Nr. % Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die ^M-chevrr LaEeEtter" werden dem
»Anzeigen" viermal wöchentlich beigelegt, das .Frettblstt fLr dev Rreir Hjetzen" zweimal wöchentlich. Tie ..ranSwirtschssllichtn Zeit- frsgev" erscheine» monatlich zweimal.
166 . Zayrgang
General-Anzeiger sür Oberhessen
Samstag, \5. April \%b
Rotationsdruck und Verlag der Brülff'jcher, Universltäts - Buch- uiid Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelle ».Druckerei: Schulstrabe?. GeschäitssteNe u.Verlag:^^51, Schritt- leitung: ^^112. Adresse für Trahtnachrlchtew Anzeiger Gießen.
Der zweite Uriegssrühlmg.
Man schreibt uns aus Wien:
Der zweite Wiener Kriegsfrühling? Eigentlich ist es der öc l er fö wenigstens, den die Wiener mit bewußter, aulatmender Wonne, mit bodenständiger Freude am Grünen, am (Epazierengehen auf den Hängen rings um die Stadt und ?V<^ e r^.i lr( ^l en '-^ on aus den Tagen Schuberts, Bauern- Mos, (Lchwlnds stammenden Lust an „Landpartien" erleben. Denn vor eurem Jahr hatte man für all das keinen Sinn. Der April 191o war für die Wiener die härteste Kriegszeit: es war dte öeit zwischen dem Fall Przemysl's am 22. März 'Uno bem Beginn des großen Sieges bei Gorlice am 2. Mai, !oer nun für uns und die deutschen Waffen ein volles Jahr rrft gegen Rußland, dann gegen Serbien, Montenegro, Albanien nt einem einzigen Triumphzug anhielt. Trotzdem ist auch^dieser April nicht nur eitel Lust und leichtsinniges Jn- oEu^Dag-Leben. Er ist Arbeit, Bodenbestellung, Anbau. Alis allen Wiesen m den mehr ländlichen Bezirken, Döbling, Wäh- 'rutg, Floridsdorf, Hietzilig, Meidliltg, wird fleißig geeggt und gepflanzt.
^^uer Kleinbürgersfrauen, Arbeiterinnen und eine ARenge Stadtkinder debütieren da als Gemüsebauern, die auf Den sonst brachliegenden Bauplätzen der Zukunft, mitten zwischen den ^teinkolossen der Großstadt, Spinat und Kohl und Fisolen und Salat ziehen. Die Gemeinde selbst stellt die ihr gehörigen Gründe gern zilr Verfügung, andere wurden $. e j? en billiges Geld in Pacht genommen. In beit nachbar- 'Iicrjert Oillengürten der Reichen aber ertönt das lustigste Geschnatter, Gegacker iutd Gekrächze: jede zweite oder dritte Kotlagevilla hat nun ihre Geflügelzucht . . .
