Nr. 55 Zweites Blatt
ftfO^ mit Ausnahme beS Sonntags.
Die „Gletzeuer KamilieRdlStter" werden dem .Anzeiger* viermal wöchentlich beigelegt, das „Lrek-latt str dev Ureir Stehen" zweimal wöchentlich. Die ..Lim-Virtschastlichen Seit- fta^n" erscheinen monatlich zweunal.
sbö. Jahrgang
General-Anzeiger für Gberheffrn
Mittwoch, 9. Zebruar M6
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lange, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelleu.Druckerei: Schul» s!raße7. Geschäftsstelle u.Verlaq:^^51,Schrift» leitung: e^i J12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Die Gefahren unserer Luxuseinfuhr.
Die Zeit, mrrn im Bierverbvnde Mer den deutschen Kurttsifelbrotgeist spottete und die uns cruf gezwungenen Sparsmnkeitsma.ßnahmen als Zeichen unseres nachenden Zusammenbruchs deutete, ist längst dachin. Unsere Gegner haben dre verheerenden Störungen von WtttsckM und Verkehr, vor allem in Form von stürrnischen Preissteigerungen, so eindringlich am eigenen Leibe zu fühlen bevo-mmen, dcrß der Ruf: „Aeußerste Sparsamkeit msi allen Gebieten!" im Bierverband von Dag zu Tag lautxr und drohender wider- haNt. In seltsamem Gegensätze lfterzu hat sich bei uns im -Hinblick auf so manche glänzenden Leistungen der deutschen kriegswirtschaftlicher: Organisation xn wetten Bolkskreisen eine außerordentlich vertrauensselige Stimnrung deziig/ich der zukünftigen Gestaltung uusever Volksernährung herausgebildet; es erscheint dringend nötig, solchen OptttniS- mus immer wieder ans die steigenden Khwierigkeiten hinzuweisen, die der Sicherung unserer Volksernährung durch die fortgesetzte VersäKrfung der englischen Blockade berettet werden. Das Vertrauen auf die Gewinnung eines vollen Sieges auch im Wirtschaftskriege — das muß immer wieder gesagt werden — ist doch nur dann, gerechtfertigt, werin wir in diesem Kampfe die Duzenden der Gutsagung und der Selbstsucht unausgesetzt b-etättgeu. Eine ganz selbstverständliche vaterländische Pflicht ist es namentlich für jeden von uns, während der Dauer des Krieges auf alle für unsere Lebenshaltung nicht rmbediugt notwendigen Dinge zu verzichten, die wir bisher aus dem Auslunde zu beziehen gewohnt waren, und in derer: Besitz wir :rns jetzt nur unter Schädigung unserer eigenen nationalen Finanzkrast setzen können. Gerade auf diesem Gebiete gibt es aber noch gar mancherlei Versäumnisse und Entgleisungen abzuftellen.
Immer noch, trotz der von unseren Feinden über uns verhängten Sperre, führen wir viel zu große Mengen von entbehrlichen Waren ein und lassen dafür unser gutes deutsches Geld, das so gut wie unsere Kanonen und Gewehre zu unserer Kriegsrüstung gehört, ins Ausland, in vielen Fällen sogar direkt in Feindesland abfließen, unbekümmert darum, daß wir dadurch selbst zum Sinken des Kurses unserer deutschen Währung beitragen. So sind bei- spielstvei.se bis auf die allerjüngste Zeit südländische Schnittblumen Mer die Schweiz in ungeheuren Mengen zu uns gelaugt und bedeutende Summen dafür ins Ausland, zum guten Teile nach Italien und Frankreich gewandert, obwohl die derttschen Gärtner sich mehr und mehr in den Stand gesetzt haben, für solche französischen und tta- lrenischen Schnittblumen blühende Topfpflanzen deutschen Ursprungs als Ersatz zu bieten. Noch ttu Weihnachtsgeschäft des vergangenen Jahres ist nach südländische:: und holländischen Schnittblumen, Mwvhl dre deutschen Gärtner mannhaft gegen die Einfuhr aus Ferndeslaud Vorgängen, sech: starke Nachfrage gewesen, ohne daß wohl ein erheblicher Teil der Laufträftigen ihrer uudeutschen Handlungsweise sich so recht bewußt geworden wLve. llnd noch jetzt müssen Garteubauvereine dringliche Aufforderungen erlassen, teure aus dem Feindesland bezogenen Blumen und keine aus dem Ausland kommenden Lorbeer kränze zu verlangen, sonder:: unseren Gefangenen und Verwundeten nur durch Spenden von deutschen Kränzen und deutschen Blumen, seien sie auch von einfacherer Art und von höherem Preise, als die früher bezogene Auslandsmassen wäre, Ehre zu erweisen.
