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3.1.1916 Zweites Blatt
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Rr. \ Zweites Blatt

Erscheint iL-kch mit Ausnahme des SomttagS.

MeKetzraer §a«M«nb!Stter" werden dem .Anzeiger* viermal wSchei,tlich beigelegt, das HftfeMitft ffir Lrn Kreis Sietzen" zweimal wöchentlich. Die .^gudVirtschafilichea Srit- frogen" erscheinen monatlich zweimal.

\bb. Jahrgang

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General-Anzeiger für Gberheffen

Montag. 3. Januar W

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unwersitäts - Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen.

Schriftleitung,Geschäftsstelle «.Druckerei: Schul- straße?. Geschäftsstelle u.Verlag:^^51,Schrift- leitung:i^ll2. Adresse fite Drahtnachrichten.- Anzeiger Gießen.

Ans dem Reiche.

Neujahrskundgebnngen des Kaisers.

Berlin, 1. Jan. (WTB. Amtlich.) Seine Majestät der Kaiser hat ans Anlaß des Jahreswechsels fol­genden Erlaß gegeben:

An das deutsche Heer, die Marine und die Schutz truppen.

Kameraden! Ern Jahr schweren Ringens ist abgelausen. Wo inrmer die Ueberzahl der Feinde gegen unsere Linien an­stürmte, ist sie an euerer Treue und Tapferkeit zerschellt. Ueberall, wo ich euch zum Schlagen ansetzte, habt ihr den Sieg glorreich errungen.

Dankbar erinnern wir uns heute vor allem der Brüder, die ihr Blut freudig dahingaben, um Sicherheit für unsere Lieben in der Heimat und unvergänglichen Rühm für das Vaterland zu erstreiten.

Was sie begomren, werden wir mit Gottes gnädiger Hilfe vollenden.

Noch strecken die Feinde von West und Ost, von Nord und Süd in ohmnächtiger Wut ihre Hände nach allem aus, was uns das Leben lebenswert macht. Die Hoffnung, uns im ehrlichen Kampf überwinden zn können, haben sie l ä n g st be g-rave n müssen. Nur auf das Gewicht ihrer Masse, aus die Aushungerung unseres ganzen Volkes und aus die Wir­kungen ihres ebenso frevelhaften wie heimtückischen Ver­leumdung sfeldzuges aus die Welt glauben sie noch bauen zu dürfen.

Ihre Pläne werden nicht gelingen. An dem Eeist und dem Willen, der Heer und Heimat Unerschütterlich eint, werden sie elend zuschanden werden: dem Geist der Michterfüllung für das Vaterl-and bis zum letzten Atemzug und dem Willen zum Siege.

So schreiten wir denn in das Neue Jahr. Vorwärts mit Gott zum Sch ich der Heimat und für Deutschlands Größe!

Großes Hauptquartier, den 31. Dezember 1915.

Wilhelm.

Berli n, 31. Dez. (WTB.) Seine Majestät der Kaiser hat an den Chef d es Gener al stabs des Feld­heeres folgendes Handschreiben gerichtet:

Großes Hauptquartier, 31. Dez-ember 1915.

Mein lieber General v. Falkenhayn!

Ich will das Jahr 1915 nicht zu Ende gehen lassen, ohne noch einmal mit Dankbarkeit der großen militärischen Echolge zu gedenken, die uns mit Gottes Hilfe in demselben steHchieden gewesen find.

Im Westen die Winterschlacht in der Champagne, die siegreichen Kämpfe in Flandern, die große Herbstschlacht der La Bassee und Arras, im Osten die durch die endgültige Befreiung Ostpreußens gekrönte Masurenschlacht, der Sie- qeszng in Polen und Kurland, der in Anlage und Durch­führung gleich bewundernswerte Feldzug in Galizien und zmn Schluß die glänzenden Operationen auf dem Balkcm- Kriegsschauplatz, das alles sind, um nur die größten her- vorzuheven, Leistungen, die in ihrer ganzen, vollen Be­deutung zu würdigen, erst einer späteren Geschichtsschrei­bung Vorbehalten sein wird. '

