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29.1.1916 Zweites Blatt
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Ar. 24

Zweites

Erscheint tLgNch mit AuSnahr,^ des Sonntags.

DieGichencr Familiendlatler" werden dem .Anzeiger^ vimnal wöchentlich beigelegt, das ..klrelMatt für den Ureis Sichen" zweimal wöchentlich. Die ..Landwirtschaftlichen 3eit- erscheinen monatlich zweimal.

föb. Jahrgang

General-Anzeiger für Tberhesjen

§amstag, 2). Januar Wb

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitats - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schrfttleftung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul» straße?. Geschäftsstelle u.Berlag:e^D51,Schrift» leitung: ^^112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die Honds im Hess. 5taatshaushalt§etat.

Im hessischen Sta-Ltshausha.lt spielen die drei vorhan­den Fonds eine gvoße Rolle, so daß es zweckmäßig er- ^chernt, s:e m Wesen und Bedeutung etwas näher zu be- irächten. Der älteste der bestehenden Fonds wiro jeßt als rerTilgungs- und Ausgleichs-Fonds" bezeichnet. Er findet 'b^ue gesetzlrche Begriindung im SchLldentilg^ungsgeseh, und es snetzen rhm nach dem genannten Gesetz die Rcinerni,ah­men aus der preußisch-hessischen Eisenbahngemejnschcftt nach >rlozug der Verzinsung und Tilgung der Eisenbahn-Anleihen, sowie gewisser öffentlicher Abgaben zu. Der Fonds hat an dle ordentliche Staatsverwaltung alljährlich einen Betrag rwn zwei Millionen Mark zu liefern. Nach oben hin ist er auf acht Millionen Mark begrenzt, die lveiteren Mehrein nahmen aus den Eisenbahnen fließen dem sog. Restesonds II Zu. Wie aus den: Kapitel 116 a des neuen Staatsvor- anschlags für 1916 hervargeht, war der Ausgleichs- und Tilgungsfonds Ende des Jahres 1913 mit 8 Millionen ge- JnH^ n L fllt ^ crbcm lüar T,lüd > ein Ueberschu.ß von etwa <->00 000 Mark vorhanden, der nach der vorerwähnten Be- stlmnnrng dem Restefonds II zufließen sollte. Nun fällt das Etats,ahr zu Dreiviertel in die Kriegszeit. Nach den Be­schlüssen der Landstände vom 31. März 1915 sollen die Ein­nahme-Ausfälle, welche auf den Krieg zurückzuführen sind, 'ebenso die Mehransgaben, die sich aus dem gleichen Grund als notwendig erwiesen, aus Anleihe entnommen werden, so daß sich also wohl 'Ende des Jahres 1914, bezw. Ende 1915 an diesem Stande nichts geändert haben dürfte.

Der Restesonds I wurde geschaffen, als sich bald nach der Steriererhöhung vom Jahre 1910 herausstellte, daß nicht nur dre von der Großh. Regierung vorgeschlagcne Erhöhung Oer Einkommensteuer uni 30 Prozent und der Vermögens­steuer um 462/g Prozent wesentlich übersetzt war, sondern daß selbst die von den. Landständen schließlich bewilligte Erhöhung der Einkommensteuer um 15 Prozent und der Vermögenssteuer um 20 anstatt 30 Pfennig für je 1000 Mark zum Ausgleich des Fehlbetrages in der Staatsrechnung noch ,zu hoch ivar. Die sich infolgedessen ergebenden Ueberschüsse in dem Staatshaushalt wilrden damals in dem Restesonds I gesammelt, der unter Kapitel 1 des .L-auptvoranschlags ver­rechnet wird. Aus diesem ergibt sich nun, daß die hier an- gesainmelten Mttel rund 12,4 Millionen Mark be­trugen, als der Krieg ausbrach^ so daß also der hessische Staat erfreulicherweise mit einem recht ansehnlichen Kapital in^das erste Kriegsjahr eintreten konnte.

