Ausgabe 
10.2.1916 Zweites Blatt
Seite
121
 
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Nr. 34 Zweites Blatt

M. Jahrgang

Erscheml «chNch mit Ausnahme des SonptagS.

DieSietzener KamiNenblStter" werden dem .Anzeiger' viermal wöchentlich beigelegt, das Lreirblatt für den kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die .^anöwittjchafttkche« Zeit- fr«-^' erscheinen monatlich zweimal.

Donnerstag, JO. §ebruar J9J6

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Bllch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriitleitung,Geschäftsstelle n.Druckerei: Schul- straße?. Geschäftsstelle u.Berlag:b^K51, Schrift- leitung: «.«112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die Ztadtschast, ein neues Wort.

Dem preußischen Abgeordn-etenhause ist der Entwurf einesGesetzes Kur Forderung der Studtschaften" zugegun- gen, durch den die Sbaatsregierungl ermächtigt werden soll, der Preußischen Zentral-Genossensch-aftsVasse Aum Zwecke der Gewährung von Darlehen Kur Förderung! der Griindüng preußischer öffentlicher Kreditanstalten, die durch Vereini­gung vvn Eigentümern vm Hmrsgrundstücken gebildet wer­den und durch staatliche Verleihung Rechtsfähigkeit erlangt haben (Stad ts cha sien), einen Betrag von zehn Millio­nen Mark Kur Verfügung zu stellen." Der Entwurf verfolgt den Ztveck, den städtischert Grundkredit, der sich schon seit einer Reihe von Iahven in einer ernsten Notlage befindet und dessen Lage sich im Laufe des schweren Krieges noch viel ungünstiger gestaltet hat, zu befestigen und sch-on wäh^- rend des Krieges die Maßnahmen vvrznbereiten, die geeig­net sind, wesentlich zur Erleichterung des ftäbtifd^cn 'Real­kredits beizutragen. Jeder, der den Gesetzentwurf oder we­nigstens dessen Ueberschrift gelesen hat, wird sich sicherlich lich über das WortStadt schuft" gewundert haben, das ihm bisher noch nicht begegnet ist. Es 'handelt sich hier tatsäch»- lich, so schreibt uns ein Mitarbeiter, um ein neues Wort, das in derselben Weise wie der AusdruckStadt" den Gegen­satz zu der BezeichnungLand" darstellt, dem bereits vor­handenen WorteLandschaft" gegenübcrgestellt wird. Der AusdruckLandschaft" gehört zu den vielen Worten unserer Sprache, die je nach dem Zusammenhänge, in dem sie ge­braucht werden, eine ganz verschiedenartige Bedeutung anf- zuweisen haben, die sich aber in der Regel aus dem Zusam­menhänge klar genug ergibt. ' Besteht trotzdem die Gefahr eines Mißverständnisses, so muß man dann eben das Wort durch einen Zusatz näher erläutern, wie das etwa bei dem WortKarte" durch die Bezeichnung Landkarte, Spiel- kwcten usw. geschieht. Mit dem AusdruckLandschaft" be­zeichnet man zunächst jeden Teil der Erdoberfläche, den mau von einem Stcmdpuntt aus überblickt. Die Landschaft kann ims auch im Bilde dargeftellt werden, wir übertragen dann den Namen auch auf das Bild selbst und reden so von der Landschaftsmalerei. Ferner nahm aber das Wort Land­schaft früher auch eine politische Bedeutung an; es besagte einst so viel wie das später ausgekommene Fremdwort Provinz" und bezeichnete im besonderen auch deren Ver­tretung und Verkörperung in dem Sinne, in dem wir heute die AusdrückeLandsturrde" undPvovinziallandstunde" an­wenden. Diese beiden zuletzt genannten Bedeutungen kamen aber außer Gebrauch, als das WortLandschaft" durch Friedrich den Großen für die Bezeichnung eines besonderen Kreditinstituts festgel«gt wurde. Diese Landschaften stellen die älteste Form der zur Vermittlung des Bodenkredits er­richteten Kreditanstalten dar. Die erste Landschaft wurde von Friedrich dem Großen für Schlesien errichtet. Die An­regung M ihrer Grünwrng ging von bent Berliner Kauf­mann Buring aus, der im Jahre 1767 dem Könige ein Pro­jekt zur Begründung eines Kreditvereins vorlegte. Dieses Projekt wurde der 1769 begründeten schlesischen Landschaft im wesentlichen zugrunde gelebt. Es folgten das Kur- und Neumärkische Ritterschaftliche Kreditinstitut im Jahre 1/77, die Pommersche Landschaft im Jahre 1780 u. a. Diese Land­schaften waren ursprünglich Korporationen aller Ritterguts­besitzer einer Provinz, und sie beliehen die Güter bis zu einem gewissen Deil des Schätzungswertes. Später verwan­delten sie sich in sog. fteiwillige Assoziationen und erfuhren mancherlei Reformen. So nehmen sie z. B. jetzt auch Bauern auf. Im Jahre 1873 wurde eine Zentrallandschast für den

