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15.2.1916 Zweites Blatt
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132
 
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Hr. 38 Zweiter Blatt

Erscheint «glich mit Ausnahme des Sonntags.

Di««lehiner ZamiNenblotier" werden dem »Anzeiger" viermal wöchentlich beigelegt, das «reirblatt für den Krrts Gießen" zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zrit- srasen" erscheinen monatlich zweimal.

Jahrgang

General-Anzeiger für Gberhesjen

Dienstag, f5. Zebruar

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schea Universitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schristleitung,Geschäftsstelle ll.Druckerei: Schul» strafte?. Geschäftsstelle u.Verlag:^4K51, Schrift­leitung: ^^112. Sldresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Rriegsbriefe aur dem Osten.

Bon unserem zürn Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (vnberechtieter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Die Front in den Rokitno-Sümpfen.

I.

, Bug-Armee, Anfang Februar.

Aubiin lag im Abendunkel, als ich auf der Fahrt zur Front der Armee Linsingen die ansteigende Bahnhvfstraße zum Markt- Vlatz hinauffuhr. Schwarz, schattenhaft hoben sich die schönen Umrisse der Klosterkirche aus dem Grau der sinkenden Nacht. Au ; kern Markt gingen ein paar österreichische Offiziere, ein paar Ein­wohner. Jeder Schritt hallte. In dem einen der beiden Gasthäuser spielte Musik, die Tische waren mit österreichischen Offizieren be­setzt, zwei, drei polnische Damen imd Herren saften dazrvischen. In demgroßen" Kaffee las m>an die neuesten, zwei Tage alten, Wiener Zeitungen und sah in die Leere. Eine kleine Provinzstadt mit viel Garnison, so würde man im Frieden wohl das Bild fassen. Duft hier einmal ein Mittelpunkt kriegerischen Lebens war in den vergangener Sonrmertagen, könnte man an diesem grauen, stillen Abend sich kaum recht malen, auch daß Ljublin für ein Klein-Warschau gelten soll, will in der paar Stunden nicht recht in den Kopf. Anders sieht man alle diese Orte und Städte je nach her Richtung, ans der man kommt, anders aus der Sehlinie des Schützengrabens, anders, wenn einen der Weg über Warschau geführt hat.

Cholm huscht vorüber. Kowel. Eine kleine jüdisch-polnisch- russisckie Stadt. Die Sumpsebene des Pripjet bestimmt schon ihren Charatter. Die Front, die sich mitten durch die Rokitno-Sümpfe zieht, ist näher. Da ich zunächst zu den Truppen mich begeben möchte, die vor Rowno stehen, geht die Fahrt über L u z k. Die Russen haben im vergangenen Herbst viel Aufhebens von ihrem wolhynischen Festungsdreieck Luzk, Rowno und Dnbno gemacht. Die eine dieser berühmten wolhynischen Festungen, die ich sah, Luzk, ist tanm mehr ansgebaut als Pultusk. In Pultusk schaukelten sich vor denpermanenten Werken" Wasserninmmeln auf friedlichen Gräben vor alten, hohen Erdschanzen, und die Festung Luzk ist kaum viel anders gestaltet: daß bei Pultusk sehr starke und gute FeldsteNimgen den Brückenkopf schützten, ist eine andere Tatsache, die aber auch bei Luzk nicht in diesem Maße zutreffend geweserj ist. Geschützt ist Luzk von der Natur. Der versumpfte Styr-Fluß umschließt die Stadt in schmalem Bogen, so daß eine nach Nord­osten offene Halbinsel entsteht, die, inmitten eines kaum passier­baren Snmpfgeländes, Stadt und Festung Lusk trägt. Von der Ruine der alten Burg, die aus niedrigem Hügel inmitten der Stadt das Stadtbild und die Gegend beherrscht, steht man auf Meilen und Meilen überschwemmte Wiesen, die aus dem Erlcngcbüsch zuweilen hochstehen. An einem dieser sonnigen, frühlingshaften Februartage, die nun fast eine Woche lang über die Poljesje gingen, sprach das weile, einförmige, in der Sonne leicht dunstende Land von einer ergreifenden Schönheit. Es ist kein Zufall, daß die wenigen Reisenden, dte ftüher je die Poljesje durchstreift haben, zum größten Teil Maler, polnische Maler getvesen sind.