sonntags freilich zeigt das grüne Land um die Stadt cm anderes Bild. Da wandern Hunderttausende iit den bawmvollen Zügen der rotweißen Straßenbahn, in den überfüllten Wagen der schokoladefarbenen Stadtbahn oder auch längs des Donaukanals, der in diesen Tagen mit seinen lichten Hügeln ringsum nicht anders als der Arno bei Florenz aussieht, itach Nußdorf hinaus, auf den Kahlen- und Leopoldsberg oder nach Klosterneuburg. Hunderttausende sonntäglich geputzter Menschen, allerdings in der überwiegenden Mehrzahl weiblichen Geschlechts, mit dem modischen Glockenrock. Niemals hat eine Mode so durchgeschlagen, wie diese. Den Glockenrock tragen, genati wie die große Modetorheit der Krinoline, Frauen aller Stände; die obersten wie die untersten. Uiid das mag daher rühren, daß sich gerade in den untersten Schichten die Einkommensverhältnisse im Krieg äußerst günstig gestaltet haben und einfache Arbeiterinnen oft Löhne bis zu 200 und 250 Kronen im Monat beziehen. Daß sie sich etwas gönnen und wenigstens im Sonntag nach schwerer Arbeitswoche ein wertig Staat machert wollen, ist schon recht. Recht ist nur der Modeunfug der weiten Röcke nicht, mit deren Umfang auch der Umfang des Kostenpreises ins Ungeheuerliche steigt. Der Stoff allein sür solch ein modernes Kostüm kostet 120 Kronen, dasselbe, lwas früher ein gut bürgerliches Kostüm gekostet hat. Bort 130 bis 150 Kronen sind die Preise auf 190 bis 200, von 200 bis 250 auf 350 bis 390 Kronen gestiegeil. Und zur sträflichen Geldverschwendung kommt die noch sträflichere Materialverschwendung, die geradezu unpatriotisch ist! Ungarn ift uns diesmal vorausgegangen. Dort hat sich nämlich eine Frauenliga zur Bekämpfung dieses Modeunfugs gebildet. An der Spitze eine Markgräfin Paalvicini und die Dichterin Cäcilia von Tormay, die an der Spitze der schreibenden Frauen Ungarns marschiert. Dem ungarischen Verein hat sich ilun — in Wien — ein österreichischer angegliedert;! hoffentlich haben unsere Frauen auch in dieser Sache Einsicht. Sonst haben sie sie ja so sehr. Sind wahre Genies/ die über alle Mängel in Speisekammer und Küche hinwegkommen und die Ehre der berühmten „Wiener Küche" retten, trotzdem man ihr ihre berühmtesten Ingredienzien genommen hat. Ja, sogar das Maisbrot ist mit den ersten Schwalben wiedergekehrt. Das heißt: ein richtiges Maisbrot ist es ja nicht! Seine „Konstruktion" hat sich ebenso sehr gebessert, wie unsere Situation auf dem Schlachtfeld. 1915: 70 bis 80 Prozent Mais, 1916: 20Prozent; und überdies hat man es mittlerweile in der vom Staat gegrüiideten Versuchsanstalt für Müllerei- und Bäckereiprodukte gelernt, mit dem Maismehl backgerecht umzugehen. Also, die 20 Prozent Maismehl verderben uns Nicht den Appetit und nicht die Zuversicht Der Frühling t|t ja mitten unter uns. Ueppiger grünt und blüht es, als sich einer erinnert. Ueberall lugen die nilgrünen Halme der Wintersaat aus dem Boden. Wenn uns der Wettergott gnädig bleibt, wie er es in diesem fast schneelos ntilden Winter war, dann gibt es in Oesterreich eine Ernte, nach deren Hetmbringung man das Wort „Hungerkrieg" nur mehr wie einen Witz aussprechen darf. H. W
Zur dem Reiche.
Berlin, 14. April. (WTB.) In der Verordnung des Bun- dcsrats über die st e u e r l i ch e ^Handlung von Biersen - düngen an die Truppen wird bestimurt: Wird Bier, das im Aufträge der HeeresvernZaltung an Truppen geliefert wird, als Militärgut aus einem Brausteuergebiet in ein anderes befördert, so gilt die Versendung nicht als Ausfuhr und der Uebertritt in das andere Brausteuergebiet nicht als Einfuhr.
Berlin, 14. April. Die „B. Z. a. M." meldet aus München: In Gegenwart des Königs hielt die Sektion München des Bayerischen Kanalvereins ihre Hauptversammlung ab. Es wurde volle Einigkeit darüber festgestellt, daß der Ausbau neuer Groß-Schifführtsstraßen eines der hervorragendsten Mittel sei, um die Erzielung der höchsten wirftchastlichen Kraft Deuftchlands und seiner Verbündeten zu gewährleisten. Die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse hätten im wesentlichen dazu beigetragen, den Gedanken von der Notwendigkeit des Ausbaues einer Verbindung Donau-Rhein zu fördern. Außerdem werde im Norden ein durchgehender Wasserweg von der Weichsel zum Rhein mit Anschluß nach Antwerpen erwogen und ein Wasserweg von Nordwesten nach Südosten, an dem Bayern besonders interessiert sei. Die Kosten des Ausbaues des bayerischen Teiles würden auf 300 Millionen, mit Einschluß der noch notwendigen Hasenanlagen 400 Millionen, die Kosten des gesamten Projekts ans V-/.\ Milliarden beziffert.