Weniger einfach liegt die Sache bezüglich der Einfuhr von Südfrüchten, deren Wert im Dirrchschnitt der
Jahre 1910/11 nicht weniger als 87 Millionen betragen hatte. Die noch zu uns gelangende:: Apfelsine::, Maronen, Feigen, Zitronen imd Datteln sind für unsere Volksernährung höchst wünschenswert, während wir unfern Verbrauch von Rosinen, Korinthen, Ananas und andere teueren Obstsorten, ebenso auch von südländischen Weinen, bedeutend einschränken können. Auch für teuere Leckerbissen, wie Kaviar, Trüffeln, Hummern, Austern, sollte kein deutsches Geld ttrs Ausland waMern, und an Stelle des ohnehin mit der Zeit knapp werdenden Tees, Kaffees und Kakaos sollten voll- werttge Ersatzgetränke, wie Malz- und Eichelkaffee und Tee aus Brombeer- und Erdbeerblättern, Heidekraut, Apfelschalen usw. schon jetzt sich einbürgern. Der deutschen Frauenmode erwächst mit der Bekämpfung der Luxuseinfuhr eine schwierige, aber auch höchst dankbare Aufgabe. Sie muß gegen das Hervorbrrngen von Frauenhüten, Reiher-, Sttauß-en- und anderen Schnrucksedern, kostbarem Pelz werk, Pariser Korsetten, Damentleidern und Kos- inetikw-aren, von Spitzen aus Holland, der Schweiz imb# Irland, von Perlen, Korallen, Elfenbein und Edelsteinen laut ihre warnende Stimme erheben und zur Beschränkung auf die in der Heimat zu Gebote stehenden Stoffe mahnen. Das gilt auch von der Verwendung von Schmu ckstei- n e n seitens der bildenden Künste, die an Stelle der oft ganz grundlos bevorzugten ausländischen Gesteinsarten, wie z. B. des italienischen Marmors und Alabasters, künfttg unsere reichlich vorhandenen deutsche:: Marmorsorten und sonstige edle Gesteine der deutschen Heimat treten lassen mutz. Die deutsche Uhren-Judustrie vermag leider den gewaltigen Bedarf an Taschenuhren nur zum kleinen Teile zu decken. Dies ist unr so schmerzlicher, als die Uhren- fMriken der französischen Schweiz, denen wir damit tributspflichtig geworder: sind, großenteils zugleich der Munitionserze uguug für unsere Feinde, nicht aMers als die Amerikaner, sich dienstbar gemacht haben. Eine grundsätzliche Zurückweisung der westschweizerischen llhren würde allerdings zum gute:: Teile die deutschen Uhrenhändler treffen, die ihre Geschäftslager schon mit schweizerischen Uhren versorgt haben. Immerhin wird es bei den bestehenden Verhältnisse:: angebracht erscheinen, während der Fortdauer des Krieges für Taschenuhren ebensowenig wie für teuere Schnrucffachen größere Werte fest zulegen und damit der bevorstehenden Auffüllung unseres vaterländischen Kriegsschatzes durch die neue Kriegsanleihe zu entziehen. Das sollte besonders bei der Auswahl von Geschenke:: für die bevorstehenden Kommunion- und Konfirmations-Feiern beherzigt werden! Auch für den Einkauf von ausländischen Büchern, Zeitschriften und Zeitungen waMern noch beträchtliche Summen nach Holland und der Schweiz und über diese Länder zu unseren Feinden. Es handelt sich dabei curch nicht um ernste Literatur, sondern deutsche Frauen bringen es, wie man hiut, auch über sich, im jetzigen Augenblicke sich Pariser Mode- zeitungen zu bestellen. Hoffentlich gibt auf solch schäm- und vaterlandsloses Gebähren der deutsche Buchhandel die einzig mögliche Antwort. Aber auch die Würsiche nach schöngeistiger und gelehrter Auslandsliteratur können und muffen sich bescheiden, bis unsere Brüder und Söhne von den Schlachtfeldern heimgekehrt sind!
