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31.1.1916 Zweites Blatt
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Nr. 25 Zweites Blatt

KgRchncktA«sn«chme deS SsnntagS.

Die«etzener KrmMenblStter" werden dem ^ Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das ikrelsAiatl Mr des Kreis Gietzen^^ zweimal wöchentlich. Di«kmdsirtfchgftllchrn Zeit' erscheinen monatlich zweimal.

166 . Zahrgasz

General-Anzeiger für Gberhej

Montag, Zh Januar 1916

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts - Buch- und Steindruckereu R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:^^51,Schrift­leitung:^§H12. Adresie für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die staatliche Zchuldentilgung Hessens.

Man schreibt uns:

^ der wichtigsten Kapitel im hessischen Staatsvor- anschlag für 1916 ist bas über die Schuldentilgung. Der dresMhrrge Voranschlag sieht zur Schuldentilgung den Be­trag von -1,6 Millionen Mark vor. Die Einstellung dieser Summe mußte ans Grund des geltenden hessischen Schul­dentilgungsgesetzes vom 17. IM 1912 erfolgen. Für die- jenrgen, welche den Zusammenhang nicht übersehen, muß es vielleicht einigermaßen Erstaunen Hervorrufen, daß unser Großherzogtum trotz des im Voranschlag enthalteneir Fehl betrags von 4 57&6Ö9 Mk. überhaupt gesetzlicher Bestim mung entsprechend eine derartige Summe für die Schul- dentilgung einzustellen genötigt ist; man ist im Lande wohl aOßemeui der Ansicht, daß bei sollenden Staatsein­nahmen sich auch die Schuldentilgung automatisch vermin­dern, bezw. ganz in Wegfall kommen müsse. Dem ist aber n y§!: öie Höhe der Tilgung nach dem Gesetz nur

abhangrg ist von dem einen Grund- und Eckpfeiler unserer Staat seirnza hmen, nämlich den Eisenbahnüberschüssen. Sind diese geringer, so ermäßigt sich auch in entsprechender Weise die Schuldentilgung. Sind aber die Eisenbahneinnah men relativ günstig, wie es im Voranschlag für 1916 vor- gesehen ist, dagegen andere Staatseiun ahmen schlecht, so muß trotzdem die Schuldentilgung erfolgen.

Nun sehen wir uns aber in der gegenwärtigen Zeit ganz besonderen Verhältnissen gegenüber, die frei der Ab­fassung und Verabschiedung des Schuldentilgungsgesetzes von niemand übersehen werden konnten. Und da ist es wohl berechtigt, die Forderung aufzustellen, den in dem Gesetz nieder gelegten Gedanken, daß nämlich eine Tilgung der Staatsschuld nur daun stattfinden könne, wenn ge­nügende Einnahmen vorhanden sind, auch auszUdehnen auf ohn, Fall, daß zwar die eine Einnahmequelle reichlich fließt, die andern aber versagen.

Es wird nochl erinnerlich sein, daß der frühere Finanz- nnnifter Gnauth gerade an der sachgemäßen Ausgestaltung des Trlgungsgesetzes scheiterte und daß dann unter seinem Nachfolger und unter hervorragender Mitwirkung des jetzi­gen Präsidenten des Finanzministeriums eine den Bedürf­nissen des Landes in rwrinalen Zeiten durchaus gerecht werdende Formulierung gefunden tvurde, eine Fornrulie- rung, dre eine allzu starke Inanspruchnahme in Zeiten ge­minderter Eisenbahneinnahinen hintenan hält.

Man sollte jetzt, wie schon bemerkt, diesen Gedanken wieder lebendig werden lassen, und es sollte der Finanzaus- dmg der Zweiten Kammer sich aufs Ernswste mit der Prü­fung der Frgge beschäftigen, ob es nicht folgerichtig wäre sur das gegenwärtige neue Kriegsjahr das Gesetz in diesem Zn diesem Falle würden zunächst 1,18 Millionen Mark frei werden, allerdings unter der Voraussetzung, daß man die Abführung des Ausgleichs- sonds an die Verwaltung um den Betrag der suspendierten Schuldentilgung erhöhte. Es wird kaum mehr notwendig secu, aus dre Gründe hinzuweisen, die es als un bedingt nv? lvendrg erscheinen lassen, in dieser schweren Zeit die Steuer- erhohung so niedrig wie möglich zu halten. Hingewiesen fer nur rnrmer wreder daraus, daß das Verhältnis zum Reich dessen große Bedürfnisse und ^gesteigerten Aufgaben offen vor Augen liegen, nochl völlig ungeklärt ist, und auf die Wetter gehende Wirkung der bereits vorliegenden direkten Reichssteuern, deren Beeinflussung und Einwirkung, auf die Finanzen der einzelnen Bundesstaaten vorerst noch gar nicht absehbar sind. ^ ö

Das Ergebnis der preußisch-hessischen Eisenbahngemeintzhast.

