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16.3.1916 Zweites Blatt
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rrr. V4 Zweiter Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSkhrner Zamillenblütter" werden dem Slnjeiflfr* viermal wöchentlich beigelegt, das Ureirdlatt für den «reis Sictzen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtfchaftttchen ZrU- fragen" erscheinen monatlich zweimal.

löb. Jahrgang

eiger

General-Anzeiger für Gberheffen

Donnerstag, 1(6. März W6

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts. Buch- und Steindruckerei,

N. Lange, Gießen.

Schriitleitung,Geschästsstölle u.Druckerei: Schul- straße?. Geschäitsstelle u.Berlag:^?K51,Schrift- leitung: «^112. Adresse sür Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Dentscher Neichsiag.

3 3. S i tz u tt g, Mi t t wo ch, den 15. März 1916.

Am Tische des Bmrdesrats: Tr. Delbrück, Dr. Helffc- r i ch.

Das Hans ist 'gut besetzt, ebensv die Tribünen.

Präsident Tr. Kacmpf eröffnet die Sitzung nm 2'/i Uhr mit folgender l

Ansprache:

Meine Herren! Ter Reichstag tritt in den neuen Sitzirngs- abschnitt im Zeichen der gewaltigen Kämpfe ein, in denen unsere braven Truppen, deren Heldenmut und Kampfesfreudigkeit über jedes Lob erhaben sind, und ihre genialen Führer im W e st e n die Front unserer Feinde erschüttern. Alle unsere Gedanken sind bei ihnen, nicht minder bei unserer stolzen Flotte (Beifall), die durch viele Heldentaten, :md gerade jetzt durch die glänzenden Fahrten und die g l ü ck l i ch e H c i m lc f) r derM ö w c" (Beifall) den Beweis geliefert hat, daß sie sich würdig mit den kühnste:: Seefahrern aller Zeiten und aller Völker messen (kann. (Beifall.) Einmütig senden 'wir ihnen allen, Truppen und Führern, zu Wässer und zu Lande, lunseren Truppen und den Truppen unserer Verbündeten, dankbarsten Gruß. (Lebhafter Beifall.)

Meine Herren! Uns in der Heimat liegt es ob, in Form der neuesten Kriegsanleihe, zu der jeder Deutsche mit allen seinen Mitteln freudigen Herzens beisteuert und beisteuern soll, den Beweis d e r u n g e b r o ch e n e n s i n a n z i el l e n Kr a s t des Deutschen Reiches -zu führen (Beifall) und zu beweisen, oaß der Reiclsshaushalt van uns auch in den jetzigen schweren Zeiten in Ostdmrng 'gehalten iverden wird.

Wenn in den: gewaltigen bereits fast zwei Jahre wütenden Kriege sich einzelne Schwierigkeiten uns ent gegen stellen, so haben wir den festen Willen, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Wir haben das feste und unerschütterliche Var-" lrauen, daß^die Kraft, die durch diesen tstnmilligen Willen des Volkes begründet ist, ausreichen wird, um alle Schwierigkeiten hinwegzuränmen. (Lebhafter Beifall.)

Meine Herren! In diesen: Vertrauen wollen wir in die Arbeit eintreten. (Beifall.)

Darauf trat das Haus in die Tagesordnung ein. Auf ihr stchen nur eine Reihe vvn Bittschriften, die alle ohne Aussprache erledigt werden.

Der Bericht des Ausschusses für Handel und Gewerbe über eine Eingabe, betreffend Maßnahmen zum Schutz der deutschen Industrie gegen die Kon­kurrenz des Auslandes während der Uebergangszeit nach Friedensschluß, wurde auf Antrag Bassermann (Natl.) von der Tagesordnung abgesetzt, da.mehrere Redner zum Worte gemeldet waren.

Darauf vertagte sich das Hags.

Donnerstag 3 Uhr '. Erste Lesung des Etats und erste Lesung der Kriegssteuervvrlagen.

Schluß nach 2 % Uhr.