Man konnte kaum von ihnen geographische Aufklärung ver­langen, und so blieb die Poljesje vor allein in der Militär- geographie ein Stück Land, das für Operationen nicht in Betracht kommt, ein unbeschriebenes Blatt in der Karte. Ueberschrift: Für größere Truppenmassen nicht passierbar. Als nun im Herbst bei dem weiteren Rückzug der russischen Heeresmaffen die Probe am diese Ueberlieserung gemacht werden mußte, stellte es sich her­aus, daß die Rokitno-Stwipfe durchaus passierbar wären. Aller­dings hatte ein besonders trockener Sommer und ein regenloser Herbst eine wohil^selten erreichte Entwässerung der Wiesenflächen bewirkt. Ganze Strecken, die ich jetzt von einem Sumpfsee nicht mehr unterscheiden konnte, waren damals, wie mir ein öster­reichischer Hauptmann, eben auf dem Turm der Ruiuenburg von Luzk erzählte, vorzügliches Galoppiergelände gewesen. Leichter waren damals und heute die Biegungen für die Russen, dw von der einheimischen Bevölkerung unterstützt wurden und Wege, passierbares und undurchdringliches Gelände genau kann­ten. Freilich har ihnen auch dieser Vorteil nichts genützt, rveil letzten Endes dic Truppe, die zum Siegen entschlossen ist, auch alle Schwierigkeiten des Geländes besiegen wird. Leicht waren die Operationen im Smnpfgelände nicht, und als es im Styr-Bogen, wrtten in der Poljesje Ende Oktober zur Schlacht um Czarto- rysk kam, waren die Anstrengungen, Entbehrungen der deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen furchtbar. Mir ist im Osten,

nach allem was ich hörte und sah, kaum eine Stelle bekannt, an der es härter zuging, als in dem Sumpfwald westlich des Styr-Bogens. Aber das Mannesium des Heldenkampfes dort, der während vier Wachen tobte bis die heutigen Stellungen erreicht waren sei besonderer Schilderung Vorbehalten. Das Frontstück vor Rowno, Xm das es sich zunächst handelt, lag da­mals wie heute in ziemlicher Ruhe. Die österreichische Armee hatte Luzk genommen, und nach oem kurzen Rückschlag, der bald wieder ausgeglichen werden konnte, wurden die heutigen Linien erreicht und bei der eintretenden Ruhe an der Ostfront ausgebaut.

Wie an sehr vieler: Punkten der deutschen und österreichischen Stellungen in der Poljesje ist die Linienführung hier halb- tvegs zwischen Rowno und Luzk von den niedrigen Sand­hügeln abhängig, die aus dem Sumpfgelände sich emporheben. Man hat natürlich die Hügelreihen ausgebant und die Russen die nächstmöglichen anderen Sandberge gegenüber, so daß die Ent­fernung zwischen den Stellungen oft bis zu sechs Kilometern geht. Dazwischen stehen dann vorgeschobene Kompagnien, Feld­wachen, Horchposten, während Jagdkommandos, die aus besonders erprobten Leuten zusammengesetzt sind, im ganzen Raume den Feirrd, der es ebenso hält, beimruhigen. Die Meldungen der Russen pflegen dem Zusammentreffen solcher stärkeren Streif­patrouillen stets eine der Sache kaum entsprechende Bedeutung in ihren Heeresberichten zu geben. Im übrigen hat die längere Dauer des Stellungskrieges wie überall auch hier ein gegen­seitiges Sicheinrichtcn zuwege gebracht.