. , Berlin, Z- Van. Lluf den Preußisch-Hessischen Eisen- bahnen sind un Etatsjahr 1914/15 vereinnahmt worden: aus dem Mterverkehr 1508,70 Millionen Mrrk (. Vorjahre 1671,21 Mill Mart) und rm Personenverkehr 587,46 (713,41) Mill Äk Acht Monate waren Kriegsmonate. Einschließlich der Nebeneingänge betrugen dre Gesamteirmahmrn 2275,10 (2557,34) Mill M

gegenüber Ausgaben von 1813,58 (1769,85) Mill. Mk Der er schu ß des 2^trickbs scmk aus 461,52 (787,69) Mill. Mk. or r ^ Km. Betriebslänge. Danrit v e r z i n st e sich

Anlagekapital von 12 866 (12 315) Mill. Mk. mit 3,59 (6,39) §.^"Jx Cn ^ am Betriebsüberschuß beträgt Mk. FüAP reu ßcn bleiben nach Verwendung ?!? n ^08,84 Mül. Mk. für Verzinsung und von 49,48 Mlll. Mk. sur Tilgung der Staatsschulden 244,40 Mill. Mk. zur Verwendung für andere Staatstzwecke. (Frkf. Ztg.)

Preisstand in England.

Zn ihrer jährlichen Mrtschaftsrundschau (The Times fmancial and ccmtmercial review) vom 21. Januar grbt dreTimes" eine Uebersicht über die Verteuerung von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Sie beginut mit der Fest- dre Preissteigerung sei der hervorstechendste Zug des Wirtschaftsjahres und sie sei veranlaßt vor allem durch dre hohen Frachten und die scharfe Nachfrage nach Roh­stoffen; der Schluß des Jahres habe einen bisher ungeahn­ten Hochstaud der Preise verzeichnet, ohne jede Aussicht aus ern Stocken dieser Aufwärtsbewegung.

Dann setzt die erste, üblicherweise alsFrisieren" be- zerchnete Behandlung der Zahlen ein; dem Leser wird vor­gerechnet, daß die Preissteigerung durchschnittlich 40 Pro- zent, für Nahrungsmittel allein nur 20 Prozent betrage. Wer diese Zahl unbefangen anhört, wird sie gar nicht so ^?Ech finden; aber diese scheinbare Unbedenklichkeit er- grot srch daraus, daß dieTimes" nicht einen normalen Friedenspreis stand mit dem Preisstand von Ende 1915 ver­gleicht sondern sie vergleicht den Preisstand vom Ende des ersten Kriegsjahres, der aber schon bedeutend höher war Ms der Friedensstand, mit den: Preisstand von Ende 1915 Und daun sucht nran den autgläubigen Leser durch ein zwei­tes Reckzenkunststück über die tatsächliche Preiserhöhung hin­wegzutauschen; man rechnet den Durchschnitt der Preis- stergerung für Rohstoffe (Kupfer, Stahl, Eisen, Gummi usw.) und Nahrungsmittel zusammen. Da nun die Rohstoffe Ende

1914 eme geringe, bezw. keine Preisstechgerung oder qar ernen Preisrückgang aufwiesen, verschwindet tn der proz-ent- maßrgen Berechnung die bedenkliche Steigerung dar Preise der Nahrungsmittel und es kommt eine ganz erträgliche Durchschnitts steige rung von 40 Prozent heraus. Ein ztreffendes Bild hätte sich ergeben nur durch einen Vergleich des normalen Friedensjahres 1913 mit dem Ende des Jahres

1915 bei gleichzeitigen: Auseinanderhalten der Preise für

Nahrungsmittel und Rohjftoffe. Aber das wollte mm: nicht weil daun zu klar hervor getreten wäre, wie bedenklich die Preise der gebräuchlichen Nahrungsmittel in England ae- tregen sind. ö

Bemerkenswert findet es der bricht, daß in einer von Fällen die Preise stiegen, trotzdem reich­liches Angebot vorhanden war; das einzig Bemerkenswerte K aber uw der Mangel an theoretischem Verständnis und dre Überfülle an weWvirtschaftLchem Größenwahn, den ine Erklärung dieser Erscheinung durch den Verfasser zutaae

& treten läßt: die Verbraucher seren nümlüh durch die Knapp- au Fvochtgelegercheit äbgeschloffen gewesen von^n en der Produktion.

