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27.1.1916 Erstes Blatt
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Die Knebelung Griechenlands.

Berlin, 27. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Wie derDossi-^ scheu Zeitung" aus Konstantinopel von gestern gemeldet wird, sind seit drei Tagen alle Verbindungen mit Griechen­land unterbrochen. Eine mastgebenix Persönlichkeit, die aus Sofia eintraf, habe versichert, das; man sich auch dort nicht der geringsten Täuschung darüber hingebe, daß die Bewegungsfreiheit Griechenlands aufgehoben sei.

Der englische Blockadeplan.

Budapest, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) DerBester Lloyd" bespricht in einem Artikel die Folgen -der verschärften eng­lischen Blockade Und kommt zu dem Schlüsse, dag die Spitze dieser- Maßregel mir scheinbar gegen die Mittelmächte gerichtet sei, mit ihrer ganzen Schärfe sich aber gegen den neutralen Handel richte. In England trabe man nämlich bemerkt, daß die neutrale Schiffahrt, insbesondere die von 91 merika, gewaltig int Bor­sprung gegenüber der Englands sei. Es sei beschlossen worden, diesem während des Krieges eingatretenem Aufschwünge ein Ende zu bereiten. ..Die verschiffte Blockade sei tatsächlich ein höchst ge­eignetes Mittel dazu. Die Schiffahrt zwischen Amerika und Europa würde ausschließlich durch England ohne Hindernisse besorgt werden. Ueberdies lväre England in der (Lage, allein preisbilb"nd zu wirken, denn jede Konkurrenz durch Käufer aus anderen Ländern wäre ans- gcschaltet durch die allein mißliche englische Vermittlung, die infolge der verschärften Blockade eintreten Tvürd?. Es ivare den Bereinigten Staaten auf viele Jahre die Möglichkeit entwunden, selbständig mit anderen Staaten Handel fcu treiben. Die verschärfte Blockade bedeute also nicht mehr größere oder geringere Unbequem­lichkeiten, sondern ein Lebens in tevesse der neutralen Staaten, ins­besondere der amerikanischen Union. Es sei nur die Frage, ob die amerikanische Union iveitblickend und energisch genug sei, um an der Spitze der Neutralen dieser tödlichen Gefahr zu begegnen. Zweifel los wurde ein allgemeines A usf uhrverbot Amerikas die britische Regierung zum Nachbeben zwingen. Damit würbe der neue Bruch des Völkerrechts durch England hinfällig. Die Vorzugsstellung Amerikas, die es '.nährend des Krieges erlangt hat, wäre befestigt, und das entschlossene Auftreten Amerikas würden alle Neutralen, sowie die Kriegsgegner Englands mit größter Sympathie und Anerkennung ausnchmcn

London, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Das Pressebureau veröffentlicht eine aus­führliche Erklärung, in der die ^Behauptungen über die ungenügende Wirksamkeit der britischen Bl ockade, und daß noch große Mengen Waren durch die neutralen Länder Deutschland erreichen, 'wider­legt werden. Tic Erklärung gibt Ziffern und statistisches Material, woraus hervvrgeht, daß die Berichte über Lücken gewaltig über­trieben sind, und daß die Vermehrung dm Einfuhr durch bic Neu­tralen nur eine Folge der Maßnahme sei, da sie ihre Güter früher in Deutschland bezogen. Die Erklärung weist auf die Fehler in den Angaben des dänischen BlattesBörsen" hin und fährt fort, daß mit Rücksicht auf die großen Mengen von Waren, welche die britischen Behörden in England auf Schiffen loschen ließen, die von britischen flZatrmiillen-Fahrzeugen aufgebracht wurden, vor einigen Monaten mit den dänischen Reedereien ein A b - ' kommen geschlossen wurde, auf Grund dessen Güter, über die ein Urteil des Prisengerichts noch nicht gefällt wurde, mit Handels­schiffen, mit denen sic ausqeftihrt wurden, nach Dänemark weiter- geschickt werden können. Dagegen müßten sich die R-eedet ver­pflichten, die Waren erst nach England zurückzubringen oder sie in einigen Fällen bis zum Ende des Krieges auszulagern, was unter gemeinsamer Kontrolle der Reeder, i'n und der britischen Gesandt­schaft zu geschehen habe. Tie Ursache davon ist, daß die in Frage kommenden Waren sich zumeist zu unterst im Schiffe befunden haben, sodaß, um sie hermrszubekommen, dieses ganz hätte aus­geladen iverden müssen, was große Zeitverluste und eine Stauung von Schiffen in den britischen Häfen zur Folge gehabt lMen Ivürde. Jede Fracht, die in der ZeitungBörsen" gemeldet wurde, wurdet untersucht. In allen Fällen stand die Mnze Ladung auf der Ein- ftchrliste derBörsen", obwohl ein bedeutender Teil der Güter nach England zurückgebracht oder in Dänemark für die Dauer des Krieges aufgestapelt wurde. ,