Schwierig war es überall, die rückwärtigen Verbindungen sicher zu stellen, und im Anfang war die Verpflegung der Truppe:: nicht leicht. Jetzt ist an allen Fvontteilen, die ich sehen konnte, die, Verpflegung durchweg gut, an einigen Stellen ist durch die Nähe der Bahnlinie KowelKijew die Verpflcgungsmöchlichkeit sogar hervor­ragend, so daß sich für den Osten kaum für möglich gehaltene ideale Zustände" an den begünstigten Orten herausgebildct haben.

Es hat allerdings vor zwei Monaten Zeiten gegeben, wo einige österreichisch-ungarische Regimenter die eisernen Rationen angreisen mußten. Inzwischen ist unablässig gearbeitet worden. Die ungarische Division, in deren Stellung ich war, hat 50 Kilo­meter Knüppeldamm nur innerhalb des Divisionsbereichs gebaut. Man kommt bei vorsichtiger Schätzung dazu, den Wert des einge­bauten Holzes allein auf vier Millionen anzunehmen. Wieviel Werte, was für eine Unsumme von Energie, Arbeit, Geschicklichkeit wird in dieses elende Stück Land gesteckt, das von einem Zehntel solcher Fürsorge zu andere:: Zeiten den Beginn einer neuen Ent­wicklung hätte rechnen können! Unablässig muß an den Gräben ge­arbeitet werden, der Sand fällt bei jedem Witterungswechsel zu­sammen, und selbst das Abstützen mit Holz hilft nicht immer. So­bald das Grundwasser steigt, gleichen dic Laufgräben durchaus Kanälen. Es ist schwer, bitter schwer, bei Nässe und Kälte die Pflicht zu tun. Eine Art Trost in den Zeiten, da das Wasser steigt, ist nur das Wissen, daß es die Russen drüben noch schlechter haben- An sehr vielen Stellen liegen ihre Gräben ttefer als die der Deutschen und Oesterreicher und Ungarn, und die Linie der rück­wärtigen Verbindungen durch das Sumpfgebiet ist bei den Russen überall länger als bei uns, cha die Stellung etwa im ersten Drittel der Poljesje verläuft.

Zu'Iden Honveds, die ich besuchte, waren eben ein paar Herren von der Südwest-Front, inti> zwar von der Tiroler Front, ge­kommen^ Sie empfanden den Unterschied besonders schwer und erzählten von der Schönheit der Alpenstellung, in der sie gelegen hatten, von dem klaren Wasser, den blitzsauberen Unterkünften, Nach Sauberkeit wird zwar auch an dieser Sumpffront gestrebt, und das Waldlager Magyar-Tabor steht groß darüber der Ungarn aus weißen Birkenstämmen sah freundlich genug aus, aber ich glaube wohl, daß der Unterschied empfindlich ist."

Die Bauern burschen aus der Oldenburger Gegend, die auf Posten standen, sprachen natürlich alle deutsch, und auch der blonde Hauptmann, der den Abschnttt hatte, war einBohnzüchter". Ich fragte einen der jungen kräftigen Burschen, wie es itnn denn hier gnch gehe.Es musch sei," sagte er.Man tut's, so gut's geht." Drüben, kurz vor der Hvrizontlinie, zogen sich die braun­gelben russischen Grützen hin. Dazwisckien war die Snmpsebene, die späte Sonne hing rötlich über den Wasserlachen und beit paar chwarzen Reisern, die herausragten. Es war kurz nach der Regen- pervode, und Frost hatte noch nicht stark eingesetzt. Es dünstete empor. In tausend roten und gelben Farbenspielen sank die Sonne. Das Grabenwasser griff kalt herauf. Wir mußten eilen, die nächsten Tage galten den benachbarte,: deutschen Truppen. Noch ein Blick auf den schönen Honved-Friedhof, in dem es trotz des WinterÄ

wie in einem Garten aussah, so sauber waren Tannen und Moos verteilt und geordnet. Die kleine weiße Kapelle verschwamm schon im Dämmen: wie die .Kreuze aus den Hügeln.