Unser riesiger und gerade während des Krieges gewaltig gesteigerter Tabaksverbrauch hat schon längst zu ernsten sorget: und Mahnungen Anlaß gegeben, ob- schotn manche Kreise dieses Kapitel unserer Volkswirtschaft als ein Allerheiligstes betrachten, an das nicht gerührt werden darf. Sehen wir nun aber auch von jeder Erörte
rung ett:er etwaigen Einschränkung des Tabakgenusses seitens der im Felde stehenden Truppen völlig ab, so bleibt doch noch gar manche Möglichkeit bestehe::, um ohne jede Gefährdung berechtigter Interessen den Goldsttom einzu- dämmen, der Tag für Tag als Ausgleich für die ungeheure Einfuhr von Tabake:: und Zigarren über die holländische Grenze flutet. Da ist zunächst der Unfug des Rauchens der Jugendlichen zu bekämpfen; die von einzelnen Generalkon:mandos erlassenen heilsamen Verbote müßten verallgenreinert, noch besser durch reichs- und landesgcsetz- liche Verordnungen ersetzt iverden. Aber cnrch der Tabakverbrauch bei den in: Jnlande und in der Etappe stehenden Truppe:: und besonders bei den in den Lazaretten verpflegten Kranken und Verwundeten inüßte, schon aus gesundheitlichen Rücksichten, durch Belehrung der Mannschaften und geeignete militärische Verordmmgen eine vernünfttge Regelung erfahren. -Soweit ferner nicht Selbstzucht und freiwillige Organisation (namentlich seitens der geselligen Vereine) die notwendigen Einschränkungen des Tab a Verbrauchs der breite:: bürgerlichen Kreise durchzusetzen vermögen, müßten obrigkeitliche Maßnahmen, wie z. B. ein Verbot des Rauchens in der Eisenbahn, m Werkstätten, Aemtern usw. solche Einschränkungen erzwingen.
Mag es auch gar manchem schwerfallen, gerade auf diesem Gebiete zur Abstellung alter, liebgewordeuer Gewohnheiten sich zu verstehe::, so wird dem Einzelnen doch über jede Anwandlung des Unmuts der Gedanke hinweghelfen, daß er durch solche Selbstüberwindung den Sieg unserer guten Sache entscheiden hilft. Nachdem irisiere Feinde mit den Waffen nichts gegen uns auszurichten vermochten, wird und muß ihr auf die Niederzwingung unserer wirtschaftlichen Widerstandskraft gerichteter Plan nicht minder kläglich an der einmütigen Ensichlossenhett mtb eisernen Selbstzucht unseres deutschen Volkes scheitern
Märkte.
te. Frankfurt a.M., 8. ^ebr. Heu- und Strohmarkt.
Auf dein heutigen Heu- und Strohmarkt war nichts angeiahren.
Die Marktpreise für Bieh und Frucht und die Gießener Fleisch- und Brotpreise
__ am 7. Februar 3916. _
Schlachwiehpreise in Frankfurt a. M.
Fleischpreise in Gießen
Ochsen
Kälber
Schweine
50 Kg. Schlachtgewicht 100-225 Mk.
r /2 Kg.Schlachtgew. 169-200 Pf 1/2 Kg.Schlachtgew. 78-129 Pf.
1/2 Kg. 140-144 Ps.
i/r Kg. 136-140 Pf.
1/2 Kg 150 - 00 Pf.
Getreidepreise in Mannheim:
Brotpreise in Gießen:
Weizen 100 Kg. 28,80 Mk.
