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Anleitung zum Getreidebau auf wissenschaftlicher und praktischer Grundlage / von Anton Nowacki
Entstehung
Seite
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Die Blattöhrchen vermitteln den Übergang der Blattſcheide in

die Blattſpreite. Je nachdem man ſie von oben oder von unten betrachtet, erſcheinen ſie einerſeits wie eine Fortſetzung der Blattſpreite, andererſeits wie eine Fortſetzung der Blattſcheide. Die Blattnerven, welche aus der Blattſcheide in die Blattſpreite verlaufen, erleiden an den Blattöhrchen eine Krümmung nach außen. Werden die Blattöhrchen ſehr lang und ſichelförmig, ſo nimmt auch die Krümmung der Blattnerven eine ſichel oder hakenförmige Geſtalt an. Fig. 9 zeigt bei o die Blattöhrchen der zweizeiligen Gerſte, Hordeum distichum. Dieſelben ſind hier ſo geſtellt, daß ſie einen ganzen und einen halben Schraubengang um die Achſe des Halmes bilden.

Obgleich Blatthäutchen und Blattöhrchen nur kleine und unſchein⸗ bare Teile des Blattes ſind, ſo iſt es doch ſehr merkwürdig, daß ſie bei verſchiedenen Grasarten verſchieden geſtaltet, aber bei jeder ſpeziellen Art immer in derſelben Form und mit ſolcher Gleichmäßigkeit gebildet werden, daß man häufig an den in Rede ſtehenden Organen die Gras⸗ art mit Sicherheit erkennen und von anderen Arten unterſcheiden kann, ſo z. B. Gerſte von Hafer, und Roggen von Weizen. Die Blattöhrchen ſind nämlich bei der Gerſte und dem Weizen ſehr groß, bei dem Roggen klein, und bei dem Hafer fehlen die Sichelhaken gänzlich.(Vergleiche Fig. 6 und 9.)

Schon aus dieſem Grunde werden wir dieſen Organen eine be⸗ ſtimmte Bedeutung und Funktion zuſchreiben. Wir wollen verſuchen, dieſelbe klar zu legen.

Es iſt für die Gräſer offenbar von Vorteil, wenn der blüten⸗ und früchtetragende Halm zur Zeit ſeiner Entwicklung aufrecht erhalten wird. Dies beſorgen die Blattſcheiden, in welchen ſich die wachſenden zarten Halmglieder nebſt dem Blütenſtande emporſchieben. Jede Blatt⸗ ſcheide bildet nämlich eine Röhre. Dieſelbe wird am unteren Ende durch den ſtarken Blattknoten feſt zuſammengehalten. Sie muß aber, da ſie der Länge nach aufgeſchlitzt iſt, auch am oberen Ende mit einem Ver⸗ ſchluß verſehen ſein. Dieſen Verſchluß bewirken die Blattöhrchen, welche, als ein Ganzes aufgefaßt, einer elaſtiſchen Spiralfeder zu ver⸗ gleichen ſind. Zugleich bilden die Blattöhrchen das Gelenk für die Blattſpreite. Dieſer doppelte Zweck wird erreicht durch die ſichel⸗ oder hakenförmige Geſtalt der Blattnerven und durch die Verſtärkung des Mittelnervs auf der Unterſeite des Blattes.

Wenn nun durch die Blattöhrchen das obere Ende der Blattſcheide zuſammengedrückt wird, ſo muß durch eine andere Einrichtung dafür ge⸗ ſorgt werden, daß die Spitze des jungen Blattes und namentlich auch diejenige des Blütenſtandes ſich trotz des Verſchluſſes ſicher emporſchieben