-Einige Zahlen aus der Tabelle derDimes" seien gleichzeitig a.ls Beleg für unsere obigen Darlegungen über

Weizen Mars . Gerste , Mehl . Reis Zucker.

Käse . . Speck . . Ochsenfleisch

31. Dez.

31. Dez.

31. Dez."

Gewicht

1915

1914

1913

engl. Psd.

. . 64/9

44/4

31/1

460

30/

24/-

460

. . 47/6

29/16

26/2

400

. . 50/

41/-

26/6

380

. . 14/9

12/6

7/9

100

28/

15/-

100

152/

131/-

100

85/

82/-

100

80/

74/-

160

. . 5/7

5/-

4/2

8

Nriegsbnefe aus öem westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.

(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Wie sianzösische Offiziere deutsche Gefangene behandeln!

Gr. Hauptquartier, 29. Januar.

Unter unerhörten Muhfalen und Gefahren ist es fünf tapferen Feldgrauen, die für diese Leistung alle mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden sind, gelungen, aus den Händen der sie mißhandelnden Franzosen zu entrinnen und zu ihren Truppen- teitcn zuruckzukchren. Es sind dies der Infanterist Heinrich Klug aus Rudolfstein in Bayern, der Gefreite Orsckjel aus Kühfftädt, der Kriegsfreiwillige Albert Behn aus Lintzel (Hannover), der Ersatz- rcservrst Ferdinand Hornrann aus Sapelow (Hannover), und der Ersatzrekrut Schuster aus Groß-Waldeck (Ostpr.), die von der sranzolischen Uebermacht bei der Herbstosfensit^e Jofsies in ihren ^-?^>chEeten Unterständen gefangen genommen worden tvaren und darnach vollauf Gelegenheit hatten, zu erfahren^wie ritter- nch fich die Franzosen gegen wehrlose Gefangene benehmen. Man lie zunächst von nachmittags halb drei Uhr bis am fol­genden Mittag ohne jede Nahrung, dann kamen sie in das sogen, ^ossrolager, wo sie tagelang in Erdlöchern ohne Dach und Lagerstroh, trotz des Einipruches der sianzösischen Militär­ärzte, hausen mußten, bis man sie in ein nur acht Kilometer von den deutlchen Stellungen entferntes Barackenlager brachte, wo man ihnen als Schlafjtatt nasses, verfaultes, von Ungeziefer wimmelndes Stroh gab. Französische Soldaten, die ihnen aus ülcitleid Nahrung, Lecken und beionders den den Deutschen streng verbotenen Tabak zukommen lassen wollten, setzten sich den schwer- ften Strafandrohungen seitens ihrer Offiziere aus. Während sich' die Mannschaften gut, die Militärärzte untadelhaft verhielten, hatten es die Oßiziere darauf abgeseheri, daß die deutschen Ge­fangenen so schwer und demütigeiw wie möglich bebandelt wür­den. Ein höherer Piomerosfizier sagte zu ihnen:y,c sollt so lange arbeiten und Hunger leiden, bis täglich zrve von Euch kaput gehen! Auf eine Beschwerde, daß man ihnen böswillig Me. m ihre dünne Wassersuppe gemischt habe, wurde ihnen die höhnische Antwort zuteil, das sei ^offres Arznei für di? Boches". Ler Gipfel der Mißhandlungen wurde schließlich damit erreicht, daß die deutschen Gefangenen gegen alles Völkerrecht in die vorderften französischen Stellungen gebracht wurden und hier im Angeiichte ihrer Kameraden gegen diese Besestignngen an- legen mußten, wobei sie wiederholt in das Feuer der deutschen Artillerie gerieten, die mehrere von ihnen verwuiidete, daruntev Lsten schwer. Aber hier, in Sehweite der .Kameraden, fänden sie schließlich unter fast unmöglichen Umständen, die Gelegenheit zur raucht. Es gelang ihnen, jedem ans eigene Weise, die f a' ä- sischen Schleiergräben zu überspringen mtb sich inr Schutze ^er Dunkelheit an den vordersten Posten vorbeizuschleichen, dann aber wurden ße infolge des aufgehendeii Mondes bemerkt, und die Fran­zosen sandten ihnen einen Hagel vmi Geschosseii nach, so daß sie m Granatlochern, teilweise zwischen gefallenen Franzoseir, Deckung nehmen und dort verbleiben mußten, bis am nächsten Abeud die herembrechende Dunkelheit ihnen gestattete, bis an die deutschen Drahtverhaue heran zu kriechen, aber auch dort kamen sie durch die Kügeln ivachsamer Posten in neae, schwere Gefahr, so daß ste abermals in Granatlöcherrk Unterschliipf suchen mußterr, bis es ihnen gelang, sich durch Zurufe zu erkennen zu geben und sie nun von ihren Kameraden mtt unendlichem Jubel wieder in die Arme geschloffen wurden. Hier konnten sie mm berichten, wie dre Franzosen den ritterlichen Sinn vergelten, Mit dem die qcm fangenen sianzösischen Vaterlandsverteidiger bei uns überall, von der Front bis znnr Gefangenenlager in der .Heimat, betzand^^ werden. Dre fünf tapferen Männer haben ihre ganz überein- fttmmenden Erfahrungen unabhängig von eirmnder bekundet, und die völlige Richtigkeit ihrer Aussagm ist vom zuständigen Armee- Oberkommando geprüft und leider als ganz wahrheitsgemäß be­funden worden.