preußischen Staat begründet, die «gemeinsame Zentralpfand­briefe aus gibt, der gegenübler aber jede der ihr angehören­den Landschaften sonst ihre Selbständigkeit bewahrt hat.

Die Einrichtung der Landschaften hat sich auf das vor­züglichste bewährt, und dasselbe ist wohll auch von den Stadl- schasten zu hoffen, die nach ihrem Muster mit Hilfe des preu­ßischen Staates im Interesse des städtischen Grundeigentums ins Leben gerufen werden sollen. Mag auch manchem das neue WortStadtschaft" ungewöhnlich erscheineit, so wird er sich dock) schließlich daran gewöhnen müssen. Es ist natürlich jetzt selbstverständlich, daß man für eine neue Sache ein gut deutsches Wort wählt. Früher war dies leider, namentlich in der Amtssprache, nicht der Fall. Das von Friedrich dem Großen eingeführte WortLandschaft" stellte eine rühmliche, aber leider sehr vereinzelt gebliebene Ausnahme von dem da­mals allgemein geübten Brauch dar. Da das zu dem Worte Stadt" gehörige Eigenschaftswortstädtisch" verschiedene Bedeutungen aufweift, wie es uns beispielsweise die beiden Zusammensetzungenstädtische Kleidung" undstädtischer Grundbesitz" zeigen, so fällt es von vornherein nicht leicht, ein neues Wort zu bilden, in dem man zur Kennzeichnung der Sache den BegriffStadt" beibehalten will. Das zeigte sich namentlich-in dem Falle, als man eines Wortes be­durfte, mit dem man den Uebergang gemeinnütziger Betriebe in den Besitz einer Stadtverwaltung bezeichnen wollte. Als dafür nach dem Muster vonverstaatlichen" das Wortver- stadttichen" aufrcnn, erhob sich dagegen von verschiedenen Seiten Widerspruch, und man verlangte dafür wenigstens das Wortv er städtischen". Dieser Vorschlag ging glüMcher- weise nicht durch, weil man sonst einen allzu verschwomme­nen Begriff erhalten hätte; man denke an städtische Klei­dung, städtische Gewohnheiten usw. So blieb man bei den Ausdrückenverftadtlichen" undVerstadtlichung", und man hat sich ganz gut an sie gewöhnt, obwohl man sie nicht ge­rade als besonders schöne Worte ansprechen darf. G^gen den neuen AusdruckStadtschaft" kann man erfreulicher­weise gleiche Bedenken nicht geltend machen; es ist ein ge­fälliges, leicht auszusprechendes Wort, mit dem sich sein Er­finder sicherlich Ehre eingelegt hat und für das wir ihn: wirklich dankbar sein müssen. Denn er hat uns hier einen deutlichen Beweis dafür erbracht, daß es wohl möglich. ist, einen treffenden und guten neuen Ausdruck für eiue neue Sache ausfindig zn machen, wenn man sich nur Mühe gibt, ihn zu suchen.

Aus Hessen.

Die Voranschlagsberatung im Finanzausschuß, rb. Darmstadt, 9. Febr. Im Finanzausschuß der Zweiten Kammer würbe heute bei der fortgesetzten Voranschlags- beratlmg beim Kapitel Bad-Nauheim ueben der vom Aus­schuß beauftanbeten Erhöhung der Anforderung für die Kirrmusik auch der weitere für Konzerte, Theater. Bälle und besoirdere Ver­anstaltungen an gesetzte Betrag von 20 000 Mk. beanstandet; man war der Meinung, daß hiervon ganz gut 15 000 Mk. abgestrichen werden könnten, ebenso von den 46 000 Mk. für unvorhergesehene Ausgaben 16 000 Mk. Beim Kapitel 28, Zentral bauwesen, Aus­gabe 269 370 Mk., das vom Ausschluß nachträglich beraten wurde, sind für die Wein- und Obstbcmschule zu Oppenheim 20 000 Mk. Ml gefordert (für Spaliermauern 3000 Mk., für Wasserhcizungs- anlagen für Gewächshäuser 7400 Mk. und für Errichtung von Packräumen 9600 Mk.). Diese Anforderungen wurden für er­läuterungsbedürftig erklärt, ebenso, wie das Herrichten des west­lichen Teils des Leibstallgebäudes für das Landesgestüt. Die fol­genden Kapitel des Ministeriums des Innern fanden im allgemei­nen keine Einwendung, mit Ausnahme der Fordermkg von 50 000 Mark für Säuglingspflege, welcher Posten in Verbindung mit der Forderung von 100000Mk. für Erwerb der Gießener

