aSeä daranzusetzen, 5i5 ein Sieg erfochten ist, der unsere Zukunft nach jeder Züchtung hin sicherstcllt, daun ist das nicht ein Verdienst der Handhabung der Zensur, wie man ste beliebt hat, sondern das ist eine Naturgewalt, ein elementares Gefühl, das sich nicht hat Niederdrücken lassen! Von seiten der Presse hat man dem Reichskanzler mit Recht vorgeworfen, daß er nicht verstanden habe, aus der Presse nach innen und außen dasjenige Instrument zu machen, das sie vermöge ihres nationalen Empfindens hätte sein können. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn man nach einem Mittel gesucht hätte, die opferfreudige Stimmung systematisch zu versumpfen, fo hätte man die Art der Handhabung der Zensur wählen müssen, wie man sie gewählt hat. (Lebhafter Beifall.)
Staatssekretär Dr. Hclfferich:
Wir sind wohl alle über die Frage einig, daß uns wohlerer w^re, wenn wir die Zensur nicht nötig hätten. Wenn mich etwas in diesem Eindruck bestärkt hat, dann sind es einige Bemerkungen der heutigen Aussprache. Ich kann es nicht als nützlich ansehen wenn die Verfügungen der Zensur, die immerhin ihrem Charakter nach militärisch geartet sind, wenn sie auch zu ihrer Verhängung andere Motive gehabt haben, hier in der Oeffentlichkeit erörtert werden und es erscheint^ mir namentlich nicht wünschenswert, vertrauliche, nur für d'e Redaktionen bestimmte Weisungen hier vorzubringen, die in der Kommission vorgebracht wurden und nur dort vorgebracht werden sollten. Durchkreuzungen der Absichten der Leitung unserer Militärs und auch der Leitung unserer Politik müssen vermieden werden Ich glaube, wir sind auch darin einig, daß die Zensur ein notwendiges Uebel ist. (Zuruf bei den Soz.: Gin Nebel!) — Die meisten Redner aus dem Hause haben doch erklärt, daß ihnen die Anträge auf Aufhebung des Belagerungszustandes und Beseitigung der Zensur nicht richtig erscheinen. Das ist t-uch mein Standpunkt. Wir werden bei »er Zensur allerdings bleiben müssen. Die Zensur besteht ja nicht nur bei unk.
Den Herren auf der Linken ist ja bekannt, daß in den republikanisch regierten Ländern die Zensur in demselben Umsange besteht wie bei uns. (Sehr richtig!) Sie arbeitet mit verschiedenen Methoden. Sie arbeitet auch mit einem verschieden gearteten Publ'kmn. Sie arbeitet hier mit etwas mehr und dort mit etwas weniger Geräusch. Aber arbeiten muß sie überall, und sie arbeitet dort am besten, wo sie am geräuschlosesten arbeitet. Wenn wir so über die Notwendigkeit der Ausrechterhaltung der Zensur einig sind, so, glaube ich, kann auch daran kein Zweifel bestehest, daß die Zensur in militärischen Härchen liegen muß. daß sie von militärischen Stellen gehandhaöt werden muß. Das ijt ein wichtiger Punkt. Wenn es vorhin so dargestellt worden^ in, als ob die militärischen Stellen lediglich die Sprech- maschincn der Zivilstellcn ftnd, so unterschätzen Sie unsere Militärs. Unsere militärischen Stellen haben ihre eigene Meinung stets gezeigt, einerlei, von welcher Stelle Wünsche an sie herangekommen sind.
