Nr. 12 ?
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Erster Blatt
Mittwoch, öi. Bi«: 19(6
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GietzenerAnzei
General-Ameiaer für Oberhesjen
Vormarsch deutscher und bulgarischer Truppen im Zlrumatal.
Die feindliche Stellung zwischen „Toter Mann" und Tumieres genommen.
(WTB.) VrstzeS Hnuptyuartier, 30. Mai. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Lebhafte Feserkänwfe fanden auf der Front zwischen dem Kanal von La^Äsee und Ar ras statt, auch Lens und seine Vororte wurden wieder beschossen. In der Gegend vor, Ssuchez und südöstlich von Tahurc scheiterten schwache feindliche Dorstötze. Gesteigerte Gefechtstütigkcit herrschte im Abschnitt von der Höhe 304 bis zur Maas.
Südlich des Raben- und Cumiöres-Waldes nahmen deutsche Truppen die französischen Stellungen zwischen der Südkuppe des „T o t e n M a n n e s" und dem Dorf Cu «ritz res in ihrer ganzen Ausdehnung. An unvcrwun- deten Gefangenen fiiti) 3 5 Offiziere (darunter mehrere Stabsoffiziere), eintausendeinhundertdreizehn Mann eingebracht. Zwei Gegenangriffe gegen das Dorf Cuunöres wurden angewiesen.
Oestlich der Maas verbesserten wir durch örtliches Vordrücken die neugewonnene Linie im Douaumoutwalde. Das beiderseitige Feuer erreichte hier zeitweise große Heftigkeit. >
Unsere Flieger griffen mit beobachtetem Erfolge gestern abend ein femdiiches Zerftörergeschwader vor Ostende an. Gin englischer Doppeldecker stürzte nach Luftkampf bei St. Eloi ab und wurde durch Artilleriefeuer beschädigt.
Oeftlicher Kriegsschauplatz.
Südlich von Lipsk stießen deutsche Abteilungen über die Schtschara vor und zersürten eine russische Vlockhaus- stellung.
Balkan-Kriegsschauplatz.
Deutsche und bulgarische Streitkräfte besetzten, um sich gegen augenscheinlich beabsichtigte Ueber- raschungen durch die Truppen der Entente zu sichern, die in diesem Zusammenhangs wichtige Rupelenge an der Struma. Unsere Ueberlegenheit zwang die schwachen griechischen Posten auszuweichen-, im übrigen sind die griechischen Hoheitsrechte gewahrt worden.
Oberste Heeresleitung.
Vom Kriege in ein Meer von Leidenschaften gestürzt, dre sich, je länger das blusige Ringen dauert und je näher NNr.der Zeit rücken, da die Zielprob lerne erörtert werden muffen, desto schwerer bezähmen und eindämmen lassen — Nne tief fühlen wir uns da getroffen, wenn wir plötzlich auf Geijtesspuren hingelenkt werden, die, von einem hohen und verehrten Manne aus der deuffchen Vergangenheit mns hinterlaffen, wie fragend und mahnend- in unsere ^Tage hineinsuhren. Die neu aufgesundenen autobiographischen Aufzeichnungen Wilhelm v. Humboldts, mit jener eigentümlichen Selbstcharakteristik, von der wir heute im ! Feuilleton teile einige Satze wiedergeben, scheinen mit dem ; Denken und Fühlen von heute nicht viel gemeinsam zu 'Mven. Und doch, wie erquickt uns dieser Becher aus dem Borne auserwählter deutscher Geistesart und wie gerne und nuffnerksam leihen wir diesem Zeugen einer nicht minder -bewegten Zeckepoche unser Ohr! Was er als das eigentlich Edle rm Menschen bezeichnet, jene Fähigkeit, sich selbst Wollen los zu lösen aus den Tagereignissen, zu- MWttr^en aus dem .Kreise heißer Leidenschaftlichkeit, um •w Wahrheit mchezukommen, die Menschen und
ryre streckenden Stimmen zu fckehen, um jenem stillen Lande ' 9enzuerlen, in dem die größeren und sicheren Maß-