Im Monat Dezember wurde unter anderem gestattet, daß nicht weniger als 1700 Tonnen Kaffee und 640 Tonnen Kakao nach Dänemark gebracht wurden. Unter dieser Bedingung wurden ferner 1000 Tonnen Kaffee für Dänemark in England gelöscht. Diese Quantitäten sind aber in die Statistik des BlattesBörsen" eingereibt. Tie Erklärung weist ferner auf gewisse Ungenauiakeiten hin imb führt an, daß das ganze Quantum Reis uitd Mehl, das in der zweiten Hälfte des Jahres 1915'in Dänemark etngeführt narrbe, 8000 Tonnen betrug, von denen nur 2200 Tonnen aus dem Bereinigten Königreich geliefert wurden. Daraus ergab sich ein Ucberschuh von 8000 Tonnen, dieser war hauptsächlich der Preiserhöhung von ähnlichen Artikeln zuznschreiben. Aber selbst, wenn der ganze Ueb er schuß nach Deutschland ausgeführt wor­den wäre, so würde das mtr ein Prozent von dem sein, was Oestcrreich-Unarn und Deutschland gebrauchen.

JU der Erklärung wird ferner die Aufmerksamkeit auf die Abnahme der Fett-Einfuhr in Dänemark gelenkt Und bemerkt, daß die Einfuhr nicht über die normalen Mengen hinausgehe. Bei Leinsamen und Oel sei dasselbe der Fall. Es wird daraus verwiesen, daß bei der Einfuhr von Schweine­fleisch nach Dänemark eine große Verbesserung zu verzeichnen ist. Bon dem Ueberschuß wurde vermutlich.ein großer Teil nach Rußland weiterbefördert. Es verdiene darauf hingewiesen zu werden, daß bei anderen skandinavischen Ländern von derartigen Ueberschüssen keine Rede sein könne. Man vergesse die Tatsache, daß in normalen Zeiten die neutralen europäischen Länder große Mengen von Gütern aus Deutschland und Rußland bezogen baben. Weiter ivird gesagt, daß den N e u t r a l e n zu den Mengen, die sie unter normalen Umständen einführen, darüber hinaus noch - ein kleines Plus für das natürliche Anwachsen des Handels zu­gestanden werden muß. Ueber die Baumwolle wird gesagt, es sei wahr, daß sehr große Mengen davon in den ersten Monaten des Krieges eingeiührt '.vurden, ehe die königliche Verordnung vom März in volle Wirksamkeit trat. Seit April set die E i n fu h r auf die normale Menge herabgesetzt, die vor dem Kriege einge­führt worden war. Infolge der Tatsache, daß in den skandinavischen Ländern und in den Niederlanden die Armeen teilweise mobilisiert sind, braucht es nicht Minder zu nehmen, daß ihre Einfuhr von Schuhen beträchtlich gestiegen ist. Die Ziffern für die ganze Einfuhr von Leder waren nach Skandinavien und Holland weisen im Vergleich zu denen von 1913 keine Zunahme auf.

Die englische Arbeiterpartei und der Krieg.

London, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reutettck>en Bureaus. Die Iahrcskonfevenz der Arbeiter­partei hat mit 1 502000 gegen 602000 Stimmen eine von der Gewerkschaft der Dockarbeiter vorgcschlagenc Resolution angenommen, wodurch die Konferenz verpflichtet wird, die Re­gierung so viel als möglich bei der .Fortsetzung des Krieges zu unterstützen.

