Nr. u Srvettes Blatt
M. Jahrgang
Lochern t Ivtzllch mit Ausnahme des Sonntag«.
Die »Hetzen« §O»kkrU-kttter" werden dem »Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, daS „fittisMott Kr dev Kreis Siehev" zwemw! wöchentLich. Die ^Lanöwittschaftlichev Sett- ftvgeu" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger für Gberhessen
§rettag, 31. Marz lM
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitteitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul* straße 7. Geschäftsstelle u.Berlag:^O51, Schrift« Leitung: e^!12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
hessische Erste Kammer.
rb. Dnrmstadt, 30. März.
Am Regierungstische: Staalsminister Tr. v. Ewald, Minister des Innern v. Hombergk, Ministerialpräsident Tr. Becker, Staatsräde Wilbrand und Süsser t, Ministerialrat Dr. Kratz u. a.
Präsident Fürst Sol m s -Hohensolms-Lich eröffiret die Sitzung nm IO1/2 Uhr und verliest zuerst das Telegramm Sr. Kgl. Hoheit des Grostherzogs an den Herrn Staats minister, das bereits bei Beginn der Beratungen der Zweiten Kammer mitgeteilt worden ist. Das Haus erklärt sich! mit der Abfendung eines Danktelegvamms an den Großherzog einverstanden. Ter Präsident bemerkt darauf: Es sind in letzter Zeit Bemerkungen darüber lallt geworden, daß die hessischen Truppen, die hervorragenden Anteil an den Kämplsen der letzten Wochen genommen haben, nicht namentlich im deutschen Tagesbericht erwähnt worden sind. Das hat seinen natürlichen Grund darin, daß sie in letzter Zeit immer im großen Verbände gekämpft haben. Tie festen Stellungen, die die hessischen Truppen, genommen haben, sind nicht so allgemein bekannt, wie etwa das Fort Douaumont.
Daß die Hessen aber in den letzten Kämpfen sich ganz besonders ausgezeichnet haben, geht schon aus dem Tagesbericht hervor, daß das 18. Armeekorps so große Zahlen an gefangenen französischen Offizieren und Mannschaften erreicht hat. Der Oberbefehlshaber, Se. Kaiserliche Hoheit der deutsche Kronprinz, hat «auch einen Armeebefehl vom 20. März erlassen, worin er allen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften seinen ganz besonnen Dank ausspricht und hinzufügt: W o Hessen schlagen, hält kein Franzmann Stand! — Wir sind auch alle überzeugt, Mi sowohl die Hessen, wie das ganze deutsche Heer in derselben Weise mit Todesverachtung und Heldenmut weiter känrpfen wird, bis der Sieg endgültig errungen ist. Und wir werden auch in der Heimat durchhalten und sind uns eingedenk, daß, die Opfer, die wir hier bringen, nichts sind im Vergleich zu den Leistungen, «unserer Truppen. Ein Beweis für die Haltung der Daheim- gebliebenen ist ja auch das glänzende Ergebnis der neuen Kriegsanleihe. (Zustimmung.)
»Es folgt darauf zunächst die Einführung und Vereidigung des jungen, in feldgrauer Offiziersuniform erschienenen Grafen Eberhard zu Erbach-Erbach an Stelle des verstorbenen' Chefs des gräflichen Hauses, Die Vereidigung erfolgt in der üblichen Weise.
Das Haus beginnt daraus die
Beratung des Staatsvoranschlags.