Schon heute aber ist auszusprechen, daß neben der zähen Tapferkeit und den: Heldenmut der Truppen, sowie ihrer nrustergültigen, hervorragenden Führung der planvollen, tatkräftigen und voraus schauen den Arbeit der obersten Heeresleitung das Verdienst hierfür gebührt. Unter Ihrer vorbildlichen, sicheren Leitung hat der deutsche Gene­ralstab seine ost erprobte Tüchtigkeit von neuem bewiesen und sich im alten Rufe bewährt. Ihnen Und Ihren Mit­arbeitern gilt daher heute im besonderen Mein Dank und Meine höchste Anerkennung. Ich weiß des­halb auch, daß Ich, wie Ich mit dem deutschen Volke auch im kommenden Kriegsjahre der Umsicht und Tatkraft der Führer und der Tapferkeit unserer unvergleichlichen Trup­pen mit ruhiger Zuversicht vertraue, so auch weiterhin auf Ihre Hilfe Mich unbedingt verlassen und aUs Ihre erprobte Einsicht bauen kann. gez. Wilhelm.

An den General der Infanterie und Chef des General­stabes des Feldheeres v. Falkenhahn ß la suite des 4. Garde- Regrments zn Füß.

Ein Tagesbefehl König Ludwigs an die bayerische Armee.

München, 31. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Wie die Korre- Wondenz H offmann meldet, hat König Ludwig III. von Bayern an die bay eri sche Arm ee folgenden Ta gesbesehl gerichtet: Das Jahr 1915 liegt hinter uns, ein Jahr heißen Volkerringens, wie es die Weltgeschichte noch nicht gesehen hat. Gewaltiges haben unsere Truppen im treuen Zusammenhalteii mit un,eren tapferen Verbündeten geleistet. An unserer West- Uout zerschellten die feindlichen Stürme. Aüf den ostpreußischeii, galizilchen und polnischen Schlachtfeldern wurde der an Zahl weit überlegene Gegner geschlagen und tief in das Land zurückgeworfen. VN rastlosem Vorgehen wird auf dem Balkan ein tapferer Feind überwältigt. Ueberall, wo gekämpft wurde, sehen wir Bayerns Sohne m edlem Wetteifer mit deutschen Bruder- stämmen. Von Flanderns Küste bis zu den Vogesenkämmen,

Kürlnnd bis tief in den Balkan hinein, wo schon vor mehr als 200 Jahren Kurfürst Max Emanuel seine Bayern zum Siege geführt hat, aller Orten haben sich die bayerischen Truppen bewährt in kühnem^ Angriff wie in zäher Verteidigung der ihnen anvertrauten «Stellung. Ich sage meinen königlichen Dank den Tapferen, die der bayerischen 'Armee neuerdings so hohen Rühm erworben haben. Ich sage meinen königlichen Dank den Helden, die ihre Baherntreue mit dem Tode auf dem Schlacht- feld besiegelt haben. Nicht vergessen will ich der unermüdlichen Arbeit derer, die in der Heimat das Schwert schärfen, das doden schlägt. Auch ihnen meinen wärmsten Dank und Anerkennung. Noch wollen äber die Feinde nicht an den ^>ieg unserer gerechten Sache glauben. Noch bedarf es weiterer Kampfe zur Entscheidung. Voll stolzen Vertrauens auf meine lampserprobten Truppen gebe ich mich der Erwartung hin, daß ne weiter kämpfen in treuer Pflichterfüllung für Heimat und Herd, für König und Vaterland, für Kaiser und Reich bis zu einem siegreichen Frieden. Gegeben zu München. 1. Jan. 1916. Gez.: Ludwig.

Die Leistungen der Reichspost.

Berlin, 31. Dez. Die Arbeitsleistung der Reichs­post hat in den letzte:: Monaten weiter stark Angenommen. Nach einer Briefzählung im November 1915 werden gegenwärtig allein im Reichs-Postgebiet, Bayern und Württemberg also nicht mit eingerechnet, täglich 28,8 Millionen Briefiendungen, einschließlich der nach dem Felde bestimmten und der von den Kriegsgefangenen herrührenden, ausgeli<ffert. Gegenüber der Tagesbriffauflieferung im letzten Friedensjahre 1913 von 17 Millionen Brr Sendungen ist die derzeitige Tagesauflieferung um 69 Prozent größer, näh­rend sonst die durchschnittliche jährliche Steigerung beim Brief­verkehr nur 7 bis 8 Prozent, für zwei Jahve also 15 Prozent ausmacht. Allein der tägliche Feldpostbriefverkehr des Reichs- Postgebietes n-oid); Und von dem Felde sowie im Reichs-Postgebiet stlbst übersteigt jetzt schon nrrt seinen 18,7 Millionen Sendungen Tagesbriesauflieferung des Reichs-Postgebietes von 1913. Dabei steht etwa ein Drittel des Reichspostpersonals, d. s. gegen 90006 Mann, im Felde, so daß die Reichspost in weitem Umfange mit Aushilfskräften arbeiten muß.

