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13.4.1916 Zweites Blatt
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D. 88 Zweites Blatt

LrschstM «-Nch mit Ausnahme des -Sonntags.

Dt«Otehener -nnWenblätter" werden dem .Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt das KreisMoit fftr ktu Kreis Stehen" zwenna: wöchentlich. Die .^andwirtschafUichen Zeit- fra-ertt^ erscheinen mormtlich zweimal.

166 . Jahrgang

General-Anzeiger für Sberhe

Donnerstag, 1Z. April W6

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schev Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriitleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul» straße 7. Geschäftsstelle u.Berlagid^bl,Schrift» leitung: d-gK!12. Adresie für Tralstnachrtchten.' Anzeiger Gießen.

Die deutsche Antwortnote an Amerika.

s i? cr 12. April. (WTB.) Auf die Anfrage der Regierung fr* VJ n 1 9 e n . ö 4 a « 1 c " vwesm Angriffs auf dmDami'fc'i sLA" c i T ?" b «mffe Schiffe ist dem amerikanischen Bat- sll)aster mir 10. ds. Mts. folgende Antwort erteilt worden'

^ b«M sich Sr. Exzellenz, dem Bodfchnftc,

de. Bereungten Staaten von Amerika, Herrn James W. G e r a r d auf dre Schreiben vom 29. und 30. v Ms, so,me von: 3 ds Mts lirfS" 6 ' 8901, 8902 8983 und 9010) über die Dampfe,

" V 1 ^ 3Manchester Engineer",Englrshman", ..Verwind Vale' ' mitzuteilen, daß die erwähnten Fälle gemäß der dress^tigen .^oten vom 30. uich 31. v. Mts., sowie vom -1. uni £ ö ? n dem Adrmralstab der Atarine einer sorgfältiger

^i^rt^± UnteTär ° 9eit morbai bic 3U nachstehendem Ergebnis ge-

I. Englischer DampferVerwind Vale".

^n Dampfer, der möglicherweise derBertvirrd Vale" gewetzt ar £ ^n Sicht des Leuchtfeuers vor

Vullwck an der irrscheu Küste »von einem d c u t s dy cn Nuter

Sobald der Dampfer Pas über Waffe, fahrende Unterieeboot bemerkte, drehte er ab und lief weg Et wrE durch einen Warnungsschuß zum ^Stoppen aufgefordert biei Warirung nicht, sondern löschte sämtliche Licht und v^uchte zu entkommen. Daraufhin wurde er b e s ch o s - Lf?*' nnd ohne weitere -Aufforderung mehrerc

Joote zn Walser führte. Nachdem die Besatzung in die Boote gc gangen ttxrr rurd genügend Zeit /erhalten hatte, um wegzurudern, wurde das Sckmf versenkt. >

e dieses Dampfers ist nicht festgestellt. Auch mit VMe ver Angaben d:e von seiten der amerikanischen Botschaft *? 0T ^ e,t l^^l sich nicht mit Sicherheit sagen, daß der m>rstehend geichllderte Vorfall den DampferVerwind Vale" 7^6^ ^ ^per der versenkte Dampfer ein Tantdampfer ebenso nne derBerwrnd Vale" war, .dürfte die I d nt tität der Schiffe anznnehmen lern; :n diesem Falle würden allerdings die dortigen Angaben, daß derVerwind Vale",ohne Warnung torpediert wor­den ser, mit den Tatsachen in Widerspruch stehen.

II. Englischer DampferEnglishman".

Dieser Dampfer wurde am 24. März von einenr d e u t s ch e n w * e cJ> e b 0 ^ .. etroa 20 Seemeilen westlich von Jskay durch zwei Warnt tngsschüstz zun: Stoppen aufgefordert, lief aber we: t ex,jo hne sich um die Warnnn g zu knmiitcnt und wurde daher von dem Unterseeboot durch Artilleriefeucr nach län- gerer Verfolgung gezwungen, zu stoppen, worauf er ohne weitere Ausforderung Boote aussctztc. Nachdem der deutsche Kommandant sich davon überzeugt hatte, daß die Besatzung in die Boote gestiegen und vom Schiff weggerudert war, versenkte er den Dampfer.