Präsident Dr. Becker leitet die Beratung mit einer allgemeinen Uebersicht über den Staatsvoranschlag und die daran vollzogenen Abänderungen ein. Der Ausschuß der Ersten Kammer habe sich im wesentlichen, mit den Beschlüssen des anderen .Hauses einverstanden erklärt und auch die Regierung habe bereits be- anerft, daß sie sich mit den gemachten Abänderungen absurden werde. Der Minister weist dann u. a. darauf hin, daß jetzt in Bayern eine Steuererhöhung von 53 Proz., in Baden eine solche ßon 20—25 - Proz. für notwendig erachtet wird und selbst im Zäcbsischen Landtage, der sich bisher am schärfsten gegen dre Erhöhung der Steuern sträubte, sie ebenfalls um 10—20 Proz. -erhöht wird. Zum Schluß dankt Präsident Dr. Becker den beiden «-Kammern daftir, daß sie das Bestreben der Regierung, den Ein- »grift in die direkten Steuern seitens des Rerches abzuwehren, «durch ihre bekannten Entschließungen unterstützt hätten. (Beifall.)
Oberbürgermeister Dr. Göttelmann bespricht die Verhandlungen des Finanzausschusses und führt aus, daß der in der Zweiten Kammer gemachte Vorschlag, die Vermögenssteuer um 10 Psg. zu erhöhe::, abgelehirt wurde. Ml die Härten, die in dieser Steuerart für viele liegen, damit unerträglich geworden »wären.
Tie heutige Vermögenssteuer stehe bei vielen Zensiten in &ar keinem Verhältnis zu den wirklichen Erträgnissen. Im Finanzausschuß hätten sich mehrere Mitglieder aus diesem Grunde überhaupt gegen jede Erhöhimg der Vermögenssteuer ausgesprochen, man habe aber schließlich seine Zustimmung zu dem Regierungs- Nor schlug auf Erhöhung um 5 Pfennig gegeben. Der Ausschuß wollte auch zuerst nur eurer 10 prozeutigen Steuererhöhung Mstimmeu, er habe sich aber im Interesse des Zustandekommens ldes Voranschlags mit 12 Prozent einverstanden-verklärt und gleich- Zeitig der Freilassung der drei unterstell Steuerstufen von der Erhöhung zugestimmt. Es müsse im Staatshaushalt die größte Sparsamkeit geübt werden; die künftige Gestaltung der Verhältnisse rm Reich und in den Einzelstaaten würden ganz andere Steuer
ansätze notwendig machen. Besonders würden nach dem Frieden große Anforderungen an alle prodllktiven Kreise und an die Cxport- industrie gestellt werden, welch letztere umsomehr beschwert werde, je höher sich die Steuerlast beziffere. Ter Redner empfiehlt zum Schluß die Anträge des Finanzausschusses zur einmütigen Annahme.
Frhr. Hehl zu Herrnsheim, Exz., bespricht zunächst die allgemeinen ftnanziellen Verhältnisse in Hessen. Im Preußischen Abgeordnetenhause habe der Minister aus aus beut Hause gegebene Anregungen zu einer stärkeren Progression die Antwort gegeben, daß eine zu starke Progression das werbende Kapital vermindern und der Unternehinungsgeist geschwächt würde, und der Redner hätte gewünscht, daß auch im Hessischen Landtag von berufener Seite aus dies Moment aufmerksam gemacht worden wäre. Die Vermögenssteuer habe bisher in Preußen nur 65 Psg. für Tausend Mark betragen, in Hessen aber 95 Pfennig, und sie soll jetzt in Preußen auf 75 Pfennig, in Hessen aber zukünftig aus eine Mark festgestellt werde::. Tas Reich sei im Begriff, das Verinögen in einer Weise zu erfassen, die fast einer Konfiskation gleichkomme. Der Redner loeist daun daraus hin, welche Bedeutung die Steuern der Einzelstaaten, auch die hessischen, aus das Reich haben und wie die besitzenden Klassen vom Reich durch die Zuwachssteuer, die besondere Zuwachssteuer belastet werden. Jetzt komme nicht nur>von demokratischer Seite noch das Projekt einer neuen Wehrsteuer, eine erweiterte Erbschaftssteuer usw. Wir werden im kommenden FriÄren wesentlich höhere Steuern und geringere Einnahmen haben, und wenn es später wieder einmal zu einem Krieg kommen sollte, nicht mehr die Milliarden zur Verfügung habeil, wie dies jetzt der Fall ist. Der Redner wendet sich dann gegen die Nichtheranziehung der Aktiengesellschaften zu diesen Reichssteuern, wodurch 26 Milliarden Aktienkapital und 4 Milliarden Auslandsgelder freigelassen würden. Dagegen habe man alle privaten Wvhlfahrtsfonds stark herangezogen. Es sei doch ungerecht, die ganzen Steuerlasten aus die 5, 6 oder 7 Prozent der besitzenden Steuerzahler abzulvälzen. Es habe im ganzen Lande freudige Zustimmung erregt, daß es gelungen ist, die 20prozentige Steuererhöhung aus 12 Prozent herabzudrücken. Es müsse vor allem eine viel größere Sparsamkeit im ganzen Staatshaushalt erstrebt werden.
