M. 159 IwMez
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gjetzener ^amttienblatter" werden dem
»Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das
„Kretsblatt für den Kreis Siegen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen 5eit> fragen" .^scheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Gbrrheffen
Montag, l». Zul! | 9(6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jcheir ktnwersuäts - Blich- und Stemoruckerei.
R. L an g-e Gießen.
Schriftlettung,Geschäftsstelle u.Druckerer: Schul» slraße?. Geschäitsstelle n.Verlag:e^-^ö1,Schrift- leitung: 'Adresse für Drahtnachrichten.-
Ailzeiger Gießen.
f)
EineamlÄcheLrkimungüberdieKnegzzrele
Berlin, 8. Juli. (WTB) 'Die „Norddeutsche Allgenre ine Zeitung" sch-reibt:
In einer Betrachtung über die Stimmung des Volkes schreibt die „Kweuzzeitung", die Regierung habe versäumt, dem Volke die (großen Ziele zu zeigen. — Der Vorwurf ist alt, so alt, daß es uns Wunder ninrmt, daß er noch int Volke lebendig sein soll. Ist er wirtlich berechtigt? Der innere Sinn dieses großen Kampfes ist die Verteidigung des deutschen Volkes, seiner FrellM und Zukunft. Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wird die tiefe Bedeutung dieses Sinnes, dre in den Kundgebungen Seiner Majestät des Kaisers und in der: Reden des Reichskanzlers immer wieder hervorgehoben worden ist, gerade jetzt, da an allen Fronten wütende Kampfe toben, lebendiger als je empfinden. Ist dies kein Ziel, groß genug, alle zu einigen und innerlich zu beseelen'? Man hat es vielfach so darstellen wollen, als sei dies Ziel doch ein reiti negatives. Wer aber nicht über die Redert des Reichskanzlers hinweggehen will, namentlich über seine Reden vonl 19. August 1915 und dom 9. Dezember 1915 sowie dom 5. April 1916, in denen er früher wiederholt An gedeutetes so ausführlich als möglich darlegte, wird zugeben müssen, daß die Regierung jedenfalls die Verteidigung nicht iin negativen ^inne, sondern in hdchft positivem Sinne der Behauptung, Sicherung und Stärkung der deutschen Zukunftsstellung in der Welt auffaßt. Wenn die Einsallsrare in das Herz Deutschlands fremdem Einfluß entzogen, wenn Rußland hinter die Flüsse zurück- geworsen wird, die als kürzere Grenze Deutschland besseren Schutz geben, wenn die wirtschaftliche Entfaltung Deutsch- larcks in der ganzen Welt gesichert sein soll, ist das kein großes Ziel? Sind die Kanzlerreden, in denen solche Forderungen erhoben werden, das „lähmende Schweigen", aus dem die „Deutsche Tageszeitung" „Sorge und Zweifel erwachsen sieht"? Liege es in der Natur der Sache und in der Pflicht der politischen Leitung, iu einem solchen Kriege einer Koalitian gegen die andere, dre Aufstellung konkreter Frieden sbedingungen und den Zeitpunkt ihrer Bekamt turachung nicht abhängig zu machen von Stimmungen und Gefühlen, sondern lediglich von klarer realpolitischer Erwägung? Wir haben es immer für einen bedauerlichen Fehler gehalten, daß die Kreise, die im Spätherbst des Jahres 1914 und im'Früchahr 1915 die Zeit für gekonimeu erach- • teten, große Euoberungsziele aufzustcllen, dies ohne Fühlung mit der Regierung und ohne Zttictsicht auf die politische und militärische Lage getagt haben. Da die Politik die Kunst des Väögttchen ist, 'konnte die Regierung diesen Weg nicht betreten und mußte die Angriffe, die deswegen im Laufe des vergangenen Jahres gegen sie gerichün wurden, auf sich nehmen. Die Behauptung des Deutschen Reiches gegen eine Welt von Feinden, die Sicherung seiner Zukunft, die Freiheit nach West und Ost bleibt deshalb doch als Aufgabe so groß unb gewaltig, daß wir unsere inneren Kräfte nicht schon durch voreiligen Streit über die Grenzen oes Möglichen und Nützlichen bei den Friedensverhandluu- gen zersplittern dürfen.
Anegshriefe m$ dem Westes.
