Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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30 Heilige Elisabeth.

Herzen Deutschlands die Ketzerfeuer entzündete und von dessen finsterm Thun in Marburg selbst noch der Name Ketzerbach Kunde giebt. Er bestärkte das fürstliche Beichtkind in seiner aske- tischen Lebensweise, und Elisabeth, gänzlich ihrer fürstlichen Würde entsagend, verschmähte es, auf dem Schlosse zu wohnen, und ver- brachte ihr Leben unter den Kranken und Elenden des Hospitals, welches sie neben dem Franziskanerkloster am Fusse des Berges errichtet hatte. Schon nach 2 Jahren, am 19. November 1231, wurde sie infolge der grossen Entbehrungen und aufreibenden Buss- übungen von ihrem jammervollen Leben durch den Tod erlöst, um als Heilige weiter zu leben. Konrad von Marburg aber, vom Papst Gregor IX. zum Ketzerrichter in Deutschland ernannt, waltete seines finstern Amtes nicht lange; denn als er es gewagt, den Grafen von Sayn vor sein Gericht zu ziehen und ihn zu einer schimpflichen Busse zu verurteilen, wurde er 1233 von aufge- brachten Edelleuten, als er von Mainz zurückkehrte, in der Nähe des Frauenberges erschlagen. Beide Gestalten stellen in ergreifen- der Weise eine Verkörperung der weltentsagenden und weltver- achtenden Lebensauffassung der Zeit dar in ihrer unendlichen Liebe, in ihrer vernichtenden Härte. Wenn aber Konrad für alle Zeiten ein Schreckbild finstersten Fanatismus abgeben wird, und über den Schauplatz seines Wirkens in der Ketzerbach sich ge- deihendes und heiteres Leben breitet, liegt noch heute durch die heilige Elisabeth über der Stätte ihres Duldens ein idealer Hauch, und ihr rührendes Bild steht vor unsern Augen ungetrübt und rein, wie das herrliche Bauwerk, welches ihren Namen trägt.

Schon zu Elisabeths Lebzeiten waren Wunder von ihr erzählt worden; von ihrem Grabe verbreitete sich der Glaube daran in immer weitere Kreise und lockte zahlreiche Pilgerscharen heran. Auf Betreiben des Landgrafen Konrad, welcher am Todestage seiner Schwägerin im Jahre vorher das Kreuz der Brüder vom deutschen Hause genommen, wurde sie am 27. Mai 1235 vom Papst Gregor IX. heilig gesprochen; am 14. August desselben Jahres legte Konrad den Grundstein zu der Elisabethkirche an dem Platze des Con- vents der Franziskaner, denen er ein geräumigeres Kloster im Süden der Stadt erbauen liess, und am ersten des Maimonats 1236 trug der aufgeklärteste der deutschen Kaiser des Mittelalters, der Hohenstaufe Friedrich II., um seine Rechtgläubigkeit zu erweisen, barfuss in grauem Gewande die Gebeine der Heiligen in feierlicher Prozession zu ihrer endgültigen Ruhestätte.

Aber Elisabeth lebte nicht nur als Heilige fort; durch ihre Tochter, die Landgräfin Sophie, die Mutter des Kindes von Brabant, wurde sie die Stammmutter des hessischen Hauses, dessen Residen⸗z Marburg bis ins 17. Jahrhundert blieb. Auf dem Schlosse wurde 1504 Landgraf Philipp der Grossmütige geboren, welcher in Hessen die Reformation einführte und 1527 durch die Stiftung der