Mün«chen, 14. April. Die Bayerische Fleischversorgung s st e l l e hat vom 1. Mai ab bis 25. Juni 1916 die H ö ch st- mcnge von Fleisch, die auf den Kopf der Bevölkerung verbraucht werden darf, auf 800 Gramm sür die Woche, füjr
Müder unter sechs Jahren auf 400 Gramm festgesetzt. Der Kom- inu.nalverband kann die Höchsttnenge innerhalb seines Bezirkes herabsetzen, wenn aus den zur Verfügung stehenden Fleischvor- räten die Nachftage nicht gedeckt werden kann.
Aus Kessen.
In der Zweiten Kammer hat der Abg. Joutz folgenden Antrag gestellt:
Großh. Regierung zu erfucken, einen Gesetzentwurf baldigst vorzulegen, durch welchen den Gemeinden das Recht wieder zusteht, -die Gemeinde Waldungen durch> Sckxff- und Schweineherden beweiden zu lassen, sowie hen mit ihrer Gemarkung an Staatswaltungen angrenzenden Gemeinden desgleichen, gegen eine von den Landständen festzusetzende Pachftumme. Von der Bewerbung ausgeschlossen^ sind die jeweiligen Walddistrikte, die wegen Wald- anpflanzung für einige Zeit Schutz verlängert.
Deutsche in Argentinien.
Uns geht itachstehender Brief zu, der interessante Einzelheiten aus dern Leben der Deutschen in Ar gentin ieir gibt. Hoffnungsvoll ist der Ausblick, daß die Argentinier nun doch einzusehen beginnen, wie unentbehrlich ihnen der deutsche Handel nach dem Krüge sein ivird, imd daß sie sich von England zu ihrem eigenen Schaden verblenden ließen.
Buenos Aires, den 25. Oktober 1915.
Hoffen wir, daß der Krieg bald zu Ende ist, damit man wieder aufatmen kann. Für uns heißt's eben anshalten und ab- warten. In Buenos Aires lvird das Elend von Tag zu Tag grösser. Alle Geschäftsleute unserer Feinde entlassen alle ihre Angestellten deuftck/er nud österreichischer Nationalität. Die stellungslosen Lairüslente nehmen an Zahl stets zu, und die großen Opfer, die die deutsche Kolonie in großem Maße bringt, sind bei weitem nicht ausreickiend, um die schrecklichen Leiden zu stillen. Der deutsche Gesandte, Graf Karl von Lnxburg, hat sich der Notstandsangelegenheit in eigener Person angenommen. Dieser Mann leistet in dieser Beziehung ganz Erstaunliches. Eine ganze Reihe von vollkommen verwahrlosten, kranken und völlig erschöpften Deutschen hat er aus ihren H ö hl en Wohnungen! herausgeholt, waschen (entlausen) und neu einkleiden lassen. Daraufhin ließ er Schlafstellen aus hier liegenden deutschen Dairrpfern einrichten, wo sie gleichzeitig abgespeist wurden. Es herrscht aus den Dampfern große Ordnung, Pünktlichkeit wie militärische Zucht. Diese armetr Kerle schädigten natürlich kolossal den guten deutschen Ruf hier. Eine beträchtliche Zahl davon hat bereits Arbeit gesunden. Der deutsche Gesandte hat wirklich Enormes geleistet, um die Not der unverschuldeterweise ins Elend geratenen Deutschen zu lindern. Der Mann ist überhaupt sehr für das Emporkoininen des Deutschtums bemüht. U. a. machte er bereits größere Reisen ins Innere, um die deutschen Schulen, Kolonien und Kulturstätten aus eigener Erfahrung bis aus die Einzelheiten kennen zu lernen. Tie Stimmung lder hiesigen Einwohner ist int Vergleich