III. Englischer DampferManchester Engineer".

Durch die bisherige Untersuchung hat sich nicht feststellen lasten, ob der Angriff auf diesen Dampfer, der nach der dortigen Darstellung an: 27. März in der Höhe von Waterford stattgefuud-n: hat, aus ein deutsches Unterseeboot zurücktzusüchren ist. Die Angaben über Ort und Zeit des Vorfalles geben keinen ge­nügenden Anhalt für die Untersuchung. Es wäre daher erwünscht, genauere Angaben über Ort, Zeit und Begleitumstände des der amerikanischen Regierung gemeldeten Angriffs zu erhalten, da­mit daraufhin die Untersuchung zum Abschluß gebracht werden kann.

IV. Englischer DampferEagle Point".

Dieser Dampfer wurde am 28. März vormittags etwa 100 nicht 130 Seemeilen von der Südwestküste Irlands ent­fernt von einem dentsche n Unterseeboot durch Signal­schutz aufgefordert, zu stoppen, lief aber weiter. Daraus wurde auf ihn geschossen, dis er stoppte und ohne weitere Aufforderung zwei Boote zu Wasser brachte, in die sich die Be­satzung begab. Nachdem sich der Kommandant überzeugt hatte, daß, die Boote die Segel gesetzt hatten, vom Dampfer frei gekommen waren, versenkte er den Dampfer. Zurzeit der Versenkung

herrschten Nord-Nordwestwinde von Stärke II, nichtstürmische" und leichte Dünung, nichtschwere See", wie in der dortigen Dar­stellung angegeben ist. Die Boote hatten auch, alle Aussicht, sehr bald ausgenommen zu werden, da der Ort der Versenkung aus einem vielbenützten Dampferweg lag. Wenn die Besatzung des Dampfers zu ihrer Rettung nur zwei kleine Boote in Gebrauch nahm, so trifft sie selbst die Schuld, denn auf dem' Dampfer be­fandet: sich, wie das Unterseeboot feslstellen konnte, noch min- bestens vier große Faltboote.

V. F r a n z ö s i s ch> er D a m p f e rS N s s e x".

Die Feststellung, ob der KanaldampferSussex" von einem deutschen Unterseeboot beschädigt worden ist, ist da- durch außerordentlich erschwert worden, daß keine genauen Angaben über Ort, Zeit und Begleitumstände der Versenkung bekannt waren, auch, ein Bild dieses Schiffes bis zum 6. April nicht erreich! werden konnte. Infolgedessen hat die Untersuchung ans alle Anhaltungen ausgedehnt werden müssen, die an dem in Frage kommenden Tage, den: 24. März, im Kanal ettva auf dem Wege zwischen F olke st o n c und Dieppc überhaupt stattgefuuden hattet:.

In diesest: Gebiete ist am 24. März, ungefähr in der Dritte des englischen Kanals, von einem deutschen Unterseeboot ein längeres schwarzes Fahrzeug ohne Flagge mit grauem Schornstein uird kleinem grauen Aufbau, sowie zwei hohen Masten angetroffen worden. Der deutsche Kommandant gewann die bestimmte Ueberzengung, daß er ein Kriegsschiff und zwar einen Minenleger der unterbauten e n g tischenA r a b i c" - Klasse vor sich habe. Er wurde zu diese.- Ue erzeugung g fährt 1. durch das glatt durchlaufende Deck des Schisses, 2. durch die, kriegsschiffmäßige schräg nach hinten und unten abfallende Form des Hecks, 3. durch den kriegsschissmäßigen Anstrich, 4. durch die hohe Geschwindigkeit von etwa 18 Seemeilen, die das Schiff ent­wickelte, 5. durch den Umstand, daß das Schiff nicht den Weg nörd- lich der Leuchttonnen zwischen Dungeneß und Beachy Head innch eit, der nach den häufig übereinstimmenden Beobachtungen der deut­schen Unterseeboote für die Hapdelsschiffahrt üblich ist, sondern mitten im Kanal mit dem Kurs ungefähr auf Le Havre fuhr. Infolgedessen griff er das Schiff um 3 Uhr 55 Minuten nachmittags, mitteleuropäischer Zeit, V -, Seemeilen südöstlich der Bullrockbank unter Wasser an. Ter Torpedo traf und rief im Vorschiff eine so schwere Explosion hervor, daß das ganze Vorschiff bis zur Brücke abriß. Die besonders starke Explosion läßt mit Sicherheit darauf schließen, daß an Bord große Muni­tion s m e u g c lt vorhanden waren.