Regelung des Kaffcepreises.

Berlin, 31. Dez. (WTB. Nichtamtlich.) Wie wir er­fahren, schweben zwischen dem Kaffee Handel und den- Röstereien Verhandlungen, um den Preis für einen guten Konsumkasfee auf einer Basis zu halten, die auf keinen Fall 2*Mark für das Pfund gerösteten Kaffee im Kleinverkauf übersteigt. Wenn die Verhandlungen, wie unsere Nachrichten besagen, dem Abschlüsse nahe sind, würde durch diesen Wschluß für die Regierung die Notwendigkeit entsallen, in die Bewegungsfreiheit des Kaffeehandels mit staatlichen Maßnahmen einzugreifen.

Die Höchstpreise für Wild und Geflügel.

Berlin, 31. D^. (WTB. Nichtamtlich.) Durch eine Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 30. Dezember 1915 wurden mit Wirkung ab 1. Januar 1916 die H öch stp re i s - grenzen für Wild und Geflügel in einigen Punkten geändert. Einige Wildartei:, nämlich Hasen, Kanin­chen und Fasanenhennen, sind enffprechend der Jahreszeit xm Preise herabgesetzt und für Frischlinge besondere Höchst­preise festgesetzt. Die Jägerpreise verstehen sich ausschließlich Fracht und Vermittlungskosten.

Verbandplätze und Ariegslazarette im Altertum.

Seit wir durch Mommsen und andere moderne Forscher uns gewöhnt haben, unsere Anschauung der antiken Welt von allge­meineren Befristen und bis dahin häufig etwas summarisch zu- wm Mengetragenen Vorstellungen abzn lösen, sind wir in der Kennt­nis aller Lebenserfcheinungen, von der Lebensführung der ein­zelnen^ den verschiedenen Klassen ungehörigen Personen bis zu lden reich gegliederten sozialen itnb staatlichen Einrichtungen, weit vorgeschritten. Der naheliegende Vergleich mit entsprechenden, modernen Zuständen :md Gebilden läßt unsere Bewunderung für die organisatorische Kultur jener Zeiten nur wachsen und legt Unseretn^ technisch sehr souveränen Zeitalter auch darin Besinnung ünd Beicheidenheit nahe. Es ersckxemt uns verständlich, daß im Altertum der letzte organisatorische. Ausbau der Verwundetcn- fürsorge im Kriege den Römer:: Vorbehalten blieb, die fast imnrer rn Kriege größten Stils verwickelt waren und dementsprechend em großartiges System der Fürsorge für Soldat und Veteran, deren Soldatentimr Lebensberuf war, ausgebildct hatten. Die Löhe wissenschaftlicher Kenntnis in der Wundbehandlung war dagegen bei den Griechen eher bederrtender, umso mehr als Griechenland der Mittelpunkt der Forschung auch zur Zeit seiner Abhängigkeit blieb. So wissen wir Ms Ausgrabungen der letzten ^ahre auf der Insel Kos, daß dort eine Aerzteschule mit dem Askleprostempel verbunden bestand, deren Mitglieder dank den: Ruhme ihrer Schule bei vielen Kriegszügen als Feldärzte er­beten wurden und deren Verdienste uns auf Marmortafeln über­kommen sind Die erste Schilderung einer geregelten Versorgung der Verwundeten gibt .Homer in Verbindung mit den Kampfszeilen um Troja: die im Gebrauch ihrer Glieder gehemmten Verwundeteil Pbrden auf den leicht beweglichen Streitwagen zu denschwarzen Schlfsem' in ihre Zelte gebracht, um dort die erste Stärkung und Pflege Vis zur Ankunft des Arztes zu erhalten. Mehreren meist alten Männer:: im Heere, die von den häufig ebenfalls mit chirur- gi!-chen Dingen vertranten Heeresführern unterstützt wurden, war tzre; e Aufgabe anvertrarrt. Die Behandlung beschränkte sich ans das Frerlegen, Baden uno Aussaugcn der Wunde, Auslösen des Pselles, was häufig der Unterstützung des Messers bedurfte, Be- ruhrgung der aufgewühlten Geivcbe durch schmerzstillende Heil- falben und Wurzeln und auf Anlegen wollener Verbände.