Es scheint mir nicht angängig, den Kreis, auf den sich die Zensur erstrecken soll, allzu eng zu beschränken durch die prinzipielle Ausscheidung dieser oder jener Gebiete. Der Krieg umfaßt alle Gebiete unseres ganzen öffentlichen Lebens. Er wird nicht nur geführt von unseren Truppen draußen, nicht nur geführt in der Form des Wirtschaftskrieges, er wird auch geführt in Druckerschwärze, und er wird von dem Gegner sehr oft geführt gegen uns mit unserer eigenen Druckerschwärze. Deshalb ur es nicht denkbar, zu sagen, die Zensur muß sich auf rein militärische Dinge beschränken, denn das Militärische spielt in alles hinein, am allermeisten in die Politik. Welche Mitteilungen. Aufsätze, Kommentare und dergleichen auf die gesamre politische und militärische Situation eine Einwirkung zu unseren Ungunften haben könnten, da« zu entscheide» ist im einzelnen Falle der militärischen Stelle Vorbehalten. Die Frage der staatsrechtlichen Verantwortung ist dahin zu beantworten: die Verantwortung kann nur derjenige übernehmen, der die Maßnahmen nach seiner Entschließung trifft. Wenn wir auf dem Standpunkt stehen, daß die Zensur im Kriegsfälle nur nach Ermessen der militärischen Stellen gehandhabt werden kann, so ist damit formell die Frage der staatsrechtlichen Verantwortung erledigt.
Der Abgeordnete Dr. Pfleger hat gestern die Auffassung ausgesprochen, es sei eine unwürdige Stellung für den Reichskanzler, daß die militärischen Stellen die Zensur auszuube« hätten. Ich glaube, der Fürst Bismarck hat ein Ge- ftihl Nir die Würbe gehabt, die dem Reichskanzler zukommt. Und FLHt Bismarck hat am 18. September 1870 an Johann Jacoby, der sich an ihn wegen Zensurangelegenheiten wandte, einen Brief gerichtet, in dem es heißt: „Ich vermag auf Ent- schließusgen des Königlichen Generalgouverneurs, besten Wir- kunjKkreis außerhalb meiner amtlichen Kompetenz liegt, einen direkten Einfluß nicht auszuüben. Ich werde mich fteuen, wenn ich die Ueberzeugung nach Einsichtnahme in die Vorlagen gewinne, die mir oestaitet, für die Erfüllung Ihrer Wünsche tätig zu sein."' Alqo der Fürst Bismarck hat sich erst überlegt, ob er für die Erfüllung dieser Wünsche tätig sein kann und hat ausdrücklich hervorgehoben, daß ihm eine direkte Einwirkung auf die militärische Stelle in diesen Dingen nicht zustehe.
Ich glaube, wenn der Fürst Bismarck ein solches Verhältnis zu den militärischen Instanzen nn Kriege mit seiner Würde für vereinbar gehalten hat. so kann der gegenwärtige Reichs, kanzler es wohl auch. Materiell ist zu der Frage der Der- antwortlichkeit folgendes zu sagen: In Preußen wird auch eine Zivilzensur durch den Minister des Innern ausgeübt. Für diese hat der Minister des Innern die Verantwortung übernommen. Dieses Gebiet scheidet für daS Reich aus. Für d a S
Reich gibt es keine Zivilzensur. Für das Reich wird die Zensur nur durch militärische Instanzen ausgeübt. Sobald eine Einwirkung aus die militärischen Instanzen in Frage kommt, soweit Wünsche, Anregungen ziviler Stellen, die unter der Verantwortung des Reichskanzlers handeln, an die militärischen Stellen herankommen und von diesen befolgt werden, hat der Reichskanzler vorbehaltlich der staatsrechtlichen Lage die Verantwortlichkeit. Aus dieser Sachlage hat auch der Staatssekretär des Auswärtigen heute die Konsequenzen gezogen und hat erklärt, daß er die Verantwortung für die Anregung des Auswärtigen Amtes an die Militärzensur m Sachen des Artikels der Kreuzzeitung übernimmt.