Der deutsche Kommandant hat eine Skizze des von ihm angegriffenen Schiffes angcsertigt, von der zwei Abzeichnungen bei gefügt werden. Das ebenfalls in ^zwei Exemplaren angeschlosscne Bild des DampfersSussex" ist ans der englischen Zeitung Daily Graphie" vom 27. vorigen Monats in photographi­scher Wiedergabe entnommen. Tie Vergleichung der Skizze und des Bildes zeigt, daß derSussex" mit den: angegriffenen Fahr­zeug laicht identisch ist. Besonders auffallend ist der Unter­schied tu der Stellung des Schornsteins nird der Form des Hecks. Ein weiterer Angriff hat in der für denSussex" in Frage kom­menden Zeit auf dein Wege zwischen Folkestone itnd Tieppe seitens deutscher Unterseeboote überhaupt n ich! sta t t ge f u n d e n.

Hiernach muß die deutsche Regierung annehmen, daß die Besck/ädigung desSussex" auf eine andere Ursache als auf den Angriff eines deutschen Unterseebootes zurückzuführen ist. Zur Aufklärung des Sachverhalts ist vielleicht die Tatsache dienlich, das; allein am 1. und 2. April im Kanal nicht weniger als 2 6 englische Minen von deutschen Seestreitkräften abgeschossen worden sind. Ueberhanpt ist die ganze dortige Meeres­gegend durch t r e i b e n d i Mine n und n i ch t gesun­kene Torpedos gefährdet. Bor der e n g l i s ch e n Küste wird sie ferner auch durch deutsche Minen, die gegen die feindlichen Seestreitkräfte ausgelegt werden, in zunehinendent Maße gefährdet.

Sollte der amerikaitischcn Regierung weiteres M a t e - r i a l zur Beurteilung des FallesS^lssex" zur Verfügung stehen,

so darf die deutsche Regierung um dessen Mitteilung bitten, um auch dieses Material einer Prüfung untediehnr zu können. Für derr Fall, daß hierbei Meinnngsoerschied-enheiteit zwischen den beiden Regierungen sich ergeben sollten, so erklärt sich die deutsche hle- gierung schon jetzt bereit, den Tatbestand durch eine gemischte il ntersu ch u n g s ko m m i s s io n gemäß dem dritten Titel des Haager Abkommens zur friedlichen Erledigung internalio- naler Streitfälle vom 18. Oktober 1907 festlegen zu lassen. Indem der Unterzeichnete bittet, der Negierung der Vereinigten Staaten von Vorstehendem Kenntnis zu geben, benützt er diesen Anlaß, urn dem Herrn Botsch/affer den Ausdruck seiner ausgezeichnetsten .Hoch­achtung zu erneuern. Gez. v. I a g o w.

Ariegsbriefe aus dem Westen.

Von unserm Kriegsberichterstatter. lArchcrechtster Nachdruck, auch auszugsweise, vecbotz».)

Durch den Eaures-Wald nach Bcaumont.

Gr. Hauptquartier, am 8. April.