ÄBSt KRferm KriegsberrchtrrAattrr.
fBnfettt&äoter Ncshdruck, and* auszugsweise, perfcejeO
Das Offensivgebiet in der Picardie.
Gr. Hauptguartier, im Juli.
Die Fvontftvecke, welche die Engländer und Franzosen sich zu rhver gemeinsamen Lommerofsensive ausgesucht haben, liegt in breiterer Ausdehnung den beiden Städtchen Baupaume und Pe- wnne gegenüber. Unsere Front, wie sie sich seit Anfang, des Stellungskrieges herausgebildet hat, schneidet dort in verhältnismäßig kurzelN Verlaus die Grenze von vier Departements, näm
lich Pas de Calais, Somme, Oise und Aisne. Sieht man aber von diesen ganz künstlich durch die französische Revolution geschaffenen Verwaltungsbezirken ab, so bildet die Landschaft ihrem Wesen und ihrer Geschichte nach eine deutlich erkennbare Einheit: fast alle die Ortschaften., wo jetzt der Kampf brennt, liegen in der alten Pieardie.
Es ist dies eines der wohlhabendsten und landschaftlich lieblichsten Gebiete Frankreichs. Zwar ist die Bildung des -Geländes verhältnismäßig eintönig : eine flache Bodenwelle schiebt sich hinter die andere. Aber diese gleichförmigen Hügel sind mit -reichen Weiden und sehr fleißig bestellten Feldern überzogen. Kleine Laubwaldstücke sind zahlreich cingestreut, einsame Herrensitze, umgeben von weiten Parken, wechseln ab mit malerischen Ortschaften. Auf den Aeckern gedeiht Getreide, Hans, Flachs: große Flächen sind dem Anbau von Zuckerrüben und Oelfrüchten gewidmet, unter denen die Rübsen und ein fetter Mohn die hauptsächlichsten sind. Dabei wird der größere Teck der geologischen Oberfläche außer von einem Dckuviallös von Schichten der oberen Kreide gebildet,. welche der von der Lausechampagne ganz ähnlich ist.
Merkwürdigerweise gckt dre Pieardie als ein trockener Laud- strich, obwohl die Zahl der Niederschläge, welche der Wind von der nahen Meerstraße von Ealcus herübertreibt, groß ist, und eine erheblich^ Zähl von Flößen das Gebiet durchgueren. Diese bilden tief eingeschnittene, sehr breite sumpfige Schilfniederungen, in denen es von Mücken wunm/At unib die int Frieden das Dorado der Enten- jäger waren. Im Bewegungskriege hat die oft kilometerbreite Sump (Niederung der Somme unfern Pionieren beim Bau der Kriegsbrücken manches Kopfzerbrechen verursacht. Tie Nebenflüsse der Somme, die deren Bild im kleinen wiederholen, zeichnen sich zum Teil durch seltsame Nanien aus. Es gibt da eine Allemange, eine Germaine, eine Cologne usw. Tie Amboise bewahrt den Namen des keltischen Volksstammes, der Ambianer, die den Ruhm der gallischen Waffen bis nach Kleinasieu getragen und später Cäsar viel zu schassen gemacht haben. Dre jetzt in den Heeresberichten viel genannte Ancre ist ein unbedeutendes Gewässer, das sich olle Augenblicke zu größeren Teichen anstaut und in der Stadt Albert einen künstlichen Wassersall von etwa 10 Meter Höhe bildet, der zu den Sehenssvurdigleiten des Landes gehört. Die Ancre.war ehemals die Mittelader der Markgrafenschaft Ancre, die sich der aus Italien stammende Marsctzall Concini gegründet hatte, der als Gouverneur der Picardie sehr mächtig geworden war. Unter Ludwig XIII. gelang es seinen Feinden, den Sturz des Italieners herbeizusühren. Er wurde in Paris ermordet, seine Gattin nach dem guten Brauch der Zeit als Hexe verbannt, und um alle Erinnerungen an ihn zu tilgen, verlor die Stadt Ancre ihren Namen und erhielt nach ihrem neuen Lehninhabcr die Bezeichnung Albert. Westlich der Ancre fließt die Hallue in die Somme, an deren Usern bei Pont-Noyelle am 23. Dezember 1870 die Schlacht der Manteuselschen Truppen gegen die Nordarmee Faidherbes stattgesunden hat.
