Greifenstein. 115
die Unmöglichkeit erkannt, jener Forderung gerecht zu werden, und sei in jene Worte ausgebrochen. Wenn letzteres auch wenig Wahrscheinlichkeit für sich hat, so legt der Spruch doch Zeugnis ab von der Trinkfestigkeit und Trinkfreudigkeit der Greifensteiner Herren im 17. Jahrhundert. Nur nahmen die Trinkgelage nicht immer ein solch harmloses Ende; denn nach einem solchen erschoss wenige Jahre vorher derselbe Graf Wilhelm seinen Neffen, den Hohensolmser Grafen Christian vor den Thoren der Burg in einem Zweikampf, der ihm von diesem in trunkenem Mute aufgenötigt worden war. Sein Sohn Graf H'ilhelm Moritz siedelte 1689 etwa 190 infolge der Aufhebung des Edikts von Nantes aus Frankreich vertriebene Hugenotten in dem benachbarten Daubhausen an, welche bald ihren Dank für die gewährte Gastfreiheit durch Er- öffnung neuer Betriebszweige, besonders der Hut- und Seidenin- dustrie bethätigten. Noch jetzt erinnern zahlreiche Familiennamen der Umgegend an den franzésischen Ursprung. Ihm verdankt Greifenstein die schöne, jetzt von der Gemeinde benutzte Schloss- kirche, deren reiche, im Barockstil ausgeführte Stuckarbeiten von einem italienischen Künstler Paerini herrühren und Figuren von reizender Erfindung aufweisen. Als 1693 der letzte Braunfelser, Graf Heinrich, im Kampfe gegen Frankreich bei Neerwinden gefallen war, und mit ihm jene Linie des Solmser Geschlechtes ausstarb, verlegte Graf Iilhelm Moritz seine Residenz nach dem ihm zugefallenen Schlosse Braunfels, und die Burg Greifenstein ging schnell ihrem Verfalle entgegen; Witterung und die Uebergriffe der Umwohner, welche die zerbröckelnde Feste als Steinbruch be- nutzten, vereinigten sich, um den stolzen Bau zur Ruine zu machen.
Von der mächtigen Anlage fallen vor allem die durch einen zweigeschossigen Bau verbundenen Doppeltürme in die Augen. Der mit einem Halbkuppeldach überwölbte Nassauer- turm und der mit einem Kegeldach versehene Zwillingsbruder mit dem Greifen, in welchem die Kirchenglocken hängen. An ihn lehnen sich die ansehnlichen Mauerreste des dem Ende des 17. Jahrhunderts entstammenden Wilhelm-Moritz- Baues, dessen Dach zu Anfang des 19. Jahrhunderts durch einen Sturm herabgeworfen und nicht wieder aufgesetzt wurde. Daneben ein mächtiger Rundturmrest, die sogenannte Ross- mühle und die bereits erwähnte, 1885 restaurierte Kirche— alles andere ist ein ziemlich wüster Trümmerhaufen, in dem es nicht leicht ist, den Anlageplan zu erkennen. Auch ist Vorsicht wegen abbröckelnder Mauerreste zu empfehlen.
Von Greifenstein führt ein lohnender, durch blaue Striche bezeichneter Weg über den Elgershäuser-Hof, jetzt Heilstätte für Lungenkranke von Dr. Liebe, meist durch schönen Wald in 1 ½ Std. nach der Dianaburg(s. S. 109), ein anderer in westlicher Richtung über den 483 m hohen Hinstein den
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