Druckschrift 
Ueber die Gesetze der Natur, welche der Landwirth bei der Veredlung seiner Hausthiere und Hervorbringung neuer Rassen beobachtet hat und befolgen muss / Von Herrn Thaer
(Vorgelesen den 11. Juni 1812)
Entstehung
Seite
7
Einzelbild herunterladen

ʒ:·-d

;;

iber Veredlung der Hausthiere. 7

hörnerlosem Rindvieh, welche sich an mehreren Orten, besonders in Schott- land findet, auf diese Weise entstanden?

Diese Veredlung einer Thierraſse, durch sorgfältige Auswahl und Paarung der Individuen in derselben Familie, durch fernere Auswahl fort- gesetzt, ist es also, was man das Züchten in sich selbst nennt. Dies war die Methode des gröſsten Viehzüchters in der Welt, Bakewell zu Dishley in Leicestershire, welcher sie mit Pferden, Rindern, Schwei- nen, vorzüglich aber mit Schafen betrieb. Er brachte eine besondere Schaf- ralse hervor, welche sich durch folgende Eigenschaften auszeichnete und empfahl: sie brachte. im ersten Jahre ihres Lebens in der Regel zwei auch wohl drei Lämmer, säugte selbige auf, ward dann noch in demselben Jahre mit sehr mäſsigem Futter oder Weide gemästet, und kam zu einem reinen Fleischgewichte von 80 bis 100 Pfund. Knochen und alle Abfalls- theile waren äulserst fein, damit sich die nährenden Theile nur zu Fleisch und Fett absetzen mögten. Sie hatte zugleich ein sehr ruhiges phlegmati- sches Temperament, was für die Mastfähigkeit so wesentlich ist. Wolle gab sie reichlich, aber nur Kämmwolle, keine kräuselnde, und auch jene nicht von ausgezeichneter Feinheit; denn Bakewell vemogte es darin nicht auf den Grad zu bringen, den er wünschte, ohne andere Eigenschaften die- ses Thiers aufzuopfern. Er änderte diese Raſse mannigfaltig ab, nach dem Wunsche seiner Kunden, und bildete verschiedene sich auszeichnende Un- terraſsen. So hatte er es z. B. dahin gebracht, daſs die Beine so kurz wur- den, daſs die Thiere nur mit Mühe von einer Koppel zur andern gebracht

werden konnten. Manchem war doch dies nicht passend, weil die Schafe

dadurch zu weiten Wegen und zum Einbringen in die Horden unfähig ge- macht wurden. Er stellte also bei einem Theile sehr bald längere Beine wieder her. Alle Engländer, selbst die Gegner seiner Raſsen, bezeugen einstimmig diese Kunst und diese Gewalt über die Bildung des thierischen Körpers. Lord Sommerville, der kompetenteste Richter und sonst ein Gegner der Bakewellschen Raſse, sagt von ihm: es sey als ob er sich ein Schaf nach seinem Ideale habe zusammensetzen und demselben dann das Leben geben können. Ein Theil seiner Böcke ward auf eine Springzeit bei den öflentlichen meistbietenden Vermiethungen mit 400 Guineen, einzeln noch ungleich höher bezahlt von solchen, welche sich diese für die engli- schen Verhältnisse so vortheilhafte Raſse anziehen wollten. Es ist indessen wahrscheeinlich, dals er den ersten Stamm dieser neuen Ralſse durch Kreu-

8