Nr. W Zweites Blatt tbö. Jahrgang
Erscheint ti-llch ,nit Ausnahme des Sonntags.
Die „Gietzener.^amiliendlätter" werden dem »Anzeiger"' viermal wöchentlich beigelegt, das „KreisMött für den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen Zeitfragen"" erscheinen monatlich zweimal.
General-Anzeiger
HK2KZ
Anzeiger
für Gberheßen
——B Maac—a ———
Donnerstag, JZ. Kebruar
Rotationsdruck unb Verlag der Drühl'scheo Universiläls - Blich- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schrillleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul- straße?. Geschäftsstelle u.Berlag:^^51,Schrill- leitung: S^112. Adresse für Drahtnachrichten.- Anzeiger Gießen.
Der Krieg und die Schweiz.
Aus Basel wird uns geschrieben:
Dies Haus erfreut dich, das wir neu erbauten, der jÄrieg, der urrgeheure, brennt es nieder! So sagt in Schillers „Wilhelm Tell" die freie Schweizerin Gertrud zu Stauf- jfaiher. Im Schiweiz-erhaus schmält es seit geraumer Zeit. Das Feuer — es liegt Brandstiftung vor — greift weiter um sich, und es besteht die Gefahr, daß „der Krieg, der ungeheure" das Haus niederbrennt, der Weltkrieg, dessen Flammen allgemach auch über die Grenzen des sonst ein so beschauliches Stilleben führenden Ländchens geschlagen haben. Freilich ist die Neutralität der Sch w e i z durch den Wiener Vertrag von 1815 garantiert, aber es kann der Frömmste nicht im Frieden leben, wenn es dein bösen Nachbar nicht gefällt.
Der böse Nachbar ist gewiß nicht Deutschland, das als Nachfolger Preußens zu den Garantiemächten des Wiener Vertrages gehört. Nicht Deutschland war es, das die Nationalitätstheorie von den „Unerlösten" ausgestellt hat, sondern die italienische, jetzt regierende Frredenta hat den Kanton Tessin auf das Erlöfungsprogramm gesetzt. Und in trauten^ Verein mit der „lateinischen Schwesternation" haben die Franzosen den Nationalitätenstreit in die Schweiz getragen, haben sie die Westschweiz gegen die Ostschweiz aufgewiegelt, haben sie ihren Feldzug gegen den Oberstkorpskommandanten Wille und den Ge- neralstabsches v. Sprecher, die man deutscher Gesinnung bezichtigt, ins Werk gesetzt. Und der Bubenstreich von Lausanne, wo die deutsche Fahne beschimpft wurde, hat ja gezeigt, wie erfolgreich jene Hetz tätigkeil war. Die„Basler Nachrichten" sprechen es rückhaltlos ans, wo die Schuldigen zu suchen sind, wer den Krieg in das Schweizer Land getragen hat: „Soweit ist es also gekommen. Fm Ausland sucht man sich in die Verhältnisse der obersten Leitung der schweizerischen Armee einzumischen. Französische Zeitungen formulieren indirekte Anträge gegen den schweizerischen Generalstabschef und unseren Generalstabschef, das lassen wir uns nicht gefallen. Wir lassen uns vom Ausland nicht tu unsere Armeeverhältnisse hineinregieren." Vom Ausland will sagen, v o n Fra n krei ch.
