Ausgabe 
16.5.1916 Zweites Blatt
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Rr. M Zwettes Blatt 166.

Erscheint tätlich mit Ausnahme deS Sonntags.

DieGi-tzener LamilienblTtter" werden dem

»Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sietzen'' zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Seit' fragen" erscheinen monatlich zweimal.

General-Anzeiger

Jahrgang

für Sberhesjen

Dienstag. f6. Mai lfylb

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schev Unwersitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießerr.

Schriftleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul­straße 7. Geschäitsstelleu.Verlag:^Kö1,Schrift» leitung: «^sK112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Grey über den Krieg.

London, 15. Mai. (zf.) Reuter tnÄdrt, Sir Edward Grey sagte rm Laufe einer Unterredung mit dent Vertreter der Tackst News": >

Wir können eine preußische Tyrannei über West­europa mit (Einschluß lder eatglisck-en Iirseln nicht dulden. Das Berspvechen Asquiths, Belgien arnd Serbien wiederherzustelten, mixt) ^halten averdeaa. Wir werden uns an die U eberein kuat ft hal­ten. me Nur unterz-eichnet haben, und nur in U-ebereinstinrntung mit mrseven Verbündeten Frieden schließe. Wir Verbündeten kämpfen ssär ein freies Europa, das nicht ltitt frei sein soll non der Vorherrschaft der einen oder mtderen Station über die anderen, sondern auch von jeder tyrannisck-en Dipbomatie und Kriegsgefal-r und von dem beständigen Rasseln mit dem Schwert in der Scheide und den beständigen Reden über glänzende Waffenrüstungen und Feldherren Wir kämpfen für gleiche Rechte uard für das Gesetz der Gerockrtigkeit und des Friedens, ftrr die Zivilisation der ganzen Welt und gegen die brutale Kraft, die weder Mäßigung noch Gnade kennt."

Ms Sir Edward Grey gefragt wurde, vb es sich nicht auch darmn handele, den preußischen Militarismus zu ver­nichten, antwortete Sir Edward Grey:Preußen will die Vor­herrschaft Preußens. Es will ein Europa, das von Preußen ge­knechtet und regiert wird. Es will über die Fr-eiheit seiner Nach­barn und über unser aller Freiheit verfügen. Wir erklären, daß ein Leben unter dieser Vorbedingung nickst zu ertragen ist, und das Gleiche erklären Frankreich, Italien und Rußland. Wir kämpfen auch gegen die deutsche Theorie, daß ein von Zeit zu Zeit wir4>erkehrender Krieg heilsam und selbst wünschenswert sei. Wir wünschen einen ewigen Frieden Europas, der gegen kriegerische Angriffe, gesichert ist. Deutschlands Plftlosophie lehrt, daß ein permanent-er Frieden zur Auflösung und Degeneration sükwe und die heldenhaften. Eigenschaften des Menschen zerstöre. Wenn diese Philosophie als wirkmrgsvolle Kraft bestehen bleibt, so werden eine «uige Sorge und Unruhe, ein ewiges Waffenrüsten und der Stillstand in der Entwickelung der Menschheit auf den Bahnen der Zivilisation intb der Menschlichkeit die Folge sein. Wir glauben, daß die Konflikte zwischen den Völkern mit anderen Mitteln geschlichtet werden müssen als mit Krieg. Diese arideren Mittel führen stets zum Erfolge, wenn der gute Wille da ist und die Lust zum Angriff fehlt. Wir haben Vertrauen zu einer in­ternationalen Konferenz." Grey erinnert daran, daß iich Deutschland geaveigert habe, einer Konferenz zuzustimmen, auf der die österreichischen Forderungen an Serbien besprochen werden sollten, und fuhr fort:Ich bitte Sie, beide Methoden, interna­tionale Konflikte zu lösen, näher zu betrachten, nämlich die Me­thode des Unterhandelns auf der einen Seite und die Kriegs­methode, die diesen Kampf gezeitigt hat, ans der anderen Seite. 'Ist die Katastrophe der Kriegsmethode nicht deutlich gering offenbar geworden? Industrie und Landet sind aus dem Gleise gebracht. Die Lasten des Lebens haben sich ungeheuer vermehrt. Millionen, von Männern snid gÄötet, itaib der blinde internationale Laß ist starker geworden. Das Werk der Zivilisation wird bedroht. Eine Konferenz, die wir vorgeschlagen harten, oder die der Zar vorge­schlagen hatte, und die in Laag abgehattren werden sollte, würde den Konftikt in etwa einer Woche beigelegt haben, und alle diese Katastrophen wären vermieden worden. Außerdem wären wir in der Aufgabe, eine dauernde Grautdlage für einen internationalen Frieden zu legen, einen guten Schritt vorwärts gekommen."