Dre Spartaner besaßen eine Vorschrift des Lykurg, die den Aerzten eines Heeres bestimmte rückwärtige Plätze zuordnete, um Die Hilfe ickmell und gleichmäßig zu gewähren. Sklaven und Helote:: versahen den Trägerdienst. Das Wegschafsen der Ver­wendeten geschah selbst auf größeren Strecken, wie aus Xenophon

zu ersehen ist, auf den Schultern der kräftigsten Kameraden, um den Kranken möglichste Schonung angedeihen lassen zu können. Die ^Mutlrche Pflege bis zur Wiederl-erstellung scheint dagegen aus schließlich der häuslichen Sorgfalt überwiesen worden zu sein, da besonderer Krankenanstalten in Griechenland keine Erwähnung geßhieht.

Die r ö m i s ch e R e p u b l i k kannte, ein Zeichen der strengen ^stutzt und der fast grausamen Härte selbst gegen ihre eigenen Bürger während dieser Zeit, weder besonders vorbereitete Verband­plätze noch auch die Hilfe von Ärzten für das kämpfende Heer. Vcan schenkte dem Schmerze und seiner Linderung nicht die öffent­liche Aufmerksamkeit, der einzelne Verwundete lag an seinem gewohnten Platz im Zelt inmrtterr der Gesunden: erst nach Abbruch des Lagers Ivurde er, je nach der Lage des Kampfplatzes, nach Rom oder nach den Provinzialstädten der Bundesgenossen geschafft, um dort seine Genesung zu erwarte::. Eine rasck>e Entwicklung der Vcrwundetenfürsorge, die eine überraschende Aehnlichkeit mst un­seren Einrichtungen aufweist, zeitigte dann die Ka i ser z ei t; das älteste in der Anlage iwch vorhandene Lazarett in Carnimtnm, ein Legionslager an der Dmrau unweit von Teutsch-Alteirburg stammt sicher aus dem ersten Jahrhundert, wenn nicht 9lugu- stus selbst die Anregung dazu gegebe:: hat. In Baden, in der Schweiz, legte man ein lazarettähn1ick>es Bauwerk frei, das man jedoch schon wegen der großen Menge dort aufgefundener ärzt­licher Instrumente als eine Art Depot für ärzlliche Instrumente deuten muß. Diese in Garnisonen der einzelnen Legione:: massiv aufgebauten Lazarette sind schon das Ergebnis großer Erfahrungen, die auck) die verschiedenartigsten Anforder:cngen berechnen: zu­nächst dem Eingang ist meist ein von den Gebäulichkeiten einge- schlossener Hof oder Garten angelegt, dem in einem lückenlos ein- gefügten Mittelbau ein langgestreckter Speisesaäl mit herumge­bauten Wohnungen für .das Lazarettpersonal angegliedert ist. Die eigentlichen Krankenzimmer find drrrch> eine:: breiten in: Rechteck lnrrchlausenden Gang von dem der Verwaltung und Verpflegui:g zugcwiesenen Baukern getrennt. Das einzelne Zimmer wird durch einen Vorranm, dem eine Kammer angebaut ist, betreten, wodurch Kälte und Zugluft ferngehalten werden. Selbst große Küchen- anlagen, Apotheken und über das ganze Haus ausgedehnte Kanali­sation sanla gen konnten nachgcwiesen werden.

Die Lazarette besaßen besondere, nur ihnen zugeteilte Acrztc neben den eigentlichen Verwaltern, deren jede Legion zwei hatte, den Lazarettgehilser:, ihren Schüber:: und den Krankenwärtern' Bevor die Soldaten in diese, unseren Reservelazaretten entsprechen» den Standlazarette gelangten. sich ihrer Truppen- zmd

Spionenschliche in früheren Anegen.