zu der bei Ausbruch! des Krieges eine sür uns loeit günstigere geworden. Der deutsche Handel ivird daher nach dem Krieg nicht viel Zeit benötigen, um hier wieder an erster Stelle zu sein. England wollte doch die deutschen Waren in der ganzen Welt ersetzen können. Man kann jedoch nichts davon wahrnehmen, denn es herrscht hier — wie wahrscheinlich überall — ein fürchterlicher Mangel an den («upftächttchsten Artikeln. Biele Artikel, besonders pharmazenftsche. sind überhaupt nicht mehr zu haben, auch gegen die höchsten Preise nicht. Das Volk legt sich ^allmählig Rechenschaft darüber ab, wre sehr es von Deutschland abhängig ist. Es ist dies eine gute Lehre für die Gesellschaft. Viele haben auch bereits, gerade aus diesen Gründen Ansehen gelernt, daß der fürchterliche Welt-! krieg lediglich aus Neid von Eiigland angezettelt wurde.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 15. April 1916.
Anegsarheit in Gießen.
XX.
Die Kriegstätigkeit des Großh. UnterfuchungSamte für Infektionskrankheiten in Gießen.
Obwohl das Untersuchungsamt für Jnfektionskrank Herten während der Friedenszeit nur in seltneren Fällen be der Seuchenbekämpfung im Heere in Tätigkeit trat, so wa bei dem Kriegsausbruch doch zii erwarten, daß das Amt ii größerem Umfange bei der Feststellung und der Bekämpfun« von Jnfektionskoankheiten Ort Heere in Anspruch genommen und daß dabei seine Mitwirkung nicht ans die Gießener xm\ hessischen Lazarette beschränkt bleiben würde. Die nach stehende Zusammenstellung -gibt Aufschluß darüber, inwie weit diese Erwartungen eingetroffen sind.
Es wurden einges-aiidt und für das Heer untersucht in Jahre 1914 folgende Pro be n unste ckun gs v erdäch tigen Materials:
September 106, Oktober 332, November 278, Dezembei 549, weiterhin im Jahre 1915: Januar 869, Februar 974 März 795, April 659, Mai 461, Juni 522, Juli 465, Auguf 321, September 347, Oktober 392, November 729. Dezembei 702 und schließlich im Jahre 1916: Januar 568, Februm 560 nild März 612. — Die Gesamtsumme der Eingüngi infektwusverdächtigen Materials belief sich demnach an über 10 000 (10 241) Proben. Die Zahl der ausgesührter Untersuchungen war über eine wesentlich höhere, da be einem großen Teil der Eingänge nach verschiedenen Rich tun gen hin bakteriologische und serologische Erhebunger anzustellen waren. An der Ausführung dieser Untersuchungen, die bei den übrigen Ausgaben des Amtes eine erhebliche Belastung bedeuteten, wareii außer dem ständigen Persona! des Amtes noch 1 bis 2 Sanitätssoldaten sowie seit diesen Jahre -eine Bolontärin mitbeteiligt.
In der Hauptsache handelte es sich um die bakteriologische Aufklärunig und Bestätigung von Typhus- sowie Paratyphus--^.-- und -L- verdächtigen Erkrankungen bezw. uni Untersuchungen, welche zur Verhütung dieser Kvantheiteti angezeigt erschienen (5816 Fälle). — 442 llnler- suchungerr waren.auf den Nachweis von Ruhrerreqern gerichtet.
Wegen Tuberkuloseverdacht oder zur Ausschließung emes solchen kamen 3344 Proben (Lungenaus- wurf, Eiter, Kot, Urin, Lumbalflüssigkeit usw.) zur Untersuchung.