s E?elegt werden — kann uns dies heute noch vollen , Wert Und Gültigkeit haben, da wir uns nach unfruchtbaren ' Ausernandersetzungen mit dem Auslande von der Erör- terrrng der Schuldfragen des Krieges seufzend Habens abwen- ,den müssen? Er ist den Deuffchen in schweren Nöten ein berufener Lehrer gewesen, war an der Spitze derjenigen, me dem Preußen von Jena und Auerstedt die geistige Wredergedurr erringen halfen. Da war, als in der Blüte sernes Wrrkerrs die Fremdherrschaft deutschen Boden be- .dvohte und besudelte, das stoische Gepräge seines Geistes der Zeckstimmuug entsprechend. Aber die Jahrhunderte über- dauernd, darf das VÄ>rt dieses Staatsmannes „von Peri- rlerscher Hoheit des Sinnes" uus auch heute noch! Prüfer: Und ermuntern. Wenn wir uns wundern über die seichten, wahrheckswidrigen Reden eines Grey oder Sasonow, wenri wrr lyrs allmählich davon überzeugen, daß die Völker dieser Staatsmänner gar nichts anderes aufgetischt haben wollen als solche rednerische Klopffestere:, über oeren handgreifliche Lügen, Maßlosigkeiten und Uebertr'eibungen man
sich hinwegsetzt, während in uns das innerlichste Bestreben lebt, die Geschichte, dieses Krieges schon heute im Spiegel der Wahrheit zu schauen, da fühlen wir uns dem Geiste Hrrmboldts doch noch nahe verwandt. Wir vermessen uns auch nicht, heute schon den ganzen objektiven Tatbestand der Kriegsentstehung druckfertig zu legen; nach Humboldt gleicht die historische Wahrheit noch gewissermaßen den Wolken, die erst in der Ferne vor den Augen Gestalt erhalten. , *
Aber wir wollen aus der Geisteswerkstatt des großen Gelehrten nicht nur die kühle Ruhe und Abgeklärtheit seiner Wissenschaftlichkeit mit uns nehmen. Wie er es für notwendig fand, vorbeugend festzustellen, daß er bei all seiner Fähigkeit, sich loszulösen vom Gegenwärtigen und Augenblicklichen, doch weder Weltfremder noch Asket sei, so darf unser Volk, will es nicht in Träumen versinken, das harte Gebot der Zeit nicht vergessen. War es im Anfänge des Krieges oft die Leichtfertigkeit, mit der viele aus leerem Geschwätz Gerüchte aufkeimen ließen, die von andern wieder in „bezeugte Wahrheit" umgemünzt und in Umlauf gesetzt wurden, so hat nach beinahe zweijähriger Dauer der Schlachten jetzt mancher eine Puppe des Friedens sich zurechtgemacht, die er überall mit sich herumschlcppt, während er aus denjenigen zu schelten geneigt ist, der sich weigert, an diesem Puppenspiel teilzunehmen. Es ist menschlich, an Frieden zu denken, ihn herbeizusehnen, allein mit Wünschen ist es ja nicht getan. Noch ist es notwendig, dem Auslande unseren vollen Ernst, unsere ungebrochene urast zu zeigen. Wer jetzt, statt über die glänzenden Waffenerfolge der österreichisch - ungarischen Truppen sich rechtschaffen zu freuen, bekümmert seine Zweifel darüber ausdrückt, ob diese.Ereignisse dem Kriegsende uns näher führen, der ist lvi lich kein Bahnbrecher des Friedens. Es ist gut, wenn wir neben die Bekenntnisse Humboldts von der Eigentümlichkeit seines Welterkennens auch die Sätze stellen, in denen er von seinem Bedürfnis, praktisch zu handeln, etwas zu erreichen, spricht. Er schätzt seine eigene Willensherrschaft sehr hoch ein: „Ich tue sehr oft und lange gar keinen sichtbaren Schritt, aber habe meinen Zweck unaufhörlich vor Augen, berecke den Boden vor, aus dem er, wie durch die Natur der Dinge selbst hervorgehen muß, lausche jedem etwas versprechenden Augenblick aus, wähle den wahren und handele dann mit unermüdetem Eifer, lasse mich durch kein augenblickliches Fehlschlagen irre machen, sondern leite wieder jedes selbst zu meinem Ziel." Kann sich diese Willensart auch ein Volk zu eigen machen, das etwas erreichen will, für sich und seine Nachfahren? Wenn man bei all den Vorzügen und guten Eigenschaften, die das deutsche Volk in dieser eisernen Zeit der Prüfung an den Tag gelegt hat, jetzt etwas fürchten müßte, so wäre es die Ängeduld, das Drängen auf den Erfolg, die schwächliche Hinneigung zu einem vorzeitigen, ungenügenden