Nr. 28
Erstes Blatt
*66. Jahrgang
Der Skesttvrr Anzek-er
erscheint täglich, nutzer Sonntags. — Beilagen: viermal wöchentlich Giehener§amiliendlätter; zwennal ivöchentl.Ureis- dlattjürden Ureis Sietzen (Dienstag und Freitag): zweimal monatl. Landwirtschaftliche Zeitsrazen Fernjprech - Anschlüsse: fürdieSchriftleilungllL Verlag, KeschäitssteUeöl Adreffe für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
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b i? zun, Abend «orher. Rotationsdruck und Verlag der vruhl'schen Univ.Such- und Strindruckerei R. kange. Schristleitnng. Geschäftsstelle und Druckerei: Schulstr.r
Donnerstag, Z. Februar *9*6
eneral-Anzeiger für Oberheffen
BezugSvrei): monatl. 85 Pf., viertel- jährl. Mk. 2.50; durch Abhole- u. Zweigstellen inonatl. 75 Ps.: durch die Post Mk.2.30oiertel- jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Ps., ausw. 20 Pf. — Haupt- schriitleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; slir Stadt und Land, Verinischtes und Gerichtssaal: Fr. R. Zeitz; für den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich in Gießen.
eldenmütige deutsche Seeleute, es r '
(WTB.) Großes Hauptquartier, 2. Februar. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Feindliche Artillerie entwickelte in einzelnen Abschnitten der C h a m p a g n e und östlich von St. D i e (in den Vogesen) große Lebhaftigkeit. Die Stadt Lens wurde abermals vom Gegner beschossen.
Ein französisches Großflugzeug stürzte, von unserem Abwehrfeuer gefaßt, südwestlich von Chauny ab. Die Insassen sind verwundet gefangen genommen.
O e st l i ch e r Kriegsschauplatz.
Eine stärkere russischeAbteilung wurde von deutschen Streifkommandos an der W i e s i e l u ch a. südlich von Kuchecka-Wola (zwischen Stochod und Styr) angegriffen und aufgerieben.
Balkan-Kriegsschauplatz.
Unsere Flieger beobachteten in den Hafenanlagen von Saloniki große Brände, die offenbar von unserem Lustschiffangriff herrühren.
O b e r st e Heeresleitung.
Wir Häven gestern bereits in einem Teil der Auflage die herzerquickende Meldung bringen können, daß der seit einiger Zeit „v ermiß t" gewesene große englische Dumpfer „Appam" ans der Höhe der Kanarischen Inseln von einem deutschen Kriegsschiff aufgebracht worden und unter Führung einer deutschen Prise nbesatzung durch den atlantischen Ozean bis nach Porsolk geführt tvorden ist. Heute sind dazu viele Einzelheiten mitzuteilen, die unsere Freude -imd unseren Stolz nur erhöhen können, denn der Dampfer „Appam" hat n. a. die Nachricht mit ge bracht, daß jenes unbekannte deutsche Kriegsschiff — es ist noch nicht völlig geklärt, um welches Schiff es sich handelte — vorher nicht weniger als sieben feindliche Fccht- zeuge aufgebracht und deren Besatzung sodann aus der „Appanr^'niedergelassen hatte. Und um den Fäll verwickelt zu machen, hat der kühne Kommandant auf der „Appam", Leutnant Berg, unter der deutschen Kriegsflagge noch zwei weitere Fahrzeuge „fest genommen". Die Engländer hatten sich schon mit dem Gedanken getragen, daß „Appam" von einem U-Boot versenkt worden sei und daß darob wieder ein ähnliches Entrüftungsgebrüll angestimmt werden könnte wie beim Untergang der „Lusitania". Der neue Fall entbehrt nicht einer wundervollen Heiterkeit, freilich nicht für englische Gemüter, die sich stark blamiert fühlen müssen. Das angreifende deutsche Schiff hat die „Appam" nicht versenkt, weil es einen guten Gebrauch von der Beute machen konnte, und Präsident Wilson wird dem Verfahren seine Billigung nicht versagen wollen. Neun Schiffe sind von der englischen Liste gestrichen worden, und wir werden durch den Fall der „Appam" von neuem an die Glanztaten der deutschen Kreuzerkrieg erinnert. Das „meerbeherrschende" England muß nach 18 Monaten Kriegsdauer erfahren, daß der Feind die Wege seiner Handelsschiffe immer noch stark gefährdet und daß es nicht nur die gefürchteten deutschen U-Boote sind, die ihm Verlust über Verlust verursachen. Mit Interesse wird' nun zu verfolgen sein, wie die maßgebenden amerikanischen Staatspolitiker die Rechtsfrage der „Appam" beknabbern werden. Unseres Erachtens ist sie ein deutsches Kriegsschiff geworden, weil sie, dazu ausgerüstet und bemannt, in der Wegnahme zweier Schiffe zweifellos eine Kriegstätigkeit ausgenommen hatte. Das Schiff müßte demnach am Ende des Krieges in deutschen Besitz übergehen.
