Ausgabe 
27.3.1916 Erstes Blatt
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Nr. 73

Der Gietzeirer Anzeiger

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Erster ölatt (66. Zahrgang

Montag. 27. März (9(6

Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Rotationsdruck und Verlag der vrnhl'schen Umo.-Buch- und Lteindruckerei R. Lange. Zchristleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: §chulftr.7.

Vernqsyrei * monatl. 85 Pf., viertel- jäbrl. Mk. 2.50: durch Abhole- u. Zweigstellen monatl. 75 Pi.: durch diePost Mk.2.30 viertel- jährl. ausschl. Bestellq. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf. Haupt- schristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge­richtssaal: Fr.R.Zenz; für den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich in Gießen.

nms

Erfolgreiche Kampfe im Westen und Osten. Englische wafferflugzeuge an der Küste Nord-schlerwigZ.

(WTB.) Großes Hauptquartier, 25. März. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Die Lage hat gestern keine wesentliche Ver- stinderung erfahren. Im Maasgebiet fanden besonders lebhafte Artilleriekämpfe statt, in deren Verlauf V e r d u.n in Brand geschossen wurde.

OestlicherKriegsfchauplatz.

Westlich von Jgkobstadt gingen die Russen nach Ein­satz frischer Truppen und nach starrer Feucrvorbereitung er­neut zum Angriff über. Er brach v e r l u st r e i ch für fite zusammen. Kleine Vorstöße wurden südwestlich von I a k o b st a d t und südwestlich von D ü n a b u r g mühe­los abgewiesen. Ebenso blieben alle, auch nachts wiederholten Anstrengungen des Feindes gegen die Front nördlich von Widsy völlig ergebnislos. Weiter südlich in Gegend des Narocz-Sees beschränkte sich der Feind gestern auf Ar- tillerieseuer.

B a l t a n - K r i e g s s ch a u p l a tz.

Bei einem erneuten Fliegerangriff wurde ein feindliches Flugzeug im Luftkamps zum Absturz zwischen die beider­seitigen Limen gebracht und dort durch Artilleriefeuer zerstört.

O b c r st e Heeresleitung.

(WTB.) Großes Hauptquartier, 26. März. (Amtlich.)

Westlicher Kriegsschauplatz.

Gestern konnte der gute Erfolg einer in der vorherl- gcherckren Nacht ausgcführten Sprengung nordöstlich von Bermelles festgestellt werden. In dem Sprengtrichter liegt ein feindlicher Panzerbeobachtungsstand. Mehrere eng- listhe Unterstände sind zerstört. Nordöstlich von Neuville unternahm eine kleine deutsche Abteilung nach geglückter Sprengung einen Erkundungsvorstoß in die feindliche Stel­lung und kehrte planmäßig mit einer Anzahl Gefangener zurück. Der französische Versuch eines Gasangriffs in der Gegend des Forts de la Pompelle (südöstlich von Reims) blieb ergebnislos.

In den Argounen und im Maasgebiet erreichte der Artilleriekampf stellenweise wieder große .Heftigkeit. Nachtgefechte mit Nahkampfmitteln im Cailette-Wald (südöstlich der Feste Douaumont) nahmen ftir unsere Truppen einen günstigen Verlaus.

Durch eine umfangreiche Sprengung nordöstlich von Eelles in den Vogesen fügte sich der Gegner selbst er­heblichen Schaden zu. Unsere Stellung blieb unversehrt.

* >

Bei S t. O. u e n t i n fiel ein englischer Doppeldecker un­beschädigt in unsere Hand. Ein französisches Flug­zeug stürzte nach Luftkampf im Cailette-Wald ab und zer­schellte.

Oestlicher Kriegsschauplatz.

Die Russen haben ihre Angriffe im Brückenkopf von Jakobstadt und nördlich von Widsy gestern nicht wiederholt. Mehrere im Laufe des Tages unternommene Vorstöße süd­westlich und südlich von Dünaburg blieben schon auf größere Entfernung vor unseren Hindernissen im Feuer liegen. Gegen unsere Front nordwestlich von Postawy und zwischen N a r o c z - und Wiszniew-See nahm der Feind nachts mit starken Kräften, aper ergebnislos und unter großen Opfern den Kampf wieder auf. Nordwestlich von Postawy nahmen wir einen Offizier, einhundertfünfund- snnfzig Mann gefangen.

Balkan-Kriegsschauplatz.

Nichts Neues.

* i

Ein verlustreicher englischer Flugzeugangriff.

Bon zwei durch ein Kreuzergeschwader und eine Zer­störer-Flotte begleiteten Mutterschiffen sind gestern früh fünf en g lisch e Wafferflugzeug e zum Angriff auf unsere Luft,chfffanlagen in N o r d s ch l e s w i g aufgestiegen. Nicht weniger als drei von ihnen, darunter ein Kampf­flugzeug, wurden durch den frühzeitig benachrichtigten Ab­wehrdienst auf und östlich der Insel Sylt zum Nieder­gehen gezwungen. Die Insassen, vier englische Offi- ziere und ein Unteroffizier, sind gefangen genommen. Bomben wurden nur in der Gegend von Houyer Schleuse abgeworfen. Schaden ist nicht angerichtet.