Berlin, 15. Marz. (WTB.) Der Weltefkenra t des Reichstages beriet heute vor Beginn des Plemrnrs ausführ­lich den Arbeitsplan der beginnenden Tagung. Man einigte sich darin, heute und Donnerstag Sitzungen zu halten. In der inorgiaen Sitzung, die um 3 ll.hr nachmittags beginnen wird, wird der Staatssekretär des Reichßschatzamtes den Etat und die 'Steuervorlagen begründen. Alsdann wird Vertagung bis zum nächsten Mittwoch eintreten. Die erste Lefimg des Etats und der Steuergrsetze hofft man an zwei Sitzungstagen der nächsten Woche SN beenden. Der Etat, kriegswirtschaftliche Fragen und die Kriegs­gewinnsteuer sollen dem Ausschuß für den Reichs ^ncshalt, die übrigen Steuergesetze einem 28 gliedrigen Ausschuß überwiesen werden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die beiden letzten Tage der Nächsten Woche zur Erörterung hochpolitischer Fragen bestimmt iverden.

hessische Zweite Uammer.

rb. Darm stad t, 15. März.

Ani Regierungstische: Stacetsminister Dr. v. Ewald, Mi­nister des Innern v. Hombergk, Präsident des Finanzmini­steriums Tr. Becker, Ministerialräte Dr. Hölzinger, Schlicphakc. Tr. Kratz, Dr. Weber, Geh. Obersinanzrat R o h d e, Geh. Legationsrat Dr. Neidlpar t.

Das Hans ist mittelmäßig besetzt, die Tribünen sind leer. Den Platz des in Serbien gefallenen Aüg. Dr. Lutz bedeckt ein präch­tiger Lorbeerkranz mit Schleife in den hessischen üandcsfarben.

Präsident K ö hier eröffnet die Sitzung um 9,30 Uhr mit einer längeren Ansprache. Zum Viertenmale, seitdem unsere Feinde die Brandfackel des Krieges entfacht haben, find wir hier versammelt.

Wie nach einem unabänderliche:: stlllluryesetz mit seiner Folge­richtigkeit vollzöge:: sich die Ereignisse aus den Kriegsschauplätzen. Im Verein mit unseren neuen Verbündeten haben ivir Serbien und Montenegro erobert uird Albanien fast vollständig besetzt. Das Tardanellen-Abenteuer hat cinei: höchst kläglichen Ausgang ge­nominen lind Saloniki drvlst dasselbe, diegrößte Rückzugstat" der Gegner. Im Frühjahr sollte die große Offensive der Gegner be­ginnen, aber ivir haben Zeit und Ort bestimmt, ivo wir den Kampf zum Austrag bringeu wollen. Er hat jetzt zunächst um VerduN e:nen vielversprecherrden Anfang genommen, an dessen glückli­chen: Ausgang niemand mehr in: Zlveifcl sein kann. Auch ai: den glorreichen Kämpfen bei Verdun haben die hessischen Regimenter reichen Anteil genommen und wir bringen unseren tapferen Trup­pen unseren atterherzlichsten innigsten Dank dafür entgegen. Ein Mitkämpfer schrieb dem Redner aus den: Felde: Und wenn man alle Superlative zusammenfaßte, so könnten sie nicht das dort wirklich Geschehene znm Ausdruck bringen. Wie dem Landheere, so gebührt auch unserer Flotte höchste Anerkennung. Die Heldenfahrt derMöve" ist eine Tat, mit der sich keine andere vergleichen läßt. Unsere wirts ältlichen Verhältnisse sind freilich durch den Krieg schwieriger geworden. Aber auch hier ist das deutsche Volk fest gewillt, durchzuhalten. Tie Engländer erwarte:: auch ein günstiges Ergebnis nicht mehr aus den: .Krieg, sondern nach dem Krieg, von dem. was nachher kommen wird. Der Präsident ge- bemtt nm: in -ehrender: Worten, während sich das Haus von den! Plätzen erhoben hat, des ans dem Felde der Ehre gefallenen Abg. Lutz, dem das Hans die größte Hochachtung entgegenbrachte und dessen Andenken dauernd in Ehren gehalten »verden wird.