Zum Rücktritt des russischen Ministerpräsidenten Gorkmykin wird uns geschrieben: Im Zarenreiche kriselt es seit Kriegsbeginn im Kabinett. Ist man doch seit der Zeit in Rußland die böse Sieben losgeworden, nämlich die Minister Suchomlinow, Charitinow, Schtscherbatow, Samarin, Kriwoschein, Maklakow, Ruchlow, und jetzt ist als achtes Kriegsopfer der Ministerpräsident Goremykin gefallen. Sein ministerielles Ableben war schon wiederholt angekündigt worden, nämlich jedesmal, wenn es zu einem scharfen Konflikt zwischen Regierung und Duma kam. Diesmal aber ist er „amtlich" gegangen, natürlich in Anbetracht seines „geschwächten Gesundheitszustandes", wie das bei Ministerverabschiedungen üblich ist. Der Oberbefehlshaber-Zar hat den „treuen Diener seines Herrn" besonders geehrt, indem er ihn zum Wirkl. Geh. Rat erster Klasse ernannte, womit er vielleicht zart andeuten wollte, daß in seinem Reiche wirklich der geheime Rat regiert, während die chronisch vertagten Duinamitglreder günstigsten Falles ratlose Staatsbürger zweiter Klasse sind. Im übrigen ist es natürlich nicht ausgeschlossen, daß dem 77 jährigen Goremykin die Arbeit des Regierens wirklich schon zu schwer wurde, daß er ihr nicht mehr gswachsen war. Gerade in letzter Zeit waren die Dumakreise gegen Goremykin Sturm gelaufen. Zwar die Abgesandten des Dumablocks, die sich ins Hauptquartier begeben wollten, um den Zaren um ein dem Parlament ver-, antwortliches Kabinett zu bitten, wurden nicht einmal eines |
Empfanges gewürdigt. Aber das Protestschreiben, welches der Dumapräsident Rodzianko auf Veranlassung des Aelte- tenrats an Goremykin gerichtet hatte und worin er die osortige Einberufung der Duma forderte, scheint, obwohl es keiner Antwort gewürdigt wurde, doch einige Wirkung gehabt zu haben.
Ob das Kabinett Stürmer die Lage wesentlich verbessern wird, steht dahin. Der Name Stürmer darf über den Mann nicht täuschen. Gewiß ist er wie viele sehr tüchtige „echte Russen" deutscher Abstammung. Mer schon mit seinem Vornamen Boris Wladimirowitsch bekundet er, daß er sich als Panslawist fühlt, als der er sich auch inaner und als der sich schon fern Vater aufgespielt hat. Vielleicht wird sogar das Kabinett Stürmer keinen langen Bestand haben, denn Herr Boris Wladimirowitsch ist unlängst um Aende- rung seines leidigen deutschen Namens eingekommen, Und mau wird ihn vielleicht bald als owitsch mit einem mehrsilbigen, unaussprechlichen Vorläufer begrüßen dürfen. Seiner Gesinnung nach ist er wirklich ein echter Russe, und es ist kennzeichnend, daß ebenso wie einst Goremykin im Jahre 1895 seine Staatslaufbahn als Minister des Innern aus Empfehlung des berüchtigten Pobjedonoszew, des Oberprokurators vom Heiligen Synod, begann, mich Herr Stür- mer ein besonderer Schützling des Heiligen Synod ist, dessen vorletztem Oberprokurator Sabler er seinen politischen Aufschwung verdankt. Im Reichsrat gehörte Stürmer der sogenannten Neidhardt-Gruppe an, deren Führer Neidhardt ebenfalls ein russifizierter Deutscher ist, und welche eine ausgeprägt panslaviftische Politik vertritt.
Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.
Wien. 2. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 2. Februar 1916.
Russischer Kriegsschauplatz.
Vor der Brückenschanze nordwestlich von Uscieszko wurde der Feind durch Minenangriffe zum Verlassen seiner vordersten Gräben gezwungen. An anderen Stellen der Nordostfront fanden Patrouillenkämpfe statt.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Im Suganatal wurden westlich von R o n c e g n o mehrere Angriffe eines italienische« Bataillons abgewiesen. Am Hang des Col di Lana wurde eine feindliche Sappenstellung un Handgemenge genommen und gesprengt. An der Isonzo- Front Geschützkämpfe. ° 6
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Zn Albanien gewannen unsere Vortruppen ohne
Kampf das Südufer des Mati-FlusfeS. In Montenegro volle Ruhe. Keine besonderen Ereignisse.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalftabs v. Höf er, Feldmarschalleutnant.
* * *
Ein Heldenstück deutscher Zeeleute.
New Bork, 1. Febr. (WTB. Mchtamtlich.) Nach einer Reuter-Meldung aus Newport ist der vermißte englische Dampfer „Appam" unter Führung einer deutschen Prisenmannschaft und unter deutscher Kriegsflagge bei Old Point an der Küste von Virginia angekommen. Der Dampfer ist auf der Höhe der Kanarischen Inseln von einem deutschen Kriegsschiff aufgebracht worden. Die „Appam" hatte bei ihrer Ankunft 425 Personen an Bord, darunter 138 von etwa fünf vor der Aufbringung versenkten britischen Schiffen. (In emem Teil der Auflage wiederholt.)
™ 2'^br. (WTB Nichtamtlich.) Die Associated
Preß berichtigend mit: Die „Appam" war am 15. Januar der den Kanarischen Inseln aufgebracht worden. Sie hatte 451 Personen an Bord. Im ganzen sind von dem deutschen Krieas- fahrzeug sieben Dampfer perseiikt worden, und zivar die Dampfer „Corbndge Trader" Ariadne", „Dromonby" „Farringford", „Clanactavist" und „Arthur".
™ O® 1 e ® r ‘ *ews, ^ Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Das deutsche KriegZ- fchiff, das den Dampfer „Appam" aufgebracht und mit
" I 6 // n m cJ 1 J ^ a f L ^mchen hat, soll den Namen „Move geführt haben. Es hatte vorderAufbringung der „A p p am" folgende britische Dampfer versenkt: „Arthur", „Corbridqe", „Ariadne".
^Dromonby", „Farringtonsord" und „Clan M a c t a v i s h".
London, 2. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Von Newport News wird gemeldet, daß sich 451 Personen an Bord des „App am" befinden, darunter 139 U eberlebende der lieben Schiffe, die von den Deutschen versenkt wurden, ferner 20 deutsche Bürger, Kriegsgefan gene aus Kamerun, und eine Prisenbesatzung von 22 Mann. Offenbar wurde der „Appam" vier Tage nach der Ausreise widerstandslos erbeutet, nachdem ein Schuß über die Brücke des Dampfers abgefeuert worden war. Nachdem die Prisenbesatzung an Bord gebracht war, begann das-deutsche Schiss ein britisches, mit Fleisch aus Australien beladenes Schiff zu verfolgen. Dieses bot Widerstand und lvurde in Grund gebohrt.
London, 2. Febr. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die „Times" erfährt aus New Port: Auf der Reise Über den Atlantischen Ozean soll der Dampfer „Appam" zwei britische Schiffe gekapert haben. — New Yorker Blätter melden, daß der „Appam" von der bewaffireten deutschen