Der Korrespondent fragte, ob Sir Edward Grey glaube, daß die Neutralen jemals imstande sein würden, den Weg zum Frieden bahnen zn helfen. Grey antwortete:Die Ungerechtig­keiten, die mit diesem^ Krieg begangen worden sind, sind nicht aus der Welt igeschafft worden. Die Verbündeten können keinen ne­gativen Frieden dulden, der das Unrecht dieses Krieges nicht wieder gut macht. Wjenn Leute mit Friedensvorschlägen zu Mir kommen, dann lmiasisen sie nrir sagen, welche Art von Frieden ihnen vorschwebt. Sie müssen mich wissen lassen, auf welcher Seite sie juchen, denn die gegen einander kriegftihrenden Parteien sind nicht einig. Wenn sie z. B. die Auffassung hoben, daß Belgien unschuldig war, daß es ein unsagbares Unrecht erduldet hat. daß es wieder lhergestellt werden muß durch die, die es niedereoarfeir, daun sollen sie rrns das sagen. Friede nsverhaudlungeaa, die rein abstrakt zu Merke gccheu und keiue positiven Versuche machen, einen Unterschied zwischen Recht und Unrecht zu schaffen, sind zwecklos und ungeeig­

net. Grey widersprach nachdrücklich der Auffassung, daß vor dem Krieg irgendrvelche Verabredung gegen Deutschland bestanden Hobe, oder daß der Krieg Deutsch!aard aufgedrungen worden sei, und er wies darauf hin, daß sich Jstalieit bereits bei Beginn des Krieges geweigert habe, die deutschen Gedanken anzunehmen.

Der Vertreter derDaily Neros" eriuaaerte an die Auslassungen des deutschen Reichslänzlers, als er von Belgien als einem Bollwerk fhrlrch. Grey aaatwortete, daß Belgien ein Bollaverk gewesen sei, das Frankreich, Deutsch!arid nnd den europäischen Frieden verteidigt habe. Aber Deutschland habe dieses Bollwerk angegriffen und ver- armstetBethmann," snhr Grey fort,erkannte das deutsche Unrecht 9, 11 gelobte, Belgien wieder herzua'tellen, sobald die aarilitärischen Zrele Deutschlands erreicht avvrden seien.^ Jetzt sagt Bethmann, daß Status guo Lute aricht anöglich sei, i m Osten so aoenig wie im Westen, mit anderen Worten, die Uaiabhäaagigkeit Belgiens solle ebeaaso ver- schaviatden avie die Serbiens und. Montenegro, wenn die Verbün­deten sie nicht miede rherstellen könnten. Auf Eirund alles dessen sagen wir zu Deutschlaatd: Erkenne das Prinzip, das von allen, die die Freiheit hieben, anerkannt wiird, gebe t> e it Nationali - täten die wahr e Freiheit, nicht die sogenannte Freiheit, die durch die preußische Tyrannei den unter avorfenen Völkern aufer­legt wird! Mache das Unrecht toreder gart, soweit es wieder gut gemacht averden kaarn! Die Grundlage der englischen Annähcrungs- bestrebungeu der letzten Jahre avar die, sich garte Beziehungen zu sichern und den Konflikten mit anderen Mächten ein Ende zu macheaa. Die Uebereinkuarft mit Frankreich uaad Rußland avar n i cht gegen Deutschland oder gegen irgend eine andere Macht gerichtet. Der Zweck war aflem der, den Weg für einen bleibenden Frieden zu bahnen."

