nur noch als zersplitterte Stümpfe ragen, sind mit seinen Goldlinicn der Frühsoune umwogen. Ter ferne Wald sieht dunkelgrüne Gräber. Der Himmel glänzt sehnsuchtsblau über Grauen und unerschütterliche Herzen.
Rolf Brandt, Krieg-sberichterftatter.
Zentrale für Mutterschutz und Säuglingsfürsorgr.
rb. T a r m ft a d t, 16. Juli.
T:c Großh. Zentrale für Mieterschutz:md Sängliugsfürsorge hielt an: Sanislag uachmittag in: Sitzungssaal des Rathauses ihre diesjährige Hauptversammlung ab, der auch die Frau Groß- herzogii: und zahlreiche Vertreter aus allen Landeschllen., Kreisbeamte, Aerzte u. a. beiwohnte,:. Ten Vorsitz fflhrte Minister Tr. Braun Evz„ der die Versammlung mit einer längeren Ansprache nnd Darlegung über die derzeitige Lage der Muttermund Säuglingsfürsorge im Grotzhcrzogtun: Hessen eröffnete.
In den: R^aße, in den: sich ans den: Gebiete der Mutter- und Säuglingsfürsorge durch zielbewutztes Zu- und Eingreifen die vo-r- handenen Mißftände zu bessern begannen, wurde schon vor dem Kriege die Auffnerksainkeit der ärztlichen Fachkreise, rv-ia der breitst Oeffentlichkeit m:f 'die schweren Bedenken gelenkt, zu d«:en der Rückgang der Gebirrtenziffern in Deutschland, wie in allen Kulturstaaten Veranlassung gab. Es kann Tjeute nicht auf bk Frage nach den Gründen dieser Erscheinung und den Möglichketten einer Abhilfe näher eingegangen werden, es mutz genügen, heute hier ßeft- zustellen, daß die sich mit diesen Fragen beschäftigenden Schriften: und Aufsätze zahlreicher geworden sind, als drejenicfen über die uns zunächst und unmittelbar angehenden Dinge. Hierauf ging der Redner ain T>ie bundesstaatlichen Bestimmunge:: und die Behr- Viltowschen Anträge für das Einschreiten des Staates und des Reichs auf dem Gebiete der S.- und M.-Fürsorge ein. Vieles davon können wir in Hessen schon unser eigen nennen. Ms erreor Schritt von entscheidender Wichtigkeit begrüßen wir auch Nws nach lnehrjähriger inühsamer Vorarbeit im .Kapitel 53 des Staarsvoranschlags niedergelegt lourdc. Dort wurden 50 000 Mk., für die Fortführung der Mntterberatungsstellen mindestens 12000 Mark und rund 36 000 Mark für die Vergütung von 20 Kreis- pffegerinnen ar^esvrdert, u:ll) in einer nach einem Entwurf des Ass. Dr. Mclior von Geh. Rat Dr. Baiser in einer ausgezeichneten Dmkschrift begründet. Der Frnanzausschuß begrüßte einmütig den Uebergang der M.- und S.-Pflege in die Hände des Staates nnd beide Kammern bewilligten sofort zunächst 40 000 Mark, tvonttt aiub ein Kontrollrecht der Stände geschaffen nnd der spätere Ausbcv: der Pflegevorganffätion gesichert wurde. M:f dem Wege, der wrs bei Schaffung der Zentrale oorschwebtL^ sind wir dem Ziele, die S.- und M.-Fürsorge als unmittel* bare Staatsanfga be arterkannt zu sehen, nicht zum wenigsten unter den Eindrücken des gewaltigsten Krieges aller Zeiten ganz nahe gekommen. Noch nicht erreicht ist die Uebernahme der Ki 1 :d erkli n : k in Gießen auf den Staat, aber ihr Betrieb ist bereits auf ihn übergegangen, so daß :mr auch hier dem erstrebten »Ziel nahe sind. Dabei sind jetzt durch das neue Verhältnis zum Staat genaue Linien vorgezeichnet.
Den Berickst über das OKschäftsjahr 1915/16 erstattete darnach Assessor Dr. Melchior. Er führte aus, daß die. Arbell der Zentrale in: Soinmer 1914 eine:: hocherfrenlichen Aufschwung n<chm, nach Ausbruch des Krieges aber einen schweren Rückschlag erlitt. Das Eleonorenhein: lvirrde V 2 Jahr als Lazarett verivendet; von der Veranstaltung von Wanderk::rsei: nnd der Ausstellung des
Kunft, Wijfcnfcboft und Leben.
