Nr. 23
Zweiter BJcstf
Erscheint tSzttch mit Ausnahme des Sonntags.
Tie „Sirtzeaer ZamMenblatter" werden dem /Anzeiger^ viermal wöchentlich beigelegt, das »KreUMott för den Kreis Gießen" zweimal wöchentlich. Die ..Lan-wirtsc'^stlichea Seit- fragen" erscheinen monatlich zweimal.
PH. Jahrgang
General-Anzeiger für
Hreitag, 28 . Januar PP
Rotationsdruck und Verlag der BrühL'jchen Universitäts - Buch- und Steindruckerei.
R. Lang e, Gießen.
Schriitleitung,Geschäftsstelle u.Druckerei: Schul« straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:dr^51,Schrift« leitung: e=g^ll 2 . Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Kriegsbrieft aur dem Westen.
Don urrserm Kriegsberichterstatter.
Unberechtigter Nachdruck, such auszugsweise, verboten.)
Krirgsrnalerei und Kriegsphotographie an der Westfront.
Großes Hauptquartier, am 19. Januar.
Unsere Vorstellungen non den Kriegen vergangener Zeit sind drei starker durch die uns i'iberlieferten Bilder' als durch die geschriebenen Aufzeichnungen der Augenzeugen beeinflußt. Jeder, der in fernem eigenen Gedächtnis die Probe macht, findet darin beim Versuche, von den Feldzügen des alten Fritz eine Vorstellung zu gewinnen, sicherlich eher die Erinnerung an ein paar Kupferstiche als an die lebensvollen Schilderungen von Archenhvltz. Jena, Leipzig, Waterloo — sofort denkt man an Bilder. Auch rückf- schonend wirkt das Bild unvergleichlich ^unmittelbarer als das Wort. Das geht bis 1870, wo wir alle Vorgänge aus den Erzählungen ungezählter Mitkämpfer kennen. Aber Dichter 'frort .Rang, rtrie Hermann Stegemann oder die Franzoseii Paul und Victor Mar- gueritte komnven mit ihren Scluldernngen des Todesrittes von Morsbwim oder der Opferung der Division der braven Leute bet Flving nicht auf gegen die Schlachtenmaler.
Das hat sich vielleicht im russisch-japanischen imd im' Balkankriege geändert. Zum ersten Male taucht der Begriff des leeren Schlachtfeldes auf. Das Bild kann nur noch Einzelheiten, verhältnismäßig belanglose Episoden, wiedergeben, aber keine Entscheidungen mehr. Mnkden, Tschadalscha — bei diesen Namen stellen sich Begriffe ein, die wir den Schilderungen der Berichterstatter, nicht dem Stift des Zeichners verdanken. Wie wird es nach diesem Kriege sein? Werden seine ungeheuren Geschehnisse in Bildern vor dem Auge der Nachwelt stehen, die sich aus Mit- erlebnis und Augenzeugenschaft gründen?
Es kamt als sicher gelten, daß das gewaltige Völkererlebnis dre Künstler beschäftigen wird wie kein früherer Krieg. Und wenn eS wahrscheinlich ist, daß die Schlachtenmalerei auch hinfort, wie sw es für Neuville, Detaille, Werner in erhöhtem Maße noch für Meissomer und Menzel gewesen ist, eine auf Dokumente gegründete rekonstruierende Epik bleibt, so wird sie nie so reichliche Unterlagen Zur Verfügung gehabt haben, wie aus diesem Krieg, wo planmäßig, als ob das mit zu seinem Betriebe gehöre, längs der ganzen Front gemalt, gezeichnet und besonders photographiert wird.