Kinderklinik noch mit der Negierung besprochen werden soll. Beim Titel 'Landes-Heil- und Pflegeanstalten wurde die Vor­stellung der Krankenwärter um Gewährung eines Teuerungs- Zuschusses von monatlich 10 Mark abgelehnt, da den staatlichen Bediensieten ein allgemeiner Zuschuß ebenfalls nicht bewilligt wurde und da jeder Krankenwärter zudem noch von der Anstalt Kost, Wohnung und Kleidung bezieht. Beim Kap. 65, Fonds für öffentlichc und gemeinnützige Zwecke, wurde voni Ausschuß verlangt, daß die Beiträge an die Siechenanstalten der Provinzen Rhein Hessen und Oberhessen weiter gezahlt und für die Provm- zialanstalt Starkenburg neu bewilligt werden sollen. Beim Ka­pitel Kreisgeometer lag eine Vorstellung vor, daß deren traten ebenso gehandhabt werden sollten, wie die der übriMU Beamveu, wenn die Kteisgeo Meter in benach-barten Bezirken Dienste leisten müssen. Der Ausschuß stellte sich aus den Standpunkt, daß hier eine einheitliche Handhabung in der Diätenfvage emtreten nrusse. Tie Weiterberatuug wurde auf morgen früh vertagt.

Vermischtes.

Brand der Zuckerfabrik von Frankenthal.

Frankenthal, 10. Febr. Infolge Explosion in bet Staubkammec durch Selbstentzündung entstand gestern früh r/,7 Uhr in der hiesigen Zuckerfabrik ein Brand. Leider Uno dem Unglück auch Menschenleben zum Opfer gefallen. Bon den sofort trt das städtische Krankenhaus eingebrachten 17 Verletzten und drei ihren Verletzungen erlegen. Von den übrigen leichter Ver­letzten dürften sich alle außer Lebensgefahr befinden, ^urch oas sofortige Eingreifen der Fabrikfeuerwehr, der auch die städtische und die Feuerwehr der Firma Külpile, Kopp und Kausch zu Hilfe eilte, war der Brand nach etwa Zwei Stunden gelöscht. Defl Betrieb kann in beschränkter Weise fortgesetzt werden.

Witterungsbericht.

(Oeffentlicher Wetterdienst.)

Am Anfang dieser Berichtswoche 2. Februar bis 8. Februar standen wir unter dem Einfluß eines über ganz Mittel- uudO,t- curopa lagernden Hochdruckgebiets. Infolgedessen herrschte vor­wiegend heiteres und verhältnismäßig kaltes Wjetter: während m Westdeutschland die Temperaturen allerdings nur bet Nacht unter 0 Grad sanken, lagen sie in Ostdeutschland z. T. auch tagsüber unter Null. Bald drang jedoch von Nordwesten ein ausgedehu^l Tiefdruckgebiet südöstlich vor; die Winde drehten sich daher all­mählich von Osten nach Süden Mid Südwesten, so d«U Bewölkung wie aucb Temperaturen wieder zunahmen. Bis zum Samstags den 5. Februar hatte sich das Tiefdruckgebiet so,verstärkt und war so weit nach dem Festland vorgeorungen, bar wcr bereits unter seinen Einfluß recht trübes regnerisches Wetter hätten haben niüssen. Trotz des lveiteren Falleus des Barometers.klarte sich aber der Himmel am Samstag infolge einer Föhnwittung von den Alpen her aus. Tie Folge dieser Aufbeiterungwar, bäte die Temperaturen, obgleich wir, wie gesagt, im Tiefdruckgebiet logen, bei Nackst unter Null sanken. Von Samstag auf Sonntag! war dann wieder der Druck über dem ganzen Festland ftm-ell gestiegen. Unser Beftrk blieb jedoch im allgemeinen an her Grenze zwüsc^n dem festländischen HochdnMebiet und dem nördlichen und nordwestlichen Tiefdruckgebiet. Bei Winden aus vorwiegend westlichen Richtungen herrschte nunmehr größtenteils wolkiges bis- trübes Wetter mit zeüwcisen leichten Niederschlägen; da rvir je aber aus der Grenze zwischen .Hoch und Dies lagen, trat biS- t veilen auch vollstandi-ges Aufklaren des Himmels ein. Tie Tem­peraturen waren wiederum stark gestiegen und wiesen am Montag den 7. Februar ein Maximum von 9 Grad über Null aus. Auch das Tagesmittel war von 0.75 Gvad unter Null am Anfang dieser Berichtswvche auf 6,75 Grad über Null am Ende der Woche gestiegen. Das nordwestliche Tiefdruckgebiet zieht langsam nach Osten' ab, so daß wir durch ferne Raudwrrbel beeinflußt zunächst noch im allgemeinen mit Fortdauer der bestehenden Wit­terung zu rechnen haben.