Die Presse der Westschweiz, also der französischen Landesteile macht kein Hehl daraus, was sie in diesem häuslichen Zwist, der bereits die Formen des Bürgerkrieges janFunehmen droht, anstrebt. Als im August des Jahres 1914 der Weltkrieg ausbvach, richtete man sich in der Schwerz alsbald darauf ein, die garantierte Neutralität nötigenfalls zu schützen. Denn man entsann sich aus dem Fahre 1871, wo die Armee Bourbalis auf Schweizer Gebiet übertrat und dort entwaffnet wurde, daß solche Schutzmaßnahmen notwendig sein könnten. Die Bundesversamm- lung erteilte deshalb dem Bundesrat unbeschränkte Boll- nracht für alle zur Aufrechterhaltung der Neutralität und Kur Sicherung des Landes nottvendigen Maßnahmen. Obwohl nun jener Beschluß einstimmig gefaßt und auch allgemein anerkannt wurde, daß diese Maßnahmen angesichts der durch den Weltkrieg geschaffenen Lage durchaus notwendig waren, laust jetzt die ganze Presse der Westschweiz Sturm gegen den Bundesrat und vor allem gegen «die schweizerische .Heeresleitung, der man Begünstigung Deutschlands vorwirft, während man in Wahrheit die den französischen Elementen unliebsam gewordene Neutralität meint. Was diese Bewegung anftrebt, das wird offen in dem folgenden Antrag zum Ausdruck gebracht, den die Vertreter des Kantons Waadt dem Bundesrat eingereicht haben: 1. Der Bundesrat möge so rasch wie möglich die notwendigen Maßnahmen treffen, damit, ohne daß die nationale Verteidigung geschwächt wird, die Militär- g e w a l t wieder der Zivilgewalt unterstellt wird; 2. in dieser Hinsicht die Kompetenzen des Generalstabes festsetzen, indem man den seil 1. August 1914 gemachten Erfahrungen Rechnung trage; 3. die Vollmachten des Bundesrates auf die gegenwärtigen Notwendigkeiten des Landes beschränken; 4. die Bundesversammlung so rasch wie möglich, jedenfalls vor der auf den 27. März festgesetzten Session, zusammenzu- berufen, um ihr Kenntnis zu geben von den getroffenen Maßnahmen.
Dem Verlangen Nr. 4 ist der Bundesrat insofern nachgekommen, als er beschlossen hat, die Bundesversammlung einzuberufen, sobald das kriegsgerichtliche Verfahren gegen die Obersten E g l i und v. W a t t e n w i l, die der Begünstigung Deutschlands beschuldigt werden, abgeschlossen ist, was man für Anfang März erwartet. Im übrigen erhebt die gesamte deutsch-schweizerische Presse, abgesehen von der grundsätzlich militärseindlichen sozialdemokratischen, entschiedenen Einspruch gegen jene anderen Forderungen, die daraus hinauslaufen, die Militärgewalt und damit die militärische Bereitschaft der Schweiz in einem Augenblick ^ schwächen, wo der Weltbrand auf das Schweizer Land hinüberzugreifen droht, und zwar durch Verschulden der französisch sprechenden und französisch gesinnten Elemente. Es ist auch mit einiger Sicherheit zu erwarten, daß die Bundesversammlung diesen staatsgefährlichen Treibereien, welche die Neutralität der Schweiz und damit die Schweiz selbst ernstlich gefährden, mit aller Entschiedenheit entgegentreten, den Französlingen ein „bis hierher und nicht weiter" zurufen wird.
Deutschland, Englcmö und die Kleinstaaten.
Von Sigurd Ibsen.*)
Um die Neujahrszeit habe ich in „Tidens Tegn" einen Artikel mit der Ueberschrist: „Kriegsbetrachtnngen" veröffentlicht. Gegen diesen hat jetzt Mr. William Archer das Wort ergriffen in einer Entgegnung, die die Ueberschrist tragt: „Ein prodentscher Ibsen".
Ich lasse mich sonst ungern ans Zeitungspolemik ein, weil ich aus Erfahrung weiß, daß sie in der Regel nutzlos ist. Wenn ich in diesem Falle eine Ausnahme mache, so geschieht das auch nicht etwa, weil ich besonders hoffte, Mr. A r ch e r s Ueberzengiing erschüttern zu können. Ich schreibe zunächst im Hinblick auf den Leserkreis, dem eine falsche Ansicht beiznbringen sein Aufsatz, geeignet war.
I.
Deutschland und seine Politik sind während des gegenwärtigen Krieges Gegenstand einer einzig dastehenden Verletzerung gewesen. Daß man in den feindlichen Ländern eine solche betreibt, geht uns weniger an. Wenn sie aber auch in der neutralen Presse Eingang findet, dann ist eine Berichtigung vonnöten. Mr. A r - ch ers persönlichen guten Glauben bezweifle ich nicht, aber objektiv betrachtet, sind seine Behauptungen so irreführend, daß sie nicht unwidersprochen bleiben dürfen.
Er spricht von der „Bosheit und Gefräßigkeit" Deutschlands. Dessen Ziel wäre nach ihm, „sich zur See ebenso allmächtig zu machen, wie es zu Lande war". Erst sollte Frankreich „zur Ader gelassen" und Rußland „tributpflichtig gemacht werden", und wenn das geschehen sein wurde, sollte England vor die Wahl gestellt werden: „Unterwerfung oder Bankerott"".