Dev schon erwähnte Beschluß i^der Landstände vom 31. März v. I. sieht mit vollen: Recht eine pflegliche Be­handlung dieser Mittel vor, denn sie müssen dazu dienen, die kommenden Steuererhöhunaen denn bei der einen wird es doch kaum bleiben dem Lairde nach Möglichkeit M erleichtern. Allerdings darf die Ehrfurcht vor den an­gesammelten Millionen auch nicht übertriebe:: werden und es wird der ernstesten Erwägung bedürfen, ob oder inwieweit das von der Gvoßh. Regierung vorgeschlagene Verhältnis der Entnahme aus Steuern und der Entnahme aus den Fonds das Richtige ist.

Ter Finanzausschuß der Zweiten Kammer wird seine schwierige Aufgabe der genauesten Prüfung aller Einnahme- und Ans gab epositioneu des Staats voranschlags an: Diens-- tag nächster Woche beginnen, und wir zweifeln nicht daran, daß es ihm gelingen wird, eine wesentliche Herabsetzung der vorgeschlagenen Steuererhöhung zu erzielen, ii: erster Linie dadurch, daß er sich bemüht, größere Ersparnisse an

den Ausgaben zu erreichen. Des weiteren wird sich, luie 'dpi: jung ft sehr richtig vorgeschlagen wurde, durch eine eventuelle Außerkraftsetzung der Bestimmungen des Schul- dentckgungsgesetzes für daS Kriegsjahr 1916 gleichfalls eine Verbesserung des Staatshaushaltsplanes erzielen lassen, damit man bewirkt, daß das Verhältnis zwischen der Ent- nahme aus den Fonds und der erhöhten Inanspruchnahme der Steuerzahler ii: dieser schweren Zeit so gnitttm lvie möglich gestaltet wird.

Uriegsbriese aus dem Osten.

Telegramm unseres zum Ostheer entsandten Kriegsberichterstatters.

(Unberechtigter Nachdruck, mich auszugsweift, verboten.)

Kaisers Geburtstag in den Pripjet-Sümpscn.

Bug-Armee, den 27. Januar.

Irl der kleinen ivolbynischen Stadt, die Stabsquartier einer Armeegruppe ist, der deutsche und österreichische Kräfte unterstehe, wurde Kaisers Geburtstag in schöner Einmütigkeit gefeiert. Die Oesterreicljcr hatten: schon vorher gebeten, an dem Festtag besonders Mitwirken zu dürfen, und so hämmerte es schon Tage -vorher in der langen, dürftigen Hauptstraße Otrtes, der österr. Verrvaltung untersteht.^Gestern abend wehten über die häßlichen Häuser Hun dcrte von Fahnen in den deutschen, österreichischen und ungarischen Farben, und die Fahnei: der Türkei und Bulgariens mischte:: sich in die festliche Ausschmückung, d:e etwas Rührendes in dem Bilde dieser Stadt hatte, die von der Trostlosigkeit des Sumpfes, der vom täglichen Regen steigend nach ihren Mauern greift, ihr Gepräge hat. Um 7 Uhr abends bewegte, sich ein großer Faclelzug durch d,e Feststraße zum Zapfenstreich. Ein märkischer Leurnant kom­mandierte den Zug, den eine österreichisch-ruthenische Musikkapelle eröfchete, dann s«lgte eine Kompagnie österreichischer Truppen, darauf Thüringer und dann wieder Oesterrcicher. Vor dem Hause des Kommandierenden Generals war Zapfenstreich. Alles, was feldgraues und fechtgraues Tuch trug in der Stadt oder voll der Front abkömmlich war es ist bei dem zunehmenden Steigen deö Wassers ja auch zunehmende Ruhe au der Front im'Sumpfgebiet sammelte sich unter den Fackeln. Rotes Licht und huschende Schatte:: gingen über Deutsche und Ocsterreicher, die den Märschen der weichen Musik eine freundliche Stunde dankten, bis der Schluß ausklang:Ich bete an die Macht der Liebe", und die Fackeln zu- sa.mmcngcworfen ronrden.