__ R v l i B r o i! b i, Kriegsberichterstatter.

Aus dem Reiche.

Aus dem preußischen Abgeordnetenhaus.

Berlin, 14. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Der verstärkte Ausschuß des Abgeordnetenhauses für den Staats­haushalt genehmigte heute bei der Beratung des Etats deH Ministeriums des Innern die Einnahmen und Kapitel 83 (Ministerium) der Ausgaben. Der Minister erklärte auf eine Anfrage u. a.: Die Staatsregierung war fortgesetzt bemüht, dre m dem russischen Okkupationsgebiet brach­liegenden Arbeitskräfte der inländischen Volkswirtschaft nutz­bar zu machen. Es sei au,ch tatsächlich aelungen, eine nicht unerhebliche Anzahl russischer Arbeiter unserer L and Wirtschaft und den Jndustriebetriebenzu- zu führen. Wegen der Anwerbung österreichischer Ar­beiter für das laufende Jahr seien Verhandlungen mit der österreichischen Regierung eingeleitet. Hinsichtlich der Kriegs- rnvalidensürsorge teilte der Minister mit, daß eine notwen­dige Organisation durchgeführt' werde. Die Jnvalidenfür- sorge sei ja in erster Linie Sache des Reiches. Das Reich, stellte bisher 5 Milk. Mk. hierfür zur Verfügung. Es sei zu hoffen, daß die Fürsorgeorgianiiationen weitere Geldauellen für diesen Zweck flüssig machen tonnten. Von den fünf Millionen entfielen nach Maßgabe der Bevölkerungszahl etwas mehr als drei Millionen auf Preußen. Die Fürsorge­organisationen Preußens hätten sich wiederum zu einem preußischen Ausschuß bzw. zu einem Reichsausschuß zusam­mengeschlossen, an dessen Spitze der Landesdirektor der Pro­vinz Brandenburg stehe. Es sei zu hoffen, daß durch diesen Zusammenschluß eine gewisse Einheitlichkeit auf diesem wich­tigen Gebiete für das ganze Reich erreicht werde.

Die Regelung der Preise für Schlachtschweitte und Schweinefleisch.

Berlin, 14. Febr. (WTB. Amtlich. In der heutiges Sitzung hat der B u n d e s r a t eine Verordnung beschlossen- durch die seine Verordnung vom 4. November 1915 über die Regelung der Preise für S chl a cht sch we i n e und Sch w e i n e- f l e: s ch abgeändert und die Versorgung mit frischem Schweine­fleisch auf eine neue Grundlage gestellt wird. Dem hervorgetretenen Bedürfnis gemäß sind nach den Wirtschaftsgebieten g c st a f s e l r e Preise für Schweine der verschiedenen Gewichts­klassen ab Stall oder Wiegestelle festgesetzt. Die Preise für den> Verkauf durch Viehhändler aus dem Markte sowie durch den Handel werden von den Landeszentralbehörden oder den von ihnen be­stimmten Behörden geregelt. Die Gemeinden sind verpslickuet, Höchstpreise bei der Abgabe an die Verbraucher ftir die ein­zelnen Stücke ft:scheu Schweinefleisches, ftir zubereitetes, insbe­sondere gepökeltes oder geräuchertes Schweinefleisch, für ftiiweS und ausgelassenes Schweinefett, für gesalzenen und geräuck-e-ten, Speck sowie für Wurstwaren festzusetzen. Sie haben wftterhin zu bestimmen, wieviel mindestens vom Schlachtgewicht des Schwein es oder welche Teile bei den gewerblichen Schlachtungen frisch verkauft werden müssen.

Die Vereinigung der schwarzburgifchcn Lande.