Gießen, den 8. Februar 1916.

ßranffurter Modewoche.

AuS Frankfurt a. M. wird uns geschrieben:

.lieber das in Deutschland allenthalben rege gewordene, erklär­liche und berechtigte Verlangen, auch auf dem Gebiete der Mode vom Auslande unabhängig zu werden, ist in der letzten Zeit in der Tages Pr esse, sowie in Büchern und Broschüren außerordentlich viel und, man darf sagen, zur Hauptsache auch recht Gutes, Kluges und Beherzigenswettes geschrieben worden. So darf sich ein Be- . richt über die Frankfurter M 0 d e w 0 ch e, die am 2. Februar begonnen hat, wohl darauf beschränken, in knappen Strichen ein Bild von dem zu geben, was im Rahmen der Frankfurter Veran­staltung geboten, gezeigt und erstrebt wird. Verantwottlich für die Modewoche zeichnet derModebund", der im Juni des vergangenen Jahres auf einer vom Allgemeinen Deutsck)en Arbeitgeber-Verband für das Bekleidungsgewerbe einberufeuen Versammlung begründet wurde, in nuferer Stadt, die sich in der Welt der an der Mode Jnteressietten bekanntlich mäen Rufes erfreut, seinen Sitz hat, und als sein wichtigstes Ziel die Hebung der beruflichen und ge­schmacklichen Bildung aller Kreise, die sich mit den Dingen der Damenmode beschäftigen, im besonderen die Förderung der selbst­schöpferischen Arbeit an Modellen bezeichnet. Der regsamen Ver­einigung gehören Fachleute, Fabrikanten, Grossisten und Künstler an, die in erster Linie praktische Arbeit leisten wollen, lieber die Bestrebungen der Organisation mögen ein paar Sätze aus einem kurzen Programm unterrichten, in dem der Bund selbst überfeine Absichten sich äußert:Es soll Fachwissen tteten an die Stelle von geistreichen Aphorismen, welche die Mode wohl ergötzlich machen, aber nicht erschaff'en. Eine nationale Mode ist ein Unding. Sie würde die Trägerinnen dem Spott der andren Nationen aus­setzen, und nichts ist gefährlicher als die Lächerlichkeit. Die Mode kann nur international, kann nur Weltmode sein. Der Modebund tvill keine deutsche Mode er will den Zusammenschluß aller Kräfte in Deutschland, die befähigt sind, am Ausbau der Mode mitzuarbeiten. Er will eine Beeinflussung der Mode durch deutsche Ideen, die weitgehendste Verarbeitung der deutschen Erzeugnuse. Kurz gesagt: er will keine ohnmächtige Abhängigkeit von Pans, sondern internationale Airerkeunung der deutschen Modeschöpflin- gen. Der Leitsatz der ersten Modewoche lautet:Nach Osten" und ist eine Verneigung gegen imsere Verbündeten, eine Referenz vor den Nationen, auf die uns die gesunde Politik der nächsten Jahre hinweist." Die hier zitierten Sätze nennen auch das Motto, unter das die Ausstelluiu? gestellt ist, die gewissermaßen im Mittel­punkt der Frankchrter Modewoche steht:Nach Osten" sind zwar bei weitem nicht alle, aber doch die Mehrzahl der zur Schau ge­brachten Gewänder und Hüte in Form'' und Farbeorientiert^. Türkischen mtb bulgarischen Motiven, oft nur augedeutetct, bis­weilen stark hervortretend, begegnet man nicht selten, und man muß gestehen, daß recht viele originelle und geichmnckvolle, zum Teil entzückende Modelle zu finden sind. Dabei darf man aller­dings nicht veogeffen, der Tatsache Erwähnung zu tun, daß bei den meisten Schöpfungen an Stofserk aller Art nicht gespart wurde^ vielmehr ein die Kosteirftage kaum becücksichtigender Außoand sich geltend macht. Der stärkste Eindruck, den tvir in der Ausstellung 1 gewannen, ist dieser: an Phantasie und Erfindungslust fehlt es>