Am heutigen Morgen um' 7 Uhr ivar ganz lvie in der Heimat großes Wecken, und uni 10 Ulw gemünsamer Gottesdienst 'in der mit Fahnen und Tannenzweigen geschmückten katholischen Küche. Der .Vüieg hat auch hier zu gutem Nebeneinaiwer gefüljrt: die ge­meinsame Feierstunde im katholischen Gotteshaus hatte Erhebung für alle Teilnehmer. Der evangelisch' Feldvrediger hüll die Predigt über das Wort des Paulus, daß des Werkes Wert durch das Feuer erwiesen würde. Des Kaisers, des Friedenskaisers Lebensw^'k habe sich in nicht gewolltt-m, bis zum letzten Augenblick nicht c,e- wolltcmi Kriege als feuerhart erwiesen. Dann las der katholische Geistliche die Messe. Ein österreichischer Offizier sviclt' zur Orgel weich und schön ein GeigensoloAve Maria", ein evangelisches Kirchenlied schlug dl rech den, Raum. Der Feldgeistliche sprach das Kirchengebet für den Kaiser.

Vor der Kirch- traten die Kompagnien an. Die deutschen und österreichischen Offiziere stellten sich zu Gruppen: Verleihung Eiser­ner Kreuze durch den Kommandierenden General. Zw'i Eiserue Erster hatte der General vorher mit Depesche ans Regiment an­kündigen lassen. Zwei 17jährige, Leutnants, S i n n i n g und <L>an brock, erhielten ',ie. Jeder führte eine Kompagnie, und in den furchtbar schweren Kämpfen um Czartoryst haben sich die beiden das Kreuz für den heldenhaften Durchbruch an der Brücke von Sla'.rischki und die Erstürmung von Bndka geholt. Be: Slawischli ivaren die beiden Kompagnien schließlich von sechsfacher Uebermacht umzingelt. Die beiden Leutnants der eine ivar bei Beginn des Krieges noch Obersekundaner und Kriegsfreiwilliger hielten Kriegsrat und beschlossen den Durchbruch. Liebesgaben, die

man noch bei sich hatte, wurden verteilt, Tragbahren für die Ver­wundeten gezimmert und dam: gings' bei beginnender Dunkel Hätz los, durch. Es ',var nicht leicht, aber sie brachte!: alle Verwundeten! mit und 150 Gefangene. Es ivar dein Kommandierenden herzliche,, merkbare Freude, daß er das Heldenstück zu Kaisers Geburtstag anerkennen konnte. Nach der Kreuz Verteilung folgte -ine kurze Ansprache des Generals:Kameraden! Der ztveite Geburtstag des Kaisers in Feindesland!", das war der Auftakt, dem das er­neute Gelöbnis der Treue bis« in den Tod folgte und die Ausmalung! des Bildes des Kaisers als erster Diener des Staates und erster Führer des Heeres. Knopp, scharf, fest flogen die Worte. Drei Hurras. Die Nationalhymne. Die Feier, die ihr besonderes Ge­präge durch das gemeinsam^ Begehen durch Deutsche und Oester- re:chcr hatte, ivar im Hauptteil zu Ende. Die Russen hatten an der Front den Tag, den das siegreiche Heer mit Ernst und stolzer Freude feierte, nicht gestört, trotzdem nach langer Regenzeit ein müder klarer Tag war.

N o l s B r a n d t, Kriegsberichterstatter.

Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen.

Jan.

1916

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Wetter

Höchste Temperatur am 27. bis 28. Niedrigste 27. 28.

Niederschlag: 0,6 mm.

10

10

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Bed. Himmel Bed. Himmel Regen

Jan. 1916 -f 8,1 0 C. , 1916 = -f- 5,7 0 C.

Was das Odol

besonders anszeichnet vor alle» anderen Mundreininungsmttteln, ist seine merkwürdige Dauer­wirkung. die aller Wahrscheinlich- keit nach darauf zurückzuführen ist, daß sich das Odol beim Mundspülen förmlich in die Zähne und die Schleimhaut einsaugt, diese gewissermaßen imprägniert und so gleichsam die Mundhöhle mit einer mikroskopisch dünnen, aber dichten antiseptischen Schicht überzieht, die noch stundk^tlang, nachdem man sich den Mund gespült har, ihre Wirkung äußert. Diese Dauer­wirkung öeützt kein anderes der für die tägliche Mund- und Zahn­pflege überhaupt in Betracht kommenden Präparate. Sie gibt demjenigen, der Odol täglich gebraucht, die Gewißheit, daß sein Mund stundenlang geschützt ist gegen die Wirkung der GärungS- stoffe und Fäulniserreger, die die Zähne zerstören. . I712V

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Gietzener Stadttheater.