Im vorliegenden Berichte und in eiorigen anschließenden will ich versuchen, dein Leser einen Begriff davon zu gebeir. was eine scheinbar so einfache Tatsache bedeutet, wie die Einnahlme eines befestigten Dorfes der französischen Verdunfront. Was für eine Summe von .Heldentckten aufgewendet worden ist, bis am dritteu. Tage der Verdunschlacht die Heimat erfahren kann, daß neben einer ganzen Reihe von anderen französischen Stellungen das Dorf Bean- mont erstürmt worden ist. Es handelt sich hier um einen ganz klei­nen Ausschnitt aus denn großen Kampfe, den ich so genau, roic es zurzeit möglich ist, schildern imll, tveil es nur aus diese Weite möglich ist, von der Schlacht eine' Vorstellung zu gewinnen. In diesem ersten Berichte gebe ich, um da.s Verständnis der später- folgenden Kampfhandlungen zu erleichtern, einen Ueberblick über das Gelände, rvelches gewonnen werden mußte, ehe Beanmont er- ftürmt werden konnte.

Beaumont lag von der vordersten Spitze der französischen Stel­lungen, die am Nordrande des Eaures-Waldes in unsere Front südlich von Flabas und Bille-devant-Ehaumont vorsprang, gute zwei Kilometer entfernt. Im Zwischenraum mutzten die Angreifer erst durch den Caures-Wald, dann über die kahle Höhe 325 ge­langen, welche mit Hindernissen versehen und von dem Fay-Wäld- chen und denr Waldgipfel La Wavrille flankiert wurde. Dann erst konnte der Angriff gegen die Feldbefestigungen von Beaumont be ­ginnen, und nach deren Ueberwindung mußte Haus um Haus im Lrtraßcnkampfe genommen werden. Jeder dieser Geländ-cnameu ist gleichbedeutend mit einem Komplex von Hindenrissen und Befesti­gungen, und es ist hier weder Redensart noch Uebertreibnng, wenn man sagt, daß jeder Schritt erkämpft werden mußte.

Der Canrcs-Wald ist ein an seinen Rändenr aus wirrem Dickicht mit cinrgnt überragenderr Bäumen bestehendes, ausgedehn­tes Gehölz. Sowohl der nordwestliche, nach Flabas, ivie der nord­östliche, nach Ville vorspringende Zipfel gehörten uns schon während des Stellungskrieges. Mitten im Dickicht trafen deutsche und fran­zösische Linien auseinander, an einer Stelle, welche diewindige Ecke" genannt ivurde, nur durch eine nenn Mieter breite Stachel- drahtzonc von einander getrennt. Von den. Unterständen ans, wo unsere Sturmtrnpven sich vor der entscheidenden Stunde versam­melt hatten, bin. ich den ganzni Raunr dieses Schlachtabschnittes abgcgangen, um mir darüber klar zu werden, wie es möglich ivar, ein solches Geflecht von Befestigungen nrit stürmender Hand zu nehmen,

Von der ersten und der auf sie nack einem Zwischenräume von 150200 Metern, stellenweise auch mehr, folgenden zweiten fran- zösiscken Stellung ist nicht mehr allzuviel vorhanden. Sie waren durch Minen und Artillerie tüchtig zusainmengeworsen worden. Man sieht aber, daß sie mit großer Knust und Sachkenntnis gebaut rvareu, und die mit Maschinengewehren versöhnten betonierten. Unterstände haben dem starken deutschen Feuer nicht schlecht siandgehalten. Keineswegs sind diese Gräben mit deneit zu vcr-

Nttnst und Wissenschaft.

