Druckschrift 
Ueber die Gesetze der Natur, welche der Landwirth bei der Veredlung seiner Hausthiere und Hervorbringung neuer Rassen beobachtet hat und befolgen muss / Von Herrn Thaer
(Vorgelesen den 11. Juni 1812)
Entstehung
Seite
4
Einzelbild herunterladen

8 Nhaer

2

ter oder bei der Mutter gar nicht bemerkbar war. Unter den Thieren hat man es am häufigten bei den Schafen beobachtet. Bei der Paarung unserer Landschafe mit Merinoböcken fallen nicht selten Lämmer schon in der er- sten Generation, die den Merinos beinahe gleich kommen. Verbindet man aber diese sogenannten Mestizen, auch mit strengster Auswahl der am mei- sten veredelten zusammen, so kommen wieder Thiere hervor, die ganz auf die Groſsmutter oder das Landschaf zurückschlagen, und ein solcher Schlag pleibt dann auch mehrere Generationen hindurch d. h. wenn keine neue Zumischung von der reinen Raſse hinzukommt lange inconstant; pflegt

sich aber doch am Ende in eine Mittelgattung festzusetzen.

Veredlung nennt der Landwirth, nach der Begriffssphäre seines Gewerbes, wenn er eine Thierraſse so verändert, daſs sie dem Zweckée oder der Benutzung, die er damit beabsichtigt, näher komme oder ihn besser er- fülle. Damit stimmt auch sein Begriff von der Schönheit eines Thiers über- ein, und er behält den alten empirischen Begriff: Uebereinstimmung aller Theile, zum Zwecke des Ganzen bei, und setzt seinen Zweck viel- leicht an die Stelle des Naturzwecks. Um den ästhetischen Schönheitsbe- griff bekümmert er sich nicht; und sollte es auch in der Regel nicht um konventiomelle Schönheit, welche wie die Mode wechselt, thun. Er fordert daher ganz andere Formen und Eigenschaften bei einem schönen Reitpferde, als bei einem schönen Zug- oder Arbeitspferde, andere bei einem zum Fett- machen, zum Zuge oder zum Melken bestimmten Rinde, andere bei einem zum Wollertrage gehaltenen, als zu einem schnell schlachtbar werdenden Schafe. Der vorsichtige und nachdenkende Viehzüchter hat allemal einen bestimmten Zweck vor Augen, den er nach dem grölsesten Vortheil, wel- chen er bei seinen Verhältnissen erreichen kann, festsetzt, insbesondere, wenn ihn die Erfahrung gelehrt hat, daſs mehrere dieser Zwecke nicht zu- gleich erreichbar sind, wie z. B. feine Wolle und schnelle Ausbildung des

Körpers beim Schafe, oder vorzligliche Mastfähigkeit, Milchergiebigkeit und gröſsere Theil der

5 Landwirthe hierbei oft zwecklos, aber er sollte es nicht thun, und die vor-

Muskelkraft im Zuge beim Rinde. Freilich verfahrt der

21 iglichsten Viehzüchter, die es in einer Gattung zu einer hohen Vollkom-

menheit brachten, hatten sich nur ein einziges Ziel, ein Ideal, vorgesteckt.