__ W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Malererinnerungen aus Meuport.

Kürzlich meldete der Bericht der obersten deutschen H-eev-sf- Zeitung, daß die berdeu Türme der Stadt Nieuport umgelegt wev-> den mußten, weil sie vom Feinde fortgesetzt als Spähposten benutzt worden loaren. So will es die Tragik des Krieges, daß die Belgier selbst den Verlust der beiden alten Wahrzeichen von Nieuport herbeisühren mußten. Wias mag wohl jetzt, nach so viel Monaten grimmigen Artüleriekampfes, von Nieuport noch übrig sein? Welch ein köftliches Städtchen es vordem gewesen ist, davon vermitteln die Erinnermigen ein lebendiges Bild, die Walter Tiemann, der bekannte ausgezeichnete Buchiunstler, im jüngsten Hefte der bei 6. il ©oerramn m Leipzig erscheineridenZeitschrift für Bücherfreunde veroffentlrcht. 9Nit so urmichem Freunde und Kunst- genoisen hat er in Nieuport gewellt, das er sieben Sommer hinter­einander treulich immer von neuem aufgef'ucht hat. Nieuport, bk ehemalige Hafenstadt von Ypern, die ruhmbekränzte, starke Fef'tung, rft nur nock) ein besck-eidenes Städtchen von 4000 Einwohnern Zwischen deii lleineri buckeligen und runzligen Häusern der Armut und bedürfnislosen Fischerbevölkeruug recken sich hie und da die Zeugen alten Wohlstaiides in die Höhe. Einige stattliche Patti^ier- hauser der Renaissanoe, jetzt meist zu Erziehungsanstalten geist­licher Orden umgewandelt, ern Stadthaus in leichtem^ Barock, einige trotz ihrer Bescheideiiheit reizende Empirehäuserchen trifft man mrf einer Wanderung über die unbarmherzigen Katzenköpfe der holpe­rigen Sttaßen und Gäßchen. Der lustige Wechsel der Häusev- ansttiche, das Durcheinander der Stllarten, die oft märchenhafte Versck)vbenl>eit der Häuser, der Giebel, der Schornsteine bringen dem Malerauge immer nfteder neue U-ckerraschuugen. und die Fantasie feiert Feste. Ist man über den Buckel der Rne d'Ostende gestiegen, so liegt der alte Vtacktplatz vor dem Beschauer mit seiner stattlichen Tnchhalle, emem gotischen Backsteinhaus von 1480, und der gotischen Kirche unt ihrem schweren kurzen Glockenturme im Barockstil, der ^ni Stadtbilde die eigentümliche Silhouette gibt. Lusttg war das Bild des Marktplatzes am Freitag, dem Markttag. Da standen Buden mit starksarbigen flmtdrischen Tuchballen, mit Töpfereien, ötarib mit Bändern und allerhand Krimskram, Hansen schönster Fftche, und dazwischen schob sich die breite ^bWuckrchkeit des vläiiftschen Bauern und Kleinbürgers hin lind her hac^lnd und schrotend und iinmer gut gelannt. Und über den Biwen, den Marktschirmen und dieser ganzen brmten Herrlichkeit fthepperte das Glockeiispiel des alten dicken Carillon eine holperige Melodie, mit der der frische Wind von der See spielte, indem er ne forttrug und dann plötzlich nieder fallen ließ. Wer noch schöner wars hier zur Krrineß. Eine richtige Kirmoß in einer kleinen flandrischeii Stadt nmß man gesehen haben! Welche Wichtigkeit war das, und doch wie rührend bescheiden! Der Herr Bürger­