Ans die depffche Behauptung, daß Englawd das einzige Hindernis für den Frieden sei, sagte Grey:Niemand hat den Frieden nötiger als wir, aber wir haben einen Frieden nötig, der gerecht ist und die Achtung vor dem Völkerrecht wieder­herstellt. Frankreich, Rußland nach Italien brauchen nicht an­gespornt zu averden, den Krieg fortznführen. Sw avisiert, avaruaN sie im Kriege sind, und mit der Größe unserer Bewunderung hält die Größe unserer Mitarbeit an der gerateinschastli-chen Sache gleichen Schritt. Zavei Behauptungen kvmmeat aus deuffcker Quelle: Die eine ist bic, daß avir unsere Verbüatoeten hindern, Frieden zu schlie­ßen. Sie ist für die Neutralen bestimmt. Die zweite ist die, ross wir an einen Soaiderfrieden anit Deuffchland denken und die Absicht haben, unsere Verbündeten im Sftch zu lassen. Sie ist für den einen oder anderen unserer Verbündeten bestimmt. Beide Behauptamgen sindl durchaus unwahr."

Der Korrespondent sagte:Sie haben bemerkt, daß nach Beth- mann Hollweg England das einige freie Deutschland verarichten Null." Grey antwortete: Wir sind niemals so wahnsinnig gewesen, avir Ivollen nichts dieser Art, und v. Bethmann Lollaveg weiß das. Wir avürden froh sein, wenn avir das'deutsche Volk frei sehen, so avie wir selbst frei sein wollen, und wie avir.auch die anderen Völker van Europa rm sehen wollen. Es gehört zu den Grundprinzipten der polinschear Wissenschaft, und die Geschichte lehrt es zwar Ucherfluß, daß an a n kein Volk zu Sklaven machen ka nn. Das gelingt aricht. Man kann die Seele eines Volkes md)t durch' einen ausländischen Despotismus und durch Lärte töten. Wir denken nicht daran, uns auf eiare derartige Torheit gegen ein anderes Volk einzu lassen. Wir glauben, daß das deuffche Volk, wemr erst einmal die Träuure van einean Weltreich,, He die Pangeruvanisten hegten, verflvgear sind, darauf bestehen wird, daß es sich selbst: regieren wiro. lind darin liegt die Hoffnung auf die Freiheit und die UnabhWrgiglVert der Nationen in Derttschlarch.

Wenn die deutsche Deanokratie ancht .Komplotte für einen Krieg schiarredet, avie es der preußische Mlitarisaarars getan hat, der deaa Krieg machear avollte in den: ^lugenblick, den er dafür ausersah, aveaiar die Menschheit aus diesem. Kriege nicht lernt, in Zukunft Kriege zu vernrechen, so ist der Kvmpf ganz vergebens gewesen. Daaru amrd die ständige Bedrohung der Zerstöruarg und der Veranchtung über der Menschheit Haargen. Tie Deutschen haben jede Methode, Mearschenleben zu zerstören, ein ge führt. Die Vearutzimg der giftigen Gase uard ähnlicher Dinge ist vor vielen Jahren von unsren Heer- und Flottensührern eanpfohlen worden, aber avir haben sie als zac schrecklich für zivilisierte Völker verworfen. Die Deutschen kaanen,mit Treibminen aus offener See, die soarwhl für die Kriegftihrenden, wie für die Neartralen Gefahren brachten. Sie kämm nttt ^Zeppekrnen, die den Mord brachten, vhüe einen