Tie Picardie gehört zu den dicht bevölkertsten Strichen des geburtenarmen Frankreich — denn während ckn Durchschnitt tu Frcurkreich auf einem Quadratkilometer 72 Menschen wohnen, sind es in der Pieardie 89. also 17 über das Normale. Aber auch hier geht in Tors und Stadt die Einwohnerzahl ständig zurück, und immer weitere Fläschen des guten Ackerlandes verwandeln sich in Weiden. In den Städten sind ziemlich viele lextckindustrielle Betriebe, wo die im Lande angebauten Spinn- und Webestosie verarbeitet werden. Tie Bauern haben eine Nebeneinnahnie durch die in den Flußgebieten stellenu-eise mächtig anstehenden Dorf- schichten, deren Ausbeute zum Teck als Brennmaterial verfrachtet, zmn Teil aber auch an Ort und Stelle verbrannt rmrb, um die Asche als Düngemittel zu verkaufen. Eine merkwürdige alte Hausindustrie ist in einigen Dörfern die Anferttgung von Vorlegeschlösscrn, welche aus den von den großen Fabriken gestanzten Einzelteilen zusammcngentzt werden und einen erheblichen Ausfuhrartikel bilden. Tie Picarden, deren weiblicher Teil in einzelnen Orten noch die alte malerische Tracht beivahrt l)at, sind ein ftöhlick^es, arbeitsames Volk, das- seftre eigene merkwürdige Sprache redet, in der außer kelttschcn "Resten und englischen Lehnworten beträchtlich viele deutsche Bestandteile als Erbe der Völkerwanderungszeit erhalten geblieben sind. So hat das Picardische überall, wo das Französische ein „gu" daraus gemacht hat. das germanische ',w" bewahrt. Das Picardische sagt z. B. also nicht ,^uerre" für Krieg, sondern spricht „were" gleich dem deutschen „Wehre", aus dem „guerre" entstanden ist. Die Bevölkerung ist fast ausschließlich blond und blauäugig, und in den Eigennamen findet man viele, in denen oit Erinnerung an die germanische Abstammung sich bewahrt hat.
Das Land ist reich an geschichtlichen Erinnerungen. Bei Verband steht man heute noch wohlerhalten ein befestigtes Lager und
die Stellungen der Legionen Cäsars^ Von da ab führt eine von diesen römischen Soldaten gebaute Straße in der Richtung aus Amiens zu kerzeargrade von Osten nach Westen. An ihr liegen nebeneinander deutsche und französische Gräber aus den Jahren 1870 und 1914, und jetzt schneidet diese Sttaße bei Estrses einen der Brennpunkte der jetzigen Offensiv kämpse. — Wenn auch Peronne keine-Kathedrale von der überwältigenden Großartigkeit answeisen kann, wie. Amiens und Abbcville, sondern durch die Schönheit mancher picardischen Dorskirche beschämt wird, so !var das von seinen heute wertlosen Festungswerken umgebene Städtchen doch eine Schatzkammer von geschichtlichen Ueberlieserungen, an der die neuntägige Beschießung an der Jahreswende 1870/71 nicht viel zerstört hatte. Wohl erhalten ivar besonders das düstere, alte Schloß, in dem Herbert von Vermandois den König Kart den Einfältigen hat verhungern lassen und wo Ludivig XI. um sich aus der Gefangenschaft loszukausen. den schimpslick)e.n Vertrag mit Karl dem Kühnen Unterzeichnete. Pöronue lag so nahe hinter der'Front-, daß der Feind schon intmer hineinschießen konnte. Bei Beginn der Offensive haben die Verbündeten das Städtchen ausgiebig mit schweren Bomben belegt. Das in einem oberen Saale des Stadthauses untergcbrachte Museum, welches aus dem Vornrarsch als Lazarett gedient hatte, aber sorglich geschont worden ivar. umschloß eine Reihe von recht wertvollen germanischen Fundstücken aus der Völkerwanderungszeit, die auch für uns Deutsche sehr wichtig waren Nun wird Peronne wohl das Schicksal mit so mancher anderen Stadt teilen Müssen, die m den Brennpunkten heißer, langwährender Kämpfe liegen. Es wird wohl nicht viel von seinen schlichten alten Schönheiten übrig bleiben. An den Straßen der Picardie, wo noch manch altes cr>1einkreuz der Toten von Crecy gedenkt, werden in den Zwischenräumen der Soldatengräber von 1870 und 1914 wohl bald in unabsehbaren Reihen neue Hügel mit der Jahreszahl 1916 wachsen.-^ W. Scheuer mann, Kriegsberichterstatter.