merster hlttte die Pflicht, rn jedem Jahve etwas Besonderes zu bitten: E wunderbarste Eveignis war der Ausstieg eines Luftballons, an dessen Goiidel eül Fahrrad befestigt war, ans dem eine Dame in Trrtot die herrllchften Evolutionen in den Lüften ausführte. Die Belrebthert ^s Biwgermersters stieg damals um ern Beträchtliches. An dre,em Tage wurde Jordaens wieder lebendig. Da wurde so rrchttg vl^ilsch gefeiert, so richtig vlämisch gegessen und getrnnkeit nrcb dre Nacht hindurch getanzt bis sich die Balken bogen, und daber konnte man so recht die Ungeniertheft dieses Völkchens bs- staunen, dre seit Ostade nicht ftn geringsten abgenommen hat.

Wie die Stadt selbst, so bot auch der Hafen von Nieupvrt den Mälersleuten nnerschöpflickfe Augenweide. Wenn in dem kleinen Hafen gerade Flut ist, so vagen die Segel der Boote hoch über die Kaimauer hinaus und Lassen die Häuserchen und Schuppen noch kleiner erscheinen, als sie sind. Dann geben die herrlichen sam- inetbraimeii und cpxtitai Flächen der ansqespannten Segel einen H^utevgrnnd urrd für das bunte Leben auf dem Kai, wo me Fescher in blauen Kitteln oder in gelbem Oeltzeu g Fische ausladen, Netze flicken oder hermnsteheii und an ihren Priemen kauen. Tritt aber die Ebbe ein, so sinkt das Wasser allmähSich« zu vrer Metern, so daß nun Dampfer und Fischerboote ttef unten liegen und die Segel nicht mehr das andere Ufer verdecken. Dann steht man die alten zerzausten Bäume wieder, diese wilde Gesell- fthaft, und darunter gelagert einige kleine Häuser, die zu eftrev Werft für Fchcherbovtze gehören. Die alten Bäume stellen uw die letzten Reste der erst im Jahre 1860 ntedergelegten Festungswerke zwischen deren Wällen sich jetzt Bassins für Hummern und Austern befmden, friedliche, auserwählte Speisekanimern des Meeres, die den deutsckfen KünAergästeii oft als Belohnung für brave Arbeit etwas von ihren Schätzen hergeben mußten. Wandert man der See zu, so überrascht, wenii man den Blick rückwärts wendet, immer wieder das reizende Stadtbild mit seinen Häuserchen und Türmeir, mit seinem kleinen, aber regsamen Hafen: schließlich er­reicht man den alten Lcuchtturm, ein Bauwerk ans dem 13. Jihr- hnndert, von ganz besonderer Schöntet in Form und Farbe. Auch diefer alte Keil, der für die Ewigkeft gemacht schien, liegt jetzt wohl laugst in Trüntmevrr, und alle Sage und Mystik, tue von diesem tu manchen Stimmungen ganz unheimlichen Gesellen ansging, ist von der eisernen Faust der Gegenwart unbarmherzig tu Stücke geschlagen.

* &

Lin Brief Geklerts an Gleim.