Roggen 100 Kg. 24,80 Mk.
Weißbrot 2 Kg. — Pf. Schwarzbrot 2 Kg. 68 Pf.
Flchtennadei -Kräuterbäder* In Tabletten Der bewltoie Badezuuitz för Nervöse «cd 6«e»eseca6o Mao verlange ausdrOcKJiCb „Pinofteol Io Tabletten*
6 Bäder M. 1,50 . 12 Bäder M. 2.— ^_^**&*
Siebener Stadttheater.
Maria Magdalena.
Ein bürgerliches Trauerspiel von Friedrich Hebbel.
Das bürgerliche Trauerspiel Maria Magdalena nftnsttt in Hebbels Schaffen eine Sonderstellung ein insofern, als der Dichter zum ersten und einzigsten Male einen bürgerlichen Stoff gestaltete. Er, der bisher in Judith und Geirovesa eine neue Ausdeutung des historisch herosichen Dramas ungebahnt hatte, in dem sich schon jene Problematik der psychologischen Konflikte kund tut, die in seinen späteren Werken die Brücke zu Ibsen hinüberschlägt, wollte erweisen, ,,daß auch im eingeschränkLesten Kreise eine zerschmetternde Tragik möglich sei". Hebbels Bahnbrechettum hat auch hier, auf dem Gebiete des bürgerlichen Stückes, weit in die Zuk:mft gewiesen und dem modernen psychologischen Drama den Weg geebnet, das den Ausgangspunkt des dramatischen Geschehens nicht in der Tragik der äußeren Umstände sucht, sondern durch eine, oft zersetzende Analyse, aus der .seelischen Veranlagung der Charaktere die Tragik einer inneren Hemrnung oder Hemmungslosigkeit ausscheidet. Die Ansätze hierzu liegen in Maria Magdalena offenkundig, wenn der Dichter auch mit den herkömmlichen Mitteln, die ihm zu Gebote standen, sie noch nicht zur vollen Entwicklung kommen lassen kennte. Seme kühle Gedanklichkeit, die ihm diese:: Weg zeigte, verschloß ihn auch wieder, als er sich im Dialoge zu sehr zu psychologischen Erklärungen verpflichtet fühlte und hierbei die Sprache der heroischen Tragödie nicht ganz verleugnen konnte, die sich um: einmal in den bürgerlich engeir Verhältnissen nicht zurecht ffndet. Zumal die Prachtgestalt Meister Alttons leibet unter einer rhetorischen Ueberkadung, in der die Gedankentiefe und die für die damalige Zett erstaunliche Treffsicherheit realistischer Beobachttingen untergeben. Auf, Meister Antons Schultern, einer ähnlichen Gestalt, wie Otto Ludwigs Erb- förster, ruht die Tragödie auch mehr, als auf der Titelheldiu Maria Magdalena, deren Schicksal eher durch die Tragik der äußeren Umstände bestimmt wird. Meister Anton wird aus dem Kreis seiuer streng abgezirkelten Weltaufsasfung herausgeworsen. Er, dem die eigene Unbescholtenheit und die seiner Familie über alles gälte-.:, treibt mit der Starre seines Gesetzes den Sohn in die Fremde, die Tochter in den und muß zuletzt, als alles, was er gebaut, zusammenbricht, bekennen: Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Vor die schwierige Aufgabe des Meister Anton war Wilhelm Hellmuth gestellt. Der Minstler Mühte sich in ehrlichem Ringen, der PersöEchkeit des in seiner strengen Lebensauffassung selbstgerecht gewordenen Schreincrmeisters mit straffer Linienführung nachzugehen. Es gelang ihm vortrefflich, solange der Alte noch nicht durch das Hereinbrechen der tragischen Ereignisse aus seinem seelischen Gleichgewicht gehoben war. Selbst später fand er den ttchtigen Ausdruck, wenn es galt, das Llufbegehren zu meistern und in hartem Selbstzwang hinabzuwürgen. Gegen Schluß ließ seine Gestaltungskraft jedoch merklich nach. Das erschütterte Eingeständnis: ,Lch verstehe die Welt nicht mehr," löste keinerlei tragische Wirkimg aus. Bei einenr nochmaligen Durcharbeiten wird, der Künstler der Gesamtanlage seiner gewiß schwierigen Auf-I