Es ist unmöglich, die öffentliche Meinung zu reglementieren aus den notwendigen militär politischen Gesichtspunkten heraus, ohne daß da und dort schwere Unzuträglich ketten e n t ff e h e n. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist noch viel schwerer, die geistige Ernährung eines Volkes zu reglementieren als die materielle Ernährung. Aber die Unzuträglichkeiten, die da entstehen, müssen eben in den Kauf genominen werden. Wo sie vermeidbar sind, wird man Abhilfe treffen. Die Reichsleituyg ist auch seither bemüht, die Handhabung der Zensur zu bessern durch Errichtung des Kriegspresseamts und durch Errichtung der Oberzensurstelle. Soweit ich sehen kann, haben diese Einrichtungen auch in gewisser Beziehung gewirkt. Es ist durch Aufklärung, durch unmittelbare Fühlungnahme der Presse mit derZensur- st e l l e eine ganze Reihe von Mißverständnissen von vornherein ausgeschlossen worden. Es ist der Presse die Möglichkeit gegeben worden, vertraulich etwas mehr hinter die '.Ku- I i s s e n zu sehen, in das Gehirn zu blicken, aus dem die Direktiven entspringen.
Mancher nach der sensationellen Seite hin ausgeschmückte Artikel über die Verhältniste bei uns, der draußen mit Freuden ausgenommen worden ist, wäre aber trotzdem sicher besser unterblieben. (Zuruf: „Berliner Tageblatt!") Bei der
Steuerfrage wurde der Wunsch ausgesprochen, daß die Zensoren die öffentliche Diskussion über die St euer frage nicht verhindern möchten. Ich habe in der Tat in weitgehendstem Maße dahin gewirkt, daß solche Behinderung nicht stattfinde. Das ist auch im großen und ganzen nicht geschehen. Dieses Versprechen ist eingelöst worden Ich glaube, das ist der einzige Weg, auf dem wir weiterkommen können in der Handhabung der Zensur. Ich hoffe, daß die Verhältnisse uns ge st alten, weiterhin einen Abbau der Zensur vorzunehmen. (Beifall.)
Ministerialdirektor Dr. Letvald:
Rechtlich ist die Frage der Verantwortlichkeit dahin zu erklären: eine Verantwortlichkeit kann nur der übernehmen, der die Maßnahmen, Handlungen usw. anordnet. Das trifft aber bei den Zensurmaßnahmen tn bezug aus den Reichskanzler nicht zu. Wie die Reichs lei tu ng die Verantwortung für Handlungen der Exekutivorgane der Einzelstaoten ablehnen muß, muß sie auch die Verantwortung für die Anordnungen der Militärbehörden ablehnen, aus die jetzt die vollziehende Gewalt übergegangen ist. Ich glaube, das ist eine bündige staatsrechtliche Deduktion.
Die Befugnis, eine Bittschrift .an den Reichstag z u r '. ch t e n , i st k e i n R e cht. Der Reichstag hat nach Artikel 23 der Reichsverfaffung nur das Recht, an ihn gerichtete Eingaben der Recherung zu überweisen. Dies Recht äst dem Pros. Schaefer und seinen Freunden in keiner Weise beschränkt worden. Die Bittschrift ist an den Reichstag gekommen und wird von ihm vielleicht an dre Regierung überwiesen. Beschränkt worden ist höchstens das Agitationsrecht des Prof. Schaefer, das gebe ich zu. und zwar wegen Umgehung einer von den militärischen Instanzen getroffenen Anordnung, wonach b\e Verbreitung Der betreffenden Anschauung durch die Schrift verboten war. Die Auftastung des Abgeordneten Hirsch- Essen würde schließlich die Konsequenz haben, daß unter dem Belagerungszustand vollständige Freiheit bestehen würde, Bittschriften zu verbreiten. Da hätte auch der Abgeordnete Liebknecht seinen Aufruf in derselben Form verteilen können! Wäre dann der Abgeordnete Hirsch auch so entrüstet gewesen? Ganz abgesehen davon, ob eine strafbare Handlung darin lag.
