Ausgabe 
26.1.1916 Erstes Blatt
Seite
1
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 21

Der tffcQfltcr Rnzekge, erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal mÖcbentltcf) Siehener^amilündliitter; Zweimal wochentl.Uteis- vlatt für Öen Kveis Glehen (Dienstag und Freitag): zweimal monatl. Land­wirtschaftliche Zeitsrallen Fernjprech - Anschliisse: für die Schriitleitnng l I2 Verlag,Gcschäitsstcl!c51 Adresse ß"ir DraINnach- richten: Anzeiger Kirßcn. Annahme von Anzeigen kür dte Tagesnnmrner bis zum Abend vorher.

Blatt ( 66 . Jahrgang

Mittwoch. 26 . Januar Mb

Rotationsdruck und Verlag der Srühl'schen Univ. Buch- und Zteindruckerei R. Lange. Zchrtstleiturig, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchu!str.7.

Beznqsvrei Z. monatl. 85 Vs., viertel- jährl. M. 2.50; durch Abhole- u. Zweigstellen monatl. 75 Vi.: durch diePost Mk.2.30viertel- jahrl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15Pf.. ansiv. 20 Pi. Haupt­schristleiter: Ang. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; iur Stadl mtb Land, Verinischtes und Ge­richtssaal: Fr.N.Zenz; sür den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich m Gießen.

Reue türkische biege in Messpsiamien.

Die beginnende amerikanisch-englische Auseinandersetzung.

(WTB.) Großes Hauptquartier, 25.Januar. (Amtlich.)

W e st l i ch e r Kriegsschauplatz.

In Flandern nahm unsere Artillerie die feind­lichen Stellungen unter kräftiges Feuer. Pa­trouillen, die an einzelnen Stellen in die stark zerschossenen Gräben des Gegners eindrangen, stellten große Verluste bei ihm fest, machten einige Gefangene und erbeuteten vier Mmenwcrfer. Der Templer-Turm und die Kathedrale v o n N i e u p o r t, die dem Feinde gute Beobachtungsstellen boten, wurden umgelegt.

Oestlich von Neuville griffen unsere Truppen im Anschluß an erfolgreiche Minensprengungen Teile der vor­dersten französischen Gräben an, erbeuteten drei Maschinen­gewehre und machten über hundert Gefangene. Mehrfach angesetzte feindliche Gegenangriffe gegen die genommenen Stellungen kamen über klägliche Anfänge nicht hinaus; nur einzelne beherzte Leute verließen ihren Graben. Sie wurden nickergeschossen.

Deutsche Flugzeug-Geschwader griffen die militärischen Anlagen von Nancy und den dortigen Flug­hafen. sowie die Fabriken von Baccarat an. Ein französischer Doppeldecker fiel bei St. Benoit (nordwestlich von Thiaucourt) mit seinen Insassen unver­sehrt in unsere Hand.

Oestlicher Kriegsschauplatz.

RufsischeVorstöße wurden an verschiedenen Stel­le« leicht abgewiesen.

Balkan-Kriegsschauplatz.

Nichts Neues.

Oberste Heeresleitung.