. . Gleich Sh Beginn des Krieges hat unser' Großer Generalstab, fast gleichzeitig mit der Kriegs berichterstatt nng Mich die Kricgs- rnalerei organisiert. Eine Reihe von namhaften deutschen Malern ist zugelassen und alsbald an einzelne Formationen an der Front verteilt worden. Sie haben dort Gelegenheit gehabt, das Leben bei der Truppe, bei den Stäben, Landschaften und Ortschaften, Stellungen und Schlachtfeldern gründlich, kennen zu lerneii und, so weit dies der Zufall ergab, auch entscheidenden Ereignissen so nahe wie möglich beizuwohnen. Mit einer Liberalität, die keine der feindlichen Heeresleitungen aufgebracht hat, hat unser Generalstab auch den Kriegsmalern die Möglichkeit gegeben, sich innerhalb des betreffenden Armeebereiches mit voller Freiheit zu bewegen und so weit wie möglich nach vorn zu kommen, d. h. wo es anging, bis in den vordersten Graben. Durch Ablösungen und nachträgliche Neu- zulassungeii ist die Zahl der deutschen Kricgsmaler an der Westfront ziemlich beträchtlich geworden, und alle, die ich im Verlaufe des Krieges kennen gelernt habe, konnten iu fleißiger Arbeit unter oft schwierigen Verhältnissen eine reiche Ernte an Zeichunngen und Farbenskizzen einbringen. Kleine Ausstellungen, die ich bei zufälligen Anlässen bei Armee-OberkommMidos gesehen habe, überraschten durch Mannigfaltigkeit und Fülle. Ganz überwiegend haben sich die Kriegsmaler in richtiger Einsicht darauf beschränkt, einsttveilen nur urkrmdliche Unterlagen, diese aber so vollzählig als möglich, zu schaffen. Nur zufällig wird, ebenso wie der Kriegsberichterstatter, der Kriegsmaler Zeuge einer abschließenden KampfeshandlunA werden. Im einem solchen Falle ist es nicht Aufgabe des Kriegsberichterstatters, aus seinen immer nur lückenhaften Teilerlebnissen einen Schlachtenbericht zu gestalten, den er füglich der späteren berufmen Kriegsgeschichtsschreibung überlassen wird. Aus ähnlichen Gründen wird der Kriegsmaler nicht ein Schlachtengemälde großen Stiles beginnen, zu dessen Durchführung ilM die sich täglich erneuernden Eindrücke, die er festhalten muß, während seines Aufenthaltes an der Front kaum Muße lassen würden. Aber wenn er etwa Zeuge der Schlacht bei Loos geworden ist, so wird er sich selbst uiid der Nachwelt den besten Dienst geleistet haben, indem er die großen Bewegungen der anstürmenden und rückflutenben Engländer, die Wetterstimmung der heißen Kampfstunden, den landschaftlichen Hintergrund voller Pulverrauch und Häuserbränden, den furchtbaren Eindruck des vor unseren Drahtverhauen getürmten Leichenwalles in raschem Erfassen festgehalten hat, um die urkundlichen Elemente für das später einmal zu schaffende Bild in der Hand zu habet!. Dieses schwebt ihm so deutlich vor Augen, daß er die Lücken, die er noch ausfüllen muß, genau kennt. Einzelheiten, die für ihn wichtig sind, lassen sich vielleicht
iroch in den folgenden Tagen ergänzen, wie die Umrisse einer zerschoisenen Ortschaft, die Ruine einer gesprengten Fasse; die wie Uniformen eines Regimentes farbiger Engländer nach dem wochenlangen Aufenthalt in den Schützengräben beim Sturme anssahen, kann an den Gefangenen ausgenommen werden. Manches andere zeichnet und malt der Künstler aus reiner Freude a ™ Gegenstand, um später zu entdecken, daß er auch damit sehr nützliche Unterlagen gewonnen hat. Im ganzen habe ich bet den Krregsmalern, die ich an der Front getroffen habe, einen uner- mudlichen Fleiß und Sammeleifer beobachtet und bin bei ihnen der Auffassung begegnet, es gälte jeden Augenblick zu Studien ausznnützen, die nur diese große Zeit darbieten könne. Zur Verwertung werde sich später in der Werkstatt zu Hause die Gelegenheit ergeben, oder in einer längeren Kampfpause in dem Notatelier, das sich der Kriegsmaler in seinem Quartier eingerichtet hat.