Hierauf möchte ich antworten, daß, wenn die Negierenden in Deutschland diesen macchiavellistischen Plan gehegt hätten, es ganz unerklärlich wäre, daß sie wiederholt sehr günstige Zeitpunkte versäumt haben, mit dessen Jnswerksetzung zu beginnen. In der letzten Reihe von Jahren boten sich ja glänzende Gelegenheiten, im Trieben zu stschen. Das erstetnal, als England im Bnren- kriege sestgelegt war, und sodann, als Rußland seine Niederlage in Ostasien erlitt. Tie Deutschen hätten die hierdurch geschaffenen Lagen ansnützen können, sie unterließen das indes, und zwar sicher nicht aus Mangel an Verständnis, sondern weil es ihnen nicht paßte, Verwickelungen herbeiznführen.
Fm ganzen ist die jetzt so beliebte Darstellung Deutschlands als des ewigen Unruhestifters ganz und gar nicht in Ueberein- stimmung' mit den wirklichen Verhältnissen. Es ist ja doch eine Tatsache, an der man nicht vorbeikommen kann, twß in den 43 Fähren von der Gründung des Deutschen Reiches. 1871 bis zum Ausbruche des Konfliktes 1914 Deutschland überhaupt keinen Krieg geführt hat, während Dlle seine jetzigen Gegner das getan haben. England in Aegypten und in Südafrika, Rußland auf der Balkanhalbinsel, in Tnrkestan und in der Mandschurei, Frankreich in Jndvchina und ans Madagaskar, Italien in Tripolis. Alle diese Großmächte, und Nordamerika und Javan dazu, haben un letzten Menschenalter kriegerische Eroberungspolitik getrieben. Nur Deutschland hat jede einzelne seiner Kolonien durch friedliche Uebereinknnft erworben.
Diese Tatsachen sollten doch schwerer in die Wagschale fallen als ein Buch des Grasen Re ve nt low. Mr. Archer führt
) Man vgl. den Gießener Anzeiger vom 12. Januar 1916. ^per vorliegende zweite Artikel von S. Ibsen findet sich in 35 von „Tidens Tegn"" vom 6. Februar. Ter Engländer W. Archer ist derselbe, dem schon der norwegische Schriftsteller Knut Hamsun entgegengetreten ist, siehe Gießener Anzeiger vom 18. Februar und vom 11. März 1915.
dieses immer und immer wieder an als Be'iveis für Deutschlands gefährliche Absichten. Ich habe es nicht gelesen, aber das ist ja auch gleichgültig. Tenn ich meine, daß die .Politik eines Landes nach den .Handlungen seiner leitenden Staatsmänner beurteile werden muß und nicht nach einem Buche eines nicht verantwortlichen Publizisten, wie hervorragend begabt dieser auch sonst sein mag. —
Es ist wahr, daß Deutschland mit der Zeit dazu gekommen ist, einen stärkeren Drang zur Ausdehnung zu fühlen. Doch ist das nicht, wie Mr. Archer glaubt, ein Ausfluß eines zügellosen Ehrgeizes, sondern einfach eine Folge der wirtschaftlichen Entwickelung. Diese ist int Begriffe, Deutschland in eine ähnliche Stellung zu bringen wie die, in der sich England schon längst befunden hat. An beiden Stellen wird das Problem schließlich dasselbe: Lebensunterhalt für einen Bevölkernligsüberschuß zu schassen, zu dessen Ernährung der heimische Boden nicht ausreicht, und der deshalb mehr und mehr auf Industrie angewiesen wird. Aber das Wachstum der Industrie schasst steigenden Bedarf einerseits an Einfuhr von Rohstoffen, andererseits an Ausfuhr von fertigen Waren. Daher sind erwünscht: Kolonien, Einflußsphären, gesicherte Märkle, daraus folgt wieder die Notwendigkeit einer vermehrten Flottenmacht und als Gesamtergebnis Imperialismus oder Weltmacht- Politik.
Aiff dem Wege, den Deutschland so von der Natur der Dinge angewiesen wurde, traf es indes Widerstand von englischer Seite. Ich erlaubte mir in meinem vorigen Artikel zu bemerken, daß eine gütliche Uebereinknnft woh- nicht unerreichbar gewesen wäre. Dagegen wendet Mr. A r ch e r ein, daß keine Uebereinknnft möglich gewesen wäre, „die nicht unfern freiwilligen Verzicht auf das enthalten hätte, was die eigentliche Grundlage unseres nationalen Lebens ist — die Sicherheit unserer Küsten.""