Seit Kriege geführt wurden, gab es geheime, nichtmilitärische Agenten, die dem Feinde unter falscher Masle allen möglichen Schaden zuzufügen suchten. Der rvesentlichc Unterschied zwischen! den Ausübern dieser Spionagetätigleit und den als Gegner offi­ziell anerkannten Kämpfern in Uniform besteht darin, daß die letz­teren durch ihre Uniform den Vorschriften des allgemeinen Völker­rechtes entsprechen, während die ersteren durch ihren Zivilstand und die damit verbundenen Verkleidungen uno Fälschungen sich außerhalb des Kriegsrechtes stellen. Während der patrouillierende! und rekognoszierende Soldat zwar alle Mittel der List und Ver­schlagenheit anwevdet, um den Feind Aicszusorschen und ihm da­durch zn schaden, verheimlicht er jedoch nichts hinsichtlich feinest Eigenschaft als militärische Persönlichkeit. Wird er ergriffen, so ist er durch seine Uniforn: als Kombattant gekennzeichnet und hat als solcher, falls er nicht im ehrenvollen Kampfe gefalten ist, An­spruch, als Kriegsgefangener behandelt zu werden. Würde dieser: Soldat aber die Kleider eines Bauern angelegt haben, um in dieser Maske seine Llufaabe als Llufllärer zu erfüllen, so rm'irde er dem Kriegsbrauch entsprechend als Spion behandelt iverden. Die außer­ordentliche Gefährlichkeit, die in der Heimlichkeit liegt, rechtfertigt: die strengen Strafen, die in ihrer Härte abschreckend wirken sollen, elndererseits aber wird der Spion hierdurch veranlaßt, sich aller Mittel und Listen zu bedienen, um seine heimtückische Arbeiv durchzuführen.

Ueber eine Anzahl interessanter Spioneirmittel und Spionen-^ tricks, die in früheren Kriegen gebraucht wurden, berichtet Win-< fried Lüdecke im nächsten Heft der bei der Deutschen Verlags-« Anstalt in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift Ueber Land und Meer. Seit jeher waren das geistlcche Gewand und der^ Frauen rock eine beliebte, mit häufigein Erfolg verwendete Spionenverlleidung. Hierüber schrieb zu Anfang des 19. Jcchrhun-^ derts der französische Feldmarschall^ Celmoard:Die besten Sprone> find oft Fraucn: und Priester, die für gewöhnlich lveniger Verdacht als andere Personen erregen; letztere können besonders in katho- lischm Ländern eine Menge Dinge entdecken, die man nur durch fie erfahren km:n." Im Kriege 1812 bediente sich die russische: Armee des berühmt gewordenen Spions Figner, nur aus der Umgebung Moskaus wichtige Nachrichten zu erhalten. Figner, der fließend Französisch sprach, erschien des öfteren im französisches Lager, wobei er jedesmal eine andere Maske anlegke. So trat er als Landstreicher, als französischer Offizier und als Händler auf.

Im deutsck)-fianzösischcn Kriege 1870/71 begaben sich zahl­reiche als Priester verkleidete französische Spione aus dem be-^ lagerten Paris zu den Linien der deutschen TruppOr, und zwar gerade an die Stellen, wo, wie sie wußten, Regimenter aus katho­lischen Gegenden^ lagen, die natürlich auf das ihnen hellig-geist- liche Gewand nicht schossen, so daß der strenge Befehl erteilst werden mußte, daß ohne Rüchficht auf Priester, die sich den deut­schen Stellungen an anderen als erlaubten Punkten zu nähern versuchten, geschossen werden sollte." Auch das Zeichen des Rv- ren Kreuzes war damals ein beliebter Deckmantel:Jmt preußischen .Hauptquartier zu Versailles hielten sich als Kranken­wärter in einem fianzöfischen Lazarett der frühere erstr Äga- tivnsrat der fianzöflschen Gesandtschaft in Berlin, Le Sonrd, der Vertreter von Benedetti, auf, desgleichen mehrere geheüne Emissäre des fianzösische:: Rcvolutiousministeriums, ebenfalls als Krankenpfleger, die sämtlich verhaftet wurden."