Daran f wird die Hauptaussprachie geschlossen. In der Einzelberatung gelangen die Kapitel nach, den Aussckußanträgen zur Annahme. Bei Kap. 20, Rheinfchffsahrt, befragt Geh. Komm.-Rat Tr. Bam ber g er die Regierung über den ^tand der Verhandlungen mit Preußen imb ob es nicht Möglich sei, den Einfluß Hessens auf die Rheinschiffichrt mehr zu wahrer.
Staatsmimster Dr. v. Ewald entgegnet, die Verhandlungen seien im Juli 1914 mit b*m preußischen Minister o. Bülow eingeleitet worden; tun Dürren besseren Anschluß an den sog. preußischen Konzern zu ^zielen, habe auch schon eine Verhandlung mit Generaldirektor Ott ftattgesundcn. Dann kam der Krieg und seitdem sei weiteres nicht erfolgt. Tie Regierung werde aber gern! bereit sein, sobald wie uroglich wieder daraus zurückzugreifen und» die hessischen Interessen zu vertreten.
Darnach, werden außer dem Kap. 23, Ministerium des Innern, das für morgen zurückgestellt wird, die sämtlichen Kapitel bis 72 nach, den Ausschuß an trägen Und den in unserem jüngsten Artikel über die Beschlüsse des Finanzausschusses gemachten Angaben erledigt.
Bei Art. 73. Landwirtschaftliches Vereins- und Genossenschaftswesen, macht Finanzrat Dr. Mi che l auf eine Anfrage des Frhrn. v. Heyl Exz. nähere Mitteilung über die Entwickelung und dm Stand der Zerrtralgenossenschaftskasse. Die Mittel der landwirtschaftlichen Genossenschaften seien zurzeit recht erlMich gestrsgen, was auch eine so erfreulich starke Zeichnung der Genossenschaften aus die neue Kriegsanleie beweist. Die letzteren waren i.m vorigen Jahre nacht mehr veranlaßt, Wechselkredit in Anspruch zu nehmen, was ebenfalls als ein gutes Zeichen gelter: könne. IM Jahre 1914 habe der Reingewinn 53 000 Mk., im Jahre 1915 etwas lveniger betragen, auch, habe sich die Zahl der noch abseits stehenden Genossenschaften wiccherum verringert.
Frhr. v. Heyl Exz. rickstet an den Herrn Minister die Frage, ob nicht jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen sei, die Zentral-, lasse in eine „Hessenkasse" uinzuwandeln, ähnlich, wie die „Preußenkasse", wenn auch vielleicht in etwas beschränkterem Maße. Er halte den richtigen Moment wenigstens für die nötigen Vorbereitungen in diesem Sinne für gekommen.
Minister v. Hombergk sagt zu, die Frage erneut in Erwägung zu nehmen.