— Nur dicToten kehren nichtzurück. Wie O'Meara in seinem Werk „Napoleon im Exil" mitteilt, soll der Kaiser obigen Ausspruch am 1 7. Juli 1 8 1 6 auf St. Helena mit Bezug auf'sich selbst gebraucht haben. Er uwllte damit andeuten, daß die Engländer, die ihn auf die weltferne Insel verbannt hatten, ncchts sehnlicher herbciwünschten als seinen baldigen Tod. Da erscheint nun die geschichtliche Fesfftellung interessant, daß dasselbe Wort in genau dem entgegengesetzten Sinne, daß nämlich ein Franzose den Engländern dei: Tod wünschte, schon vorher gebraucht worden ist, und zwar von Barere. Dieser jagte in der Konventssitzung vom 26. Mai 1794: „Wenn voriges Jahr die von Houchard befehligten Truppen alle Engländer vernichtet hätten, 1 anstatt sie durch ihre Anwesenheit nnsere Festungen vergiften zu lassen, so hätte EuglanL in diesem Jahre nicht wiederkommen können,, um unsere Grenze:: anzugrcifen. Nur die Toten kehren nicht zurück. Die Parallele zur Jetztzeit liegt auf der Hand. Frankreich duldet tvieder, daß E::glai:ds Trippen sich in seinem Lande, in seinen Festungen Mffhalten und dort die Herren spcelen. Auch der Wunsch wird in Frankreich wieder rege, diese angeblichen Freunde bald außer Landes zu sehe::. Möglicherweise ist diesen: Wunsch in den Geheimsitzungen der französischen Kammer sogar schon wieder Ausdruck gegeben worden, wenn auch nicht in der drastischen, man nwchtc fast sagen, zynischen Formulierung Bareres, an die wir hier erinnert haben. — Dieser Barere, der „Änakreon der Gulllotine", war and} Napoleon sehr gut bekannt. Sie fanden sich in ihrenr geineinsamen Hatz gegen England. Stammt doch von demselben Barere das berühintc dreibändige Werk „La libertc des mers, ou Ie gouvernement anglais devoile“, nt den: er der englischen Regierung den Schleier der Heuchelei vom Gesichte ritz. Mer das Frankreich von hertte hat ans seiner Geschichte nichts gelernt, sondern sich England zu seinem Schaden wieder blindlings in die Arme geworfen. Barere ist im Jahre 1841 gestorben: Napoleon aber, der vor 100 Jahren BarereZ Ausspruch auf sich amvendete, ist bekanntlich dennoch später „als Toter nach Frankreich zurückgckchrt".
— I a g d k 0 mm a n d 0 s In den letzte:: deutschen und österreichisch-ungarischen Heeresberichten ward erstmals der Jagdkommandos Erwähnung getan, die dadurch in den Vordergrund des' Interesses gerückt sind. Sic stellen eine höchst interessante Erscheinung des Weltkrieges dar, bilden eine Mustertrupve in: wahren Sinne des Wortes, sollen so recht Jagd aus den bösen Feind machen. Jagdkommandos werden aus den intelligetttesten, unternehmendsten, gewandtesten und ausdauerndsten Leuten eines größeren Tvnvven-
teils bezw. aus mehreren Truppenkörpern zusammengesetzt. Ihre Aufgabe besteht :mmentlich im Belauern, Täusen und Beobachten des Gegners, mit den: sie uiemalss die Fühlung verlieren sollen. Sie haben dabei stlachrichten vom Feinde cinzuziel>en, sollen diestn hierzu gegebenenfalls tagelang nicht ans den Augen verlieren. Sie müssen gegebenenfalls den: Unglück mit fester Stirn und kühner Tat entgcgentretcn. JägbtominanboS _ sollen überdies die Kunst verstehen, nicht entdeckt und nicht ausgehoben zu werdm. Sic finden außerdem zur Zerstörung wichtiger Kunstbauten Verwendung. Für die Zerstörung der Eisenbahnen, Telegraphen, Briicken, feindlichen Depots, DLagazine sowie für besonders kühne Taten sind den Jagd- kommandos Prämien ausgesetzt, deren Größe entsprecherw der Wichtigkeit der durchgcsührten Arbeit bestimmt wird. Von weittragmd- ster Bedeutung erscheint bei den Jagdkommandos die Persönlichkeit des ersten Führers, der vornehnllich Kühnheit, Entschlossenheit Energie, Rdut, Initiative und Zähigkeit besitzen muß. Sonst ist der Mann nicht brauchbar. Er soll auicklverstehen, die Menschen nuszuforschen, muß selbst aber unergründlich sein. Weiterhin darf ihm die Fähigkeit nicht fehle::, sich in alle Lagen leicht zu finden. Dies ist getviß nicht gering cinzuschätzen. Er darf sich sodann von keiner Leidenschaft oder Gewohnheit bel>errschen lassen, hat ohne Verschonen zu strafen, soll :veder ärgerlich noch zornig werden. Seine Befehle müssen kurz und ohne alle Umschiveife bündig sein. Bei alledem mutz ihm eine väterliche Fürsorge für seine Untergebenen zu eigen sein. Genug, Jagdkonrmandos sind in: allgenreine:: als eine Elite- truppc anznsprcchen, die bei guter Leitung hervorragende Resultate zu erzielen vermag