Zu deii Werken der eigentlichen Kriegsmaler kommen, an Zahl und urkundlichem Werte für die Zukunft einstweilen noch nicht zu übersehen, die Skizzen, die sich Angehörige der kämpfenden Truppe, z. T. künstbegabte Dilettanten, z. T. sehr namhafte Berufsuraler, bei Gelegenheit gemacht haben. Nur bei Besuchen an der Front und ganz aus nah ms wetze durch Veröffentlichungen in den Bilderzeitschriftm der Heimat bekommt man eine Ahnung, welches unabsehbare Material hier für die spätere Erschließung bereilliegt, und hier finden sich naturgemäß besonders wertvolle Sachen, die aus dem vollen leigenen Erleben, oft aus einer zum Schaffen drängenden Stimmung unmittelbar nach den schwersten Kampfesstunden entstandeii sind. Es wird für die Leiter der Kriegsmussen eine große und dankbare Aufgabe sein, aus dem Ueberfluß das auszuwähllen, was wert ist, für alle Zeit in den Gesamtbesitz des Volkes überzugehen.
Wo aber einmal die Arbeit des Malers nicht zugereicht hat, da wird die Photographie die Ergänzungen zu den Kriegsurkuu- den liefern. Es liegt auf der Hcntd, das; in reinem Kriege so viel photographiert worden ist wie in diesem. Auch dieses wichtige Gebiet ist vom Großen Generalstabe von Anfang an mit sorgender Hand in Ordnung und Betrieb erhalten worden. Man hat eine Anzahl von Kriegsphotographien über die Front verteilt, > welche mehrfach durch tüchtige Fachgenossen aus der Heimat abgelöst worden sind. Die Ergebnisse ihrer Arbeit sind bekannt, denn! die meisten in den Bilderzeitschriften veröffentlichten Ansichten j aus dem Kriegs gebiete stammen von den Kriegsphotographen. i Außerdem photographieren die Fliegerabteilungen, die Vermes- - sungsabteilungen, sowie ändere dazu eigens beauftragte Stellen. ! Die meisten Kriegsberichterstatter haben von Anfang an auf ihren Reisen längs der ganzen Front Avvarate mitgeführt und eifrig I benutzt. Und schließlich wird in der Etappe und vorn in der Stel-! lnng sehr viel photographiert. Mancher, der früher nicht daran gedacht hat, die Kunst zu erlernen, hat sich später ein schwarzes, Kästlein aus der Heimat schicken lassen und sein Heil versucht.
Das Photographieren auf dem Kriegsschauplätze unterliegt einer sehr weisen Zensur, die es verhindert, daß damit Unheils gestiftet wird, -wozu die Gefahr näher liegt, als mancher in seiner j Harmlosigkeit ahnt. Ueberall da, wo es darauf ankommt, ist! eine besondere Erlaubnis der zuständigen Stellen erforderlich und i sehr mit Recht. Man sitzt z. B. in der Etappe irgendwo fröhlich \ beisammen und feiert das Wiedersehen mit alten Freunden. Das j muß im Bilde festgehalten werden. Da ist doch nichts dabei? > Ja, aber morgen nimmt einer der Beteiligten das unschuldige! Bild mit in den Schützengraben, und als er das Unglück hat, gefangen genonrmen zu. werden, finden die Feinde die Ausnahme in seiner Brieftasche und entdecken mit großem Bergnügeli eine ganz unscheinbare Aufschrift an einem Hause im Hintergrund. Mit Hilfe einer Vergrößerung entziffert man, daß sich dort das Stabsquartier eines Truppenteiles befirtdet, dessen Aufenthalt der Feind bisher vergeblich zu erkunden versucht hat, oder ein Pionicrdcpot oder sonst etwas, was einen Fliegerbesuch lohnend macht. Welchen Wert der Feind aus solche Ermittelungen legt, geht daraus hervor, daß in französischen Zeitschriften derartige Photographien mit der öffentlichen Anfrage erschienen sind: „Welcher von unseren Lesern weiß genau anzugeben, in welchem Orte und welcher Straße sich dieses Haus befindet?" Wir haben natürlich nicht den mindesten Anlaß, derartige Unterlagen in feindliche Hände gelangeir zu lassen, und darum ist die Zensur liche Hände gelangen zu lassen, und darum ist die Zensur besonders der Bilder, die zur Berösfentlichung gelangen, sehr genau, ohne daß den unzufriedenen Fragern in jedem Falle Bescheid gegeben werden kann, warum eine ganz unverfänglich aussehende Landschaftsaufnahnre nicht der Oeffentlichkeit übergeben werden soll. Noch bedenklicher finb natürlich Aufnahmen in den Stellungen, wo eine zufällig irr Erscheinung tretende Neuheit im Unterstandsbau, die Unterbringung eines Maschinengewehres, die Deckung einer Batterie und dergl. von den verhängnisvollsten Folgen für die Grabeninsassen sein könnte. 1