gäbe nach auch hier, tvie überhaupt für den Schlußakt, eine bessere Lösung finden. Eine einheitliche, tief angelegte Schöpfung bot Martha Schild als Klara. Die seelische Einfühlung in die Gefiihlswelt der schuldlos Sämldigen, die von den unwissentlichen Anklagen ihres Vaters in immer tiefere Gewiffensnot hineingepeitscht wird, von ihrem Verlobten verlassen, von ihrem Jugendgeliebten verstoßen, lieber den eigenen Tod wählt, als mit denk Offmbarwerden ihrer Schande, ihrem Vater den Todes streich zu versetzen, — diese liebevolle Einfühlung wirkte sich bis in die kleinsten Einzelheiten, bis' in die scheinbar zufällige Geste hinein aus. Vor allem gelangen ihr der Höhepunkt bei dem Schnur in die Hand der toten Mutter mü> die Wiedergabe der Zwangsvorstellung, unter der sie sich zum letzten Gange anschickt. Dramatischer Steigerung fähig gewesen wäre jedoch noch ihre letzte Zusammenkunft mit Leonhard. Auguste Frenzel war als kränkliche Mutter jeder-Anerkennung wert. Ihr bsiondeves Verdienst war es, ihrem plötzlich einttetenden Tod möglichst jeden falschen Effeff feimzu- halten. Ferdinand Stein böser, der fiir die Rolle des Sohnes die besten Mittel zur Verfügung hat, arbeitete meist geschickt, nicht immer mit ff:rgem Haushalten. Walter Dworkowsk: füllte die Rolle des Intriganten Leonhard, der veraltetsten Chcv- raltergestalt des Stückes, mit großem' Verständnis aus. So wurde die gehäufte Erbärmlick-keit dieser Gestalt einem menschliche:: Verstehen nähergebracht. Für den Sekretär fand Ernst T h e i Ti n g eine Deuttmg, die man gelten lassen koimte. In kleineren Rolle:: waren beschästigt: Albert Stettner, Walter Strom, Hermann Stichel und Alwine Felderntann.
Tie Spielleitung, Walter Dworkotvski, schuf angemessene Bühnenbilder und wachte svrgsa:n über die glatte Abwicklung der Gesche'hnisse. Ein weiteres Verdienst hätte sie sich aber durch ein weniger schleppendes Tempo, zumal im ersten Llnsange, ettvorben. Ter verhäittlis'mäßig gar nicht lange Akt nahm in seinem Verlauf allein über eine Stturde Zeit in Anspruch. 22 .
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— Die Wiedereröffnung der Berliner Freren Sezession. Aus Berlin wird uns geschrieben: Die Freie Sezession, die während der bisherigen .KriegsMonate ihre Pforten geschlossen hatte, lud Samstag zur feierlichen Eröffnung dieser neuen Aussteklmrg. Es war ein lleines gesellschaftliches Ereignis mit Wagenauffahrt am Kursürstendamm und einer von Curt Herrmann gehalterren Eröffnimgsrede. Die bekannten Persönlichkeiten aus dem Kunst- Und Gesellschastsleben waren erschienen, und auch die Regürrmg war zum erstenmal in diesen Räumen vertreten, durch' den Dirigenten der Km:stabt-eitu»g im preußischen Knltusnrinisterrum. Leider erftrllte bo£ Erbotene nur zu einem geringen Teil die gehegte:: Erwartungen. Als vor mehr dem: fünf Jahren eine Gruppe von Malern aus der Berliner S^effion austvat, um durch' Gründmu: der Freien Sezession dem Forsicl^ritt und 'der Jugend ein Betätigimgsfeld zu bisten, ivurde diese Revolution im Palast der Kunst mit ffOüügem Interesse begrüßt. Doch eine Uebersicht der neuen Ausstellung legt die Betrachtm^ nahe, daß von den hohen fielen der Jungen und dNodernsten, die sich' um Lieberma n' schatten, nicht viel zu merken, von Entwickln::. m:d Neuland kaum etwas zu sehen ist. Und so zieht man sich in der bunten, fast erdrückenden ttcherfülle
