20—
nackte Frucht beſitze, während ſie in Wirklichkeit gewöhnlich von den beiden dünnhäutigen und weißlichen Blütenſpelzen eingeſchloſſen iſt; letztere laſſen ſich bei dieſem Grasſamen allerdings leicht beſeitigen (z. B. durch Reiben zwiſchen den Fingern), und dann kommt die gelblich⸗ braune, nackte Frucht zum Vorſchein. Von den bekannteren Gräſern hat der nackte Hafer(Avena nuda) und das Zittergras von Natur eine nackte Frucht.
b. Worauf beruht die Gegenüberſtellung von Getreide und Gras?
Nachdem wir in vorſtehendem die Graspflanze von der Wurzel bis zur Frucht betrachtet und wiederholt auf die Zuſammengehörigkeit der Getreidearten mit den übrigen Gräſern hingewieſen haben, wollen wir jetzt die Frage erörtern, worauf die Gegenüberſtellung von Gras und Getreide beruht.—
In der Mehrzahl der Fälle treibt die Graspflanze nicht blos einen einzigen, ſondern mehrere Halme aus dem Wurzelſtock. Man ſpricht daher von Beſtockung. Die Beſtockung läuft im Reſultat immer auf eine Vermehrung oder Vervielfältigung der Halme, in letzter Linie auf die Erhaltung der Pflanze hinaus; aber die verſchiedenen Grasarten erreichen dieſes Ziel auf verſchiedenen Wegen, mit anderen Worten, die äußere Erſcheinung der Beſtockung iſt nicht immer dieſelbe. Wir können folgende Arten der Beſtockung unterſcheiden.
a. Beſtockung durch unterirdiſche Ausläufer.— Erſtens hat die bereits erwähnte Rhizombildung ihren Anteil an der Beſtockung, indem ein Mutterſtock unterirdiſche Ausläufer(Rhizome, Schein⸗ wurzeln) ausſendet, welche befähigt ſind, an jedem Knoten einen Tochter⸗ ſtock mit Wurzeln, Halmen, Blättern und Blüten zu entwickeln. In Wirklichkeit pflegt dieſe Entwicklung allerdings nur an einem Teil der Knoten einzutreten. Da jeder Tochterſtock dasſelbe Spiel wiederholt, ſo kann von einem Punkte aus im Laufe der Zeit eine große Fläche mit Pflanzen beſetzt— beſtockt— werden. Dieſe Art der Beſtockung kommt, wie bei der Quecke, ſo auch bei vielen anderen Gräſern vor, was wir weiter unten mit einer Reihe von Beiſpielen zu belegen gedenken.
b. Beſtockung durch oberirdiſche Ausläufer oder durch kriechende, wurzelnde und aufſteigende Halme.— Zweitens gibt es bei den Gräſern oberirdiſche Ausläufer, welche, dicht über dem Boden hinkriechend, ſich ebenſo wie die Rhizome an jedem Knoten zu bewurzeln und zu beſtocken vermögen. Zuweilen werden dieſe Ausläufer über 5 m lang, meiſt bleiben ſie kürzer. Wo ſich die Pflanze un⸗ geſtört entwickeln kann, ſenden die am Boden liegenden Schößlinge all—