. Dft Kömgl. Sächsische KomnMjon für Geschichte hat beschlossen eure GefamtauSgabe des Geflertschen Briefwechsels zu vMustaltem Infolge des Krryges sind die Arbeiten ins Stochen «raten, doch nach Friedeusschttrß soll mft frischer Kraft das Merk gefördert

Am dm Reiche.

erlin, 29. Jan. (Priv.-Tel.) Wie derLokalanzeiger^ erfährt, sind Mi Geburtstag des Kaisers folgende Per- -nlichkeften ins Herrenhaus berufen: Kardftral vv-n Hart- mann, Köln: Fürstbischof Bertram, Breslau: der PräsideM des Evangelischen Oberkirchenrates, Voigts, Generalsupermtendent a. D. Hesekiel (Wernigerode): .Aosterprobft ReickOgraf von Platen- Hallernrund; Fideitommi ßbefitzer Graf von Waldersee auf Water-

werden. In Mbliothekcn, Wchiven und Privatbesitz bat sichP« em renhes Material vvrgeftmden wkd Wvlfgaug Stammler macht min im Februarhefte der bei Gebr. Paetel in Berlin rz* scheinendenDeutschen Rundschau", daraus einige Stucke bekannt, die allgemeineres Interesse verdieneli. Besonders fesselnd und ai* mutig ist unter diesen neuen Gellertbriesen der Brief, den er an- Gleim geschrieben hat. Bei einem Besuche der Leipziger Messe, hatte Glein, Gellerts Bekamitschaft gemacht: die beiden Jung-, geselleii hatten Gefallen aneinander gefmrden und verabredeteis einen Brieftvechsel, der allerdings nicht reckt gedielxni zu sin. sc^rnt. tLtrm bis jetzt ist nur ein Sttick davon aufgefunden, mög- licherweise überhaupt das einzche das ohne .Antwort blieb. Gellerts anmutige und taktvolle Schallhaftigkeft zeigt sich in diesem Briefe vom 7. Januar 1755 im schönsten Lichte. Er lcrutetr Mein lieber Gleini. Seheir Sie, daß ich mein Wort besser halte, als Sie. Wer hat nun am ersten geschrieben? Ich. Wer ist also der Ordentlichste unter uns beideii? Ich. Wer der- Empfind- lichstc der Arttgfte, der Bestes Hier will ich aus Bescheiden­heit Platz lassen utft» Sie svlleii selbst nack) Ihrem Gewissen meinen oder Ihren Namen hineinsetzwi. Ich unll mich nicht mft eigner Hand krönen, so sehr verlasse ich niich auf Ihre Bittigkeft und meme gerechte Sache. Nunrnehr wlll ich auch in Ihrem Namen etliche stwagen^ anfwerftn und deii ganzen (Briefs in Frag mrd Antwott abfassen; ich denke, hat noch Niemand vor mft gewagt..

nt also der beste Poet unter urrs.beideii? (fragt GleimV Sie!^ antivorte ich. ^Wer wird die beste Frau von -uns beiden bekmnmenö Sie! Wenn Lne nur wollen und den Frühlmg Ihrer Jahre trnät lassen. Aber sver verdient die beste Frati voni un^ beiden. .Ja, ment lieber Freund, das ist eine andere Frage^^ die roollen wir wieder im .Herzen covsmachen. Genug, daß ich sie! vshnen wünsche und auf Ihre Hochzeit Komuren und, wenn ick' gesund bm, auch tanzen will. Das ist viel gesagt. Aber wer wi^' am längsten unter uns leben? Aiftin Herr, in dieser Frage steckt une Zweydeutigkeft.^ Meyneu Sie das phlstitaftsche oder poetrscke Hu dem ersten Falle tverden Sie m»c längsten leben' Das! efchnde rch mich ganz gern Wenn ich gelassen und ftonrm sterbe' so bin ich herzlich zufrieden. In deni andern Falle sollten Sie nach dem ^ ordentlichen Laufe der Verdieirfte auch am längsft-n eri- fheren. Geht es aber nach der Atenge der Weitst so werdku Sie es wckt Ungut nehmen, daß ich Sie überlebe. Gönnen Sie.mir immer Ich bni Jk>r Fr«md: und nack' mvina* Tode ist es Ihre Pfttckt, memen Ruhm zu schützen. Eber sollen Sw nnck nicht vertheidnten. Nun die atlerletste Frage in >brem Namen, uxiim wollen Sie denn nack Halberstadt kommen Willen nach sehr bald. Bis dahin küsse ich Sie tu Gedanken hiS? daß Sie mich vor andern lieben und mft eclanben meinen «Wf schli-H-n. sannt SU

fritbcn stich, so vesiange rch kerne Zelle Antwort von Ihu^/