Während in Mesopotamien neue Versuche der Eng­länder. Kut el Amara zu entsetzen und womöglich gegen Bagdad vorzudringen, nach dem neuesten türkischen Kriegs­bericht unter furchtbaren Verlusten gescheitert sind, hat der neue Militärstaat England zu neuen Schlägen ausgeholt. Nicht auf den Schlachtfeldern. John Bull legt seine schwerste Rüstung an: das Unterhaus hat gestern in dritter Lesung das Militärdienstpflichtgesetz angenommen, und zugleich be­ginnt man, die neu geplante Blockade gegen Deutschland zu organisieren. Das sind Maßnahmen, die vorläufig noch auf Buchstaben ruben, und es werden noch manche Federn in die Tinte getaucht werden, und der Tigris wird noch manchen gegen den Strom schwimmenden Engländer sortreißen, bis die neuen Pläne verwirklicht wer­den können. Amerika hat, nach einer neuesten Meldung, bereits eine Protestnote in London überreichen lassen, und das Reuter-Bureau versetzt die Leser nur in Heiterkeit, wenn es berichtigt, es handele sich nicht um einen Protest, sondern nur um eineVorstellung", denn Amerika werde erklären, daß es eine Beeinträchtigung seines Handels, die ihm durch die neue Blockade drohe, nicht dulden könne. Alle Anzeichen. deuten aber daraus hin, daß Englands Willkür in den Reihen der neutralen Staaten zunehmen­der Erbitterung und bedrohlichem Widerstand begegnen wird. Es ist immerhin schon ein Erfolg, wenn die englischen Lügen nicht mehr siegreich die Welt beherrschen, für das übrige werden die Waffen der Zentralmächte sorgen. In Holland kaufen englische Kaufleute die Lebensmittel auf, um Deutschland auszuhungern; wir vermuten, daß die Regierung im Haag diesem unverschämten Treiben, das ja die Teuerung in den Niederlanden steigert, nicht lange mit verschränkten Armen zusehen wird. In Schweden hat der dortige Ministerpräsident vor versammeltem Reichstag schön eine zielbewnßte Sprache geführt, und wenn eines Tages aus den Sckstachsieldern die englischen Niederlagen vollendet werden, so wird über das stolze Jnselland auch die Vergeltung der mißhandelten neutralen Staaten vommen.

Der Minister Lloyd George, der sich seit einigen Mo­naten außerordentlich militärisch gebärdet, hat wieder eine der beliebten englischen Prophetenrollen gespielt. Deutsch­land werde bald Englands ganzes Gewicht zu spüren bekommen. Er kündigte nrcht nur diebestausge­rüstete Arnvee der Welt"' an, sondern auch ein ,Irenes in­dustrielles England". Automatische Maschrnen würden das Wirtschaftsleben verbessern und ein Heer von Industrie­arbeitern warte darauf, um die Verwüstungen des Krreges wieder gutzumachen. Das klingt wie ein phantastischer Zukunftsroman: um die englische Selbstsicherheit

aber ist es rn Wahrheit schlecht bestellt. Ernsthafte Politiker haben eine sehr bedrohliche Verarmung in Großbritannien befürchtet, und der englische Schatzsekre­tär vergießt heimliche Tränen über das für die Waffen­schmiede und die bettelnden Bundesgenossen abfließende Kapitalvermögen. Noch in den letzten Tagen stellte derEco­nomist" auffallende trübsinnige Betrachtungen über die Lage (ttt. Er vertraut der Zusammensetzung des Kabinetts nicht

und erklärt u. a., Lloyd George werde nach seinen Fehl­schlägen in Südwales und am Clyde, sowie angesichts der Haltung des Kongresses der Gewerkvereine, der Bergarbeiter und der Eisenbahnarbeiter eher als eine Ursache der Schwäche denn als eine Ursache der Starke für eine Regierung erschei­nen, die versuchen müsse, die Arbeiter auf ihrer Seite zu ha­ben. Sir Edward Grey und Asguith beriefen sich noch immer, wenn über die Kriegsziele befragt, auf Erklärungen von November 1914 und Februar 1915. Inzwischen aber habe das kindlicheVertrauenaufgehört, und der Wort­laut alter Reden gelte nicht mehr als maßgebliches Gesetz, der Kniff mit dem Vertrauen sei zu oft angewandt worden. DerEconomist" schreibt wörtlich:

Glorreiche Enttäuschungen werden nicht mehr dem bösen Zu­fall oder der Trunkenheit der Arbeiter oder auch der Bosheit einer nicht genügend zensurierten Presse zugeschrieben. Schöne Phrasen über denletzten Mann und den letzten Pfennig" oder fein ge­sponnene Formeln zur Verhüllung von Uneinigkeit im Kabinett ziehen nicht mehr. Die Politik, die auf die Zerschmetterung und Zerstückelung Deutschlands und Oesterreichs, hinanslief und als das letzte Wort des liberalen Imperialismus erschien, hat das natürliche Ergebnis gehabt, daß die Völker, mit denen wir im Kriege liegen, einiger geworden sind und es sich auch vom militärischen wie diplomatischen Standpunkt aus schwieriger gestaltet, die von uns verfolgten wesentlichen Zwecke zu erreichen, namentlich die Freiheit Belgiens, die Sick)erheit Frankreichs und eine vernünftige Lösung der türkischen und der Balkanfragen... Hat doch auch das leitende Blatt von Lancashire, der Man­chester Guardian, vor einigen Tagen, bei einer Erläuterung der ewigen Kompvomiffe" in dem Kartell-Kabinett erttärt:In dieser Hinsicht sündigt das Kartell-Kabinett am meisten; es ist an sich schon ein Kompromiß, während eine richtige Leitung der Reichsgeschäfte eine verantwortliche und mithin vernünftige, wenn möglich auch starke Opposition erfordert." Das Schicksal Monte­negros ist die Folge unserer diplomatischen Fehler am Balkan; es schließt sich an die Ereignisse an, die mit dchn Beitritt der Türken, dcrnn Bulgariens auf die Seite Deutschlands und Oester­reichs begannen.