Ter Präsident gedenkt sodann mit herzlichen Dankeswo-rten der Verdienste des . aus Gesundheitsrücksichten von seinem Amt zurückgetretcnen Finanzministers Dr. Brau n, als dessen Hauptver- dicnst die mit große:: Schvierigkeilen durchgeführte Finanzreform und die Beamten- und Lchrerbesoldung zu bezeichnen sind. Seine hohe Begabung und seine große Arbeitsfreudigkeit ist allgemein anerkannt. An die Stelle Tr. Brauns ist Ministerialpräsident Dr. Becker getreten, den soll hier begrüßen. Er hat eine ganz be­deutungsvolle Ausgabe übernommen, namentlich gegenüber den An­forderungen, die vom Reich gestellt werden und gestellt werden müssen, auch die wirtschaftlichen Fragen mW die Forderungen der Staatswirtschaft werden große Schwierigkeiten bringen. Wir haben aber das volle Vertrauen, daß der Herr Präsident seiner großen Aufgabe voll gewachsen ist und daß er in der Führung der hessi­schen Finanzen eine glückliche Hand beweisen wird: an unserer Unterstützung sott es dabei nicht fehle::. (Lebhafte Zustimmung.) Zum Schluß gedachte der Redner des dahingeschiedenen früheren Finanz Ministers Gnauth, der Großes für Hessen geleistet habe und eine Persönlichkeit gewesen sei. Das Haus hat sich zu Ehren, des Verstorbenen vvn den Plätzen erhoben.

Staats minister Tr. v. Ewald testt ein Telegramm mit, das Se. Kgl. Hoheit

der Grotzherzog

aus dem Felde gesandt hat und worin den Kammern herzlichste Grüße entboten werden. Der Grvßherzog hegt dre feste Zuversicht, daß es dem einträchtigen Zusammenarbeiten von Regierung und Ständekainmern gelingen werde, bei der Beratung des Staats- Voranschlags zu Beschlüssen zu gelangen, die dem Vaterland die wirtschaftliche und fllurnzrelle Kiaft erhalten und stärken wird. Unsere hessischen Truppen hätten noch bei den letzten Kämpfen heldenmütig die schwersten Proben bestanden und bei Verdun eine unvergleichliche Tapferkeit und Ausdauer bewiesen. Der Grvß- herzog würde, es danüxrr und freudig begrüßen, wenn auch die landständischgn Verhandlungen in der Heimat, getragen von gleicher Opferwilligkeit, uns dem unverrückbaren Ziel siegreichen Endes des Völkerringens näher bringen. (Lebh. Beifall.)

Der Staatsminister bemerkt hwrzu: der tiefen Dankbarkeit Und Bewunderung über die heldenmütige Haltung der hessischen Truppen habe das Haus schon Ausdruck gegeben. Nach den Ar­beiten des Finanzaussichnss'es habe er Sr. Kgl. Hoheit mitgeteilt, daß seine Hoffnungen begründet seien, wenn auch noch einzelne Meinungsverschiedenheiten über den Staatsvoranschlag zu beseiti­gen seien.

Präsident Köhler benrerkt, daß er im Einverständnis des Hauses Sr. Kgl. Hoheit für das Telegraurm danken werde, wie folgt:

Eurer Königlichen Hoheit dankt die Zweite .Kammer der Land-- stände ehrerbretigst für die h:lld vollen Grüße aus Anlaß dev WiÄreraufnahme der KammorverHandlungen. Mit Eurer König­lichen .Hoheit gedenkt die Zweite Kammer tu dankbarer Be­wunderung der erhebenden Heldentaten lrnscrer hessischen Trup­pen, und erachtet eS mit dein ganzen hessischen Volk als höchste Pflicht, sich dieser beispiellosen Opferwllligkeit für das Vater­land und seiner endliche:: Siege würdig zu erweisen.

Köhler, Präsident.