Ans dem englischen Unterhaus.

London, 25. Jan (WTB. Nichtamtlich.) Unter­haus. Der Handelsminisber Runciman sagte auf eine Anfrage, der Verkehr englischer Schiffe zwischen den neu­tralen Häfen sei möglichst eingeschränkt worden, aber ein absolutes Verbot sei nicht im internationalen Interesse. Unterstaatssekretär Ten na nt erklärte, daß zwischen den freiwillig cintretenden Rekruten und denen, die aus Grund der Dienftpflichtsbill ausgehoben werden sollen, keinerlei Unterschied gemacht würde. Während der Aussprache über die Tienstpflichtbill wurde ein Antrag eingebracht, um die Garantien gegen den Mißbrauch des Gesetzes zu industriellen Zwecken zu verstärken. Der Antrag, den die Minister be­kämpften, mixte ab ge lehnt. Bonar Law führte aus, das "riegsamt habe über die Leute keine Gewalt, bis sie aufaerufen seien, darnach ständen sie nnter Militärrecht, si könnten vorher nicht als Soldaten behandelt werden.

Die Stellung der Neutralen.

Bor n, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Zu der Verschärfung der englischen Blockade üveist dieBerner Tagwacht" auf das hin. was sie als schwedische K r i c g s d r o h n n g bezeichnet, mtd sagt nach Wiedergabe dänischer Blütterstimmen: In der Tat würde ein solches Vorgehen den Engländern, wie überhaupt dem Vierverbande, in dem militärischen Kampfe wenig nützen nnd seinem Ansehen in den neutralen Ländern ganz enorm sck-aden. Das Blatt betont, daß die Rede des schwedischen Ministerpräsi­denten klar zeige, daß andere neutrale Völker in den Krieg verwickelt werden könnten, und sagt: Dem sollte der Viervcrband bczw. England Rechnung tragen, umsomehr als seine militärische Lage keineswegs derart ist, daß es ihm gleichgültig sein kann, ob die Zentralmächte aus der Reihe der bisher neutralen) Länder weiteren kriegerisckien Beistand erhalten.

Der türkische Bericht.

K o n st a n t i n v p e l, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Amt­licher Heeresbericht:

An der Irak front unternahm der Feind nach seinen un­geheuren Verlusten bei Fel chic keinen neuen Angriffs versuch . Bet K u t - e l - A m a r a zeitweise aussetzender Artilleriekampf. In der Nacht zum 18. Januar überfielen wir hberraschnd mit Erfolg ein feindliches Lager westlich Kor na und töteten zahlreiche Soldaten und eine Menge Vieh. An dieser Front herrschte ausnahmsweise Schneefall, dem starke Kälte folgte.

Au der K a u k a s u s f r v n t nichts von Bedeutung, außer unwesentlichen Scharmützeln am rechten Flügel nördlich vom Muradfluß.

An den übrigen Fronten keine Veränderung.

Nttmanisches Getreide.

Berlin, 26. Jan. (Priv.-Tcl.) DieB. Z. a. M." meldet aus Budapest: Der Transport des r u m ä n ich eit Getreides auf Wasser und auf Bahnen Ungarns ist im Zuge. Infolge des günstigen Wetters konnte die Wciterverfrachtung glatt vor sich gehen. Bisher haben mehrere Millioneit Doppelzentner verschie­dener Getreidesorlen das Eiserne Tor passiert.

Der Seekrieg.

London, 25. Jatt. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Rentcrschen Bureaus. Der britische DampferNorse­in an" (9000 Tonnen) soll versenkt worden sein. (Notiz: Wahrscheinlich handelt es sich um den in Lloyds Register niit 10 750 Tonnen anfgeführten DampferNorsem'an")

Ariegsbriese aus dem Vesten.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters.

(Unberechtigter Nachdrtnk, auch auszugsweise, verboten.)

Die Niederlegung der Turinriesen von Nieuport.

Großes Hauptquartier, 26. Jan.