Der Abgeordnete Pfleger hat in einem Falle gefragt, wo die Zensur geblieben sei. Da hätten wir schon die Präventivzensur einführen müssen. (Zuruf bei den Soz.: Sie ist doch da! Im Rheinland!) In ganz verschwindendem Umfang bei wenigen Blättern, die wiederholt gegen die Anordnungen der Zen- surbehörden verstoßen haben, ist sie verhängt. Es betrifft etwa ein Zehn tausendstel der deutschen Presse. Ich gebe ohne weiteres zu. daß die Verhängung der Schutz- Haft unser Rechtsempfinden verletzt. Es läßt sich mit unserm Rechtsempfinden schwer vereinbaren, daß jemand verhaftet wird, ohne daß er binnen 24 Stunden dem Richter zugeführt wird, einen Verteidiger erhält, eine Beschwerdeinstanz hat und daß er womöglich lange feslgehalten wird. Aber der Krieg bringt harte Notwendigkeiten mit sich. Was der Ausschuß wünscht, besteht heute schon tatsächlich. Die im Anfang des Krieges in Elsaß-Lothringen verhängten Schutzhaften sind auf Veranlassung des Reichskanzlers und des Kriegsministers inzwischen dreimal nachgeprüft worden und eö wird ständig geprüft, ob nicht Erleichterungen gewäbrt werden können und ob die Gründe für die Fortdauer der Haft noch weiterbestehen.
Bei der Schutzhaft handelt eS sich nicht um ein Strafverfahren, sondern um die wirksame Beseitigung von Kräften, deren Hervortreten die Erreichung des Kriegszweckes erschwert. Bei der weiten Verzweigung der Spionage kann man oft den Beweis nicht erbringen, weil das Belastungsmaterial oder die
Komplicen im Ausland sitzen. Durch Bestellung eines Verteidigers oder Anhängigmachung des Prozesses würde man die Tatgenossen nur aufmerksam machen.
Die vom Abgeordneten Emmel beklagten Beschränkungen lasten sich zum Teil nicht vermeiden, well Mühlhausen so nahe am Kriegsgebiet liegt. Auch nach Ansicht des früheren Unter- staatssekretärs des Reichspostamts, des jetzigen preußischen Handelsministers Shdow, mutz die Postverwaltung dem Ansuchen der militärischen Gewalt aus Auslieferung der Postsendun- gen entsprechen.
Vor lvenigen Tagen fand auch in Frankreich eine große Zensurdebatte statt. Ministerpräsident Briand sagte: Meine Herren, wir können nicht alle 14 Tage über die Zensur verhandeln, das ist in gewissem Sinne ein erschöpftes Thema. Die Beschwerden, die vorgebracht werden, werden von uns ernst nachgeprüft. Eine Aenderung des bestehenden recht- lichen Zustandes durch Vortage eines neuen Gesetzes kann meiner Ansicht nach während der Tauer des Krieges nicht in Frage kommen. Wenn wir unter der Erregung, die jetzt unter den Parteien besteht, eine Gesetzesvoclage einbringen. würde sie eine Gestalt gewinnen, die für die verbündeten Regierungen unannehmbar wäre, und zu den erbittertsten Kämpfen führen und gerade das zerstören, was die Zensur erreichen soll: die Eintracht zwischen den Parteien!
Abg. Mertin (D. Fr.):
Der einzige Ort, wo man noch Beschwerden Vorbringen kann, ist der Reichstag. Dieser Weg darf nicht noch. verschlossen werden. Den Ausführungen der Redner der Konservativen, der Nationalliberalen und des Zentrums können wir zustimmen. Den sozialdemokratischen Antrag aus Aushebung des Belagerungszustandes lehnen wir ab, den Entschließungen des Ausschusses stimmen wir zu. Die Verhinderung der Samm- lung von Unterschriften zu einer Petition ist unzulässig: man darf auch die Dietrich Schäsersche Petition nicht in Arrallele mit dem Liebknecht schcn Aufruf stellen. (Zuruf links: Warum nicht?) — Weil dieser offenbar Landesverrat ist. Warum gibt man denn nicht endlich einmal die Erörterung der Kriegsziele frei? Man erreicbt dadurch nur eine Flut von Privatdrucken, wie sie uns täglich zugehcn, die gewiß viel schärfer aussallen, als wenn man erlaubte, diese Frage öffentlich zu besprechen. Viele ernste Leute haben bange Sorge, daß die Verbindung zwischen den Ansichten der Regierung und der Bevölkerung nicht rechtzeitig hergestellt werden wird. Nehmen Sie diesen schweren Druck endlich von unserem Volke.