Unterschied zu machen ,zwischen denen, die sie trafen, amb die pur geringen uard yrur durch Zufall milttärischeu Sämden aar­richteten. Sie fanten inrit Taarchbooteu, die unter Verachtung aller Gesetze der Barurherzijgkeit,aveutrale und kanegfuhrearde Schiffe arnd Besayungen verarichteten. Sie sind mft Einfall, Brmrdstiftung nach Beschlagnahme über grarschuldige Völker hergefallen. Sie i'ind niit Giftgasen gekonnaren ^und flüssigenr! Feuer. Alle ihre avisseu- schaftlichear Talente haben sie mrf 'die Zerstörung >.wn Menschen leben angeavaardt, und sie sind die UrsaciTe gewesen, daß all diese Dinge im Kriege allgenrein gebrauchst aoerden amaßteir. Wenn sich die Wdenschheit nicht «gegen den Krieg zusaaarmenschließen kann, und wearn der Krieg andaarern nauß, dann können sich die Völker \v. Zukuarft nur dadurch verteidigear, daß sie alle vermichtenden ^Nittel gebrauchen, die sie,rtur erfutbeat fimaien amb die Hilfsguellen und Ersinduargan der Wissenschaft iwerden schließlich, statt der Mensch­heit zu dienen, die Menschheit v ernichten.

Die Deutschen bel^aupten, daß ihre Zivilisation so außerordent­lich überlegen ist, daß sie ihnen ern^natürliches Recht gebe, sie der Welt mit Gewalt aaffzi rer legen. Sollte das wichttge Ergebaris der Kasttur eiare derartige Hinsäst-achtarng von Menscl-ear sein, wie si" djpser Krieg ergebear hat, so daß sie zir einer allgeanemen Aus- rottuarg führt? Die preußische Regieranlg hat offearbar mir eine Auffassung awn dem Frieden, näaarlich von einem eisernen! Frieden, der den aarderen Völkern darrch die Uebernaacht Deutsch laaads anferlegt nnrd. .Sie begreift nicht, daß freie Männer und freie Völker lieber sterben als sich eurer solchen Ehrfurcht zu arnter- werfcn, und daß rein Earde dieses Krieges kommen kann, solange nicht solche Auffassungen entn^eder zerstört oder aufgegeben werden."

A m ste rd a m , 15. Mai. (WTB. Nichtamtlich.) Der Standard^ bemerkt zu dem Interview, das Sir Edward Grey einem Korrespondenten derChicago News" gab:

Es ist das alte Lied, wie man sieht. Aber avie stellt aanm sich tat England eigentlich die Veranchtung «oder Unschädl'ichmachniagi des deutschen Militarismus vor? Muß Teattschland lmtcr Kuratell gestellt werden? , Oder darf das gefährliche nnlitärische Preußen jenseits unserer .Grearze nickst mehr das große Wort führen? England avill baraathersig sein amd selbst au der Ent- tatechtttngE de^ deutschen ^Volkes Mitarbeiten. Ist aber nicht die ,Frage gestattet, ob dem deutschear Volke mft dieser Hilfe gedient, ist ? Nach der Begeisterung, die es bisher in oevt Krieg ait den Tag gelegt hat, muß es von den englischen Freiheits idealen iroch sehr weasig in sich haben. Die Deutschen können sich jedenfalls gan.z gart selbst Helsen. Wenn England unt jeden Preis Völker erziehet und freinrachen avill, soll es einmal in Britisch-Fndiear den Anfang machen. , Unter den 300 Millionen dort gibt es aroch genug zu tun. _

Märkte.

Gießen, 16. Mai. Marktbericht. Auf dem heaitigeia Wochennaarkte kostete: Butter das Pfd. 1,90-0,00, Hühnereier das Stück 20-00 Psg., Käse das Stiick 1000 Pfg., Käsematte 1 Stück 30 Pfg., Kartoffeln der Zentner 0,00 bis 0,00 Mark, Aiilch das Liter 30 P^q., Sviaaat 2530 Psg. oas Pfd., Gelberiiben 00-00 Pfennig das Pfd., Rosenkohl 2530 Pfg. d. Pfd., rote Rtiben 00 Pfg., Zaviebeln das Pfund 4050 Pfg., Nüsse 100 Stück 00-09 Psg., Blumenkohl 00-00 Pfennig, Sellerie 0-00 Pfenttig das Strick, Grünkohl 2025 Pfg., Feldsalat 1012 Psg. Marktzeit vc - 7 bis t Nhr.

Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.

Mai

1916

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Höchste Temperatur am 14. bis 15. Mai 1916: -ft 13,3' 0. Niedrigste * . 14. , 15. 1916: + 9,6' 6.

Niederschlag 3,0 mm.

Allerlei Canfgeschichtrn.

Don Dr. J-v Hannes Kleinpaut.

Das Patenkind der fünften Armee", so lavrtct bekaarntlich die eigenhändige Unterschrift des K r o n pi r i n z e ai des Deutschen Reich,es auf eiatem Kabimettbilde, das ihu mit seiner am 6. April geboreaten Tochter Alexaardrine Irene daafftellt, und voar dein er am Jahrestage der kleinen Priaazessin jedem Aatge­hörigen der Armee einen Abzug iibe r aa t itt e ltc. Nachdem sein Schava- ger, der Herzog von Braunschweig, im Mai 1014 bet der Taufe seines erstgeborenen Sohnes neben zahlreichen hohen Einzelpersönlichkeiten auch das ganze erste schavere Reiterregi­me tat in München, zu dessen Offizieren er vor seiner Thron- besteigamg zählte, zu Geaxktterrt geladen, hat bekanntlich der deutsche Kronprinz bei der Geburt seiner ersten Tochter seine ganze ruhrn- reiche fünfte A r nt e e, an deren Spitze er kurz vorher L o n g w y erobert, uard die Besatzung des Kriegsschiffes ,,Kr>c>n-' Prinz" als Paren iwwählt.

Das sind zweifellos Gevatteratschaften, die nicht so leicht über- boteat rvcrden. Gleichwohl sind sie nichts Neares, Unerhörtes. Vielmehr handelt es sich dabei unr die Neubelebung enres alten Brauches, _ der schon in der Naformationszeit ganz allgemein war. So stand Dr. Martin Latther rm Jahre 1532 anit 54 andern Gevattern bei dem Sohne Hans Lösers, des^ ihm besieundeten Schloßherrn zu Pretzsch an der Elbe, und Kffirfürst Christian II. twn Sächselt avar während seiner kurzen Regierungszeit * von dOmal Pate. Ein reicher Dresdner Bäckermeister avar thanffedoch darin avert über; cr erhielt in 5 Jahren 300 Gevattern- vrrefe, der Unglückliche, benat^ er wurde dadurch bankerott! Da­mals war es näanlich Sitte, daß die Patenkrnder alle Ostern und Renz am ihre Paten besnchteat uard sich voat ihnen beschenten ließen - zu Ostern erhielten sie vorzugsweise Ostereier, und das ging vielen über ihre Kräfte, aveshalb schließlich int Jahre 1626 ein Lartdtag zu Torgatt sich nttt der Angelegearheit befaßte unt> turzer- das viele Gevatternstehen und diese Nearjahrs- und Oster­besuche bet 100 Guloen Strafe verbot.Wäre denn in atnsereit ruhtgear Zetten es aticht genug," so schrieb damals der Dresdener Hofpredtger Jl. Leyser,rvearar der Vater, der Prediger, der Kirch- ater (nebst dem Zeugnisse des Kirchenbatchs) bezeugten, das Kind sey getauft? Nun. so nehmt die Väißbräuche des Einbintzeats, das Beschenken der Kiatderweiber, die Kinder-Zuckerdieten, das Ans- llegsn für die Schüler «die sratgende Kurrende) Heiutbürgtat, Armenkasse rtrtd avie alle Lytaneiear heißen, hinweg. 05eht zur Kirche und verrichtet das Werk, und daarn kehre jeder nach Hause."