Frieden, der die Opfer nicht wert wäre, die auf dem Altar des Vaterlandes geblutet haben. Und noch Eines: der sacht ins Wanken kommende Burg-t frieden! Noch wird er gehütet von der Hand der Regierenden, aber es scheint, nach den letzten Verhandlungen im Reichstage, schon die Gefahr heraufzudämmern, daß es an ihm bröckelt. Soll der Sturm der Zeit die alte Rechthaberei der Parteien, die so sehr sich entfernt hat von der vornehmen Hochfchule deutschen Denkens, doch noch nicht vertilgt haben, soll sie wiedererwachen, während noch die Feinde am Tor des Reiches lauern? Alle sind wir uns klar darüber, daß nur ein ehrenvoller, siegreicher Friede annehmbar ist, und auch Herr Noske, der sozialdemokratische Sprecher in den gestrigen Reichstagsverhandlungeu, Hut. trotz seiner Klagen und Ausstellungen, im Grunde sich zu diesem Ziele bekannt. Wir wünschen uns eine starke Regierung, stark nicht in engherziger Handhabung der Zeiffur, sondern stark als Führerin auf dem Wege treuen Ansharrens und Kämpfens. Kann sie uns heute noch nicht die völlige Freigabe der Erörterung unserer Kriegsziele geben, so sollte sie wenigstens die Zweifelnden mit neuem Vertrauen stärken und dem Volke Proben ihrer e i g n e n Zielsicherheit und Festigkeit zeigen. Dann wird an die Stelle unfruchtbaren Geredes, der Sucht, sich müßigen Streitfragen hinzugeben, Geduld und Zuversicht treten. Das feindliche Ausland zeigt uns jeden Tag aufs neue, daß wir noch nicht am Ende sind, daß heute noch, um mit Shakespeares Ausdruck zu sprechen, der Krieg dem Frieden in die milden Augen fletscht. Wir brauchen viel vom Geiste Wilhelm v. Humboldts, um die Zeit der Prüfung in Ehren zu bestehen
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
Wien, 30. Mai. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 30. Attri 1916.
Russischer Kriegsschauplatz.
Lebhafte Feuer kämpfe namentlich an der b e s s a r a b i s ch e n Front nnd in Wolhynien Sonst keine besonderen Ereignisse.
I t a l i e n i s ch e r K r i e g s s ch a u p l a tz.
Gestern fiel Las P a n z e r w e r k P unsere Hand. Westlich von Arsiero
untg Corbin in erzwangen unsere
Truppen den UebergangüberdenPosinapatz und bemächtigten sich der südlichen Uferhöhen. Vier heftige Angriffe der Italiener auf unsere Stellungen südlich Bettale wurden abgeschlagen.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Ruhe.
Der Stellvertreter des Chefs des GeneraLftabs v. H ö f e r, FeldmarschalleutNant
r- ! ! * * *
Der französische Bericht.
Paris, 30. Mai. Bericht vvm 29. Mai, 11 Uhr abends. Aus dem linken Ufer der Maas richtete der Feind den ganzen Tag über ein heftiges Bombardement mit Granaten aller Kaliber auf unsere Stellungen erster und zweiter Linie im Walde von Avo- court und Cumieres. Gegen 3 Uhr griffen die Deutschen unsere Stellungen von Punkt 304 heftig <m. Der Feind, der bei dem erster: Mate mit empftndlichen Verlusten zurückgeschlagen wurde, erneuerte seine Anstrengungen um 5,30 Uhr nachmittags und erlitt eine neue blutige Schlappe. Westlich der Höhe 301 gemeldete feindliche Ansammlungen wurden unter das Feuer uns. eer Batterien! genommen und zerstreut. Zwischen dem Aäort Homme und Cu- mieces wurde ein vom Rabenwaldc ausvrechender feindlicher Au-> griff durch unser Sperrfeuer gebrochen außer an einem Punkte, wo der Feind aus einer Front von ungefähr 300 Meter in einem! unserer vorgeschobenen Gräben nordwestlich von Cu mi6 r es Fuß gefaßt hat. Aus den:' rechnen Ufer heftiger Artilleriekamps östlich und westlich des' Forts von Douaumvnt. Kein bedeutendes Ereignis zu melden aa:f dem! Rest der Front, außer der üblichen. Karwnade, besonders heftig int Wälde von Avocourt.
Der italienische Bericht.