Zu 612 Fällen galt es, den Verdacht auf Lues, Gonorrhoe, Diphtherie, Streptococcen Pnenmococcen, Influenza, Wundstarrkrampf, Malaria, Genickstarre, Recurrenz, Cholera, Rotz etc. bakteriologisch bezw. serologisch zu bestätigen oder auszuschließen.
Es wurde endlich noch eine Reihe iticht ansteckungs- verdächtigen Materials sür die einzelnen Lazarette bezw. Militärärzte untersucht.
An der Einsendung deS vorstehenden Materials beteiligten sich die Reserve- und BereinSlazarette in: Alsfeld, Alsbach, Alzey, Auerbach, Bensheim, Butzbach, Babenhausen, Büdingen, Bingen, Burg, Darmstadt, Dieburg, Dillenburg, Eberstadt, Friedberg, Gießen, Goddelau, Hungen, Heppenheim, Hanau, Ober-Ingelheim, Lich, Limburg, Lauterbach, Langen, Bad-Nauheim, Nieder-Weisel, Offenbach, Rüsselsheim, Salzhausen, Sickendorf, Schotten, Wetzlar, Worms, sowie die Kriegsgesangenenlager und Seuchenlazarette in Darmstadt, Gießen, Friedberg und Wetzlar. Es wurden fernerhin noch fortlaufeiide Untersuchungeil für 27 Militärärzte (Bataillons-, Stabs- und Revierärzte) aus-, »geführt.
Es fanden weiterhin im Untersuchungsamte je zwei Ansbildungs- und Wiederholungskurse für Desinfektoren sowie zwei Unterrichtslürse in der Bekämpfung des Fleck- und Rückfallsiebers statt, an welchen Militärpersoncit und Angehörige des Roten Kreuzes teilnahmen. —
Schließlich sei noch bemerkt, daß sich das Amt troch bei Schutzimpfungen gegen Pockeii, Typhus und Cholera betätigte. A. Bötticher.
*
Unsere Frühjahrsbestellung.
Aus der Gegend des Hinteren Vogetsberges gehetl uns folgende stolze und zuversichtliche Ausführungen zu, denen wir gerne Raum gewähren, da sie Anerkeiinung und Ansporn zugleich sind.
Die Größe unseres Heeres zeigt uns zur Genüge, welche Meuschenmassen unserer Bevölkerung entnommen sind. In den Dörfern des hinteren Vogelsberges dürfen wir durchschnittlich auf einen hohen Prozentsatz von Eingezogenen rechnen. Die größte Mehrheit der Kämpfer gehört hier oben dem Banertistande an. Mit trübern Blick sah am Anfänge des^neuen Jahres manche nun alleinstehende Bauersfrau der Frülffahrsbestellung entgegen. „Was soll das werden?" war vieler Gedanke. Nun ist diese Zeit herbeigetomk- men. Wir stehen hier mitten in der Frühjahrsaussaat.
Ueberall sieht man emsigen Fleiß. Die Fr aue st gehen frisch ans Werk. Was sie früher als selbstverständliche Männerarbeit ansaheti, wird angepackt und auch zu Ende gebracht. Die Frau ist viel selbständiger geworden. Ein sonst wenig gesehenes Bild: häufig sieht man Fraiten als Lenterin eines Pferdegespannes, Peitsche und Zügel in der Hand, als müßte es so fein. Ja, es muß so sein! Unsere Franeni kommen voll und ganz ihrer Pflicht gegen sich selbst und gegen ihr Vaterland nach, ebenso wie ihre Männer da draußen auf blutgetränktem Felde. Doppelt schwere und sorgfältige Bearbeitung erfordert der Vogelsberger Boden. Aber als schönstes Zeugnis für den Pflichteifer unfever Frauen prangen die Wintersaaten in vollem, üppigem Grün und berechtigen zu den schönsten Hoffnungen
Aber anch die Kinder stellen ihren Manti. Schon in Friedenszeiten mußte der Vogelsberger Schüler viel arbeiten. Nun aber ist die Arbeit iwch gewachsen. Oft schon einige Stunden vor Begiitn der. Schule fängt ihr Tagewerk an. Kaum ist der Unterricht zu Ende, so wartet schon wieder die Pflicht auf sie. Zwölf- bis Vierzehnjährige fahren ihren mit Dung beladeneii Wagen allein ins Feld, eggeii ohne Mithilfe und versorgen das Bich. Auch die nötige Zeit für die Schulaufgaben grird noch gefuitden. Und wer wohl meint, der. Vogelsberger Schüler stche deshalb hinter anderen zurück, der komme, sehe und höre. — Da fast durchweg Halbtagsunterricht erteilt ivird, kommt der Rest des Tages der Arbeit zugute. — Auch die oberste Schulbehörde hat, wie überall, den Kräftemangel berücksichtigt und eine vorzeitige Entlassung der Konfirmand e n zum 1. April gestattet.