Mit der im neuesten Berichte der obersten Heeres­leitung hervorgehobenen Niederlegung der beiden Turm- riesen von Nieuport ist unsereu Kämpfern an der belgischen Nordseefront ein lange gehegter Wunsch erfüllt worden. Beide Türme waren architektonisch wertlos, aber sehr hochgesührt, da sie in ihrer Entstehungszeit den Schiffern auf dem Meere als Seezeichen imd Wegweiser dienen sollten. Ju der im übrigen ganz flachen Dünen­landschaft beherrschten sie weithin die Aussicht, und es war offenkundig, daß von dort unsere Stellungen sehr genau eingesehen werden konnten, ebenso, wie man von unseren vorderen Stellungen bei Lombartzyde jeden Stein nnd jeden Schuß an den beiden durch frühere Beschießungen schon beschädigten nnd ihrer Dächer beraubten Stümpfen erkennen und gelegentlich selbst das Treiben auf den ans den Spitzen errichteten Beobachtungsstationen bemerken konnte. Außerdem war infolge des sich oft erst in den Nachmittagsstunden anfklärenden vorherrschenden Nebel­wetters der rvestlich stellende Feind so wie so in gewissem Vorteil. Mit der Niederlkgung der beiden Türme verliert er alle natürliche Beobachtnngsgelegenheit, da der von ihm besetzte Dünenabschnitt, der überdies sehr nnter Sandtrei­ben leidet, flacher ist als die voir uns gehaltenen östlichen Hügelzüge. Die Niederlegung des ungeheuren Backstein­quaders von Templerturm, dessen meterdickes Man e^r- w e r k auch den modernen schweren Geschossen zäh wider- stand, ist auch als eine sehr tüchtige artilleristische Leistung zu bewerten.

W. S ch e u e r m a n n, Kriegsberichterstatter.

Aus dem Reiche.

Die neuen Reichssteuern.

Berlin, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) DieNorddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: Die Presse bringt nahezu Tag für Tag Mitteilungen über die neuen N e i ch s st c u c r n , die im März dem Michstage zur Beschlußfassung unterbreitet werden sollen. Diese Mitteilungen sind in keinem Fall authentisch. Das Reichsschatzamt hat über die geplanten Steuern bisher keinerlei Veröffentlichung ausgegeben tind wird aus dieser Zurückhaltung auch weiterhin nicht heraustreten, so lange die Vorlagen sich noch im Zustande der Vorbereitung befinden.

Die Kartoffelversorgung.

Berlin, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Die verstärkte Budgetkommission des Abgeordnetenhauses behandele gestern und vorgestern die K a r t o f f e l v e r s o r g u n g eingehend. Der Be­richterstatter legte die Verhältnisse des Kartoffelanbaues Deutsch­lands im allgemeinen klar und gab nähere Mitteilungen über die jetzige Lage der Kartoffelversorgung. Eine besonders vor­sichtige Behandlung der Kartoffclvorräte in diesem Jahre sei angezergt, da die Kartoffeln der Knappheit der Futter- mittelvorräte zum Teil abhelfen und der menschlichen Ernährung noch mehr als im Verjähre, zumal bei der weniger bemittelten Bevölkerung, als Grundlage dienen müßten. Der Minister für Landwirtschaft und des Innern sowie der Präsident der Reichs­kartoffelstelle traten im allgemeinen dem Standpunkte des Be­richterstatters bei und erläuterten die von der Regierttng einge­leiteten Maßnahmen zur weiteren Sicherstellung der Kartoffel­versorgung. Ein Kommissar des Landwirtschaftsministeriums gab Erklärungen über die mit Hilfe der Landwittschaftskammern ge­plante wettere Versorgung der Bevölkerung mit Speisekartoffeln während der Frühjahrs- und Sommermonate.

Ein Straferlaß des Königs von Bayern.

München, 26. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Die Korre­spondenz Hoffmann meldet: Der König hat mit Allerhöchster Entschließung vom 23. Januar in dankbarer Anerkennung der von seinem Heere In schweren Kämpfen errungeneir Erfolge auch zu dem diesjährigeu G e b u r t s f e st e des Kaisers allen M i - litärpersonen des aktiven Heeres, soweit dem König ein Begnadigungrecht zustehl, die gegen sie von Militärbefehlshabern verhängten Disziplinarstrafen, sowie die von Militärgerichten ver­hängten Geld- und Freiheitsstrafen oder beit noch nicht vollstrcckten Teil derselben aus Gnaden erlassen, sofern die ihnen auferlegtcn Freiheitsstrafen seckis Monate nicht über­steigen. Ausgeschlossen von der Begnadigung sind jedoch die­jenigen Personen, die unter der Wirkung von Ehren strafen stehen obet seit Aerhäiiguirg der Strafe sich schleckst geführt haben.