Amerika und Mexiko.
Washington, 7. Juli. (WTB.s Meldung des Reu- terscben Bureaus. Die Vereinigten Stauten haben dem Vors cklag (5 arrauzas zugesttnrmt, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Ländern durch unmittelbare Verhandlungen zu beseitigen.
Aus Stavt und Land.
Gießen, 10. Juli 1916.
** Anzeigepflicht betreffs des Butter-» bezugs. Die Reichsverordnung über vorläufige Maßnahmen auf dem Gebiete der Fettverjprgung vom 8. Juni 1916 schreibt vor, daß in allen Gemeinden, in denen die Butter- abgabe durch die Bürgermeisterei geregelt ist, sämtliche in die Gemeinden eingehenden Buttermengen von den Beziehern (Privatleuten, Händlern, Anstalten, Gast- und Speisewirtschaften. Bäckern und Konditoven uftv.) bei der Bürgermeisterei an gezeigt werden müssen. Es ist einerlei, ob die Butter durch die Post oder Eisenbahn, durch den Hersteller, durch Händler oder Butter- und Milchfrauen eingebracht, vom Bezieher abgeholt oder in irgend einer anderen Weise dem letzteren übermittelt wrrd. Anzeigepflichtig ist in jedem Fall der Bezieher. Diese eingehenden Butterineilgen finb dem Bezieher bei der Butterverteilung anzurechneu. Wenn die bezogene Butternrenge größer ist als die Meuge, die dein Bezieher bei der Verteilung zustäude, so ist ihm der Ueberscyuß zu belassen, weil sonst die Gefahr entsteht, daß der Bezieher kein Interesse daran hat, sich selbst weiterhin mit Butter zu versorgen und danii ebenfalls versorgt werden müßte. Soweit es den Großh. Bürgermcistereieit möglich ist, sollen sie daraus hinwttken, daß die Händler und Buttersrmten die im freien Verkehr gelassene Landbutter iu möglichst kleineii Mengen und demnach au möglichst viele Haushaltungen abgeben. Es liegt im dringenden Interesse der Eiwvohner der Bedarfs gemeinden, daß der Bezug lückenlos angezeigt wird.
**Sch-ont die Felder und die Wiesen. Die Bevölkerung muß immer wieder daraus hingewiesen werden, auf Ausflügen die Felder mtb Wiesen nicht zu betreten. Selbst geringfügige Schädigungen bedeuten im ganzen eine wesentliche Beefti-
Die Psychologie der feindlichen liriegsgesangenen.
Ter hervorragende polnische Schriftsteller Vincent Rzy- molvski, der nach der Einnahme Warschaus durch die knutsche Ar- chee infolge einer Unbedachtsamkeit mit der neuen Staatsgewalt m Konftikt kam und einige Zeit in einem deutschen Gefangenenlager zubrmgen mußte, hat in einem zu Warschau gehaltenen Bortrag seine Eindrücke von seinen Mitgefmigeuen festgehalten mtb damit einen wertvollen Beitrag zur Psychologie unserer Femde geltefett, deren Wesensart sich in der (Gefangenschaft so klar oßenbart. Diese Anschauungen eines objettiveii Beurteilers, die in ernem markanten Ausschnitt das Völkergemisch der Entente und die gegensätzliche Stellung unserer Feinde zueinander beleuchten, werden in deutscher Uebersetzung im neuesten Heft des Grenz bc^en wieder gegeben. „Tie Gefangenenlager," sagt Rzy- mowski, „sind für den Beobachter, um so wertvoller, als sie ihm erlauben, in den Mittelpunkt der Elemente der Koalition hineinzugehen und gewisse Geheimnisse sh-res Baues zu erfassen, die erst unter ihren Trümmern zum Vorschein wmmen So lange
der Bau steht, ist es schwer, seine schwache Stelle zu erforschen_