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dieser Ausstellung zu den wenigen Alten zurück^ Liebermann, der Ehreittmäsident, ist mit ffeineren, charotteristtschen Arbeiten vertteten, die zeigen, daß er seinen Jungen immer noch unerreichbar ist. Ein eigener Raum ist Wilhelm Drübner gewidmet, und dies mit vollem Recht. Ms der Größte, Tiefste und Jmrigste von allen, als der Meister an Weisheit. Empfindung und Kraft erscheint Hans Thoma, dessen fünf Bilder Farbe, Seele und Leben haben, wie nur ein ganz Großer sie aus die! Leinwand zu bannen vermag. Auch Tierstücke von Slevogt gehören in die ersten Reihen. Vorzüglich und von erfteulich em- sacher, echter Natur ist Fritz Rhein, dessen Landschaft zu seinem Besten gehört und dessen Offiziers Porträt alles hat, was man von emer PorträtdarstellUng verlangt. Emil Orlik spendet ein Adäd- chen in Weiß, das zwar äußerlich, ohne die letzte Wärme ist, aber das starke Können dieses vielseitigen Künstlerartisten zeigt. Etwas schwächer sind seine beiden Landschaften. Bon Landschaften sind :wch zu nennen Theo von Brockbusen, entwicklungsfährg zeigen sich Sewald, Melzer und Otto Hettner. Vo^üg- lich ist ein großes, leicht, aber trefssicher hingeworseues Dorträt von Benno Berneis. Zwei P)ttrats und ein luftiges Interieur stammen von Walther Bvndy. Außerordentlich begabt ist ein indischer Kopf von Ludwig Kain er. Ganz entzückend sind eine Reihe kleinerer Bronze:: von Rens Säntenes, die einest erfreulichen Glanzpunkt der Ausstellung bilden. Alles Uebrige — iund es ist eine ganze Menge — ist vettvorren, erttwrcklnngslos, phantaftearn: Und darum höchst überflüssig. FuMrismus und noch manch anderer Ismus bedecken die Wände mit Freberphantasien, die wohl schwerlich von ihren eigenen Schöpfern verstanden werden. Hier wctte endlich ein tüchtiges Reinigungsbad am Platze.
— Le 1 sing in Marscheu. Aus Marschau wird uns geschrieben: Der letzte J-anuartag brachte der polnischen Hauptstadt ein ganz besonders interessantes Ereignis. Das Deutsche Theater Lodz eröffnete sein drfttes, ivieder auf fünf Vorstellungen berechnetes Gastspiel mit Lessings „Minna von Barnhelm". Damit kam seit den Meiningern zum ersten Male wieder ein deutscher Klassiker zu Wort. Die Anwesenheit des GeneralgMlverneurs Exzellenz von Besäter gab der bes«mderen Bedeutung des Abends auch äußerlich Äusdrmk. Im Zuschauerraum mackste sich neben den Feldgrauen das bürgerlich-polnische und jüdische Element stark bemerkbar. Wenn auch die Franziska Lotte Dieners bäurffch und grob sehr imkünstlerisch mani- riert, der Mccäut des Herrn Erich Pruß unlvirksam war, so erhielt die Vorstellung doch ein hochkünstLerisches Gepräge d::rch die bestrickende und prickelnde Wiedergabe der Minna durch Hans: Arnstä'dt vom Kgl. Schauspielhaus in Berlin, der sich in Herrn Ka mper-s ein etwas unrulstger, aber synumthischer Tell- heim, in Herrn Rosen ein urwüchsiger Inst, in Hern: Kasiske ein erheiternder Wirt, in Herrn Hildenbrand ein treuherziger! Werner fteuudlick: gesellten. Exzellenz von Beseler sprach Duek- tor Wassermann, der mit Eifer und Geschick deutsche Kunst im Osten verbreitet, seine wärmste Anerkennung für die eindrucksvolle Llüfführung m:s.