Ist auf Geldstrafe neben Freiheitsstrafe erkannt, so ist die Geld­strafe nur dann erlassen, wenn die Freiheitsstrafe unter den Erlaß fällt.

*

sc. Frankfurt a. M., 26. Jan. Die Vertrauensleute der hiesigen sozialdemokratischen Partei schlossen sich gestern abend nach einem Bericht des Reichs tagsabgeord- ncten Dr. Quarck der Erklärung des Parteiausschusses! zu ben Vorgängen in der Reichstagsfraktion und zu dev Bewilligung der Kriegskredite an. Dr. Quarck kam in seinem Bericht zu dem Schluß, daß die Bewilligung der Kredite im Interesse der deutschen Kultur, des deutschen Vater­landes und der deutschen Arbeiterschaft notwendig gewesen sei. Für die Minderheit gab ein Vertreter die Erklärung ab, daß die Erörterung der Frage nicht vor die Ver­trauensmänner, sondern vor die Mitgliederversainmlung gehöre.

A»«s Stadt und Land.

Gießen, 27. Januar 1916.

Ariegsarbeit in Gießen.

XIII.

Die Gießener Lazarette.

I.

Es war vorauszusehen, daß Gießen, infolge seiner geo­graphischen Lage, als wichtiges Verbindungsglied zwischen östlichem und westlichem Kriegsschauplatz und durch seine Institute im Kriege eine besondere Bedeutung als Lazarett­stadt in Anspruch nehmen würde. Bei Ausbruch des Krieges handelte es sich vor allen Dingen um die Unterbringung der zu erwartenden Verwundeten. Hier hatte die Tätigkeit des Roten Kreuzes, das die Universitätskliniken als Vereinslazarette zur Verfügung stellte, sehr ersprießlich vorgearbeitet. Größere Schwierigkeiten bot ' die Einrich­tung der Reservelazarette, die zum Teil in Schwesternhäusern, zum Teil in größeren Wirtschafts­gebäuden eingerichtet werden mußten. Es sei hier voraus- geschickt, daß die anerkannt vorzügliche, organisatorische Leistung vorwiegend ans die Tätigkeit des Herrn Ober­inspektors Mechow (Garnisonlazarett) zurückzuführen ist. Die Militärverwaltung hat es mit seiner Unterstützung in erstaunlich kurzer Zeit fertig gebracht, diese Reserve­lazarette so herzurichten, daß sie für die zahlreichen Ver­wundeten gute Unterkunft bieten konnten. Die Verteilung der Verwundeten lag bestimmungsgemäß in den Händen des Reservelazarettdirektors Oberstabsarztes Dr. Siegert (zu Anfang mit Hilfe des Chefarztes Prof. Dr. W a l t h e r). Prinzip bei der Unterbringung lvar, daß alle Schwcrverwundeten. die spezialistischer Behandlung be­durften, in den Universitätskliniken untergebracht wurden. Es ist hier in Gießen in den vorzüglich eingerichteten Kliniken Hervorragendes geleistet worden. Mancher der Kriegsverletzten hat die Wiedererlangung seiner Gesund­heit nur der ausgezeichneten ärztlichen Hilfe der Gießener medizinischen Universitätsprofessoren zu verdanken. Hier ist an erster Stelle Herr Geheimerat Prof. Dr. Poppe ct zu erwähnen, der seine wertvolle chirurgische Kunst und sein Wissen den Verwundeten zur Verfügung gestellt und sich Verdienste erworben hat, die über alles Sofa er­haben sind. Aber auch die anderen Vertreter der Univer­sitätskliniken, so insbesondere die Herren Geheimeväte Prof. Dr. V o s s i n s (Augenheilkunde), Prof. Dr. V o i t (Medizinische Klinik), Prof. Dr. Sommer (Nervenklinik), Pros. Dr. Jesionek (Hautklinik und Lupusheim), sowie Professor Dr. Schmidt (Hygienisches Institut) haben ver­dienstvollen Anteil an der Gesundung so manches Krie­gers. Die Ohrenklinik stand unter Leitung von Prof. Dr. Leutert, der Herrn Prof. Dr. v. Eicken während seiner Abwesenheit im Felde vertrat.