^ Ich gestehe, daß diese Aeußerung mich in Erstaune:: versetzt, ^n den Fahren, die dein Kriege unmittelbar voransgingen, sind zwischen England und Deutschland über verschiedene Dinge Verhandlungen geführt, worden In einem einzelnen Falle, nämlich in bezug auf gewisse Verhältnisse in Afrika und in Vorderasien kam.es tatsächlich zu einem Einverständnisse. Ueber andere Fragen dagegen, über einen Modus für die Begründung der Flotten- rüstnngen und über die Fassung einer gegenseitigen Neutralitäts- abrede konnte keine Einigkeit zustande gebracht werden. Niemals aber hatte ich bisher gehört, daß die Verhandlungen an dem Umwände scheiterten, daß von deutscher Seite Ansprüche gestellt wurden, die eine Drohung gegen die englischen Küsten enthielten.
Für diese Behauptung bleibt Mr. Archer den Beweis schuldig, und wenn er die Unmöglichkeit einer Uebereinkunst mit Deutschland behauptet, so wird er von keinem Geringeren desavouiert als von dem auswärtigen Minister seines eigenen Landes. Ich denke an Sir Edward Greys jetzt berühmtes Telegramm vom 30. Juli 1914 an den englischen Gesandten in Berlin, worin er sich bereit erklärt, „eine Änordmmg zu befördern, an der Deutschland tcithaben sollte, und die dieses dagegen sichern sollte, daß von Frankreichs, Rußlands oder unserer Seite eine aggressive oder feindliche Politik gegen Deutschland oder dessen Verbündeten befolgt werden würde.""
', In diesen Worten frühen zwei bedeutungsvolle Eingeständnisse. Erstens, daß eine Uebereinknnft mit Deutschland denkbar war, und sodann, daß diese das Ausgeben der Einkreisimgspolitik gegen die Zentratmächte voraussetzte. Diese war es in Wirklichkeit, mehr als irgend etwas anderes, die eine Verständigung verhindert hatte.
Aber als die Sache auf die Bahn gebracht wurde, war die elfte Stunde berefts vorbei, und wertige Tag» darauf standen die Deutschen in Belgien.
II.
Ich habe Belgien genannt, und damit komme ich auf das Ereignis, das während des Weltkrieges auf die Außerhalbstehen- dcn vielleicht den größten -Eindruck genracht hat. Es läßt sich nicht leugnen, daß der Einmarsch in dieses Land die öffentliche Meinung in den neutralen Staaten erregt hat. Die schwächeren Nationen empfanden das gegebene Beispiel unwillkürlich als übelverheißend für ihr eigenes Schicksal, und daß sie daher das deutsche Vorgehen verurteilen, ist von ihrem Standpunkte aus vollkommen erklärlich.
Wenn aber dieses Venverfungsurteil von Engländern gefällt wird, wenn diese, wie Mr. Archer, in deni vorliegenden Zusammenhänge von Deutschlands „einzig dastehender Gemeinheit"" sprechen, da durfte es nicht unangebracht sein, aus ein Dokument aufmerksam zu machen, das in dem Archive des belgischen Kriegsministeriums gesunden, nachher im Faksimile veröffentlicht worden ist, und dessen Echtheit niemals bestritten worden sst.
Darin wird eine Unterredung wiedergegeben zwischen dem belgischen Gerkeralstabsches und dem englischen Militärattache in Brüssel über die Verhältnisse im Fahre 1911, wo die Marokko- krisis sich zu einem europäischen Kriege zu entwickeln drohte. In dem Berichte heißt es wörtlich: „Die britische Regierung (so äußerte der Militärattache), würde während der letzten Begebenheiten augenblicklich eine Landung in Belgien vorgenommen haben, selbst
In der Gesanyenenküche.
Von R. Kaulitz- Niedeck.