denen, die sich der Schaffung neuer Moden widmen, nicht. Im Gegenteil, man hat eher die Empfindung, es geschehe in diesem Betracht etwas zu viel. Ein wenn auch nur kleiner Teil der aus­gestellten Kopfbäreckungen und Keider zum mindesten wirkt grotesk oder doch wenigstenshypcroriginell". Das Wort von der Meister-, schaff in der Beschränkung sollte aber doch wohl auch im Reiche der Modekunst einige Gelttrng haben. Im ganzen aber läßt die Aus­stellung erkennen, um welche Fülle von künstlerischen Ideen und Entwürfen es sich bei dm Bestrebungen des Modebundes handelt, und daß es denen, deren Sache und Berus die praktische Beschäfti­gung init der Mode ist, an ffischer Arbeitsffeude und leichtbe­schwingter Regsamkeit nicht mangelt.

EiE Gewand offenbart seine feinsten Reize erst, wenn es ge­tragen wird, wenn es sozusagen in Bewegung kormnt. So verstand es sich von selbst, daß der Modebund es bei der Ausstellung allein nicht bewenden lassen konnte. Jeder Tag der von ihm veranstalteten Wochen brffigt denn auch eine Modeschau. Das Neue Theater", in dem inn die späten Nackimittagsstunden die Vorstellungen vor sich gehen, in denen die Toiletten die Haupt­rolle spielen, ist täglich bis zum letzten Platz besetzt. Die lleine Szene, die durch einige Mitglieder der Künstlerschar der Herren Hellmer und Reimann zur Wiedergabe gebracht wird, gibt nur den Rahmen ab für das Austreten von Trägerinnen kostbarer Kleider usw. Die Anordnung des Ganzen ist so gcttofsen, daß ge­nügend Zeit bleibt, die einzelnen Gewänder ausgiebig in Augen­schein zu nehmen. Man muß ^gestehen, daß dieses Modetheater unterhaltsam und instruktiv ist und die Frage der geschmackvollen und zweckmäßigen Vorführung von Modellen recht glücklich löst.

Skizzierübungen, die dicrch den Frankfurter Professor Hülsen täglich für Fachleute abgehalten werden, Votträge und Referate suchen die Bestrebungen des Modebundes praktisch wie theoretisch zu fördern. Der Modebund will, wie er selber hervorhebt, blei­bende praktische Arbeit leisten. Die Veranstaltungen der auch von auswärts gut besuchten Franksutter Modewoche, die mit Hingabe zur Sache vorbereitet wirrde, können, daran ist nicht zu zweifeln, viel Gutes wirken, indem sie einer tatkräftigen Förderung künst­lerischer, sekbstschöpferischer Arbeit im Reiche der Mode die Wege ebnen.

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Aus Gustav Falke; Lehr- und wan-erfahren.

Beinahe vierzig Jalxre war Gustav Falke alt, als er sein erstes Gedichtbuch herausgab. Wie er semeu 50. Geburtstag feiette, setzt: chm der 5)amburgftck^e Senat einen jährlichen Ehrensold ans und erkannte ihn damit als eine der führenden Persönlvchkeittir des Ham burgischen Literaturlebens an. 1912 aber, wie er seinen 60. Geburtstag feierte, veröffentlichte Falle sein LebensbuchDi: Stadt mit den goldenen Türmen", worin er den Gang seines Lebens und seiner Entwicklung rückschauend dargestellt hvt. Diese wenigen Taten bilden gleichsam den Rahmen, in dem sich sein ganzes Dasein abgespielt hat. Spät zur Entwickelung, spät zur Anerkennung, früh zu ruhigem, gelassenem Abschlüsse gekommen: so ist es Gustav Falke gegangen. Er hat es nicht leicht gehabt und ist doch ein durch und , durch glücklicher Mensch gewesen, (ft hat entsagen müssen und hat I doch kaum jemals in der Wese seines Herzens die Bitterkeit der