Oberste Heeresleitung.

Heute, am 27. März, setzen sich Asquith, Sir Edward > Grey und Lord Kitchener an den Konferenztisch i-rr Paris, wo zwar Herr Briand den Vorsitz übernehmen, den Engländern aber den Vorrang lassen wird. Es kommen auch Salandra und Sonnino, ferner die unscheinbaren Vertreter Belgiens und Serbiens; wer das Zarenreich vertreten wird, ob seine Abgesandten heute noch rechtzeitig in der französischen Hauptstadt eintreffen, ist uns nicht berichtet worden. In einer Notiz aus London heißt es, daß die englischen Minister bereits am Donnerstag wieder in London erwartet werden.

In zwei Tagen sollen die großen militärischen Fragen erledigt werden, die monatelang erwogen worden, aber nicht zum Abschluß gekommen srnd? Herr Briand ist be­kanntlich vor einiger Zeit \yn Rom gewesen, intfl sicher hat

er dort über dieselben Wünsche,verhandelt, die auch jetzt: wieder Gegenstand der Erörterungen mit Salandra und Sonnino werden sollen. Bringen diese beiden Herren jetzt die Einwilligung Italiens mit, auch auf anderen Kriegsschau­plätzen als denjenigen des eignennationalen" Kampfes mif^ zuwirken? Herr Cadorna hat bereits das französische Haupt­quartier besucht. Das könnte ein Vorzeichen dafür sein, daß die italienischen Truppen demnächst an der großen Ausgabe Mitwirken sollen, die Deutschen aus den von ihnen besetzten Landstücken wieder zu vertreiben. Es könnte aber auch ein Vorzeichen lediglich dafür sein, daß wohlwollende.Erörte­rungen von Rom angenommen worden sind, von denen bis zu wirklichen Entschlüssen noch ein weiter Weg ist. Der be­kannte Senator Humbert veröffentlicht in einem Pariser Blatte einen Erguß, den man als einen Hilfeschrei Frank­reichs bezeichnen könnte. Wir geben diese interessante Ver- öffentlichung nachstehend wieder; sie steht mit der neuen Pariser Konferenz sicherlich im Zusammenhang. Bestimmte Beschlüsse scheinen doch noch nicht vorznliegen, sonst würde Humbert sich nicht so ereifern, unter .Hinweis auf Frank­reichs zur Neige gehende Volkskraft die Unterstützung durch die Bundesgenossen herauszufordern. Was England an Hilfskräften nach der deutschen Westfront noch zu senden vermag? Es mögen im stillen Kämmerlein und wenn es auch ein prunkvoller Konferenzsaal sein sollte dabei bittere Worte fallen und nur wenige Beglückwünschungen, denn die Engländer hüben in Frankreichs schweren Stunden bis jetzt sich auffällig still und tatlos verhalten. Wird das künftige Verhältnis zwischen beiden Ländern fester geknüpft? Dann gibt es englische Versprechungen und vielleicht wieder fran­zösische Unterschriften unter Vertrüge, die in erster Linie Eng­lands Interessen und Zielen dienen. Rußland hat durch seine neueste Offensive allen etwaigen Vorwürfen vorgebeugt, denn England wird sich über den neuesten russischen Vorstoß in Persien nicht wohl offen beklagen dürfen. Der Schrei nach Japans Hilfe ist endgültig verstummt, trotzdem man in Paris nur neue Mißerfolge des russischen Heeres bei seiner Ablenkungsoffensive feststellen wird.

An den Pariser Konferenzen hätten eigentlich auch die Herren Liebknecht, Haase imd Genossen teilnehmen können, deren Arbeitsgemeinschaft mit den Entente-Mächten aus den Reichstagserörterungen klar hervorgegangen ist. Eduard Bernstein, bekanntlich auch eines der Mitglieder der neuen sozialdemokratischen Fraktion, schrieb in der Sonntags- «mnmer desVorwärts" einen Leitartikel, der die Ueber- schristFür das Ausland" trügt. Er verteidigt Hauses und seine eigne Haltung nur halb gegen den ihm von eignen Parteigenossen entgegengeworfenen Vorwurf, die Geschäfte des deutschfeindlichen Auslandes zu besorgen. Denn, sagt er, Ausland und Ausland sind zweierlei." Wir geben von den verdrehten Hirngespinsten dieses sozialdemokratischen Theo­retikers die folgenden sehr bezeichnenden Stellen wieder:

Ausland iui '0 Ausland sind zweierlei. Es gibt ein kapitalistisch- imperialistisches und ein proletarisch-demokratisches Auslaiw. Wer da glaubt, daß in den fciirdlichen Ländern das ecstere große Freude über Haasts Rede empfinden '.oird, ist sehr im J-rrttnn. Dw Hauptorgane des kapitalistischen Frankreich zum Beispiel,Temps" Matin" usw., haben bisher nur Hohn und absprecheirdc Urteile über die Minderheit, wie über die Mehrheit dar deutschen Sozial- detnokratie gehabt. Aehnlich die Northcliss-e^Presst in En.stand,Ti­mes", Daily Mail" und Genossen. Wenn diese letzteren, entsprechend den journalistischen Süten ihres Landes, vielleicht weniger bissig schreiben als ihre französischen Verbündeten jenseits des Kanals so üben sie dagegen mit uni so größerer Beflissenheit die Kunst totzuschweigen, was ihnen nicht m tat Kram paßl. Und Haasts Rede paßt ihnen nicht in die Rechnung, weil sie in hohem Grade geeignet ist, diejenigen Elemente zu stärken, die tat hinter jenen I

Blatt elm stehenden Parteien daheim die stärkste Opposition machen; lveil das im eigenen Lande für einen baldigen, gerechten und dauerirden Frieden kämpfende, wahrhaft demokratisch gesinnte Ele­ment nur aus ihr Kraft ziehen kann und wird.

Nur dies letztere Element, nur das sozialistische und demo­kratische Ausland wird Haases Rede mit rückhalitlosem Beifall be­grüßen, nur es kann dies aus voller Ueberzeugung tun. Die Snowden imd die Trevelyan tn England, die Tscheidse und Ge-, nossen in Rußland, die Turati. die Prampolini und ihre Kampfes- brüder in Italien sie, denen die Kriegsarrwalte des eigenen Landes wiederholt den gleichen Vorwurf eutgegengerustn haben, den Haase höreit mußte, sie allerdings haben Ursache, sich dieser Rede zu freuen.

Man sieht, die ganze Entschuldigung Bernsteins besteht darin, daß er ja auch im feindlichen Auslande noch Ge­sinnungsgenossen habe, die den gleichen Vorwurf entgegen- nehmen müßten, nämlich die Interessen des feindlichen Aus­landes zu fördern. Grenzenlose Verbohrtheit aber oder UnwahrHastigkeit spricht aus Bernsteins Hinweis, daß die Ausländer, die den Vernichtungskrieg gegen Deutschland predigen, von der Haltung Haases und der neuen Fraktion nicht erbaut, sondern sogar in gewisser Weise beängstigt seien! Bernstein bringt es am Ende no chsertig, zu beweisen, daß Granaten uns Wasser schwimmen können. Wir aber brauchen diesen Unsinn nicht ernst nehmen und zu widerlegen. Die Brüder in den Schützengräben, die sich zur Sozialdenrokratie bekennen, werden der Zukunft ihrer Partei wohl eine andere Richtung geben, als Herr Haase es gewollt hat. Von den bisherigen 107 Fraktionsmitgliedern haben übrigens nur 58 ftir den Hinauswurs der Haase und Ge­nossen gestimmt, während 33 dagegen waren, 4 sich enthielten und 12 fehlten.

* * *

Dle österreichisch-ungarischen Tagesberichte.

Wien, 25. März. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 25. März 1916.

Nu s s i s ch e r Kriegsschauplatz.

Nordöstlich von B u r k a n o w an der Strypa drangen Honved-Abteilungen nach Abwehr eines starken russischen Angriffes in die Gräben des Feindes ein und zerstörten die Verteidigungsanlagm. Sonst keine besonderen Ereignisse.

Italienischer und s ü d ö st t i ch e r Kriegs­schauplatz.

Unverändert.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalftabs v. Hofer, Feldmarfchallentnant

Wien, 26. März. (WTB. Nichtamtlich.) Amllich wird verlantbart: 26. März 1916.

Russischer Kriegsschauplatz.

Keine besonderen Ereignisse.

Die in den russischen Berichten geschilderten Kämpfe bei Latacz am Dnjestr stellen selbstredend nur Vorpoften- geplänkel dar. Es handelt sich unsererseits um Aufklürmigs- truppeu. die beim Anrücken stärkerer Abteilungen uarur- gemäß in die Hauptstellungeu zurückzugehen haben. Einen Angriff gegen die Hauptstellung der Armee Pflanzer-Baltin haben 2ie Russen in den letzten Wochen überhaupt nicht versucht.

I t a l i e n r s ch e r K r i e g s sch a u p l a tz.

Die feindliche Artillerie hielt die Hochfläche von Do» berdo, den Fctla-Adschnitt und einzelne Stellungen au der Tiroler Front unter Feuer.

Oestlich des P l ü ck e n - P a s s e s drangen unsere Truw pen in eine italienische Stellung ein.

Bei Marter im Sn gana-Tal uuu&e ein feiudlichrr Angriff alMwiestn.