Abg. Dittmann (Soz. A.-G.):
Es bleibt alles beim alten! Das ist der Inhalt der Erklärung des neuen Staatssekretärs. „Wie er sich räuspert, wie er spuckt, das hat er ihm glücklich abgeguckN — nämlich .Herr Helsscrich dem Fürsten Bismarck. (Heiterkeit.) Seine Auffassung steht im kras- iesten Widerspruch zu den Absichten bei Erlaß des Belagerungszustandes; in den Quellen ist keine Spur von der Theorie der Unverantwortlichkeit zu finden. In der Zeit der ärgsten Raktion hat man sogar vom Regierungsti'ch aus die Ministerverantwortlichkeit anerkannt. Bismarck hat allerdings 1870 einen anderen Standpunkt vertreten. Der Norddeutsche Reichstag hat das Kontrollrecht des Reichstages ausdrücklich festgestellt. Was man uns heute als höchste .Weisheit vorsetzt, bezeichnete man damals als Wachtstubenjurisprudenz. Der Kommandant von Sieben- Hofen droht politische Schutzhaft an, wenn seine Befehle übertreten werden.
Auch ein Abgeordneter, der Eingaben an den Stellvertreter des- Reichskanzlers richtete, wurde mit Schutzhaft oder Stellung unter Polizeiaufsicht bedroht. In meinem Blatt in Elberfeld wurde sofort nach Verhängung des Belagerungszustandes ein Schutzmanasdoppelpoften un Maschinensaal Tag und Nacht mit dreistündiger Ablösung ausgestellt, um zu verhindern, daß etwas gedruckt werde, was nicht der Vorprüfung unterlegen habe. Und da stellt sich der Ministerialdirektor hin und behauset, es gäbe keine Präventivz-nsur. Ueberall haben wir sie. in Solingen, Halle, in ganz Deutschland. Die bürgerlichen Blätter dürfen bei uns alles bringen, uns wird es verboten. Das ist eine parteiische Zensur. Die ganze Berliner Presse durfte die national- liberale Kriegszielentschlietzung abdrucken, htm „Vorwärts" wurde es verboten. Lehnen Sie die Steuervorlagen ab, wenn der Belagerungszustand nicht ausgehoben wird.
Ministerialdirektor Lewald:
Sie werden eö begreiflich finden, daß nach dieser sehr leidenschaftlichen Rede, um sie milde zu charakterisieren, von dieser Stelle ein paar Worte gesagt werden. Herr Dittmann hat am Schluß seiner Rede den Reichstag aufgefordert, die Steuervorlage u und die Kreditvorlage abzulehnen und so das Reich wehrlos zu machen. (Lachen bei der Soz.- Arbeitsgem.) In der Sprache des Abgeordneten Dittmann »vare das eint Erpressung genannt worden. Die Fälle, die er vargeiragen hat, sind mir zum großen Teil unbekannt, ich werde Gelegenheit haben, Dienstag darauf zurückzukommen. Ich muß aber mein lebhaftes Bedauern darüber aussprechen, daß in dieser Weise hier solche Reden gehalten werden. (Lärmende Zurufe des Abgeordneten Ledebouc.)
Vizepräsident Dover
Herr Abgeordneter Ledebour, jetzt spreche ich? (Heiterkeit.)
Das Haus vertagt sich. Nächste Sitzung: Dienstag, de« 30. Mai, 11 Uhr: Kurze Anfragen, Fortsetzung der Zensuraussprache, Steuervorlagen.
