Teil eines Werkes 
Zweiter Band (1811) Von den landwirthschaftlichen Verhältnissen (Fortsetzung) : Agronomie, oder die Lehre von den Bestandtheile, physischen Eigenschaften, der Beurtheilung und Werthschätzung des Bodens : Agrikultur
Entstehung
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Mineraliſche Duͤngungsmittel. 175

ſtark eingerichtet wird, daß er durch jenen eine erhebliche Veraͤnderung in der Konſiſtenz des Bodens bewirken kann.

Die chemiſche oder eigentlich duͤngende Wirkung des Kalkes ſcheint wieder von zwrierlei Art zu ſeyn. Eines Theils wirkt er als ein bloß zerſetzendes Mittel auf den Humus, den er aufloͤſt, in Bewegung und in den Zuſtand ſetzt, worin er in die Pflanzen leicht uͤbergehen kann. Deshalb iſt die Kalkduͤngung um ſo wirkſamer, je reichhaltiger der Boden an Humus, und um ſo auffallender, je unaufloͤslicher dieſer Humus ſeiner Natur nach war. Insbeſondere wird der ſaure Humus durch ihn von ſeiner Saͤure befreit, und dadurch erſt fruchtbar.

Andern Theils aber iſt es hoͤchſt wahrſcheinlich, daß der Kalk auch durch ſeine Kohlen⸗ ſaͤure etwas wirke, und durch ſelbige den Pflanzen wirkliche Nahrung gebe. Die Lebensthaͤ⸗ tigkeit der Pflanzenwurzeln, beſonders gewiſſer Vegetabilien, ſcheint die Kraft zu haben, ihm dieſe Kohlenſaͤure zu entziehen, die er dann aber in eben dem Maße aus der Atmoſphaͤre wie⸗ der anzieht. Denn es iſt unlaͤugbar, daß eine Kalkduͤngung auch auf ſolchem Boden, der ſehr wenig Humus enthaͤlt, und ſogar eine wiederholte Duͤngung dieſer Art immer noch einige Wir⸗ kung thue, wenn gleich bei weitem keine ſo ſtarke wie da, wo noch Humus im Boden iſt, oder wo er ihm durch eine abwechſeinde vegetabiliſche und animaliſche Duͤngung wieder gegeben wird. Ferner wiſſen wir, daß einige Pflanzenarten vom Kalke beſonders viele Kraft erhalten, und mit ihren Pflanzenwurzeln in den rohen Kalkſtein eindringen, und ihn gewiſſermaßen zerſetzen. Dies iſt beſonders bei der Eſparcette merklich, welche 10 bis 20 Fuß tief mit ihrer Pfahlwur⸗ zel in den Kalkſtein eindringt, Buͤſchel von Nebenwurzeln ausſchlaͤgt, die den Kalkſtein an ih⸗ rem Orte muͤrbe und kruͤmlich machten, und deren Kraut um ſo uͤppiger vegetirte, je tiefer ſie eingedrungen war, wenn gleich der Kalkfelſen nur mit ſehr flacher und unfruchtbarer Krume bedeckt war.

Der gebrannte von ſeiner Kohlenſaͤure befreite Kalk hat eine ſtaͤrkere duͤngende Kraft, wie der ungebrannte. Er iſt in dieſem Zuſtande freilich weit mehr zerſetzend und wirkſam auf die organiſche Materie. Allein wir muͤſſen annehmen, daß ſeine groͤßere Wirkſamkeit auch noch ei⸗ nen andern Grund habe. Er zieht ſeine verlorne Kohlenſaͤure, zumal wenn er in feinem Pul⸗ ver mit der Ackererde vermengt iſt, ohne Zweifel in ſehr kurzer Zeit wieder an; aber dieſe friſch angezogene Kohlenſaͤure haͤngt ihm wahrſcheinlich nicht ſo feſt an, daß er ſie den Pflan⸗ zen nicht leichter wieder abgeben ſollte. Er nimmt ſolche dann ſogleich wieder auf, und ſo ent⸗ ſteht eine fortdauernde Wechſelung dieſer Kohlenſaͤure zwiſchen dem Kalke, den Wurzeln und der Atmoſphaͤre. Daraus laͤßt es ſich erklaͤren, wie ſelbſt ſehr kalkhaltiger Boden von einer Duͤngung mit gebranntem Kalke merkliche Fruchtbarkeit erhalte, und wie man einige Wirkung von einer neuen Kalkung verſpuͤre, wenn gleich von einer vorhergehenden aͤltern offenbar noch Kalk genug in der Ackerkrume iſt. 4

Auf dieſe verſchiedenen Wirkungen des Kalkes die gegebene Erklaͤrung derſelben ſey richtig oder nicht muͤſſen wir nothwendig Ruͤckſicht nehmen, wenn wir die verſchiedenen Wirkungen des Kalkes als Duͤngungsmittel erklaͤren wollen. Sie iſt am ſtaͤrkſten und auffal⸗ lendſten auf Boden, der vielen ſauren Humus enthaͤlt, welcher vorher der Vegetation nicht zu Nutze kam; naͤchſtdem auf Boden, welicher bisher ſtaͤrkere oder ſchwaͤchere Miſtduͤngungen, aber noch nie eine Kalk⸗oder aͤhnliche Duͤngung erhalten hatte. In dieſem Falle thut er oft mehr, als eine neue Miſtduͤngung, erſchoͤpft aber fuͤr die Folge dieſen Boden, und macht es wenigſtens noͤthig, daß eine kraͤftige Duͤngung anderer Art nach einigen Jahren auf ihm folge. Da in jedem beackerten Boden, geſetzt auch, daß er ſehr mager ſcheine, noch immer einiger, wahrſcheinlich ſchwer aufloͤslicher Humus zuruͤckgeblieben iſt, ſo wird eine erſte Kalkduͤngung