Aber trotz der notwendigen Vorsicht ist die Einschränkung des Photographierens nirgends in burcaukratische Verbote ausgeartet, ilnd mancher Kriegsteilnehmer wird nach der Rückkehr in die Heimat seine gesamten Erlebnisse in Bildern belegen können, die ihm und den Seinen die wertvollsten Andenken sein werden. Ich sah z. B. kürzlich bei einer Spezialbatterie, wo das Photographierverbot für alle innegehalten wird, ein Album, welches iin! Airstrage des Befehlshabers von einem Offizier angefertigt worden ist und das nach dem Kriege jeder einzelne Mann erhält. Es zeigt die Eindrücke vom ersten Vormarsch durch Belgien und Frankreich, dann die Teilirahme am russischen ulid serbischen Feldzuge, Ar-, denncn, Karpathen, Quartiere in französischen Schlössern und in ungarischen Bauernhöfen, zierliche Vläminnen mit altmodischen Spitzen Häubchen und barfüßige, mir Fellen bedeckte Berghirten, kurz, alles, was an wechselnden Bildern in diesem Weltkriege an den Augen des deutschen Kämpfers vorübergezogen ist, und zwischen der bunten Staffage als eiserne Mittellinie den deutschen Landser, der marschiert, siegreich vorwärts marschiert, wohin ihn daS Vaterland ruft, hier durch den Glukosen der Hundstage, die über dem Maastal brüten, und dort durch den tiefen Schnee der russischen Steppe. Solch ein Bilderbuch lvird zu seiner Zeit für tzedcn, der es erlebt hat, ein unbezahlbarer Schatz sein, eine Erinnerung an die Kameraden, ein 'Familienbesitzstück.
Der Krieg hat uns auch auf photographischem Gebiete mancherlei 'lernen lassen, worüber' später im Zusammenhänge zu sprechen sein wird. Wer ohne Vorkenntnisse mit einem Apparate ausgezogen ist, mit dem ihm vielleicht früher int Frieden die eine! oder andere Zufallsaufnahme geglückt ist, der hat natürlich oft Enttäuschungen erlebt, und erst recht. der, der im letzten Airgenblicke vor dem A'usmarsch schnell nodj, einen billigen Apparat erworben hat, für den er dann keilten geeigneten Materialersatz heranbekommen konnte. Nack/ dem Gesetze von der Tücke des Objekts geraten dann immer. die Aufnahmen am wenigsten, aus die der Anfänger den meisten Wert gelegt hat, und bei der Bedeutung, gute bildliche Urkunden vonr Krieg zu besitzen, wird es' vielleicht zu erwägen sein, ob man nicht nach dem Kriege wahlfreie photographische Unterrichtslürse für Soldaten cinrichierr sollte. Besonders iin Anfänge des §krieges sah man zahllose, wertlose Apparate, namentlich solche amerikanischen Ursprunges, an der Front, deren Besitzer aus einem Zufallstreffer immer eist halbes Dutzend entmutigende Enttäuschungen erlebten. Inzwischen haben sich die ausgezeichneten deutschen Apparate immer mehr durchgesetzt, da sie alle Vorbedingungen erfüllen, die eilt kriegs- brauchbarer Apparat voraussetzt, nämlich Handlichkeit, leichte Bedienbarkeit, sicheren Ersatz des Materials, das in Feldpostbriefen bezogen werden kann, und uns so für ihr Gebiet Nachweisen, wie; wenig wir bei ben Höchstleistungen unserer deutschen Industrie auf die Erzeugnisse des Auslandes angewiesen sind. So haben an der Front die zierlichen ,-rMestcntafchmapparate", nanrentlich der kleine Goerz-Tenar, der mit seinem Liliputsormat die größte Lichte stärke des Objektivs verbindet, eine ungeheure Verbreitung ge^ Wonnen, und in jedem Unterstände begegne- man ihren Erzeugj- nissen. Es gibt Unterstände, 'wo mitten iw Granatenhagel regelrechte Dunkelkammern eingerichtet sind und die Herstellung von Ansichtskarten für die Heimat in blühendem' Betriebe ist. Di« nötigen Chemikalien werden in Feldpostbriefen bezogen, und an Dunkelheit, Zeit und — Wasser fehlt es ja meist nicht.