Das Kapitel wird darauf genehmigt, desgleichen die folgenden Kapitel bis 77. Beim Kap. 78, Handelskammern, benrerkt Bank
direktor Pa. re Ns, eS sei nicht richtig, wie behauptet wurde, daß die Handelskammern einen Antrag auf doppelte Kriegssteuer gestellt haben, was jedoch vom Frhrn. v. Heyl Exz. :md Geh. Komm.-Rat Dr. Bamberger näher sestgelegt wird.
Beim Kap. 80, Handwerkskammer, richtet Gewerberat F « l f- Mainz an die Regierung die Bitte, daß sie die Interessen der Haildiverksmerster bei den Hecreslieferungen nachdrücklich mrtreten und das von der Handwerkskammer beschlossene Gesuch an den Bundesrat dringlich, befürworten möge. Dem hessischen Vertreter' iin Bundesrate, Exz. Frhr. v. Biegeleben, spreche er für seine Bemühungen im Interesse des Handwerks seinen Dank aus.
Daraus wird das Kapitel genehnrigt, ebenso die Restkapitel dieser Hauptabteilung Und der Etat des Ministeriums der Justiz, Kap. 88—97.
Tie Beratung wird darauf 'um 1 Uhr abgebrochen. Fortsetzung der Etatsberatung: Freitag vormittag 10 Uhr.
> _ ' . —> . . . . .
hessische Zweite Kammer.
rb. Darmftadt, 30. März.
Am Regierunqstische die Staatsräte Lorbacher und Höl- z in g e r . Geh. Legattonsrat Dr. N eidhart, Ministerialrat Dr. K r a tz.
Präsident Köhler eröffnet die Sitzung um IO1/2 Uhr.
Auf der Tagesordnung steht zuerst die Regierungsvorlage 3 a) Nachweisuugen über die Staatseinnahmen und -Ausgaben im Etatsjahr 1911; b) die aus der Rechnung des Fonds zur Ergänzung des Familieneigentums des Großherzoglichen Hauses für 1911 gefertigten Nachweisungen und die dazu gegebenen Erläuterungen betreffend. Dieselbe wird genehmigt, ebenso die Regierungsvorlage Summarische Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben der Landeskreditkasse im Jahre 1912 betreffend.
Es folgt eine Reihe fron Vorstellungen.
Der Vorstellung des Vereins der Gehilfen bei den hessischen Staatsbehörden betr. ihrer Anstellungs-Verhältnisse beantragt der Ausschuß keine Folge zu geben, da die Anstellungsverhältnisse der Schreibgehilfen durch die neue Besoldungsordmmg gesetzlich geregelt worden seien.
Abg. Henrich (fr. Vpts weist darauf hin, daß die Lage der Petenten nach wie vor bedauerlich sei; er müsse sich aber jetzt dem Ausschußantrag anschließen. Tie Bittschrift lasse sich Haupt-' sächlich auf die jetzige Teuerung zurückführen.
Der Ausschuß antrag wird angenommen.
Die Vorstellung des Gefangenenauffchers I. L. Schmitt-Butzbach wird abgelehnt, desgleichen diejenige der Frau S. Bernhard-Mainz, des H. Geletfe-Elmer in Zürich, des W. Menges in Mainz und des H. Mehner in Frankfurt a. M., während die Vorstellung der Ehefrau des Kanzleiwärters i P. W. Mattes in Darmstadt der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen wird.
Die Vorstellung des Verbandes der Gemeinde- und Staats- arbeiter, Sitz Berlin, betreffend die Verwendung von Pflegerinnen! und Wärterinnen auf den Mannerabteilun^eu in den Landes- Heil- und Pflegeanstalten, beantragt der Ausschuß für erledigt zu erllären.