R u d o l st a d t , 14. Febr. (MDB. Nichtxmrtl.) Aui Einla­dung der beiden Kammerpräsidenten von Sckwarzburg-Rudol- stadt und Sch-warz-burg-SvndersHausen fand-gestern in Erfurt eine vertrauliche Besprechung von Abgeordneten aller Par- teirichtungen über die Anbahnung eines Zusam­menschlusses in den schwarzburgischen Für­stentümern statt. Es wurde von allen Anwesenden der Ileberzeugung Ausdruck verliehen, daß die gegenwärtige große Zeit nrit ihren großen Aufgaben auch die Vereinigung der schwarzburgischen Lande zu einen: Staate fordere. Wie dre S chwarzburgisck)-Rudolstädtische Zeitung" erfährt, wird crne dahingehende Vorlage schon heute dem in Rudolstadt zusammentretenden Landtage zugehen.

Der ,00. Geburtstag desBarbiers von Sevilla".

Dieser Tage hat ein klassisches Meisterwerk unserer Oper hteiatur in aller Stille seinen 100. Geburtstag gefeiert: R, srnisBarbier von Sevilla", dem Man es wahrhaftig nicht a merkt, daß er nun bereits eftr volles Säkulum auf dem Rück trägt. Am 26. Dezernber 1815 hatte Rossini, dcmrals ein bl: lunger, fast völlig unbekannter Kapellmeister, mit dem Inte bauten desNobile Teatro di Torre Argenttna" zu Rom, kx .Herzog von Sforza Cesarini, einen Vertrag abgeschlossen, dem er sich verpflichtete, im Karneval 1816 der von dem Herzo geleiteten Buhne eine Buffooper zu liefern und diese mit dc Personale selbst einzustudieren. Zur Ablieferung der Partit wurde die Mitte des Monats Januar bestimmt, zur Erstaufführu der Februar Rossini hatte damals noch keine Ahnung davo was er dem Herzog liefern würde. Kostbare Tage verstrichen n der Suche nach einem Libretto, bis endlich Sforza Cesarini selb auf den Gedanken verfiel, Beaumarchais'Barbier von Sevill, zur Vertonung zu bringen. Rvffini äußerte zunächst Bedenke denn derselbe Stoff war bereits von dem damaligen Großherrn d ttal:en:schen Mußt, dem berühmten Paiftello, komponiert worde Sforza Cesarini wußte indes die Bedenken des jungen Maestr, zu besiegen, und da die Zeit drängte, ging Rossini auf den Bo schlag ezn. Das Libretto wurde mit einem gewandten Schriftstelle Sterbm:, verabredet; aber als dieser nach einer Woche bei Rosst erschien, hatte er noch nicht eine Note geschrieben. Da lach Rossini, auf. Noch nichts getan?" gab er zurück,soll ich er: o:e Arte des Almavrva vortragen? Sofort trällerte er sie vi sich hin. Wollt ihr nun eine Arie Figaros hören? oder die Cam tme der Roftne? Nun, was sagt ihr dazu? Und jetzt \ der Arte Don Bartolos, zu der Ton Basilios. Was sagt il SU diesem Duette des Grase::? (Er sang es). . . Und was meii ifjr zu den: Duett zwischen Rosine und Figaro?. . Und nun dc Finale? Ascoltato!" In der Tat war Rossini mit seiner Arhe fertig, es galt nur noch, sie aufs Papier zu bringen. Zu diese Zwecke schloß er sich mit seinem Librettisten in seiner Kamm, 5^' während im Vorsaale mehrere Abschreiber tätig waren, d ledes fcrtiggestellte Blatt sofort ins Reine schrieben'und'in ei: zelnen Rollenbüchern vereinigten. Tag :md Nacht wurde geai perlet, wurde nur gegessen, wem: einmal eine Nuhiepause unb omg-t nötig war: die Kopisten gingen erst dann zur Ruhe, iven fte die Äugen nicht mehr offen halten konnten. Rossini, der ei ersten Ranges war und sich auch später in der G> schichte der Kochkunst einen Namen gemacht hat, nur, \ mel er brauchte, um sich aufrecht zu erhalte::: da er sich b' hindurch nicht rasieren konnte, sah der Schöpfer de ,^Barbrers , als er die letzte Note schrieb, wie ein Sttomer au«