Im Buren kriege gingen die En^läuder mit einem ganzen Netz von Spionage vor:Sie bedienten sich zur Beförderung von Nachrichten haupfiächlich der einheimischen gerissenen Biehdiebe. Der englische Genevalleuttuntt Sir Baden-Powstll berichtet darüber: Diese Mitteilungen waren natürlich stets in Geheimschrift ge­schieben oder in Hindostani mit lateinischen Bilchstaben und so werter. Das Papier, auf dem die Botschaft stand, wirwe zu einem Kügelchen gedreht und in ein lleines Loch, das man in einen Spa- .zierstock gebohrt hatte, hineingepreßt: die Oeffnnng wurde dann mit Lehm oder Seife verschlossen. Zuweilen wurde das Papier auch in einen Pfeifenkops unter den Tabak gesteckt :cnd konnte so im Notfall, ohne daß Verdacht erweckt wurde, verbrannt weroen, oder man schob es zwischen die Stieselsohlen oder nähte es in die Kleiderfalten ein. Diese Eingeborenen verstayde:: auch die Sprache der Rauä>feuer und gaben über die Bewechrngen und über dia Stärke des Feindes dadurch Ausllrnft, daß sie je nachdem größere oder lleinere Rauchwolken aufstergen ließen. Unsere eingeborenen Botenläufer, die auf diesen:rgen^durch> die f>eindlicken Linien hin­durch mußten, preßten die Briefe zu festen kleinen Kugeln zu­sammen und überzogen diese mit Tafelblei, wie es zur Verpackung von Tee verwendet >oird. Diese kleinen Kugeln trüge:: sie an einer um den Hals ^eschlungeiren Schnur. Sowie sich ihnen nun einl Feind näherte, ließen sie die Kügelchen auf den Boden fallen, wo diese dann von den^ Steinen schwer zu unterscheiden waren, und bestimmten die betreffende Stelle genau, damit sie sie später, wenn die Luft rein war, wiederffirden konnten."

Lagerärzte rn den beweglichen Kriegslazaretten an. Ja selbst j Pferdelaz-arette mit angeftigten Wohnungen sür die Schmiede glaubt nron feststellen zu dürfen. (

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Ursprung und Bedeutung von Kindern reimen. Ende Januar beginnt der Saft wieder in das Holz der Bäume und der Sträuchec zu steigen. Aber dann darrert es noch geraume Zeit, bis das Holzsapp" ist, wie man in West- falen lagt, d. h. bis sich die Rinde vom Holz ohne Schwierigkeit ablöjen läßt. Das ist für die Knaben auf dein Lande die Zeit zur Anfertigung von Flöten. Rote Weiden eignen sich für diesen Zweck am besten. Bon den Weidengerten lösen die Kinder durch Klopfen, Geduld und Speick>el den Bast. Dabei singen sie Verse, dre nach uraltem Volksglauben das Lösen des Bastes beschleunigen. T:e,e Bastlösererme gehen, wie in denMünsterischen Heimat­blättern" nachgewiesen wird, wie so manche ähnliche Volksüberlie­ferungen, in die Zeit des grauen Heidentums zurück uird haben dann unter dcur Einfluß des Christentums eine Umwandlung er- «.^ren Das Christentum war weit genug, um die alte Volks- uberlreferung in sich hineinzunehmen und unrzuformen. An einer ganzen Reche von Bastlösereinren läßt sich das feststellen, auch was allgemern rnteressieren dürfte an.den: überall gesungenen Klnderlredchen:

Maikäfer flieg!

Dein Vater ist im Krieg,

Deine Mutter ist im Pommerland,

Pommerland ist abgebrannt.

Maikäfer flieg!

Der Malkäfer ist ursprünglich der der Göttin Holda geweihte ^onnenkafer :md Pommerland das Hollerland. In einer wissen- schaftUchen Untersuchung sagt Tr. G. Eßküche über dies Lied: L- ci «r . Weltbrand, itro, wie die Germanensage meldet- d:e Rerf-Riesen und die Hol-Riesen gegen Wodans Wal still hrnaufzrehen und zuletzt die Feuer-Riefen. Die Götter reiten heran, allen voraus Wodan mit Goldhelm, Brünne und 'Speer Wodan fällt und gleich ihm alle Götter, aber auch alle Riesen­der letzte Feuer-Mese schleudert Feuer über sich und die ganze Erde; der qroße Krieg ist ausgekämpft, Holdaland ist abgebrannt. Ein christlicher Nachklang dieses heidnischen Weltbranßglaubcns aus den: 9. Jahchundert sagt u. a.: Es schwZt in Lohe der H::mncl, der Mond fällt, es brennt der Mttelgarten (da^ ist die Erde, das Hvldaland)." Dieser Nachllaug leitet über zu den lim* Wandlungen, die der Weltbrandglauben in noch spätere:: Sa<nu: Märchen, Volksliedern und zuletzt in dem Kinderlredchcn erfuhr^