Münchhausen.

Lustspiel von Friedrich L i c n h a r d.

Er reitet auf Kanonenkugeln und fliegt mit Enten, die er ans , eine Schnur gereiht, durchl die Luft, spannt Wölfe in seine:: Schlitten ! und klettert an einer Bohnenranke zum Mond hinauf, zieht sich und seinen Gaul am eigenen Zopf aus dein Sumpf und reitet aus j ffedeckler Tafel zwischen Sövres-Porzellan und Kristall die hohe Schule, ohne ein Tröpflen: Weines^ zu verspritzen er lügt, daß sich die Balken biegen, aber mit einer Grazie, daß man ihn: nicht böse sein kann. So steht Münchhausen in der Ueberlieferung; der Typus des ritterlichen, abenteuernden Aufschneiders, dem aber Voraus, daß er nur der falsche Bruch eines einzigen Triebes ist, keinerlei Unannehmlichkeiten erwachsen. Der Dichter Lienhard sah ihi: anders: er ließ den Freiherrn nicht nur Träger und Mittels­person für tausend und eine Jagd- und Bechergeschchte, sondern! auch Menschen sein: u:rd die lachende Tragik der Phantasie, die >jedes Genie wie eine düstere Gloriole umgibt, trat hinzu und warf dem erftudungsreichen Baron Tollkörner in den Wein; und als er sie betrachtete, warens doch nur die bmralsteu, uiransehnlichsteu Realitäten des Alltags. Zwischen Jovis holder Tochter Phantasie und dem Leben herrscht Kcmrpf, bitterer Kampf, und den hat Lien- hard dramatisch z-u formen versucht. Sein Münchhausen lebt unter einem seltsamen, buntscheckigen, aus Engeln und Teirfeln ge- mischtiv: Hofstaat in en:enk bröckeligen Schoß mit unverschlossenen Türe:: und schiefen Fensterladen: darum ivnchern Wald u:rd Park :vie die Phantasie dos Besitzers. W-öperlich daheini, aber mit den Gedanken irgendwo in Wölkenkuckucksheim, im blühenden, quellen­den, strahlenden, duftenden Märchenland, in der einigen Türkei, sieht der alte Baron der Dinge und Menschen Zweck :wr allem darii:, daß sie seiner Eiubildungskraft in Gedanken imd Wort mehr oder minder geduldige Objekte abgeben. Und die praktische Seite des Daseins: Ist kein Braten im Hause, so scheßt nurn eine Ente: und den Wein werden die Spitzbuben von Dienern schon! nicht älle trinken: und heute ist heut. Im übrigen läßt sich das Genie von derlei Gedanken rve::ig ankränkeln. Aber cs kommt, wie es konnnen wußte: dem Sonnenflieger zerzausen eines Tages die plumpen Finger der Wirklichkeit böse die leichten Schwingen. Das ist, als er in einer einzige« Nacht sehn muß, daß die Lüge nich nur inr Heiligeuschin der Phantasie einhergehn kann, sondern daß ihr fruchtbarster Boden schmutzige Selbstsucht oder bestenfalls schadenfrohe Tückeboldigßüt sind: als er sehn muß, daß einem geliebten Wesen ein junger Körper lieber als die jüngste Phantasie ist, daß die Liebe gar reale Voraussetzungen kennen kann, und daß sogar gute Freunde die über alles geliebte leichtfüßige, sckjMetterlingsflüglige Elfe Lüge zu einer breithüftigen, spottsüchtigen Bettel machen. Bon den Dienern übers Ohr ge­hauen, den. Freunden schändlich genasführt, in einer späte::, ritterlichen Werbung 'in die Irre gegangen so steht der Phantast und Dichter da. Triurnphiert er in der Selbstbesinnung auch hoch über die schwachbeschwingtc Mitwelt ihm selber läßt die Wirklichkeit nur die Waffenstreckung. Er muß einsehin, daßr ein Frauenhaar stärker ist als die schwersten (Äildkette::, mit denen die Phantasie die Erde an den Hintmel schmiede:: möchte. Aber er will und kann auf das köstliche Goldschmiede^

Handwerk nicht Verzicht leisten; die Resignation wird seiner Phan­tasie kein Bleigewicht sein: sie zeigt nur, daß der Alte noch lernen konnte.