Tie von mir gesehenen Gefangenenlager, gleichsam erfüllt mit Kriegstrümmeru, mit Trümmern der Kbalitiou, bilden einen solchen schwachen Punkt, der unsichtbar und verborgen ist für das Auge im gemeinsamen Bau und zeigt, nach toelcher Seite hin der Bau der Koalitionsmackste seststeht, von welcher Seite aus er zu- lammenstürzen wird. . . . Keine europäisck)e Hauptstadt kann sich einer solchen Mannigfaltigkett 'bet Nationen, Stämme. Raffen und Abatten der Menschen rühmen, tvie das erste beste Gefangenenlager in -Deutschland. Der Russe neben dem Engländer, der Kanadier neben dem Tunguseu, der 'Australier, Franzose, Araber. Ire neben dem Mohren, der Tatar, Litauer, Pole, Jude, Ru- thene, Marokkaner: alle Hautfarben, alle Stufen der Zivilisation, alle geographischen Breiten, alle Religionen der Erde, lediglich durcki Sttenge zusammengehalten, geben sie sich in der deutschen Gesangenschast ein StelWicheftl. Erst im Gefangenenlager ]xeS)t man plastisch, mit loem die Zentral machte Krieg siihren:
der ganzen W<lt." In diesem Bölker<pewirr nimmt der Engländer bre erste LtelllwZ ein. sogleich erkennt man in ihm dre Stütze und Triebfeder der Koalition Für ihir bedeutet die GefangQffchaft nicht eine psychische Katastrophe, sondern nur ein neues Lstadrum des Kriegsgeschäftes, in das er sich eingelassen „Als er sich anwmöen ließ und in d«t Krieg zog, lyatüc er mit dem VaterlMid seinen Kontrakt gemacht, in dem alle Möglichkeiten des Schichals unter entsprechenden Paragraphe.l vorgesehen sind Wenn ihn dre GefLllgechchwt getroffen hat. tritt bei bestimmte Paragraph des Kontraktes ins Leben, so wie ein andeter Para-
amph m Wirksamkeit träte und die Existenz seiner Familie licherte für den Fall, daß er zrrm Krüppel würde oder den Tod erlitte. Man kann nicht sagen, daß er in der Gesanyenschast leidet oder daß er überhaupt an der Gefangenschaft trägt: man könnte eher sagen, der Engländer erledige die (Gefangenschaft so, wie man fedes aridere Geschäft (Busineß! erledigt. Das Vaterland versieht ihn mit allen novvendigen Dingen, es versieht ih:r reichlich und getreulich."^Gibt sich der Engländer auch noch in der Gesangeii- schaft als Sohn eines Herrschervvlkes, so erscheint der Fran- A>ose als der „Bourgeois", dem vor allem an seiner Begucm- lichkeck siegt. „Er behandelt alle Probleme nur mit dem Organ ße3 Feinschmeckers, Liebe, Literatur, Kunst, Politik. Nation. Staat. Geschichte — das alles würdigt er nur vom Standpurrkt
^attsems, der Bequemlichkeit und des ('Genusses. H^esa^- und Risiko sind aus dcni Budget seines Lebens gesttichen und aus das Gebiet des Sports und des Gesellschaftsspiels übertragen. Im Geiangeneickager opfett er sogar die heilige Idee der „Revanche". Wahrend in der Pariser Presse unablässig der Ruf nach der Rückgabe Elsaß-Lothrnugens ettönt, weckt er unter den Orangenen nur em Achselzucken." Neben diesen beiden Aristokraten des Ge- sangeneulagers ist der Rust sc der „gevormre Proletarier, der arme Teufel, der aus Natur und Anlage in der demüttgen Haltung des Wieners gegenüber jeder Macht 'und jeher Wohllmbenhett dasteht. Arim er in der deutschcil Gefangenschaft mit seinen westlichen Bundesgenossen, deni Engländer oder Franzosen, zusammenttitt, begrüßt er sie ntsttnktiv als ferne Herren.' der Franzose oder Engländer ijt für den Russen vor allem „darin" (Herrst Der Stand der Gefangenschaft ruft in seinem Leben keine mvralisthen Er- fchütterungeu l-ervor: er fühlt sich — und er unter allen ganz allem —- nicht gcdemütigt durch die Gesänge imahme. Sein Nacken wurde nicht gebeagt, weil er sctpm vordem gebrocheu war." Mil einem vertteften Gefühl für sein Elend entsteht aber in dem russi- sckxen Gefangenen zugleich ein starker Haß gegen bfee reicheren Verbündeten. und nrü^uoch bittereren GMhleu' gedenken die Hindus, die Mohren vom Senegal, alle die unterjochten und zum Kriege getriebenen Söhne frencher Stamme ihrer Herren.