Die Sammlung dieses reichen Photographischen Materials ist vorn Großen General stab ebenfalls fite sein Bllderarchiv in die Hände genommen worden, und ich sehe voraus, daß auch hier die Hebung der überreichen Schätze noch lange Jähre beanspruchen, vielleicht durch eigene Zeitschriften gefördert werden wird.
Skizzen und photographische Aufnahmen im Ueberfluß roerden denr Künstler zur Verfügung stellm, der eines Tages die Erscheinungen dieses Krieges im Bilde zu erfassen suchen wird. Das wird eine ganz neue Kunst mit ganz neuen Problemen sein, rvie es ein Krieg m!it ganz neuen Formen ist. Wir können uns davon noch keinen Begriff machen. Denn Einzelheiten, wie die malerische Attacke der englischen reitenden Artillerie bei Hnl- luch, die sich unser an Vergangenem geschulter Sinn im Stile der alten Schlachtenmaler gemalt denken könnte, sind Rückfülle, die mit dem eigentlichen Wesen des Krieges nichts zu tim haben. Dieses Wesen ist unmalerisch bis zur sprichwörtlichen Lehre des! Schlachtfeldes, trotzdem er uns die gewaltigsten erschütternden Eindrücke bietet. Uumalerisch jedoch walwscheinlich nur darum, weil die darstellerischen AUÄdrnckssormen dafür noch nicht gesunden sind.^ W. S ch e u e r m a n n, Kriegsberichterstatter.
Vermischter.
* Berlin, 27. Jan. Die „B. Z. a. M." meldet: Rittmeister Gral H o t) e n a u wurden heute vormittag von einem Wagen der elektrischen Straßenbahn, als er beim Abspringen zu Fall kam, deioe Beine abgeguetscht.
Gpern- und andere Alntztteiche.
Uns wird geschrieben: Das neueste, viel und nicht gerade sehr beifällig besprochene Ereignis der Filmkunst, die Verfilmung von Richard Wagners Lohengrin, gibt Anlaß und Gelegenheit zu einer kurz gefaßten Beleuchtung der Streiche des noch immer jungen, noch immer auf der «Ärche nach N>euem, Entscheidendem, im Dunkel tappenden Filmbetriebes. Der unglaublich rasche Aufstieg des Films, seine außerordentliche Verbreitung und lvirtschaftliche Dehnungsmöglichkeit haben die Filmunternehmer in dein allzu hastig gekurbelten Flimmertempo ihrer Entwicklung eine ziemlich lange Reihe von Fehlern begehen lassen, die im Hinblick auf den allerletzten Mißgriff — den Lohengrin auf der Leinwand — in aller Eile gestreift zu werden verdienen. Nichts verwirrt oft mehr als ungeahnter Erfolg — eine Beobachtung, die man Jahr zu Jahr, fron Monat zu Monat, ja fast von Woche zu Woche beim Film anstellen konnte. Tie beiden Ziele, die der Film anstreben und erfüllen sollte (itrtb die auch in seiner besonderen, technischen Art von Haus aus im Keime gegeben waren): Belehrung und Zerstteuung, wurden schnell in den Hintergrund geschobert. Dafür zog man alles alte Rüstzeug der Hintertreppenrumpenammer hervor, um es im Film zu verlebendigen und gerade hier — wo es am unerwünschtesten war —, das Bild an Stelle des Wortes zu setzen. Es begann beim bluthungrigen und blutrünstigen Kinodrama und endete im „Lohengrin".