Die ungalanten Pariser und die Schaff­nerinnen. Da die Bedürfnisse des 5)eeres in allen kriegführen­den Lcnrdenr den größten und gerade den brauchbarsten Teil der männlichen Bevölkerung.den Berufen des Friedens entzogen l)aben, anußten bei allen Kriegführenden immer ntehr die einst so unter­schätzte Weiblichkeit in die Bresche treten. Daher bietet der Anblick der verschiedensten weiblichen Arbeiter im Getriebe des öffentlichen Lebens in Berlin und Wien, in Paris und London nichts Erstaun­liches oder Neues mehr. So sehr auch die Kriegführenden sich sonst voneinander unterscheideir mögen, in dieser Beziehung weisen sie dieselbe Taktik auf; darum ist auch> die Figur des weiblichen Straßenbahnschaffners eine sozusagen internationale Erscheinung getnorden. Aber während die Schiaffnerinnerr in Deutschland und Eirgland sich mit guter Laune in ihre ncne soziale Stellung ge- furchen haben und in ihrer Betätigung genugsant vom guten Willen des Publikums rmterstützt werden, um sich darür wohl zu fühlen, snrd ihre Pariser Kolleginnen weitaus weniger glücklich daran. Sie leiden an der geringen Rücksichtnahme der Fahr­gäste und klagen besonders über den für sie schw^riviegetchen Mangel an galanten Männern. Mso so sehr hak der Krieg die Sinnesart der Franzosen verändert und ihren angestam in testen Ruhm zu­nichte gemacht, daß Mach der sprichwörtlich gewordenen französischen Mode auch die ebenso sprichwörtliche französische Galanterie imiuer deutlicher dahinschwindet. Und wenn nran einer Schilderung des Jou.rnal des Debats" Glaubet?, schenkt, erscheint das Tagetverk der Pariser Straßenbahnschaffnerinnen tatsächlich wenig beneidens­wert:In den stillen Morgenstunden, in denen^der Verkehr troch nicht zur lärmenden Beweglichkeit seiner vollen Stärke erwacht ist, bieten die jungen Frauen in ihren dunklen Uniformen, die mit geröteten Wangen ans den Plattformen ihrer Wagen steheu, den Anblick von Menschenkindern, die mit zufriedenem Sinn und guter Lanne ihrer Berufspflicht nachgehen. Vor den Remisen, in denen die Wagen gereiht und zusammengeknppe.lt werden, sitzen diese nitiformrertn? Mädchen nird Franen plaudernd aus den Bänken, während sie das mitgenommene Frühstück verzehren. Uni diese Zeit sind auch die wenigen Fahrgäste ganz liebenswürdig, itnd manch imtertzaltsames Gespräch entwickelt sich in den dahinsausendeir Wagen. Doch später, wenn der Verkehr seine volle Stärke erreicht bat, wenn jedermann mit größtmöglicher Eile nur nach seinem Ziel strebt, wenn alles fiebert, wenn Sorgen und Geschäftsgedanken die Köpfe beschweren, hat die Zeit begonnnr, die für die Pariser Schaffnerin eine Unsumme von Amger und Qualen, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen mit sich bringt. Dann stößt sich alles vor den Plattformen, man drängt sich in den Mittelgang, man streitet uni die Sitzplätze, nrld dantr muß die Pariser Schaffnerin zu ihrem Schmerz erkennet:, daß sie nur eine schwache Frau ist, die niemandem Respekt einflößt. Und an den Haltestellen versichern die Leute immer wieder, daß sie schon zwanzigmal hätten mik- kommen können, toenn nicht diese ungeschickten Schaffnerinnen warnt. Tie Schaffnerin aber zieht es vor, allen Anrempetungen mit starren: Schweigen zu begegnet:, sie zieht die K'lingclschnur, nick) die Bäht: fährt weiter, während ringsum Flüche und Ver- wünschnnget: ertönen. Die ganz Ungestümen aber mißachten die Gebote der Schaffnerin und drängen polternd in die Wagen, ohne

sich einen Deut um Vorschriften und Verbote zu kümmern. Schließ­lich, wenn sie sich gar sticht mehr zu helfen weiß, ruft die Schaff­nerin kläglich ans:Sie würden sich nicht so benehme^, wcntr ich ein Mann wäre!" Und damit hat sie leider nur allzu recht: denn die Ungebärdigsten werdet: mit einem Schlage zu sanften Lämmerit, wenn sie anstelle der schwachen Schaffnerin einen Schntz- ntann erblicken . . ."