Rom, 30. Mai. (WTBü NichLaintlüh.) Anrtlicher Bericht. Die allgemeine Lage auf der ganzen Front ist unverändert, nxit Ausnahme des Pvsina-Abschnittes :md im oberen'A st a ch, wo gestern die feindliche Offensive wieder ausgenommen wurde. Im Lagarina-Tal (Effchtal) und rm Absr^rüt von Pasubio heftige Tätigkeit der beiden Artillerien, sowie große Tätigkeit der feindlichen Transporte, die wck durch unser Feuer störten. Südlich Posina griff der Feind nach heftiger Artillerievorbereitung in der Richtung auf Sogli-Eampiglia und vom Pria Fora-Berg an. Nach einem erbitterten Kamps blieben die Unseren im Besitz differ Stellun^n. Auf der .Hochsläche von Schl egen (Asiago) und im Sunana-Tal Tätigkeit von AufklMrungÄrRei- l ungeiz. Die feindliche Artillerie beg<nm die Ortschaft Ospedaletto zu bejchießen. Im Tofana-Abschnitt am oberen Beite wurde ein kleiner Jnfanterieangriff des Feindes abgewiesen. Auf den nörd- l:chen Abhängen des 9Nonte San Michele zmtörter: wck durch tune mächtige Minenexplosion einen großen Abschnitt der feindlichen Graben.
Auch dieser Bericht versckstveigt alles wesentliche, nämlich die glanzenden ^orffchritte und die Besetzung wichtiger Gebiete durch die österrerchisch-ungvrischen Truppen.
Der italienische Minifterrat.
Bern, 30. Mäi (WTB.) Der italienische Kriegs- minister General Marrone, welcher gestern, von der Front kommend, m Rom eingeckoffen ist, hatte mn Vormittag eine anderthalbflündige Besprechuiig init dem Ministerpräsidenten. Der Mailänder „Seeolo" bemerkt hierzu, die Wichtigkeit inner solchen Besprechung über d:e durch die öfter reich: sckwrnrgarische Offensive geschaffene Lage springe in die Augen. Der dTcknister des Aeußern Sonnino hatte Bffprechungen mit dem Landwirtschafts- und dem Handelsminister Cavasola, dem Schatzminister Car- cano und dem Kriegsminister. Minister Daneo ernpftng den ruft:,eben Boffchaftcr zu einen: kurzen Besucke, dem gleichfalls Bedeutung de: ge menen wckd. Nachmittags berichtete der Kckegs- mrnister int Ministerat, der drei Stunden dauerte. Der „Eorrieve della Sera me:nt dazu, man dürfe sagen, daß das Ober ko mmandk dre Lage nicht als besorgniserregend ansche.
^raltenrfche Merwmrge.
Ro m, 30. Mai. (WTB.) Die „GaAckla Uffiriale" enthä et, wonach Altersgrenze für Freiwillig auf 17 Jahre hierunter gef etzt wckd.
durch die Engländer
os^^Erlin, 30. Mai. (Pr.-Tel.) Die „B. Z.a. M." meldet a Athen: D:e englische ylotte erschien im .Hasen v Nauplia und schoß dort einen gro^n Peckoleumbcbälter Brand. Fast ,amtliche Hafeiigebäude nmrdeu eingeäschert; d Schaden ist riffengrvtz. Die griechisckie Regierung erhob bei d englisttzen Regiermig wegen dieses Vorfalles Einspruch
Der türkische Bericht.
Kon sta n t int) pel, 29. Döai. (WTB.) Bericht des Maulst- guartters: An der Irak fron t brachte im Mschnüt von Fetabic am. rechten ^igrisufer unsere Llrtülerie zii-.u sbiildtiche Gefchutze zum Schweigen. Wir erbeuteten an dicüuc Ufer 17 Wagen m:t Vuh und machen bei einem Ueberfall 24 Euglüidcr zu Gefangenen.
cw ^ ^^ ^ krön t: Am rechten Fü'igel und im Zentrum
Patrmullenkampfe. An: linken Flügel Scharmützel einzelner ?lb - teuungen. Im Abschnitt iwn Smyrna verjagten \minx Geschütze Drei endliche Flieger, die Phokia übefflogcu. Einige feindliche Kriegsfchissc unterhielten eine kurze Zeit ein uwvckksames Feuer gegen den Hügel westlich der Jiffel Keusten iu:d zogen sich danli zurück.
An den anderen Fronten keine BeräudermWen.