Abg. Raab (Soz.) ist der Meinung, daß die Sache doch nicht so einfach abgeteur werden könne, wie der Ausschuß gemeint habe. Ohne Zweifel hätten sich in den Anstalten infolge der Verwendung von Frauen in den Männerabteilungeu Schwierigkeiten und Gefahren ergeben, denen man möglichst Vorbeugen solle. Jedenfalls sollten junge MÄxhen nicht verwendet werden. Letztere " seien in Alzey sogar gezwungmi worden, ihren Dienst in der Frauenabteilung mit dem in der MLnnerabteünng zu vertauschen., Auch wirr den in Mzey n-okweirdig-e Ausgänge cm der Urlanbszeit abgezogen, auch über die Kost der Wärter werde gellagt und eines Tages sei der zur Revision erschienene Gehermerat iiber die Art des Wärtevefscns getäuscht worden. Er stelle daher den Antrag, die Kammer wolle beschließen, den erhobenen Beschiverderr nachzu- gehcn und erkennbare Mißstände abzustellcn.
Staatsrat Ldölzinger benrerkt denr Vorredner, daß er allen diesen Beschwerden nachgegangen sei. Er meine übrigens, daß- der Älzeyer Direktor voll seine Schutzngkeit tue und daß dort unzufriedene Etemei'.te feien, die nicht ruhten. Ein Regierungs-« beamter habe die Kost Untersucht imfr für gut uird genügend befunden, also mwfy in Alzey. Bei der Auswahl von Wärterinnen! für Männer gehe mau sehr sorgfältig vor. Ilebrigens habe sich solches Personal in Breinen seft 25 Jahren gut bewährt. (Zurufe: Auch in den Kliniken?) Bon einem Zwang habe er nichts gehört.
Abg. K 0 r e l l - Ingelheim (fteiss nimmt den Ausschuß gegen den Vorwtrrs in Schutz, daß er berechtigte Vorstellungen von Arbeitern ablehne. Dieselben seien eingeheick) geprüft worden. Redner
Uunst «nd Wissenschaft.
— Die Schwalben in der Kriegszeit. In einenr in Westfalen und in anderen niederdentscheu Gegenden Deutschlands verbreiteten Liede begrüßen die Schwalben, die Ende März oder Anfang April zu uns aus dem Süden heimzukehren pflegen, fhre Quartierg^ber mit folgen.den Worten;
To Joar ar ik furt genk,
Wören alle Stoppen un Skiuren vull;
Nu, ar ik weer kam,
Js alles verauickelt, vcrquackelt, verheert un verteehrt. (Als ich iuc vorigen Jahre fortzog, waren alle Schuppen mcd Scheunen voll, jetzt, wo ich wiederDmine, ist alles durchgebracht, verlottert, zerstört und verzehrt.) An diese niederdeutschen Verse spat sich x^iebricf); Rückert angelehnt, tvenir er in denr bekannten /Liede „Aus der Jugendzeit" die Schwalben singen läßt:
„Als ich Abschied nahm, als ich Abschied nahm, waren Kisten und Kasten schwer;
Als ich wieder kam, als ich wieder kam.
War alles leer."
»Die Ruckcrtschen Verse haben natürlich den Sinn, daß bei dem Abzüge der Schwalben im Herbst alle Vorratsräume der bäuerlicheir Besitzungen mit dem Segen der »Ernte gefüllt waren, daß aber iM ^Frühjahr bei der Wiederkehr der Schwalben alle Vorräte aufge- ^zehrt sind. Das Wort „v e r h e e r t" aber, das wir iit dem letzten von den angeführten niederdeutschen Verseil vorfinden, läßt uns /darauf schließen, daß es sich hier ursprünglich nur ein Lied ge- shandelt haben muß, das auf den Krieg und die Greuel des Krieges Bezug hat. Und ein solches Lied ist wirklich vorhanden. Es findet sich in der von Georg Ellinger herausgeg-ebenen Sammlung der Gedichte Nikolaus Peuckers, die deir merkwürdigen Titel „Wohlklingende Paucke" führt. Der aus Jauer in Schlesien stammende "Dichter, der zu der Zeit des Großen Kurfürsten in Cölln, der damaligen Schwesterstadt von Berlin, als Kammergerichtsadvokat, Stadtrichter und Ratskänrnrerer gewirkt hat, ist wegear verschiedener seiner einen barocken und oft llnfreiwittigen Humor aufweiseudell Gedichte noch heute so manchein bekannt; nicht ohne Ergötzen liest man beispielsiveise ein an beit Großen Kurfürsten gerichtetes .Begrüßungsgedicht, das mit den schönen Versen anhiebt:
„Mein Pauckenschlag, das bom dibidibom Spricht: Friedrich Wilhelin komm!"