Ministerialpräsident Dr. Becker spricht zunächst dem Kammer - Präsidenten für seine freundlichen Begrüßungsworte jeinen Dank aus. Er stehe den Arbeiten des Finanzministeriums lange Jahre so nahe, daß er auch die Schwierigkeiten nicht unterschätze. Es sei ihm auch nicht leicht geworden, das Amt zu übernehmen. Er habe es aber getan in dem Gedanken, daß ec seit zwei Jahrzehnte:: mit der Volksverttettutg zusammengearbeitet und sich wohl ein gewisses Vertrauen erworben habe. Er hege die Zuversicht, daß ihm ein vertrauensvolles Zusam:nje:rarbei.ten nrit diesein und dem andern Hanse möglich sein :verde. Er werde sich bemühen, dabei nicht nur finanzielle Gesichtspunkte zu vertrete::, sondern auch mitzuarbeiten an der Hebung das gesamten wirtschaftlichen Lebens, das die GrunNage für eine gesunde finanzielle Entwicklung bildet. Ter Redner gedächte dann in Dankesworten der Tätigkeit seines Vorgängers, Herrn Finanz minister Dr. Braun und widmete auch dem verstorbenen Finanzministec Gnauth Worte ehrenden Ange­denkens.

Das Hans tritt darauf in die Tagesordnung ein. An Stelle des Abg. Lutz wird ohne Aussprache auf Antrag des Abg. Brauer der Abg. Dr. v. H c l m o l t zum Mitglied des zweiten Ausschusses und zum zweiten Stellvertreter der Schriftführer ge­wählt.

Es folgt nun

die Beratung des Hauptvoranschlags

der Staatseinnahmen und Ausgaben für das Rechnungsjahr 1916.

Präsident Köhler bemerkt einleitend, daß eine möglichste Beschleuniguug der Beratung dringend notwendig sei, damit sie bis Ende nächster Woche zum Abschluß gebracht werde. Dazu sei erforderlich, daß alle Angriffe und verletzenden Worte ver­mieden würden. Es wird nun zunächst über den Etat und das Finanzgesetz in Verbindung mit den beiden Anträgen der Abg. Henrich und Ulrich die allgemeine Aussprache eröffnet, nach­dem ein Widerspruch des Abg. Bahr gegen dasDurchpeitschen des Etats" unbeachtet geblieben ist.

Als erster Etatsredner nimmt Präsident Dr. Becker das Wort. Er spricht zunächst dem Finanzausschuß für seine rasche und gründliche Etatsberatuug Dank aus und weist auf die Not­wendigkeit hin, den Voranschlag :wch vor dem 1. April zu er­ledigen, und geht dann auf die Etatsbecatung näher ein. \

Die schweren kriegerischen Verhältnisse hätten auch dis So­lidität her hessischen Finanzen auf eine harte Probe gestellt die aber dank der früheren gründlichen Vorarbeit der Herren Gnauth und Braun gut bestanden wurde, die uns die recht stattlichen Restefonds schufen.

Im allgemeinen habe auch die Privatwirtschaft das gehalten, was man von ihr erwartete. Eine ganz besondere Opferfreudig­keit 'habe die Bevölkerung Hessens bei den Kriegsanleihen be­wiesen, die die enorme Summe von 436 Millionen Mark er­gaben. Und daran seien gerade di« landwirtschaftlichen Genossen­schaften, die doch erst vor wenig Jahren eine schwere Krisis überstanden, hervorragend beteiligt gewesen, ferner auch die Spar­kassen, deren Bestand ttotz der großen Einzahlungen nicht zurück­ging. Auch die Beamten hätten sich, etwa 1500, mit großer Opferwilligkeit daran beteiligt.

