Teil eines Werkes 
[1] (1902) Das Lahnthal von der Lahnquelle bis zur Mündung nebst den Seitenthälern in ihren unteren und mittleren Stufen : mit ca. 100 Illustrationen und 5 Plänen, 4 Kärtchen und einer grossen Übersichtskarte / bearbeitet von Heinrich Luerssen, Wetzlar
Entstehung
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4 Jung-Stilling.

als einer Stunde führt. Es hat seinen Namen von seiner Lage zwischen Bergen, an deren Füssen die Häuser zu beiden Seiten des Wassers hängen, das sich aus den Thälern von Süd und Nord her just in die Enge und Tiefe zum Fluss hinsammelt. Der öst- liche Berg heisst der Giller, geht steil auf und seine Abdachung, nach Westen gekehrt, ist mit Buchen dicht bewachsen. Unten am nördlichen Berg, der Schlossberg genannt, der wie ein Zuckerhut gegen die Wolken steigt und auf dessen Spitze die Ruinen eines alten Schlosses liegen, steht das Haus, worin Stillings Eltern und Voreltern gewohnt haben. In seiner Lebensgeschichte, die er auf Antreiben Goethes in seinem dreissigsten Jahre zu schreiben begann und der vorstehende Schilderung mit geringen Anderungen ent- nommen ist, hat Jung-Stilling einen köstlichen Zauber poetischen Empfindens über jene an sich schon an Reizen so reiche Gegend ausgegossen. Im Frieden dieser einsamen, abgeschlossenen Welt verlebte er seine Jugendjahre unter der Hut eines pietistischen, aber strengen und hypochondrischen Vaters, der abwechselnd als Schneider und Schulmeister sein Brot verdiente, unter dem tiefer gehenden Einflusse seines gemütvollen Grossvaters, des alten, ehr- baren Eberhard, der Kirchenältester und russiger Kohlenbrenner, den Knaben in die Kirche und in den Wald mitnahm und ihm an dem Schatze seiner Bibel- und Sagenkunde reichlichen Anteil gewährte. Von hier aus besuchte er, während er in seinen freien Stunden seinem Vater beim Schneidern helfen musste, die Latein- schule zu Hilchenbach, an der er 12 Jahre später beinahe Rektor geworden wäre. Noch nicht 15 Jahre alt, wurde ihm die Schule in dem benachbarten Lützel übertragen; aber dort sowohl wie an verschiedenen anderen Orten des Siegerlandes, wo er sich als Schul- meister versuchte, wurde er immer wieder abgesetzt, weil er durch die Eigenart seines Wesens und seiner Methode bald bei der Ge- meinde, bald bei seinen Vorgesetzten Anstoss erregte. Immer musste er zu seinem Leidwesen zum Schneidertische seines Vaters zurückkehren, dem bei den beständigen Misserfolgen der Glaube an die Zukunft seines Sohnes zu schwinden begann. Endlich wurde ihm dieser Zustand so unerträglich, dass er, 21 Jahre alt, auf die Wanderschaft ging, ohne recht zu wissen, wohin. Trotz- dem verliess ihn der Glaube an die unmittelbare göttliche Hilfe niemals und brachte ihn über die misslichsten Lagen hinweg. Lediglich auf diesem Grunde unternahm er es, nachdem ihm der Zufall ein Manuskript über Augenheilkunde in die Hand gespielt, fast 30 Jahre alt, in Strassburg Medizin zu studieren und erlangte in der Folge einen bedeutenden Ruf als Augenarzt. In Strass- burg lernte ihn Goethe kennen und gewann ihn lieb, so dass er ihn in Dichtung und Wahrheit einen Mann nennt, derdes- Glauben an Gott und die Treue gegen die Menschen immer zu seinem köstlichen Geleite hatte. Jung-Stillings späterer Lebenn