Dies echt dichterische Problem, die schuldhafte Verwischung der Grenze zwischen Wahrheit und Dichtung, stellt L:cnl>ard in den Zauber des deutschesten Waldes, der ihn selber einst von der Großstadt heilte. Das Waldhorn klingt und der volle Becher: deutjche Frauen finden gläubige Verehrung; Linden uud Rosen duften in der Sommernacht: aus dichtverwachsenen Parkwinkeln klingen Liebesgeflüster und träumerische Musik. Lebensfroh und rein ist die Verwirrung, in die der Dichter in nwndverklärter Nacht seine Liebespaare in shakespearisch-klassischer Unbeküm­mertheit verstrickt.

. Es darf dabei nicht unterdrückt werden, daß mit der dichterisch vollendeten Ausdeutung des Problems die dramatische Gestaltung nicht immer gleichen Schritt gehalten hat: dahinter verschanzt sich manches Theater, das Fritz Lienhard nicht fürbühnenwirksam" erklärt und ihm, der glaubte, es genüge, deutsch und um Dichter zu fern, um ein deutscher Dichter zu sein, mit seinemLuther" nicht nach Rußland gehn hieß. Es kann nach de:: Gründen für die zuwartende oder gar ochselzuckende Stellung, die man Lienhard gegenüber so vielfach beliebt, nicht gefragt werden, ohne an die Fundamente unseres heutigen Theaters zu gehn. Soviel sei aber hier gesagt, daß wir uns endlich einmal von der Ueberschätzung des rein ästhetisch Formaten befreien rm'issen. Die Kunst ist mehr als Gestaltung: über den: Wie darf das Was nicht vergessen sein; und hier zeigt Lienhard die in die Geheimnisse und Tiefen des Menschenwesens gerichtete Jnnenschau, ohrie die der glänzendste Dramatiker Virtuos bleibt. Die Adelung des Münchl-ausen vom Poßenreiße: hinaut.zum tragischen Genie st .in stchlüi-iger Beweis dafür, welche Schätze Lienhard aus den Schächten der :nenschliche:: Natur zutage fördern kann. Es ist nicht nur vomNeuheits"- Stcnrdpunkt, sondern vielmehr von einer grundsätzlichen Bedeu­tung, wenn wir vorgestern in unserem Theater die Sprack>e Licn- hards hörten: und es fällt schwer, auf den im Rahmen dieser Be­sprechung immögliche:! Versuch zu verzichten, darzule^en, ivas er, so hoffen wir, für die Wiedergeburt unserer Literatur, der Sittlich­keit und der Würde der deutschen Bühne noch bedeuten 'wird. Aber trotz dem Borwurf, einen vollständigen Beweis schuldig zu bleiben, möchten wir doch sag-en, daß das Verhältnis unserer Zeit zu Fritz Lienk-ard einer der Prüfsteine für unsere Entwicklung sein wird. Ueberaus lehrreich und intereisant war im Sinne des Gesagten der Vergleich zwischenMünchhause::" undWeibsteufel", dessen Möglichmachimg wir unserer Bühirenleitung besonders hoch an- vechnen. Ohne mehr für heute bei diiese Erörterung mtt einem Satz geschlossen, den wir im neuesten Türinerheft^ in einen: Auf­satz L«nljards über die Reintzaltm^ der Bühne lasen:Wei:n sich das deutsche Volk in senren gesund, rein und edel empftndendenl Teilen nicht mit ganzer Wucht der Brünstler erwehrt, wird unser Reich zwar nicht zerschellen, dank unseren Tupfern und ihrem grunddeutschen Generalstab, aber verfaulen, weil die Bacillen zu mäck'tig weöden." Und Lienhard darf stolz gerrug sein, ferne Mis­sion zu erkennen und beim Namen zu neunen. Sein Name und senk Programm bedeuteten im stöahMen des vorgestrigen vater­ländischen Abends t-irte geschmackvolle Wahl.