Schon im Jahre 1569 ermahrtte Katrfürst Aatgnst von Sachsen, als >er den Superintettdenten Daniel Greser zunr Paten für seinen siebenteat Sohn erwählte, den ihm besremtdeten geistlichen 5)errat, sich ,gvegen des Patengeldes keine Ungelegenhefteat" zu mack)en, obwohl ,Elfter August" sonst für allerlei Äufmerksamkeften seiner Landeskinder keineswegsuraempfänglich" zu sein pflegte. Aber

das gute Beffpiel, das er damit gab, hat nicht lange uard nickst aveft gewirkt. Noch 200 Jahre später machte sich der Hofararr Kaspar Fröhlich über die Getwtterwirtschaft am Dresdener Hofe lustig, indem er, als ihm^ seine Frau einen Soh-n schenkte, von seinemNarrenhäuschen" (das heute aroch neben der Dresdener Brücke steht) nftt einem großen ETragkorbe voll Patenbriefe auf dem Rückear rars Schloß hinüberritt und den ganzen Hof zu Ge­vattern lud.

Zu jearer Zeft, als der Dresdener Hiof die größte Pracht ent­faltete, wurden auch hänsia Näohren, Türken rurd dergleichen Leute in Elbforeatz getauft: so 1862 zwei Mohren, 1600 ein Türke, 1691 sechs Türken und eine Mohrin, 1693 ein Türke, 1694 zavei Türken­kinder, 1696 ein Aöohr, 1699 eiare Mohriaa und ein sechzigjährrger Lappläarder, 1700 eine Türkin uard zavei Türken, 1703 eine Türkin, 1704 eine Mohrrn, 1713 eiar Türke, 1716 ein Mohr und 1735 ein. f Mennonft! Eine solche Taufe avar daaraa alleartal ein Haupt­ereignis. So wurde Sonntag den 5. März 1609zur Uarter- brcchuatg der opulenlen Fastarachlsfesllichkeiten auf dem Altmarkte" in der SchLoßkirche eine Türkiat getauft, uard der ganze Hof mit fernen fürstlichen Gästen avar zugegen; sie halte 24 Pateat uard sie bekam als Patengeld nicht tveaftger als 500 Guldenernge- buatden".

Auch derartige korporative Gevatternscha f ten, avie sie nun am braunschweigischen und anr Karserhofe avieder aufge- arommen ivorden siatd, avaren in jener Zeit an den pratnkbollen süd- autd anitteldenlschear Hös-ear bereits reckst häufig. So lud Herzog Cl-ristoph von Württemberg, als ihm am Neujahrstage 1554 nach dem ^ersten Sohne und fünf Töchterar der zweite Sohn (Latdwig) geboren wurde, iat der Freude seines Herzens den ganzeat, in Stutt­gart gerade versararmelteat Landtag zur Taufe. Ebenso lud im Jahre 1661 der kurftirstlick/c sächsische Oberhofmarschall Hans Georg Freiherr von Rechenbcrg die gesaiatte obe rl a u s i tzi s ch e Landschaft zu Gevattern; sie sollten, nste es in dem oenkavür- digeat GcMttternbanefe heißt, am 15. November in Dresden in seinem Hanse,avo nicht in gestrmbt, doch durch beliebige abge- sandten, groß amd geneigt erscheinen amd sein iat Sündeat geboh- renes Söhatlein dem .Herrn Esiisto datrch ein aaadächttgeS gebeth für tragen helffen". Die Ritterschaft und Stände der Oberlansitz heantavorteteat dies in ilpeanEinbinths-Brteff" durch den Ent­schluß:unserem Pathen zum Pathenpfennig 500 fl. Meißmisch aus -dem Mittel der Landt- und Traukstener einzubinden natb der avohlgeborenen Frau Sechswöchnerin auff das Bette 100 fl. Meiß- ntisch zu übereignen". Die im Jahre 1622 geborene Prinzessin Luise awn der Pfalz hatte aber sogar ein ganzes Königreich zu Paten. Ihr Vater, der asts der Geschichte des 30jährigen Krieges bekanarteWinterkönig", bat, als er mich dem natglncklickaeat Ausgange der Schlacht am aveißeat Berge (8. Noveanber 1620) aaach H olland floh, dort die General stauten, die Gettatternschaft für feilte iat der Verbannung geboreate Tochter zu übernehmen uard gab ihr zur Erinateruaig daran den Naanen H v l l a n d in e. Die gletche außergetvöhnliche Ehre avurde übrigens aüch schon elf Jahre vorher

eirtem miatder Hochgeborenen zuteil, der zufällig im Jahre 1611 während der Verhandluatgen über den Osterhnsischen Akkord das Lickst der Welt erblickte: es avar der nack-malige berühmte atieder- läardische Seeheld Enno Dudens Star.