Ein Disraeli -D ra ma auf der Londoner Bühne. Im Rot-alty-Theater zu London hat dieser Tage ein sehe merkwürdiges dramatisches Erzcngttis seine erste Ausführitng erlebt. E? ist dies ein Drama, das im Jahre 1875 spielt itnd beriet: Held Benjamin Disraeli, der Earl von Beacoussield, ist. Der Ver­fasser dieses Stückes ist der nicht nnbekatntte englische Dramatiker Louis N. Parker, der die in dem Stücke behandelte Zeit selbst bereits miterlebt hot und so aus lebendiger Erinnerung schöpfen konnte. Er betont jedoch, daß er keineswegs ein Geschichtsdrama habe schreiben wollen, und er hat guten Grund, das zu betonen : dent: dies Disraelt-Drattta schmeckt weniger nach Geschickte, als vielmehr nach den Reizungen und Wirkungen der Hintcrtreppen- literatnr. Den Mittelpunkt der Handlimg bildc't DisracliS be­kannter genialer Streich, durch den er die Äcchrheit der Suezkanal- Aktien und dannt die Koittrolle über den Kanal selbst in die Hand der englischen Regierung brachte. Es tvird geschildert, tvic er sich zuerst an den Gonvertrettr der Bank vot: England um die ztt diesen: Zwecke nötigen Mlliönchen tvendet, von ihm aber einen Korb er­hält. Da ist es denn ein jüdischer Datrkier, Hugh Meyers, der sich bereit zeigt, die erforderliche Summe vorzuschicßen. Aber so einfach ist das Spiel doch nicht, dent: gegen DisraeltS Platt arbeitet heim lich aber tatkräftig ein Schtvarm von wohigedrilltet: Spionen, die natürlich (wozu schrieben tvir sonst das Jahr des Herrt: 1916!) im Solde Deutschlands stehn: und von keinem geringere:: als Bis­marck an der Strippe geleitet tverden. Diese Spione und nicht zu vergessen! Spion innen sind nach Parkers Schilderung äußerst gerissen, aber doch noch lange nicht so geriffelt, wie Benjamin Dis raeli, der ihr Spiel schon dadurch lahm zu leget: versteht, daß er sie als Sekretäre oder Hilssarbeiter anscheinend ganz vertrauens­voll in seine unmittelbare Näh? zieht tmb so ihren Schlichen leicht nachspüren kann. Diese unerschöpflichen deutschen Spione haben schon den bewußten Meyers an den Rand des Bankbrnchs gebracht und glauben damit den Suezkanalplan glücklich vereitelt zu haben, als Disraeli ihnen einn: etrogültigen Strich dtirch die Rechnung macht, indetnl ec in seiner Eigenschaft als Premierminister den Gouvernettr der Bank von England einfach zwingt, einen Schein zu unterzeichnet:, durch den Meyers bei der Bank ein unbeschränk­ter Kredit eröfftiet wird. So wird Meyers vor der Pleite bnvahrt, der Suezkanalplan gelingt, der Gouverneur der Bank von England und Meyers tverdet: in beit Adel erhoben, Disraeli aber, den der englische Adel im Beginne des Stückes sichtlich und recht schnöde schneidet, steht als der große Triunrphator in voller Glorie ans der Bühitc. Nimmt Man dazu noch die ttnentbehrliche Dosis Liebes- intrige, so kaut: man sich ettva vorstellen, welcher Art das dramati­sche Gericht ist, das Louis N. Parker den Londonern vorgesetzt hat. Es ist ihnen aber glatt eingegangen, ebenso wie es schon vorher in Amerika großn: Erfolg gehabt hat.