Entsagung empfunden. Er hat hatte Lehrjahre durchmachen müssen und konnte doch von ihnen in friedlicher Feiettagsstrmnrung ohne Pathos mid ohne Anklage reden. Falke entstammte einem guten Lübecker Hause, demselben, aus dem auch der bekannte Kunst- und Kulturhistottker Jakob von Falke hervorgegangen ist. Ter frühe Tod des Vaters warf ihn aus der Vaterstadt, warf ihn ans der goldenen Zeit sorgloser Jugend. Ter Mann, mit dem seine Mutter sich zum ziveiten Male vermahlte, wurde ihm ein unholder Stief­vater, und Falle hatte eine Jugend zu überwinden, die cm das Geschick des David Cvpperffeld in Dickens' berühmtenr Romane erinnert. So unerfreulich waren diese Hamburger Zeffen, daß er als ein Glück begrüßen mußte, in einer tlflrttngischen Stadt als Bnchhändlerlehrling sich fern von der stiesväterlichen Zucht ver- suck-en zu dürfen. Aber die thüringische Idylle fand auch bald ihr Ende. Tie Mutter ließ sich scheiden, und nun galt es für den jungen Falke, ihr das «chwere Leben nach Mästen zu erleichtern. Was konnte er tun, was konnte er leisten? Von Hause aus brachte er Musilliebe, Begabung und ein wenig dilttranttschen Unterricht mit. Jetzt galt es, daraus Kapital zu schllagen. Er bildet sich zum Musillehrer aus, er übernimmt die Lektionen, mit denen die Mutter sich notdürffig das Leben gefristtt hat, er wird nicht müde, treppauf, treppab zu seinen Stunden zu klettern, und durch seinen Fleiß bringt er es so weit, daß er des liebem Brotes sicher ist, sich sogar ein eigenes Heim gttruden kann. Und so reist er allmähliä) dem Schwabenalter entgegen, »hne bisher noch irgend etwas anderes zu sein, als der gewissenhaste .Klavierlehrer', der im geheimen freilich aber tvelcher Klavierlehrer täte das wohl nicht?, davon träumt, daß auch ein KünsUer, ein Konwouist rn ihm schlummere. Tie Wendung in scinenr Leben hat ^iliencwu 1>er vorgeb rächt. In seinem Lebensbuche erzählt er, wie er als junger Klavierlehrer zum ersten Male ein OKdrcht von Lilicncrvn Hand bekommt. Es hvar das GebicküMit Trommeln, und Pfeifen bin ich oft maftchiert", und >Falke las es in der Kirckw semer jungen Frau mit heiliger Begeisterung und Entzücknug vor, bis schließlich die Kochlöffel wie im Takte tronrmclten. Tann spannen sich Bezieh-imgen zu LUiencrvn an, erst brieflich, bis der Tag kam, ivo der Meister (denn das sah Falke in Liliencronl felbft bei ihm erschien, unruhig und stünuvsch wie ein Biibelwind und Falke an sein Herz zog. Lilienervn war daun, der in Ge- meinschast mit Tehmel und anderen Falle beratend und he!send die Wege wies imd öffnete. Sern erstes Gedichtbuch erschien, sein Name begann bekannt, seine Liedcr begonnen gelesen und gesungen zu werden Falles Lehr- und Wandmiabre mären beendet. Vom Wandern freilich war in diesem stUl-schlickiten Lebensgange nicht gar viel die Rede gewesen: aber als /Falle das Bnü seines Lebens schrieb, da Ixitte er doch das Gefühl, flils vb er eine große Wande­rung gemacht tiabe jene, die ilm aus Lübeck nach .Hamburg geffihrt batte. Nicht leictst war es ihm getvvrdeu, in der Stadt Witrzel zu fassen, in der er die Iiatten Tage der stiesväterlichen Zucht dnrchgemacht lmtte, aber schließlich hat er fiel) doch in seinem friedtick^-srenndlichen Landlhiusck)en zu Gwß-Berstel wvbl und heimatlich geffMt, seine Blumen und sein Obst gezogen mtb sich als ein glücklicher Mensch au allem gefreut, was Natur' und Leben, was Dichtung und Kunst, was Wtfb und Kind ihm zu bieten hatten.