Tie für dm Lohengrinfllm in seiner ganzen Verschiebung der Mittel und Wirkungen charakteristischsten Ädomente ck-arakterisieren auch die ganze lange Reihe der pst humoristischen, manchnral aber in ihren Folgen und Begleiterscheinimgen nicht ganz unbedenklichen Filmverirrungm besser und schärfer, als ein statistisch aufgestelltes Register seiner Sünden. Ter Kardinalfehler der Lohen- grinverfilmtmg ist Mgleich der ewig und beharrlich wiederkehrende Grundfehler aller falschen Filmstreiche: ein Verkommen der Möglichkeiten und ein Verkennen des Zweckes.
Welches sind die besonderen, wesenllichsten Eigentümlichkeiten des Films, die ihrr voll der Theaterbühne unterscheiden und ihn in getvissem Sinne überlegen machen? Tie unbeschränkte Herrschaft über Raum und Zeit, unbegrenzter Szenenwechsel, Verwendung der Natur anstelle gemalter Dekorationen, die Wiedergabe ungeschminkten, naiven Lebens anstelle geschaniiikter, notwendig in einem Stil irgendrvelcher Art gekleideter Kunst. Ter Film soll gesehen, das Theaterstück vor allem gehört werden. Darum ist jede Verfilmung eines Bühnenwerkes an sich ein Unternehmen, das zu der Art d-s. ^ilms in direktem Gegensatz steht.
Für eine Verfilmung des Lohengrin war nicht der leiseste Grirnd gegeben, nicht das kleinste Resultat war zu erhoffen. Der Film soll über Zeit und Raum springen, das Lohengrinwerk ist auf eine knappe Reihe auch dekorattv fest umrissener Szenett gestellt. Der Film soll sttrmm sein — Lohengrin soll auf das Ohr wirken. Der Fllm soll Besteherrdes schilderrt — ..Lohengrin soll eine Legende zum Bestehen bringen. Statt das Theater über die Grenzen seiner Umfassungsmiauern hinaus in das ungehemmte Leben, in die Unendlichkeit und Vielgestalt der Natur zu errveitern, kann und konnte der Leimvandlohengrin den Film nur in die Enge des Thcaterbühnenraumes drängen. Das Resultat war, daß man Lohengrin und Elsa, Ortrud und Telramund, König Heinrich und sein Volk ihres fleischlichen Lebrns beraubte rmd ihnen mangelhafte Stimmen im verborgenert Orchestcarartm gab, die nicht aus ihren: Munde kommrn, sonderrt aus einer fremden, von niemand gekamttm, von niemand geroünschten Welt. Die bislang natürlichm und v-ollgültigm Mittel wurden durch unnatürliche, mühsam erzwungene urrd höchst unvollkommerte ersetzt. So entstand ein Zwitterding, das weder Oper noch Film, weder Theater noch Bild ist, ein Ding, das wie Lohengrin versckpvinden wird, woher es kam, und dessm „Nami' und Ort" uns nie hätte verkündet zu werden brauchen.