»
— Rasiaels „Sc lb sttbi ld-nis" — ein Fraucn- portr-ät! Das berühmle Raffaelbildnis der Czattoryski-Obckerie m Kvakou ist bekanntlich mit einer Anzahl anderer 5^auptstücü' dieser schönen Sammlung vor den drohenderi Kriegsstürmen nach Dresden ausgewandert: und während das ZLerk in .Krakau mrr selten von Forscher i Licjidi.ir wurde, ist es seck seiner llcber- ftedeluna iu die sächsiscl/s ' - strdl nun Gegenstände eifrigsten
Studiums ouru) ei- :.uuuhi lor'cked geworden. Seit dem Sliche,
den Paul Ponttus nach dem herrlichen Bckde verössenllicht hat, galt es allgemein als ein Selbstbildnis des Urbinaten, und Lavater, der Physiognomiker, ljat unter Bezug auf das Czar- toryski-Porttät sogar das Wort gesprochen, „es brauche ein solch Gesicht, um so zu malen." In neuerer Zeit hat man nun freilich dre Annahme, daß das Krakauer Bildnis des Meisters eigene Erscheinung wicdergebc, mehr und mehr verlassen und ljat das Porträt aur airderc Persönlichkeiten, besorrders aus Francesco Maria della Rvvere, den Neffen des Papstes Julius II., umschreiben ivollen. Indes weist einer unserer bewährtesten Rassael- Kenner Dr. Oskar Fischet im neuen Hefte des Jahrbuches der Königlichen Preußischen Kunstsammlungen daraufhin, daß das Czartorysri- Porträt weder dem Clmratter noch dem äußeren Aufzuge nach auf den Rovere paßl, der als Herzog von Ilrfmtn, Präfekt von Rom und Baimerhert der Kirche sich sicherlich nicht in der malerrschckarnevalistischen Ausmachimg hätte malen lassen. ' die das Bild zeigt. Die Lösung, die Fischet tvahrscheinlich macht, ilt recht überraschend und entbehrt selbst eines gewissen Humores nicht: er erklärt uämlrch das Bildnis für cm Frauenpotträt. Darauf weist vor allem die Haattracht der dargestellten Persönlichkeit hin, denn mit diesem bis auf die Büste fallenden Haar hat sich hundert Jahre vor dem Dreißigtahrsgen Kriege kein Mann gezeigt, rmd vollends erscheint das Haargekräusel iwm Scheitel jeitlick über die Schläfen nur bei einem toupierten .Kopse möglich. Dazu kommt das Weibliäx' der Gesamter! chemung, der Charakter der Hände, der zattcn Beivegungen. B^aubert von dem Reize eines iveiblichen Modells hat Raffael ihm ein Barrett aufs schöne, offene .Haar gedrückt, einen Pehnnaittel lose um die Schullern gelegt undsv serne Züge und Erscheinung sestgeiialten. Wer aber ivar dies Modell? Am diese Frage gärt Fischet unter Beibringung eines reichen Büderstoffcs die AnVvvrt, daß wir in dem Czattvryski-Bckdnifse die Züge der derühntten. fteckah halb mythischen Geliebten des Meisters, der Fvrnarina erkennen dürfeii, jener schönen Bäckerstockster von Trafkenere. dre emen so reinen und vollkommenen Typus rönnsckrcr Frauen schön ixut dar- gestellt zu haben scheint. Seit der llebersüLelung Raffaels nach Rom kehren ihre Züge in mamrigfackZer Form in einer ganzen Reihe jpoii Bildern wieder. Das früheste Fornarma-Pvrträt er- kennt Fifchel in der berühmten Donna Velata des Palastes Pitti. und zum letzten Male, nicht vlmc, daß ihre Züge dre Zeichen der Entwickelung auftoeisen. crscheiitt sic aus eiuenl Straßburger Bilde. In der Mitte steht ihre Darstellung an! dem Gemälde der Czartorysii-Sammlung. das durch seine Wärme und seine Zartheit beredt bekundet, wie ttci Raffael von dem Reize seinen schönen Freundin erftlllt war, als er das Werk schuf.