Das Budget für 1916 hat infolge des Eintritts des Krieges mit einem Fehlbettag van 6hz Millionen Mark abgeschlossen, und das Jahr 1915 würde ebenfalls einen großen Fehlbetrag auf­weisen, da es ein volles Kriegsjahr war. Dahingegen ist zu be­merken, daß die Ellmahmeergebnisse aus den Eisenbahnen besser waren, als man erwarten konnte, und daß sie wenigstens die Ver­zinsung und die gesetzmäßige Schuldentilgung decken werden. Am stärksten werden sich sür 1916 die Ausfälle bei den Stempelein­nahmen, den Gerichts- und Strafgebühren, der beiden Hochschulen u. a. m. gestalten. Bei dem Fehlbetrag für 1916 mit 4 573 000 Mark war die Woranssetzung, daß der Krieg nicht das ganze Jahr hindurch dauern, sondern bald ,nieder friedliche Verhältnisse ein- ttcten würden. Aber auch wenn der Friede eintritt, darf man nocb Nicht gleich an die sofortige Rückkehr normaler Verhältnisse denken. Ter Redner beleuchtet dies noch näher und geht dann auf die Beschlüsse 'des Finanz-Ausschusses ein, wobei er eine Anzahl von Absttichen und verschiedene Eiunahmeerhöhungen für bedenllich. erllärt und beanstandet, wie die Erhöhung der Ein­nahme fitt Gerichtsgebühren u:ll> für Holzverkäufe. Ter Ausschuß habe hier 200 000 Mark mehr angesetzt, der Redner habe aber schon im Ausschuß erklärt, daß eine solche wegen mangelnder geeigneter Arbeitskräfte ausgeschlossen sei. Ter Fehlbetrag im Voranschlag werde sich jedenfalls höher gestalten, als der Finanzausschuß sich das vorstelle. Gegen die vom Ausschuß geivünschte stärkere In­anspruchnahme des Restefonds I. habe die Regierung keine Be­denken: der Fonds würde auch nach der erhöhten Entnahme noch immerhin sechs Millionen Mark Bestand haben. Weiter erklärt stw, der R edner namens der Regierung damit einverstanden, daß nach dem Beschluß des Firmnzausschnsses die drei untersten Steuer-

«rr,rst «nd Wissenschaft.

Kleist und Hinden bürg. Mit guten Gründen hat inan den neue:: Marschall Bvrwätts Hindenburg als die Ver­körperung des alten Preußengeistes bezeichnet. Ta dürfte es von allgemeinem Interesse sei::, darairf hinznweisen, daß der Dichter, den wir am meisten als Preußendichter ansvrechcn könTwn, .Heinrich v. Kleist nämlich, mit einem Vorfahren unseres großen Volkshelden in freundschaftlichen Beziehungen gestanden hat. 9lüf diese bisher wenig beachtete Episode im Leben des Dichters, die für seine Ent­wicklung nicht bedeutungslos :var, mackst Alfied Heinrich im Archiv für das Sttchium der neueren Sprachen aufmerksam. Ans einer mit seiner Schwester Ulrike unternommenen Reise lernte Kleist in Leipzig den Professor der Mathematik Karl Friedrich Hindenburg kennen, den Begründer derVombrnatorffchen Ana^- lvsis". Ulrike erzählte später, daß der berühmte Gelehrte den,' Bruder sehr freundlich ausgenommen und mit Gefälligkeiten üüev- hanft habe, die beiden Männer hätten eirurnder liebgewvirnen und Hindenburg habe sich große Erwartmrgen von Kleists Reise nach Paris und seinen künftigen Leistungen gemocht, ihm auch Emp­fehlungen nütgegeben. Kleist selbst bekannte, daß chm der Pro­fessor we ein Vater so ehrwürdig gewesen sei. In Paris werde freilich- aus den mit H:ndenburg besprochenen nrathemattschen Stu­dien nichts. Aber Kleist entschloß sich doch, als er im März 1803 wieder in Leipzig :var, den vereinten Mann weder oufz-nsuchen^ wenn cs ihm auch peinlich war, dessen Hoffnungen enttäuschen zu wüssen. lieber diesen Besuch berichtete er an feine Schwester: Vorgestern faßte ich ein Herz imb ging zu Hindenburg. Ta war große Freude.Nun, we stehts in Paris um die Mpthemattk^ ~~ Eine alberne Antwort von meiner Seite uw ev: traurigep Bl'.ck zur Erde von der seinigen.So sind Sie bloß so heruin- -Mreiset?"Ja, henimgereiset." Er schüttelte wehmütig den Kopf, ^rdlich erhorchte er von nrir, daß ich doch cm etwas arbeite. ,Woran arbeiten Sie denn? Nun! Kann ich es denn nicht wissen? Sie brachte:: diesen Winter, bei Wieland zu: gewiß!" Und nun! f:el ich ihm um den Hals und herzte und Kßte ihn so lange, bis ier lachend mit mir .übereinkan::Ter Mensch müffe das Talent ianbauen, das er in sich vorherrschend fühle." Kleist arbeitetet damals^ an seiner TragödieRobert Guiskard", war aber vonl .den schlimmsten Ziveifeln über seine dichterische Sendung gequält: da tat :hm das Verständnis des väterlichen Freundes besonders wohl.