— Das L a chpr 0 grainm der L<ondo n e. r Theater. Das Programm der Lond-oner Theater zeichnet sich gegenwärtig und auch nach den Ankündigungen für den Herbst dadurch aus, daß die überwiegeitde Mehrzahl der Bühne:: nur Possen und Schwänke gibt, die init allen Mitteln darauf berechnet siird, auf die Lachmuskeln des Publikums zu wirken. Unter sieben noch für den Sommer angekündigten Erstaussithrnugen netter Stücke sind, nne die „Daily News" berichten, nicht weniger als sechs burleske Possen. Tie.16 größten Londoner Ttfeater geben mrr noch ausgelassene, ja oft zirkusartigc Schwänke, und :tur drei andere Theater sind ein wenig ernster,^doch auch sie werden bald ihr Program n: ätchern mlrssen, da die Sentrmentalrtät ihrer Darb:ctm:gen dem Kassenertrag nicht gtlnstig ist. Auch in den Varietes Iverden hauptsächlich lustige Nummern bevorzugt, wobei selbst das Sportinteresse in den Hintergrund gebrauch: :vrrd. Das englische Blatt meint, daß eine so lnassenhaffe Erzeicgnng komischer Wirkungen, wie die Londoner Mllmen sie heute darstellen, nicht gerade den: Ernst der Zeit entspricht. Aber das Publikum vertemge heute nur
:wck Konrik, und daran könnten selbst die ernschaftesten '::rd literarischsten Londoner Theaterdirektoren nichts ä:ll)ern. Was der Gn:nd dieser irankhäften 5)eitcrkeitsschnsi:cht sei, küm:c leider, als völlig rätselhaft, nicht festgestellt werden. Da die englischen Stücke in dem Maße ausgelassener werden, in dem die Aussichten der Alliierten an der Front sich verringert:, schefftt daS, was der „Daily Mail" ein Rätsel dünkt, leicht zu beantworten: der Gang des Krieges ist nänllich für die Engländer so wenig erfreirlich, daß die Theater in ihren Borsührutlgei: nicht ausgelassen genug sein können, um die trüben Gedanken des Publikums zu bamten. So wird das Loiwoner Theaterprogramm zu einem merkwürdig exakten Kriegsbarometer.
— „Men scheu material." Wir lesen im „Türmer": Ein häßlicher Bastard, ein Gefühl- und gemülloser Flegel, roh, brutal und vor allen Dingen unwahr und verlogen bis auf die Dwchen, riipelt iurs tausendfach, in Sprache :n:d Schrift an, macht sich grinsend breit an allen Ecke::, schwingt seinen derben Knüppel über uns und zwingt uns mit Kenlenschlägen unter seine Herrschaft: Wir erobern in dieser oder jener Schlacht so und so viel Kriegs-, Menschen-, R?am:schasts-, Soldatennurtertal, machen die Cn'sahrung, daß die irgendivo Gefangenen aus dem gemischtesten Material bestehe::, führen selber ein prachtvolles Mensck>enmatevial den: Feinde entgegen, höre:: und lesen, daß unsere Feinde ihre Hoffnung m:s den Zusammenbruch nnd ^chimmd des Menschenmaterials der Mittelmächte setzen, wissen, daß in: Gegentell mffer Mensche::mater:al noch) ans lange hllrans nickst erschöpft ist ustv. Ja, ivas mir die Wette! Mancher deutsche Blldungsphllister gebraucht bas Wort mit dem erhebenden Gefühl, daß er sich auf der stolzen Höhe lli hl -objektiver Wissenschaftlichkeit beffndct. Er merkt n:cht, w:e er sich :ro::ffiert, sich scltzer z:un „Mateuial" macht, zum Flen'chklumpen und zun: Kanonenfutter. Auch mtzt das Dort in unsere Zeit, die so glänzerw den Sieg des Geistes über die ONaterre offenbart, ivic die Fairst aufs Auge. Ueberlafsen wir doch diesen schönen Msdruck, der aus einer nwllcn wir hoffen — mm überwundenen Zeit stammt, unser:: Fellwen: Mtt ihre Sndan-- :tegcr, Gurkhas. Kirgisen und Kosaken ist er :tod: an: eheste:: anwendbar Für unsere Helden brou&m und ihren Heldengeist aber ff't >das Wort eine Beleidigung und Herab:vürdig:mg, :u:d der cntlmirbipt sich selbst, der es gedankenlos spricht oder schrellü. Wir haben die Ehrffrrcht wieder gelernt. Das Wort cnsckfc::- material" ist oh::e Ehrfurcht und gemein. Treiben wir ihn aus den Flegel!
--- Frankfurt a. M. 17. Juli. Generalintendant Z-e:tz erwarb für die Spielzeit 1917.18 zur Uraufführung im Sck>ausp:el- hanö das fünsaktigc Drama „David" von 'Friedrich <5ebrcdj*