Zunächst wurden folgende Reservelazarette be­legt: Garnisonlazarett Braugasse, Evang. Schwesternhaus, Steins Garten, Kausm. Vereinshaus, Aliceschule (vorüber­gehend), Turnhalle, Katholisches Vereins- und Schwestern­haus. Diese Lazarette bilden mit den Vereinslazaretten, Universitätskliniken und dem später noch hinzugekommenen Windhof znsamnten das Reservelazarett I und unterstehen der Leitung des Chefarztes Stabsarzt Prof. Dr. Wal­ther. Bald waren jedoch die Räume zur Unterbringung weiterer Verwundeter nicht mehr ausreichend, und so ent­standen die Reservelazarette S-ieck)enanstalt, Heil- und Pflege­anstalt tmd Alte Klinik, die gemeinsam als Reservelazarett II dem Chefarzt Oberstabsarzt Dr. W int her unterstellt sind. Ms oberster örtlicher Sanitätsbehörde unterstehen die Reservelazarette I und II dem Reservelazarettdirektor Oberstabsarzt Dr. Siegert. Für kriegsgefangene Ver­wundete wurden in erster Zeit das Garnisonlazarett und die Turnhalle verwandt, später entstand das Kriegsgefangenen­lazarett (Leitung Chefarzt Stabsarzt Dr. Li l i e n st e i n) in der Maschinengewehrabteilung unseres Regiments.

Ein wichtiger Zweig der Kriegsfürsorge mußte in dem Bestreben gesehen werden, Infektionskrankheiten (Typhus, Rtchr, Cholera und Fleckfieber) sowohl von den Lazarettinsassen sowie von der Truppe nnd von der Bevölkerung fernzuhalten und da, wo Infektionen auf- trateu, die Weiterverbreitung durch geeignete Maß­nahmen zu verhüten. In dieser Hinsicht wurden um­fangreiche Vorkehrungen getroffen, indem hygienisch ein­wandfreie Abortanlagen, Badeeinrichtungen u. a. in allen Reservelazaretten angelegt und außerdem Entlausun­gen aller hierher verlegten Verwundeten vorgenom- men wurden. Auf diese Weise gelang es, die genannten Krankheiten, deren Einschleppung befurchtet werden mußte, von Gießen gli'tcklicherweise fernzuhalten. Sehr wirksam wurde diese Bestrebung der Verhütung und Erkennung von Infektionskrankheiten durch die Bereitwilligkeit des Großh. U n t e r s n ch n n g s a m t e s (Direktor Medizinalrat Dr. Bötticher), welches ebenso wie das Hygienische I n - ft i t ii t (Pros. Dr. S ch m i t t) Blut-, Urin- und Stnhlunter- snchnngen auf Jnseltionserreger ausfnhrte, unterstützt. Fer­ner wurde ausgiebig Sorge sür die Isolierung der an obigen Infektionen Erkrankten getragen (Jsolierhaus der Medi­zinischen Klinik).

Für die bekannterweise wichtige Nachbehattdlung Ver­wundeter stehen in Gießen neben den: militärischen medieo- mechanischen Institut im Garnisonlazarett Braugasse nnd auf dem Windhof n>vch zwei weitere medico-mechanische Abteiltmgen zur Versi'igimg, diejenige von Sanitätsrat Dr. Z i n ß e r nnd .Frau Professor B r i\ n i n g. Um den Unterricht der Verwundeten hat sich die Gewerbeschttle sehr verdient gemacht. Das wichtige und schwierige Amt eines Berufberaters liegt in den Händen des Herrn Justizrats Grünewald.

Ueberharrtzt kann man in den Gießener Lazaretten fest-' stellen, daß den Kriegern allenthalben eine große Fürsorge entgegengebracht wird. Eine Fülle von Liebesgaben ist ge- spettdet lvorden. Sie eiitzeln ansziuführen wird erst später möglich sein; ebenso tverden dann noch zu erwähnen sein