«fr-m c f en bi nt c itt ö tcn Pariser Schausenster. iWre Pariser Schaufenster haben lvährend des Krieges mancherlei

Umwandlung durchwache:: müssen. Mit Kriegsausbruch ver­schwanden alle die Leichtfertigkeiten, die manPariser Waren" nennt. Die billigen Spiegel in mritierten Goldrahmen, die zahl­lose:: Puderschächtelchen und Schmuckkästchen, die Broschüren nnt der AufschriftFür die Herrenwlt" und die Romane mit an­stößigen Titeln. An ihrer Stelle breitete sich der blau-weiß-vote Pattiotismus in grellen Tönen aus. Aus die Periode des Patrio­tismus aber folgte die des Deutschenhasses. Mle erdenllichep Mittel wurden angewandt, um den Fanatismus der Chauvinisten zu schüren und die Bevölkerung zacr Ausdauer für eine lange Kriegszeit vorzubereiten. Aber auch der Haß im Schaufensw wnche allmählich alltäglich und darum nach und nach auch lang­weilig. Und so mußten die Schaufenster der Pariser Boulevard- Läden Weder eine neue ,Umwandlung durchmachen: die Leicht­fertigkeit kehrte schüchtern zurück und wird aus Rücksicht auf den Krieg mit Sentimentalität verbrämt. Natürlich gibt es, we das Journal des Tebats" in einer Plauderei erzählt, noch immer genügend geschmacklose Produkte der Deutschenhetze, die selbst das Pariser Blatt wegen ihrer Roheit und nichts weniger als künst­lerischen L(rt zu tadeln sich bemüßigt sieht. Ten größten Trfiunph aber feiern die neueste:: französischen Kr i e g s Po st ka r t e n . die aus dem Wege vvn schrankenloser Begeisterung' über Nationalstolz und Wut gegen Deutschland bei der verweichl i ch testen Sentinnn- talität angelangt sind. Alle diese Karten tragen mehr oder weniger poetisch sein sollende Inschristen und zeigen meist sehnsüchtige Frauengestalten rmd Blnnvcn in den Farben der Hoffnung und der Erinnerung. Ta sieht man einen französischen A-rtilleristen in voller Kriegsausrüstung, beide Arme mit rotglühenden Rosen beladen und darunter den Vers:Um Deinen Namen stets vor mir zu haben, habe ich ihn in den Lauf meiner Kanone geritzt." Ein Soldat der Mpenjäger ttäumt in einer mehr kitschige:: als reizvollen Mvndschcinlandschaft von der Lieb^ seines Hebens. Eine junge Frau 'sitzt an einem ebensv zerbrechliche:: wie nmdernen T a menschreibtischchen, die Feder in das Tintenfaß getaucht, und dahinter erscheint in einer Wolke ein schnnrrbartgeschmückter Kano­nier vor tinem phantastischen Riesengeschütz. Am beliebtesten sind die Nachtbllder. Man sieht Sckstitzengräber: bei Mondstein, Schützengräben int Nebel, Schützengraben in Regen -oder Pulver- ra::ch. EinPoikus" lehrrt m nächtlicher Stinrmung über der Brustwehr des Schützengrabens und starrt in die Weite hinaus, wo in fernen Nebeln ein Frauenkopf sichtbar wrd. Auf einer anderen Karte erblicht man ^dieselbe Frau, die sich unruhig im Bett hin und her wälzt, und darunter den Text:Tein stets gedenkend, find' ich keinen Schlaf!"Diese Bilder," :neint das Journal des Debats",sind zwar sehr rührend, leider aber a:uh