Das Gedicht aber, in dem von der Schiivalbe die Rede ist und das den Titel „Der Frühling" führt, zeichnet sich durch warme Enrp- finduug und ein echtes Naturgefühl aus, so daß es uns in mancher Beziehung an Paul Gerhards berühmtes Frühlingsgedicht „Geh aus mein Herz und suche Freud!" erinnert. Nikolaus ^>eucker singt in seinenr vom JaHra 1654 datierten läirgeven Frühlingsliede von der Schwalbe:
Die Schwalbe kam und satzte
Sich für das Taubenhaus auf eine Stang und schivatzte:
Geleert, verheert, verzehrt,
Was Gott der Herr beschert!
Als ich im andern Jahx
Moch hier zugegen war.
Lag Schuppen und Boden und Scheune mit Früchten
beschweret.
Ich finde dies alles geloeret, verheeret, verzehret.
Dnrchkrocheir, zerstochen, zerbrochen!
Vor sechsundzwanzig Wochen,
Als ich gab gute Nacht,
Stund mein Nest noch gemacht?
Itzt trauet, mir grauet nur unter dem Dache zu suchen,
Ich finde die Mauer dnrchkrochen, zerstochen, zerbrochen. Aus diesen Versen g^ht deutlich hervor, daß Nicolaus Peucker dainit aus die Greuel des dreißigjährigen Krieges Bezug genom- m.en hat, der erst sechs Jahre vorher sein Ende gesunden hatte. Wenn in diesem Frühjahr die Schwalben zu uns iviederkehren, rver-den sie srellich auch überfall Kisten und Kastor, Schüippeu und Scheuern geleert vorsürden, aber die Schrecken des Krieges haben dank der Tapferkeit unserer Feldgrauen in unserin Lande ihre Nester und die Häuser, an denen diese hängen, völlig unversehrt gelassen, so daß sie bei uns nicht, wie einst im Dreißigjährigen Kriege, eirrem! „verheerten" Heime ihr Klagelied zu singen brauchen.
— I ak 0 b Grimm und die V l a m en. In einem soeben in der Weidmannschen Buchhandlung zu Berlin erschienener! Buche „Altdeutsche Stimmen" veröffentlicht^ der große gelehrte Archivar der deutschen Kommission bei der König!. Preußischen Akademie der Wissenschaften Dr. Fritz Behrend in einer Abhandlung über die Anfänge der altvlämischen Bewegung in Französisch^Flandern einen bisher ganz unbeachtet gebliebenen Brief von Jakob Grimm, der gerade jetzt, da langgehegte Wünsche in der Errichtung der vlämischen Universität in Gent ihre Erfüllung gefunden haben, für uns von besonderen: Jntereffe ist. Nachdem um 1840 die vlämische Bewegung in Belgien kräftig eingesetzt hatte, griff sie bald auch nach Frcurkrsich über. 1853 bildete Edmoird Henry de Conssenraker mit einer Ai^ahl von Gesinnungsgenossen ein „Comitö Flamaud de France", deren Zeitschrift bis heute besteht. Die Gesellschaft, die sich der germanischen Zusammengehörigkeit rvohl bewußt !var, bat in dcullicher Hinneigung zu deutschen: Wesen Jakob Grintm, das Ehrenpräsidium auzimchnnn. Der greise Gelehrte mtsprach der Bitte und sandte an den Vorsitzerchen ein in französischer Sprache abgefaßtes Dankschreiben, das manche bedeutsame Aeußerm^ des großes: Sprachforschers über vlämische Sprache und Eigenart entbiÄt. So heißt es darin: „Die Lsbens- krast der vlämffchen Sprache muß in Erstaunen setzen; nach Jahr-'