Ms die drrrch eine lose Handlung elastisch und lose ver- einigten Bilder Mis dein natürlichen Seben nicht mehr genügten, erschien der Einakter auf dem Sck-auplan, oder besser gesägt, auf der Flimmerleinwand. Als der Einatter mit Fleiß und Mühe zu einem nur für die Bühne zweckmäßigen Szenenbau empvrge- schraubt worden war, mtrpickelte er sich zum Dreiatter. In noch imnur ungestilltem, immer mehr und irmner hartnäckiger atrf falsche Bahn geleitetem Ehrgeiz bemühte man die anerkannten Dramatiker des Theaters und ließ sie Filmsllicke — die sogenannten „Autorenfilms" — schreiben, die naturgemäß all das brachten, was der Film nicht bringen soll, und all das vermrssm ließen, was wir von der Leinwand erwarten und verlangen. Und nunmehr kam der gekurbelte Wagner, der Lohengrin in der Flimmerkiste.
ALan hat behauptet, der Film dürfe nur populär wissew- schaftliche urtd landschaftliche Mlder bringen. Doch marr möge ruhig diese allzuftrenge Grenze erweitern mtd auch unterhaltsame Films bringen, die lediglich der Zerstreuung dienen. Stets aber muß ein Stück Leben mrd Natur. und ihre Schilderung Ursache kund Zweck svlck>er .Films sein, die Hairdlung dagegen lediglich Mittel und Vermittler. Erft daun Nürd der JÄm wieder werden,
N>as er trrsprünglich war und in Wirklichkeit einzig mrd alleinl ist: eine Zirsammerrfasstrng echter Bilder, die wir sonst nur dann und wann, einzeln, entfernt und zerstreut zu erblicken vermögen.
Mit dem Filmeinakter fmg cs an, mit der Filmvper hörte es auf. Oder soll es noch imnrer weitergehen? ....
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— Erstaufführung der „Königin vor: Saba" in D arm sta d t. Mrs Dar mstad t wird uns geschrieben:^lm Sonrrtag ging Goldmarks Oper „Die Königin von Saba" vor voll besetztem Hause znm erstm Male über die Bretter des Großherzvglichen Hostheaters, und zwar mit glänzendem Erfolge, der irr erster Linie mit der Ausstattungs-' kunst des neuen Spielleiters Strickrodt zuzuschreiben ist. Von besonderer poetischer Stimmwtg roar der Garten mit Palmen rurd Zedern des zroeiten Alles und der Tempel in Rot rgrd Dunkelblau mit reichen Goldverziernngen im dritten Me. In der Palasthalle des erstm Alles kam königlicher Prunk und Glanz zum glücklichsten Ausdruck. Die Oper selbst, die vielfach an Verdi erinnert, bewies durch ihre Auftrahme beim Publittrm, daß die große Over älteren Stils doch noch recht zahlreiche Freunde hat. Nammtlich fand die Erzählung Anads nnd das Sextett des ersten Aktes imd der stimmungsvolle Anfang des zweiten, sowie das Duett zwischen der Königirr rmd Anad lebhaften Beifall. Die musikalische Leitung hatte Hofkapellmeister Ottenheim er, dm Anad sang Herr Mann mit glänzender Sicherheit mrd Enrpfindn«gswärme. Frau S ch e l p e r sang die Königin, Fräulein G e y e r s b a ch die Srlla-, mith imd Fräulein Meyer die Aftarvth, alle mit bestem Erfolge. Auch Herr Gabor als Salomon zeigte sich seiner R»lle voll ge- wachsm, desgleichen Herr Peter sen als Palastanfs?hcr. Die „Königin von Saba" wird als F e ft v o r st e l l u n g z n K a i s e r s Geburtstag wieder gegebm, latb es ist anzunehmen, daß sie sich überhaupt ihres glänzendm, prrmkvollen Eharakters halber besonders als Festvorstellung siir höftsche Veranstaltungen dauernd auf dem Spielplan haltrn wird.
= Frankfurt a. M., 27. Jmt. In der evangelischen^ Lukaskirck>e hat Professor Wilhelm Steinhaufen drei große Wcnidgemälde — die Gnadenerweisungert Jesu darstellend — voll^ endet. Die Mittel ftir die ganze Ausmalung der Kirche durch Steinhausen stellte Fräulein von Livingstone dem Mttneister dmch Gewährung einer Stiftung von 150000 Mark zur 8 ) 0 * fügung.