Von der Verfasserin derJane Eyre". Wenige Bücher der englischen Lfteratnr des.vorigetr Jahrhunderts haben

solches Aussehn: gemacht und einen so großn: Leserkreis gefunden, wieJane Eyre" von Euerer Bell. Es ist dies das Muster und -"'bild des viel bcwunderten tmd viel aeickwltenet: englischen' Gouvernant nromnN utrd hat unzählige Nachahmer und Nackt- Iv.ger gesunden. Nicht bloß in England, sondern auch in Deutsch - land. Tie Marlitt stammt unmittelbar von der Verfasserin der Jane Eyre" ab. Aber über den literarischen Wert oder Unwert hinaus ist dieses Buck, das die Versasseriu ttach eigenen trüben Lebensorfahruttgen mit ihrem Herzblut geschrieben hat, eine bittere Verurteilttng dm englischen Heuchelei in Sitte und Leben. In Deutschland, in zahlreichen Ucbersetzungcn verbreitet, hat derRomair seine größte^ Popularität erst erreicht, als die Birch-Pftisser ihn unter dem TitelTie Waise vot: Loivood" für die Bühne zttrecä- schneiderte und damit Rollen schuf, in denen noch bis vor wenigetr Jahr^ehntett Künstler tvie Sonttmthal und Barnay, Elara Meyer und Franziska Ellmenreick Triumphe feierten. Hinter dem Pjeudo- nym Euerer Bell verbarg sich Charlotte Broute, die Tochter eines englischen Predigers zu Harthead in Dorkshire, die vor einen« Jahrhundert, am 21. 'April 1816, geboren ward. Ihrem 1847 er­schienenen Erstlingswerk folgten einige andere Romane, von denen besonders der zur Zeit der Kontinentalsperre spielende Roman Shirley" Beimmdernng erregte. Ein ztveijähriger Aufenthalt als Erzieherin in einem Brüsseler Institut gab ihr den Stoff zu den: tu Belgien spielenden RomanBillette", in dem die Engländerin keineswegs sehr sretmdlich, die belgischen Zustände schildert. Nur wenige Jahre durfte sie .sich ihres Schriststellerruhnis erfreuen. Nackdetu sie siclt noch 1854 mit dem Hilssprediger ihres Vaters, Nickots, vermählt hatte, starb sie am 1. April 1855.' Ihr er-zeu- trischer Vater, der niemals ein Wort zum Lob? seines Kindes aus­gesprochen hatte und sich dessen rühmte, hat sic lange überlebt.

Erösfnnngeines Tolstoi-Museums i n Mos­kau. Die Bestände des Moskauer Rumiautzew-Mnsennts fiui> kürzlich durch eine kostbare Schettkung bereichert worden: Gräfin Leo Tolstoi, die Wittve des großen russischen Dichterpuiloiovben^ hat der Leituitg der Anstalt den gesamten handschriftlich ': 'V'-ud laß ihres Gemahls überwiesen und ihn durch der: Br: : Te! Tolstois mit seinen Zeitgenossen abgerundet. Da Tolstoi sehr alt geworden ist uttb von jeher einen ausgedehnten Briefwechsel Pflegte, so befinden sich ntrter den rund fOOOO Briefen, die das Rumiantzeff-Musenm erhalten hat. zahlreiche bedeutsame Doku­mente, die namentlich für die russische Literaturgeschichte teilweise von entscheidendem Wert werden dürsten. Die russischen Lite- ratnrgrüßet: des 19. Jahrhunderts, die Fet, Otzmtsckiaross Ne kcasoff, Grigorowitsch nsw. sind mit umfangreicheil Korrespon­denzen vertreten. Zu diesen Handschriftenschätzen gesellen sich 200 Bildnisse aus allen Altersstufen des Dichters, und eirdlic!: tritt das Museum in den Besitz des Arbeitszimmers, das der Dichter derAuferstehung" ans Jasnaja Poljana bewohnte. Die ganz« Sanrmlung ist in einen: eigener: Tolstoisaal ansge,T1lt wordni, der 17 zn 12 Meter nrißt.

Stuttgart. 12. April. (WTB.) Wie derSchwäbische Merkur" meldet, hat Professor Cissarz von der K tu ist ge werbe- schule einen Ruf.an die Knnstgetvtwbeschnle in Frankfurt a. M. an- genommet: zur Leitttng der Abteilung fiir dekorative Malerei.