hunderten und unter dem beherrschenden Einflnß der französischen Sprache hat sie ihr Leben :md ihre Volksguust bewahrt. Ich begrüße Ihre Bemühungen mit vielem Beifall; das Erdreich, das Sie bebauen, ist ergiebig und fast unberührt, eine überreiche »Ernte kann nicht ausbleiben. Wir Deutsche fühlen uns immer als Ihre alten Landslertte; der Dialekt, den Sie nicht aufgehört haben zu sprechen, eint sich in unserm „deutsch", dcennen Sie nickst Gott, Vater, Mutter, HimMel und tauserrd Dinge genau so !vie wir? Also müssen lvir uns in unendlich vieler Hinsicht besser verstehen als Fremde es begreifen könnten. Sie verzeichnen und sammeln durch Ihre Arbeiten eine Menge Wörter, Ausdrücke, Gebräuche und Anschauuimen, die der Aufbewahrung und näheren Durchforschung wert sind. Mit Ungeduld erwarte ich Ihre Sammlung von Volksliedern, die ohne Zweifel in Frankreich wie in Deutschland bestens ausgenommen werden wird.. .
— Das „P 0 rz e l l a n-R e g i m e n t". So wurde in früherer: Zeiten ein preußisches Dragoner-Regiment genannt. Wie es zu diesem Namen kam, besaaen 2lkten, die sich im Hauptstaatsarchio zu Dresden befinden. Den Ursprung jenes Regiments bildeten nämlich 600 Reiter und Dragoner, die König Angickt II. von Polen und Kurfürst von Sachsen den: König Friedrich Wilhelm I. von Preußen im Austarfich für ein kostbares PorzeNan-Kabinett überlassen hatte. Es ist bekanist, wie jener König von Sachsen bestrebt ivar, die sächsische Vorzellarrmamckaktur zu heben, und deshalb wünschte er chinesische Porzellane, die in: Besitz des preußischen Königshauses sich befanden, zu erlangen. Erhalte zu diesem Zwecke bereits einen Händler veranlaßt, der für ihn jene im Or<mielchllrger und Charlottenburger Schlosse befindlichen Stücke ankaufen sollte. Da der Händler aber kurz abgewiesen wurde, erteilte der König während der Leipziger Michaelismesse 1715 dein Grafen von Manteuffel, seinem Gesandten in Berlin, den Auftrag, dem König von Preußen „en badinant“ die Ueberlasfimg von 782 sächsischen Unteroffizieren und Mannschaften anzubieten. Darauf ging der König nicht ein, ein späterer ähnlicher Vorschlag wurde angenommen, und infolgedessen gingen in: April 1717 600 .Renther" ohne Pferde, Waffen, Montur nach Preußen ab, um gegen Porzellan einqetauscht zu werden. Der Mann wurde zn 20 Reichs- thalern geschätzt, die gesamte Mamfichaft also zu 12 090 Reichs- thaler gerechnet. Das als Aeguivalent verabfolgte Porzellan übertraf ^war diesen Wert, doch hatte es ursprünglich nicht so viel gekostet, da der vorige König, Friedrich I., es unter dem Preis erworben hatte. Für Preußen führte Geheimrat von Marschall, für Sachsen der Generalleutnant von Schmettau die Unterhandlungen in dieser Angelegenheit. Die Pyrzellaifftücke, die einen Schnmck der Dresdener Porzellansammlung bilden, werden znm Teil noch heute in den Katalogen als „Dragoner-Vasen" bezeichnet.