Gwi/vlr Verzögerung einstudiert und i:

§"^eval I81t> zur Aufführung gebracht Jnzwischm hatte jedo< den: llntei-snngeu des jungen Meisters Wind bc romme::, und ferne Zemide verbände:: stch, um die Opfer, di

Rvssin: aus Rücksicht auf PaisiellioMmaviva, oder die unnötige Vorsicht" getauft hatte, zu Fall zu bringen. Die Erstaufführung der berühmten Oper wurde unter diesen Umstände:: ein Durchsall erster Ordnung. Pfiffe durchschnitten die reizvollsten Arien, das Publikum benalM sich wie ein ungezogenes Kind, und da die Vor­stellung nicht ohne Zwischenfälle verlief, so zog es Rossini vor, se:n Dftigentenpult flucharttig zu verlassen. Schon die zweite Aufführung enthüllte jedoch, daß der Mßerfolg der ersten Aus­führung^ nur an Paisiellos Anhängern gelegen hatte, rauschender Beifall folgte den einzelnen Nummern, und nach Schluß der Vor­stellung strömte eine Menge Musikmtthustaslen vor Rossinis Haus, um ihm eine Huldigung darzubringen. Der junge Maestro glaubte zunächst, man wolle ihm die Fenster einwerfen, als sich jedoch der Sachverhalt aufklärte, ttat er grüßend aus den Balkon und dankte unter nicht endenwollendem Beifall. DerBarbier" hat seitdem noch nmnche Ausgestaltung erfahren, der Erfolg seiner Zweitaufführimg ist ihm indessen bis aus unsere Tag:' tre:: ge­blieben.

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Di^ internationale M e e r e s f o r sch u n g. Wie so v:ele Gebiete, die auf der Zusammenarbeit mehrerer Staaten be- ruhten, durch den Krieg in ihrer Entwickelung gehemmt wurden, so ist auch dic ge:neinschaftliche Forschungsarbeit, ganz besonders die mternattonale Meeresforschung, völlig unterbunden wordca: Mehrere der gegenwärtig im Kriege befindlichen Staaten nahmen. w:e F. Mewrus im neuesten Heft desPrometheus" aussührt, an dwser For,chung teil, die feit dem Jahre 1902 sich von der Ostsee und Nordsee bis zum Eismeer erstreckte. Auch die neutralen Staa­ten müssen jetzt auf derartige Forschungen verzichten, da die gegen- wartigen Verhältnisse auf See eine nähere Untersuchung der nord- europaffchen Gewässer unmöglich machen. Die Erforschung der Meere :st demnach in Nordeuropa und überhaupt so gut wie überall eingestellt worden. Doch ist zu erwarten, daß gerade d:efer Zweig internationaler Zusammenarbeit bald nach dem Kriege wreder aufleben wird, da er so reiche Früchte trug und noch viel Erfolg verspricht. Die organisierte Mecresforfchung einzelner Staa- ten M verhältnismäßig noch jungen Datums. Sie setzte im 19. Jahrhundert mit der Challenger-Expedition den: ersten groß- zümg angelegten und ausgeführten Unternehmen dieser Art ein, und bald folgten mehrere der Kenntnis der Meerestiefen und ihrer Bewohner gewidmeten Veranstaltungen, unter denen die deutsche Bald:v:a-Spedition hervorragte. Nordenskjöld wirkte bahnbrechend ^n der Meeresforschung der Nordpolar- und Südpolargebiete Daß d:ese Unternehmungen auch rein praktische Folgen hatten, erkennt Man an der Ausdehnung des skandinavischen Walfisch- Mnges und der damit zusammenhängenden Industrien. In den Äreltmeeren wurde besonders das Leben in großer Tiefe zun:

(kegeusland der Untersuchungen gemacht. Während Man vorher au genommen hatte, daß unter 600 Meter Tiefe jedes organische Leben aushören müsse, weiß man heute, daß es noch in weit grö,n- ren Lrefen eine vielgestaltige Tierwelt gibt. Hier entdeckte inan

besonders mehrere mit Lenchtorganen ausgestattete Tierarten, wie den Latcrnenfisch, der ein Leuchwrgan auf der Nase trägt, und den abenteuerlich geformten Pelttansisch, dessen Leuchtorgan sich im Gaumen befindet. Von besonderer praktischer BedeuMng neben dem wissenschaftlichen Werte ist jedoch die inlernattonale Mceres- sorschung in Nordeuropa, die durch Schweden angeregt wurde und unter- Beteiligung von acht europäischen Staaten, Deutschland, Schweden, Norwegen, Dänemark. Rußland, England. .Rolland, Belgien, und den Vereinigten Staaten voi: Nordamerika vor sich ging. Alle Meeresschichten wurden eingehend geprüft, und man legte besonderen Wert daraus, für die Fischerei wichtige Einzel­heiten zu entdecke,:. Man erforschte die Nutzfische voin Ei bis zur vollen Entwickelung, man beobachtete die Wanderungen :ind Fisch­schwärme, und so ist die iitternationale Meeresforschung auch mittelbar für die Versorgung der Völker mit Seefischen höchst be­deutsam. Um dem ftir diese Forschungen notlvendigen Riesenappa­rat zu genügen, wurden von den genannten Ländern besondere m:t Laboratorien und Instrumenten versehene Dampfer ausge- riistet Eines der größten deutschen Expeditionsschiffe ifr der DampferPoseidon". Die großen bisherigen Ergebm'se der iutcr- naZonalen Meeresforschung waren nur durch das organisatorische Zusammenivirken so vieler verschiedener 9^ativnen möglich. Und da dieses Arbeitsgebiet vorläuftg unerschöpflich ist, ivird das erneute Einsetzen ihrer Wirksamkeit in ruhigeren Zeiten für die gan^e Welt von hohem Nutzen sein.

~ r D<i e Königs galerieder Reimse r K a t he dral e. Zu der Pariser Akademie der Inschriftei: hat Herr Brebier die Ergebnisse semer neuen Untersuchungen über die Königsgalerie der Kathedrale von Reims vorgetragen. Reims ist nicht dft ein- zige französische Kathedrale, die eine folrfx' Königsgalerie außveist: Seitenstücke finden sich an den Kathedralen zu Chartres, Paris und Unueus. Ueberau werden darin die Bilder franzssischen Könige reihenweise zur Darstellung gebracht. Wie kau: dic mittelalterliche Kathedralkunst, die soiift der rveltliche:: Okeschichte ii: den Bitb- hau erarbeit ei: so geringen Raum überließ, auf bei: OKdanleu dieser io Galerien? Behier ivill ihren Ursprung auf das

1.». Jahrhundert zurückführen: schon Philipp der Schöne hat den großen >^aal seines Palastes nrit einer Fürstengalerie zu schnujckci: begonnen. Vor allen: ivaren es die Schüler, die ganze Fürsten- Usten ziisammenstelltcn, in dciren die Könige entweder von dem sagenliaften Faramnnd oder aber gar von den noch viel üioen* hafteren Königen von Troja an gezählt lvurdeu. die als 'die Ahnen der französische,: Heri-scher galten. Diese Fürsten!ist-'n t-h« den nach zwei verschiedenen Systemen zusammengestellt. Speziell d:e Reimser Galerie führt den Grundgedanke!: der Dekoration der oberen Teile der Kathedrale zur Vollendung, die eine ganze Geschichte des Königtums darstellt. Sie zeigt die Begründung de^ legitimen Königtmns in den Gestalten Davids und den Ucbergang dieser Königswürde an die fränkische Nation in der Persoi: Eblodivigs imd schließlich die ganze Geschickte der ftanzösischen Monarchie in bereit Vertretern.