Um den mächtigen Kochkessel, aus dem die Suppendüuste aus- fteigen. stehen die russischen Gefangenen und sehen erwartungsvoll zu. Ein paar fächeln sich den würzigen Tust zu, andere stehen Mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifen und können's kaum erwarten, bis ihre „Schtschi" (Kohlsuppe) fertig ist. Weil's Sonntag ist, haben sie alle beim Zurichten des Mittagessens geholfen. Kohl, Rüben, Kartoffeln und Wurzeln wurchen geschabt und geschnitten und zusammengelocht. An einer Tischecke sitzt einer und schreibt mit schwerfälliger, quietschender Feder an seinein Brief. Schreiben und Denken ist etwas sehr Ungewohntes für ihn, und cr braucht dazu die Hilfe eines Kameraden. Ec winkt einen an Den Tisch, es ist ein echter. Tolstoischer Bauerntyp, breitbrüstig, mit platter Nase, flacher Stirn 'und schwarz'eni, über Nacken und Ohren rund geschnittenem Haar. Er 'stellt seine Hilfe nicht umsonst zur Verfügung, und erst muß ein Tauschgeschäft zwischen ihnen «ausgemacht werden. Ter Briefschreiber gibt einen Schnhriemen, lund der Totstoische kritzelt ihm dafür ein paar Worte auf den zerknitterten, schmutzigen Briefbogen.
Die Eßnäpse werden jetzt gefüllt, und jeder trägt den dampftn- !den Tops vor seinen Platz. Der Aelteste unter ihnen, mit bartlosem, fahlem Gesicht, bekreuzigt sich und spricht feierlich ein kurzes Tiscli-gebet, das die übrigen nachnmrmeln ... An den kleinen Barackenfenstern stehen Kinder aus dem Dorf. Sie wissen, daß die Russen Sonntags nach dem Essen zu singen pflegen. Es wögen ganz lustige Gesänge sein, die aber ins deutsche Ohr einen wehmütigen und traurigen Klang tragen.
Ein paar Gefangene sind aus den Rasenplatz vor der Baracke getreten, einer schält ans einem Tuch den Zerrwanst und sängt zu spielen an, die andern summen dazu. Die Kinder haben einen Kreis um sie gebildet. Als der Tolstoische Bauer ans der Tür tritt, laufen sic ihm entgegen. Ljonja soll tanzen — — „tanzen, Ljonja," betteln sie und beleben ihre Bitte durch heftige Arm- und Bein- bewegimgen..
Der Russe steht breit und tappig da und schüttelt trotzig den Kopf. Da reicht ihm ein kleines Mädchen einen Apfel, den nimmt er und verspeist ihn in zwei Happen. Eine aridere Kleine schenkt ihm ein Stück Zucker. Ljonja steckt es in den Brnstlatz, aber er ^nzt noch immer nicht. Ein Bube reicht ihm großmüttg eine Glaskugel, ein anderer einen Bleistiftstummel. Da freut sich der Müsse und lacht, daß seine großen, gelben Zähne sichtbar werden.»
Er verstaut seine Geschenke bedächtig unterm Brnstlatz. Dann hockt er sich in Kniebeuge nieder, stemmt beide Hände in die Hüften und summt ein paar Töne vor sich hin. Ter Zerrwanst gibt ein paar Takte an, nach denen Ljonja zu tanzen begimtt. Er tanzt den russischen Volkstanz: immer schneller wirst er feine Beine, wilder und toller, bis ihm Schweißtropfen ans der Stirne stehen und sein Gesicht rot wie ein Hahnenkamm leuchtet und er ganz erschöpft umsällt. Die Kinder haben vergnügt zugesehen, einige haben versucht, Ljonjas Tanz nachzuahmen, aber sie plumpsen bald um wie die Mehlsäcke.
In der Baracke neben dem Briefschreiber sitzt ein jüngerer Mann, seine strohgelben Haare quillen unter dem Mützenrand hervor, er flickt an seinen Schuhen ein Loch mit Pappe zu. Er ist Este, der das Russische schleckst versteht, doch dafür etwas Deutsch Die kleinen Mädchen sehen ihm andächtig bei seiner Schuhflickerci zu. lhann bitten sie ihn, eine Geschichte zu erzählen. Folgsam tut er seine Arbeit unter die Bank und sängt zu erzählen an in der abgehackten Weise der Esten, wenn sie deutsch sprechen: Ist gekrochen aus Ei von Birkenhnhn ein Mägdelein, hat gewachsen an Kopf sonnenstrahlen Haar, ist geworben — srecklich sön — ist gekommen in Wald mit Baume vieles, ist gekommen aus ein Banm- rumps ein Mannechen klein, abseulich, mit ganz hotTem Auswuchs auf sein Rückm und Nasen — oh so lang, langer als ein Tag — hat gesprochen — gefällst mich serr — sönes Mägdelein, sollst sein mein Frau. Hat Mägdelein gesuttelt Kops und gelacht und gesprochen — ich bin Konigssranlein »md bist du ein böser Teufel. Hat Mannechen gerollt srecklich sein Auge und hat mit Nasen lang gewillt ansstecken die Mägdelein. Ist gefallen aus Nest, vom Baum Ei und hat getroffen mausig tot das böse Mannechen, ist gesprungen aus Ei ein sön groß Konigsohn, hat geirommcn das Magdeleiir zu seine liebe Frau . . .