Schluß nach 3 Uhr.
Eduard Grützner.
Nu seinem 70. Geburtstage, 26. Mai.
Eduard Grützner ist ein Vertreter der klassischen Münchener Genremalerei. Er zählt nicht zu den problematischen Gestalten der modernen Kunstgeschichte. Sein Schaffen ist schlicht, frisch und natürlich, und eben diese Eigenschaften haben dem Künstler über die Grenzen Deutschlands hinaus Ruf und Verehrer gewonnen. Den Kenner erfreut an seinen Werken der eAe und etliche mrckerische Sinn, der am feinsten im Stilleben zur Wirkung kommt; das große Publikum aber hat Grützner gleichsam im Sturm durch seine glückliche Erfindungsgabe und seinen herzhaften Humor erobert. Erfindung Und Humor — beibe sind bei Grützner echt. Er malt keine Theater-Genrebilder, künstlich ausgesonnen und mühsam zusammengestellt, sondern er hat all die gemütlichen Stunden behaglichen Genusses unter den geistlichen Herren und den Mönchen, er hat seine frischen Jäger und — nicht zuletzt! — er hat seine Falstaff-Gestalt wirklich erlebt; es ist Blut von seinem Blute in all diesen so bekannt gewordenen Figuren, und das ist es, was ihnen Ueberzeu- gungskraft verleiht. Sein Leben hat sich insofern glücklich gestaltet, als er sogleich, nachdem er das eigentlich Feld seiner Begabung gefunden hatte, zu Anerkennung und Erfolg gelangen konnte.
Zu Gwßkarlvwitz bei Neiße in Schlesien als Sohn eirres Landwirtes geboren, der sieben Kinder und für sie nicht allzuviel zu essen hatte, mußte der junge Eduard schon frühzeitig sich nützlich S'u machen suchen. Auf dem Felde und beim Viehhüten tat er sein Bestes; weil er sich aber frühzeitig als ein geweckter Junge zeigte, fo wandte der Ortspfarrer Fischer ihm seine Teilnahme zu, und dieser Mann ist es gewesen, dem Grützner eigentlich die Gestaltung feines Lebens verdankt. Er nahm sich der Ausbildung des Jungen an, er verlor auch nicht das Interesse und die Geduld, als seist Schützling auf der Schule war, nicht recht mit wollte und es sich herausstellte, daß nie und nimmer ein „geistlicher Herr" aus ihm werde,! würde; er erwirkte seine Uebersiedelung nach München und öinicte ciM so die Pforte zu dem Berufe, auf den Grützner eine frühbewahrte Begabung deutlich hinwies. In München, wo der
junge Schlesier im September 1864 eintraf, arbeitete er in der Akademie mit voller Hingabe, und im Jahre 1867 war er so weit, daß >er in die Schule Pilotys eintreten konnte. Pilotys Ideal war es, seine Schüler zu Historienmalern heranzuzüchten; von solchen ist schließlich aus der Schule nur eine Keine Anzahl hervor gegan gen, aber eine ganze Reihe hochbedeutender Talente hat durch Piloty die wirksamste Förderung erfahren, und so bildet seinen Ruhm als Lehrer gerade das, was er seinerzeit persönlich als Fehlschlag empfunden haben mag. Mit Grützner ist es ihm auch nicht anders ergangen. Vewebens quälte der sich an einem Motive aus btt englischen Geschichte; aber während einer ^Abwesenheit seines Meisters im Jahre 1868 malte er, frei aus sich heraus, sein erstes Mönchsbild ,Jm Klosterkeller", und als Pilot» zurückkam und sich das Bild beschaute, da saß er, wie Fritz v. Ostim erzählt, lange schweigend davor, um dann aufzustehen und „Brav!" zu sagen. Wieder einer, der der Geschichtsmalerei durch die Lapjoen ging und der doch — oder vielleicht eben deshalb? — ein