Den Riesenanteil der fchlendeii Kräfte ersetzen aber im hinteren Vogelsberg die K r i e g s g e s a n g e n e ii. Fast jedes Dorf hat sein Arbeitskourmando. Die Feinde, Franzosen und Russen, haben in ansehnlicher Menge ihren Einzug im Vogelsberb gehalten, natürlich in anderer Weise, als diese „Kulturbringer" es sich träunten ließen. Auf den Feldern leuchten nun die gelben Armbinden uiid die Farbstreifen der Kleider unser-er Feinde bei fleißiger Arbeit. Zwar ist die ftemde Sprache ein Hindernis, aber mit jedem Tage wird die Verstäudiguna leichter. Die Zerstörer Ostpreußeus hier bei friedlicher Kulturarbeit! Welcher Wechsel des Schicksals!
Zahlreichen Feinde braucht, gewährt sür die Frühjahrsbchtel- lungen Beurlaubungen. Mit Wehr und Waffen sieht man die bärtigen, gebräunten Krieger nach dem lange entbehrten Heim eilen, um in kurzer Frist das Nötigste zu tuti, anzuownen und auch noch Erholung zu finden. — Garnison- diensttaugliche Landwirte werden sür längere Zeit beurlaubt oder ^injtweilen nicht eingezogen. — Die Nachricht, daß Landstürmer, die während des Krieges das 45. Jahr über- chritten haben, nach Hause entlassen werden, kommt gerade zur Bestellung recht. Unseren Feinden, die uns durch die Uebermacht erdrücken wollen, mag das wohl unverständlich sein. Uns aber soll es nicht nur eine neue 5)ilfe zur Aussaat ein, sondern auch neue Kraft zum Ausharren geben: „Wir sind stark genug, selbst gegen eine Welt von Feinden. Bautz daheim in Frieden eure Scholle!"
Aber auch die Witterung scheint unser Bundesgenosse zu sem. Keme mächtige Kälte, keine überstarke Schneedecke hat, wie vor zwei Jahren, den größten Teil der Winter- aat, des Herbstfteißes und der Sommerhosfnung vernichtet Der März brachte prächtige Tage, aber auch der tlärrische April kann trotz abwechselnder Kühle, trotz Regen- und Schneeschauern kein Unheil mehr anrichten. Ja, der andauernde Regen soU unserem Boden zugute konnnen, damit er leichter eine etwa eiutretende sommerliche^Trockcnzeit überdauern kann. ^
Eine prächtige Wintersaat, grüne Wiesen, günstige Witterung, einigermaßen ausreichende Hilfe zur Frühjahrsaussaat und zur Sommerarbeit, das sind die Zeichen, mit )enen wir hier oben ins neue Ernte- mtd Arbeitsjahr hineintreten. Dazu noch unsere Siege im Westen! Der Landwirt !ann und darf mit Rühe und mit den bestem Hofsnungell der kommenden Ernte entgegensehen.