Es ist ein Stückchen aus der poesiereichen estnischen Volks- sagenwelt, was der Mann hier den Kindern erzählt. Auch der Briefschreiber hat gelauscht, aber sein stumpfer Gesichtsmrsdrnck verrät, daß >er weder Wort noch Siim verstanden hat.
Eines der Kinder will beim Fortgehen dem Erzähler einen Llpfel schenken. 'Der Este schlägt ihn aber höflich aus. Der Briefschreiber mustert seinen Brief von allen Seiten mtb ist offenbar nicht sehr zufrieden mit seinen Schreibekünsten. Mißlamng stößt er die Feder in die Tischplatte, daß sie sich spaltet, dann wirst er sich auf die Bank, um zu sästasen.
*
— Der Ka mPfum di e K i r ch e n g l o cke n von Wilna. In dem Warschauer „Goniec"" schildert ein Warschauer Rechtsanwalt, Herr Wacaw Dunin, seine Erlebnisse aus Wilnas letzter Russenzeit. Tunin war aus Warschau von den Russen nach Petersburg verschleppt, dann aber ans Bemühung seiner Freunde ivieder' befreit worden und nach Wilna gegangm, wo er die Eroberung der Stadt durch die Deutschen miterlebte. Die Bevölkerung von Wilna war in den letzteir Tagen vor ihrem Falle durch die russischen Gewalthandlungen, wie wir einem Berichte der in Wien erscheinenden Wochenschrift „Polen"" entneharen, allmählich in immer größere Entrüstung gerate. In dieser Stimmung tras sie der Befehl, daß die Glocken der Wilnaer Kirchen entfernt und nach Rußland überführt werden sollen. Eiir wildes Murren lief von Mund zu Mund: „Die moskowitischen Diebe wollen unsere Glocken stehlen": und da die russischen Behörden von der MiWmtnüng der Bevölkernn-a Wind hatten, so versuchten sie es, sich zur Entfernung der Glocken volnischer Bevölkerungselemente zu bedienen, und 'befahlen der polnischen Stadtverwaltung, die Glocken herab znnw hin eit. Diese erwies sich als „vsl au men weich"" und trug die Ansfühnnrg des Befehles imllfährig den städtischen Architekten aus. Diese aber lehnten das Ansinnen ab, und die Russen mußten nun docb ivohl oder übel selcht zugreiseu. Da nahm der Widerstand der Bevölkerung offen zu. Große Menschenmassen umgaben die Kirchen mit einer lebenden Mauer und ließen die Herabiiahme der Glocken nicht zu. Als es bekannt svurde, daß die Russen vor einer der Kircheti sich durch die Menschenmassen duvchzwäugten unb die Glocken herab- nahmen, eilte die ganze Fleischhauerzunft zu Hilfe. Die Glocken rvurden zurückgenoininen tuid in großem Triunipl-e wieder ausgehängt. Einige Tage dauerte diese Verteidigung der Glocken. Die russischen Behörden wagteil nicht aus Das Volk zu schießeit, da sie eine Revolution befürchteten. Tag und 9?acht stand das Volk Wache und schien zu altem entschlossen. Aber da fanden die Russen leider endlich doch auf politischer Seite Hilfe. Sie übten einen starken Druck auf die poliiische Geistlichkeit aus, unb es gelang ihr, diese in.Augst und Schrecken zu versetzen. So begaitneit die Geistlichen eine nachdrückliche Agitation, uut das Volk zum 9kachgeben zu veranlassen, und als die Wilnaer sahen, daß die Priester selbst die Glocken ihrer Kirchen preisgabett, zog sich schließlich auch das Volk uiurrend nitd Niißgestinmtt zurück. So gingen die Kircksenglocken von Wilna in die Hände der Ndoskowiter über.