^zeichnend genug für.die schwächliche Moral, die in gewssen J Krersen unserer Bevölkerung nur allzu viel Verbreitung findet."

Wnrstvervrdnungcn. Der .Krieg, dar schon eine Beschränkung m der Herstellung von Wurstwaren nottvewig mackste, soll uns demnächst auch die Ein he i t s wu r st bringe:: Be: dieser Gelegenheit möge:: wir uns Wohl allerlei aller Wurst- verordmmgen erinnern. Das spätere Mittelalter war an ihnen! gewrß nicht arm, denn es hielt streng auf gute, reine Wurstware. Durch Zutat von Mndfleisch oder Schweineschwarten die Wurstfüllc zr: verlängern, war denFleischhttckern" nicht gestattet. So sagt z. B. das Meraner Stadttecht:, Sie sullent auch keine Willst nicht wachen, dann mll dem Fleisch, daz von dem Swll:e komme:: fit. Ebenso kümmerte sich die Obri<fkeit :rm die Güte der Därme Erne Nürnberger Polizeiordmmg fordert, daß die Fleischer , zu den Prat- und anderen Würste:: ander Dann nll nehmen oder geprwchen, dann schwemin Darm oder junk rinderin, die nicht erngesalzen sind." Solchen Besllmrmmgen wurde aber auch oft geirug entgegengehandelt. Erfahren wr doch aus derselben Quelle es immeretlich" gab, die sich imterstande::,.Küewürst (KNh:vurste) zu' nwchen 'und darein nickst anders dain: Käetungcn und Leber:: zu tyunde". Interessante Wurstverordmmgen andkKe'- Wiu-rswerbote, die manchmal erlassen wurden. Eine sächsische Bermchnnng aus dem Jahre 1522 verbot z. B. für Svnn- Aewrwge den Genuß der fo schr beliebten Bratumrsi. Wchersetzlnk^:: wrrde mll Hast gedrolst. Daß man cs ernst nahnr nnt dieser Befttnrnllmg, be:veist ein landesherrliches Reskript cn: den Mit Vvn Oschatz. Es lautete:Liebe Getteue! Nachdeme der Bacealanreus rnfirckns uf der Schule bei eucb au versckstn«: Sankt Johannistage Bratwürste gegeffe:: lzaben soll, begehren wir ernst- lacfr euch entpfetzlcknd, daß ihr denselben Baccelauren alsbald gefanglrch^ amrehmt und ihn anher wohlverwal-ret schicket, auch mit der Sachen dermaßen ins gebnm gehet, daß er nit verwarnet werde oder entkomme." Zu M:rrstvcrkwten Anlaß gab fenier der große Luxus, de:: mai: emst mit Pnnll- und Ehrenwürsten ll:eb. War es doch Sitte, bei gewssen Ackässe:: gewaltige Würste als scherzhastes Huldiguiwszeiche:: durch die Sttaßen zu ttagn:, und wetteiferten doch -die Städte miteinaiche:- in der Größe foldyev Prunkstücke! Wohl die umfangreichste dieser Würste war. die 1005 Eklen lange, mll der am 1. Januar 1601 die Königsdergep das anbrock?endc 17. Jahrhundert bsgrütste::. Sie war dick wie Vm Kanoncnrrohr und musste von 90 Fleischer:: gettagen werden Wenn jene Sitte noch am Leben wäre, mll was für einer mächtig cn Wurst hätten wohl die Köingsbevger sich bei Hindenburg bedankt?