Bei der Bcocrteilung der Llufführwrg ist es gut, ivenn mm: sich vorhält, daß sich zwischen der Weltbatrachtugig Müiuh-hausens Md

der Ans.assuug der handelnden Personen durch den Dichter eine bemerkenswerte Parallele ergibt: Münchhausen selber faßt die Menschen mit der wohlwollenden Ueberlegenheit des Genies als Nctttel zur Bcfnedigun.g seiner Lust am Fabulieren aus; der Dichter tut ein ahnlrckes; er befaßt sich nicht mit der psychologischen Ver-' tresnng derer um den Helden, sondern betrackKet sie nur als Pris- men, :u .denen sich das Genre des Helden bricht: durch die er die Welt an,:eht. Drum ruht die Verantwortung für die Dar stell m:g des Stücks zu neun Zehnteln auf den Schlcktern des Titelhelden. Frrtz Gerhard vom Wciinarer Hoftheater brachte kräft^r schultern für die nicht leichte Last mit: er ließ sich mit einem anspnichsvollen Maßstabe Finessen und bewegte sich in der unge­wohnten Umgebung mit einer verblüffende:: Sicherheit. <Sem ""dchausei: ist das Ergebnis eines liebevollen Sichversenkens in d:e töstliche Gestalt dieses Philosophen der Lügenmoral, dessen uberguellender Geist nicht lernte, sich in andere Formen als die lind reinen Selbstbetrugs zu ergieße^:. Die Vertiefung, mit der Gerhard schürfte, fesselte stark. Dennoch hätten bisweilen ein Mehr ai: Farbe, eine Ausrcrachtlassuiig der diskreten Beweglich-. fcU die schillernde, sprühende Abenteuerlichkeit des Gernus stark her- vortreten lasseil dürfen: mul? hatten wir mitunter den Eindruck- als ob auf dem klug gelegte,: Fundarnent nicht mit strenger Folge­richtigkeit weiteraebmit würde, als ob der Menschheit Jammer nick)tt immer den Denker in der Schellai:kappe, sondern - selten einen allzu spitzfindigen Nüchterling auf dam Platze finde. Die Gesamtleistung erhob sich jedoch) mit der von: Dichter gewollten Freiheit und Leichtigkeit ljoch über die Umgebuug. Der doppelt schwere Staud, den nach der Anlage des Stückes und dm Quali­täten ^des Gastes unsere heimische:: Künstler hatten, fiel dem- gegenübcr keineswegs zum Schiadeu einer einheitlichen Wirkimg auf. Die Herren Eugens, Divorkowsk: und Stern- Hofer brack-ten das in der eigenen Grube von dem alten Baron so ergötzlich gefangene B rüder kleebla tt zu einer erfreulich selb­ständigen Wirkung. Ernst Theiling gab ebenfalls seinem trinktüchtigen, aber am Boden klebenden Jrmker Dornbusch viel eigenen Humor mit, desgleichen Wilhelm Hellmuth dem ehr­lichen WaldHornbläser von Feldmann. Maine Feldermann Und Walter Stroni, das Pärchen, auf das sich am Schluffe des kapitulierenden Phantasiercichen, Kompromisse inrd Konzessionen ans Leben vereinigen, ivaren von gew:nneiü>er Frische, A:my Ru­bens als Wirtschafterin Ingrid von vornehmer Grazie. Rudolf G o l l fa:rd als Miniattlnnisgabe senres Herrn in der Rolle des Gärtners Rolf manche Gelegenheft, sein Licht leuchten zu lassen, und auch Hertha Zondervau uud Karl Delion, dieser mit sächsisc^-pariserischem, jene mit böhmischem Tenrperament, konnten interessieren. Direkwr Stein goetter leitete das Spiel imd hatte die verwickelte Szcnmführimg der beiden letzten Akte mit bvohltuender Sicherheit in der Hand. Zudem hatte er ztoei für uw« sere Verhältnisse wirklich ansprechende Bühnenbilder gesclxfffent, Der nicht überanstrengte Beifall der Zuhörer erttsprang, wenn wir ihn recht deifteten, mehr der Achtting vor der innfang^ reichen Arbeit auf der Bühne und der Anerkennung der reichen Mittel des Gastes als einer iimerlichen Erwärmung durch den Gehalt des Stückes. Wir sinds eben einstweilen nicht gnvohnt, daß uns der Lustspieldichter mit seelisch«: Tiefen kommt. -a-