Begreiflicheraveisc avareat mit so glänzenden Tanffeierlichkeitcn auch imaner Munkvolle Feste verbunden. So verana'taltete der Land­graf Moritz von Hessen im"Jahre 1596 bei der Taufe einer Tochter iat Kassel ein Ringelrennen nftt glänzenden Aufzügeai uaad Tur­nieren zit Fuß und yu. Pferd. Nicht weniger glänzend war die Taufe, die Herzog Julius tarnt Braun schweig und Lüneburg int Jahre 1580 ausrickstett, als ihm von der Herzogin Hedwig, einer brandenbnrgisck/eat Prinzessin, das siebente Töchterck-en, das letzte seiner elf .Kinder, geboren wurde. Er ersuchte außer einer Reihe fteander Fürsten atlch Prälateat, Ritterschast arnd Städte, die Paten schaft zu überatehmen. Nur die Stadt Braunschaveig selbst, mit der cr damals im Strecke^ lag, blieb onSgeuonnneat. Die Taufe faard mit großen^ Festgepräarge unter TeilnalMe vieler Fürsten, die mit 600 Pferdeat iat Wolfeatbüttel einzogen, statt, und die l-ol-e Geistlichkeit brachte über 600 Taler aatf, und a?erehrten der Her­zogin ünd dem jungear Fräulein kostbare Kleider und schavere goldeare Ketten.

Fürstenkinder haben nicht aurr viele Paten, sondern sie be ko an men auch viele Namen. Die meistert l-atte avo hl der un­glückliche Prinz, von dem aan 5. März 1780 die Prinzessin von Asturieat entbunden Jtmrbe. Denn er inirb Mühe gehabt haben, sie alle auswendig zu leraaen! Sie lauteten: Carolus, Dvminicus, Eusebius, Raphael, Joseph, Aattonius, Johaames, Nepomueenns, Gabriel, Jailiaatns, Vinc-enftnS, Ferrer, Andreas, Avelinus, Lndo- vicus, Ferdinandus, Angelats, FranziscUs, Paschalis. Jvachimus, Eajetanus, Ignatius, Emaaruel, Rsirnundns, Januarius und Fraueiscus de Paula! Vielfach erbten sich auch dieselben Vornamen in den betreffendeat Geschlechterat fort. Betaatitt sind tit dieser .Hinsicht, durch ihre zahllosenHeinriche" die Fürsteat Reuß. Nack» demselbeat Muster bestimmte beispielsaveise auch im Jahre 1726 der damalige Kanzler der llaftversität Halle Johann Peter von Lüdcwig, als er seine winzige Tochter nftt dem derzeitige Laaadrate des Niederbarninrer Kreises Karl Gottlieb v. 'Nüßler t>eraatählte. iit dem darüber attsgesetzten Ehevertrag auSdrücklici', alle Kinder natd svätereat Nachkonrnton des Paares sollten Ludavig oder Luise^ getauft averden. Bürgerliche und namentlich ländliche Kreise mußten sich laatge nftt einem Vornamen begnügcai. Be- mervensavcrt ist in dieser Beziehimg folgeatde Eintraguatg des avei- llrnd Pastors Christoph Cheatmitius int Tauftegister des Dorfes Ltßdorf bei Eckardtsbergc in Tha'ftiargeat:Anno 1658. Aut 3. Avrilis eine Dochter, Anna Liese gencruatt, iat der herr­lichen Tauffe, aoelche sie ant Palutsonntagc, avar der 4. Aprilis, erlangt. Diese ist das erste Kind, dem ein Bauer bat zwei Namen geben lasseat, und zwar ein alter Hirtenfohit natd Hirte selbst (Hirteit gatten daanals für unehrlich) mtd Scheffel- dresche, welcher heut zu Tage Edelleute werden".