ganzer .Kerl und Künstler war! Das Mönchsbild fand bald, wie Pilotys, so auch anderer Anerkennung; es'ward verkauft, und auch seine Nachfolger gingen ab, wie man zu sage,! pflegt, lme warme Semmeln. Schon nach drei Jahren Münchener Arbeit war Grützner im sicheren Hafen. Lang ist ja nun die Reihe der Bilder, säst unübersehbar die Zahl der Motive, die er dem weltlich-behaglichen Leben der bayerischen Klöster abgcwonnen hat. Im Refektorium, im Bräustübl, im Weinkeller, in der Bibliothek: überall hat. er die Freuden der Patres und Fratres belauscht und mit anteilnehmendem Vergnügen fröhlich geschildert, ohne je ins Plumpe yu verfallen oder sich gar einer Unartigen Ironie schuldig zu machen. Vielleicht muß mau es beklagen, daß ein so begabter Künstler wie Grützner sich durch die Beschränkung auf diesen seinen Lieblingskreis von Motiven immerhin einer gewissen Einseitigkeit hingegeben hat. Ein Gegengewicht bilden zum Glücke seine Falstaff-Bilder und -Zeichnungen, deren Anfänge gleichfalls schon in seine Frühzeit, ins Jahr 1869, zurückgehen. Tie besten Schöpfungen auf diesem Gebiete besitzt das Breslauer Museum in der Reihe von Falstaffz-eich- nungen. die vor allen verwandten Schöpfungen Grützners durch
Unmittelbarkeit und Geist der Erfindung wie der Ausführung au erster Stelle stehen. Die Gestalt des dicken Sir John hat Grützner mit einer seltenen Ueberzeugungskraft auf die Beine gestellt, den Trinkerhumor der berühmten WirtshauSszenen hätte wohl kaum ein anderer so übermütig-behaglich wiederzugeben vernicht, 'und alle bei den Falstaff-Szenen mitwirkendeu Personen sind fein, überzeugend und zugleich liebenswürdig charakterisiert. WaS Freiheit, Geist und Originalität betrifft, dürfen Grützners Falstaff-Darbietungen wohl als die Krone seines Lebenswerkes bezeichnet werden.
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— Eine Mo zartwo che in Lille Ans Lille wird uns geschrieben; Vom 15.—20. Mai veranstaltete das Königliche Opernhaus in Dresden in Litte im Deutschen Theater eine Mozartwoche. Gegeben wurde zunächst die „komische" Operette „Der Schau spiel di re klar", die in ihrer sauberen Ausführung wie ein Kabinettstück wirkte und manchen Zuhörer daran erinnerte, daß auch eine Operette wirkliche Musik enthalten darf. Allerdings ging der Inhalt dieses köstlichen Werkes wohl für manchen Feldgrauen verloren, denn es ist nicht ganz leicht, sich aus der Umwelt des Schützengrabens sogleich in die Intrigen- welt einer Wiener Kleinüühne zu versetzen. Leichter war das schon bei dem zweiten Mozartschen Werke, der „Entführung aus dem Serail", ebenfalls von dem Meffter als komisch' Operette bezeichnet. Die einfache Handlung verursacht nicht viel Kopfzerbrechen, so daß man sich mit umso größerem Genüsse den Schönheiten der Mozartschen Musik hingeben kann. Unter der Spielleitung des Kgl. Oberregisseurs Georg Tollner und der musikalischen Leitung des Kgl. Kapellmeisters Hermann Kutzsch- b a ch erfuhren beide .Werke .Hne tadellose Wiedergabe, die im Mozartschen Sinne als graziös bezeichnet werden 'kann. Hinzu kam, daß die beiden Hauskünstler des Deutschen Theaters, der Bühuenfachmann Warmbrunn von der Schauburg in Hannover und der- .Kriegsmaler O l b e r tz Bühnenbilder von stimmungsvoller Schönheit geschaffen hatten. F. U.