Vielleicht wird auch dem amtlichen England, das jetzt so vielerlei bedeutungsvolle Wagnisse unternehmen will, bald einmalvor seiner Gottähnlichkeit bange". Zu­nächst wird man gespannt: darauf sein, ob die Ruhebank in Saloniki noch lange das aus ihr sitzende Gewicht ver­tragen wird.

Der österreichisch-ungarische Tagesbericht.

Wien, 25. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 25. Januar 1916.

RussischerKriegsschauplatz.

Gestern standen wieder verschiedene Teile unserer Nord- ostfront unter russischem Geschützfeuer. An vielen Stellen war die Aufklärungstätigkeit des Feindes sehr lebhaft.

Italienisch erKriegsschau platz.

An der Tiroler Front beschoß die feindliche Ar­

tillerie die Ortschaften Creto (Judicarien) und Caldo- nazzo (Suganer-Tal).

Am Görzcr Brückenkopf sind bei Oslavija wieder Kämpfe im Gange. Gestern abend war die Tätigkeit der italienischen Artillerie an der küstenländischen Front sichtlich lebhafter.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Die Entwaffnung des montenegrinischen Heeres geht nach wie vor g l a t t v o n st a t t e n. Ueberall, wo unsere Bataillone hinkommen, liefern die montenegrini­schen Bataillone unter dem Kommando ihrer Offiziere ohne Zögern ihre Waffen ab. Zahlreiche Abteilungen aus Gegen­den, die noch nicht von uns besetzt sind, haben bei unseren Vorposten ihre Bereitwilligkeit zur Wäffenstreckung an­gemeldet.

In Skutari erbeuteten wir zwölf Geschütze, fünfhundert Gewehre und zwei Maschinen­gewehre.

Alle aus feindlichem Lager stammenden Nachrichten über neue Kämpfe in Montenegro sind frei er­funden. Daß der König sein Land und sein Heer ver­lassen hat, bestätigt sich. In wessen Händen derzeit die tat­sächliche Regierungsgewalt liegt, läßt sich noch nicht mit Be­stimmtheit feststellen, ist aber für das militärische Ergebnis des montenegrinischen Feldzugs völlig bedeutungslos.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Hofer, Feldmarschalleutnant.

Eine amerikanische Protestnote gegen England.

Washington, 25. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Von dent Vertreter des WTB. Die Bereinigten Staaten haben der eng­lischen Regierung durch den amerikanischen Botschafter in London eine .Note überreichen lassen, in der Amerika Einspruch erhebt gegen jede Art der Anivendung des Gesetzes, betreffend den Handel mit dem Feinde, nwdurch der amerikanische Handel betroffen werden könnte.

Washington, 25. Jan. (WTB. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus; Die Note der amerikanischen Regierung an Großbritannien, betreffend das Gesetz über den Handel mit dem Feinde, ist durchaus kein Protest, sondern nur eine Vorstellung gegen die Amvendnng des Gesetzes, das, wie die Regierung der Vereinigten Staaten glaubt, das ameri­kanische Geschäftsleben stören könnt?. Es wird in dieser Vor­stellung gesagt werden, daß die Regierung das Gesetz für ungerecht hält und Ersatz für jeden Schaden verlangen wird, den der ameri­kanische Handel dadurch erleidet. Die Regierung steht auf dem Standpunkt, daß die Beziehungen des amerikanischen und deutschen Kapitals zu den amerikanisck>en Industrien derartig sürd, daß es unmöglich wäre, Deutschland mit Erfolg einen Schlag zu der-